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Tausend und eine Nacht. Band XX

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XX - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XX
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages180
created20180514
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Geschichte Sein el-Asnâms.

Diese Erzählung ist nach der arabischen Textausgabe von Fl. Groff, Paris 1889, übersetzt.

Ich vernahm, o König, daß in der Stadt Basra ein mächtiger Sultan lebte, der sehr reich war; doch hatte er keinen Sohn, ihn zu beerben. Infolgedessen grämte sich dieser Sultan sehr und erhob sich und begann Almosen an die 115 Bettler und Armen wie auch an die Heiligen und Frommen zu verteilen und bat sie, daß ihm ein Sohn zu teil werden möge. Und wegen seiner Almosen an die Bettler und Armen ward seine Bitte erhört, und er versammelte alle die Sterndeuter und Geomanten und sprach zu ihnen: »Ich wünsche eure Auskunft über das Kind, das mir in Bälde geboren wird, ob es ein Knabe oder ein Mädchen sein wird, und was von ihm ausgehen mag.«

Da punktierten die Geomanten und ebenso beobachteten die Astrologen das Gestirn des Kindleins und sprachen: »O König der Zeit und Herr des Jahrhunderts und Äons, das Kind, das dir von der Königin geboren werden wird, ist ein Knabe, und er verdient, daß wir ihm den Namen Sein el-AsnâmDie Zierde der Statuen. geben.« Alsdann sprachen die Geomanten zu ihm: »O König der Zeit, dieses Kind wird sich tapfer erweisen, jedoch wird ihm Unheil und Drangsal widerfahren; wenn er jedoch wacker alles, was ihm widerfährt, besteht, dann wird er der reichste König der Zeit werden.«

Da sprach der Sultan: »Wofern sich der Knabe wacker benimmt, so hat das, was ihm widerfahren wird, nichts zu sagen, da die Unfälle die Söhne der Könige erziehen und sie Weisheit lehren.«

Als nun der Knabe heranwuchs, ward er von wunderbarer Schönheit und Anmut, – Preis Ihm, der ihn erschaffen! Er ward Sein el-Asnâm geheißen und ward, wie die Dichter sprachen:

»Er erschien, und da riefen sie. Gesegnet sei Gott!
Verherrlicht sei der, der ihn geformt und gebildet!
Er ist der König der Schönen allzumal,
Und alle werden ihm unterthan.«

Und als er nun sein fünftes Jahr erreicht hatte, ihr Zuhörer, da gaben sie ihm einen Lehrer, der in den Wissenschaften bewandert und kundig der Philosophie und der andern 116 Wissenschaften war, bis Sein el-Asnâm ein in den Humaniora und der Philosophie wohlgebildeter Jüngling geworden war, der in seiner Zeit die Lehrmeister übertraf. Da begab es sich, daß der Sultan sein Vater krank ward, und daß seine Krankheit schwer war, so daß er nicht wieder zu genesen vermochte. Als er nun sah, daß ihm der Tod genaht war, und daß ihm die Hakime nicht mehr von Nutzen waren, ließ er seinen Sohn Sein el-Asnâm zu sich kommen und versammelte die Großen seines Reiches und seine Wesire und hob an seinem Sohn gute Ratschläge und Lehren zu erteilen und sprach zu ihm: »O mein Sohn, hüte dich dem Armen Unrecht zuzufügen oder nicht auf ihn zu hören. Sei vielmehr gerechter gegen den Armen als gegen den Reichen, und hüte dich den Worten der Großen deines Reiches zu trauen. Traue vielmehr dem Wort des gemeinen Mannes, denn jene wollen dich betrügen, da sie nur nach ihrem Vorteil trachten und das Wohl des Volkes unberücksichtigt lassen.« Alsdann hauchte er seinen Geist aus.

Sein El-Asnâm legte nun für seinen Vater sechs Tage lang das Trauerkleid an, am siebenten Tage aber schritt er hinaus, setzte sich auf den Thron seines Sultanats und hielt einen Diwan ab, zu dem sich eine zahlreiche Volksmenge versammelt hatte. Und sie traten vor und segneten ihn und wünschten ihm Glück zur Regierung und erflehten ihm Ruhm und langes Leben.

Als aber Sein el-Asnâm diese Ehre sah, überkam ihn wieder seine Jugend, so daß er am Geldausgeben und Verschwenden Gefallen fand und mit Jünglingen, die gleich ihm waren, Umgang pflog und gewaltige Schätze ausgab, ohne sich um die Regierung des Reichs zu kümmern. Seine Mutter die Königin begann nun ihn zu ermahnen, von diesem Treiben abzulassen und wieder an die Regierung zu denken, damit er nicht dem Volke zur Last fiele und sie sich wieder ihn erhöben. Er wollte jedoch nicht auf sie hören, bis sich unter dem Volk ein gewaltiges Murren über die Tyrannei 117 erhob, die sie von seiten der Regierung zu erleiden hatten, und sich wider den Sultan empören wollten; und wäre seine Mutter nicht eine kluge und bei allem Volk sehr beliebte Frau gewesen, so hätten sie Sein el-Asnâm nicht unbehelligt gelassen. Sie aber sprach nun zu ihm: »Sagte ich dir nicht, daß du durch diesen Wandel dein Leben und dein Reich verlierst; denn du hast die Regierung in die Hände von unerfahrenen Jünglingen gelegt und die Scheiche beiseite gesetzt und hast dein Geld und den Schatz des Königreiches verschwendet.«

Da ließ Sein el-Asnâm von seiner Thorheit ab und vertraute die Regierung den Scheichen an; jedoch hatte er bereits den Schatz des Reiches ausgegeben und war bettelarm geworden. Er bereute deshalb sein Thun und versank in Kümmernis, bis sein Leib keine Ruhe mehr fand. Während er nun eines Nachts im Schlummer lag, siehe, da erschien ihm im Traum ein bejahrter Mann und sprach zu ihm: »O Sein el-Asnâm, gräme dich nicht, denn auf Trübsal folgt Trost, und es giebt kein Leid, auf das nicht Trost gefolgt wäre. Mach' dich nur auf nach Ägypten, dort wirst du Geldesschätze finden.«

