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Tausend und eine Nacht. Band XX

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XX - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XX
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages180
created20180514
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Chudadad und seine Brüder.

Von hier beginnen die Gallandschen Erzählungen, zu denen bisher noch kein arabischer Text gefunden ist. Dieselben sind nach Burtons englischer Übersetzung der Hindustaniübersetzung des Totārâm Schājân, der den Geschichten wieder das durch Galland geraubte orientalische Gepräge giebt, wiedergegeben.

Es kam mir zu Ohren, o glückseliger König, daß in Harrân, der Hauptstadt von Dijâr Bekr, ein Sultan aus berühmtem 148 Geschlecht lebte, ein Schirmherr des Volks voll Liebe zu seinen Unterthanen, ein Menschenfreund und berühmt durch den Besitz aller Tugenden. Gott, der Erhabene, hatte ihm alles, was sein Herz nur wünschen konnte, beschert, mit Ausnahme eines Kindes; denn wiewohl er hübsche Frauen und anmutige Favoritinnen in Menge in seinem Harem hatte, war ihm kein Sohn beschert worden. Er betete deshalb unablässig zum Schöpfer, und eines Nachts erschien ihm im Traum ein Mann von hübschem Gesicht und heiliger Erscheinung gleich einem Propheten, der ihn anredete und sprach: »O mächtiger König, deine Gelübde sind nunmehr erhört. Steh' morgen früh in der Dämmerung auf, verrichte das Gebet der zweimaligen Verbeugung und erhebe deine Bitten. Dann eile zum Obergärtner deines Palastes und verlange von ihm einen Granatapfel, von dem du so viele Kerne essen magst, als du für gut befindest. Hernach verrichte noch einmal das Gebet der zweimaligen Verbeugung, und dann wird Gott Huld und Gnaden auf dein Haupt niederregnen lassen.«

Als der König bei Tagesanbruch erwachte, erinnerte er sich an das nächtige Gesicht und sagte Gott Dank, worauf er seine Gebete verrichtete und auf den Knieen einen Segen erflehte. Dann erhob er sich und ging in den Garten, wo er sich vom Obergärtner einen Granatapfel geben ließ, von dem er nach der Anzahl seiner Frauen fünfzig Kerne abzählte und aß. Hierauf ruhte er der Reihe nach bei ihnen, und durch die Allmacht des Schöpfers traten bei allen zur gehörigen Zeit die Anzeichen der Schwangerschaft auf, mit Ausnahme einer einzigen, FirûseTürkis. geheißen. Infolgedessen bekam der König eine Abneigung gegen sie und sprach bei sich: »Gott erachtet dieses Weib für gemein und verflucht und wünscht nicht, daß sie die Mutter eines Prinzen wird, weshalb der Fluch der Unfruchtbarkeit ihr Teil geworden ist.« Er wollte sie hinrichten lassen, jedoch legte der Großwesir 149 Fürsprache für sie ein und brachte dem Sultan bei, daß Firûse vielleicht doch mit einem Kinde schwanger ginge ohne äußerliche Anzeichen, wie es mancher Frauen Weise ist; wenn er sie hinrichten ließe, so könnte er also wohl einen Prinzen mit der Mutter ums Leben bringen. Der König versetzte: »Sei es so! Richte sie nicht hin, sorge jedoch dafür, daß sie nicht länger am Hofe oder in der Stadt wohnen bleibt, denn ich vermag ihren Anblick nicht zu ertragen.« Der Wesir erwiderte: »Es soll nach dem Befehl deiner Hoheit geschehen; laß sie unter die Obhut des Sohnes deines Bruders, des Prinzen Samîr, bringen.« Der König that nach dem Rat seines Wesirs und schickte seine ihm überdrüssige Gemahlin nach Samaria zugleich mit einem Schreiben folgenden Inhalts an seinen Neffen: »Wir senden diese Dame unter deine Obhut; behandle sie ehrenvoll, und so du Zeichen von Schwangerschaft an ihr bemerkst, so gieb uns davon ohne Aufschub und Verzug Kunde.«

