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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Jüngling aus Kairo, der Barbier und der Hauptmann.

Man erzählt, daß in Kairo ein Jüngling lebte, ein Dandy, unvergleichlich an Äußerm und Vorzügen, der zur Freundin eine hübsche Frau hatte, die Gattin eines Jūsbâschīs oder Hauptmanns. So oft jedoch der junge Mann und seine Geliebte zusammenkommen wollten, erschien es fast unmöglich; doch blieb sein Herz ihr immer treu, und sie befand sich in gleicher Lage, ja, sie liebte ihn sogar noch mehr, da er über die Maßen schön von Gestalt und Gesicht war. Eines Tages nun kehrte der Hauptmann heim und sagte zu seiner Frau: »Ich bin für den heutigen Nachmittag dort und dorthin eingeladen, wenn du also etwas von mir verlangst, so sag' es, ehe ich fortgehe.« Da riefen sie:Der Plural bezieht sich auf alle Hausbewohner. »Wir wünschen nichts als dein Wohlergehen;« jedoch waren sie hierüber erfreut, und die Freundin des Jünglings sprach: »Gelobt sei Gott, heute wollen wir den und den hierher bestellen und wollen uns beide einen lustigen Tag machen.« Sobald dann ihr Gatte das Haus verlassen hatte, um gemäß seiner Einladung die Gärten zu besuchen, sagte die Frau zu einem kleinen 108 Burschen, der ihr Eunuch war: »Knabe, begieb dich zu dem und dem, such' ihn, bis du ihn gefunden hast, und sprich zu ihm: »Meine Herrin entbietet dir den Salâm und läßt dir sagen: Komm sogleich zu ihrem Haus.« Da verließ sie der kleine Bursche und suchte den Dandy so lange, bis er ihn in einem Barbierladen fand, wo er sich den Kopf rasieren lassen wollte. Der Barbier sagte zu ihm: »O mein Herr, mag unser Tag ein gesegneter sein!« Dann holte er aus seinem Beutel ein reines Handtuch und legte es ihm um die Brust, worauf er seinen Turban nahm und an einen Haken hängte. Hierauf stellte er ein Becken vor ihn und wusch ihm den Kopf und war gerade dabei ihn zu rasieren, als der Knabe gemächlich hereingeschritten kam und, sich zu ihm neigend, ihm insgeheim ins Ohr flüsterte, damit es niemand hören könnte: »Meine Herrin So und So schickt dir viele Grüße und läßt dir sagen, daß heute die Luft rein ist, da der Hauptmann ausgebeten ist. Komm daher unverzüglich zu ihr, denn, wenn du nur ein wenig verziehst, so könnt ihr leicht euch beide nicht haben; willst du wirklich mit ihr zusammenkommen, so beeile dich.« Als der Liebhaber diese Worte vom Knaben vernahm, verwirrten sich ihm die Sinne, und, unfähig, sich auch nur eine Minute zu gedulden, rief er dem Barbier zu: »Trockne mir sofort den Kopf, denn ich habe jetzt unverzüglich eine Angelegenheit zu erledigen; ich komme hernach wieder.« Mit diesen Worten steckte er die Hand in seine Brusttasche und holte einen Aschrafī heraus, den er dem Barbier gab, während dieser bei sich sprach: »Wenn er mir für das Naßmachen ein Goldstück giebt, wie wird es dann erst sein, wenn ich ihn rasiert habe? Sicherlich erhalte ich dann zehn Dinare von ihm.« Hierauf verließ der Jüngling den Barbier, der ihm folgte und zu ihm sagte: »Um Gott, mein Herr, wenn du dein Geschäft besorgt hast, so komm zu mir zurück, daß ich dir die Haare rasieren kann; und besser wäre es, du kämst zum Laden.« Der Jüngling versetzte: »Sehr wohl; wir wollen sogleich zu dir 109 zurückkehren.« Alsdann schritt er weiter, bis er nahe bei dem Haus seiner Geliebten angelangt war, als der Barbier ihn plötzlich noch einmal dicht bei demselben abfing und, sich vor ihn stellend, sagte: »O mein Herr, vergiß mich nicht, sondern kehre bestimmt wieder zum Laden zurück, daß ich dir die Haare rasieren kann.« In seiner Thorheit versetzte der Jüngling: »'s ist gut, ich will bestimmt wieder zu dir zurückkommen und werde deinen Laden nicht vergessen.« Hierauf verließ ihn der Liebhaber und stieg hinauf ins Haus seiner Geliebten, während der Barbier an der Thür stehen blieb und in der Beschränktheit seines Barbierverstandes sich nicht von der Stelle rührte, sondern auf ihn wartete, um ihn zu rasieren.

