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Tausend und eine Nacht. Band XX

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XX - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XX
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages180
created20180514
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schluß der Geschichte des Prinzen Chudadad.

So erzählte die Prinzessin von Darjabar ihre Geschichte dem Prinzen Chudadad, der von Mitleid zu ihr erfüllt ward 168 und, um sie zu trösten, zu ihr sprach: »Von nun an fürchte nichts und ängstige dich in keiner Weise. Diese Prinzen sind die Söhne des Königs von Harrân; und wenn es dir beliebt, so laß dich von ihnen an seinen Hof führen und mit Bequemlichkeit und Luxus ausstatten; der König wird dich ebenfalls vor allem Übel schützen. Wenn du aber keine Lust haben solltest mit ihnen zu ziehen, möchtest du dann nicht einwilligen, den zum Gatten zu nehmen, der dich aus so großer Drangsal befreit hat?« Da willigte die Prinzessin von Darjabar ein ihn zu heiraten, und die Hochzeit ward alsbald mit großem Gepränge im Schloß gefeiert, wo sie mannigfache Fleischgerichte und verschiedene Getränke, kostbare Früchte und feine Weine vorfanden, woran sich der Menschenfresser gütlich zu thun pflegte, wenn er des Menschenfleisches überdrüssig war. So richtete denn Chudadad allerlei Gerichte an und bewirtete seine Brüder. Am andern Tage nahmen sie als Proviant mit, was da war, und brachen insgesamt nach Harrân auf, indem sie an jeder Station eine geeignete Stätte zum Übernachten aussuchten; und als nur noch eine Tagereise vor ihnen lag, verspeisten die Prinzen den Rest ihrer Zehrung zur Nacht und tranken die letzte Neige Wein aus. Als aber der Wein ihre Sinne erregt hatte, wendete sich Chudadad zu seinen Brüdern und sprach: »Bisher habe ich euch das Geheimnis meiner Geburt vorenthalten, doch will ich es euch jetzt enthüllen. Wisset, ich bin euer Bruder, denn ich bin ebenfalls ein Sohn des Königs von Harrân, den der Herr des Landes Samaria erzog und unterrichten ließ. Meine Mutter ist die Prinzessin Firûse.« Dann sprach er zur Prinzessin von Darjabar: »Du kanntest nicht meinen Rang und Stamm, und wenn ich mich dir zuvor zu erkennen gegeben hätte, so wäre dir vielleicht die Kränkung erspart geblieben, von einem Mann aus gemeinem Blut gefreit zu werden. Doch nun beruhige dein Gemüt, denn dein Gemahl ist ein Prinz.« Sie versetzte: »Wiewohl du mir bis jetzt nichts entdecktest, so fühlte sich mein Herz jedoch 169 überzeugt, daß du von edler Geburt warst und eines mächtigen Herrschers Sohn.«

Die Prinzen schienen äußerlich insgesamt sich sehr zu freuen und beglückwünschten ihn warm während der Hochzeitsfeier; innerlich aber waren sie von Neid und schwerem Verdruß über diesen unwillkommenen Ausgang der Dinge erfüllt, so daß, als sich Chudadad mit der Prinzessin von Darjabar zum Schlafen in sein Zelt zurückzog, die Undankbaren, ohne des Dienstes zu gedenken, den ihr Bruder ihnen durch die Befreiung aus den Händen des menschenfressenden Abessiniers geleistet hatte, in Gedanken versanken und, einen sichern Ort aufsuchend, miteinander des Rates pflogen ihn zu ermorden. Der erste von ihnen sprach: »O meine Brüder, unser Vater bezeugte ihm die größte Liebe, als er uns nichts weiter als ein unbekannter Landstreicher war, und machte ihn zu unserm Gebieter und Lehrmeister. Jetzt aber, wenn er von seinem Sieg über den Menschenfresser vernehmen und erfahren wird, daß der Fremde sein Sohn ist, wird da unser Vater nicht zur Stunde diesen Bankert zu seinem einzigen Erben ernennen und ihm die Herrschaft über uns geben, so daß wir alle gezwungen sind ihm zu Füßen zu fallen und sein Joch zu tragen? Mein Rat geht demnach dahin, daß wir auf der Stelle ein Ende mit ihm machen.