So zog denn Firûse nach Samaria, und als sich ihre Zeit erfüllte, brachte sie einen Knaben zur Welt und ward die Mutter eines Prinzen, dessen Angesicht wie der helle Tag leuchtete. Da schickte der Herr von Samaria dem Sultan von Harrân einen Brief, in dem er ihm schrieb: »Ein Prinz ist durch den Schoß Firûses geboren; Gott, der Erhabene, schenke dir dauerndes Wohlergehen!« Der König ward durch diese Nachricht von Freude erfüllt und erwiderte seinem Neffen, dem Prinzen Samîr: »Jede meiner neunundvierzig Frauen ist mit einem Sprößling gesegnet, und es freut mich unendlich, daß Firûse mir ebenfalls einen Sohn geschenkt hat; gieb ihm den Namen ChudadadPersisch; das griechische Theodor, Gottesgabe., sorge für ihn, und alles, was du für seine Geburtsfeierlichkeiten bedarfst, soll dir ohne Rücksichten auf die Kosten ausgezahlt werden.«

Hierauf übernahm der Prinz Samîr mit der höchsten Freude die Sorge für den Prinzen Chudadad; und sobald 150 der Knabe das Alter zum Unterricht erreicht hatte, ließ er ihn in der Reit- und Bogenkunst und in allen solchen Künsten und Wissenschaften, wie sie Königssöhnen anstehen, unterrichten, so daß er in allen Kenntnissen vollkommen ward. Im Alter von achtzehn Jahren war er eine stattliche Erscheinung, und seine Stärke und Tapferkeit war so groß, daß sich niemand in der Welt mit ihm messen konnte. Da er sich aber von ungewöhnlicher Stärke und männlichem Charakter fühlte, wendete er sich eines Tages zu seiner Mutter Firûse und sprach zu ihr: »O meine Mutter, gewähre mir die Erlaubnis Samaria zu verlassen und auf Aventiuren auszuziehen, vornehmlich auf irgend einen Kampfplan, wo ich meine Stärke und Kühnheit beweisen kann. Mein Vater, der Sultan von Harrân, hat manche Feinde, von denen es einigen gelüstet wider ihn zu streiten; und es nimmt mich Wunder, daß er mich nicht zu sich rufen läßt und mich zu seinem Helfer in diesen so wichtigen Angelegenheiten macht. Wo ich sehe, daß ich solchen Mut und solche von Gott gegebene Stärke besitze, steht es mir nicht an, müßig daheim zu hocken. Mein Vater weiß nichts von meiner Stärke und denkt überhaupt nicht an mich; ich muß mich deshalb ihm vorstellen und ihm meine Dienste darbieten, bis meine Brüder imstande sind zu fechten und seinen Feinden die Stirne zu bieten.« Seine Mutter erwiderte ihm hierauf: »O mein teurer Sohn, deine Abwesenheit ist mir nicht lieb, jedoch geziemt es sich dir in Wahrheit deinem Vater wider seine Feinde zu helfen, die ihn von allen Seiten angreifen, vorausgesetzt, daß er nach deinem Beistand verlangt.« Der Prinz Chudadad erwiderte jedoch seiner Mutter Firûse: »Ich bin nicht länger zu warten imstande; mein Herz verlangt so sehr meinen Vater den Sultan zu sehen, daß ich unbedingt sterben muß, wenn ich mich nicht aufmache ihn zu besuchen und ihm die Füße zu küssen. Ich will in seinen Dienst als ein Fremder treten, ihm gänzlich unbekannt, und will ihm nicht sagen, daß ich sein Sohn bin; ich will ihm wie ein Fremdling und 151 Mietsmann sein und will ihm mit solcher Ergebenheit dienen, daß er mir, wenn er erfährt, daß ich sein Sohn bin, seine Huld und Liebe gewährt.«

