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Tausend und eine Nacht. Band XXIV

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXIV - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXIV
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages244
created20180610
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die drei Prinzen von China.

Einst lebte im Lande China ein König, der drei Söhne hatte, deren Mutter von einer geheimnisvollen Krankheit befallen ward. Sie ließen deshalb die Weisen und Ärzte kommen, von denen jedoch keiner ihre Krankheit erkennen konnte; und so war sie eine Weile bettlägerig, bis schließlich ein gelehrter Arzt kam, der, als man ihm ihre Krankheit beschrieb, sagte: »Dies Leiden kann allein durch das Wasser des Lebens geheilt werden, einen Schatz, den man nur im Land des Irâk findet.« Als ihre Söhne seine Worte vernahmen, 90 sprachen sie zu ihrem Vater: »Wir müssen uns die größte Mühe geben und dorthin ziehen und unsrer Mutter das Wasser des Lebens holen.« Hierauf beschaffte ihnen ihr Vater genügenden Proviant für den Weg, und sie verabschiedeten sich von ihm und zogen aus nach Adschamland. Nachdem die drei Prinzen sieben Tage lang zusammen gereist waren, sagte der eine zu den andern: »Wir wollen uns trennen, und jeder von uns suche an einem andern Ort, so daß wir in dieser Weise vielleicht finden, was wir brauchen.« Unter diesen Worten trennten sie sich, indem sie die Wegzehrung untereinander verteilten, und zogen, nachdem sie voneinander Abschied genommen hatten, ein jeder seines Weges. Der älteste Prinz durchmaß fort und fort die Wüsten, und niemand wies ihn zu einer Stadt, bis er endlich, als sein Vorrat zu Ende gegangen war, und er nichts mehr zu essen übrig hatte, zu einer Stadt gelangte, in deren Thor ihm ein Jude begegnete, der ihn fragte: »Willst du dienen, Moslem?« Da sprach der Jüngling bei sich: »Ich will es thun, und vielleicht entdeckt mir Gott das Gesuchte.« Hierauf sagte er laut: »Ich will in deinen Dienst treten;« und der Jude versetzte: »Du sollst mir Tag für Tag in jener Synagoge dienen; du hast den Boden zu kehren, die Matten und Decken zu reinigen und die Leuchter zu putzen.« Der Prinz entgegnete: »Schön,« und diente von nun an im Hause des Juden, bis dieser eines Tages zu ihm sagte: »Bursche, ich will mit dir einen Handel machen.« Der Jüngling fragte: »Was ist's?« worauf der Jude versetzte: »Ich will dir als Lohn täglich ein und ein halbes Brot geben, doch sollst du das halbe nicht essen und sollst das ganze nicht brechen; jedoch sollst du dich satt essen, und dem, der unsrer Abmachung zuwider handelt, schinden wir das Gesicht. Wenn es dir demnach zu dienen beliebt, sei willkommen.« In seiner Unerfahrenheit sagte der Prinz zu ihm: »Wir wollen dir dienen;« worauf ihm sein Herr ein und ein halbes Brot gab und seines Weges ging, ihn in der Synagoge zurücklassend. Um die Mittagszeit ward 91 der Jüngling hungrig und aß alles Brot auf; und, als nun der Jude um die Mitte des Nachmittags zu ihm kam und fand, daß er das Brot aufgegessen hatte, stellte er ihn deshalb zur Rede, worauf er erwiderte: »Ich war hungrig und aß alles auf.« Da schrie der Jude: »Ich machte mit dir zum Beginn aus, daß du weder das ganze Brot noch das Stück aufessen solltest.« Dann verließ er ihn und kehrte mit einer Anzahl Juden zurück, von denen etwa fünfzig in jener Stadt lebten; und sie packten den Jüngling und erschlugen ihn, worauf sie den Leichnam in eine Matte banden und in einen Winkel der Synagoge legten.

So erging es ihm; was nun den zweiten Prinzen anlangt, so wanderte er von Stadt zu Stadt, bis das Schicksal ihn schließlich zu derselben Stadt trieb, in der sein Bruder ermordet war. Zufällig traf er denselben Juden vor der Thür der Synagoge stehen, und der Mann fragte ihn: »Willst du dienen, Moslem?« Der Jüngling versetzte: »Gern;« und so führte ihn der Jude nach seiner Wohnung. Nachdem er sich den ersten und zweiten Tag geduldet hatte, verfuhr er mit ihm gerade so wie mit seinem älteren Bruder, indem er ihn ermordete und seinen Leichnam, eingewickelt in eine Matte, neben den seines Bruders legte.