« Infolgedessen schlichen sie sacht in sein Zelt und versetzten ihm von allen Seiten Schwerthiebe, bis ihm jedes Glied zerhauen war und sie sich überzeugt hielten, ihn tot auf dem Bett gelassen zu haben, ohne die Prinzessin zu erwecken. Am nächsten Morgen zogen sie dann in die Stadt Harrân und boten dem König den Salâm, der bereits daran verzweifelt hatte, sie noch einmal wiederzusehen. Als er sie nun wohl und munter und gesund wieder sah, freute er sich um so mehr über sie und fragte sie, warum sie so lange von ihm ausgeblieben wären. In ihrer Antwort verbargen sie ihm sorgfältig, daß sie von dem Ghûl aus Abessinien in den Kerker geworfen und von Chudadad befreit worden waren; im Gegenteil 170 erklärten sie, daß sie durch die Jagd und die Besichtigung der benachbarten Städte und Länder so lange aufgehalten worden waren; und der Sultan glaubte ihren Worten und schwieg.

Soviel von ihnen; als nun aber die Prinzessin von Darjabar am nächsten Morgen erwachte, fand sie ihren Hochzeiter blutüberströmt und mit zwanzig Wunden zerhauen und durchbohrt daliegen, so daß sie ihn für tot hielt und bitterlich über diesen Anblick weinte. Indem sie seiner Jugend und Schönheit, seiner Tapferkeit und vielen Tugenden gedachte, badete sie sein Gesicht mit ihren Thränen und rief: »Weh über mich! O mein Geliebter, o Chudadad, schauen diese Augen auf deinen jähen und gewaltsamen Tod? Haben deine Brüder, diese Teufel, die dein Mut errettete, dich ermordet? Nein, ich bin deine Mörderin; ich, die es zuließ, daß du dein Schicksal an mein unseliges Geschick knüpftest, ein Geschick, das alle, die sich mir nähern, ins Verderben stürzt!« Indem sie dann den Körper aufmerksam betrachtete, gewahrte sie, daß der Atem noch langsam aus seinen Nüstern kam und ging, und daß seine Glieder noch warm waren. Da verschloß sie die Zeltthür und eilte zur Stadt, einen Wundarzt zu suchen; und als sie einen geschickten Arzt fand, kehrte sie mit ihm zurück, doch, siehe, Chudadad fehlte. Sie wußte nicht, was aus ihm geworden war, doch glaubte sie, irgend ein reißendes Tier hätte ihn fortgeschleppt; sie weinte daher bitterlich und jammerte über ihr Unglück, so daß der Arzt von Mitleid zu ihr erfaßt ward und ihr unter trostreichen und besänftigenden Worten sein Haus und seine Dienste anbot; und schließlich nahm er sie zu sich in die Stadt und wies ihr eine besondre Wohnung an. Ebenso stellte er zwei Sklavinnen zu ihrer Bedienung an, und wiewohl er nichts von ihrem Rang wußte, wartete er ihr stets mit Respekt und Ergebenheit wie einer Prinzessin auf. Eines Tages, als sie weniger traurig als sonst war, fragte sie der Arzt, der sich inzwischen über ihren Rang erkundigt hatte, und sprach zu ihr: »O meine Herrin, beliebe mir über deinen Stand und deine Mißgeschicke 171 Auskunft zu geben; soweit es an mir liegt, will ich mir Mühe geben dir Hilfe und Beistand zu leisten.