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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fortsetzung der Geschichte des Kadis und des Bendschessers.

Da hob der erste Strolch an und erzählte:

Geschichte eines Sultans von Indien und seines Sohnes Mohammed

In alten Tagen lebte in Indien ein König, der über weite Gebiete herrschte, – Preis ihm, der über die sichtbare und unsichtbare Welt herrscht! – doch hatte dieser Sultan weder einen Sohn noch eine Tochter. So versank er einstmals in Gedanken und sprach: »Preis dir! Es giebt keinen Gott außer dir, o Herr, jedoch hast du mir kein Kind, weder Sohn noch Tochter, beschert.« Am nächsten Tage erhob er sich und begab sich, ganz in karmesinrote Kleider gekleidet, in den Diwan, wo ihn der Wesir bei seinem Erscheinen im Diwan in solchem Aufzug vorfand. Er begrüßte ihn mit dem Salâm und segnete ihn mit dem Chalifensegen, worauf er zu ihm sprach: »O König der Zeit, verdrießt dich etwas, daß du ganz in Rot gekleidet bist?« Der König versetzte: »O Wesir, ich stand mit schwer beklommenem Herzen auf.« Der Wesir entgegnete: »Begieb dich in deinen Geld- und Juwelenschatz und kehr' deine Edelmetalle um und um, damit sich dein Kummer zerstreut.« Der Sultan erwiderte jedoch: »O Wesir, fürwahr, diese ganze Welt ist vergänglich, und nichts bleibt einem übrig als das Gesicht Gottes des Allgütigen zu suchen; jedoch kann einer in meiner Lage dem Kummer und Gram nimmermehr entgehen, wo ich so lange Zeit gelebt habe und weder mit einem Sohn noch mit einer Tochter gesegnet bin; denn, fürwahr, Kinder sind der Schmuck der Welt.« Hierauf erschien ein Mann von dunkler Hautfarbe, ein TakrûrīTakrûrīs werden die moslemischen Neger oder Halbnegerstämme des centralen und nordwestlichen Afrika genannt. von Geburt, plötzlich vor dem Sultan 6 und sprach, vor ihn hintretend: »O König der Zeit, ich habe gewisse Heilwurzeln bei mir, das Vermächtnis meiner Vorväter, und ich vernahm, daß du kinderlos bist; so du etwas von ihnen issest, werden sie vielleicht dein Herz erfreuen.« Da fragte der Sultan: »Wo sind diese Heilkräuter?« Und nun zog der Takrûrī einen Beutel hervor und holte aus ihm etwas heraus, das einer Latwerge glich. Er gab es dem König mit der gehörigen Vorschrift, und, sobald die Nacht kam, aß der König etwas davon und ruhte bei seiner Gattin, die von ihm durch Gottes, des Erhabenen, Allmacht zur selbigen Stunde empfing. Als der König fand, daß sie schwanger war, freute er sich darüber und begann Almosen an die Fakire, die Armen, Witwen und Waisen zu verteilen, und dies dauerte, bis die Tage der Schwangerschaft der Königin erfüllt waren. Alsdann gebar sie ein Knäblein, schön von Gesicht und Gestalt, ein Ereignis, das den König mit vollkommenster Freude erfüllte. Und an jenem Tage da der Knabe Mohammed, der Sohn des Sultans, genannt ward, streute er seinen halben Schatz unter seine Unterthanen aus. Hierauf ließ er für das Kind Nährmütter kommen, die es stillten, bis die Zeit der Milch zu Ende ging, worauf sie das Kind entwöhnten; und der Knabe nahm seitdem von Tag zu Tag zu an Kraft und Wuchs, bis er sein sechstes Lebensjahr erreicht hatte. Hierauf bestellte sein Vater einen Schriftgelehrten für ihn, der ihn Lesen und Schreiben, den Koran und alle die Wissenschaften lehrte, bis er alles im Alter von zwölf Jahren völlig bemeisterte. Nach