Als er sich nun von seinem Schlaf erhob, erzählte er den Traum seiner Mutter, worauf sie zu lachen anhob. Da sagte er zu ihr: »Lache nicht, ich muß unbedingt nach Ägypten gehen.« Sie erwiderte ihm: »O mein Sohn, glaube doch nicht an Träume, die alle nur Fabeln und Lügenphantasien sind.« Er versetzte jedoch: »Dies war kein Traum, und der Mann, der mir erschien, war kein Lügner, sondern ein ehrwürdiger Mann, ich glaube sogar der Prophet, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! Ich muß mich unbedingt auf den Weg machen, denn ich vertraue diesem Mann, und sein Wort ist wahr.« Alsdann zog er eines Nachts aus und verließ sein Reich, indem er Tage und Nächte lang die Straße nach Kairo zog, bis er diese prächtige Stadt erreichte. In größter Erschöpfung kehrte er, nachdem er sich etwas Kost gekauft 118 hatte, in einer der Kathedralmoscheen ein und legte sein Haupt vor Müdigkeit nieder und entschlief. Kaum aber hatte er seine Augen geschlossen, da erschien ihm der Scheich wieder und sprach zu ihm: »O Sein el-Asnâm, du hast gethan, was ich dich hieß und hast meinen Worten geglaubt. Ich aber stellte dich auf die Probe, um zu sehen, ob du wacker wärest oder nicht. Jetzt aber habe ich dich erkannt, und nun kehre zurück zu deiner Stadt, und ich will dich zu einem reichen König machen, daß du alle Könige vor und nach dir an Reichtum übertreffen sollst.«

Als nun Sein el-Asnâm aus dem Schlaf erwachte, rief er: »Im Namen Allahs, des Barmherzigen, des Erbarmers! Wer ist dieser Scheich, der mich plagte und an dessen Aufrichtigkeit ich glaubte, und den ich sogar für den Propheten hielt? Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Allah, dem Hohen und Erhabenen! Ich that jedoch gut daran, daß ich keinem, selbst nicht einmal meinen Dienern, etwas von meiner Reise sagte, und daß ich diesem Scheich glaubte. Jetzt scheint es mir, daß dieser Mann kein Mensch ist, sondern einer von denen, welche die Wahrheit wissen, – Preis Ihm! Daß er mich heute prüfte, erscheint mir wahr, und ebenso will ich in meinem Glauben an diesen Scheich nicht wankend werden.«

Am andern Morgen bestieg er sein Roß und kehrte zu seiner Residenz Basra heim, bis er zu seiner Stadt gelangte und zur Nachtzeit bei seiner Mutter eintrat. Sie fragte ihn, ob er etwas von dem, was der Scheich zu ihm gesprochen, gefunden hätte, und tröstete ihn und redete ihm gut zu und sprach zu ihm: »Gräme dich nicht, lieber Sohn; so dir etwas bestimmt ist, wird dir Allah es ohne Mühe geben. Ich wünschte jedoch, daß du weise und milde wirst und diese Dinge lässest, die dich so weit gebracht haben, wie Tanzen, Singen, Verschwendung und dergleichen.« Da schwor er, ihrem Worte nicht zuwiderzuhandeln und alle ihre Lehren zu beachten und seine Gedanken auf die Regierung zu richten. 119 Alsdann gab er alle diese Dinge, wie den Umgang mit unerfahrenen Jünglingen und alle diese Laster auf.

In derselben Nacht aber erschien ihm der Scheich wieder im Traum und sprach zu ihm: »O Sein el-Asnâm, o Tapferster der Tapfern, so du aufgestanden bist von deinem Schlaf, will ich meinen Bund mit dir erfüllen. Nimm dir dann ein Beil und begieb dich zu dem und dem Palast an den und den Ort unter dem Palast deines Vaters. Wühle dort die Erde auf, und du wirst finden, was dich reich macht.«

Als er nun aus seinem Schlaf erwachte, eilte er zu seiner Mutter und erzählte ihr erfreut seinen letzten Traum; sie lachte ihn jedoch aus und sagte zu ihm: »O mein Sohn, siehe, dieser Scheich macht sich über dich lustig, und nichts andres. Mach' dich von ihm los.« Er erwiderte ihr jedoch und sprach: »Nein, meine Mutter, dieser Mann spricht die Wahrheit und lügt nicht; beim ersten Mal stellte er mich auf die Probe und jetzt will er sein Versprechen erfüllen.« Sie versetzte: »Auf jeden Fall macht dies keine Mühe; geh', thu' was du willst und mach' die Probe; vielleicht wirst du heute mein Wort als wahr erkennen.«

Da nahm er ein Beil und stieg hinab unter den Palast des Sultans seines Vaters und begann die Erde aufzuwühlen. Als er aber ein wenig gewühlt hatte, gewahrte er einen Ring; da wühlte er weiter, und siehe, der Ring war an einem weißen Steinblock befestigt. Da nahm er den Steinblock fort und stieg auf einer Leiter hinunter, worauf er eine Höhle gewahrte, die ganz aus Marmor bestand. Als er sie betreten hatte, gewahrte er in der Höhle einen Pavillon und in demselben acht Krüge aus Jaspis, während der Pavillon einem den Verstand raubte. Da rief er: »Was mag wohl in diesen Krügen sein und was mag sich darinnen befinden?« Hierauf nahm er den Deckel ab und fand sie ganz mit altem Gold angefüllt. Da nahm er ein wenig in seine Hände und eilte zu seiner Mutter und gab es ihr mit den Worten: »Siehst du, meine Mutter?« Da verwunderte sie sich 120 hierüber und sprach zu ihm: »Hüte dich, mein Sohn, dieses Geld wie das frühere auszugeben.« Er schwor es ihr und sagte: »Nein, meine Mutter, sei unbesorgt um mich; du wirst sicherlich in Zukunft mit mir zufrieden sein.«

