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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Geschichte des Hofnarren mit den vier Liebhabern seiner Frau.

An dem Hofe eines gewissen Königs lebte ein Mann, mit dem er seinen Scherz zu treiben pflegte, und dieser Hofnarr war unverheiratet. Eines Tages sagte deshalb der Sultan zu ihm: »Mann, du bist ein Junggeselle, laß mich dich daher verheiraten.« Der Narr versetzte: »O König der Zeit, laß mich Junggeselle bleiben, denn die Frauen halten keine Ruhe und verüben manche List; und wirklich, ich fürchte, wir kommen gerade an eine Dirne und Ehebrecherin.« Der König erwiderte jedoch: »Es geht nicht anders, du mußt heiraten.« Da sagte der Narr: »'s ist gut, o König der Zeit.« Hierauf entbot der Sultan seinen Wesir vor sich und befahl ihm, den Mann mit einer Frau von rechtschaffenem Wandel und aus sittsamer Familie zu verheiraten. Da aber der Wesir eine alte Amme bei sich hatte, befahl er ihr eine passende Frau für den Spaßmacher des Sultans auszusuchen, worauf sie sich erhob und ihn verließ und für den Mann eine schöne Frau aussuchte. Alsdann ward das Eheband 132 zwischen den beiden geknüpft, und er besuchte die Braut, und sie lebte bei ihm geraume Zeit, ein halbes Jahr lang oder gar sieben Monate. Eines Tages nun verließ der Narr des Königs sein Haus vor dem Ruf zum Morgengebet in einem Geschäft für den Sultan, in der Absicht noch vor Sonnenaufgang wieder heimzukehren. Seine Frau hatte jedoch vor ihrer Verheiratung vier Männer gekannt, die ihr die liebsten Gefährten gewesen und in den ersten Tagen ihrer Ehe nicht imstande gewesen waren sie zu besuchen. An dem Morgen aber, an dem ihr Mann vor dem Ruf zum Morgengebet ausgegangen war, hatte sich jeder dieser vier begünstigten Liebhaber vorgenommen seine Liebste zu besuchen. Einer von diesen war ein Pastetenbäcker, der andre ein Kräuter, der dritte ein Fleischer und der vierte der Scheich der Pfeifer. Als der Narr nun seine Frau verlassen hatte, kam mit einem Male der Pastetenbäcker an und pochte an die Thür, worauf sie ihm öffnete und zu ihm sprach: »Du bist zeitig gekommen.« Er erwiderte: »Ich hackte das Fleisch und wollte es verarbeiten, als ich fand, daß es noch zu früh und daß niemand auf dem Bazar war. Ich sprach deshalb bei mir: »Mach' dich auf und geh' zu der und der Frau.« Sie versetzte: »'s ist gut.« Als sich beide jedoch vergnügen wollten, pochte es mit einem Male an die Thür, und er fragte sie: »Wer ist das?« Sie entgegnete: »Ich weiß es nicht, aber steh' auf und verbirg dich in jener Kammer.« Er that nach ihrem Rat, worauf sie hinausging und die Thür öffnete, und siehe, da war es der Kräuter. Sie sagte zu ihm: »Das ist früh.« Er versetzte: »Bei Gott, ich übernachtete im Garten und habe dir würzig duftende Kräuter gebracht; da es nämlich noch zu früh war, sprach ich bei mir: »Geh' zu der und der Frau und vergnüg' dich eine Weile mit ihr.« Da ließ sie ihn ein; kaum aber hatte er sich niedergelassen, als plötzlich wieder an die Thür gepocht ward, worauf er sie fragte: »Wer ist das?« Sie versetzte: »Ich weiß es nicht, steh' jedoch auf und verbirg' dich in jener Kammer.« Da trat er in die 133 Kammer; als er aber dort den Pastetenbäcker sitzen sah, fragte er ihn: »Was bist du?« Er entgegnete: »Wir beide sind in gleicher Lage.