diesem begann er die Rosse zu tummeln und mit Pfeilen nach der Scheibe zu schießen, bis er ein Ritter ward, der alle andern Ritter übertraf. Eines Tages nun zog der Prinz Mohammed wie gewöhnlich zur Jagd aus, als er mit einem Male einen Vogel mit grünem Gefieder erblickte, der ihn bald umkreiste und bald wieder hoch in die Luft emporstieg. Als er ihn gewahrte, trachtete er danach, ihn mit einem Pfeil herunterzuholen, jedoch vermochte er es nicht; da verfolgte er ihn mit 7 der Absicht ihn zu fangen, ohne daß es ihm gelang, und der Vogel flog aus seinem Gesichtskreis. In tiefem Verdruß hierüber sprach er bei sich: »Ich muß diesen Vogel unbedingt fangen,« und schweifte bald nach rechts und bald nach links aus, ihn zu Gesicht zu bekommen, ohne etwas von ihm zu sehen. Dies dauerte bis zum Ende des Tages, worauf er nach der Stadt heimkehrte und seine Eltern aufsuchte. Als diese ihn sahen und sein verändertes Aussehen bemerkten, fragten sie ihn, was ihm fehle. Er erzählte ihnen sein Erlebnis mit dem Vogel, und sie erwiderten: »O unser Sohn, o Mohammed, fürwahr Gottes Geschöpfe sind wundersam, und wie viele Vögel sind wie dieser, ja noch wunderbarer!« Er versetzte jedoch: »Wenn ich ihn nicht fange, so esse ich nicht mehr.« Am nächsten Morgen in der Frühe saß er wieder wie gewöhnlich auf und zog von neuem auf Jagd aus; sobald er aber mitten in die Wüste gelangt war, sah er plötzlich den Vogel in der Luft fliegen und trieb sein Roß an, ihm nachzusetzen, indem er dabei wieder einen Pfeil nach ihm entsandte, ohne den Vogel zu treffen und zu erlegen. Er setzte die Jagd vom Morgen bis zum Abend fort, bis er, nachdem er und sein Roß ermattet waren, umkehrte, um nach der Stadt zurückzukehren, als er mit einem Male mitten auf dem Wege einem Scheich begegnete, der zu ihm sprach: »O Sohn des Sultans, fürwahr, du bist ermüdet und ebenso steht es mit deinem Pferd.« Der Prinz bejahte es, und nun fragte ihn der Scheich: »Was ist der Grund hiervon?« Da erzählte er ihm alles in betreff des Vogels, worauf der Scheich ihm erwiderte: »O mein Sohn, wenn du auch in die Ferne ziehen und dem Vogel ein ganzes Jahr lang nachsetzen wolltest, du würdest ihn nimmer fangen können. O, mein Kind, wo ist der Vogel! Ich will dir nunmehr sagen, daß sich in der Stadt der Kampferinseln ein weiter Garten befindet, in dem viele solcher Vögel, und noch viel schönere als dieser, leben, von denen einige singen und wieder andre mit menschlicher Stimme sprechen können; aber, mein Sohn, du bist nicht 8 imstande, jene Stadt zu erreichen. Wenn du indessen diesen Vogel aufgiebst und einen andern derselben Art suchst, so vermag ich dir vielleicht einen zu zeigen, und du brauchst dich nicht mehr zu ermüden.« Als Mohammed, der Sohn des Sultans, diese Worte vom Scheich vernahm, rief er: »Bei Gott, ich muß unbedingt nach jener Stadt ausziehen.« Hierauf verließ er den Scheich und kehrte heim, jedoch ward sein Herz mit dem Gedanken an die Stadt der Kampferinseln erfüllt, und so begab er sich bekümmert zu seinem Vater. Sein Vater fragte ihn nach dem Grund seiner Betrübnis, und, als er ihm nun erzählte, was der Scheich zu ihm gesprochen hatte, versetzte sein Vater: »O mein Sohn, verscheuch' diesen Gedanken aus deinem Herzen und ermüde nicht deine Seele, da der, der einem unerreichbaren Gegenstand nachstrebt, sein eigenes Leben ruiniert, ohne sein Ziel zu erreichen. Besser ist's deshalb, du giebst dich zufrieden und plagst dich nicht weiter ab.