Der Prinz Samîr wollte ihn ebenfalls am Aufbruch hindern und verbot es ihm; eines Tages zog jedoch der Prinz von Samaria aus unter dem Vorwand, er wolle eine Pürschfahrt antreten. Er bestieg ein milchweißes Roß mit goldenen Zügeln und Steigbügeln, und der Sattel und die Schabracken bestanden aus blauem Satin und waren mit Edelsteinen besetzt und mit Fransen von hellen Perlen verziert. Sein Schwert hatte zum Griff einen einzigen Diamanten, die Scheide war mit Rubinen und Smaragden besetzt und hing an einem juwelenstrotzenden Gurt; außerdem hing sein Bogen und ein Köcher von feiner Arbeit an seiner Seite. In solcher Ausrüstung traf er, von seinen Freunden und Gefährten geleitet, wohlbehalten in der Stadt Harrân ein und erschien, sobald die Gelegenheit es gestattete vor dem König und wartete ihm im DarbârDarbâr = Dīwân. auf. Der Sultan, der seine Schönheit und Anmut bemerkte und in dem sich vielleicht auch unbewußt das väterliche Blut regte, war erfreut ihm seinen Salâm zu erwidern und rief ihn huldvoll an seine Seite, worauf er ihn nach seinem Namen und Stamm fragte. Chudadad versetzte: »O mein Herr, ich bin der Sohn eines Emirs von Kairo. Die Lust zum Reisen trieb mich an, mein Vaterland zu verlassen und von Land zu Land zu ziehen, bis ich schließlich hier eintraf; und da ich vernahm, daß du mit wichtigen Unternehmungen umgehst, möchte ich dir gern meine Tapferkeit zeigen.« Der König freute sich außerordentlich diese feste und kühne Sprache zu hören und gab ihm auf der Stelle ein Kommando in seinem Heer; Chudadad aber gewann bald durch sorgsame Aufsicht über die Truppen die Achtung seiner Offiziere, im Wunsche sie zufrieden zu stellen, sowie durch seine Stärke, seinen Mut, seinen 152 trefflichen Charakter und sein gütiges Wesen die Herzen seiner Soldaten. Ebenso brachte er das Heer und all sein Rüstzeug in so gute Ordnung, daß der König bei einer Musterung äußerst zufrieden war und den Fremdling zum Oberfeldherrn der Truppen und seinem besondern Günstling machte, während die Wesire und Emire, die Vicekönige und Vornehmen ihm den besten Willen und Liebe zeigten, als sie sein Ansehen beim König erkannten. Die andern Prinzen aber, die in den Augen des Königs und der Unterthanen allen Wert verloren, wurden auf seine hohe Stellung und Würde eifersüchtig. Chudadad stellte jedoch fortwährend den Sultan seinen Vater, wenn sie miteinander plauderten, durch seine Klugheit und Besonnenheit, seinen Scharfsinn und Verstand zufrieden und gewann seine Achtung immer mehr und mehr; und als die Feinde, die einen Beutezug in das Reich geplant hatten, von der Disciplin des Heeres und Chudadads Rüstungen vernahmen, ließen sie von allen feindlichen Plänen ab. Nach einer Weile vertraute der König auch die Obhut und Erziehung der neunundvierzig Prinzen Chudadad an, sich gänzlich auf seine Weisheit und sein Geschick verlassend; und so ward Chudadad, wiewohl er im gleichen Alter seiner Brüder war, durch seine Weisheit und Einsicht ihr Meister. Sie haßten ihn deshalb nur noch mehr, und eines Tages pflogen sie miteinander Rat, und einer sprach zum andern: »Was hat unser Vater gethan, daß er einen Fremdling zu seinem Vertrauten macht und ihn zum Herrn über uns setzt? Wir können nichts ohne die Erlaubnis dieses unsers Lehrmeisters thun, so daß unsre Lage unerträglich ist. Laßt uns daher einen Plan ersinnen, wie wir uns von diesem Fremdling befreien und ihn in den Augen unsers Vaters des Sultans gemein und verächtlich machen.« Hierauf sagte der eine: »Wir wollen uns zusammenthun und ihn an einer entlegenen Stelle erschlagen.« Ein andrer versetzte jedoch: »Nicht so! Ihn zu töten würde uns nichts nützen, denn wie könnten wir die Sache vor dem König verborgen halten? 153 Er würde unser Feind werden, und Gott allein weiß, welches Übel uns dann treffen mag. Nein, laßt ihn uns lieber um Erlaubnis bitten auf die Jagd zu ziehen, und dann wollen wir in einer fernen Stadt verweilen. Der König wird sich nach einigen Tagen über unser Ausbleiben verwundern, dann wird er sich schwer betrüben und schließlich wird er zornig und argwöhnisch werden und diesen Gesellen aus dem Palast jagen oder gar hinrichten lassen. Dies ist der einzige sichere Weg seinen Untergang herbeizuführen.«