Hierauf erhob sie sich und begleitete ihn. Als sie zum Pavillon hinabgestiegen waren, gewahrte sie etwas, was einem den Blick rauben konnte; und sie sah auch die Krüge mit dem Gold. Wie sie aber zusahen, gewahrten sie mit einem Male einen kleinen Krug aus Jaspis, in dem ein goldner Schlüssel lag. Da sagte sie zu ihm: »Mein Sohn, ohne Zweifel öffnet dieser Schlüssel eine Thür.« Hierauf suchte sie nach und sprach: »Wir müssen genau zusehen.« Alsdann sahen sich beide in dem Raum um, indem sie dabei sprachen: »Wir müssen eine Thür finden,« bis sie mit einem Male ein verriegeltes Thürschloß gewahrten und erkannten, daß der Schlüssel zu diesem Schloß gehörte. Da steckte er den Schlüssel hinein und öffnete das Schloß, und siehe da that sich die Thür zu einem noch größern Pavillon als dem ersten auf, der ganz aus Marmor bestand und einem den Blick raubte; in ihm befand sich weder ein Feuer noch eine Kerze außer acht Statuen aus Edelsteinen, von denen eine jede Statue aus einem einzigen Stück bestand. Da verwirrte sich ihr Verstand, und Sein el-Asnâm rief: »Woher kommen nur diese Dinge?« Alsdann hoben beide an, sich die Statuen zu besehen, und nun gewahrte seine Mutter einen seidenen Vorhang, auf dem folgendes geschrieben stand: »O mein Sohn, verwundere dich nicht über diese Dinge, die ich unter Mühsal erlangte. Jedoch ist noch in der Welt eine Statue vorhanden, die zwanzigmal höhern Wert als diese Statuen hat, und so du diese Statue schauen und besitzen möchtest, so begieb dich nach Ägypten. Daselbst lebt ein Sklave, Namens Mubârak, der einst mein Sklave war; derselbe wird dich zu jener Statue geleiten. Wenn du Kairo betrittst, so wird dich der erste, dem du begegnest, zu Mubârak führen, da er in ganz Kairo bekannt ist.« 121

Nachdem Sein el-Asnâm diese Schrift gelesen hatte, sprach er: »O meine Mutter, ich will nach Kairo reisen und nach der Statue suchen. Ich glaube, du wirst jetzt wieder sagen: »Siehe, das ist ein Traum.« Da erwiderte sie und sprach zu ihm: »Nimmermehr, mein Sohn, wo du nunmehr unter dem Schutz des Propheten stehst. Zieh' hin und sei ohne Furcht; ich und der Wesir, wir wollen die Regierung führen. Reise, wann du willst.«

Da ging er sofort hinaus und machte sich reisefertig, worauf er des Weges zog, bis er nach Kairo gelangte. Als er sich nach Mubâraks Haus erkundigte, sagten sie zu ihm: »O mein Herr, es giebt keinen reicheren und trefflicheren Mann als ihn in Kairo, und sein Haus steht dem Fremdling offen.« Hierauf schritten sie vor ihm her, bis er zu seinem Haus gelangte, und pochten an die Thür, worauf einer der Sklaven die Thür öffnete und ihn fragte: »Wer bist du und was ist dein Begehr?« Da antwortete er ihm: »Ich bin ein Fremdling aus fernem Land, und ich vernahm von Mubârak und hörte seine Gastlichkeit rühmen. Ich kam deshalb her, um sein Gast zu sein.« Da ging der Sklave wieder herein, um Antwort zu bringen und stattete seinem Herrn Bericht ab, worauf er zurückkehrte und sprach: »O mein Herr, durch dein Kommen ist Segen auf uns niedergekommen. Habe die Güte, mein Herr Mubârak erwartet dich.« Da trat er in einen sehr weiten Hof ein, in dem sich nur Bäume und Gewässer befanden, und von hier gelangte er in das Schloß, in welchem Mubârak saß. Dieser begrüßte ihn und sagte zu ihm: »Reiche Segnungen sind auf uns herniedergekommen. Wer bist du, o Jüngling, und wohin willst du?« Da erwiderte ihm Sein el-Asnâm: »Ich suche den Sklaven Mubârak, den Sklaven des verstorbenen Sultans von Basra, dessen Sohn ich bin.« Der Sklave versetzte: »Was sagst du? Du bist der Sohn des Königs von Basra?« Er erwiderte: »Ja, fürwahr, ich bin sein Sohn.« Da sagte Mubârak: »Jener König hinterließ keinen Sohn. Wie alt bist du?« Er versetzte: »122 Ungefähr sechsundzwanzig Jahre.« Nun fragte Mubârak: »Was für ein Erkennungszeichen bringst du, daß ich dir glauben kann, daß du der Sohn meines Herrn, des Königs von Basra, bist?« Sein el-Asnâm entgegnete: »Du weißt, daß mein Vater unter seinem Palast einen Bau anlegte, in dem sich vierzig Krüge aus Jaspis befinden, die alle voll Gold sind; und im zweiten Pavillon unter ihm befinden sich acht Statuen, alle aus Edelstein; eine jede besteht aus einem einzigen Stück, und alle sitzen auf goldenen Thronen. Ebenso befindet sich ein Buch darinnen, in dem das und das geschrieben steht. Ich komme nun zu dir, da du weißt, wo sich die neunte Statue befindet und die ebenso viel wert ist als alle acht zusammen.«

Sobald aber Mubârak Sein el-Asnâms Geschichte vernommen hatte, fiel er ihm zu Füßen, küßte ihm die Hand und sprach: »In Wahrheit, du bist der Sohn meines Herrn.« Alsdann sagte er: »O mein Herr, ich habe ein Bankett für alle Großen Kairos angerichtet, und deine Hoheit geruhe uns zu beehren.« Sein el-Asnâm versetzte: »Das kann nichts schaden.« Da schritt der Sklave Mubârak seinem Herrn voran zum Saal, in dem sich alle Großen Kairos versammelt hatten, und befahl das Abendessen aufzutragen, worauf sich Sein el-Asnâm, der Sultan von Basra, setzte, während Mubârak, ihm aufwartend, mit gekreuzten Händen dastand und von Zeit zu Zeit niederkniete, so daß sie sich hierüber verwunderten, daß Mubârak, einer der Großen Kairos, diesem Jüngling aufwartete. Und sie waren in äußerster Verwirrung hierüber, da sie nicht wußten, woher der Jüngling war. Nachdem sie jedoch gegessen und getrunken und sich ergötzt hatten, sprach Mubârak: »Ihr Leute, verwundert euch nicht, daß ich diesen Jüngling mit allem Respekt bediene, da dies meine Pflicht ist, dieweil er der Sohn meines Herrn, des Sultans von Basra, ist. Er kaufte mich mit seinem Geld und starb, ohne mich loszulassen, so daß es heute meine Pflicht ist, meinen Herrn zu bedienen. Alles Gut, 123 was ihr bei mir erschaut, gehört ihm, und mir gehört nichts.«