« Der Sohn versetzte jedoch: »Bei Gott, o mein Vater, mein Herz hat sich an jenen Vogel gehängt und besonders an die Worte jenes Scheichs; es ist mir ganz unmöglich daheim zu sitzen, ehe ich nicht die Stadt der Kampferinseln erreicht und jene Gärten, in denen solche Vögel leben, gesehen habe.« Sein Vater entgegnete: »Warum, o mein Kind, wolltest du uns deines Anblicks berauben?« Der Sohn erwiderte: »Ich muß mich unbedingt auf den Weg machen, oder ich nehme mir das Leben.« Da rief der Vater: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen!« und citierte das alte Wort: »Das Küchlein hat nicht eher Ruhe, als bis die Krähe es sieht und raubt.« Hierauf erteilte der König Befehl, Zehrung und die andern zur Fahrt des Prinzen notwendigen Sachen zurecht zu machen, und gab ihm ein Geleit von Freunden und Dienern mit, worauf sich der Jüngling von seinen Eltern verabschiedete und mit seinem Gefolge nach der Stadt der Kampferinseln auszog. Nachdem er einen vollen Monat unterwegs gewesen war, gelangte er an eine Stelle, von der drei Straßen 9 ausgingen, und er gewahrte an dem Knotenpunkt der Wege einen mächtigen Felsen mit einer dreizeiligen Inschrift. Die erste Zeile lautete: »Dies ist der Weg der Sicherheit;« die andre: »Dies ist der Weg der Reue;« und die dritte: »Dies ist der Weg der Nimmerwiederkehr.« Als der Prinz diese Inschriften gelesen hatte, sprach er bei sich: »Ich will den Weg der Nimmerwiederkehr einschlagen.« Alsdann setzte er sein Vertrauen auf Gott und zog auf diesem Wege einen Zeitraum von zwanzig Tagen weiter, bis er plötzlich zu einer verlassenen und verödeten Stadt kam, in der sich kein einziges Geschöpf befand, und die völlig in Ruinen lag. Er lagerte sich hier und befahl seinem Gefolge, das eine Schafherde mit sich führte, fünf Lämmer zu schlachten, von denen er die Köche leckere Gerichte herstellen und ein Lamm im ganzen braten hieß. Sie vollzogen seinen Befehl, und als nun die Gerichte gekocht waren, ließ er an jener Stelle die Tische aufsetzen und wollte sich, nachdem alles zu seiner Zufriedenheit erledigt worden war, mit seinem Gefolge zum Mahl niedersetzen, als plötzlich ein Aun erschien, der aus der Ruinenstadt ankam. Sobald der Prinz Mohammed ihn gewahrte, erhob er sich vor ihm und sprach: »Willkommen, willkommen von Herzen, o Oberhaupt der Aune, der Brüder getreuer Freund und dieser Stätte Bewohner!« Und so stellte er ihn mit der Beredsamkeit seiner Zunge und der Eleganz seines Ausdrucks zufrieden. Da nun aber dem Aun das Haar über beide Augen bis auf die Schultern fiel, holte er seine Schere hervor und stutzte ihm die Locken, daß sein Gesicht frei ward, und beschnitt ihm die Nägel, die lang wie Krallen waren, worauf er seinen Leib mit warmem Wasser waschen ließ. Dann setzte er ihm das ganze gebratene Lamm vor, und der Aun speiste mit den Reisenden und sagte zum Prinzen, erfreut durch seine Güte: »Bei Gott, o mein Herr Mohammed, o Sohn des Sultans, mir war es vom Schicksal bestimmt, dich hier anzutreffen; nun aber laß mich wissen, was dein Begehr ist.