Die Brüder einigten sich auf diesen Plan und machten sich sogleich zusammen auf und baten Chudadad um Erlaubnis etwas aufs Land zu reiten oder auf die Jagd zu gehen, wobei sie versprachen bald wieder zurückzukehren. Chudadad ging in die Falle und erlaubte es ihnen, worauf sie auf die Jagd ausritten aber weder an demselben noch am folgenden Tage heimkehrten.

Am dritten Tage fragte der König, der sie vermißte, Chudadad, wie es käme, daß keiner seiner Söhne zu sehen wäre; und er antwortete, daß sie ihn vor drei Tagen um Erlaubnis gebeten hätten auf die Jagd zu gehen und noch nicht heimgekehrt wären. Da betrübte sich ihr Vater schwer hierüber und ward, als nach Verlauf von einigen weiteren Tagen die Prinzen immer noch nicht wieder erschienen, so aufgeregt, daß er in seinem Zorn kaum an sich halten konnte. Er ließ Chudadad vor sich kommen und fuhr ihn in hellem Zorn an: »Du nachlässiger Fremdling, was ist das für eine Kühnheit und Vermessenheit von dir, daß du meine Söhne auf die Jagd ausziehen ließest und nicht mit ihnen rittest? Jetzt hast du dich sofort aufzumachen und nach ihnen zu suchen und sie zurückzubringen; andernfalls kostet es dich dein Leben.« Als Chudadad diese harten Worte vernahm, erschrak er; indessen machte er sich bereit und, sein Roß besteigend, verließ er sofort die Stadt auf der Suche nach den Prinzen seinen Brüdern und zog von Land zu Land wie ein Hirt, der eine Ziegenherde sucht. Da er jedoch weder in bewohntem Land 154 noch in der Wüste eine Spur von ihnen fand, ward er schwer bekümmert und betrübt und sprach bei sich: »O meine Brüder, was ist mit euch vorgefallen und wo mögt ihr weilen? Vielleicht hat euch irgend ein mächtiger Feind gefangen genommen, so daß ihr nicht entrinnen könnt; ich aber kann nicht eher nach Harrân heimkehren als bis ich euch gefunden habe; denn dies würde dem König schweren Kummer und Gram bringen.« So bereute er es immer mehr sie ohne sein Geleit und seine Führung ziehen gelassen zu haben. Schließlich, während er von Ebene zu Ebene und von Wald zu Wald nach ihnen suchte, kam er auch auf eine weite und geräumige Flur, in deren Mitte sich ein Schloß aus schwarzem Marmor erhob; da ritt er langsamen Schritts auf dasselbe zu, und als er dicht unter den Mauern des Schlosses hielt, erblickte er ein Mädchen von ausnehmender Schönheit und Anmut, das in trüber Stimmung und ohne jeden andern Schmuck als ihre Reize an einem Fenster saß. Ihr schönes Haar hing in losen Locken herunter, ihre Kleider waren zerrissen und ihr Antlitz war bleich und zeigte die Spuren von Kummer und Gram. Als sie ihn gewahrte, rief sie ihm leise etwas zu, und als Chudadad lauschte, vernahm er die Worte: »O Jüngling, fliehe diese todbringende Stätte, oder du fällst in die Hände des Ungeheuers, das hier haust. Ein menschenfressender Äthiopier ist der Herr dieses Schlosses; er ergreift alle, die das Schicksal in diese Steppe sendet, und verschließt sie in dunkeln und engen Zellen, um sie sich als seine Speise aufzubewahren.« Da rief Chudadad: »O meine Herrin, sag' mir, ich bitte dich, wer du bist, und wo deine Heimat ist.« Sie versetzte: »Ich bin ein Mädchen aus Kairo und die Tochter der Vornehmsten daselbst. Vor kurzem aber, als ich auf meiner Reise nach Bagdad auf dieser Ebene Halt machte, stieß der Abessinier auf mich und erschlug alle meine Sklaven, worauf er mich mit Gewalt fortschleppte und in diesen Palast einsperrte. Ich mag nicht länger leben, und tausendmal lieber wäre mir der Tod, denn dieser Abessinier begehrt bei 155 mir zu ruhen, wiewohl ich bis jetzt den Zärtlichkeiten dieses unreinen Wichts entrann; morgen wird er mich jedoch, wenn ich mich weiter weigere, seinem Verlangen nachzugeben, packen und umbringen. So habe ich alle Hoffnung auf Rettung aufgegeben. Du aber, weshalb kamst du hierher, um dein Leben zu lassen? Fliehe ohne Aufschub und Verzug, denn er ist ausgezogen Wandersleute zu erspähen und wird sogleich zurückkehren. Überdies kann er weit und breit auslugen und alle, die diese Steppe durchziehen, erkennen.«