« Inzwischen war die Frau hinausgegangen und hatte die Thür geöffnet, wo sie den Fleischer vorfand. Sie führte ihn herein, indem sie zu ihm sagte: »Dies ist früh;« und er erwiderte: »Bei Gott, ich erhob mich aus dem Schlaf und schlachtete einen Schafbock, das Fleisch zum Verkauf zurechtmachend, als ich fand, daß es noch zu früh war; ich sprach deshalb bei mir: »Nimm ein Stück Hammelfleisch, geh' zu der und der und vergnüg' dich mit ihr, bis der Bazar geöffnet wird.« Kaum hatte er sich jedoch gesetzt, als zum viertenmal an die Thür gepocht wurde. Als er das Pochen vernahm, ward er wie vom Donner gerührt; sie sagte jedoch zu ihm: »Fürchte nichts; steh' nur auf und verbirg' dich in jener Kammer.« Infolgedessen trat er in die Kammer und fand dort den Pastetenbäcker und den Kräuter sitzen; er begrüßte sie und fragte sie, nachdem sie ihm den Salâm erwidert hatten: »Was hat euch hierher geführt?« Sie versetzten: »Das Gleiche was dich hierherführte.« Er setzte sich nun zu ihnen, während die Frau hinausging und die Thür öffnete; und siehe, da stand ihr Freund, der Scheich der Pfeifer des Sultans da. Sie führte ihn herein, indem sie zu ihm sprach: »Du bist in der That sehr früh.« Er erwiderte: »Bei Gott, ich ging von Hause fort um das Musikerchor im königlichen Palast vorzubereiten, als ich fand; daß es noch zu früh war; ich sprach deshalb bei mir: »Begieb dich zu der und der und vergnüg' dich mit ihr, bis die Sonne aufgeht, wo du zum Palast gehen mußt.« Sie erwiderte: »'s ist gut,« und ließ ihn sitzen, worauf sie an seiner Seite Platz nehmen wollte, als mit einem Male wieder an die Thür gepocht wurde, worauf er rief: »Wer ist da?« Sie versetzte: »Gott ist allwissend, aber vielleicht ist es mein Ehemann.« Da erschrak er und bekam Furcht; sie flüsterte ihm jedoch zu: »Steh' auf und tritt in jene Kammer.« Und so that er es und fand sich hier dem Pastetenbäcker, dem Kräuter 134 und Fleischer gegenüber, zu denen er sprach: »Der Frieden sei auf euch!« Als sie ihm den Gruß erwidert hatten, fragte er sie: »Wer brachte euch hierher?« Sie antworteten ihm: »Uns brachte das gleiche wie dich hierher.« Hierauf setzte er sich neben sie, und die vier hockten nun in der Kammer beisammen, während jeder bei sich sprach: »Was willst du nun anfangen?« Inzwischen ging die Frau hinaus und öffnete die Thür, und siehe, da war es ihr Mann, der Hofnarr, der hineinkam und sich setzte. Da sagte sie zu ihm: »Warum bist du zu dieser Stunde zurückgekommen? Du pflegst nicht oft so früh vom König heimzukehren. Vielleicht fühlst du dich unwohl, denn deine Gewohnheit ist sonst nicht eher als vor dem Abendessen zu erscheinen, und jetzt bist du schon am Morgen wieder zurückgekehrt. Ich vermute, er hat mit dir über wichtige Sachen gesprochen, daß du so früh nach Hause kommst, aber vielleicht beendest du das Geschäft und begiebst dich wieder zum Sultan.« Er erwiderte: »O Frau, als ich von hier fortging und mich zum König begab, fand ich, daß er viele und wichtige Geschäfte zu erledigen hatte, und er sagte zu mir: »Geh' nach Hause und bleib' daselbst und komm erst nach dem dritten Tag wieder zu mir.« Als die vier in der Kammer zusammen eingesperrten Leute diese Worte vernahmen, wurden sie ratlos und sprachen zu einander: »Was sollen wir thun? Bei Gott, wir sind nicht imstande hier drei Tage lang zu sitzen.