« Da erzählte ihm der Jüngling von der Stadt 10 der Kampferinseln und dem Garten mit den Vögeln, nach denen er ausgezogen wäre, um einige der Vögel heimzubringen. Als der Aun jedoch diese Worte von ihm vernahm, sprach er zu ihm: »O Sohn des Sultans, jene Stätte liegt fern von dir, und ohne Hilfe kannst du sie nimmer erreichen, da sie von hier für einen wackern Reisenden zweihundert Jahre entfernt liegt. Wie also könntest du zu ihr gelangen und wieder heimkehren? Jedoch, mein Sohn, ein altes Wort heißt: »Gutes für Gutes, und, wer es zuerst thut, ist würdiger, Böses für Böses, und, wer es zuerst thut, ist unwürdiger.« Du hast mir eine Gefälligkeit erwiesen, und ich will sie dir, so Gott will, vergelten, und will es dir mir gleichem lohnen. Laß alles, was du an Gefährten, Sklaven, Tieren und Proviant bei dir hast, an dieser Stätte bleiben, während wir beide zusammen ausziehen wollen, und dann will ich dir deinen Wunsch erfüllen, so wie du mir eine Freundlichkeit erwiesen hast.« Hierauf ließ der Prinz alles, was er bei sich hatte, an jenem Ort, und der Aun sprach zu ihm: »O Sohn des Sultans, komm und steig' auf meine Schultern.« Der Jüngling that es, nachdem er seine Ohren zuvor mit Baumwolle verstopft hatte, und nun erhob sich der Aun von der Erde und stieg mit ihm hoch in die Luft empor, bis er sich nach einer Stunde wieder niederließ, worauf sich der Reiter auf dem Boden in der Nähe der Hauptstadt der Kampferinseln befand. Er stieg von den Schultern des Dschinnīs herunter und besah sich das Wadi, in dem er anmutige Flecke gewahrte und Bäume, Blumen und mannigfache Weisen singende und schmetternde Vögel erblickte. Der Aun aber sagte nun zu ihm: »Geh' zu jenem Garten und hole dir von dort das Erwünschte.« Da ging er auf den Garten zu und trat, da er seine Thore offen stehen sah, hinein und begann sich darin zu vergnügen, indem er nach rechts und links ausschaute. Mit einem Male gewahrte er aufgehängte Käfige, in denen sich Vögel jeglicher Art, immer zu zwei, befanden, und so trat er an sie heran, und jedesmal, wenn er einen 11 Vogel sah, der ihm gefiel, nahm er ihn und sperrte ihn in einen Käfig ein, bis er sechs Vögel hatte, und zwar immer zwei von jeder Art. Als er den Garten nun aber wieder verlassen wollte, trat ihm plötzlich am Eingang ein Wächter entgegen und rief laut: »Ein Dieb! Ein Dieb!« Da stürzten all die andern Gärtner über ihn her und packten ihn, worauf sie ihn zugleich mit dem Käfig vor den König, den Besitzer jenes Gartens und den Herrn jener Stadt, führten. Indem sie ihn vor den König stellten, sprachen sie zu ihm: »Wir trafen diesen jungen Mann gerade beim Stehlen eines Käfigs mit Vögeln an, und, fürwahr, er muß ein Dieb sein.« Da fragte ihn der Sultan: »Wer verführte dich, o Jüngling, meinen Boden zu betreten und widerrechtlich in meinen Garten einzudringen und meine Vögel zu stehlen?« Als der Prinz keine Antwort hierauf gab, hob der Sultan von neuem an und sprach: »Bei Gott, du hast dein Leben mit Vorbedacht weggeworfen; jedoch, o Jüngling, wenn es deine Absicht ist, meine Vögel zu nehmen und fortzutragen, so geh' und hol' mir aus der Hauptstadt der Inseln des Sudans Weintrauben aus Diamanten und Smaragden; dann will ich dir zu diesen Vögeln noch obendrein sechs andre geben.« Da verließ ihn der Prinz und begab sich wieder zum Aun, dem er erzählte, wie es ihm ergangen war. Der Aun versetzte: »Das ist ein leichtes Ding, o Mohammed.