Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Henning >

Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Das ehebrecherische Weib, das sich ihrer Tugend rühmte.

»Es heißt, daß einst ein Astronom lebte, der ein Weib von einzigartiger Schönheit und Anmut besaß. Sie aber rühmte sich stets und sagte: »O Mann, unter den Frauen giebt's keine mir gleich an Adel und Keuschheit;« und so oft sie ihm diese Worte wiederholte, glaubte er ihr und rief: »Bei Gott, kein Mann hat eine Frau wie die meinige so adlig und keusch!« Tag für Tag sang er ihr Lob in jeder Gesellschaft; als er jedoch wieder einmal eines Tages in der Gesellschaft der Großen saß, von denen jeder seine Meinung über die Frauen und ihr Thun und Mißthun zum besten gab, und er nun ebenfalls sich erhob und rief: »Unter den Frauen giebt's keine wie die meinige, rein an Blut und Betragen,« sprach einer der Anwesenden zu ihm: »Du lügst, du da!« Da fragte er: »Worin soll ich lügen?« Der andre versetzte: »Ich will dich lehren und dir klar zeigen, ob deine Frau eine Dame oder eine Dirne ist. Steh' auf, geh' nach Hause und sag' zu ihr: »O Frau, ich beabsichtige dort und dort hin zu reisen und vier Tage lang fortzubleiben, worauf ich wieder heimkehren will. Steh' daher auf, o Frau, bring' mir etwas Brot und einen Käse als Wegzehrung.« Hierauf verlasse sie und verschwinde für eine Weile; dann aber kehre wieder zurück und versteck' dich an einem verborgenen Platz, ohne ein Wort zu sagen.« Die Anwesenden sagten hierzu: »Bei Gott, diese Worte sind nicht zu tadeln;« und so verließ sie der Mann und begab sich nach Hause, wo er sagte: »O Frau, bring' mir etwas Zehrung für eine Reise; ich will verreisen und vier bis sechs Tage ausbleiben.« Da rief die Frau: »O mein Herr, du willst mich vereinsamt machen, wo ich mich in keiner Weise von dir trennen kann. Wenn 129 du durchaus reisen mußt, so nimm mich mit.« Als der Mann diese Worte von seiner Frau vernahm, sprach er bei sich: »Bei Gott, unter allen Frauen kann es keine geben wie meine Frau.« Dann sagte er zu ihr: »Ich werde vier bis sechs Tage ausbleiben; gieb acht auf dich und hüte dich und öffne keinem meine Thür.« Sie erwiderte: »O Mann, wie kannst du mich verlassen? Ich kann wirklich solche Trennung nicht ertragen.« Er entgegnete: »Ich werde nicht lange von dir fortbleiben.« Mit diesen Worten verließ er sie und verschwand für eine Stunde, worauf er leisen Trittes wieder heimkehrte und sich an einer Stelle verbarg, wo er von keinem gesehen werden konnte. Nach zwei Stunden kam ein Höker ins Haus, und sie empfing ihn und begrüßte ihn, worauf sie ihn fragte: »Was hast du für mich gebracht?« Er versetzte: »Zwei Stück Zuckerrohr.« Sie entgegnete: »Leg' sie in einen Winkel im Zimmer.« Hierauf fragte er sie: »Wohin ist dein Mann gegangen?« Sie versetzte: »Er ist verreist; mag Gott ihn nie wieder zurückbringen und nimmer seinen Namen unter die Geretteten verzeichnen; unser Herr befreie mich von ihm so bald als möglich!« Nach diesen Worten umarmte sie ihn, und er umarmte sie, und beide küßten einander, und er genoß ihre Huld und ging wieder seines Weges. Nach einer weitern Stunde kam ein Geflügelhändler zum Haus, worauf sie sich erhob, ihn begrüßte und zu ihm sagte: »Was hast du mir gebracht?« Er erwiderte: »Ein Paar junge Tauben.« Da sagte sie: »Setz' sie unter jenes Gefäß.