Kaum hatte das Mädchen diese Worte gesprochen, als der Abessinier in Sicht kam; er war wie ein Ghûl aus der Wildnis, von riesiger Leibesmasse und entsetzlichem Gesicht und Wuchs und saß auf einem derben tatarischen Roß, indem er beim Reiten ein schweres Schwert schwang, das niemand anders hätte führen können. Als der Prinz Chudadad dieses Ungeheuer gewahrte, erschrak er gewaltig und bat den Himmel, ihm den Sieg über jenen Satan zu verleihen. Dann riß er sein Schwert aus der Scheide und stand da des Abessiniers Ankunft kühn und beherzt erwartend. Der Schwarze hielt jedoch, als er näher herankam, den Prinzen für zu winzig und geringfügig, um mit ihm zu fechten, und gedachte ihn lebendig zu fangen. Als Chudadad dies sah, versetzte er ihm auf sein Knie einen so starken Hieb, daß der Schwarze vor Wut schäumte und einen so lauten Schrei ausstieß, daß die ganze Steppe davon wiederhallte. Alsdann erhob sich der Räuber, vor Wut rasend, in seinen Steigbügeln und holte mit seinem gewaltigen Schwert zu einem Streich gegen Chudadad aus und hätte ihn wie eine Gurke mitten auseinander gespalten, wenn der Prinz ihm nicht behend ausgewichen und sein Roß so flink gewesen wäre. So fuhr das Schwert sausend vorbei durch die Luft, worauf Chudadad ihm im Nu mit einem zweiten Streich die rechte Hand absäbelte, daß sie, das Schwert krampfhaft im Griff packend, zu Boden fiel, worauf der Schwarze das Gleichgewicht verlor und aus dem Sattel dröhnend auf die Erde stürzte. Hierauf sprang der 156 Prinz von seinem Roß und trennte sein Haupt flink vom Rumpf, es beiseite werfend. Inzwischen hatte das Mädchen vom Gitter aus dem Kampf zugeschaut und dabei inständigst für den wackern Jüngling gebetet; und als sie nun den Abessinier erschlagen daliegen und den Prinz siegreich sah, ward sie von übermächtiger Freude erfaßt und rief ihrem Befreier zu: »Gelobt sei Gott, der Erhabene, o mein Herr, der durch deine Hand diesen Feind schlug und vernichtete! Komm nun herein zu mir ins Schloß, dessen Schlüssel der Abessinier bei sich hat; nimm sie, öffne die Thür und befreie mich.« Chudadad fand ein großes Schlüsselbund unter dem Gurt des Erschlagenen und öffnete damit die Thore des Palastes, worauf er in einen großen Saal trat, in dem sich das Mädchen befand; und sobald sie ihn erblickte, kam sie auf ihn zugeeilt und wollte sich ihm zu Füßen stürzen und sie küssen, doch hinderte Chudadad sie daran. Dann rühmte sie ihn aufs höchste und pries ihn für seine Tapferkeit über alle Kämpen der Welt, und er erwiderte ihr den Salâm, wobei es ihm vorkam, als er sie aus der Nähe betrachtete, daß sie noch reizender und anmutiger war, als es ihm aus der Ferne geschienen hatte. Hocherfreut hierüber setzte er sich, und beide plauderten miteinander, als Chudadad mit einem Male Schreie und Rufe vernahm und Weinen, Jammern und lautes Klagegestöhn hörte. Da fragte er das Mädchen und sprach: »Was ist das für ein Geschrei, und woher kommt dieses Gejammer?« Sie antwortete, indem sie auf eine Pforte unten in einem verborgenen Winkel des Hofes wies, und sprach: »O mein Herr, die Laute kommen von dort. Viele Unglückliche wurden durch das Schicksal in die Klauen des abessinischen Ghûls getrieben, der sie fest in Zellen verschloß und jeden Tag einen der Gefangenen briet und auffraß.« Chudadad versetzte: »Es wird mir hohe Freude bereiten, sie zu befreien; komm, o meine Herrin, und zeige mir, wo sie eingesperrt sind.« Hierauf begaben sich beide zu jenem Ort, und der Prinz erprobte sofort einen Schlüssel an dem Kerkerschloß, doch wollte 157 er nicht passen; dann versuchte er einen andern, und mit diesem öffnete er die Pforte. Als sie aber hierbei beschäftigt waren, wurde das Stöhnen und Jammern der Gefangenen immer lauter und lauter, bis Chudadad, ergriffen und von ihrer Ungeduld betroffen, nach der Ursache hiervon fragte. Das Mädchen erwiderte: »O mein Herr, sie hören unsre Schritte und das Klirren des Schlüssels und glauben, der Menschenfresser käme nach seiner Gewohnheit ihnen Speise zu bringen und einen von ihnen für seine Abendmahlzeit zu holen. Ein jeder fürchtet an die Reihe zu kommen gebraten zu werden, und so sind alle von Zittern und Zagen erfaßt und verdoppeln ihr Geschrei und ihre Rufe.«

