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Tausend und eine Nacht. Band XX

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XX - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XX
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages180
created20180514
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Alā ed-Dîn und die Wunderlampe.

Nach dem arabischen Text von Zotenberg, Paris 1888. Sprich: Aladdîn.

Mir kam zu Ohren, o König der Zeit, daß in einer Stadt Chinas ein armer Schneider lebte, der einen Sohn, Namens Alā ed-Dîn, hatte. Dieser Knabe war von Kindesbeinen an ein Thunichtgut und ein Taugenichts, den sein Vater, als er sein zehntes Jahr erreicht hatte, ein Handwerk lernen lassen wollte. Da er aber so arm war, daß er kein Geld ausgeben konnte, ihn ein Handwerk, eine Wissenschaft oder sonst einen Beruf lernen zu lassen, nahm er ihn in seinen Laden, um ihm das Schneiderhandwerk beizubringen. Der Knabe war jedoch ein Nichtsnutz und spielte fortwährend mit den Gassenbuben und saß keinen einzigen Tag im Laden, sondern wartete nur, bis sein Vater den Laden eines Geschäftes halber oder, um einen Kunden zu besuchen, verlassen hatte, worauf er alsbald fortlief und mit den andern Thunichtguten von seinem Schlage die Gärten aufsuchte. In dieser Weise trieb er es, ohne seinem Vater zu gehorchen oder ein Handwerk zu lernen, bis sein Vater aus Gram und Kummer über die Nichtsnutzigkeit seines Sohnes krank ward und starb. Da es nun Alā ed-Dîn in dieser Weise auch nach dem Tode seines Vaters weiter trieb und seine Mutter sah, daß ihr Gatte das Zeitliche gesegnet hatte und ihr Sohn ein Nichtsnutz für sein ganzes Leben blieb, verkaufte sie den Laden samt allem, was sie darin fand, und legte sich aufs Spinnen von Baumwolle, wodurch sie ihren Lebensunterhalt und den ihres nichtsnutzigen Sohnes Alā ed-Dîn bestritt, während Alā ed-Dîn, der sich nunmehr der Strafe seines Vaters entronnen sah, nur noch schlechter und nichtsnutziger ward und nur noch zur Essenszeit nach Hause kam. 6

Seine arme, unglückliche Mutter lebte von dem Gespinst ihrer Hände, bis Alā ed-Dîn sein fünfzehntes Lebensjahr erreicht hatte, als eines Tages, während er wieder mit den Lotterbuben auf der Straße saß und spielte, ein Derwisch aus dem Maghrib herankam und bei den Knaben stehen blieb und ihnen zuschaute, wobei er Alā ed-Dîn ansah und sein Gesicht scharf ins Auge faßte, ohne auf seine Gespielen zu achten. Dieser Derwisch aber war aus dem innern Land des Maghrib und war ein Zauberer, der mit seiner Zauberei Berge aufeinander zu türmen vermochte und außerdem die Astrologie studiert hatte. Als er nun Alā ed-Dîn so scharf ins Auge gefaßt hatte, sprach er bei sich: »Dies ist der Bursche, nach dem ich verlange, und um dessentwillen ich aus meinem Land auszog.« Hierauf nahm er einen der Knaben abseits und fragte ihn nach Alā ed-Dîn und seinem Vater aus; und der Knabe gab ihm über alles Auskunft. Da trat er an Alā ed-Dîn heran und sprach zu ihm, ihn abseits nehmend: »Mein Sohn, bist du nicht der Sohn des Schneiders, Namens So und So?« Alā ed-Dîn versetzte: »Jawohl, mein Herr; jedoch ist mein Vater bereits vor langer Zeit gestorben.« Als der maghribitische Zauberer dies vernahm, warf er sich auf Alā ed-Dîn und umarmte und küßte ihn weinend, daß ihm die Thränen über die Backen liefen. Alā ed-Dîn verwunderte sich hierüber und fragte den Maghribiten: »Was ist der Grund deines Weinens, mein Herr, und woher kennst du meinen Vater?« Der Maghribite erwiderte ihm mit bekümmerter und gebrochener Stimme: »Mein Sohn, wie kannst du mich so fragen, nachdem du mir gesagt hast, daß dein Vater, mein Bruder, gestorben ist? Dein Vater ist mein Bruder, und ich kam aus meinem Land nach dieser langen Abwesenheit in großer Freude her, da ich hoffte ihn noch einmal sehen und mich mit ihm trösten zu können; doch sagst du mir, daß er gestorben ist. Das Blut aber blieb mir nicht verborgen und sagte mir, daß du meines Bruders Sohn bist; und ich erkannte dich unter all den Buben, wiewohl 7 dein Vater noch unverheiratet war, als ich mich von ihm trennte. Nun aber hab' ich die Totentrauer versäumt und die Freude verloren, deinen Vater, wie ich hoffte, vor meinem Tode noch einmal wiederzusehen. Die Trennung that mir jedoch dies zuleide, und die Kreatur hat keinen Zufluchtsort vor seinem Schöpfer und findet kein Mittel gegen Gottes, des Erhabenen, Ratschluß.« Alsdann nahm er Alā ed-Dîn und sagte zu ihm: »Mein Sohn, ich habe nunmehr niemand zu trösten als dich; du stehst nun an deines Vaters Statt, dieweil du sein Nachfolger bist, und, wer hinterläßt, der stirbt nicht, mein Sohn.« Dann steckte der Zauberer seine Hand in die Tasche und holte zehn Dinare hervor, die er Alā ed-Dîn mit den Worten überreichte: »Mein Sohn, wo ist euer Haus, und wo ist deine Mutter, meines Bruders Gattin?« Da nahm ihn Alā ed-Dîn und zeigte ihm den Weg zu ihrem Haus, worauf der Zauberer zu ihm sagte: »Mein Sohn, nimm dieses Geld und gieb es deiner Mutter; bestelle ihr den Salâm von mir und teile ihr mit, daß dein Oheim aus der Fremde heimgekehrt ist. So Gott will, komme ich morgen zu euch, um sie zu begrüßen und das Haus zu schauen, in dem mein Bruder wohnte, und mir auch die Stätte zu besehen, an der er begraben ist.« Hierauf küßte Alā ed-Dîn dem Maghribiten die Hand und eilte vor Freuden spornstreichs zu seiner Mutter. Ganz wider seine Gewohnheit, da er sonst nur zur Essenszeit zu ihr kam, trat er fröhlich bei ihr ein und sagte zu ihr: »Meine Mutter, ich bringe dir die frohe Kunde von der Heimkehr meines Oheims aus der Fremde; er läßt dich grüßen.« Da versetzte sie: »Mein Sohn, du hältst mich wohl zum Narren? Wer ist denn dein Oheim, und woher hättest du einen Oheim am Leben?« Alā ed-Dîn entgegnete ihr: »Meine Mutter, wie kannst du zu mir sagen, daß ich weder Oheime noch Verwandte am Leben habe, wo jener Mann mein Oheim ist und mich weinend an die Brust preßte und küßte und mir befahl dir dieses mitzuteilen?« Seine Mutter erwiderte: »Mein Sohn, ja, ich weiß wohl, 8 daß du einen Oheim hattest, doch ist er gestorben, und ich weiß nichts von einem andern.«

Am andern Morgen ging der Maghribite aus und begann nach Alā ed-Dîn zu suchen, da sein Herz die Trennung von ihm nicht länger zu ertragen vermochte. Während er aber in den Hauptstraßen der Stadt umherging, stieß er auf Alā ed-Dîn, der wie gewöhnlich mit den Lotterbuben spielte. Als er sich ihm genähert hatte, faßte er ihn bei der Hand, umarmte und küßte ihn und zog aus seinem Beutel zwei Dinare hervor, worauf er zu ihm sagte: »Geh' zu deiner Mutter, gieb ihr diese beiden Dinare und sprich zu ihr: »Siehe, mein Oheim wünscht bei uns zum Abend zu essen. Nimm die beiden Goldstücke und richte ein gutes Mahl her. Vor allem zeig' mir jedoch noch einmal den Weg zu euerm Haus.« Alā ed-Dîn versetzte: »Auf Kopf und Auge, mein Oheim!« Dann schritt er ihm voran und zeigte ihm den Weg, worauf der Maghribite ihn verließ und seines Weges ging, während Alā ed-Dîn ins Haus trat und den Auftrag seiner Mutter mitteilte, indem er ihr die beiden Dinare gab und zu ihr sagte: »Mein Oheim wünscht bei uns zum Abend zu essen.« Da erhob sich Alā ed-Dîns Mutter unverzüglich und begab sich auf den Bazar, wo sie alles erforderliche einkaufte. Dann kehrte sie wieder heim und machte sich an die Herrichtung des Abendessens, indem sie von ihren Nachbarn, was sie an Tellern und dergleichen nötig hatte, borgte. Als die Abendzeit kam, sagte sie zu ihrem Sohn Alā ed-Dîn: »Das Abendessen ist fertig, doch ist's möglich, daß dein Oheim den Weg zu unserm Hause nicht weiß; geh' ihm daher entgegen.« Alā ed-Dîn versetzte: »Ich höre und gehorche.« Während sie aber noch miteinander redeten, pochte es mit einem Male an die Thür, worauf Alā ed-Dîn hinausging und die Thür öffnete; und siehe, da war es der maghribitische Zauberer, begleitet von einem Eunuchen, der Wein und Obst trug. Nachdem Alā ed-Dîn sie hereingelassen hatte, ging der Eunuch wieder seines Weges, der Maghribite aber trat herein, 9 begrüßte Alā ed-Dîns Mutter und hob an zu weinen und fragte sie: »Wo ist der Platz, auf dem mein Bruder zu sitzen pflegte?« Da zeigte sie ihm den Platz, und er ging zu ihm und warf sich nieder und küßte die Erde, indem er dabei rief: »Ach, wie erbärmlich ist mein Los und wie armselig mein Glück, wo ich dich verloren habe, mein Bruder, o Ader meines Auges!« In solcher Weise weinte und jammerte er, bis er vom Jammern und Schluchzen ohnmächtig ward. Da war Alā ed-Dîns Mutter überzeugt, daß er wirklich ihres Gatten Bruder war, und, an ihn herantretend, sprach sie zu ihm, indem sie ihn vom Boden aufrichtete: »Was für einen Nutzen hat es, daß du dich selber umbringst?« Hierauf sprach sie dem maghribitischen Zauberer Trost zu und ließ ihn Platz nehmen. Als er sich nun gesetzt hatte, sagte er zu ihr, bevor noch der Tisch aufgetragen war: »O Weib meines Bruders, laß dich's nicht Wunder nehmen, daß du mich während deines ganzen Lebens nicht gesehen und mich zu Lebzeiten meines seligen Bruders nicht kennen gelernt hast; denn seit vierzig Jahren verließ ich diese Stadt und zog aus meiner Heimat in die Fremde. Ich reiste zunächst nach den Ländern Hind und Sind und durchzog ganz Arabien, worauf ich meinen Weg nach Ägypten nahm und mich in der prächtigen Stadt niederließ, die ein Wunder der Welt ist. Nachdem ich daselbst geraume Zeit gewohnt hatte, zog ich weiter nach dem innern Maghrib und weilte dreißig Jahre lang in jenem Land. Während ich aber, o Weib meines Bruders, daselbst dasaß und an mein Land, meine Heimat und meinen seligen Bruder dachte, überwältigte mich die Sehnsucht, ihn noch einmal wieder zu sehen, so stark, daß ich über meine Fremdlingschaft und die Trennung von ihm zu weinen und schluchzen anhob; und die Sehnsucht ließ mir keine Ruhe mehr, bis ich mich entschloß in dieses Land, die Stätte, auf der mein Haupt niederkam, und meine Heimat, zu reisen, um meinen Bruder noch einmal zu schauen. Und so sprach ich bei mir: »O Mann, wie lange willst du noch von deinem Land und 10 deiner Heimat fern bleiben, wo du allein einen einzigen Bruder hast? Steh' auf, reise heim und sieh' ihn noch einmal, bevor du stirbst; denn wer kennt die Schicksalsschläge und Wechsel der Tage? Es wäre ein herbes Leid, wenn du stirbst, ohne deinen Bruder gesehen zu haben, wo Gott dir gottlob reiches Gut gegeben hat und dein Bruder vielleicht in Not und Armut lebt; du kannst deinem Bruder, außer dem Wiedersehen mit ihm, auch noch helfen.« Alsdann erhob ich mich unverzüglich, machte mich reisefertig und sprach nach dem Freitagsgebet die erste Sure, worauf ich mich aufsetzte und nach vieler Drangsal und Beschwerde, während mich der Herr, der Mächtige und Herrliche, beschützte, zu dieser Stadt gelangte und sie betrat. Während ich nun vorgestern durch die Hauptstraßen wanderte, sah ich Alā ed-Dîn, den Sohn meines Bruders, mit den Knaben spielen, und, beim großen Gott, o Weib meines Bruders, sobald ich ihn erblickte, zog mich mein Herz zu ihm, denn Blut sehnt sich nach Blut, und mein Herz sagte es mir, daß es meines Bruders Sohn war. All meine Mühe und mein Kummer waren bei seinem Anblick vergessen, und ich wäre vor Freude beinahe geflogen. Als er mir jedoch sagte, mein seliger Bruder wäre zur Barmherzigkeit Gottes, des Erhabenen, abgeschieden, ward ich vor Gram und Kummer ohnmächtig; und vielleicht teilte dir schon Alā ed-Dîn mit, wie ich hiervon ergriffen wurde. Jedoch tröstete ich mich anderseits über Alā ed-Dîn, den der Selige hinterließ; denn, wer hinterläßt, ist nicht tot.«

Nach diesen Worten schaute er Alā ed-Dîns Mutter an und sah, daß sie weinte. Da wendete er sich zu Alā ed-Dîn, um sie die Erwähnung ihres Gatten vergessen zu lassen und sie zu trösten, damit er sie mit seiner List gänzlich finge, und sprach zu ihm: »Mein Sohn, Alā ed-Dîn, was für ein Handwerk hast du gelernt, und was ist dein Geschäft? Hast du ein Handwerk erlernt, von dem du dich und deine Mutter ernährst?« Da neigte Alā ed-Dîn verlegen und beschämt 11 sein Haupt und ließ es zu Boden hängen, während seine Mutter sagte: »Woher? Bei Gott, er versteht nichts. Solchen Taugenichts wie diesen Knaben habe ich mein Lebenlang nicht gesehen. Er treibt sich mit den Taugenichtsen seines Schlages auf der Gasse umher, und sein Vater, o Jammer, starb nur aus Kummer über ihn. Mir geht es ebenfalls jetzt recht erbärmlich; ich placke mich ab und spinne Nacht und Tag Baumwolle. So treibt er's, o mein Schwager, und, bei deinem Leben, er kommt nur noch zur Essenszeit zu mir, und ich dachte schon daran, meine Hausthür zu verschließen und ihm nicht mehr zu öffnen, damit er geht und sich sein täglich Brot sucht. Denn ich bin eine alte Frau geworden und habe keine Kraft mehr mich zu schinden und mir auf diese Weise mein Brot zu verdienen. O Gott, ich muß mir mein täglich Brot verdienen, wo er für meinen Unterhalt zu sorgen hätte.«