« Da sie aber sah, daß der Arzt verschlagen und dabei doch zuverlässig war, erzählte sie ihm ihre Geschichte, worauf der Arzt zu ihr sagte: »Wenn es dein Wunsch ist, so möchte ich dich gern zu deinem Schwiegervater, dem König von Harrân, bringen, der ein weiser und gerechter Herrscher ist. Er wird sich freuen dich zu sehen und wird Rache an den undankbaren Prinzen, seinen Söhnen, für das ungerechterweise vergossene Blut deines Gatten nehmen.« Diese Worte gefielen der Prinzessin, und so mietete der Arzt zwei Dromedare, und beide saßen auf und ritten nach der Stadt Harrân. Sie stiegen an demselben Abend in einer Karawanserei ab, und der Arzt erkundigte sich, was für Neuigkeiten aus der Stadt gebracht wären, worauf der Schließer versetzte: »Der König von Harrân hatte einen überaus tapfern untadligen Sohn, der einige Jahre lang als ein Fremdling bei ihm lebte; vor kurzem verschwand er jedoch, und niemand weiß, ob er tot oder lebendig ist. Seine Mutter die Prinzessin Firûse ließ in allen Himmelsrichtungen nach ihm suchen, jedoch fand sie weder eine Spur noch eine Nachricht von ihm. Seine Eltern und alles Volk, Reich und Arm, beweinen und beklagen ihn nun, und wiewohl der Sultan noch neunundvierzig Söhne hat, so kann sich keiner von ihnen mit ihm an ritterlichen Thaten messen, und keiner vermag ihn zu trösten. Es ist überall nach ihm geforscht und gesucht, jedoch ist bis jetzt alles vergeblich gewesen.« Hierauf teilte der Arzt der Prinzessin von Darjabar diese Worte mit, die sich sofort zu Chudadads Mutter aufmachen und ihr alles, was ihrem Gemahl widerfahren war, erzählen wollte. Nach reiflicher Überlegung sagte jedoch der Arzt: »O Prinzessin, wenn du dich in dieser Absicht aufmachen wolltest, so könnten vielleicht die neunundvierzig Prinzen noch vor deinem Eintreffen von deinem Kommen hören. Auf eine oder die andre Weise bringen sie dich dann sicherlich um, und dein Leben ist nutzlos geopfert. Laß mich 172 daher lieber zuerst zu Chudadads Mutter gehen und ihr deine ganze Geschichte erzählen; sie wird dann zweifellos nach dir schicken. Bis dahin aber bleib' in dieser Karawanserei verborgen.« Hierauf ritt der Arzt gemächlich in die Stadt, und unterwegs traf er eine Dame auf einer Maultierstute mit dem reichsten und feinsten Sattelzeug, während hinter ihr vertraute Diener schritten, gefolgt von einer Reiterschar und Fußtruppen und abessinischen Sklaven. Und beim Reiten bildete das Volk zur Rechten und Linken Spalier und begrüßte sie, während sie an ihnen vorüberzog. Der Arzt schloß sich gleichfalls der Menge an und huldigte der Dame, worauf er einen der Dastehenden, einen Derwisch, fragte und sprach: »Mir deucht, die Dame ist sicherlich eine Königin?« »So ist's,« versetzte der Derwisch; »es ist die Gemahlin unsers Sultans, und alles Volk ehrt und achtet sie mehr als die andern Frauen des Sultans, da sie des Prinzen Chudadad Mutter ist, von dem du sicherlich schon gehört hast.« Da begleitete der Arzt den Reiterzug, und als die Königin bei einer Hauptmoschee abstieg und Aschrafīs und andre Goldmünzen als Almosen unter alle Anwesenden verteilte, – denn der König hatte ihr befohlen bis zur Rückkehr des Prinzen Chudadad eigenhändig an die Armen milde Spenden zu verteilen und für des Jünglings wohlbehaltene Heimkehr zu beten, – da mischte sich der Arzt unter die Menge, die einstimmig für ihren Liebling flehte, und flüsterte einem Sklaven die Worte ins Ohr: »O mein Bruder, ich muß der Königin Firûse unverzüglich ein Geheimnis, das ich hüte, mitteilen.