Die Laute schienen unter der Erde her oder aus der Tiefe eines Ziehbrunnens zu kommen. Als aber der Prinz die Kerkerthür öffnete, gewahrte er eine steile Treppe und stieg auf ihr hinunter, bis er sich in einer tiefen, engen und dunkeln Grube befand, in welcher mehr als hundert Menschen mit gebundenen Armen und gefesselten Gliedern lagen; und das einzige Licht, das er erblickte, kam durch ein rundes Guckloch. Er rief ihnen zu: »Ihr Unglücklichen, fürchtet euch nicht mehr, ich habe den Abessinier erschlagen. Sagt Gott, dem Erhabenen, Dank, der euch von euerm Peiniger befreit hat; ich komme jetzt eure Fesseln zu brechen und euch in Freiheit zu setzen.« Als die Gefangenen diese Freudenbotschaft vernahmen, wurden sie von einem Wonnetaumel erfaßt und erhoben ein allgemeines Freuden- und Jubelgeschrei. Hierauf begannen Chudadad und das Mädchen ihnen die Hände und Füße zu lösen; und jeder half, sobald er aus den Fesseln befreit war, seine Gefährten lösen, so daß alle in der kürzesten Frist aus ihren Banden befreit waren. Dann küßten alle Chudadads Füße und dankten ihm und beteten für sein Wohlergehen. Als aber die Gefangenen in den Hof traten, der von der Sonne hell beschienen war, gewahrte Chudadad auch unter ihnen seine Brüder, nach denen er so lange gesucht hatte. Von größtem Staunen erfaßt, rief er: »Gelobt sei 158 Gott, daß ich euch alle wohlbehalten fand! Euer Vater ist über euer Ausbleiben schwer betrübt und bekümmert, und der Himmel hüte, daß dieser Satan einen von euch verschlungen hat.« Alsdann zählte er sie und fand ihrer neunundvierzig, worauf er sie von den andern absonderte; und in ihrer übermäßigen Freude fielen sie einander um den Hals und hörten nicht auf ihren Befreier zu umarmen. Nach diesem ließ der Prinz für alle Gefangenen, die er befreit hatte, ein Festmahl anrichten; und als sie genug gegessen und getrunken hatten, gab er ihnen das Gold und Silber zurück, die türkischen Teppiche und chinesischen Seidenstoffe, die Brokate und andern zahllosen Wertsachen, die der Abessinier den Karawanen geraubt hatte, zugleich mit ihrem eigenen Gut und ihren Sklaven, indem er einen jeden sein Eigentum fordern ließ. Den Rest verteilte er dann zu gleichen Teilen unter sie, doch fragte er sie: »Auf welche Weise könnt ihr diese Lasten in eure Heimat schaffen, und wo vermögt ihr in dieser Wildnis Lasttiere zu finden?« Sie erwiderten: »O unser Herr, der Abessinier beraubte uns unserer Kamele mit ihren Lasten, und sicherlich befinden sie sich noch in den Ställen des Palastes.« Da begab sich Chudadad mit ihnen zu den Ställen, wo er nicht nur die Kamele, sondern auch die neunundvierzig Pferde seiner Brüder angebunden fand, so daß er einem jeden sein Tier gab. Außerdem befanden sich in den Ställen noch hunderte abessinischer Sklaven, die, als sie die Gefangenen in Freiheit sahen, erkannten, daß ihr Herr der Menschenfresser erschlagen war, und von Schrecken erfaßt in den Wald flohen, ohne daß jemand an ihre Verfolgung dachte.