Inzwischen war der jüngste der drei Prinzen von Stadt zu Stadt gewandert und hatte außerordentliche Mühsal und Hunger und Blöße erlitten, bis er in die Hände desselben Juden fiel, der an der Thür der Synagoge stand und ihn fragte: »Willst du dienen, Moslem?« Der Jüngling bejahte es, und so schloß der Jude mit ihm denselben Pakt wie mit seinen Brüdern ab. Als er nun aber in die Synagoge trat und sein Blick auf die beiden Mattenbündel, in die die Leichname seiner beiden Brüder gewickelt waren, fiel, trat er an sie heran und hob einen Zipfel der Hülle auf, worauf er die beiden Körper stinkend und verfault fand. Da verließ er die Synagoge und öffnete ein Loch im Boden, in das er seine Brüder, weinend und sich über sie grämend, bestattete. 92 Dann kehrte er zur Synagoge zurück und rollte die Matten und die Decken zusammen und häufte sie übereinander, worauf er ein Feuer unter ihnen anzündete, bis alle verbrannt waren. Hernach langte er alle Leuchter herunter und brach sie kurz und klein. Als nun der Jude um die Mitte des Nachmittags zur Synagoge kam und dort ein Feuer vorfand auf dem die ganzen Teppiche und Decken zu Asche verbrannt lagen, schlug er sich das Gesicht und rief: »Weshalb hast du dies gethan, o Moslem?« Der Jüngling versetzte: »Du hast mich betrogen, Meister.« Der Jude entgegnete: »Ich habe dich in keiner Weise betrogen. Indessen, o Moslem, geh' heim und befiehl deiner Herrin ein Opfer zu schlachten und es zu kochen und bring' es unverzüglich her.« Der Prinz erwiderte: »Schön, mein Meister.« Nun hatte der Jude zwei Knaben, an denen er seine Freude hatte, und der Jüngling begab sich nach seinem Haus und pochte an die Thür, worauf die Jüdin ihm öffnete und ihn fragte: »Was wünschest du?« Der Prinz versetzte: »Meine Herrin, mein Meister schickt mich zu dir und läßt dir sagen: Schlachte die beiden Lämmer, die bei dir sind und fünfzig junge Hühner und hundert Paar Tauben, denn alle die Meister sind bei ihm in der Synagoge, und er beabsichtigt die Knaben zu beschneiden.« Da fragte die Jüdin: »Und wer soll mir alles dies schlachten?« Der Prinz versetzte: »Ich will's thun.« Hierauf brachte sie ihm die Lämmer und jungen Hühner und Tauben, und er schnitt allen den Hals ab. Dann erhob sich die Jüdin und rief ihre Nachbarinnen, ihr beim Kochen zu helfen, bis die Gerichte fertig gestellt und in zehn Schüsseln gethan waren. Dann nahm der Jüngling die zehn Porzellanplatten in die Hand und ging damit zu einem Haus im Judenviertel, wo er an die Thür pochte und sagte: »Mein Meister schickt euch alles dies.« Inzwischen war der Jude, ohne eine Ahnung von diesen Dingen zu haben, in der Synagoge zurückgeblieben; als ihm sein Diener jedoch zu lange ausblieb, machte er sich auf, um nach dem Fleischopfer zu 93 sehen, mit dem er ihn beauftragt hatte, und kam gerade bei seinem Haus an, als der Jüngling die Schüsseln bei den Leuten niedersetzte. Er fand seine Wohnung in einem Zustand von Aufruhr und Verwirrung, so daß er die Leute fragte: »Was ist vorgefallen?« Da erzählten sie ihm alles und sagten: »Du schicktest zu uns und verlangtest das und das.« Als der Jude dies vernahm, schlug er sich das Gesicht mit seiner Gamasche und schrie: »Ach, über den Ruin meines Hauses!« Mit einem Male trat der Prinz herein, und nun fragte ihn der Jude: »Weshalb handelst du in solcher Weise, Moslem?« Der Jüngling versetzte: »Du hast mich betrogen.« Der Jude entgegnete: »Nein, ich hab' dich in keiner Weise betrogen.« Alsdann sprach der Jude bei sich: »Ich muß diesem Burschen eine Falle stellen und ihn umbringen.« Hierauf begab er sich zu seiner Frau und sagte zu ihr: »Breite unser Lager auf dem Dach aus; wir wollen unsern Diener, den jungen Moslem mit hinaufnehmen und ihn am Rande liegen lassen, und, wenn er schläft, wollen wir ihn stoßen und den Boden entlang rollen, daß er vom Dach fällt und sich das Genick kurz und klein bricht.