Da erhoben sich alle auf der Stelle und erwiesen ihm den schuldigen Respekt und die gebührende Segnung, worauf Sein el-Asnâm sprach: »Ihr Anwesenden, ich spreche es in eurer geehrten Gegenwart aus und nehme euch dafür zu Zeugen, daß du, o Mubârak, frei bist und völlige Verfügung über dich hast; und alles Gut, das du besitzest, gehört dir, und verlange nun von mir irgend eine Gnade, die du begehrst, denn ich bin bereit, sie dir zu erfüllen.« Da erhob sich Mubârak, küßte ihm die Hand und dankte ihm für seine Huld mit den Worten: »O mein Herr, ich wünsche nur dein Wohl. Dieses Gut jedoch, das ich besitze, ist zu groß für mich.«

Hierauf verweilte Sein el-Asnâm drei oder vier Tage bei ihm, während welcher Zeit die Großen Kairos erschienen und ihm den Salâm boten und alle mit ihm am Tisch speisten, bis er sich ausgeruht hatte, worauf er sprach: »O Mubârak, die Zeit für unsre Fahrt ist gekommen.« Mubârak versetzte: »O mein Herr, du weißt, daß das, wonach du hergekommen bist, es zu suchen, schwer und nur unter Todesgefahr zu erreichen ist; und ich weiß nicht, ob es dir möglich sein wird, da diese Sache Tapferkeit heischt.« Sein el-Asnâm erwiderte ihm und sprach: »Höre, Mubârak, ich weiß, daß Reichtum nur durch Blut erworben wird, jedoch ereignet sich nichts ohne den Willen des Erbarmers. So nimm deinen Mut zusammen und fürchte dich nicht.«

Da befahl Mubârak seinen Sklaven sich reisefertig zu machen, und alsbald brachten sie alle Sachen. Bevor sie jedoch aufbrachen, beteten sie und lasen die erste Sure, worauf sie das Buch zusammenfalteten und im Schutz des Erbarmers Tage und Nächte und Nächte und Tage reisten, wobei sie an jedem Tage Dinge wahrnahmen, die ihren Verstand verwirrten und wie sie dergleichen nie zuvor in ihrem Leben erschaut hatten. Als sie sich aber der Stelle näherten, stiegen sie von ihren Pferden ab und Mubârak befahl seinen 124 Sklaven und sprach zu ihnen: »Bleibet hier und hütet die Pferde, bis wir wieder zurückkehren.« Alsdann schritten beide selbander weiter, und Mubârak sprach: »O mein Herr, hier ist Mut erforderlich, dieweil du dich nun in dem Lande der Statue befindest, die du zu suchen kamst.«

Alsdann schritten sie weiter, bis sie in die Nähe eines ausgedehnten Sees gelangten, wo Mubârak sagte: »O mein Herr, wisse vor allen Dingen, daß jetzt ein kleines Fahrzeug, ähnlich einem Kanoe, kommen wird, mit einem blauen Banner darüber, und dessen Planken aus Sandel und Ambra bestehen. Und nun möchte ich dir einen Rat erteilen, den du sorgfältig zu beobachten hast.« Sein el-Asnâm fragte: »Was ist's?« Und Mubârak versetzte: »Siehe, in diesem Boot ist ein Ferge von mißgestaltetem Leib; hüte dich jedoch ein Wort zu sprechen, sonst ertrinkst du. Diese Stätte gehört dem König der Dschânn, und alles, was du vor dir schaust, ist das Werk der Dschânn.« Und siehe, da kam auch schon ein Kanoe an, das nach Sandel und Ambra duftete, und es befand sich ein Ferge darinnen, der das Haupt eines Elefanten hatte, während sein Leib der eines wilden Tieres war. Als er nahe an sie herangekommen war, schlang er um beide seinen Rüssel und nahm sie ins Boot, worauf er sie ruderte, bis sie den See durchmessen hatten und ans Land stiegen. Dann schritten sie weiter und gewahrten Ambra-, Aloe- und Sandelbäume und Früchte, wie sie die Seelen begehren, und Blumen, die das Herz erfreuen. Außerdem hörten sie die Vögel ihre Weisen trillern, die mit ihren Stimmen die Kreaturen bezauberten. Da fragte Mubârak: »Wie gefällt dir dieser Ort, mein Herr?« Sein el-Asnâm versetzte: »Ich glaube, dies ist das Paradies, das der Prophet – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – denen giebt, die sein Gesetz beobachten.« Alsdann schritten sie weiter, bis sie vor einen prächtigen Palast gelangten, der ganz aus Smaragden und Hyazinthen bestand, während seine Thore aus lauterm Feingold waren. Vor diesem Palast befand sich eine Brücke von einer Länge von 125 einhundertundfünfzig und einer Breite von fünfzig Ellen, und am andern Ende der Brücke stand ein Heer von Dschânn, von fürchterlichem Aussehn, wie es nichts Scheußlicheres gab, die alle mächtige in der Sonne blitzende Stahlspeere hielten. Da sagte Mubârak: »Wir wollen nicht eher weiter gehen, als bis ein neues Ereignis eintritt.« Alsdann holte Mubârak aus seinen Kleidern vier Stücke von einem gelben Seidenstoff hervor, von denen er das eine als Gurt um den Leib band, während er das andre auf seine Schulter legte. Dann gab er Sein el-Asnâm die andern beiden Stücke, daß er damit ebenso verführe. Alsdann breitete er vor einem jeden von ihnen einen weißseidenen Teppich aus und holte aus seiner Tasche einige Edelsteine und Wohlgerüche, wie Ambra und Aloe, hervor, worauf sich ein jeder auf seinen Teppich setzte. Hierauf lehrte Mubârak Sein el-Asnâm folgende Worte, die er zum König der Dschânn sprechen sollte: »O mein Herr, o König der Dschânn, wir stehen heute in deinem Schutz!« Dann sagte er: »Höre, ich will ihn jetzt beschwören, uns freundlich aufzunehmen, denn wisse, wir sind jetzt in Gefahr, und ich fürchte mich sehr. Wenn er uns aufnehmen will, ohne uns ein Leid zuzufügen, dann wird er uns in der Gestalt eines Menschen von wunderbarer Schönheit erscheinen; kommt er jedoch zu uns an diesen Platz in übler Absicht, so erscheint er in häßlicher Gestalt und von entsetzlichem Aussehen. Siehst du ihn nun schön von Gestalt, so steh' auf und biete ihm den Salâm.« Sein el-Asnâm versetzte: »Ich höre und gehorche.« Alsdann sagte Mubârak: »Dies sei dein Salâm zum König der Dschânn und dem Herrn der Erde, und sprich zu ihm: »Meinen Vater, den Sultan von Basra, den der Tod von hinnen genommen hat, wie es dir nicht verborgen ist, hattest du dauernd in deinen Schutz genommen, und jetzt komme ich zu dir, um gleich meinem Vater deinen Schutz zu empfangen.« Dies seien deine Worte zu ihm, wenn er vor dir steht. Wenn nun aber der König der Dschânn uns mit freundlichem Gesicht empfängt, so wird er dich 126 gewißlich fragen und zu dir sprechen: »Verlange von mir, was du begehrst.« Sobald er dies aber zu dir spricht, so sag' zu ihm: »O mein Herr, ich wünsche von deiner Glückseligkeit die neunte Statue, als welche es keine wertvollere auf der Welt giebt, und deine Glückseligkeit hatte schon meinem Vater versprochen, sie ihm zu geben.«