« Alsdann nahm er ihn auf seine Schultern und flog mit ihm zwei Stunden lang, worauf er sich wieder niederließ; und nun sah der Jüngling, daß er sich im Gelände befand, das die Hauptstadt der Inseln des Sudans umgab, und fand, daß es noch schöner war als die anmutige Gegend, die er soeben verlassen hatte. Er machte sich sofort nach dem Garten mit den großen Diamanten- und Smaragdentrauben auf, als ihm plötzlich ein Löwe den Weg vertrat. Es war nämlich des Löwen Brauch alljährlich jene Stadt zu besuchen und über alle, die ihm in den Weg kamen, seien es Männer oder Frauen, herzufallen, so daß er, als er den Prinzen gewahrte, 12 sich auf ihn stürzte, um ihm die Glieder zu zerreißen. Der Prinz bot ihm jedoch die Stirne und, sein Schwert zückend, daß es in der Sonne glitzerte, drang er auf ihn ein und versetzte ihm einen Streich zwischen die Augen, daß die Klinge blitzend zwischen seinen Schenkeln herausfuhr. Nach dem Ratschluß des Schicksals aber saß die Tochter des Sultans am Gitterfenster ihres Belvedere und schaute zu ihrem Vergnügen in ihren Spiegel, als ihr Blick gerade auf den Prinzen fiel, wie er den Löwen erschlug. Da sprach sie bei sich: »Mag deine Hand nie gelähmt werden, und mögen deine Feinde nimmer über dich frohlocken!« Nachdem jedoch der Prinz den Löwen erschlagen hatte, ließ er den Kadaver liegen und schritt in den Garten, dessen Thür offen gelassen war. Als er fand, daß alle Bäume aus kostbarem Metall bestanden und Früchte in Traubenbüscheln von Diamanten und Smaragden trugen, trat er auf sie zu und pflückte sechs Fruchtbüschel von jenen Bäumen, dieselben in einen Kasten steckend. Mit einem Male aber kam der Wächter auf ihn zu und rief: »Ein Dieb! Ein Dieb!« Da eilten die andern Gärtner ebenfalls herbei und packten ihn, worauf sie ihn vor den Sultan führten und sprachen: »O mein Herr, ich überraschte diesen Jüngling, als er gerade jene Trauben stahl.« Der König wollte ihn sofort töten lassen, als plötzlich eine große Volksmenge herbei kam und rief: »O König der Zeit, ein Botengeschenk für gute Nachricht!« Da fragte er: »Wofür?« Und sie versetzten: »Fürwahr, wir fanden den Löwen, der alljährlich hierher zu kommen pflegte und sich auf alle Männer und Frauen und Mädchen und Kinder, die ihm in den Weg kamen, stürzte, an dem und dem Platz tot daliegen und in zwei Hälften gespalten.« Die Tochter des Sultans stand aber am Gitter des Belvederes, das sich dicht bei dem Diwan ihres Vaters befand, und schaute auf den Jüngling, wie er vor dem König stand, voll Erwartung, wie die Sache mit ihm ablaufen würde. Als nun das Volk hereinkam und den Tod des Löwen berichtete, ließ der Sultan in seiner 13 Freude die Sache des Jünglings beiseite und fragte: »Wer war es, der die Bestie erschlug? Bei Gott, bei dem, der mich in diesem Königreich als Herrscher einsetzte, wer dieses Ungeheuer fällte, der trete vor mich und verlange eine Gnade von mir, die ihm gegeben werden soll. Ja, wenn er auch meines Gutes Teilung verlangte, er sollte sie haben.« Hierauf trat das Volk in langer Reihe, einer nach dem andern, beim Sultan herein, und einer aus der Menge sprach: »Ich erschlug den Löwen.« Da fragte der König: »Wie hast du ihn erschlagen, und in welcher Weise gelang es dir ihn zu überwältigen und bemeistern?« Alsdann fragte er ihn aus und stellte ihn auf die Probe, bis er ihn schließlich so sehr einschüchterte, daß er in seiner Verwirrung zu Boden fiel, worauf sie ihn fortführten, während der König rief: »Dieser Bursche lügt!