« Das Schicksal wollte es aber, daß der Jüngling dastand und alle ihre Worte belauschte. Als nun die Nacht hereinbrach, erhob sich die Frau und breitete die Betten auf dem Dach aus, wie ihr Mann es geheißen hatte. Um die Mitte des Nachmittags hatte sich jedoch der Prinz ein halbes Pfund Haselnüsse gekauft und sie mit aller Vorsorge in seine Brusttasche gesteckt. Mit einem Male sagte der Jude zu ihm: »Wir wollen im Freien schlafen, da das Wetter jetzt sommerlich ist.« Der Prinz versetzte: »Schön.« Hierauf stiegen der Jude, die Jüdin, die Kinder und der Prinz, ihr Diener, zum Dach hinauf, und zuerst legte sich der Hausherr nieder, seine Frau und seine Kinder neben sich nehmend. Dann sagte er zu dem Jüngling: »Schlaf hier an der Seite.« Der Prinz holte jedoch die Haselnüsse aus seiner Brusttasche und knackte sie mit den Zähnen auf, und, so oft sie zu ihm sagte: »Steh' auf, Moslem, 94 und leg' dich aufs Polster,« antwortete er ihnen: »Wenn ich die Nüsse gegessen habe.« So beobachtete er sie so lange, bis sich alle niedergelegt hatten und in festen Schlaf gefallen waren, worauf er sich auf das Bett zwischen die Mutter und die beiden Knaben legte. Mit einem Male erwachte der Jude, und, im Glauben, der Jüngling schliefe am Rand, stieß er seine Frau, worauf diese den Diener und der Diener die Kinder stieß, so daß diese über den Dachrand hinunterfielen und sich die Schädelpfannen zerbrachen. Als der Jude den Fall hörte, glaubte er, niemand anders als sein Diener, der junge Moslem, sei hinuntergestürzt; erfreut erhob er sich, weckte seine Frau und sagte zu ihr: »Der Jüngling ist vom Dach gefallen und hat sich totgeschlagen.« Die Frau richtete sich nun auf und begann mit einem Male, als sie die Kinder nicht neben sich fand, während der Prinz noch dalag, zu jammern und schreien und schlug sich die Wangen und rief ihrem Mann zu: »Niemand anders als die Kinder sind hinuntergestürzt.« Da sprang er auf und versuchte den Jüngling vom Dach hinunterzuwerfen. Er aber sprang schneller als der Blitz auf seine Füße und schrie den Juden an, daß er Furcht bekam, worauf er ihn mit einem handlichen Messer niederstach, daß er tot niedersank, besudelt von dem Blut, das er vergossen hatte. Nun war die Frau des Juden ein Bild von Schönheit und Lieblichkeit, von ebenmäßigem Wuchs und Anmut, und, als sich der Prinz gegen sie wendete und sie umbringen wollte, fiel sie ihm zu Füßen und küßte sie, ihn um Gnade flehend. Da ließ der Jüngling sie am Leben, indem er bei sich sprach: »Fürwahr, dies ist ein Weib, gegen das ich mich nicht vergehen darf.« Alsdann fragte ihn die Jüdin: »O mein Herr, weshalb handelst du so? Zuerst kamst du zu mir und sagtest mir die Unwahrheit, die und die Lügen, und dann brachtest du meinen Gatten und meine Kinder um.« Er versetzte: »Dein Mann ermordete meine Brüder unschuldigerweise und ohne Grund.« Als die Jüdin dies vernahm, fragte sie: »Bist du wirklich ihr Bruder?« 95 Er erwiderte: »Ja, sie waren wahrhaftig meine Brüder.« Dann erzählte er ihr, daß sie ihren Vater verlassen hatten und ausgezogen waren, um das Wasser des Lebens für ihre Mutter zu suchen.« Da rief sie: »Bei Gott, mein Herr, das Unrecht war bei meinem Mann und nicht bei dir; jedoch, was verhängt ist, geschieht, und es giebt kein Entrinnen von ihm; gieb dich daher zufrieden. Was aber das Wasser des Lebens anlangt, so ist es hier neben mir zur Stelle, und, wenn du mich mit in dein Land nehmen willst, so will ich es dir geben; andernfalls aber enthalte ich es dir vor; und vielleicht bringt dir mein Gehen mit dir einen glücklichen Ausgang.