Da wendete sich der Maghribite zu Alā ed-Dîn und sprach zu ihm: »Weshalb, o Sohn meines Bruders, bist du solch ein Taugenichts? Pfui über dich! Das geziemt sich nicht für Männer deinesgleichen. Du bist ein Mann von Verstand, mein Sohn, und ein Kind respektabler Leute. Es ist eine Schande für dich, daß dich deine Mutter, eine alte Frau, ernährt, wo du nunmehr ein Mann geworden bist und es dir ansteht, dir Mittel und Wege zu deinem täglichen Brot zu suchen, o mein Kind! Schau' um dich, mehr Lehrmeister als in unsrer Stadt giebt es gottlob nirgendswo. Erwähle dir daher das Handwerk, das dir gefällt, damit ich dich darin unterbringe; wenn du dann groß wirst, findest du den Beruf, von dem du leben kannst. Sollte deines Vaters Handwerk nicht nach deinem Geschmack sein, so suche dir ein andres aus, das dir gefällt. Laß mich's wissen, daß ich dir mit allem, was in meinen Kräften steht, behilflich bin, mein Sohn.« Als nun aber der Maghribite sah, daß Alā ed-Dîn schwieg und ihm nichts auf seinen Vorschlag antwortete, merkte er, daß er zu weiter nichts als zum Herumlungern 12 Lust hatte und sagte zu ihm: »O Sohn meines Bruders, laß dich meine Worte nicht hart ankommen, denn wenn dem so ist, daß du kein Handwerk lernen willst, so will ich dir einen Kaufladen mit den kostbarsten Stoffen aufthun, und du sollst unter dem Volk bekannt werden und nehmen und geben und kaufen und verkaufen und in der Stadt berühmt werden.« Als Alā ed-Dîn von seinem Oheim dem Maghribiten vernahm, daß er ihn zu einem Chwâdschā, einem Kaufmann, machen wollte, freute er sich mächtig, da er wußte, daß solche Leute samt und sonders saubre und feine Kleidung tragen; er schaute deshalb den Maghribiten lächelnd an und senkte dann sein Haupt wieder zu Boden, durch sein Verhalten seine Zufriedenheit andeutend.

Wie nun der maghribitische Zauberer Alā ed-Dîn lachen sah, merkte er, daß er es zufrieden war ein Chwâdschā zu werden, und sagte deshalb zu ihm: »Wenn du damit zufrieden bist, daß ich dich zum Chwâdschā mache und dir einen Laden aufthue, so benimm dich als ein Mann, o Sohn meines Bruders, und, so Gott will, nehme ich dich zunächst auf den Bazar und lasse dir einen feinen Anzug zuschneiden, wie ihn die Kaufleute tragen, um dir alsdann einen Laden auszusuchen und mein Versprechen zu erfüllen.«

Alā ed-Dîns Mutter hatte bisher noch immer leisen Zweifel daran gehegt, daß der Maghribite ihr Schwager sein sollte; als sie nun aber vernahm, daß er ihrem Sohn versprach, ihm einen Kaufladen aufzuthun und ihn mit Zeug, Kapital und dergleichen auszurüsten, entschied sie dahin, daß dieser Maghribite in Wahrheit ihr Schwager sei, da ein Fremder dies mit ihrem Sohne doch nicht thun würde. Infolgedessen begann sie ihren Sohn zurecht zu weisen und ihn zu ermahnen, die Thorheit aus seinem Kopf zu scheuchen und sich als Mann zu zeigen. Ebenso redete sie ihm zu, seinem Oheim stets Gehorsam zu leisten, als wäre es sein Vater, und die Zeit, die er mit den Taugenichtsen seines Schlages verbummelt hätte, wieder einzubringen. Alsdann erhob sie 13 sich und trug den Tisch auf, worauf sie das Abendessen vorsetzte. Dann setzten sich alle und aßen und tranken, während der Maghribite mit Alā ed-Dîn über Geschäftsangelegenheiten und dergleichen redete, so daß Alā ed-Dîn vor Freude die ganze Nacht über nicht schlafen konnte.

Als aber der Maghribite sah, daß die Nacht vorüber war, erhob er sich und kehrte zu seiner Wohnung heim, nachdem er ihnen zuvor noch einmal versprochen hatte, am nächsten Morgen wieder zu kommen und Alā ed-Dîn mitzunehmen, um ihm einen Kaufmannsanzug zuschneiden zu lassen. Am andern Morgen pochte denn auch der Maghribite an die Thür, worauf sich Alā ed-Dîns Mutter erhob und ihm die Thür öffnete. Er wollte jedoch nicht eintreten, sondern verlangte nach Alā ed-Dîn, ihn mit sich auf den Bazar zu nehmen. Infolgedessen ging Alā ed-Dîn zu seinem Oheim hinaus, wünschte ihm guten Morgen und küßte ihm die Hand, worauf ihn der Maghribite bei der Hand nahm und mit ihm auf den Bazar ging. Hier trat er in einen Zeugladen, in dem sich allerlei Anzüge befanden, und verlangte einen kostbaren Anzug, worauf ihm der Kaufmann das Gewünschte fix und fertig genäht hervorholte. Alsdann sagte der Maghribite zu Alā ed-Dîn: »Wähle dir aus, mein Sohn, was dir gefällt.« Als Alā ed-Dîn sah, daß sein Oheim ihm die Wahl gab, freute er sich mächtig und wählte sich nach seinem Geschmack die Sachen, die ihm am besten gefielen, aus, worauf der Maghribite dem Kaufmann sofort den Preis für die Sachen bezahlte. Dann verließ er den Laden und führte Alā ed-Dîn ins Bad, wo sie sich badeten; alsdann tranken sie Wein, worauf sich Alā ed-Dîn erhob und, nachdem er sich in den neuen Anzug gekleidet hatte, fröhlich und vergnügt wieder zu seinem Oheim ging, ihm für seine Güte dankte und ihm die Hand küßte.

Hierauf nahm ihn der Maghribite auf den Bazar der Kaufleute und zeigte ihm den Bazar und das Kaufen und Verkaufen, indem er dabei zu ihm sprach: »Mein Sohn, es 14 geziemt dir nun, mit den Leuten und ganz besonders den Kaufleuten Verkehr zu suchen, damit du von ihnen den Handel lernst, wo dies nunmehr dein Beruf geworden ist.« Ebenso führte er ihn durch die Stadt und zeigte ihm die Hauptmoscheen und alle Sehenswürdigkeiten der Stadt, bis er ihn in den Laden eines Kochs nahm, der ihnen das Essen in silbernen Schüsseln auftrug, worauf sie das Mahl einnahmen und aßen und tranken, bis sie genug hatten. Dann gingen sie wieder hinaus, und der Maghribite nahm Alā ed-Dîn und zeigte ihm die Lustplätze und Prachtbauten und trat mit ihm in den Sultansserâj, wo er ihm alle die hübschen und prächtigen Gemächer zeigte. Schließlich nahm er ihn zum Chân der fremden Kaufleute, in dem er sein Quartier genommen hatte, und lud einige der Kaufleute, die im Chân herbergten, ein. Als dieselben erschienen und sich zum Abendessen setzten, teilte er ihnen mit, daß dies seines Bruders Sohn sei und Alā ed-Dîn heiße. Nachdem sie dann gegessen und getrunken hatten, erhob sich der Maghribite, da die Nacht bereits hereingebrochen war, und führte Alā ed-Dîn wieder zu seiner Mutter. Als diese aber ihren Sohn Alā ed-Dîn wie einen der Kaufleute sah, flog ihr der Verstand fort, und sie ward vor Freude traurig. Dann begann sie ihrem Schwager dem Maghribiten für seine Güte zu danken und sagte zu ihm: »O mein Schwager, mein Dank reichte nicht aus, wollte ich dir auch mein Lebenlang Dank sagen und dich für alles Gute, was du an meinem Sohn thust, preisen.« Der Maghribite antwortete ihr: »O Frau meines Bruders, das ist nicht im geringsten Güte von mir, denn es ist mein Kind, und es geziemt mir die Stelle seines Vaters, meines Bruders, bei ihm einzunehmen. Sei du daher ganz zufrieden.« Da versetzte sie: »Ich bete zu Gott, bei dem Ruhm der Ersten und Letzten, daß er dich bewahrt und erhält, o mein Schwager, und daß er dich mir am Leben läßt, damit du ein Fittich über diesem verwaisten Knaben seist, und er zeitlebens unter deinem Gehorsam und Befehl steht und nur thut, was du 15 ihn heißest.« Der Maghribite entgegnete ihr: »O Weib meines Bruders, Alā ed-Dîn ist ein verständiger Mann und braver Leute Sohn, und ich hoffe zu Gott, daß er den Platz seines Vaters einnehmen und dein Auge trösten wird. Jedoch thut es mir leid, daß ich ihm morgen nicht den Laden aufthun kann, da es ein Freitag ist und alle Kaufleute nach dem Gebet in die Gärten und zu den Lustplätzen hinausgehen. Am Sabbath jedoch, so Gott will und es dem Schöpfer beliebt, wollen wir unser Geschäft erledigen. Morgen dagegen will ich zu euch kommen und Alā ed-Dîn abholen, um ihm die Gärten und Lustplätze draußen vor der Stadt zu zeigen, die er vielleicht bisher noch nicht gesehen hat. Er soll dort die Kaufleute sehen, die ausgehen, um sich dort zu belustigen, damit er mit ihnen bekannt wird und sie ihn ebenfalls kennen lernen.«

Hierauf ging der Maghribite fort und brachte die Nacht in seiner Wohnung zu. Am andern Morgen begab er sich wieder zum Haus des Schneiders und pochte an die Thür. Alā ed-Dîn aber hatte im Übermaß seiner Freude über die Kleider, die er angezogen hatte, und über alle Genüsse des vergangenen Tages, die ihm das Bad, das Essen und Trinken und die Augenweide an den Leuten, bereitet hatten, und in der Erwartung, daß sein Oheim am Morgen kommen würde ihn abzuholen, um in den Gärten zu lustwandeln, die ganze Nacht über nicht geschlafen und kein Auge zugethan und konnte kaum den Tagesanbruch erwarten. Als er nun an die Thür pochen hörte, flog er wie ein Feuerfunken hinaus und öffnete sie seinem Oheim dem Maghribiten, der ihn umarmte und küßte. Dann faßte er ihn bei der Hand, und so gingen beide selbander, während der Maghribite zu Alā ed-Dîn sagte: »O Sohn meines Bruders, heute will ich dir etwas zeigen, was du dein Lebenlang noch nicht gesehen hast;« und er begann Alā ed-Dîn anzulächeln und vertraulich mit ihm zu plaudern. Nachdem sie zum Stadtthor hinausgegangen waren, wanderte der Maghribite mit ihm zwischen 16 den Gärten und zeigte ihm die prächtigen Lustplätze und die wunderbaren stolz emporragenden Paläste. Und so oft sie einen Garten, einen Serâj oder ein Schloß besichtigten, blieb der Maghribite stehen und sagte zu Alā ed-Dîn: »Gefällt dir dies, mein Sohn Alā ed-Dîn?« während Alā ed-Dîn vor Freude fast geflogen wäre, da er etwas erblickte, was er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen hatte. In dieser Weise wanderten sie unverdrossen weiter und ergötzten sich, bis sie ermüdeten, worauf sie in einen prächtigen Garten dort in der Nähe traten, der die Brust ausdehnte und den Blick entschleierte; denn seine Bäche strömten zwischen den Blumen, und das Wasser sprudelte aus Löwenrachen aus Messing, das wie Gold glänzte. Sie setzten sich an einen Teich und ruhten sich ein wenig aus, während Alā ed-Dîn überselig vor Freude war und mit dem Maghribiten zu scherzen und fröhlich zu sein begann als wäre es wirklich sein Oheim. Dann erhob sich der Maghribite und löste seinen Gurt, worauf er einen Beutel voll Speise, Obst und dergleichen darunter hervorzog und zu Alā ed-Dîn sagte: »O Sohn meines Oheims, vielleicht bist du hungrig geworden; tritt herzu und iß, was du begehrst.« Da trat Alā ed-Dîn herzu und aß, und der Maghribite aß mit ihm, und sie waren fröhlich und guter Dinge und erquickten sich, bis der Maghribite sagte: »Steh' auf, Sohn meines Bruders, wenn du dich ausgeruht hast, damit wir wieder ein wenig weiter wandern.« Da erhob sich Alā ed-Dîn, und der Maghribite führte ihn wieder von Garten zu Garten, bis sie alle Gärten hinter sich gelassen hatten und zu einem hohen Berg gelangten. Hier aber sagte Alā ed-Dîn, der zeitlebens nicht aus dem Stadtthor hinausgekommen war und in seinem ganzen Leben keinen so großen Spaziergang gemacht hatte, zum Maghribiten: »Mein Oheim, wohin gehen wir? Wir haben alle Gärten hinter uns gelassen und stehen vor einem Berg; wenn der Weg noch weit ist, so habe ich nicht mehr die Kraft weiter zu gehen, da ich von Müdigkeit ganz erschöpft 17 bin. Da keine Gärten mehr vor uns sind, so laß uns wieder umkehren und zur Stadt zurückgehen.« Der Maghribite versetzte jedoch: »Nein, mein Sohn, dies ist der rechte Weg; auch sind die Gärten noch nicht zu Ende, vielmehr gehen wir jetzt zu einem Garten, wie Könige seinesgleichen nicht besitzen. Alle Gärten, die du bisher gesehen hast, sind nichts im Vergleich zu jenem. Nimm daher alle deine Kraft zum Gehen zusammen; gottlob bist du ein Mann.« Hierauf begann er Alā ed-Dîn mit freundlichen Worten aufzumuntern und erzählte ihm wunderbare Geschichten, Lügen und Wahres, bis sie zu dem Ort gelangten, der das Ziel des maghribitischen Zauberers war, um dessentwillen er sich aus dem Abendland nach dem Lande China aufgemacht hatte. Als sie nun daselbst angelangt waren, sagte der Maghribite zu Alā ed-Dîn: »O Sohn meines Bruders, setz' dich und ruhe dich aus, denn dies ist der Ort, nach dem wir gehen wollten. Und, so Gott will, werde ich dir alsbald merkwürdige Dinge zeigen, wie niemand in aller Welt dem ähnliches gesehen hat; und niemand hatte seine Augenweide an dem, was du sogleich zu schauen bekommen wirst. Hast du dich jedoch ausgeruht, so steh' auf und suche Holzstücke und kurzes und dürres Reisig, ein Feuer damit anzumachen; dann will ich dich Wunderdinge schauen lassen.« Als Alā ed-Dîn dies vernahm, bekam er Verlangen, das, was sein Oheim zu thun vorhatte, zu schauen, und, alle Müdigkeit vergessend, erhob er sich sofort und begann kleine Holzstücke und dürres Reisig aufzulesen, bis der Maghribite zu ihm sagte: »Es ist genug, o Sohn meines Bruders.« Hierauf holte er aus seiner Tasche eine Schachtel hervor, öffnete sie und entnahm ihr soviel Weihrauch, als er bedurfte. Dann räucherte er und sprach Schwur- und Zauberformeln und unverständliche Worte; und alsbald verfinsterte sich der Himmel, und die Erde spaltete sich unter Beben und Donnern. Erschrocken hierüber und von Entsetzen gepackt, wollte Alā ed-Dîn fortlaufen; als der maghribitische Zauberer dies jedoch bemerkte, ergrimmte er 18 gewaltig, da ohne Alā ed-Dîn alle seine Arbeit vergeblich war, dieweil der Schatz, den er heben wollte, sich nur durch Alā ed-Dîn öffnen ließ. Als er daher sah, daß Alā ed-Dîn fortlaufen wollte, erhob er sich wider ihn und versetzte ihm mit der Hand einen Schlag aufs Haupt, daß er ihm fast die Zähne ausgeschlagen hätte und Alā ed-Dîn besinnungslos zu Boden stürzte. Nach kurzer Weile kam er jedoch durch den Zauber des Maghribiten wieder zu sich und sprach nun weinend zu ihm: »O mein Oheim, was hab' ich denn gethan, daß ich von dir solch' einen Schlag verdiente?« Da suchte ihn der Maghribite wieder zu beschwichtigen und sagte zu ihm: »Mein Sohn, es ist meine Absicht, dich zum Mann zu machen. Widersprich mir daher nicht, da ich dein Oheim bin und Vaterstelle bei dir einnehme. Gehorche mir in allen meinen Befehlen, denn binnen kurzem wirst du all diese Drangsal und Mühe vergessen haben, wenn du die Wunderdinge schaust.« Als sich aber die Erde vor dem Zauberer gespalten hatte, ward ein marmorner Stein mit einem Ring aus Messing sichtbar; und nun streute der Maghribite eine Sandfigur und wendete sich zu Alā ed-Dîn, indem er zu ihm sprach: »Wenn du alles thust, was ich dir heiße, dann sollst du reicher als alle Könige werden. Aus diesem Grunde, mein Sohn, schlug ich dich; denn hier liegt ein Schatz auf deinen Namen verborgen, und doch wolltest du ihn liegen lassen und fortlaufen. Jetzt aber nimm deine fünf Sinne zusammen und schau, wie ich die Erde, durch meine Beschwörungen und Zauberformeln öffnete. Unter jenem Stein, in dem sich der Ring befindet, liegt der erwähnte Schatz. Stecke daher deine Hand in den Ring und hebe die Platte, denn niemand von allen Menschen als du allein vermag sie zu heben, und du allein kannst deinen Fuß in den Hort hineinsetzen, da er für dich aufbewahrt ist. Jedoch mußt du auf alles, was ich dich lehre, hören und darfst dir keine einzige Silbe meiner Worte entgehen lassen. Alles dies, mein Kind, ist zu deinem Besten, denn dies ist ein gewaltiger Schatz, 19 wie die Könige der Welt seinesgleichen nicht besitzen, und er ist für dich und mich.«