« Hierauf sagte der Pastetenbäcker zu ihnen: »Laßt uns eine List ausführen, durch die wir entkommen können.« Da fragten sie: »Was für einen Plan hast du?« Er versetzte: »Was ihr mich thun sehet, das thuet gleichfalls.« Mit diesen Worten erhob er sich und nahm sein gehacktes Fleisch, das er an seine Haut klebte, bis er wie ein von Aussatz Geschlagener aussah. Dann trat er aus der Kammer zum Gatten der Frau ein und sprach: »Der Frieden sei auf euch!« Der Narr erwiderte ihm den Gruß und fragte ihn: »Was bist du?« Er antwortete: »Ich bin der Prophet Hiob der Aussätzige; wo führt der Weg von 135 hier hinaus?« Der Narr rief: »Hier!« worauf Hiob zur Thür hinausschritt und seines Weges ging, in solcher Weise entkommend. Nach ihm erhob sich der Kräuter und öffnete seinen Korb, aus dem er würzige Kräuter hervorholte, worauf er dieselben über seinen Kopf und rings um seine Ohren streute, bis sein Gesicht gänzlich im Grün verborgen war. Dann trat er ebenfalls zur Kammer heraus und redete den Hausherrn an und sprach: »Der Frieden sei auf euch!« Als ihm dann der Narr den Gruß erwidert hatte, fragte er ihn: »Ist Hiob der Aussätzige bei dir diese Straße vorübergezogen?« Er erwiderte: »Jawohl; was aber bist du?« Der Kräuter versetzte: »Ich bin El-Chidr der grüne Prophet,« – Frieden sei auf ihm! – Mit diesen Worten eilte er an dem Narren vorüber und schritt zur Thür hinaus. Als der zweite Liebhaber hinausgegangen und entkommen war, erhob sich der Fleischer und legte das Widderfell um, indem er die Hörner auf seinen Kopf setzte. Dann kroch er auf allen Vieren zur Kammer hinaus, bis er vor dem Gatten seiner Geliebten stand, und sprach zu ihm: »Der Frieden sei auf euch!« Der Narr versetzte: »Und auf euch sei der Frieden! Was bist du?« Der Fleischer entgegnete: »Ich bin Alexander der Zweihörnige; sag' mir, sind an dir Hiob der Aussätzige und El-Chidr der grüne Prophet – Frieden sei auf ihnen! – vorübergekommen?« Der Hausherr versetzte: »Sie zogen dieses Weges vor dir.« Da schritt auch der dritte Liebhaber durch die Thür und entkam. Nun erhob sich der Scheich der Pfeifer und, das Mundstück seiner Pfeife an die Lippen setzend, trat er an den Gatten seiner Geliebten heran und sprach: »Der Frieden sei auf euch!« Als der Narr ihm den Gruß erwidert hatte, fragte er ihn: »Ist vielleicht Hiob der Aussätzige, El-Chidr der grüne Prophet und Alexander der Zweihörnige dieses Weges gezogen?« Er versetzte: »Jawohl; was aber bist du?« Der Pfeifer rief: »Ich bin IsrāsîlDer Erzengel Rafael., 136 und ich bin gekommen in die letzte Posaune zu stoßen.« Da erhob sich der Narr und rief, ihn festhaltend: »Jallāh, Jallāh, o Gott, o Gott, o mein Bruder, blas' nicht eher, als bis wir beide zum Sultan gegangen sind.« Mir diesen Worten faßte er ihn bei der Hand und rastete nicht eher, als bis er ihn vor den Sultan geführt hatte, worauf der König ihn fragte: »Weshalb hast du diesen Mann festgenommen?