« Der Sklave erwiderte: »Wenn es etwas ist, das den Prinzen Chudadad betrifft, so ist's gut, die Gemahlin des Königs wird dir dann sicherlich Gehör geben; ist's jedoch etwas andres, so dürftest du schwerlich Gehör bei ihr finden, da sie durch das Ausbleiben ihres Sohnes niedergeschlagen ist und für nichts andres Sinn hat.« Der Kaufmann erwiderte, noch immer leise sprechend: »Mein Geheimnis betrifft das, womit sich ihre Gedanken beschäftigen.« Da entgegnete der 173 Sklave: »Wenn dem so ist, so folge ihrem Zug insgeheim, bis sie am Palastthor anlangt.«

Als nun die Herrin Firûse bei ihren königlichen Gemächern angelangt war, trat der Sklave an sie heran und sprach: »Ein Fremder möchte dir gern etwas unter vier Augen mitteilen.« Sie gewährte ihm die Erlaubnis und sagte: »'s ist gut, laß ihn hierher führen.« Hierauf brachte der Sklave den Arzt zur Königin, die ihm mit huldvoller Miene näher zu treten befahl. Nachdem er die Erde vor ihr geküßt hatte, sprach er zu ihr: »Ich habe deiner Hoheit eine lange Geschichte zu erzählen, über die du dich schwer verwundern wirst.« Alsdann erzählte er ihr Chudadads Geschichte, die Schurkerei seiner Brüder, seine Ermordung durch ihre Hände und das Verschwinden seines Leichnams, der wahrscheinlich durch wilde Tiere geraubt wäre. Als die Königin Firûse die Ermordung ihres Sohnes vernahm, fiel sie auf der Stelle ohnmächtig zu Boden, worauf die Diener herzueilten und, sie aufrichtend, ihr Gesicht mit Rosenwasser besprengten, bis sie wieder zum Bewußtsein kam. Dann erteilte sie dem Arzt Befehl und sprach zu ihm: »Begieb dich sofort zur Prinzessin von Darjabar und bestelle ihr Grüße und Beileidsbezeugungen von mir und seinem Vater.« Als dann der Arzt wieder fort war, gedachte sie ihres Sohnes und weinte bitterlich. Es traf sich aber gerade, daß der Sultan vorüberkam und Firûse weinen und stöhnen und bitterlich jammern hörte. Er fragte sie deshalb nach der Ursache hiervon, und nun erzählte sie ihm alles, was sie vom Arzt vernommen hatte. Da erhob sich der Sultan sofort, von heißem Zorn gegen seine Söhne erfaßt, und begab sich in die Audienzhalle, wo sich das Stadtvolk versammelt hatte, Bittgesuche an ihn zu richten und ihn um Gerechtigkeit und Abhilfe anzugehen. Als sie seine zornerregte Miene sahen, fürchteten sie sich gewaltig, der Sultan aber setzte sich auf den Thron seines Königreiches und befahl seinem Großwesir: »O Wesir Hasan, nimm tausend Mann von der Palastgarde 174 zu dir und bring' die neunundvierzig Prinzen, meine unwürdigen Söhne, hierher und wirf sie in das für die Totschläger und Mörder bestimmte Gefängnis; und hüte dich, daß keiner entrinnt.« Der Wesir that nach dem Geheiß des Sultans und ergriff die Prinzen und warf sie insgesamt zu den Mördern und andern Verbrechern ins Gefängnis, worauf er es seinem Herrn vermeldete. Da entließ der Sultan einige der Kläger und Bittsteller mit den Worten: »Von heute an geziemt es mir nicht für einen vollen Monat in der Gerichtshalle zu sitzen. Geht von hinnen, und wenn die dreißig Tage verstrichen sind, so mögt ihr wiederkommen.