Da vergaß der arme Alā ed-Dîn Mühsal, Schläge und Weinen, und, geblendet von den Worten des Maghribiten, freute er sich durch diese Schicksalsfügung reicher als alle Könige zu werden und sagte: »Mein Oheim, befiehl mir alles, was du begehrst, ich gehorche deinem Geheiß.« Der Maghribite versetzte: »O Sohn meines Bruders, du bist mir wie mein Kind und selbst noch teurer, da du der Sohn meines Bruders bist. Ich habe keine andern Verwandten als dich, und du sollst mein Erbe und Nachfolger werden, mein Sohn.« Alsdann trat er an Alā ed-Dîn heran, küßte ihn und sprach: »Für wen unterziehe ich mich all dieser Mühen? Alles ist um deinetwillen, damit ich dich zu einem reichen und sehr großen Mann mache. Widersetze dich daher keinem meiner Worte, sondern tritt heran an den Ring und hebe ihn, wie ich es dir befehle.« Alā ed-Dîn erwiderte: »Mein Oheim, dieser Ring ist mir zu schwer, ich kann ihn allein nicht heben. Tritt herzu und hilf mir dabei, da ich zu jung bin.« Der Maghribite entgegnete jedoch: »O Sohn meines Bruders, es ist uns unmöglich etwas auszurichten, wenn ich dir helfe, denn all unsre Mühe würde vergeblich sein. Leg' nur deine Hand an den Ring und zieh' an ihm; du wirst ihn sofort heben, da ich dir doch sagte, daß du ihn allein anfassen kannst. Während du aber an ihm ziehst, sprich' den Namen deines Vaters und deiner Mutter aus, und du wirst beim Heben nichts von seiner Schwere verspüren.« Da stärkte sich Alā ed-Dîn und that mit festem Entschluß, wie der Maghribite es ihn geheißen hatte; und, sobald er seinen Namen und die seiner Eltern aussprach, hob er die Platte mit der größten Leichtigkeit und warf sie beiseite. Unter derselben ward nun ein Gewölbe sichtbar, zu dem man auf einer Treppe von ungefähr zwölf Stufen hinunterstieg, und der Maghribite sagte zu ihm: »O Alā ed-Dîn, nimm deine fünf Sinne zusammen und thue alles, was ich dir sage, aufs genauste, 20 ohne das geringste davon zu unterlassen. Steig mit aller Vorsicht in jenes Gewölbe hinunter, bis du auf seinen Grund gelangst, wo du einen in vier Räume geteilten Platz finden wirst, in deren jedem du vier Krüge aus Gold und andre aus Gold und Silber gewahren wirst. Hüte dich jedoch sie anzurühren und nimm nichts von ihnen sondern geh' an ihnen vorüber, bis du zum vierten Raum gelangst, ohne deine Kleider oder Säume die Krüge und die Wände berühren zu lassen und ohne einen einzigen Augenblick stehen zu bleiben; solltest du dem zuwiderhandeln, so würdest du auf der Stelle in einen schwarzen Stein verwandelt werden. Bist du nun in den vierten Raum gelangt, so wirst du dort eine Thür finden; öffne sie, indem du wieder dieselben Namen, wie bei der Platte, aussprichst, und tritt hinein. Du wirst dann in einen Garten gelangen, der überall mit Fruchtbäumen geschmückt ist. Von dort mußt du auf dem Wege, den du vor dir siehst, gegen fünfzig Ellen weiter schreiten, worauf du eine Halle erblicken wirst, in der sich eine Leiter mit ungefähr dreißig Stufen befindet, und von der Decke der Halle wirst du eine Lampe herunterhängen sehen. Nimm die Lampe und stecke sie, nachdem du das Öl, das sie enthält, ausgegossen hast, in deinen Busen, ohne etwas für deine Kleider zu befürchten, da das Öl kein wirkliches Öl ist. Auf deiner Rückkehr magst du dann von den Bäumen pflücken, was dir beliebt, denn es gehört dir, so lange die Lampe in deiner Hand ist.«

Nachdem der Maghribite die Vorschriften, die er Alā ed-Dîn gab, beendet hatte, zog er von seinem Finger einen Siegelring und steckte ihn an Alā ed-Dîns Finger, indem er zu ihm sagte: »Mein Sohn, dieser Siegelring wird dich vor allem Schaden und aller Furcht, die dir drohen könnten, wahren, jedoch nur unter der Bedingung, daß du alles, was ich dir sagte, beobachtest. Erheb dich nun, steig beherzt und festen Entschlusses hinunter und fürchte dich nicht, denn du bist ein Mann und kein Kind. In kurzer Zeit, mein Sohn, 21 wirst du gewaltigen Reichtum gewinnen, so daß du der reichste Mensch auf der Welt werden wirst.«

Da erhob sich Alā ed-Dîn und stieg in das Gewölbe hinunter, wo er die vier Räume und in jedem derselben vier goldene Krüge fand. Er schritt jedoch, wie der Maghribite es ihn geheißen hatte, mit äußerster Vorsicht und Sorgfalt an ihnen vorüber, bis er in den Garten gelangte, in dem er weiter schritt, bis er zur Halle gelangte. Dann trat er in dieselbe ein und stieg auf die Leiter, worauf er die Lampe herunternahm, sie auslöschte, das Öl, das sie enthielt, ausgoß, und sie in seinen Busen steckte. Alsdann betrat er den Garten und besah sich seine Bäume, auf denen Vögel mit ihrem Gesang den erhaben Schöpfer lobpreisten, die er zuvor bei seinem Eintritt nicht gesehen hatte. Die Früchte aller dieser Bäume aber bestanden aus kostbaren Edelsteinen, und jeder Baum hatte Früchte von besonderer Farbe und Gestalt; und diese Edelsteine waren von jeglicher Farbe, grün, weiß, gelb, rot u. s. w., und schimmerten heller als die Strahlen der Sonne am Vormittag. Die Größe der Edelsteine aber übertraf so sehr jede Beschreibung, daß nicht ein einziger Stein von derselben Größe bei den mächtigsten Königen der Welt zu finden war, ja nicht einmal Steine von der halben Größe der kleinsten unter ihnen.

Wie nun Alā ed-Dîn zwischen den Bäumen umherspazierte und sie samt jenen Dingen, die den Blick blendeten und die Sinne gefangen nahmen, betrachtete, sah er, daß die Bäume anstatt gewöhnlicher Früchte, große Edelsteine, wie Smaragde, Diamanten, Hyazinthen, Perlen und dergleichen Juwelen trugen, deren Anblick die Sinne verwirrte. Da aber Alā ed-Dîn solche Sachen in seinem ganzen Leben noch nicht zu schauen bekommen hatte, und er auch noch nicht erwachsen war, um den Wert dieser Edelsteine zu erkennen, dieweil er noch ein kleiner Bursche war, glaubte er, daß alle diese Edelsteine Glas oder Krystall wären, und sammelte so viel von ihnen auf, wie er in seine Brusttaschen stecken konnte. Dann 22 sah er nach, ob es Früchte wie Trauben, Feigen oder dergleichen zum Essen wären. Als er aber fand, daß sie wie Glas aussahen, fing er an seine Brusttaschen mit Früchten von allerlei Gestalt anzufüllen, ohne etwas von Juwelen und ihrem Preis zu wissen, und sprach bei sich, als er sein Verlangen zu essen nicht befriedigen konnte: »Ich will mir etwas von diesen gläsernen Früchten sammeln, um mit ihnen zu Hause zu spielen.« Alsdann pflückte er drauf los und stopfte seine sämtlichen Taschen und seinen Gurt voll, und lud sich soviel auf, als er nur zu tragen vermochte, um die Früchte dann zur Zier in sein Haus zu legen, da er sie, wie oben erwähnt, für Glas hielt. Hierauf eilte er aus Furcht vor seinem Oheim dem Maghribiten zurück, bis er wieder durch die vier Räume kam und wieder in das Gewölbe gelangte, ohne einen Blick auf die goldenen Krüge zu werfen, wiewohl es ihm bei seiner Rückkehr freistand, von ihnen, was er wollte, an sich zu nehmen. Als er nun zur Treppe kam, stieg er dieselbe empor, bis ihm nur noch die letzte Stufe übrigblieb; da diese jedoch höher als die andern war und er sie wegen seiner Last nicht allein ersteigen konnte, sagte er zum Maghribiten: »O mein Oheim, reich mir deine Hand und hilf mir hinauf.« Der Maghribite erwiderte ihm: »Mein Sohn, gieb mir die Lampe und erleichtere deine Last; vielleicht ist's das, was dich so beschwert.« Alā ed-Dîn entgegnete ihm jedoch: »Mein Oheim, die Lampe beschwert mich nicht im geringsten; reich mir deine Hand, und, wenn ich hinaufgestiegen bin, gebe ich dir die Lampe.« Da aber des maghribitischen Zauberers Verlangen einzig nach der Lampe stand, drängte er in Alā ed-Dîn ihm die Lampe zu geben, während Alā ed-Dîn mit der Hand nicht zur Lampe kommen konnte, da er sie tief in seine Kleider geborgen und die Taschen darüber mit Edelsteinen vollgepfropft hatte. Wie nun der Maghribite trotz allem Fordern und Drängen die Lampe nicht erhielt, ergrimmte er so mächtig, daß er vor Wut närrisch ward, während Alā ed-Dîn ohne Falsch und böse Absicht versprach, ihm 23 die Lampe zu geben, sobald er aus dem Gewölbe herausgestiegen wäre. Schließlich verlor der Maghribite in seiner rasenden Wut alle Hoffnung, die Lampe von Alā ed-Dîn zu bekommen und hob Schwur- und Zauberformeln zu sprechen an und warf mitten ins Feuer Räucherwerk, worauf sich die Steinplatte von selbst durch die Kraft des Zaubers über die Öffnung legte und die Erde die Platte wie zuvor bedeckte, so daß Alā ed-Dîn unter der Erde blieb und nicht herauskommen konnte. Hierauf ging der Maghribite fort, um Alā ed-Dîn Hungers sterben zu lassen; denn, wie bereits erwähnt, war er ein Fremder und gar nicht Alā ed-Dîns Oheim, sondern hatte sich nur verstellt und dies erlogen, um durch Alā ed-Dîns Vermittelung, der den Schatz allein zu heben vermochte, die Lampe zu gewinnen. Der verruchte Zauberer stammte vielmehr aus Afrika, aus dem innern Maghrib, und hatte seit seiner Kindheit die Zauberei und alle spiritualistischen Wissenschaften betrieben, für die die Stadt AfrikaDem Erzähler ist Afrika hier eine Stadt; sonst bezeichnet Afrika speciell Tunis. berühmt ist. Er hatte unaufhörlich gelernt und studiert, bis er alle Wissenschaften von Grund aus verstand. Durch seine Meisterschaft im Beschwören und Zaubern, die er sich durch ein vierzigjähriges Studium erworben hatte, entdeckte er eines Tages, daß sich unter den äußersten Städten Chinas eine Stadt, El-Kalâs geheißen, befände, in der ein gewaltiger Schatz läge, wie kein König der Welt seinesgleichen besäße; und das merkwürdigste in diesem Schatz wäre eine Wunderlampe, deren Besitzer von keinem Menschen auf der Erde an Reichtum und Pracht übertroffen werden könne; ja selbst der mächtigste König der Welt reichte an den Reichtum dieser Lampe und ihre Macht und Stärke nicht im mindesten heran. Nachdem er dann durch seine Wissenschaft entdeckt hatte, daß der Schatz nur durch einen armen Knaben, Namens Alā ed-Dîn, der in jener Stadt lebte, gehoben werden könnte, und daß der Schatz leicht und ohne Mühe zu nehmen sei, 24 machte er sich unverzüglich und ohne Zeitverlust zur Reise nach China fertig und that mit Alā ed-Dîn das oben erwähnte, im Glauben die Lampe zu gewinnen. Da aber seine Mühe und Hoffnung vereitelt und alle seine Anstrengungen umsonst gewesen waren, beschloß er Alā ed-Dîn umzubringen und verschloß ihn durch seine Zauberei unter der Erde, damit er stürbe, ohne einen Mord an ihm vollbracht zu haben. Außerdem bezweckte er dadurch, Alā ed-Dîn nicht aus dem Gewölbe zu lassen, damit auch die Lampe unter der Erde bliebe. Hierauf zog er seines Weges und kehrte betrübt und in seiner Hoffnung getäuscht nach Afrika zurück.