« Der Narr versetzte: »O König der Zeit, dies ist unser Herr Isrāsîl, der die letzte Posaune blasen wollte, jedoch untersagte ich es ihm, bis ich ihn vor dich gebracht hätte, damit du es sähest; vielleicht hätte er es ohne dein Wissen gethan, und ich sprach deshalb bei mir: »Bei Gott, besser ist's ihn vor den Sultan zu führen, ehe er die letzte Posaune bläst. Außerdem, o König der Zeit, bete ich für deine Wohlfahrt, daß du mich mit dieser Frau verheiratet hast, denn ich fürchtete zuerst, sie könnte sich mit fremden Männern zu schaffen machen. Ich fand jedoch ein reines Weib in ihr, das keine Menschen einließ als allein heute. Als ich nämlich um die Morgenzeit von dir fortging und in mein Haus trat, fand ich bei ihr drei Propheten und einen Erzengel, und dies ist der Erzengel, der die letzte Posaune blasen wollte.« Da sprach der Sultan zu ihm: »Mann, bist du verrückt? Wie kannst du bei deiner Frau einen der Propheten gefunden haben, wie du sagst?« Er erwiderte: »Bei Gott, o König der Zeit, was mir widerfuhr, habe ich dir erzählt, und ich habe dir nichts verborgen.« Nun fragte der König: »Welche Propheten fandest du bei deiner Frau?« Er versetzte: »Den Propheten Hiob, – Frieden sei auf ihm! – Dann kam aus einer Kammer der Prophet El-Chidr – Frieden sei auf ihm! – zu mir heraus, hernach Alexander der Zweihörnige, – Frieden sei aus ihm! – und schließlich dieser vierte hier, der Erzengel Isrāsîl.« Verwundert über seine Worte, rief der Sultan: »Preis sei dem Herrn! Fürwahr, dieser Mann, den du den Erzengel Isrāsîl nennst, ist kein andrer als der Scheich meiner Pfeifer.« Der Narr versetzte: »Ich weiß es nicht; ich habe dir nur erzählt, 137 was geschah, und was ich mit meinen eigenen Augen erschaute.« Der Sultan begriff hierauf, daß die Frau Freunde hatte, die sie besuchten, und die ihrem Gatten diesen Streich gespielt hatten. Er sagte deshalb zum Musikanten: »Mann, wenn du mir nicht die volle Wahrheit sagst, so hau' ich dir den Kopf ab.« Hierauf erhob sich der Scheich der Pfeifer und sprach, indem er vor dem Sultan die Erde küßte: »O König der Zeit, gewähre mir Gnade und ich will dir alles, was geschah, erzählen.« Der König entgegnete: »Unter der Bedingung, daß du nicht lügst.« Der Pfeifer beteuerte: »O König der Zeit, fürwahr, ich werde jede Lüge unterlassen.« Da gab ihm der König ein Unterpfand der Gnade, worauf der Pfeiferscheich den ganzen Vorfall beschrieb und nichts verheimlichte. Als aber der König die Geschichte und den Streich, den die Freunde der Frau ausgeführt hatten, vernommen hatte, verwunderte er sich und rief: »Gott schlag' alle Weibsleute tot, die Ehebrecherinnen, Dirnen und Verräterinnen!« Hierauf schickte er eine Anzahl Kämmerlinge aus, die vier Leute vor ihn zu führen, und er fand in dem ersten, der Anspruch auf den Rang unsers Herrn Hiob – Frieden sei auf ihm! – erhob den Pastetenbäcker, im zweiten, der sich zum Propheten El-Chidr – Frieden sei auf ihm! – gemacht hatte, einen Bazargärtner, der würzige Kräuter und allerlei duftende Gewächse verkaufte, im dritten, der sich als Alexander den Zweihörnigen – Frieden sei auf ihm! – ausgegeben hatte, einen Fleischer, während sich der vierte, der Erzengel Isrāsîl, der die letzte Posaune blasen wollte, als der Scheich der Pfeifer erwies. Als diese vier vor dem König standen, erteilte er sofort Befehl sie alle zu kastrieren, als Lohn für den, der mit den Frauen des königlichen Haushalts Unzucht triebe. Und so wurden sie verschnitten, und alle starben ohne Aufschub und Verzug; der Hofnarr aber schied sich von seiner Frau und schickte sie heim. 138

 


 

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