Nachdem Mubârak so seinen Herrn Sein el-Asnâm gelehrt hatte, wie er zum König der Dschânn zu sprechen hatte und wie er von ihm die gewünschte Statue erbitten sollte, hob er an Zauberformeln herzusagen, und nach kurzer Weile begann es mit einem Male zu blitzen und donnern, und Finsternis verhüllte das Angesicht der Erde, und hernach erhob sich ein gewaltiger Sturm und ein fürchterliches Getöse, daß die Erde fast erbebte und der jüngste Tag gekommen zu sein schien. Da rief der Emir Sein el-Asnâm: »Das ist der gewaltige Tag!« Und als er alle diese Schrecken sah, erbebten seine Gelenke, und er entsetzte sich über diese Dinge, die er zuvor in seinem Leben weder gesehen noch gehört hatte. Mubârak aber begann zu lachen und sagte zu ihm: »Fürchte dich nicht, mein Herr, das, wovor du dich fürchtest, das suche ich gerade, da es uns gutes ankündigt. Sei daher ruhig und in Frieden.«

Und alsbald trat Heiterkeit und tiefe Stille ein, und die reinsten und würzigsten Düfte erhoben sich; und nach ihnen erschien der König der Dschânn in der Gestalt eines Menschen von unvergleichlicher Schönheit und Anmut und schaute auf beide mit lächelndem Antlitz. Als der Prinz ihn gewahrte, rühmte und segnete er ihn, wie es ihn Mubârak gelehrt hatte, worauf der König lächelnd und mit huldreicher Miene sprach: »O Prinz Sein el-Asnâm, ich liebte deinen Vater, den Sultan von Basra, und jedesmal, wenn er zu mir kam, gab ich ihm eine der Statuen, die du sahst, und von denen jede aus einem einzigen Stück Edelstein besteht; und nun sollst du mir ebenso lieb wie dein Vater sein, ja noch lieber. Ehe er verschied, verpflichtete ich ihn die Schrift, 127 die du sahst, auf das Stück Seide zu schreiben, und versprach ihm hernach dich wie ihn in meinen Schutz zu nehmen und dir die neunte Statue zu geben, die dem Wert von allem, was du sahst, gleichkommt. Es ist nun mein Wunsch das Versprechen, das ich deinem Vater gab, zu erfüllen, nämlich dich in meinen Schutz zu nehmen.« Alsdann fuhr er fort: »Und der Scheich, den du im Traum sahst, war ich selber, und ich war's, der dir im Traum befahl nach der Schatzkammer, in der du die Krüge mit dem Gold und die Edelsteinstatuen sahst, zu graben. Ebenso weiß ich, warum du hierhergekommen bist, da ich die Ursache deines Kommens war, und ich werde dir das Verlangte geben. Jedoch mußt du mir einen heiligen Eid schwören und treu zu dem Eide stehen, daß du zu mir zurückkehren und mir ein Mädchen im Alter von fünfzehn Jahren von unvergleichlicher Schönheit und Anmut bringen willst. Ebenso mußt du die Treue mit ihr halten und keinen Verrat begehen, wenn du sie auf dem Wege hierher begleitest.«

Da schwor ihm der Emir Sein el-Asnâm einen heiligen Eid und sprach zu ihm: »Mein Herr, du hast mich durch diesen Dienst geehrt, nur daß ich ihn schwer finde. Angenommen aber auch, ich fände das Mädchen, das deine Glückseligkeit begehrt, woran werde ich die Eigenschaften erkennen, die du an ihr verlangst?« Der Sultan erwiderte: »O Sein el-Asnâm, du hast recht, da die Kinder Adams diese Kenntnis nicht haben. Bekümmere dich jedoch nicht über die Schwere des Auftrags, da ich dir einen Spiegel geben will; und, so du ein Mädchen findest und es anschaust und seine Schönheit dir gefällt, so öffne den Spiegel, den ich dir geben werde. Findest du ihn rein und nicht verfinstert, dann wisse, daß das Mädchen jungfräulich und ohne Makel ist, und daß sie alle Eigenschaften, die ich dir nannte, besitzt. Wenn du ihn aber im Gegenteil verfinstert findest und von Staub bedeckt, dann weißt du alsbald, daß das Mädchen mit Makel bedeckt ist, und hüte dich, es zu nehmen. Hast du nun das 128 Mädchen gefunden, so bring' es her, und so du nicht Treue bewahrst, so ist es um dein Leben geschehen.«

Da schwur der Emir Sein el-Asnâm es ihm zum zweitenmal mit einem Schwur, wie ihn Königssöhne schwören, ihn nicht zu verraten. Alsdann gab der Sultan dem Jüngling den Spiegel und sprach zu ihm: »O mein Sohn, nimm diesen Spiegel, von dem ich zu dir sprach; jetzt vermagst du abzureisen, und säume nicht.« Da kehrte der Sklave Mubârak mit dem Emir Sein el-Asnâm alsbald, nachdem sie sich vom Sultan der Dschânn verabschiedet hatten, zum Strand des Sees zurück, und nach einer kleinen Weile erschien auch wieder einer jener Dschânn, die Elefantenköpfe hatten und das Boot ruderten, und setzte mit ihm über.