Soviel, was den Zauberer anlangt. Nachdem sich aber über Alā ed-Dîn die Erde geschlossen hatte, hob er an nach seinem vermeintlichen Oheim dem Maghribiten zu schreien, daß er ihm die Hand reichte und ihn aus dem Gewölbe an die Oberfläche der Erde zöge. Als er jedoch trotz allem Rufen keine Antwort erhielt, durchschaute er die List, mit welcher der Maghribite ihn gefangen hatte, und erkannte, daß es gar nicht sein Oheim, sondern ein verlogener Zauberer war. Er verzweifelte an seinem Leben und erkannte zu seinem Kummer, daß er nicht an die Oberfläche der Erde herauskommen konnte, weshalb er zu weinen anhob und das Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, bejammerte. Nach kurzer Frist erhob er sich jedoch und stieg wieder ins Gewölbe hinunter, um zu sehen, ob ihm Gott, der Erhabene, vielleicht zu seinem Trost eine Thür zum Herauskommen gelassen hätte. Er wendete sich nach rechts und links, doch sah er nichts als vier finstre Wände, die ihn von allen Seiten einschlossen, da der maghribitische Zauberer durch seine Zauberei alle Thüren verschlossen hatte, so daß er nicht einmal in den Garten kommen konnte, damit er keinen Weg, wieder an die Erdoberfläche zu gelangen, finden könnte und er um so schneller stürbe. Da weinte und jammerte Alā ed-Dîn um so lauter, als er alle Thüren und selbst den Garten verschlossen sah, da er sich in den Räumen und in dem Garten ein wenig hatte trösten 25 wollen. Er schrie und weinte wie einer, dem alle Hoffnung abgeschnitten ist, und setzte sich schließlich wieder auf die Stufen der Treppe, auf der er zuvor ins Gewölbe hinabgestiegen war. Es ist jedoch für Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen! – ein leichtes Ding, wenn er etwas will, zu sagen: »Werde!« und es geschieht. Denn mitten in der Not spendet er Trost. Als nämlich der Maghribite Alā ed-Dîn in das Gewölbe hinuntergeschickt hatte, hatte er ihm einen Siegelring gegeben und ihm denselben mit den Worten an den Finger gesteckt: »Dieser Ring wird dich aus aller Not retten, so du in Unglück oder Mißgeschick gerätst; er wird alle Gefahren von dir abwenden und dir überall helfen.« Dies geschah nach Gottes, des Erhabenen, Fügung, als ein Mittel zu Alā ed-Dîns Errettung; denn, während er so über seine Lage weinend und jammernd dasaß, ohne Hoffnung, am Leben zu bleiben, und von Kummer überwältigt, rang er im Übermaß seines Grams, wie Bekümmerte es zu thun pflegen, die Hände und hob sie flehend auf zu Gott und rief: »Ich bezeuge, daß es keinen Gott giebt außer dir allein, dem Erhabenen, Allmächtigen und Allbezwinger, dem Tod- und Lebendigmacher, dem Verursacher und Erfüller der Nöten, dem Löser der Schwierigkeiten und Drangsale und Trostbringer! Du bist mein Genüge und bist der beste Anwalt. Ich bezeuge es, daß Mohammed dein Knecht und dein Gesandter ist, und ich flehe dich an, o mein Gott, bei seinem Ruhme bei dir, mich aus meinem Elend zu befreien.« Während er so zu Gott flehte und dabei im Übermaß seines Grams seine Hände rang, rieb er auch den Siegelring, und, siehe, sofort stand ein Sklave vor ihm und sprach: »Zu Diensten! Hier stehe ich vor dir; heische, was du begehrst, denn ich bin der Sklave dessen, der den Ring an der Hand trägt, den Ring meines Herrn.« Da erhob Alā ed-Dîn seinen Blick und sah einen Mârid gleich einem der Dschânn unsers Herrn Salomo vor sich stehen. Er erbebte vor dem entsetzlichen Anblick; als er jedoch den Sklaven sprechen hörte: 26 »Heische, was du begehrst, ich bin dein Knecht da der Ring meines Herrn an deiner Hand ist,« kam er wieder zur Besinnung und dachte an die Worte des Maghribiten, als er ihm den Ring gegeben hatte. In mächtiger Freude raffte er daher seinen Mut zusammen und sprach zu ihm: »O Sklave des Herrn des Ringes, ich wünsche, daß du mich an die Oberfläche der Erde bringst.« Und sogleich, ehe er noch seine Worte beendet hatte, spaltete sich die Erde, und er befand sich am Eingang zum Schatz, draußen im Freien. Da er aber drei Tage lang unter der Erde in der Finsternis gesessen hatte, und ihn nun das Tageslicht und der Glanz der Sonne ins Gesicht traf, vermochte er seine Augen nicht zu öffnen, sondern blinzelte, die Lider öffnend und wieder schließend, bis seine Augen wieder Kraft gewonnen und sich an das Licht gewöhnt hatten und von der Finsternis entschleiert waren. Dann öffnete er sie weit und freute sich mächtig, als er sich wieder auf der Erdoberfläche sah; doch nahm es ihn Wunder sich wieder über dem Eingang zum Schatz zu befinden, durch den er hinabgestiegen war, als der maghribitische Zauberer ihn geöffnet hatte; zumal, wo jetzt der Eingang verschlossen und die Erde darüber glatt ausgebreitet war, so daß nicht die geringste Spur von einem Eingang mehr zu sehen war. Seine Verwunderung wuchs dadurch nur um so mehr, so daß er schließlich glaubte, sich an einem andern Platz zu befinden; und nicht eher glaubte er, daß es derselbe Ort war, als bis er den Platz gewahrte, auf dem sie das Feuer mit dem Holz und Reisig angezündet hatten, und wo der maghribitische Zauberer seine Beschwörungen gesprochen und geräuchert hatte. Alsdann wendete er sich nach rechts und links, und, als er nun auch die Gärten in der Ferne erblickte und den Weg erkannte, auf dem er gekommen war, dankte er Gott, dem Erhabenen, daß er ihn an die Oberfläche der Erde gebracht und ihn, nachdem er bereits alle Hoffnung aufgegeben, vom Tode errettet hatte. Hierauf erhob er sich und schlug den ihm bekannten 27 Weg zur Stadt ein, bis er zu seinem Haus gelangte. Als er dasselbe betrat und seine Mutter erblickte, stürzte er in seiner großen Freude über seine Errettung vor ihr nieder und sank in Folge der Furcht und Drangsal, die er erlitten hatte, und im Übermaß seiner Freude und seines Hungers in Ohnmacht.

Seine Mutter hatte sich inzwischen seit der Stunde, daß Alā ed-Dîn sie verlassen hatte, über ihn betrübt und hatte weinend und jammernd über ihn dagesessen. Als sie ihn nun eintreten sah, freute sie sich mächtig, doch packte sie der Kummer von neuem, als sie ihn bewußtlos vor ihr zusammenbrechen sah. Sie nahm die Sache jedoch nicht leicht, sondern sprengte ihm schnell Rosenwasser ins Gesicht und bat ihre Nachbarinnen um Wohlgerüche, die sie ihn einatmen ließ. Als er dann wieder ein wenig zu sich kam, bat er sie, ihm etwas zu essen zu bringen, und sagte zu ihr: »O meine Mutter, seit drei Tagen habe ich nicht das geringste gegessen.« Da erhob sich seine Mutter und brachte ihm von dem, was sie bei sich hatte. Indem sie es vor ihn stellte, sprach sie zu ihm: »Steh' auf, mein Sohn, iß und erhole dich; und, wenn du dich ausgeruht hast, so erzähl' mir, wie es dir ergangen und, was dir zugestoßen ist, mein Kind; jetzt will ich dich nach nichts fragen, da du erschöpft bist.«

Nachdem nun Alā ed-Dîn gegessen und getrunken und sich erquickt und ausgeruht hatte und wieder zu sich gekommen war, sagte er zu seiner Mutter: »Ach, meine Mutter, du hast eine große Schuld auf dich geladen, daß du mich jenem verruchten Menschen überließest, der mich zu verderben trachtete und mich umbringen wollte. Wisse, ich sah meinen Tod durch jenen Verruchten vor Augen, den du für meinen Oheim hieltest; und, wenn mich nicht Gott, der Erhabene, vor ihm errettet hätte, so wären wir ihm beide, ich und du, meine Mutter, durch seine Versprechungen, mir Gutes zu erweisen, und durch die Liebe, die er mir zeigte, ins Garn gegangen. Wisse, meine Mutter, daß der Mann ein Zauberer, ein 28 Maghribite, ein Verruchter, ein Lügner, ein Gauner, ein Betrüger und ein Heuchler ist, und ich glaube nicht, daß die Satane unter der Erde so schlimm wie er sind; Gott thue ihm in jeglichem Buch Schande an! Höre nur, meine Mutter, was dieser Verruchte mir angethan hat, und alles, was ich dir sage, ist die lauterste Wahrheit. Schau, wie mich der Verruchte betrog, und wie er mir verhieß mir nur alles Gute anzuthun. Die Liebe, die er mir zur Schau trug, und alles, was er that, geschah nur, um seinen Wunsch zu erreichen, denn seine Absicht war mich zu verderben; jedoch sei Gott gelobt für meine Rettung! Höre nur, meine Mutter, wie dieser Verruchte mir mitspielte.« Alsdann erzählte Alā ed-Dîn, im Übermaß seiner Freude weinend, seiner Mutter alles, was ihm von dem Zeitpunkt an, daß er sie verlassen hatte, widerfahren war; wie ihn der Maghribite zum Berg, in dem sich der Schatz befand, geführt und wie er Zauberformeln gesprochen und geräuchert hatte, und sagte: »Und dann gab er mir einen Schlag mit der Hand, daß ich vor Schmerzen die Besinnung verlor, und mächtiges Entsetzen erfaßte mich, als ich durch seine Zauberei den Berg sich spalten und die Erde vor mir sich aufthun sah; ich zitterte und erbebte vor dem Donner, den ich vernahm, und vor der Finsternis, die bei seinen Beschwörungen und Zauberformeln eintrat, und wollte aus Furcht vor diesen Schrecknissen fortlaufen. Als er dies jedoch sah, schalt er mich und schlug mich, da er nicht zum Schatz hinuntersteigen konnte, dieweil er sich nur durch mich heben ließ, und er auf meinen Namen dort verborgen lag und nicht für ihn; dann aber, da er dies wußte, suchte er sich wieder mit mir auszusöhnen, um mich in den Schatz hinunterzuschicken, damit ich ihm holte, was er verlangte; und, als er mich nun hinabsteigen ließ, zog er einen Ring von seinem Finger und steckte ihn mir an die Hand, worauf ich hinabstieg und vier Räume voll Gold, Silber und dergleichen fand. Doch war alles dies nichts, denn der Verruchte trug mir auf nichts davon anzurühren. Hernach trat 29 ich in einen prächtigen Garten über und über mit hohen Bäumen bestanden, deren Früchte die Sinne verwirrten, da alle aus buntem Krystall bestanden. Schließlich gelangte ich zu dem Pavillon in dem sich diese Lampe befand, und ich nahm sie sogleich, löschte sie aus, und goß ihren Inhalt aus.« Bei diesen Worten zog Alā ed-Dîn die Lampe aus seinem Busen und zeigte sie ihr nebst den Edelsteinen, die er aus dem Garten geholt hatte; und es waren zwei große Beutel voll, wie man keinen einzigen von ihnen bei den Königen der Welt fand, ohne daß Alā ed-Dîn ihren Wert kannte, sondern sie für Glas oder Krystall hielt. Hierauf fuhr er fort: »Als ich dann mit der Lampe zurückkehrte und zum Eingang der Schatzkammer kam, rief ich dem verruchten Maghribiten, der sich für meinen Oheim ausgab, zu, mir seine Hand zu reichen und mich herauszuziehen, da ich durch meine Last beschwert war und nicht allein hinauszusteigen vermochte. Er reichte mir die Hand jedoch nicht, sondern sagte zu mir: »Gieb mir zuerst die Lampe, hernach will ich dir meine Hand reichen und dich hinausziehen.« Da ich nun aber die Lampe in meinen Busen gesteckt hatte und die vollen Taschen darüber waren, vermochte ich nicht sie zu fassen, um sie ihm zu geben, sondern sagte zu ihm: »O mein Oheim, ich kann dir die Lampe nicht geben; wenn ich herausgestiegen bin, sollst du sie haben.« Er wollte mich jedoch nicht herausziehen, sondern verlangte einzig nach der Lampe, um sie mir zu entreißen und mich dann unter der Erde umkommen zu lassen, wie er es hernach mit mir that. Das ist's, meine Mutter, was mir von diesem unseligen Zauberer widerfuhr.« So erzählte Alā ed-Dîn seiner Mutter die ganze Geschichte bis zu Ende, worauf er den Maghribiten mit zornentbranntem Herzen zu schmähen anhob und rief: »Ach über diesen verruchten unseligen Zauberer, den Grausamen, Hartherzigen, unmenschlichen Verräter und Heuchler ohne Barmherzigkeit und Mitleid!«

Als Alā ed-Dîns Mutter die Erzählung ihres Sohnes vernommen und erfahren hatte, was der maghribitische 30 Zauberer ihm angethan hatte, sagte sie zu ihm: »Ja fürwahr, mein Sohn, er ist ein Kâfir, ein Heuchler, der die Leute durch seine Zaubereien umbringt; Gottes, des Erhabenen, Huld jedoch, mein Sohn, errettete dich von dem Falsch und Trug dieses verruchten Zauberers, den ich wahrhaftig für deinen Oheim hielt.«

