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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Schneider, die Frau und der Hauptmann.

Man erzählt, daß ein Schneider in seinem Laden saß, der einem hohen, von einem Hauptmann bewohnten Hause gegenüber lag; und dieser Hauptmann hatte eine Frau, einzig an Schönheit und Lieblichkeit. Eines Tages nun, als sie aus ihrem Gitterfenster hinausblickte, gewahrte sie der Schneider und ward von ihrer Anmut und Schönheit verstört, so daß er sich in sie verliebte und den ganzen Tag über verwirrt und verstört nach jenem Gitter schaute; und, so oft sie sich dem Fenster näherte und herauslugte, stierte er sie an und sprach: »O meine Herrin, mein Herzblut, guten Morgen; habe Mitleid mit einem, der schwer unter der Liebe zu dir leidet, und dessen Auge um deinetwillen des Nachts keinen Schlaf findet.« Die Frau des Hauptmanns dachte jedoch bei sich: »Dieser Kuppler ist verrückt; so oft ich zum Fenster hinausschaue, erfrecht er sich mich anzureden, so daß die Leute sagen müssen, ich sei seine Geliebte.« Der Schneider setzte sein Treiben eine Reihe von Tagen fort, bis die Frau daran Anstoß nahm und bei sich sprach: »Bei Gott, ich muß etwas ersinnen, das ihm dieses verliebte Hinüberstieren zu meinem Fenster unerlaubt macht; ja, ich will dahin arbeiten, daß er aus dem Laden herausgetrieben wird.« Als nun eines Tages der Hauptmann von Hause fortging, erhob sich seine Frau und schmückte sich und machte sich schön, indem sie ihre besten Kleider und Schmucksachen anlegte; dann schickte sie eine ihrer Sklavinnen zum Schneider und ließ ihm sagen: »Meine Herrin entbietet dir den Salâm und bittet dich zu ihr zu kommen und bei ihr Kaffee zu trinken.« Das Mädchen begab sich zu seinem Laden und richtete ihren Auftrag aus, worauf der Schneider, ganz verstört hierüber, sich in seinen Kleidern zitternd erhob, ohne etwas von den Listen der Weiber zu ahnen. Nachdem er seinen Laden verschlossen hatte, ging er mit der Sklavin hinüber zum Hause und stieg die Treppe hinauf, wo ihn die Frau mit einem Gesicht gleich der runden 119 Mondscheibe empfing und ihn fröhlich begrüßte; dann faßte sie ihn bei der Hand und führte ihn zu einem mit Matratzen belegten Diwan, worauf sie ihrer Sklavin befahl, ihm den Kaffee aufzutragen, und trank, während sie ihm gegenüber saß. Dann fingen beide an zu plaudern, wobei sie ihm mit süßer Rede schmeichelte, während er durch das Übermaß ihrer Schönheit und Lieblichkeit ganz von Sinnen ward. Dies währte bis gegen Mittag, als sie ihre Sklavin die Speisenbretter aufzutragen befahl, und sich ihm gegenüber setzte, während er nach den Bissen langte, sie aber anstatt zwischen seine Lippen und Zähne in sein Auge steckte. Sie lachte darüber, kaum aber hatte er den zweiten und dritten Bissen verschluckt, als plötzlich an die Thür gepocht ward, worauf sie aus dem Fenster schaute und rief: »Ach meine Ehre! Das ist mein Mann.« Da fingen die Hände und Füße dem Schneider an zu zittern, und er fragte sie: »Wohin soll ich gehen?« Sie erwiderte: »Geh' in diese Kammer,« und stieß ihn in ein Kabinett, das sie hinter ihm verriegelte, worauf sie den Schlüssel nahm und, einen seiner Zähne ausreißend, ihn in die Tasche steckte. Dann stieg sie herunter und öffnete ihrem Gatten die Thür, worauf er hinaufstieg. Als er die Speisenbretter aufgetragen sah, fragte er sie: »Was ist dies?« Sie versetzte: »Ich und mein Liebhaber haben zusammen gespeist.« Da rief er: »Was! Dein Liebhaber?« Sie erwiderte: »Ja, bei Gott.« – »Und wo ist er?« – »Hier in dieser Kammer.« Als aber der Schneider sie diese Worte sprechen hörte, beschmutzte er sich die Hosen. Nun fragte der Hauptmann: »Und wo ist der Schlüssel?« Sie antwortete: »Ich hab' ihn bei mir.« Er entgegnete: »Hol ihn heraus.« Da zog sie ihn aus ihrer Tasche und überreichte ihn ihr. Der Hauptmann nahm ihn und rüttelte ihn in dem hölzernen Riegel hin und her, ohne die Kammer aufzubekommen; und nun trat die Frau an ihn heran und rief: »Um Gott, o mein Herr, was willst du mit meinem Geliebten thun?« Er erwiderte: »Ich will ihn totschlagen.« Sie versetzte: »Ich 120 meine, du thätest besser daran ihn zu fesseln und wie einen Gekreuzigten an den Pfeiler im Hof zu binden und ihm dann mit deinem Schwert durch einen Streich in den Nacken den Kopf herunterzuholen; denn mein Lebenlang sah ich keine Hinrichtung eines Verbrechers, und jetzt möchte ich sehen, wie einer zum Tode befördert wird.« Er entgegnete: »Du hast recht.« Dann nahm er den Schlüssel und steckte ihn in den Holzriegel, jedoch vermochte er ihn nicht zurückzuziehen, da ein Zahn aus dem Schlüssel herausgezogen war. Während er aber wieder an dem Bolzen rüttelte, sagte seine Frau zu ihm: »O mein Herr, ich wünschte, du hiebest ihm Hände und Füße ab, daß er durch seine Verstümmelungen gekennzeichnet wird; hernach magst du ihm den Kopf abhauen.« Der Gatte entgegnete: »Das ist ein verständiger Rat.« Während der ganzen Zeit aber, daß ihr Gatte sich bemühte, den Riegel zurückzuziehen, sagte sie zu ihm: »Thu' dies und thu' das mit jenem Gesellen,« und er bejahte es stets. Bei alledem saß der Schneider da und hörte ihre Worte, so daß er in seiner Haut schmolz; schließlich brach die Frau jedoch in ein Gelächter aus, bis sie auf ihren Rücken fiel, so daß ihr Gatte sie fragte: »Was soll diese Heiterkeit?« Sie versetzte: »Ich mache mich über dich lustig, weil es dir an Witz und Verstand fehlt.« Er fragte: »Weshalb?« Sie erwiderte: »O mein Herr, hätte ich einen Geliebten, und wäre er bei mir gewesen, würde ich dir etwa von ihm etwas gesagt haben? Vielmehr, sprach ich bei mir: »Thu' das und das mit dem Hauptmann und laß uns sehen ob er es glauben wird oder nicht.« Als ich nun sprach, glaubtest du mir, und so ward es mir klar, daß es dir an Verstand fehlt.« Da rief der Hauptmann: »Gott straf' dich! Hältst du mich zum Possen? Ich sprach ebenfalls bei mir: »Wie kann sie, wenn ein Mann bei ihr ist, mir ins Gesicht von ihm sprechen?« Alsdann erhob er sich und setzte sich dicht an ihre Seite an den Speisetisch, und sie stopften einander die Bissen in den Mund und lachten und aßen, bis sie genug hatten und gesättigt waren, 121 worauf sie sich die Hände wuschen und Kaffee tranken. Nach diesem waren sie fröhlich und tändelten und scherzten miteinander, bis ihr Vergnügen vollkommen war, und es war dies um die Mitte des Nachmittags. Hierauf erhob sich der Hauptmann und begab sich ins Warmbad. Sobald er jedoch das Haus verlassen hatte, öffnete sie das Kabinett und holte den Schneider heraus, indem sie zu ihm sagte: »Hast du gesehen, was deiner wartet, du Kuppler, du Unreiner? Bei Gott, wenn du noch weiter nach den Fenstern herüberstierst oder noch ein Wort an mich zu richten wagst, so ist es dein Tod. Diesmal habe ich dich noch freigelassen, das nächste Mal aber sorge ich dafür, daß du dein Herzblut vergießen mußt.« Da rief er: »Ich will es nicht wieder thun, nein, nimmermehr.« Hierauf sagte sie zu ihrer Sklavin: »Mädchen, öffne ihm die Thür.« Und die Sklavin that es, worauf er in seinen beschmutzten Kleidern zu seinem Laden zurückkehrte.«