Soviel vom Sultan der Dschânn. Was aber Mubârak und den Emir Sein el-Asnâm anlangt, so kehrten sie nach Kairo zurück, und der Emir blieb kurze Zeit bei Mubârak, bis er sich ausgeruht hatte, worauf er zu ihm sprach: »Steh' auf, Mubârak, und laß uns beide nach der Stadt Bagdad ziehen, um uns nach einem Mädchen umzusehen, wie es der König der Dschânn verlangt.« Da versetzte Mubârak und sprach: »O mein Herr, wir befinden uns in Kairo, der Stadt der Städte und dem Wunder der Welt. Wir finden hier sicherlich ein Mädchen und brauchen nicht zu einem fernen Land zu ziehen.« Der Emir erwiderte: »Du hast recht gesprochen, o Mubârak; auf welche Weise finden wir jedoch solch' ein Mädchen, und wer wird für uns nach ihm suchen?« Mubârak entgegnete: »Bekümmere dich hierüber nicht, mein Herr; ich habe eine verfluchte Alte bei mir, die voll Erfahrung und List ist, und der solch' eine Sache wie diese nicht zu schwer fällt.«

Hierauf ließ Mubârak die Alte sofort kommen und sprach zu ihr: »Du sollst von mir ein großes Geschenk erhalten, wenn du dir in dieser Sache Mühe giebst.« Sie erwiderte ihm: »Mein Herr, sei ruhig, ich will diese Sache ausrichten, und dein Wunsch soll auf der Stelle erfüllt werden, da unter 129 meiner Hand Mädchen von unvergleichlicher Schönheit und Anmut sind, alles Töchter der Großen.«

Die Alte, ihr Zuhörer, wußte jedoch nichts von dem Spiegel. Und so ging sie zur Stadt, und nachdem sie eine Anzahl Mädchen im Alter von fünfzehn Jahren und von vollendeter Schönheit und Anmut gefunden hatte, holte Sein el-Asnâm den Spiegel hervor und besah die Mädchen im Spiegel, doch fand er ihn ganz dunkel und finster und sah nichts Lichtes in ihm, auch nicht bei einer einzigen von ihnen. Da beschloß er nach Bagdad zu ziehen, dieweil es ihm in Kairo unmöglich war ein vollkommen keusches und reines Mädchen zu finden, und so reisten beide, bis sie nach der Stadt Bagdad gelangten, wo sie einen prächtigen Palast mieteten und bezogen. Hier pflegten die meisten Großen der Stadt an ihrer Tafel zu speisen und alles was von ihrem Mahl übrigblieb ward den Bettlern und Armen gegeben, und alle von fern und nah, die zu all den Kathedralmoscheen kamen, speisten an seinem Tisch, bis er mächtig in der Stadt gerühmt ward und man in Bagdad nur noch von Sein el-Asnâm und seiner Trefflichkeit und seinem Reichtum sprach.

Da traf es sich, daß in einer der Kathedralmoscheen ein Imâm war, ein verruchter schmutziger Neidhart, wie es in Dschehannam keinen schmutzigern und verabscheuungswürdigeren Menschen gab; und er wohnte in der Nähe des Palastes des Emirs Sein el-Asnâm. Da erfaßte ihn der Neid auf den Prinzen, so daß er nachzusinnen anhob, wie er ihm zu schaden vermöchte; und zum Wesen des Neids gehört es, daß er nur auf die Reichen fällt. Eines Tages nun trat der Imâm zur Zeit des Nachmittagsgebets mitten in die Moschee und sprach: »O ihr meine Brüder, hört auf mich. Siehe, in diesem unsern Viertel wohnt ein fremder Mann, und vielleicht habt ihr schon von ihm und seiner maßlosen Verschwendung vernommen. Nach meiner Meinung ist es ein fremder Räuber, der hergekommen ist, hier zu verschwenden, was er in seinem Lande gestohlen hat.« Alsdann sprach 130 er weiter zur Volksmenge: »O meine Brüder, ich rate euch bei Gott, hütet euch vor diesem Verruchten, da es möglich ist, daß der Chalife von der Verschwendung dieses Mannes vernimmt und dann das Unheil auf euer Haupt kommt; und ich wasche meine Hände von eurer Schuld frei. Ich habe euch gewarnt, und nun thut was ihr wollt.« Da antworteten ihm alle Anwesenden mit lauter Stimme und sprachen: »Wir wollen alles thun, was du begehrst, o Abū Bekr, o Imâm der Religion Mohammeds.« Hierauf setzte der verruchte Imâm eine Petition an den Chalifen auf.

Es traf sich jedoch, daß sich der Sklave Mubârak gerade in der Moschee befand und die Ansprache des verruchten Imâms hörte. Er war deshalb nicht faul, sondern kehrte sofort zurück nach Hause, nahm hundert Dinare in Gold und machte ein Paket aus seidenen Sachen, die leicht zu tragen und hoch an Wert waren, worauf er sich eilends zur Wohnung des Imâms begab und an die Thür pochte. Da kam der Imâm heraus und öffnete ihm und fragte ihn zornig: »Was willst du und wer bist du?« Mubârak erwiderte ihm und sprach: »Ich bin dein Sklave, o mein Herr Imâm Abū Bekr. Ich komme von meinem Herrn dem Emir Sein el-Asnâm, der von euerm Wissen und euerm guten Ruf in der Stadt vernommen hat und der deshalb eure Bekanntschaft machen und dir das ihm Obliegende erweisen möchte. Er schickt mich deshalb mit diesen Sachen und diesem Sack und bittet euch, ihm diese Gabe nicht zu verübeln, da sie in keinem Verhältnis zu euerm Rang und eurer Würde steht.«

Als Abū Bekr das Gold und das Paket Sachen sah, sprach er: »O mein Herr, ich bitte deinen Herrn den Emir um Vergebung; ich schäme mich vor ihm, und es bedrückt mich schwer, daß ich noch nicht meine Pflicht ihm gegenüber erfüllte. Ich hoffe jedoch, du wirst diesen meinen Verstoß bei ihm entschuldigen; und so es der Schöpfer will, werde ich meine Schuldigkeit thun und ihn besuchen und ihm den seinem Rang geziemenden Respekt entbieten.« Mubârak 131 erwiderte ihm: »Der höchste Wunsch meines Herrn des Emirs ist es, Ew. Hochwürden zu schauen und durch euch sich geehrt zu fühlen.« Alsdann küßte Mubârak dem Imâm die Hand und kehrte in seine Wohnung zurück.