« Hierauf erhob er sich vom Thron und betrat, den Wesir mit sich nehmend, das Gemach der Königin Firûse, indem er dem Wesir befahl sofort und mit aller königlichen Pracht die Prinzessin von Darjabar und den Arzt aus der Karawanserei zu holen. Der Wesir setzte sich sofort auf und ritt, begleitet von den Emiren und Truppen und eine hübsche weiße Maultierstute aus dem Marstall des Sultans mit reichem juwelenbesetzten Sattelzeug mit sich führend, zur Karawanserei, in der die Prinzessin von Darjabar wohnte. Nachdem er ihr alles, was der König gethan, berichtet hatte, nahm er sie auf das Maultier und setzte den Arzt auf ein Roß von turkmenischem Geblüt, worauf alle mit Pomp und Majestät zum Palast zurückkehrten. Alle Ladeninhaber und das ganze Stadtvolk kamen herausgeeilt das Fräulein zu begrüßen, als sich der Reiterzug durch die Straßen schlängelte; und als sie vernahmen, daß es die Gemahlin des Prinzen Chudadad war, freuten sie sich mächtig darüber nun Nachrichten von seinem Aufenthalt zu empfangen. Sobald der Zug die Palastthore erreicht hatte, und die Prinzessin von Darjabar den Sultan erblickte, der zu ihrer Begrüßung herausgekommen war, stieg sie vom Maultier ab und küßte ihm die Füße. Dann richtete der König sie, indem er ihre Hand erfaßte, auf und führte sie in das Zimmer, in dem die Königin Firûse, auf ihren Besuch wartend, saß, und alle drei fielen einander um den 175 Hals und weinten bitterlich, ohne imstande zu sein ihren Kummer zu bemeistern. Als sich ihr Gram endlich ein wenig gelegt hatte, sprach die Prinzessin von Darjabar zum König: »O mein Herr Sultan, ich möchte in aller Ergebenheit bitten, daß volle Rache alle diejenigen treffen mag, die meinen Gatten so schmählich und grausam ermordet haben.« Der König versetzte: »O meine Herrin, sei versichert, daß ich alle diese Schurken unbedingt zur Strafe für Chudadads vergossenes Blut hinrichten lassen werde.« Dann setzte er hinzu: »Es ist wahr, daß der Leichnam meines tapfern Sohns bisher noch nicht gefunden ward, jedoch erscheint es mir nur recht, daß ihm ein Grabmal errichtet wird, durch welches seine Größe und Güte in ewigem Gedächtnis gehalten wird.« Hierauf ließ er den Großwesir entbieten und befahl ihm ein großes Mausoleum aus weißem Marmor mitten in der Stadt erbauen zu lassen, worauf der Wesir sofort Werkleute berief und einen geeigneten Platz mitten in der Stadt für das Mausoleum aussuchte. Sie erbauten hier einen gewaltigen Kenotaph, überragt von einer stolzen Kuppel, unter der Chudadads Bildsäule aufgestellt wurde; und als der König von der Fertigstellung des Werks benachrichtigt wurde, setzte er einen Tag für die Trauerceremonie und die Koranverlesungen fest. Zur festgesetzten Zeit strömte das Stadtvolk zusammen, um die Leichenprozession und die Feierlichkeiten für den Toten zu sehen, und der Sultan begab sich in feierlichem Aufzug mit all den Wesiren, den Emiren und Großen des Reiches ins Mausoleum, wo sie sich auf Teppichen von schwarzem, mit goldenen Blumen besticktem Satin setzten, die über den Marmorboden gebreitet waren. Nach einer Weile kam ein Trupp von Rittern mit gesenkten Häuptern und halbgeschlossenen Augen angeritten; nachdem sie zweimal um das Mausoleum die Runde gemacht hatten, hielten sie beim dritten Male vor der Thür und riefen laut: »O Prinz, o Sohn unsers Sultans, vermöchten wir dich doch durch unser gutes Schwert oder die Kraft unsers tapfern Arms ins Leben 176 zurückrufen! Weder das Herz noch die Stärke sollte uns bei unserm Versuch fehlen. Vor dem Schicksal Gottes, des Erhabenen, müssen wir jedoch unsern Nacken beugen.