Da nun aber Alā ed-Dîn seit drei Tagen nicht geschlafen hatte und todmüde war, verlangte er nach Ruhe und legte sich schlafen, was seine Mutter nach ihm ebenfalls that. Er schlief ohne Unterbrechung und erwachte erst wieder am andern Tage kurz vor Mittag, worauf er, da er hungrig war, sofort etwas zu essen verlangte. Seine Mutter erwiderte ihm: »Mein Kind, ich habe nichts zum Essen bei mir, da du das, was ich besaß, gestern gegessen hast. Warte jedoch ein Weilchen; ich habe ein wenig Garn bei mir, das ich auf den Bazar tragen und dort verkaufen will; für den Erlös will ich dir dann etwas zum Essen kaufen.« Alā ed-Dîn versetzte: »Meine Mutter, behalte das Garn und verkaufe es nicht; gieb mir die Lampe, die ich brachte, damit ich sie verkaufe und uns für den Erlös etwas zum Essen besorge. Ich glaube, die Lampe wird mehr Geld einbringen als das Garn.« Da erhob sich Alā ed-Dîns Mutter und brachte ihrem Sohn die Lampe; als sie jedoch sah, daß sie sehr schmutzig war, sagte sie zu ihm: »Mein Sohn, hier ist die Lampe; jedoch ist sie schmutzig; wenn wir sie gewaschen und blank geputzt haben, so wird sie sich teurer verkaufen lassen.« Hierauf nahm sie etwas Sand in ihre Hand und rieb die Lampe damit; doch hatte sie dieselbe erst ein wenig gerieben, als mit einem Male ein Dschinnī mit entsetzlichem Gesicht und breiter Gestalt, gleich einem alten Recken, erschien und zu ihr sprach: »Sprich, was du begehrst; hier bin ich, dein Sklave und der Sklave dessen, der die Lampe in seiner Hand hält; und nicht ich allein, sondern alle Sklaven der wunderbaren Lampe, die du in der Hand hältst.« Da entsetzte sich Alā ed-Dîns Mutter und ward angesichts der entsetzlichen Gestalt 31 so sehr von Furcht erfaßt, daß ihr die Zunge gelähmt ward und sie ihm keine Antwort erteilen konnte, da sie nie zuvor eine Gestalt wie diese gesehen hatte. Vor Grausen sank sie in Ohnmacht, während Alā ed-Dîn fern von ihr stand. Da er jedoch bereits den Dschinnī des Rings gesehen hatte, als er den Ring in der Schatzkammer gerieben hatte, eilte er, als er den Dschinnī zu seiner Mutter sprechen hörte, schnell hinzu, riß seiner Mutter die Lampe aus der Hand und sprach zu ihm: »O Sklave der Lampe, ich bin hungrig und wünsche, daß du mir etwas zum Essen bringst; es muß jedoch etwas außergewöhnlich Schmackhaftes sein.« Da verschwand der Dschinnī auf einen Augenblick und brachte ihm eine prächtige, wertvolle Platte aus reinstem Silber, auf der zwölf goldene Teller mit allerlei köstlichen Gerichten standen nebst zwei silbernen Bechern, zwei schwarzen Flaschen voll von geklärtem altem Wein und Brot weißer als Schnee. Nachdem er die Platte vor Alā ed-Dîn gesetzt hatte, verschwand er, worauf sich Alā ed-Dîn erhob und seiner Mutter Rosenwasser ins Gesicht spritzte und ihr scharfe Wohlgerüche zu riechen gab. Als sie hierdurch wieder zu sich gekommen war, sagte er zu ihr: »Meine Mutter, steh' auf, damit wir von dieser Speise, die uns Gott, der Erhabene, beschert hat, essen.« Wie nun Alā ed-Dîns Mutter die kostbare silberne Platte gewahrte, verwunderte sie sich und sagte zu ihrem Sohn: »Mein Sohn, wer ist dieser Freigebige und Großmütige, der unserm Hunger und unsrer Armut abgeholfen hat? Wir sind ihm zu Dank verpflichtet; es scheint, daß der Sultan von unsrer Lage und Armut vernommen und uns diese Platte geschickt hat.« Alā ed-Dîn erwiderte ihr: »Meine Mutter, jetzt ist nicht die Zeit zum Fragen; steh' auf und laß uns essen, da wir hungrig sind.« Hierauf erhoben sie sich und setzten sich zum Essen an die Platte; und Alā ed-Dîns Mutter bekam hierbei Gerichte zu kosten, wie sie dergleichen in ihrem ganzen Leben noch nicht gegessen hatte. In ihrem Heißhunger aßen sie mit dem höchsten Appetit, zumal 32 die Speisen für Könige gepaßt hätten. Sie wußten jedoch nicht, ob die Platte wertvoll war oder nicht, da sie zeitlebens Sachen wie diese nicht gesehen hatten. Als sie ihr Mahl beendet hatten und gesättigt waren, wobei ihnen noch genug zum Abendessen und für den folgenden Tag übrig geblieben war, erhoben sie sich und wuschen sich die Hände, worauf sie sich zum Plaudern setzten. Hierbei wendete sich Alā ed-Dîns Mutter zu ihrem Sohn und sprach zu ihm: »Mein Sohn, erzähle mir jetzt, wie es dir mit dem Sklaven, dem Dschinnī, erging, nachdem wir uns gottlob an den guten Dingen, die Gott uns gewährte, gesättigt haben, und du keinen Grund mehr hast mir zu sagen, du seiest hungrig.« Da erzählte er ihr alles, was sich zwischen ihm und dem Dschinnī zugetragen hatte, nachdem sie vor Furcht in Ohnmacht gefallen war, und sie verwunderte sich höchlichst und rief: »Das ist wahr, denn die Dschinn erscheinen den Menschen. Jedoch, mein Sohn, sah ich sie nimmer zuvor, und ich glaube, es war derselbe, der dich aus der Schatzkammer befreite.« Alā ed-Dîn entgegnete: »Nein, er war's nicht, meine Mutter; der Sklave, der dir erschien, war der Diener der Lampe.« Als sie dies vernahm, fragte sie: »Wieso, mein Sohn?« Alā ed-Dîn versetzte: »Dieser Sklave hatte ein andres Aussehen als der andre, jener war der Diener des Ringes, und dieser, den wir sahen, war der Sklave der Lampe, die du in der Hand hieltest.« Als seine Mutter dies von ihm vernahm, rief sie: »Sieh' da, sieh' da, der Verruchte, der mir erschien und mich beinah' durch den Schrecken, den ich vor ihm bekam, getötet hätte, gehört zur Lampe!« Alā ed-Dîn erwiderte: »Jawohl.« Da sagte sie zu ihm: »Mein Sohn, bei der Milch, mit der ich dich gesäugt habe, bitte ich dich, die Lampe und den Siegelring fortzuwerfen, da sie uns die größte Furcht erregen und ich es nicht ertragen könnte sie noch einmal zu sehen. Überdies ist uns der Verkehr mit ihnen verwehrt, denn der Prophet – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – warnte uns vor ihnen.« Alā ed-Dîn entgegnete ihr: »Meine 33 Mutter, ich gehorche deinen Befehlen sonst aufs Haupt und Auge, aber diesen Worten kann ich nicht Folge leisten, da es mir unmöglich ist die Lampe und den Ring zu missen. Du sahst doch, was er uns Gutes that, als wir hungrig waren, und, meine Mutter, der Maghribite, der Lügner und Zauberer, verlangte, als ich in den Schatz hinuntergestiegen war, weder etwas Gold noch Silber, womit die vier Räume angefüllt waren, sondern schärfte mir einzig und allein ein, ihm die Lampe zu bringen, da er ihren hohen Wert kannte. Wenn er nicht gewußt hätte, wie wertvoll sie ist, so hätte er sich nicht so gemüht und abgeplagt und wäre aus seinem Land nicht zu uns gekommen, um sie zu suchen; ebenso hätte er mich auch nicht im Schatz eingesperrt, als er die Lampe von mir nicht bekam. Es ist daher unsre Pflicht, meine Mutter, die Lampe zu bewahren und hüten, da sie unser Brot und unser Reichtum ist, und dürfen wir sie niemand zeigen. Was den Ring anlangt, so ist mir's gleichfalls unmöglich ihn von meinem Finger zu ziehen, da du mich ohne diesen Ring nicht mehr lebendig wiedergesehen hättest; vielmehr wäre ich unter der Erde im Schatz gestorben. Wie sollte ich ihn da wohl von der Hand ziehen? Und wer weiß, was für ein Geschick oder Unheil und verderbliches Ereignis die Zeit mir bringen mag, aus dem mich dieser Ring erretten kann? Aus Rücksicht auf dich will ich jedoch die Lampe fortnehmen, damit du sie nie wieder zu sehen bekommst.« Als seine Mutter seine Worte vernahm, erkannte sie ihre Wahrheit und sprach zu ihm: »Mein Sohn, thu', was du willst; was mich anlangt, so will ich sie nie wiedersehen und nimmermehr den abscheulichen Anblick noch einmal haben.« Hierauf aßen Alā ed-Dîn und seine Mutter zwei Tage lang von der Speise, die der Dschinnī gebracht hatte, bis sie alles verzehrt hatten. Als dann Alā ed-Dîn sah, daß sie nichts mehr zu essen hatten, erhob er sich und nahm einen der Teller, die der Sklave auf der Platte gebracht hatte und die alle aus dem lautersten Gold bestanden, ohne daß er es 34 wußte, und trug ihn auf den Bazar, wo er den Teller einem Juden, der schlimmer als ein Satan war, gab. Als der Jude ihn sah, nahm er Alā ed-Dîn beiseite, damit ihn niemand sähe, und betrachtete den Teller und prüfte ihn, bis er fand, daß er aus dem lautersten Gold bestand. Da er jedoch nicht wußte, ob Alā ed-Dîn den Wert des Tellers kannte oder nicht, fragte er ihn: »Wie teuer ist dieser Teller, mein Herr?« Alā ed-Dîn erwiderte ihm: »Du weißt, wieviel er wert ist.« Da überlegte der Jude, wieviel er Alā ed-Dîn für den Teller geben sollte, da er ihm wie ein Geschäftsmann geantwortet hatte, und dachte ihm wenig anzubieten; zu gleicher Zeit aber fürchtete er auch, Alā ed-Dîn könnte den Wert des Tellers kennen, so daß er ihm viel bieten müßte. Schließlich aber sprach er bei sich: »Vielleicht ist er ein Dummkopf und kennt seinen Wert nicht.« Dann zog er einen Golddinar aus der Tasche und reichte ihm denselben, worauf Alā ed-Dîn ihm den Dinar aus der Hand riß und fortlief. Da merkte der Jude, daß der Bursche keine Ahnung von dem Wert des Tellers hatte, und bereute es schwer ihm nicht anstatt eines Golddinars einen Karat von sechzig gegeben zu haben. Alā ed-Dîn aber begab sich nun ohne Säumen sogleich zum Bäcker und kaufte Brot, indem er dabei den Dinar wechselte; dann ging er zu seiner Mutter und gab ihr das Brot und den Rest des Dinars und sagte zu ihr: »Meine Mutter, geh' und kauf' uns ein, was wir bedürfen.« Da erhob sich seine Mutter und begab sich auf den Bazar, wo sie alles, was sie bedurften, einkaufte, worauf sie aßen und guter Dinge waren. So oft dann der Erlös für einen Teller zu Ende ging, nahm Alā ed-Dîn einen andern und trug ihn zu dem verruchten Juden, der ihm alle Teller für einen winzigen Preis abkaufte; und auch diesen Preis hätte er noch gern verringert, wenn er ihm nicht beim erstenmal einen Dinar gegeben und gefürchtet hätte, daß der Bursche, wenn er ihm weniger böte, zu einem Konkurrenten gehen und ihm die Teller verkaufen 35 könnte, so daß ihm dadurch dieser hohe Profit verloren ginge.