« Bei alledem aber stand Mohammed, der Sohn des Sultans da und sah zu, indem er bei der Behauptung des Mannes lächelte. Mit einem Male bemerkte der Sultan, wie er nach ihm blickte, sein Lächeln und sprach verwundert bei sich: »Bei Gott, das ist ein wunderbarer junger Gesell, denn er lacht in seiner Lage.« Und siehe, da schickte die Tochter des Königs durch einen Eunuchen eine Botschaft an ihren Vater, worauf sich der König erhob und, in ihren Harem gehend, sie fragte: »Was ist in deinem Sinn, und was begehrst du?« Sie versetzte: »Ist es dein Wunsch zu wissen, wer den Löwen erschlug, um ihn zu beschenken?« Er versetzte: »Bei Ihm, der seine Diener erschuf, und der ihre Anzahl berechnet, wenn ich ihn kenne und von der Wahrheit davon überzeugt bin, so soll mein erstes Geschenk an ihn seine Vermählung mit dir sein, und er soll mein Schwiegersohn werden, lebte er auch im fernsten Land.« Da entgegnete sie: »Bei Gott, o mein Vater, kein andrer erschlug den Löwen als jener junge Mann, der in den Garten trat und die Edelsteintrauben pflückte, derselbe Jüngling, den du töten lassen wolltest.« Als der König diese Worte von seiner Tochter vernahm, kehrte er in den Diwan zurück und ließ Mohammed, 14 den Sohn des Sultans, wieder vor sich kommen. Sobald sie ihn vor ihn gestellt hatten, sprach er zu ihm: »O Jüngling, ich gewähre dir Straflosigkeit; sprich, warst du's, der den Löwen erschlug?« Der Prinz entgegnete: »O König, fürwahr, ich bin jung an Jahren; wie sollte ich da einen Löwen überwältigen und ihn erschlagen, wo ich, bei Gott, in allen meinen Tagen niemals mit einer Hyäne zusammenstieß, geschweige denn mit einem Löwen? Indessen, o König der Zeit, wenn du mir diese Edelsteintrauben schenken willst, so will ich meines Weges ziehen; wenn aber nicht, so ist mein Glück bei Gott.« Der König versetzte: »O Jüngling, sprich die Wahrheit und fürchte dich nicht.« Alsdann redete er ihm freundlich zu und ermunterte ihn und gab ihm gute Worte, bis er ihm schließlich mit der Hand drohte, als Mohammed, der Sohn des Sultans, seine Faust schneller als der Blitz erhob und dem König einen Schlag versetzte, daß er in Ohnmacht fiel. Es befand sich aber außer ihm und dem König niemand im Palast; und, als nun der König nach einer Weile wieder zu sich kam, sprach er: »Bei Gott, du bist's, der den Löwen erschlug.« Hierauf kleidete er ihn in ein Ehrenkleid und ließ den Kadi kommen, dem er befahl das Eheband zwischen ihm und seiner Tochter zu knüpfen. Der Jüngling versetzte jedoch: »O König der Zeit, ich muß zuerst um Rat fragen, worauf ich zu dir zurückkehren will.« Da versetzte der König: »Dein Rat ist gut und nicht zu tadeln.« Infolgedessen begab sich der Prinz zum Aun und benachrichtigte ihn von seinen Erlebnissen und der beabsichtigten Heirat mit der Tochter des Königs; und der Dschinnī versetzte: »Stell' ihm die Bedingung, daß du sie nach der Heirat in deine Heimat mitnehmen darfst.« Der Jüngling that nach seinem Geheiß und kehrte zum König zurück, worauf dieser zu ihm sagte: »Das kann nichts schaden.