« Alsdann ritten die Reiter wieder zurück, von wannen sie kamen, worauf ihnen hundert greise Eremiten folgten, Höhlenbewohnern, die ihr Leben in Einsamkeit und Askese verbracht und nie mit einem Mann oder einem Weib gesprochen hatten, sondern nur zu den Totenfeierlichkeiten des Königshauses nach Harrân kamen. An der Spitze dieser Graubärte schritt einer, der auf seinem Haupte einen großen und schweren Folianten trug, den er mit seiner Hand festhielt. Nachdem sie dreimal um das Mausoleum die Runde gemacht hatten, machten sie auf der Straße Halt, und der Älteste von ihnen rief mit lauter Stimme: »O Prinz, vermöchten wir dich durch unsre Gebete und Andacht ins Leben zurückrufen, unsre Herzen und Seelen sollten deiner Erweckung gewidmet sein, und sobald wir dich noch einmal wieder zum Leben erstehen sehen, würden wir deine Füße mit unsern von Alter gebleichten Bärten abwischen.« Nachdem sich dann die Scheiche zurückgezogen hatten, erschienen hundert Mädchen von wunderbarer Schönheit und Anmut auf weißen Berberrossen mir reichgestickten und juwelenbesetzten Sätteln; ihre Angesichter waren entblößt, und auf ihren Häuptern trugen sie goldne Büchsen, gefüllt mit Edelsteinen, Rubinen und Diamanten. Sie ritten ebenfalls dreimal um das Mausoleum, worauf sie an der Thür hielten und die jüngste und schönste von ihnen im Namen ihrer Schwestern rief: »O Prinz, vermöchte unsre Jugend und Schönheit dir etwas zu nützen, wir würden vor dir erscheinen und deine Sklavinnen werden; doch ach! du weißt sehr wohl, daß all unsre Reize hier vergeblich sind, und daß unsre Liebe deinen Staub nicht zu erwärmen vermag.« Alsdann zogen sie gleichfalls in tiefster Trauer ab. Sobald als sie den Blicken entschwunden waren, erhob sich der Sultan und sein Gefolge, und alle schritten dreimal um die Bildsäule, die unter der Kuppel aufgestellt war. Dann stellten 177 sie sich zu ihren Füßen auf, und der Vater sprach: »O mein geliebter Sohn, mach' diese Augen hell, welche durch die Schmerzen über die Trennung von Thränen so getrübt sind.« Hierauf weinte er bitterlich, und alle seine Wesire und Höflinge und Großen trauerten und wehklagten mit ihm. Als sie dann die Totenfeier beendet hatten, kehrte der Sultan mit seinem Gefolge zum Palast zurück, und die Thür des Mausoleums ward verschlossen. Alsdann ließ der Sultan eine ganze Woche lang in den Moscheen Gottesdienst abhalten und trauerte und weinte und wehklagte acht Tage lang vor dem Kenotaph seines Sohnes. Hierauf befahl er dem Großwesir die Rache für den Mord des Prinzen Chudadad zu vollstrecken und die Prinzen aus dem Kerker zu holen und hinzurichten. Das Gerücht hiervon verbreitete sich in der Stadt, und die Vorkehrungen zur Hinrichtung der Mörder wurden getroffen, und eine Menge Volks versammelte sich bei dem Schafott, als sich mit einem Male das Gerücht verbreitete, daß ein Feind, den der König in frühern Tagen geschlagen hatte, mit einem siegreichen Heer wider die Stadt heranrückte. Der Sultan ward von dieser Nachricht schwer erschreckt und niedergeschlagen, und die Wesire sprachen einer zum andern: »Ach, wenn der Prinz Chudadad lebte, er würde auf der Stelle die Truppen des Feindes, so trotzig und kühn sie auch wären, in die Flucht geschlagen haben.