In dieser Weise verkaufte Alā ed-Dîn einen Teller nach dem andern, bis er alle Bratenteller verkauft hatte und ihm allein noch die Platte übrigblieb, auf der die Teller gestanden hatten. Da die Platte jedoch groß und schwer war, holte er den Juden zu seinem Haus und zeigte sie ihm, worauf der Jude ihm zehn Dinare gab und mit der Platte fortging. Alā ed-Dîn und seine Mutter lebten dann von den zehn Dinaren, bis sie zu Ende gegangen waren, worauf sich Alā ed-Dîn erhob und die Lampe hervorholte und sie rieb. Da erschien derselbe Dschinnī wie zuvor und sprach zu Alā ed-Dîn: »Heische, was du begehrst, mein Herr, denn ich bin dein Sklave und der Sklave dessen, der die Lampe besitzt.« Alā ed-Dîn erwiderte: »Ich wünsche, daß du mir eine Platte mit Speisen wie zuvor bringst, da ich hungrig bin.« In demselben Augenblick brachte ihm auch schon der Dschinnī, der Sklave der Lampe, eine Platte wie die vorige, auf der zwölf kostbare Teller mit würzigen Speisen standen, Flaschen mit geklärtem Wein und sauberes Brot. Alā ed-Dîns Mutter aber war hinausgegangen, als sie merkte, daß ihr Sohn die Lampe reiben wollte, um den Dschinnī nicht noch einmal zu sehen. Nach einer Weile kam sie dann wieder herein zu ihm, und als sie nun die Platte ganz voll von silbernen Tellern stehen sah und den köstlichen Bratenduft roch, der das ganze Haus erfüllte, verwunderte sie sich und freute sich, während Alā ed-Dîn zu ihr sagte: »Schau, meine Mutter, du sagtest mir, ich sollte die Lampe fortwerfen, und nun sieh ihren Nutzen.« Seine Mutter erwiderte ihm: »Mein Sohn, Gott vermehre sein Wohl, doch mochte ich ihn nicht noch einmal sehen.« Alsdann setzten sich Alā ed-Dîn und seine Mutter an die Platte und aßen und tranken bis sie genug hatten, worauf sie den Rest für den nächsten Tag zurückstellten. Als sie dann alles verzehrt hatten, erhob sich Alā ed-Dîn, nahm einen der Teller von der Platte unter seine Kleider und ging 36 aus, den Juden zu suchen, um ihm den Teller zu verkaufen. Nach dem Schicksal traf es sich jedoch, daß er an dem Laden eines Juweliers vorüber kam, eines aufrichtigen und frommen Mannes, der Gott fürchtete. Als der alte Juwelier Alā ed-Dîn gewahrte, sprach er zu ihm: »Mein Sohn, was ist dein Begehr? Ich sah dich zu wiederholten Malen hier vorübergehen und mit einem Juden Geschäfte treiben. Ich sah, wie du ihm verschiedene Gegenstände gabst, und ich glaube, du hast jetzt wieder etwas bei dir und suchst ihn, um es ihm zu verkaufen. Du weißt aber nicht, mein Kind, daß die Juden das Gut der Moslems, die den einigen Gott, den Erhabenen, anbeten, für sich erlaubt halten und sie stets begaunern, zumal dieser verruchte Jude, mit dem du zu schaffen hast, und in dessen Hände du gefallen bist. Wenn du etwas zum Verkauf bei dir hast, mein Kind, so zeig es mir ohne Furcht, ich will dir den Preis dafür zahlen, so wahr Gott lebt, der Erhabene.« Da zeigte Alā ed-Dîn dem Scheich den Teller, und, als er ihn sah, nahm er ihn und wog ihn auf der Wage, worauf er Alā ed-Dîn fragte: »Verkauftest du eben solche Teller dem Juden?« Alā ed-Dîn versetzte: »Ja, ganz genau gleiche.« Nun fragte der Juwelier: »Und was bezahlte er dir dafür?« Alā ed-Dîn erwiderte: »Er gab mir stets einen Dinar.« Als der Juwelier von Alā ed-Dîn vernahm, daß der Jude ihm für jeden Teller nur einen einzigen Dinar bezahlt hatte, rief er: »Ach über diesen Verruchten, der Gottes, des Erhabenen, Diener betrügt!« Dann blickte er Alā ed-Dîn an und sprach zu ihm: »Mein Sohn, dieser Jude ist ein Gauner, der dich betrügt und auslacht, da dieser dein Teller aus reinem und lauterm Silber besteht. Ich wog ihn und fand, daß er siebzig Dinare wert ist. Wenn du seinen Preis nehmen willst, so thu's.« Alsdann zählte ihm der alte Juwelier siebzig Dinare aus, worauf Alā ed-Dîn sie nahm und dem Juwelier für seine Güte dankte, indem daß er ihm des Juden Gaunerei aufgedeckt hatte. So oft ihm dann das Geld, das er für einen 37 Teller erhalten hatte, ausging, brachte er ihm einen andern; und so nahm Alā ed-Dîns und seiner Mutter Wohlstand zu, doch fuhren sie fort in ihrer alten Weise als Mittelstandsleute zu leben, ohne zu viel Geld auszugeben und zu verschwenden. Alā ed-Dîn aber gab nunmehr sein nichtsnutziges Treiben und den Verkehr mit Taugenichtsen auf und suchte den Umgang mit tadellosen Männern, indem er jeden Tag auf den Bazar der Kaufleute ging und sich zu Vornehm und Gering setzte und sich mit ihnen über die Handelsverhältnisse und die Preise der Waren und dergleichen unterhielt. In gleicher Weise besuchte er den Bazar der Juweliere und Goldschmiede und saß daselbst und besah sich die Juwelen und beobachtete ihren Verkauf und Kauf, wobei er bemerkte, daß die beiden Beutel, die er mit den Früchten der Bäume im unterirdischen Schatz angefüllt hatte, nicht Glas oder Krystall sondern Juwelen enthielten, und erkannte, daß er zu gewaltigem Reichtum gekommen war, wie ihn Könige niemals besaßen. Er betrachtete alle Juwelen, die sich auf dem Bazar der Juweliere vorfanden, doch fand er, daß die größten derselben nicht einmal so groß waren wie die kleinsten der seinigen. In dieser Weise begab er sich Tag für Tag auf den Bazar der Juweliere und schloß mit den Leuten Bekanntschaft und gewann ihre Neigung; dabei fragte er sie nach dem Kaufen und Verkaufen, dem Nehmen und Geben und dem Teuern und Billigen, bis er eines Tages am Morgen aufstand, sich die Sachen anzog und wie gewöhnlich wieder auf den Bazar der Juweliere ging. Unterwegs hörte er jedoch den Herold folgendes ausrufen: Auf Befehl unsers gnädigen Herrn, des Königs der Zeit und Herrn des Jahrhunderts, verschließe ein jeder seine Magazine und Läden und gehe in sein Haus, da die Herrin Bedr el-BudûrDer Vollmond der Vollmonde., die Tochter des Sultans, ins Bad gehen will. Jeder, der sich dem Befehl widersetzt, soll mit dem Tode bestraft werden, und sein Blut soll auf 38 sein Haupt kommen.« Als Alā ed-Dîn diese Ankündigung vernahm, bekam er Verlangen die Tochter des Sultans zu schauen und sprach bei sich: »Alle Leute reden von ihrer Schönheit und Anmut, und meiner Wünsche Krone ist sie zu sehen.« Alsdann begann er über Mittel und Wege nachzusinnen, wie er die Tochter des Sultans, die Herrin Bedr el-Budûr, sehen könnte, und es erschien ihm als das Beste, sich hinter die Thür des Bades zu stellen, um ihr Gesicht zu sehen, wenn sie ins Bad träte. Und sogleich begab er sich zum Bad, bevor sie erwartet wurde, und trat hinter die Thür, wo ihn niemand gewahren konnte. Nachdem nun die Prinzessin in der Stadt und ihren Hauptstraßen umhergestreift war und alles in Augenschein genommen hatte, kam sie zum Bad und lüftete beim Eintritt in dasselbe ihren Gesichtsschleier. Da erstrahlte ihr Gesicht wie die leuchtende Sonne oder wie eine kostbare Perle, und sie war, wie einer ihrer Beschreiber von ihr sagt:

Ihre Blicke sind mit Zauberschminke bestreut,
Und Rosen werden von ihren Wangen gepflückt.
Aus dem Dunkel der Nacht ist ihres Haares Schwärze,
Und ihre Stirn erleuchtet ihre Finsternis.«

Wie sie nun den Schleier von ihrem Antlitz lüftete und Alā ed-Dîn sie sah, sprach er: »Fürwahr, ihre Gestalt lobpreist den erhabenen Schöpfer, und Preis Ihm, der sie erschaffen und mit solcher Schönheit und Anmut geschmückt hat!« Sobald er sie jedoch erblickte, ward ihm der Rücken wie zerschnitten, seine Gedanken verwirrten sich, sein Blick war geblendet, und die Liebe zu ihr erfüllte sein ganzes Herz. Wie betäubt kehrte er heim und trat ins Haus und hatte auf alle Worte seiner Mutter weder ein Ja noch ein Nein. Ebenso verhielt er sich, als sie ihm das Mittagessen auftrug, so daß sie zu ihm sagte: »Mein Sohn, was ist dir widerfahren? Fehlt dir etwas? Sag' mir, ob dir etwas widerfahren ist, denn du bist ganz anders als sonst und giebst mir keine Antwort, wenn ich zu dir rede.« Alā ed-Dîn aber hatte 39 bisher geglaubt, daß alle Frauen wie seine Mutter wären, und wußte, trotzdem er von der Schönheit der Herrin Bedr el-Budûr, der Tochter des Sultans, vernommen hatte, nicht, was Schönheit und Anmut war. Nun wendete er sich zu seiner Mutter und sprach: »Laß mich zufrieden.« Sie bat ihn jedoch inständigst näher zu kommen und zu essen, worauf er herzutrat und ein wenig aß. Dann erhob er sich und legte sich auf sein Bett, wo er brütend bis zum andern Morgen dalag. Dies that er auch am andern Tage, so daß seine Mutter bestürzt wurde, da sie nicht wußte, was ihm fehlte. Im Glauben, er sei vielleicht krank, trat sie an ihn heran und sprach zu ihm: »Mein Sohn, wenn du vielleicht Schmerzen oder sonst etwas verspürst, so sag' es mir, damit ich dir den Arzt hole. Augenblicklich befindet sich in unsrer Stadt ein Arzt aus Arabien, den der Sultan kommen ließ, und das Gerücht geht von ihm, daß er sehr tüchtig ist. Wenn du krank sein solltest, so will ich gehen und ihn zu dir rufen.«

Als Alā ed-Dîn von seiner Mutter vernahm, daß sie den Arzt zu holen beabsichtigte, antwortete er ihr: »Meine Mutter, ich bin wohl und nicht krank; ich glaubte nur alle Frauen wären wie du, bis ich gestern die Herrin Bedr el-Budûr, die Tochter des Sultans, ins Bad gehen sah.« Alsdann erzählte er seiner Mutter sein ganzes Erlebnis und sagte zu ihr: »Vielleicht hast du den Ausrufer ankündigen hören, daß niemand seinen Laden öffnen und im Weg stehen sollte, damit die Herrin Bedr el-Budûr ins Bad gehen könnte. Ich sah sie jedoch leibhaftig, denn als sie zur Thür des Bades gelangte, lüftete sie den Schleier ihres Gesichts; und, als ich ihr Gesicht betrachtete und die edle Gestalt erblickte, da erfaßte mich, o Mutter, jähes Liebesweh, und die Sehnsucht nach ihr entbrannte in allen meinen Gliedern, so daß ich keine Ruhe mehr finde, wenn ich sie nicht gewinne. Ich beabsichtige deshalb mich um sie bei ihrem Vater dem Sultan nach Sunna und Gebot zu bewerben.«

Als Alā ed-Dîns Mutter seine Worte vernahm, glaubte 40 sie, es fehle ihm an Verstand, und sagte zu ihm: »O mein Sohn, Gottes Name sei auf dir! Es scheint, daß du den Verstand verloren hast, mein Sohn. Laß dich wieder zurechtsetzen und sei nicht wie ein Verrückter.« Alā ed-Dîn entgegnete ihr jedoch: »Nein, meine Mutter, ich habe den Verstand nicht verloren und bin auch nicht verrückt. Deine Worte ändern meinen Sinn nicht, denn ich finde nicht eher Ruhe, als bis ich mein Herzblut, die hübsche Herrin Bedr el-Budûr, gewonnen habe. Es bleibt dabei, daß ich mich bei ihrem Vater dem Sultan um sie bewerbe.« Seine Mutter erwiderte: »O mein Sohn, bei meinem Leben, sprich nicht solche Worte, damit sie nicht jemand hört und von dir sagt, du seiest verrückt. Laß diesen Unsinn, denn wer würde sich solch' einer Sache unterfangen und solch' ein Ansinnen an den Sultan stellen? Wenn deine Worte wirklich ernst gemeint sind, so weiß ich nicht, wie du es anstellen willst, solch' ein Verlangen bei dem Sultan vorzubringen, oder durch wen du deine Bewerbung anbringen willst.« Alā ed-Dîn versetzte: »Durch wen anders als dich, meine Mutter, wo du anwesend bist; wer ist denn zuverlässiger als du? Ich wünsche, daß du selber dieses Gesuch für mich vorbringst.« Da sagte sie zu ihm: »Mein Sohn, Gott befreie mich hiervon! Ich habe meinen Verstand nicht wie du verloren. Schlag dir diesen Gedanken aus dem Sinn und bedenke, wessen Sohn du bist, mein Kind; der Sohn des ärmsten und geringsten Schneiders dieser Stadt, und ich, deine Mutter, bin ebenfalls aus ganz armem Haus. Wie wolltest du dich da vermessen und dich um die Tochter des Sultans bewerben, deren Vater sie nicht einmal mit Königs- und Sultanssöhnen verheiraten würde, wenn sie nicht ebenso mächtig und stolz und edel wie er sind? Wären sie auch nur um eine Stufe niedriger an Rang wie er, so würde er ihnen seine Tochter nimmer geben.«

Alā ed-Dîn ließ seine Mutter geduldig ausreden, worauf er zu ihr sagte: »Alles, was du erwägst, ist mir bekannt; vor allen Dingen weiß ich ganz genau, daß ich armer Leute 41 Kind bin, doch werden mich alle deine Worte nicht von meinem Vorhaben abbringen. Ich hoffe jedoch, daß, wenn ich dein Sohn bin und du mich liebst, du mir diesen Gefallen thun wirst; thust du's nicht, so bringst du mich um, und der Tod ereilt mich, wenn ich meinen Wunsch an meiner Herzliebsten nicht erreiche. Ich aber, meine Mutter, bin in jedem Falle dein Sohn.« Als seine Mutter diese Worte von ihm vernahm, weinte sie aus Kummer über ihn und sagte zu ihm: »Mein Kind, jawohl, ich bin deine Mutter und habe kein anderes Kind und Herzblut als dich allein. Mein höchster Wunsch ist es ja an dir meine Freude zu haben und dich zu vermählen. Wenn ich jedoch eine Braut für dich bei Leuten unsersgleichen suche, so werden sie mich sogleich fragen, ob du ein Handwerk treibst oder Land besitzest oder Ware oder einen Garten zum Leben hast. Und was soll ich ihnen dann antworten? Wenn ich aber nicht einmal armen Leuten gleich uns Antwort stehen kann, wie soll ich mich da erkühnen, mein Kind, und um die Tochter des Königs von China anhalten, der vor und nach sich seinesgleichen nicht hat? Überlege dir die Sache, mein Kind; denn wer wird sich um die Prinzessin für einen Schneiderssohn bewerben? Ich weiß sehr wohl, wenn ich hierüber spreche, so bringt es uns um so leichter zu Fall, da es uns in schwere Gefahr beim Sultan stürzen kann; ja, vielleicht bringt es mir und dir den Tod. Was mich aber anlangt, wie könnte ich so verwegen sein und mich in diese Gefahr stürzen? Und, o mein Kind, in welcher Weise soll ich beim Sultan für dich um seine Tochter anhalten, und wie soll ich zum Sultan Zutritt finden? Und wenn sie mich fragen, was soll ich dann sagen? Sie würden mich für verrückt halten. Und selbst, gesetzt den Fall, ich erlangte Zutritt zum Sultan, was für ein Geschenk soll ich für des Sultans Majestät mitnehmen? Es ist wohl wahr, mein Kind, daß der Sultan gütig ist und keinen, der zu ihm kommt, abweist, sei es, daß er von ihm Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit oder Schutz sucht oder daß er ihn um ein 42 Geschenk bittet, denn er ist edelsinnig und erweist Nah und Fern seine Huld. Jedoch erteilt er seine Gaben nur dem, der sie verdient, oder solchen, die vor seinen Augen irgend ein Heldenstück im Kriege gethan oder sein Land verteidigt haben. Was dich jedoch anlangt, so sag' mir, was du vor dem Sultan oder angesichts des Reiches gethan hast, daß du solche Huld von ihm verdientest. Ferner ist die Huld, die du von dem Sultan begehrst nicht für Leute deines Schlages, und es ist unmöglich, daß der Sultan sie dir gewährt; denn wer zum Sultan geht und eine Hulderweisung von ihm verlangt, der muß in seine Hand etwas nehmen, was seiner Majestät geziemt, wie ich es dir bereits zuvor sagte. Wie könntest du es demnach wagen vor den Sultan zu treten und seine Tochter von ihm zu verlangen, wo du nichts als passendes Geschenk für ihn besitzest?«