Abū Bekr aber trat am nächsten Tag beim Morgengebet mitten in die Moschee und sprach: »O meine Brüder, hört auf mich; der Neid trifft nur die Reichen und Vornehmen und verschont die Armen und Bettler. Wisset, daß der Fremdling, von dem ich gestern zu euch sprach, ein Emir von Adel und Stammbaum ist und nicht ein Räuber, wie es mir einer der Neider hinterbrachte. Darum hütet euch, meine Brüder, daß jemand von euch gegen die Ehre dieses Mannes etwas spricht, während ihm einer der Späher des Fürsten der Gläubigen folgt; denn ein Mann wie dieser kann unmöglich in der Stadt wohnen, ohne daß ihn der Chalife kennt.«

In solcher Weise verscheuchte der Imâm Abū Bekr die bösen Gedanken aus den Köpfen der Menge, zu der er über den Emir Sein el-Asnâm gesprochen hatte. Als er dann vom Gebet zurückgekehrt war, zog er seinen langen Mantel an, besserte seine Säume aus, verlängerte seine Ärmel und machte sich auf den Weg zum Emir und betrat dessen Palast. Der Emir Sein el-Asnâm aber war ein gewissenhafter Jüngling, welcher der ihm schuldigen Höflichkeit nachkam und ihn auf einem hohen Polster Platz nehmen ließ. Alsdann kam der Kaffee mit Ambrazusatz und das Frühstück. Nachdem beide hiermit fertig geworden waren, begannen sie miteinander über verschiedene Sachen zu plaudern, und der Imâm Abū Bekr fragte den Emir und sprach zu ihm: »O mein Herr, will Ew. Hoheit hier in Bagdad lange verweilen?« Der Emir versetzte: »Ja fürwahr! Mein Wunsch ist hier so lange zu verweilen, bis ich mein Geschäft erledigt habe.« Da fragte ihn der Imâm: »Und welches ist das Geschäft meines Herrn Emirs? Vielleicht weiß ich es auszurichten, und ist es schwer, so wird es leicht.« Da sagte er zu ihm: 132 »Siehe, ich suche ein Mädchen im Alter von fünfzehn Jahren, ein edelgeborenes, züchtiges Fräulein von wunderbarer Schönheit und Anmut.« Der Imâm erwiderte ihm nun: »O mein Herr, dies ist schwer zu finden, jedoch kenne ich ein Mädchen von ausnehmender Anmut, dessen Vater Wesir war und sich vom Wesirat zurückzog und nun in seinem Palast sitzt. Er überwacht die Erziehung seiner Tochter mit außerordentlicher Eifersucht, und ich glaube, daß sie Ew. Glückseligkeit entsprechen, und daß sie sich über einen Emir gleich Ew. Hoheit freuen wird, wie auch ihr Vater.« Da sprach der Emir zu ihm: »Vielleicht ist sie meines Wunsches Ziel, jedoch ist es zuvor nötig, daß ich sie sehe, um zu wissen, ob sie züchtig ist oder nicht. In meinen Augen genügt ihre Herkunft und Schönheit.« Abū Bekr erwiderte ihm: »Und wie ist es euch möglich, mein Herr Emir, aus ihrem Gesicht zu erkennen, ob sie rein ist oder nicht? Habt ihr etwa Physiognomik studiert? Wenn mich jedoch Ew. Hoheit begleiten will, so will ich dich in ihren Palast führen und mit ihrem Vater bekannt machen, daß er sie dir vorstellt.«

Hierauf nahm der Imâm Abū Bekr den Emir mit sich und begab sich mit ihm zum Haus des Wesirs, des Vaters des Mädchens. Als sie eingetreten waren, hieß der Wesir Sein el-Asnâm, nachdem er erfahren, daß er ein Emir war und wegen seiner Tochter gekommen war, willkommen. Dann stellte er sie ihm vor und befahl ihr den Schleier von ihrem Gesicht zu lüften. Als sie ihn jedoch gelüftet hatte, wurde der Emir von Staunen und Verwirrung über ihre Schönheit und Anmut erfaßt, da er ihresgleichen nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte. Und er sprach bei sich: »Könnte ich doch ein gleiches Mädchen gewinnen, und dürfte es mir gehören!« Alsdann holte er den Spiegel aus seiner Tasche hervor und schaute hinein, wobei er den Krystall des Spiegels blank wie reines Silber fand.« Da vollzogen sie sofort den Ehebund, der Kadi erschien und schrieb den Kontrakt und die Heirat ward abgeschlossen und die Hochzeit gefeiert. 133 Alsdann nahm der Emir den Vater der Braut in seine Wohnung und machte ihm prächtige Geschenke, während er dem Mädchen kostbare Juwelen, wie Diamanten, Perlen, Hyazinthen und Smaragden in sinnverwirrender Pracht schickte. Und es war eine prächtige Hochzeit wie nimmer zuvor, und die Stadt nahm acht Tage lang bei ihm an dem Fest teil, und er machte dem Imâm Abū Bekr Geschenke.

Nachdem jedoch die Hochzeit beendet war, sprach Mubârak: »O mein Herr, steh' auf und laß uns heimkehren und nicht Zeit verlieren, denn, was wir suchten, haben wir gefunden.« Da erwiderte ihm der Emir: »Ja, fürwahr!« Und so machte sich Mubârak an die Reisevorkehrungen und besorgte für das Mädchen eine Tragsänfte, worauf sie in der Hut des Erbarmers abreisten. Als aber Mubârak merkte, daß der Emir in leidenschaftlicher Liebe zur Braut entbrannt war, sagte er zu ihm: »O mein Herr, ich möchte dir zu Verstand führen, daß du dem König der Dschânn die Treue hältst, die er dir ans Herz legte.« Der Emir erwiderte ihm: »Ach Mubârak, wenn du wüßtest, wie ich unter der Liebe zu diesem Mädchen leide, du würdest mich entschuldigen; ich gehe mit dem Gedanken um, sie nach Basra zu nehmen.« Da sagte Mubârak zu ihm: »Thu's nicht, mein Herr, bleib' treu und übe keinen Verrat, auf daß es dir nicht sehr übel ergeht, und du um dieses Mädchens willen das Leben verlierst. Denke an den Eid, den du geschworen, und laß dich nicht von der Begierde bezwingen, daß du deine Ehre verlierst.« Sein el-Asnâm entgegnete ihm: »O Mubârak, gieb auf sie acht und laß mich sie nicht mehr sehen.« Alsdann nahm er sich in acht, nicht mehr nach ihr zu sehen, und sie blieb ihm vollständig unsichtbar, während sie des Weges nach der Insel des Königs der Dschânn zogen, nachdem sie den Weg nach Kairo verlassen hatten.