« Indessen zog der Sultan mit seinen Streitern ins Feld, indem er zugleich Vorkehrungen zur Flucht über den Strom in ein andres Land traf, falls der Feind siegen sollte. Alsdann stießen beide Schlachtreihen in todbringenden Streit zusammen; die Feinde umzingelten jedoch das Heer des Königs von Harrân von allen Seiten und hätten ihn samt allen seinen Kriegern in Stücke zerhauen, wenn nicht plötzlich eine bisher unbemerkte Streiterschar so schnell und sicher über die Ebene herangesprengt wäre, daß beide Könige in höchstem Erstaunen nach ihr ausschauten, ohne daß einer von ihnen wußte, woher sie kam. Als sie näher rückte, griffen die Reiter die Feinde an und 178 schlugen sie im Nu in die Flucht, worauf sie dieselben hitzig verfolgten und mit dem schneidenden Schwert und dem durchbohrenden Speer fällten. Als der König von Harrân dies sah, verwunderte er sich höchlichst und, dem Himmel dankend, wendete er sich zu seiner Umgebung und sprach: »Sucht den Namen des Anführers jener Schar zu erfahren, wer er ist und woher er kommt.« Als aber alle Feinde gefallen waren, mit Ausnahme einiger weniger, die nach hier und dort versprengt waren, und als der feindliche Sultan gefangen genommen war, ließ der Anführer der befreundeten Truppen von der Verfolgung ab, um den König zu begrüßen. Und siehe, als sich beide einander näherten, erkannte der Sultan, daß der Anführer niemand anders war als sein geliebter Sohn Chudadad, weiland verloren und nunmehr wiedergefunden. Unaussprechliche Freude erfaßte ihn, daß sein Feind auf diese Weise geschlagen war, und daß er noch einmal seinen Sohn Chudadad wieder zu schauen bekam, der vor ihm wohl und munter und gesund dastand. Und nun sprach der Prinz: »O mein Vater, ich bin es, den du für tot hieltest; doch Gott, der Erhabene, erhielt mich am Leben, daß ich an dem heutigen Tage für dich einstände und deine Feinde vernichtete.« Der König versetzte: »O mein geliebter Sohn, ich hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben und glaubte dich nimmer wieder mit meinen Augen zu sehen.« Alsdann stiegen Vater und Sohn von ihren Pferden und umarmten einander, worauf der Sultan, seinen Sohn bei der Hand fassend, sprach: »Seit langem kannte ich deine Heldenthaten und hörte, wie du deine unseligen Brüder aus den Händen des abessinischen Menschenfressers befreitest, und wie sie es dir so übel lohnten. Geh' nun zu deiner Mutter, die so bitterlich um dich weinte, daß sie sich zu Haut und Knochen verzehrte. Sei du der erste, ihr Herz zu erfreuen, und bring' ihr die Freudenbotschaft von deinem Sieg.«

Als sie heimwärts ritten, fragte der Prinz seinen Vater den Sultan, wie er von dem Abessinier und der Befreiung 179 der Prinzen aus den Klauen des Menschenfressers vernommen hätte. »Hat einer meiner Brüder,« so fragte er, »dir etwas von diesem Abenteuer gesagt?« Der König versetzte: »Nein, mein Sohn, sie erwähnten nichts; vielmehr berichtete es mir die Prinzessin von Darjabar; sie wohnt seit vielen Tagen bei mir, und sie vornehmlich verlangte Rache für dein Blut.« Als Chudadad vernahm, daß seine Braut der Gast seines Vaters war, freute er sich über die Maßen und rief: »Laß mich zuerst meine Mutter sehen, alsdann will ich mich zur Prinzessin von Darjabar begeben.«