So stand es mit ihnen; als aber der Hauptmann bei seinem Freund eintraf, der ihn eingeladen hatte, fand er, daß ihn ein dringendes Geschäft verhinderte das Gastmahl zu geben, und der Gastgeber sprach zu ihm: »O mein Herr, vergieb mir, denn heute verhindert mich ein Geschäft in den Garten zu gehen. So Gott will, treffen wir morgen dort zusammen und vergnügen uns, wenn wir frei sind und ruhigen Herzens; denn ein Mann, der ein Geschäft unter der Hand hat, vermag sich nicht zu vergnügen, da seine Gedanken immer wo anders sind.« Der Hauptmann erwiderte ihm: »Du hast recht und hast dich nicht zu entschuldigen; kommen wir nicht morgen zusammen, dann kann es auch übermorgen sein.« Mit diesen Worten verabschiedete er sich von seinem Freund und kehrte wieder heim. Jener Hauptmann aber war ein Mann von Ehre und Klugheit und dabei beherzt und ein Hitzkopf und von Natur tapfer. Als er bei seinem Hause eintraf, fand er dort den Barbier an der Hausthür stehen, und der Mann trat an ihn heran und sagte: »Um Gott, mein Herr, wenn du hinein gehst, so schicke mir jenen hübschen Jüngling herunter, der in deine Wohnung hinaufstieg.« Da kehrte sich der Hauptmann mit einem Gesicht rot wie feurige Funken zu ihm und rief: »Mann, was sagst du, daß jemand in mein Haus gegangen ist, du Kuppler? Was für 110 ein Mann kann in mein Haus gehen, wenn ich abwesend bin?« Der Barbier versetzte: »Bei Gott, mein Herr, es ging jemand hinaus, und, seitdem er meinen Blicken entschwand, stehe ich hier und warte auf ihn. Wenn du oben bist, so schicke ihn zu mir herunter und sag' ihm: Dein Barbier erwartet dich unten an der Thür.« Als der Hauptmann diese Worte vernahm, ergrimmte er über die Maßen und eilte spornstreichs nach oben, wo er an die Innenthür pochte, die den Harem abschloß. Die Insassen hörten ihn und wußten, daß er es war, und der Jüngling machte sich in die Hosen; die Frau nahm ihn jedoch und versteckte ihn in den Schacht der Cisterne, worauf sie ihrem Gatten die Thür öffnete. Da rief der Hauptmann: »Fürwahr, ist etwas Wahres daran, daß sich bei uns ein Mann befindet?« Die Frau entgegnete: »Wehe mir, wie kann ein Mann hier sein, mein Herr?« Hierauf suchte der Hauptmann überall nach, da er jedoch niemand fand, stieg er wieder zum Barbier hinunter und rief: »Mann, ich habe oben niemand als die Frauen gefunden.« Der Barbier erwiderte jedoch: »Bei Gott, o mein Herr, er ging vor meinen Augen hinauf, und ich warte immer noch auf ihn.« Da eilte der Hauptmann wieder hinauf und suchte von neuem alles unten und oben ab und spähte in jeden Winkel, ohne jemand zu finden. Verwirrt hierüber, ging er wieder zum Barbier hinunter und sagte zu ihm: »O Mann, wir haben niemand gefunden.« Der Kerl blieb jedoch störrisch dabei und sagte: »Es ging doch ein Mann hinauf, und ich, sein Freund, stehe hier und warte auf ihn; magst du auch sagen, er ist nicht dort, so ist er doch oben, da er, seit er hinaufging, nicht wieder herausgekommen ist.« Hierauf kehrte der Hauptmann zum dritten und vierten bis zum siebenten Male in seinen Harem zurück, ohne jemand zu finden, so daß er ganz verdutzt und ratlos ward und das ewige Hinein- und Herausgehen satt bekam. Während der ganzen Zeit aber steckte der Jüngling in dem Cisternenschacht und hörte ihr Gespräch, so daß er sprach: »Gott 111 verderbe diesen Schurken von Barbier!« Jedoch war ihm himmelangst, und er zitterte vor Furcht, daß der Hauptmann ihn und seine Frau umbringen könnte. Nach dem achten Male nun stieg der Hauptmann wieder zum Barbier hinunter und sagte zu ihm: »Wenn du ihn eintreten sahst, so komm hinauf und such' nach ihm.« Der Barbier that es, jedoch fanden sie niemand, trotzdem sie jeden Winkel absuchten, so daß der Barbier verwirrt bei sich sprach: »Wohin kann nur der verschwunden sein, der vor meinen eigenen Augen hinauf ging?