Alā ed-Dîn antwortete ihr: »Meine Mutter, du hast mit deinen Worten das Rechte getroffen, und es geziemt mir, alles, woran du mich erinnert hast, zu erwägen. Jedoch, o meine Mutter, ist die Liebe zur Tochter des Sultans, der Herrin Bedr el-Budûr, tief in mein Herz eingedrungen, und ich finde keine Ruhe mehr, wenn ich sie nicht gewinne. Außerdem hast du mich wieder an etwas erinnert, das ich bereits vergessen hatte, und das gerade giebt mir den Mut, mich um die Tochter des Sultans zu bewerben. Du fragtest mich, meine Mutter, was für ein Geschenk ich dem Sultan nach der üblichen Sitte zu überbringen hätte. Nun aber besitze ich eine Gabe und ein Geschenk, wie nach meinem Glauben die Könige weder dem gleiches noch ähnliches besitzen. Was ich nämlich für Krystall und Glas hielt, sind Edelsteine, und ich glaube, daß sämtliche Könige der Welt keinen einzigen Edelstein besitzen, der auch nur dem kleinsten derselben gleich käme. Durch meinen Umgang mit den Juwelieren erkannte ich, daß die Früchte, die ich in den Taschen aus dem Schatz brachte, kostbare Juwelen sind. Gieb dir daher gefälligst die Mühe und steh' auf und hole mir die Porzellanschüssel, die 43 wir im Hause haben, damit ich sie mit den Juwelen anfüllen kann; trag' sie dann als Geschenk zum Sultan, und ich bin überzeugt, daß dir die Sache hierdurch leicht von statten gehen wird, wenn du vor den Sultan trittst und von ihm verlangst, was ich begehre. Willst du dich jedoch nicht bemühen mir zur Erlangung meines Wunsches behilflich zu sein, so wisse, daß ich sterben muß. Denke nicht, daß dieses Geschenk etwas anders als die kostbarsten Juwelen sind und sei sicher, meine Mutter, daß ich aus meinen verschiedenen Besuchen bei den Juwelieren dieselben Juwelen für ganz unfaßbar hohe Summen verkaufen sah, wiewohl sie nicht den vierten Teil so schön waren als unsre. Steh' daher auf, meine Mutter, wie ich's dir sagte, und bringe mir die besagte Schüssel, damit wir einen Teil der Juwelen in sie legen und sehen, wie sie sich darin ausmachen.«

Da erhob sich Alā ed-Dîns Mutter und holte die Porzellanschüssel, indem sie bei sich sprach: »Ich will doch sehen, ob meines Sohnes Worte wahr sind oder nicht.« Alsdann stellte sie die Schüssel vor ihn, worauf Alā ed-Dîn aus den Beuteln Edelsteine aller Sorten hervorholte und sie in die Schüssel packte, bis er sie gefüllt hatte. Als dann seine Mutter in die Schüssel blicken wollte, vermochte sie nicht ihre Augen fest darauf ruhen zu lassen, sondern mußte, geblendet von dem Glanz und Licht der Edelsteine und ihrem allzuscharfen Blitzen, mit den Augen zwinkern, so daß sie ganz verwirrt ward; doch war sie nicht sicher, ob ihr Wert wirklich so hoch war, wiewohl sie fast des Glaubens war, ihr Sohn könnte die Wahrheit gesprochen haben, daß ihresgleichen nicht bei den Königen zu finden sei. Hierauf wendete sich Alā ed-Dîn zu ihr und sagte: »Du siehst, meine Mutter, daß dieses für den Sultan bestimmte Geschenk prächtig ist, und ich bin überzeugt, daß es dir hohe Ehre bei ihm eintragen und er dich mit aller Hochachtung aufnehmen wird. Und nun, wo du keine Entschuldigung mehr hast, sei so freundlich und erheb' dich und trag diese Schüssel zum Serâj.« 44 Seine Mutter erwiderte: »Fürwahr, mein Sohn, das Geschenk ist sehr kostbar und wertvoll und keiner mag, wie du es sagst, etwas dem ähnliches besitzen. Wer aber besäße die Kühnheit zum Sultan zu gehen und bei ihm um seine Tochter Bedr el-Budûr anzuhalten? Ich habe nicht den Mut zu ihm zu sprechen: »Ich begehre deine Tochter,« wenn er mich nach meinem Begehr fragt; denn wisse, mein Sohn, meine Zunge würde gelähmt sein. Und gesetzt den Fall, Gott gäbe mir Kraft, und ich stärkte mein Herz und spräche zu ihm: »Mein Wunsch ist mit dir in Verwandtschaft zu treten, indem ich deine Tochter die Herrin Bedr el-Budûr für meinen Sohn Alā ed-Dîn begehre,« so würden sie mich zur selbigen Stunde für verrückt halten und in Schimpf und Schande herauswerfen, um nichts davon zu sagen, daß nicht ich allein in Todesgefahr geraten würde, sondern du gleichfalls. Trotz alledem mein Sohn, will ich aus Rücksicht auf dich mir ein Herz fassen und hingehen; jedoch, mein Kind, wenn mich der König wirklich wegen des Geschenkes empfangen und auszeichnen sollte, und wenn ich dann deinem Wunsche gemäß seine Tochter von ihm zur Ehe für dich begehre, was soll ich ihm dann antworten, wenn er mich fragt, wie es der Leute Brauch ist: »Was hast du für Besitzungen und Einkünfte?« Ja, vielleicht fragt er mich hiernach, bevor er sich nach dir erkundigt?« Alā ed-Dîn antwortete ihr: »Es ist unmöglich, daß der Sultan hiernach fragen sollte, wenn er die Juwelen und ihre Pracht sieht; du brauchst dir nicht um Sachen, die nicht geschehen werden, Gedanken zu machen. Steh' nur auf, bewirb dich bei ihm um seine Tochter und übergieb ihm diese Juwelen, ohne dazusitzen und dir hierüber schwere Gedanken zu machen. Zuvor hast du doch erfahren, meine Mutter, daß uns jetzt die Lampe, die ich besitze, versorgt, und daß sie mir alles, was ich von ihr verlange, beschafft; ich hoffe auch durch sie zu erfahren, was ich dem Sultan zu antworten habe, wenn er mich hiernach fragen sollte.«

Alsdann besprachen Alā ed-Dîn und seine Mutter diese 45 Angelegenheit die ganze Nacht über, und, als der Morgen anbrach, erhob sich Alā ed-Dîns Mutter und stärkte ihr Herz, zumal, wo Alā ed-Dîn ihr ein wenig von den Kräften der Lampe erklärt hatte, daß sie ihnen nämlich alles, was sie verlangten, beschaffen würde. Da aber Alā ed-Dîn sah, daß seine Mutter sich ein Herz faßte, als er ihr die Beschaffenheit der Lampe auseinandersetzte, fürchtete er, sie könnte hierüber zu den Leuten schwatzen, und sagte zu ihr: »Meine Mutter, hüte dich über die Lampe und ihre Kräfte zu irgend jemand zu reden, da sie unsern Reichtum ausmacht. Nimm dich zusammen und sprich über sie nicht zu viel zu irgend einem, damit wir sie nicht verlieren, und zugleich mit ihr unser Wohlleben, das von ihr herrührt.« Seine Mutter versetzte: »Sei hierüber unbesorgt, mein Sohn.« Alsdann erhob sie sich, nahm die Schüssel mit den Juwelen und wickelte sie in ein feines Tuch, worauf sie hinausging, um in den Diwan zu gelangen, bevor er noch gedrängt voll war. Als sie zum Serâj gelangte, war der Diwan noch nicht vollzählig, und sie sah den Wesir und einige der Großen des Reiches eintreten. Nach einiger Zeit waren alle Wesire und Reichshäupter sowie die Vornehmen, die Emire und Großen vollzählig versammelt, und bald darauf erschien der Sultan, worauf die Wesire und die übrigen Vornehmen und Großen ihm aufwarteten. Hierauf setzte er sich im Diwan auf den Thron des Reichs, und alle, die sich im Diwan befanden, traten vor ihn und standen mit auf dem Rücken gekreuzten Armen da und warteten auf seinen Befehl sich zu setzen. Als sie dann den Befehl erhalten hatten, setzte sich jeder von ihnen auf seinen Platz, worauf die Bittsteller vor den Sultan traten; und es ward eines jeden Sache in ihrer Weise erledigt, bis der Diwan ein Ende nahm. Alsdann erhob sich der König und begab sich in den Serâj, während alle andern ihres Weges gingen.

Alā ed-Dîns Mutter, die vor allen andern gekommen war, hatte Gelegenheit gefunden einzutreten, ohne daß jemand 46 mit ihr gesprochen hätte, um sie hernach vor den Sultan zu führen; und sie blieb dort stehen, bis der Diwan geschlossen ward und der Sultan sich erhob und in seinen Serâj begab, worauf alle ihres Weges gingen. Als sie nun sah, daß sich der Sultan von seinem Thron erhob und in den Harem ging, ging sie ebenfalls ihres Weges und kehrte heim. Sobald ihr Sohn Alā ed-Dîn sie erblickte und die Schüssel in ihrer Hand sah, glaubte er, es könnte ihr etwas zugestoßen sein, doch wollte er sie nicht eher fragen, als bis sie eingetreten war. Wie sie nun bei ihm eintrat, setzte sie die Schüssel nieder und erzählte ihm, wie es ihr ergangen war, indem sie mit den Worten schloß: »Gelobt sei Gott, mein Kind, daß ich Mut genug fand mir heute im Diwan einen Platz auszusuchen; wenn ich auch heute den Sultan noch nicht anredete, so will ich es morgen thun, so Gott will, der Erhabene. Heute gab es außer mir noch viele andre, die ebenfalls mit dem Sultan nicht zu sprechen vermochten. Sei jedoch guten Mutes, mein Kind, morgen werde ich ganz bestimmt dir zu Liebe mit ihm reden, mag da kommen was will.«

Als Alā ed-Dîn seiner Mutter Worte vernommen hatte, freute er sich mächtig, und, wiewohl er in seiner übermäßigen Liebe und Leidenschaft für die Herrin Bedr el-Budûr von Stunde zu Stunde die Erledigung der Sache erwartete, so faßte er sich jedoch in Geduld und verbrachte die Nacht ruhig mit seiner Mutter. Am nächsten Morgen erhob sie sich und begab sich mit der Schüssel wieder zum Diwan des Sultans. Als sie ihn verschlossen sah, fragte sie die Leute, die ihr erwiderten: »Der Sultan hält nur dreimal in der Woche Diwan ab.« So sah sie sich genötigt wieder heimzukehren; und von nun an ging sie eine Woche lang täglich zum Diwan und stand vor ihm, wenn er geöffnet war, bis er geschlossen ward; war er aber nicht geöffnet, so kehrte sie wieder heim. Der Sultan aber bemerkte sie in jedem Diwan. Als nun der letzte Tag der Woche kam, ging sie wieder fort und stellte sich wie gewöhnlich vor den Diwan, bis er geschlossen ward, 47 ohne den Mut zu finden hineinzugehen oder etwas zu sagen. Da erhob sich der Sultan und schritt begleitet vom Großwesir zum Harem; unterwegs aber wendete er sich zu ihm und sprach: »Wesir, sechs oder sieben Tage lang sehe ich an jedem Diwan jene alte Frau herkommen und stets etwas unter ihrem Frauenschleier tragen. Weißt du, wer sie ist und was sie wünscht?« Der Wesir versetzte: »O unser Herr Sultan, die Weiber haben wenig Verstand; vielleicht ist diese Frau zu dir gekommen, um wider ihren Gatten oder sonst jemand von ihren Angehörigen Klage zu führen.« Der Sultan war jedoch durch die Antwort des Wesirs nicht zufrieden gestellt, sondern befahl ihm, wenn die Frau noch einmal in den Diwan käme, sie vor ihn zu führen, worauf der Wesir sogleich seine Hand aufs Haupt legte und sprach: »Ich höre und gehorche, o unser Herr und Sultan.«

Wie nun Alā ed-Dîns Mutter eines Tages wie gewöhnlich sich in den Diwan begab und betrübt und abgemüdet vor dem Sultan dastand, schaute der Sultan sie an und sprach zu seinem Wesir: »Das da ist die Frau, von der ich gestern zu dir sprach; bring' sie sofort vor mich, damit ich sehe, was für eine Sache sie vorzubringen hat, und ihr Anliegen erfülle.« Da erhob sich der Wesir auf der Stelle und führte Alā ed-Dîns Mutter vor den Sultan, die, sobald sie vor ihm stand, ihre Fingerspitzen küßte und an ihre Stirn führte; dann wünschte sie ihm Ruhm und langes Leben und ewiges Glück und küßte die Erde vor ihm, worauf der Sultan zu ihr sprach: »O Frau, seit wie viel Tagen sehe ich dich in den Diwan kommen, ohne daß du ein Wort sprichst? Wenn du ein Anliegen hast, so sag' es mir, damit ich es dir erfüllen kann.« Da küßte Alā ed-Dîns Mutter zum zweitenmal die Erde vor ihm, segnete ihn und sprach zu ihm: »Ja fürwahr, bei deines Hauptes Leben, o König der Zeit, ich habe ein Anliegen; vor allen Dingen gewähre mir jedoch Gnade, damit ich meine Sache vor die Ohren unsers Herrn Sultans bringen kann, da deine Majestät sie vielleicht 48 sonderbar finden könnte.« Der Sultan, der ihr Anliegen gern vernommen hätte und ein sehr gütiger Herr war, gab ihr die Zusicherung seiner Gnade und befahl sofort allen Anwesenden sich zurückzuziehen, so daß er und der Großwesir allein übrig blieben. Alsdann wendete er sich zu ihr und sprach: »Trag deine Sache vor, du bist in Gottes, des Erhabenen, Schutz.« Da sagte sie: »O König der Zeit, ich wünsche ebenfalls deine Vergebung.« Der Sultan versetzte: »Gott vergebe dir!« Hierauf sagte sie: »O unser Herr Sultan, siehe, ich habe einen Sohn, Namens Alā ed-Dîn, der eines Tages den Ausrufer ankündigen hörte, daß niemand seinen Laden öffnen und sich auf den Straßen der Stadt zeigen solle, da die Herrin Bedr el-Budûr, die Tochter unsers Herrn Sultans, ins Bad ginge. Als mein Sohn dies vernahm, begehrte er sie zu schauen und verbarg sich an einem Ort, wo er sie gut sehen konnte; und es war dies hinter der Thür des Bades. Als sie nun ankam, sah er sie und betrachtete sie genau und noch besser, als er wollte. Denn seit der Stunde, daß er sie erblickte, o König der Zeit, bis auf den heutigen Tag, ist ihm das Leben keine Freude gewesen, und er verlangt von mir, daß ich bei deiner Glückseligkeit für sie anhalte, ohne daß ich ihm diesen Gedanken hätte aus dem Sinn schlagen können. Die Liebe zu ihr hat sein Herz ganz und gar in Beschlag genommen, so daß er zu mir sagte: »Wisse, meine Mutter, wenn ich meinen Wunsch nicht erreiche, so sterbe ich ganz gewiß.« Und nun hoffe ich, daß deine Glückseligkeit in ihrer Milde mir und meinem Sohn diese Unverschämtheit vergeben und uns hierfür nicht strafen wird.«