Hierauf köpfte der König von Harrân seinen Feind und ließ sein Haupt in den Straßen der Stadt zur Schau stellen, und alles Volk frohlockte nicht nur über den Sieg sondern auch über Chudadads wohlbehaltene Heimkehr; und man tanzte und feierte Freudenfeste in jedem Haus. Dann erschien die Königin Firûse und die Prinzessin von Darjabar vor dem Sultan und wünschten ihm Glück, worauf sich beide Hand in Hand zu Chudadad begaben, ihn zu begrüßen, und alle drei fielen einander um den Hals und weinten vor Freude. Hernach saßen der König, die Königin Firûse und seine Schwiegertochter, die Prinzessin von Darjabar, lange Zeit mit dem Prinzen da und plauderten miteinander; und sie wunderten sich, wie Chudadad, trotzdem er zerhauen und zerstochen war, dennoch jener Wildnis lebendig entronnen war. Schließlich forderte der König seinen Sohn auf, ihnen seine Geschichte zu erzählen, worauf er berichtete: »Es traf sich, daß ein Bauer auf einem Kamel an meinem Zelt vorüberkam, und als er mich mit Wunden bedeckt und blutüberströmt daliegen sah, legte er mich auf sein Tier und führte mich heim; dort angelangt, suchte er Wurzeln von Wüstenkräutern und legte sie auf die Wunden, so daß sie sanft heilten, und ich schnell wieder zu Kräften kam. Nachdem ich meinem Wohlthäter gedankt und ihm ein reiches Geschenk gegeben hatte, machte ich mich auf den Heimweg nach der Stadt Harrân, als ich unterwegs die Streitkräfte des Feindes in 180 zahllosen Scharen wider die Stadt anrücken sah. Da machte ich die Sache den Leuten in den Flecken und Dörfern ringsum bekannt und ersuchte sie um Hilfe. Nachdem ich so ein großes Heer zusammengebracht hatte, stellte ich mich an die Spitze desselben und, im Nu auf dem Plan erscheinend vernichtete ich die siegreich vordringende Feindesschar.«

Da dankte der Sultan Gott, dem Erhabenen, und sprach: »Nun mögen alle Prinzen, die sich wider dein Leben verschworen, hingerichtet werden.« Alsdann ließ er sofort den Vollstrecker seiner Rache kommen, doch da legte Chudadad bei seinem Vater Fürbitte ein und sprach: »Fürwahr, o mein Herr König, sie verdienen alle das Schicksal, das du ihnen bereiten willst, doch sind es nicht meine Brüder und wie ich dein Fleisch und Blut? Ich vergebe ihnen bereitwilligst ihre Schuld gegen mich und bitte dich demütig, ihnen ebenfalls zu verzeihen und ihr Leben zu schenken, denn Blut verlangt nach Blut.« Schließlich willigte denn auch der Sultan ein und vergab ihnen ihre Missethat. Hierauf berief er alle Wesire und erklärte Chudadad in Gegenwart der Prinzen, die er aus dem Kerker holen ließ, zu seinem Erben und Thronfolger. Chudadad ließ seinen Brüdern die Ketten und Fesseln abstreifen und umarmte sie der Reihe nach, indem er ihnen dieselbe Liebe und Zärtlichkeit wie im Schloß des abessinischen Menschenfressers bezeugte. Als das Volk von diesem edeln Betragen Chudadads vernahm, jauchzte es ihm laut Beifall zu und liebte ihn noch mehr als zuvor. Der Arzt, welcher der Prinzessin von Darjabar so gute Dienste geleistet hatte, empfing ein Ehrenkleid und ein reiches Geldgeschenk; und so endete, was mit Leid begann, in eitel Freude.

 


 

Ende des zwanzigsten Bandes.

 

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