« Der Prinz sprach bei sich: »Nimm sie mit, und vielleicht führt sie dich zu etwas Gutem;« und so versprach er ihr sie mitzunehmen. Nun erhob sie sich und führte ihn in eine Kammer, wo sie ihm alle Schätze des Juden zeigte, Bargeld, Juwelen, Mobiliar und Kleidungsstücke; und alles, was sie an Reichtümern und Wertsachen besaß, übergab sie dem jungen Prinzen, worunter sich auch das Wasser des Lebens befand. Dann schafften sie den ganzen Schatz fort, und er nahm die Jüdin, die außerordentlich schön war und in jenen Tagen ihresgleichen nicht hatte, mit sich, worauf sie die Steppen und Wüsten durchmaßen und ihren Weg nach dem Lande China nahmen, bis sie sich nach geraumer Zeit der Residenz Chinas näherten, wo sie nach dem Ratschluß des Schicksals und dem besiegelten Beschluß des Verhängnisses beim Eintreten in die Mauern fanden, daß sein Vater zur Barmherzigkeit Gottes, des Erhabenen, abgeschieden war, und daß die Stadt, die nunmehr keinen König hatte, wie eine Schafherde ohne Hirten geworden war. Überdies war er überzeugt, daß die Großen des Reiches seines Vaters und die Häupter des Landes und alle die Unterthanen in größter Verwirrung waren. Da begab er sich in den Palast und suchte seine Mutter auf; als er sah, daß sie noch immer nicht von ihrer Krankheit genesen war, holte er das Wasser des Lebens hervor und gab ihr ein wenig davon zu trinken, 96 worauf die Gesundheit zu ihr zurückkehrte, und sie sich von ihrem Lager erhob und sich setzte und ihn begrüßte und nach seinen Brüdern fragte. Er verheimlichte ihr jedoch die Sache, aus Furcht, es könnte ihre schwache Gesundheit von neuem erschüttern, und entdeckte ihr nichts sondern sagte: »Wir trennten uns an dem und dem Ort, um nach dem Wasser des Lebens zu suchen.« Alsdann betrachtete sie seine Begleiterin, die Jüdin, die in der Form der Anmut gegossen war, und fragte ihn, wer die Frau wäre, worauf er ihr die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende erzählte, jedoch noch immer aus dem angegebenem Grunde das Schicksal seiner Brüder verheimlichend. Am folgenden Tage verbreitete sich das Gerücht von der Heimkehr des Prinzen in der Stadt, und die Wesire, die Emire und Großen des Reiches und alle, die ein Amt hatten, versammelten sich bei ihm und setzten ihn als König und Sultan an seines Vaters Statt ein. Und so setzte er sich auf den Thron seines Königreiches und befahl und verbot und setzte ein und ab, bis er nach einer Weile Lust bekam sich an der Jagd zu vergnügen und die Stunde fröhlich zu genießen. Infolgedessen ritt er mit seinem Gefolge zur Stadt hinaus, als sein Blick auf ein Beduinenmädchen fiel, das bei ihrem Vater dem Scheich stand und sein Gefolge betrachtete; und das Alter des Mädchens mochte dreizehn Jahre zählen. Sobald aber der König das Mädchen gewahrte, zog die Liebe zu ihm in sein Herz ein, da es vollkommen an Schönheit und Anmut war. Hierauf kehrte er in seinen Palast zurück und ließ ihren Vater vor sich entbieten, bei dem er um sie anhielt. Der Scheich antwortete jedoch und sprach: »O unser Herr Sultan, ich will meine Tochter nur einem Manne geben, der ein Handwerk versteht, denn Handwerk ist ein Schutz gegen Armut, und die Leute sagen: »Wenn das Handwerk auch nicht reich macht, so schützt es doch vor Armut.« Da dachte der König bei sich nach und sagte zu dem Scheich: »O Mann, ich bin ein König und Sultan, und bei mir ist überreiches Gut.« Der Scheich 97 versetzte jedoch: »O König der Zeit, auf das Königtum ist kein Verlaß.« Da ließ der König in seiner großen Liebe zum Mädchen den Scheich der Mattenflechter kommen und lernte von ihm die Kunst des Flechtens, indem er diese Artikel in verschiedenen Farben sowohl einfach als auch gestreift wirkte. Dann schickte er zum Vater des Mädchens und teilte ihm mit, was er gelernt hatte, worauf der Scheich zu ihm sagte: »O König der Zeit, meine Tochter lebt in ärmlichen Verhältnissen, und du bist ein König, und vielleicht kann aus einer Sache eine ernste Geschichte entstehen. Überdies könnten auch die Leute reden: Unser König hat ein Beduinenmädchen geehelicht.