Hierauf luden die Kaufleute ihr Gut auf den Rücken der Kamele und zogen, sich von dem Prinzen verabschiedend, in ihre Heimat. Alsdann sprach Chudadad zu dem Mädchen: »O du, so seltenschön und keusch, nun sag' mir, woher du kamst, als dich der Abessinier festnahm, und wohin wolltest du ziehen? Sag' es mir an, damit ich dich in deine Heimat 159 bringen kann; vielleicht kennen diese Prinzen, meine Brüder, die Söhne des Sultans von Harrân deinen Wohnort, und zweifellos werden sie dich heimgeleiten.« Da wendete sich das Mädchen zu Chudadad und sagte: »Ich wohne fern von hier, und meine Heimat, das Land Ägypten, ist zu fern für eine Reise von hier. Du aber, o tapferer Prinz, hast meine Ehre und mein Leben aus den Händen des Abessiniers errettet und hast mir einen so großen Dienst erwiesen, daß es mir nicht anstehen würde, meine Geschichte vor dir zu verbergen. Ich bin die Tochter eines mächtigen Königs, der über das Saîd, das obere Nilland, herrschte. Als ihn jedoch ein tyrannischer Feind überfiel und ihm Reich und Leben raubte und sich auf seinen Thron setzte, floh ich vor ihm, um meine Ehre und mein Leben zu retten.«

Hierauf baten Chudadad und seine Brüder die Prinzessin ihnen alle ihre Schicksale zu erzählen und trösteten sie und sprachen: »Von nun an sollst du in Frieden und Überfluß leben; weder Mühsal noch Kummer soll dich hinfort treffen.« Als sie nun sah, daß es nicht anders anging als ihre Geschichte zu erzählen, hob sie an und sprach:

 

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