« Dann trat der Mann auf sie zu und umarmte sie, und sie umarmte ihn; und, nachdem er seinen Willen an ihr gehabt hatte, ging er seines Weges. Ungefähr nach zwei weiteren Stunden kam ein Gärtner zu ihr, worauf sie sich erhob, ihn noch freundlicher als die beiden andern empfing und ihn fragte: »Was hast du bei dir?« Er erwiderte: »Etwas Granatäpfel.« Da nahm sie ihm dieselben ab und führte ihn in einen versteckten Raum, wo sie ihn ließ. Dann wechselte sie ihre Kleider und schmückte sich, sich 130 parfümierend und die Augen schminkend, worauf sie wieder zum Granatäpfelmann zurückkehrte und mit ihm tändelte und koste, bis er seinen Willen an ihr gehabt hatte und seines Weges ging. Hierauf zog sie wieder ihre guten Sachen aus und legte ihren Alltagsanzug an. Alles dies aber geschah, während ihr Gatte durch die Spalten der Thür zuschaute, hinter der er auf der Lauer stand und alles, was geschah, belauschte. Als dann alles vorüber war, schlich er sacht fort und wartete eine Weile, worauf er heimkehrte. Da erhob sich seine Frau, und, als ihr Blick auf ihn fiel, erkannte sie ihn und begrüßte ihn und redete ihn an und fragte: »Bist du gar nicht fortgewesen?« Er erwiderte: »O Frau, mir stieß unterwegs eine Geschichte zu, die man nur mir schmutziger Sole auf Mistkuchen schreiben sollte. Ich habe wirklich schwere Mühsal und Plage erlebt, und hätte mich nicht Gott, der Mächtige und Herrliche, daraus errettet, ich wäre nie heimgekehrt.« Da fragte sie ihn: »Was ist dir unterwegs zugestoßen?« Er erwiderte: »O Frau, als ich die Stadt verließ und den Weg einschlug, kam mit einem Male ein Basilisk aus seinem Schlupfloch hervor und streckte sich quer über den Weg, so daß ich unfähig war, einen Schritt weiter zu setzen; und wirklich, Frau, er war gerade so lang, wie jenes Zuckerrohr, das dir der Höker brachte, und das du in jenen Winkel legtest. Ebenso hatte er Haare auf seinem Kopf gleich den Federn der jungen Tauben, die dir der Geflügelhändler brachte, und die du unter das Gefäß setztest; und schließlich glich sein Kopf, o Frau, jenen Granatäpfeln, die du von dem Bazargärtner empfingst und ins Haus nahmst.« Als die Frau diese Worte vernahm, verlor sie die Herrschaft über sich und die Sinne verstörten sich ihr, so daß sie stockblind und taub ward, da sie überzeugt war, daß ihr Mann sie gesehen hatte und von ihrer Unzüchtigkeit Augenzeuge gewesen war. Ihr Mann aber schrie sie nun an: »Du Dirne, du Metze, du Ehebrecherin, wie konntest du zu mir sagen: »Es giebt unter den Frauen keine bessere an Adel und 131 Keuschheit? Heute habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen, was deine Keuschheit zu bedeuten hat. Nimm deine Sachen, scher' dich fort von mir und pack' dich zu deinen Anverwandten.« Mit diesen Worten schied er sich von ihr durch die dreifache Scheidung und warf sie zum Hause hinaus.«

Als der Emir diese Geschichte von seinem Nachbar vernommen hatte, freute er sich über sie, da dies eine bemerkenswerte List von den Listen der Weiber war, die sie den Männern anzuthun pflegen, denn »fürwahr, groß ist ihre List.«Sure 12, 28. Hierauf entließ er den vierten Liebhaber, seinen Nachbar, gleich den drei ersten, und nimmer widerfuhr ihm und seiner Frau wieder solch' eine Geschichte, sei es von seiten eines Kadis oder irgend eines andern.

 


 

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.