« Der König entgegnete: »O Scheich, alle Menschen sind Kinder von Adam und Eva.« Hierauf gab ihm der Beduine seine Tochter und traf in der kürzesten Zeit alle Vorkehrungen; und, als das Eheband geknüpft war, suchte der König sie heim und fand in ihr eine jungfräuliche Perle. Er erfreute sich ihrer und fühlte sich zufriedenen Herzens, bis er, nachdem er ein volles Jahr bei ihr verweilt hatte, eines Tages beschloß, in Verkleidung auszugehen und die Stadt zu durchstreifen, um sich allein und ohne Begleitung zu vergnügen. Infolgedessen begab er sich in seinen Kleiderraum und legte ein Derwischgewand an, worauf er in der Morgenfrühe ausging und die Gassen durchstreifte und die Straßen und Bazare in Augenschein nahm, ohne zu wissen, was im Schoß der Zukunft für ihn verborgen war. Um die Mittagszeit trat er in eine Sackgasse, die vom Bazar abseits führte, und schritt in ihr entlang, bis er ihr Ende erreichte, wo ein Koch stand und KabâbenKleingeschnittenes Hammel- oder Ziegenfleisch am Spieß gebraten. briet. Da sprach er bei sich: »Tritt in jenen Laden ein und iß dort.« Alsdann trat er ein und ward von einigen Ladnern empfangen, die ihn, als sie ihn im Derwischgewand sahen, begrüßten und ihn hineingeleiteten, worauf er zu ihnen sagte: »Ich wünsche ein Mittagessen.« Sie erwiderten: »Auf Kopf und Auge,« und führten 98 ihn in einen Raum im Innern des Ladens, von dem sie ihn in einen andern geleiteten, bis sie zu dem beabsichtigten Platz gelangten, wo sie zu ihm sagten: »Tritt hier hinein, mein Herr.« Er stieß die Thür auf, und, da er in dem Gemach eine Matte und einen Gebetsteppich darüber ausgebreitet fand, sprach er bei sich: »Bei Gott, dies ist in der That ein versteckter Platz, wohl verborgen vor den Augen der Leute.« Dann trat er auf den Gebetsteppich zu und zog seine Babuschen aus. Kaum aber hatte er sich niedergesetzt, als er durch den Boden zehn Klaftern in die Tiefe fiel. Beim Fallen rief er: »Rette mich, o Gott, du Retter!« Denn nun erkannte er, daß die Leute jenes Ortes nur zum Vorwand Kabâben machten und eine Grube in ihrem Hintergebäude gegraben hatten. Ebenso war er überzeugt, daß alle, die zu ihnen kamen und ein Mittagessen verlangten, zu jenem Platz geführt wurden, wo sie den Gebetsteppich ausgebreitet fanden und annahmen, daß er dort zum Gebrauch für die Tischgäste ausgebreitet war. Als aber der Sultan von seinem Sitz in den Keller gefallen war, folgten ihm die Räuber, um ihn zu ermorden und seine Sachen fortzunehmen, wie sie es mit so vielen andern gethan hatten. Da sagte er zu ihnen: »Weshalb wollt ihr mich ermorden, wo meine Sachen keine tausend Fadda wert sind, und ich keinen einzigen besitze? Jedoch verstehe ich ein Handwerk und will hier in der Grube sitzend arbeiten, während ihr meine Erzeugnisse nehmt und für tausend Fadda verkauft. Jeden Tag will ich für euch arbeiten und ein Stück fertig stellen, ohne daß ich mehr verlangte als Speise und Trank und dauernde Abgeschiedenheit in euern Räumen.« Nun fragten sie: »Was für ein Handwerk verstehst du?« Er versetzte: »Das Mattenweben; bringt mir also für einen Piaster Rohr und für einen Piaster Garn.« Da gingen sie fort und holten ihm das Verlangte, worauf er eine Matte anfertigte und zu ihnen sagte: »Nehmt dies und verkauft es nicht unter tausend Fadda.« Sie gingen fort und trugen die Arbeit auf den Bazar, wo sich die Leute, 99 sobald sie dieselbe sahen, sofort um den Verkäufer drängten, indem einer den andern überbot, bis der Preis auf zwölfhundert Halbe gestiegen war, so daß die Räuber zu einander sprachen: »Bei Gott, dieser Derwisch kann uns großen Gewinn einbringen und ohne anderweitigen Handel reich machen.« Und so brachten sie ihm zehn Tage lang an jedem Morgen Rohr und Garn, und er webte ihnen eine Matte, die sie für den gleichen Preis verkauften.