« Alsdann ward die Ehe in gehöriger Weise geschlossen, und der Bräutigam ward in Prozession zu seiner Braut geführt, bei der er einen vollen Monat von dreißig Tagen blieb. Nach 15 Verlauf dieser Zeit bat er um Erlaubnis zur Heimkehr, und sein Schwiegervater schenkte ihm hundert diamantene und smaragdene Trauben, worauf er sich von dem König verabschiedete und mit seiner Braut zur Stadt hinauszog. Hier traf er den Aun auf sie wartend an, der sie auf seine Schultern nahm, nachdem er sie sich die Ohren mit Baumwolle hatte verstopfen lassen, und mit ihnen etwa zwei Stunden lang durch die Luft flog, bis er sich mit ihnen nahe der Hauptstadt der Kampferinseln niederließ. Dann nahm Mohammed, der Sohn des Sultans, vier smaragdene und diamantene Trauben und begab sich zum König, vor den er dieselben niederlegte, worauf er sich zurückzog. Als aber der Sultan die Trauben betrachtete, verwunderte er sich und rief: »Bei Gott, sicherlich ist dieser Jüngling ein Zauberer, da er einen Raum von dreihundert Jahren in dreißig Tagen durchmaß! Das ist eins der größten Wunder.« Dann fragte er den Jüngling: »O Jüngling, bist du wirklich zur Stadt des Sudans gekommen?« Der Prinz versetzte: »Jawohl.« Nun fragte er: »Wie sieht sie aus, wie ist sie erbaut, und wie sind ihre Gärten und ihre Bäche?« Nachdem ihm der Prinz über alle Fragen Auskunft erteilt hatte, rief der Sultan: »Bei Gott, o Jüngling, du verdienst alles, was du von mir begehrst.« Der Prinz erwiderte: »Ich begehre nichts als die Vögel.« Da sagte der König: »O Jüngling, bei uns in unserer Stadt ist ein Geier, der alljährlich von hinter dem Berge Kâf herkommt und auf die Bewohner dieser Stadt niederfährt und sie wegschleppt und auf den Gipfeln der Berge verzehrt. Wenn du diesen Riesenvogel bezwingst und tötest, so will ich dich mit meiner Tochter vermählen.« Der Prinz versetzte: »Ich muß zuvor um Rat fragen.« Hierauf kehrte er zum Aun zurück, um ihn hiervon zu unterrichten, als mit einem Male der Geier erschien. Sobald jedoch der Dschinnī ihn erblickte, stieg er empor und flog ihm entgegen, bis er ihn erreichte und ihn mit einem einzigen Streich seiner Hand spaltete. Dann kehrte er wieder um und ließ sich auf den 16 Boden nieder, worauf er nach einer Weile zu Mohammed zurückkehrte und zu ihm sprach: »Begieb dich zum König und teile ihm mit, daß der Geier getötet ist.« Infolgedessen begab er sich wieder zum König und teilte ihm das Geschehene mit, worauf der König mit den Großen seines Reiches zu Pferd stieg und zu der Stelle ritt, wo er das Ungeheuer tot und in zwei Hälften zerteilt fand. Er kehrte alsbald wieder mit Mohammed zurück und befahl, das Eheband zwischen ihm und seiner Tochter zu knüpfen. Dann ließ er ihn seiner Braut den ersten Besuch machen, und der Prinz verweilte einen vollen Monat bei ihr, nach dessen Verlauf er um Erlaubnis bat, fortzureisen und mit seiner zweiten Gattin die Stadt seiner ersten Gemahlin aufzusuchen. Da schenkte ihm der König, sein Schwiegervater, zehn Käfige, von denen jeder vier Vögel von verschiedenem Gefieder enthielt, und verabschiedete sich von ihm, worauf er fortzog und die Stadt verließ. Außerhalb derselben traf er den Aun auf ihn wartend an, und der Dschinnī begrüßte den Prinzen und wünschte ihm Glück für die Geschenke und den Lohn, den er gewonnen hatte. Alsdann erhob er sich mit Mohammed, seinen beiden Frauen und allem, was sie bei sich hatten, hoch in die Luft und schwebte ungefähr eine Stunde dahin, bis er sich wieder bei der Ruinenstadt niederließ, wo er des Prinzen Gefolge von Gelehrten nebst den Lasttieren und ihren Lasten und allem andern ebenso antraf, als er sie verlassen hatte. Sie setzten sich nieder, um der Rast zu pflegen, als der Aun mit einem Male sprach: »O Mohammed, o Sohn des Sultans, mir war es vom Schicksal bestimmt, dich hier anzutreffen; jedoch habe ich dir noch einen Auftrag zu erteilen.