« Dann versank er in Gedanken und rief plötzlich: »Bei Gott, das ist wunderbar, daß wir ihn nicht entdeckt haben!« Der Hauptmann aber schrie wütend: »Bei meines Hauptes Leben und bei Ihm, der alle Geschöpfe erschaffen und ihre Zahl gezählt hat, wenn ich diesen Kerl nicht finde, schlag ich dich tot!« Da begann der Barbier in seiner Angst von neuem alle Plätze durchzusuchen, jedoch schaute er nicht in den Cisternenschacht, bis er schließlich sagte: »Nun bleibt uns allein noch der Cisternenschacht übrig.« Alsdann trat er an ihn heran und schaute hinein, jedoch konnte er nicht deutlich sehen, und nun trat der Hauptmann hinter ihn und versetzte ihm einen Faustschlag in den Nacken, daß er besinnungslos an der Mündung des Schachts niederfiel. Als nämlich die Frau den Barbier sagen hörte: »Laß uns den Eingang untersuchen, der in den Cisternenschacht führt,« fürchtete sie sich vor dem Hauptmann und sagte zu ihm: »O mein Herr, wie kommt es, daß dein Wert und deine Länge und Breite in der Art sind, wo du ein Hauptmann bist? Du gehorchst dem Wort eines Verrückten und sagst, ein Mann sei in deinem Hause; fürwahr, das ist schmachvoll für dich.« In seiner Dummheit glaubte ihr der Hauptmann und trat an den Barbier heran, als dieser sich am Rand des Cisternenschachtes befand, und versetzte ihm einen so heftigen Schlag, daß er betäubt und bewußtlos auf den Boden fiel. Als die Frau dies sah, rief sie ihrem Gatten zu: »Binde ihm sofort die Arme nach hinten und laß mich 112 meine Rache an ihm mit einer gehörigen Tracht Prügel nehmen; dann mag er seines Weges gehen.« Da versetzte ihr Mann: »Du hast recht.« Als dann alles geschehen war, sagte sie zu ihrem Gatten: »Laß uns nach oben gehen, daß wir uns vergnügen, und, gelobt sei Gott, daß du nicht zu dem Ort gingst, wohin du eingeladen warst, denn sonst wäre ich heute durch deine Abwesenheit einsam gewesen.« Hierauf stiegen sie hinauf und saßen scherzend, fröhlich und vergnügt bei einander, bis sich der Hauptmann niederlegte und bald in riefen Schlummer versank. Als seine Frau dies sah, erhob sie sich und begab sich zum Cisternenschacht, aus dem sie ihren Geliebten zog, und, als sie fand, daß er sich in seiner großen Angst die Sachen von oben bis unten bemacht hatte, zog sie ihm dieselben aus und holte ein Paket neuer Kleidungsstücke, in die sie ihn kleidete, worauf sich seine Furcht legte und sein Herz sich beruhigte, und er wieder ins rechte Geleise kam. Dann führte sie ihn in ein abgelegenes Zimmer, wo sie sich beide drei Stunden lang aufs beste vergnügten, bis ein jeder genug hatte, und er, vom Verhüller verhüllt, seines Weges ging. Der Barbier aber lag inzwischen betäubt von dem heftigen Schlag und gefesselt am Boden. Um die Mitte des Nachmittags ging die Frau wieder zu ihrem Gatten und weckte ihn aus dem Schlaf, worauf sie ihm Kaffee machte; und er trank ihn und fühlte sich wohl, ohne eine Ahnung zu haben, was seine Gattin mit ihrem Geliebten gethan hatte, während er wie ein Ziegenbock geschlafen hatte. Dann sagte sie zu ihm: »Komm und laß uns zu dem Kerl gehen, und du verabfolge ihm eine tüchtige Tracht Prügel und wirf ihn hinaus.« Er erwiderte: »Ja, bei Gott, er verdient dies, der Kuppler!« Hierauf ging er zu ihm, und, als er ihn auf dem Boden liegen fand, richtete er ihn auf und sagte zu ihm: »Auf und laß uns den Mann suchen, von dem du sprachst.« Da erhob sich der Barbier und stieg in den Cisternenschacht hinab; da er jedoch dort niemand fand, legte ihn der Hauptmann auf den Rücken, 113 und, seine Arme bis zu den Ellbogen entblößend, nahm er einen Knittel und prügelte ihn so lange, bis er sich in die Hosen machte. Dann ließ er ihn los, worauf sich der Barbier erhob und trübselig nach Hause ging, bis er gegen Sonnenuntergang, kaum an sein Entkommen glaubend, bei seinem Laden anlangte.

 


 

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