In dieser Weise erging es dem Sultan; was aber die Wesire, Emire und Großen des Reiches anlangt, so begaben sie sich zum Diwan am ersten, zweiten und dritten Tag, bis die Woche zu Ende gegangen war, und warteten, daß ihr König kommen sollte; jedoch erschien er nicht, und sie vernahmen auch keine Kunde und fanden keine Spur von ihm, und keiner wußte, wohin er gekommen war. Sie waren deshalb schwer bekümmert und ratlos, und die Leute redeten hin und her und brachten ein jeder seine Meinung vor, ohne daß sie jemand wies, was sie thun sollten. So oft sie den Harem fragten, erhielten sie die Antwort: »Wir haben keine Nachricht von ihm,« und schließlich kamen sie in ihrer Ratlosigkeit überein, da ihr König verschwunden war, einen Sultan als seinen Nachfolger einzusetzen. Die Wesire sagten jedoch: »Wartet, bis Gott uns einen Weg öffnet, durch den wir zu ihm geführt werden.« Nun hatte aber der König von den Leuten der Grube Rohr von verschiedenen Farben, rotes und grünes, verlangt, und, als sie es ihm gebracht hatten, machte er sich daran eine gestreifte Matte zu weben, auf der er durch Marken und Zeichen den Namen der Straße, in der er eingekerkert war, abbildete und seinen Leuten den Weg dorthin und die Lage angab. Dann sagte er zu den Räubern: »Diese Matte paßt allein für die Bewohner des königlichen Palastes, und ihr Wert beträgt siebentausend Fadda. Nehmt sie und begebt euch mit ihr zum Sultan, der sie von euch kaufen und euch den Preis bezahlen wird.« Sie gehorchten seinem Befehl und gingen zum Palast des 100 Großwesirs, den sie mit den Herren des Reiches und den Vornehmen dasitzend und über die Sache des Königs redend antrafen. Als sie mit der Matte bei ihm eintraten, fragte der Wesir: »Was habt ihr da bei euch?« Sie versetzten: »Eine Matte.« Hierauf befahl er ihnen sie aufzurollen, und sie thaten es vor ihm; da er aber scharfsinnig und in allen Geschäften wohlbewandert war, sah er sie an und prüfte das Bündel, es um und umkehrend und genau betrachtend, bis er plötzlich die darauf dargestellten Zeichen gewahrte. Er begriff sofort, was sie bedeuteten, und ward so zu dem Platz, in welchem der König eingesperrt war, richtig geleitet; und, sich sofort erhebend, befahl er die Leute, die die Matte gebracht hatten, festzunehmen, und machte sich mit ihnen und einem Trupp auf den Weg. Bei dem Platz angelangt, gingen sie hinein und öffneten den Kellerraum, aus dem sie den König, der noch immer als Derwisch verkleidet war, hervorzogen. Dann schickte der Wesir nach dem Scharfrichter, und, als er kam, nahmen sie alle Bewohner jener Stätte fest, und der Scharfrichter köpfte sie, während die Weiber in große Säcke aus Kamelhaaren gesteckt und im Fluß ersäuft wurden; ferner plünderten sie das ganze Haus aus, und der Sultan erteilte Befehl, es abzureißen und dem Boden gleich zu machen. Nachdem alles dies ausgeführt war, fragten sie den Sultan, wie es kam, daß sich dies zugetragen hatte, und er berichtete ihnen alles von Anfang bis zu Ende und rief zum Schluß: »Bei Gott, die einzige Ursache meines Entkommens aus dieser Gefahr war das Handwerk, das ich erlernte, nämlich das Matten machen, und Gott, der Erhabene, lohne es meinem Lehrmeister mit Gutem, da er die Ursache meiner Befreiung war! Hätte ich diese Kunst nicht gelernt, so hättet ihr nie den Weg zu meiner Entdeckung gefunden, dieweil Gott für jede Wirkung eine Ursache macht.« 101

 


 

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