Als nun aber das Mädchen die Länge der Reise gewahrte und während dieser Zeit ihren Hochzeiter nicht mehr sah, der seit der Hochzeitsnacht fortgeblieben war, sprach sie: 134 »O Mubârak, sag' mir bei dem Leben deines Herrn des Emirs, sind wir auf den Befehl meines Hochzeiters des Emirs so weit gezogen?« Da versetzte er: »Ach meine Herrin, es fällt mir schwer dir das Verborgene zu enthüllen. Glaubst du etwa, der Emir Sein el-Asnâm, der König von Basra, wäre dein Hochzeiter? Nein, er ist es nicht, vielmehr schrieb er den Ehekontrakt auf seinen Namen nur als Vorwand deinem Vater gegenüber; du ziehst jetzt als Braut zum König der Dschânn, der dich vom Emir Sein el-Asnâm verlangte.«

Als das Mädchen Mubâraks Worte vernommen hatte, hob sie an bitterlich hierüber zu weinen, daß es der Emir hörte und aus Liebe zu ihr ebenfalls bitter weinen mußte. Alsdann sagte sie zu ihnen: »Habt ihr denn kein Mitleid mit mir, einem fremden Mädchen? Wenn ihr mir einen Gefallen erweisen wollt, so steht mir Rede über den Verrat, den ihr an mir begingt.« Ihr Weinen nützte ihr jedoch nichts, sondern sobald als sie beim König der Dschânn angelangt waren, stellten sie sie ihm sogleich vor. Als er sie sich besehen hatte, gefiel sie ihm, und er wendete sich zum Emir Sein el-Asnâm und sagte zu ihm: »Das Mädchen, das du mir brachtest, ist von ausnehmender Schönheit. Kehre jetzt heim, und du wirst die neunte Statue, die du von mir verlangtest, an der Stätte der andern finden, da ich sie mit einem der Dschânn von meinen Sklaven hinbringen lassen will.«

Da küßte ihm Sein el-Asnâm die Hand und kehrte mit Mubârak nach Kairo zurück, wo er sich einige Tage aufhielt. Nachdem er sich jedoch ausgeruht hatte, machte er sich, in seinem Verlangen die neunte Statue zu sehen, wieder auf den Weg. Dabei aber bekümmerte und grämte er sich in einem fort über das Mädchen und seine Schönheit und Anmut und stöhnte und rief: »Ach mein Unglück! Ich verlor dich, du einzige an Lieblichkeit, die ich aus den Armen ihrer Eltern fortnahm und zum König der Dschânn brachte! Ach über das Leid!« Und er hob an sich über den Trug und 135 Verrat zu schelten, und daß er das Mädchen zum König der Dschânn gebracht hatte.

Als er nun in Basra angelangt war, begrüßte er seine Mutter die Königin und erzählte ihr seine Erlebnisse. Sie freute sich sehr über die neunte Statue, die ihm der König der Dschânn geschenkt hatte, und sagte zu ihm: »Steh' auf, mein Sohn, daß wir uns die Statue besehen; ich freue mich sehr über sie.« Da stiegen sie allesamt in die Schatzkammer hinunter, und nun trug sich ein großes Wunder zu. Anstatt der neunten Statue nämlich fanden sie ein junges Mädchen, das der Sonne glich und den schimmernden Sternen ähnlich war. Der Emir Sein el-Asnâm erkannte sie sofort, während sie zu ihm sprach: »Wundere dich nicht mich hier an Stelle des Gesuchten zu finden, und ich glaube, du wirst es nicht bereuen, wenn du mich an Stelle dessen, was du begehrtest, nimmst.« Er versetzte: »Zweifellos bist du mein höchster Wunsch, und ich tauschte dich weder gegen Edelsteine noch gegen die ganze Welt ein. Wüßtest du nur, wie sehr ich von Liebe zu dir verzehrt ward, als ich dich von deinen Eltern fortnahm! Jedoch übergab ich dich wider meinen Willen dem König der Dschânn.«

Ehe er aber noch zu Ende gesprochen hatte, hörte er Donnergetöse, von dem die Berge barsten und die Erde erbebte, so daß die Königin, Sein el-Asnâms Mutter, von Furcht ergriffen ward. Nach kurzer Zeit erschien dann der König der Dschânn und sprach zu ihr: »O Herrin, fürchte dich nicht; ich bin deines Sohnes Beschützer und liebe ihn. Ich bin's auch, der ihm im Traum erschien, und ich wollte hierdurch seine Tapferkeit erproben, ob er imstande wäre seine Leidenschaften zu bezähmen. Und in der That verführte ihn die Schönheit dieses Mädchens, daß er sein Gelöbnis mir gegenüber nicht aufs Genauste hielt, da er sie zur Hochzeiterin begehrte. Doch kenne ich die Schwäche der menschlichen Natur, wiewohl ich ihn dringend ermahnte, sich fern von ihr zu halten; und so nehme ich seine Tapferkeit an und schenke 136 sie ihm zum Weib; sie ist die neunte Statue, die ich ihm verhieß, und die schöner als alle andern ist, und wie keine in der Welt ihr gleich gefunden wird.« Alsdann wendete sich der König der Dschânn zu Sein el-Asnâm und sprach zu ihm: »O Emir Sein el-Asnâm, dies ist deine Hochzeiterin; nimm sie hin und suche sie heim; jedoch unter der Bedingung, daß du sie liebst und keine zweite Frau neben ihr nimmst; ich verbürge mich für ihre Treue.«

In seiner übermäßigen Freude suchte sie noch der Emir desselbigen Tages heim, und es ward ein großes Hochzeitsfest im ganzen Königreich gefeiert. Alsdann setzte er sich und regierte sein Reich, und seine Gemahlin ward die Königin von Basra genannt; und sie lebten angenehm und in Freuden, bis sie der Zerstörer der Freuden und der Trenner der Vereinigungen heimsuchte.

 


 

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