« Der Prinz fragte: »Was ist's?« Und nun versetzte der Aun: »Fürwahr, du sollst nicht eher von dieser Stätte ziehen, als bis du mich gewaschen und eingewickelt und in die Erde bestattet hast.« Nach diesen Worten stieß er einen lauten Schrei aus, und seine Seele entwich seinem Leib. Der Prinz betrübte sich hierüber, und er und seine Leute erhoben sich und 17 wuschen ihn und wickelten ihn ein, worauf sie über ihn beteten und ihn in die Erde versenkten. Hierauf luden sie wieder die Lasten zur Weiterfahrt auf, und der Prinz und sein Gefolge brachen auf nach ihrer Heimat zu ihren Angehörigen. Sie reisten dreißig Tage lang, bis sie zu dem großen Felsen kamen, wo sich der Weg gabelte. Sie fanden hier Zelte aufgeschlagen und ein Heer, ohne zu wissen, was der große Heerhaufen bedeutete. Der Vater des Prinzen war aber nach der Abreise seines Sohnes beklommenen Herzens geworden und wußte in seiner Niedergeschlagenheit nicht, was er thun sollte, bis er schließlich seinem Heer und den Großen des Reiches befahl, sich zum Aufbruch zu rüsten, worauf alle auszogen, seinen Sohn zu suchen und Nachrichten von ihm einzuziehen. Sie zogen unverdrossen, bis sie die Stelle erreichten, an der sich der Weg in drei Straßen teilte, und auf dem ersten Felsen die drei Zeilen geschrieben sahen: »Dies ist der Weg der Sicherheit,« »dies ist der Weg der Reue,« »dies ist der Weg der Nimmerwiederkehr.« Als aber der Vater diese Inschriften las, wurde er ratlos, was er thun sollte, und rief: »Ach, wüßte ich doch, welchen dieser drei Wege mein Sohn Mohammed eingeschlagen hat!« Während er aber noch ratlos dastand, erschien mit einem Male sein Sohn Mohammed auf dem Weg, der als der Weg der Nimmerwiederkehr bezeichnet war. Sobald der König ihn erblickte und Auge in Auge traf, erhob er sich und zog ihm entgegen, ihn mit dem Salâm begrüßend und ihm zu seiner wohlbehaltenen Heimkehr Glück wünschend; dann erzählte ihm der Prinz alle seine Abenteuer von Anfang bis zu Ende, und daß er jene Stätten nur durch Gottes Allmacht erreicht und seinen Wunsch allein durch das Zusammentreffen mit dem Aun gewonnen hätte. Hierauf übernachteten sie an jenem Ort und brachen am nächsten Morgen, fröhlich und vergnügt darüber, daß der Sultan seinen Sohn wiedergewonnen hatte, auf. Sie zogen unverdrossen ihres Weges, bis sie in die Nähe ihrer Stadt gelangten, worauf die Freudenboten ihnen 18 vorauseilten und die Ankunft des Sultans und seines Sohnes ankündigten. Da wurden die Häuser zu Ehren der wohlbehaltenen Heimkehr des Prinzen geschmückt, und das Volk zog in Scharen zu ihrem Empfang hinaus, bis alle in die Stadtmauern eingezogen waren, worauf ihre Freude wuchs und all ihr Leid wich.«

Dies ist die ganze Geschichte, die der erste Strolch erzählte. Der Sultan verwunderte sich über die Abenteuer des Prinzen, aber nun sprach der zweite Strolch: »Ich weiß auch eine Geschichte, ein Wunder aller Wunder, eine Wonne für den Hörer und einen Genuß für den Leser und Erzähler.« Da sagte der König: »Wie ist sie, o Scheich?« Und so hob er an und erzählte:

 

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