Als der Emir diese Geschichte vom Kadi vernommen hatte, freute er sich über sie und sprach: »Auf, und geh' deines Weges.« Während nun der Kadi in seinem Kaftan und der Kappe fortging, sagte der Hausherr zu seiner Frau: »Dies ist einer der vier, wo ist Nummer zwei?« Da erhob sie sich und öffnete die Kammer, in der sich der Chwâdsche befand, worauf sie ihn bei der Hand faßte und vor ihren Gatten führte, der ihn scharf ansah und als sicher in ihm den Schâhbender erkannte. Er sagte deshalb zu ihm: »O Chwâdsche, wann machtest du dich zu einem Possenreißer?« Der andre gab ihm jedoch keine Antwort, sondern senkte allein die Stirn zu Boden. Da sagte der Hausherr zu ihm: »Tanz uns ein Tänzchen, und, wenn du mit Tanzen fertig bist, so erzähl' uns eine Geschichte.« Gezwungen begann nun der Chwâdsche mit den Händen zu klatschen und herumzuhopsen, bis er ermüdet umsank, worauf er sprach: »O mein Herr, ich weiß eine seltene und außerordentlich merkwürdige Geschichte, wenn du so gütig sein und auf meine Worte acht geben wolltest.« 122 Der Emir erwiderte: »Erzähl', und ich will dir zuhören.« Da sagte der Chwâdsche: »Die Geschichte handelt von der Weiberlist,« und hob an und erzählte:

 

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