Als der König diese Geschichte von ihr vernommen hatte, fing er in seiner Güte an zu lachen und fragte sie: »Was ist das, was du da bei dir hast, und was ist das da für ein Bündel?« Als aber Alā ed-Dîns Mutter sah, daß der Sultan, anstatt über ihre Worte sich zu erzürnen, lachte, öffnete sie stracks das Tuch und hielt ihm die Schüssel mit den Juwelen hin. Sobald sie jedoch das Tuch von den Juwelen 49 nahm, schien es, als wäre der Diwan von Lüstern oder Kandelabern erleuchtet, so daß der Sultan, geblendet und verwirrt von ihrem Glanz, sich über ihre Pracht, Größe und Schönheit verwunderte und rief: »Bisher schaute ich niemals Juwelen, so schön und groß und prächtig wie diese, und ich glaube, daß in meinen Schatzkammern kein einziger Edelstein gleich diesen gefunden wird.« Alsdann wendete er sich zu seinem Wesir und sprach zu ihm: »Was meinst du, Wesir? Hast du wohl in deinem ganzen Leben so prachtvolle Juwelen gesehen?« Der Wesir versetzte: »Nimmer sah ich dergleichen, o unser Herr Sultan, und ich glaube auch nicht, daß sich in den Schatzkammern meines Herrn Königs einer findet, der auch nur dem kleinsten von ihnen gliche.« Hierauf sagte der König zu ihm: »Verdient nicht der, welcher mir diese Juwelen schenkt, der Bräutigam meiner Tochter Bedr el-Budûr zu werden, da, soviel ich sehe, niemand ihrer würdiger ist?« Als der Wesir des Sultans Worte vernahm, war ihm die Zunge vor Kummer wie gelähmt, da der König ihm versprochen hatte, seine Tochter mit seinem Sohn zu vermählen. Nach kurzer Zeit versetzte er jedoch: »O König der Zeit, deine Glückseligkeit hatte die Gnade mir die Herrin Bedr el-Budûr für meinen Sohn zu versprechen, es geziemt daher deiner Hoheit in ihrer Milde mir eine Frist von drei Monaten zu gewähren. So Gott will, wird dann das Geschenk meines Sohnes prächtiger als dieses ausfallen.« Wiewohl nun der König wußte, daß dies weder dem Wesir noch dem mächtigsten König möglich war, bewilligte er ihm jedoch in seiner Güte die erbetene Frist von drei Monaten, worauf er sich zu Alā ed-Dîns Mutter wendete und zu ihr sagte: »Kehre zu deinem Sohn zurück und sag' ihm, ich gäbe ihm mein Wort, daß meine Tochter für ihn bestimmt sei, jedoch müßte ich sie erst ausstatten und das Nötige für sie besorgen, so daß er sich noch drei Monate lang zu gedulden hätte.« Alā ed-Dîns Mutter nahm diese Antwort an und dankte dem Sultan und segnete ihn, worauf sie ihn verließ und, 50 vor Freude fliegend, heim eilte. Als Alā ed-Dîn sie lachenden Gesichts eintreten sah, entnahm er, daß sie ihm gute Nachricht brachte, zumal wo sie stracks ohne Verzug wie sonst zurückgekehrt war und auch die Schüssel nicht wieder mitgebracht hatte. Er sprach deshalb zu ihr: »So Gott will, meine Mutter, bringst du mir gute Nachricht, und haben die wertvollen Juwelen ihre Sache ausgerichtet; vielleicht hat dich der Sultan zu Gnaden angenommen und ist gütig zu dir gewesen und hat dein Begehr angehört.« Da erzählte sie ihm alles und besonders, wie der Sultan sie aufgenommen und sich samt dem Wesir über die Größe und Pracht der Juwelen verwundert hätte; »und er hat dir auch seine Tochter versprochen, nur daß er mich auf drei Monate vertröstete, nachdem zuvor der Wesir insgeheim mit ihm gesprochen hatte; ich fürchte daher, daß der Wesir Böses im Schilde führt und den Sinn des Königs ändern möchte.«

Als Alā ed-Dîn die Worte seiner Mutter hörte und vernahm, daß der König ihm seine Tochter, wenn auch nach einem Aufschub von drei Monaten, versprochen hatte, ward er wieder heitern Gemütes und sprach hocherfreut: »Wenn auch die drei Monate eine lange Zeit sind, so ist meine Freude doch in jedem Fall sehr groß.« Hierauf dankte er seiner Mutter und bedankte sich bei ihr für das Gute, das all ihre Mühe aufwog; dann sagte er zu ihr: »Bei Gott, meine Mutter, nun ist mir gerade so zu Mute, als wenn ich im Grabe gewesen wäre und du mich herausgezogen hättest. Gelobt sei Gott, der Erhabene, daß ich nun sicher weiß, daß es auf der ganzen Welt keinen Reichern und Glücklicheren als mich giebt!« Alsdann geduldete er sich, bis von den drei Monaten zwei verstrichen waren.

Da traf es sich eines Tages, daß Alā ed-Dîns Mutter gegen Abend auf den Bazar ging, um Öl zu kaufen, und alle Bazare verschlossen und die ganze Stadt geschmückt fand, während die Leute Wachskerzen und Blumen in ihre Fenster stellten. Dann sah sie die Truppen und Garden und Aghas 51 hoch zu Roß aufziehen und brennende Fackeln und Lüster, so daß sie sich über die Maßen verwunderte. Alsdann trat sie in den Laden eines Ölhändlers, der offen stand, und kaufte dort das Öl, worauf sie zu dem Ölhändler sagte: »Bei deinem Leben, mein Oheim, sag' mir, was heute in der Stadt los ist, daß die Leute alles so reich geschmückt haben, und alle Bazare und Häuser dekoriert sind und die Truppen aufziehen?« Der Ölhändler antwortete ihr: »Frau, ich glaube, du bist hier fremd und nicht von dieser Stadt.« Sie versetzte: »Nein, ich bin aus dieser Stadt.« Da entgegnete er: »Du bist aus dieser Stadt und weißt nicht, daß der Sohn des Großwesirs heute Nacht die Herrin Bedr el-Budûr, die Tochter des Sultans, heimsucht? Augenblicklich befindet er sich im Bad und alle die Emire und Truppen, die hier aufgezogen sind, warten auf sein Erscheinen aus dem Bade, um ihn in feierlichem Aufzug zum Serâj zur Prinzessin zu geleiten.«

Als Alā ed-Dîns Mutter dies vernahm, grämte sie sich schwer und wußte nicht, wie sie ihrem Sohn diese traurige Nachricht beibringen sollte, da ihr unglückliches Kind die Stunden bis zum Ablauf der drei Monate zählte. Sie kehrte unverzüglich heim, und, als sie bei ihrem Sohn eintrat, sagte sie zu ihm: »Mein Sohn, ich möchte dir etwas mitteilen, doch wird mir der Kummer, den ich dir hierdurch verursache, schwer aufs Herz fallen.« Alā ed-Dîn versetzte: »Sprich, was ist's?« Sie erwiderte: »Der Sultan hat sein Wort, das er dir in betreff seiner Tochter, der Herrin Bedr el-Budûr, gab, gebrochen, denn heute Nacht sucht sie der Sohn des Großwesirs heim. Von Anfang an, mein Kind, argwöhnte ich, daß der Wesir den Sinn des Königs ändern würde, wie ich dir ja sagte, daß er vor mir heimlich mit ihm redete.« Alā ed-Dîn fragte: »Woher erfuhrst du, daß der Sohn des Wesirs die Herrin Bedr el-Budûr, die Tochter des Sultans, heute Nacht heimsuchen würde?« Da erzählte ihm seine Mutter, wie sie, als sie ausgegangen war, um Öl zu kaufen, die Stadt geschmückt und die Aghas und Großen 52 des Reiches in festlichem Aufzug halten und auf den Sohn des Wesirs, der sich im Bade befand, warten gesehen hätte; und heute Nacht würde er sie heimsuchen. Als Alā ed-Dîn dies vernahm, erfaßte ihn ein Fieberanfall von Kummer; nach einer kleinen Weile erinnerte er sich jedoch an die Lampe und sagte fröhlich zu seiner Mutter: »Bei deinem Leben, meine Mutter, der Sohn des Wesirs soll sich ihrer nicht erfreuen, wie du denkst. Jetzt aber laß uns hiervon schweigen; erheb' dich vielmehr und setz' uns das Nachtessen auf; hernach will ich ein wenig in mein Zimmer gehen, und dann soll alles gut werden.«

Nachdem Alā ed-Dîn zur Nacht gegessen hatte, begab er sich in sein Zimmer und verschloß die Thür hinter sich; dann holte er die Lampe und rieb sie, und sogleich erschien der Sklave und sprach zu ihm: »Heische, was du willst, ich bin dein Sklave und der Sklave dessen, der die Lampe in seiner Hand hält; ich und alle Sklaven der Lampe.« Da sagte Alā ed-Dîn: »Merk' auf! Ich begehrte vom Sultan seine Tochter zur Frau, und er versprach sie mir nach drei Monaten. Er blieb seinem Wort jedoch nicht treu, sondern gab sie dem Sohn des Wesirs, der sie heute Nacht heimsuchen will. Ich befehle dir jetzt deshalb, so du ein getreuer Diener der Lampe bist, siehst du heute Nacht den Bräutigam und die Braut beisammen ruhen, so bringe sie in ihrem Bett hierher. Das ist's, was ich von dir begehre.« Der Sklave versetzte: »Ich höre und gehorche; verlangst du jedoch noch einen andern Dienst als diesen, so laß mich alle deine Wünsche hören.« Alā ed-Dîn versetzte: »Augenblicklich verlange ich nichts weiter als was ich dir gesagt habe.« Da verschwand der Sklave, während Alā ed-Dîn zu seiner Mutter zurückkehrte, um den Rest des Abends mit ihr zu verbringen. Als dann die Stunde nahte, in welcher der Sklave wiederkommen mußte, erhob er sich und zog sich in sein Gemach zurück; und schon nach kurzer Weile erschien plötzlich der Sklave mit dem Brautpaar im Bett, angesichts dessen sich Alā ed-Dîn 53 mächtig freute. Dann befahl er dem Sklaven der Lampe: »Nimm diesen Galgenstrick von hier fort und leg' ihn in den Abtritt.« Und sogleich hob der Sklave den Sohn des Wesirs auf und legte ihn in den Abtritt. Bevor er ihn jedoch verließ, blies er ihn mit einem Hauch an, der ihm die Haut erschaudern ließ, so daß ihm angst und bange ward. Hierauf kehrte der Sklave wieder zu Alā ed-Dîn zurück und sprach zu ihm: »Wenn du noch sonst ein Anliegen hast, so sag' es mir.« Alā ed-Dîn entgegnete: »Komm am Morgen wieder und trag' sie zurück an ihren Platz.« Da antwortete der Sklave: »Ich höre und gehorche,« und verschwand, während sich Alā ed-Dîn erhob und kaum glaubte, daß ihm die Sache so gut gelungen sei. Als er jedoch die Herrin Bedr el-Budûr in seinem Haus sah, bewahrte er, wiewohl er seit langer Zeit in Liebe zu ihr erglühte, den Anstand und sprach zu ihr: »O Herrin der Schönen, befürchte nicht, daß ich dich hierher brachte, um deine Ehre zu schänden. Gott soll hüten, ich wollte nur nicht, daß sich ein andrer deiner erfreute, da dein Vater der Sultan dich mir versprach. Sei deshalb ruhig und in Frieden.«

Als sich nun die Herrin Bedr el-Budûr, die Tochter des Sultans, in diesem schäbigen und finstern Haus sah und Alā ed-Dîns Worte vernahm, ward sie von Furcht und Schrecken erfaßt und ganz verstört, so daß sie Alā ed-Dîn keine Antwort zu geben vermochte. Dann erhob sich Alā ed-Dîn, zog seine Kleider aus und legte zwischen sie und sich ein Schwert, worauf er neben ihr im Bett ruhte, ohne eine Treulosigkeit zu begehen, da er nur die Ehe zwischen dem Sohn des Wesirs und ihr verhindern wollte. Die Herrin Bedr el-Budûr dagegen verbrachte die übelste Nacht, die sie je erlebt hatte, und der Sohn des Wesirs lag im Abtritt da und vermochte sich aus Furcht vor dem Sklaven nicht zu regen und rühren.

Am andern Morgen erschien der Sklave vor Alā ed-Dîn, ohne daß er die Lampe gerieben hätte, und sprach zu ihm: 54 »Mein Herr, wenn du etwas begehrst, so befiehl es mir, damit ich es aufs Haupt und Auge ausrichte.« Alā ed-Dîn versetzte: »Geb' und trag' die Braut und den Bräutigam wieder an ihren Platz.« In einem Augenblick hatte der Sklave Alā ed-Dîns Befehl vollstreckt und den Sohn des Wesirs wieder zur Herrin Bedr el-Budûr gelegt und beide aufgehoben und wie zuvor an ihren Platz im Serâj gesetzt, ohne daß sie jemand gesehen hätten; doch wären sie fast vor Furcht gestorben, als sie sich von einem Ort zum andern getragen sahen. Kaum aber hatte der Sklave sie an ihren Platz gesetzt und war wieder fortgegangen, da kam auch schon der Sultan an um seine Tochter zu besuchen. Sobald der Sohn des Wesirs die Thür aufgehen hörte, erhob er sich vom Bett und kleidete sich an, da er wußte, daß niemand anders als der Sultan eintreten durfte. Es fiel ihm jedoch sehr schwer, da er sich noch nicht lange vom Abtritt getrennt hatte und sich noch gern ein wenig gewärmt hätte.

Als nun der Sultan bei seiner Tochter, der Herrin Bedr el-Budûr, eingetreten war, küßte er sie zwischen die Augen und wünschte ihr guten Morgen, worauf er sie nach ihrem Bräutigam fragte, und ob sie mit ihm zufrieden wäre. Sie gab ihm jedoch gar keine Antwort, sondern sah ihn böse an und erwiderte ihm auf seine widerholten Fragen kein einziges Wort. Infolgedessen verließ der Sultan sie wieder und begab sich zur Königin, der er mitteilte, was sich zwischen ihm und der Herrin Bedr el-Budûr zugetragen hatte. Die Königin, die den Sultan nicht auf die Herrin Bedr el-Budûr erzürnt fortlassen wollte, sagte zu ihm: »O König der Zeit, dies ist der Brauch der meisten jungen Ehepaare; sie schämen sich nach der Hochzeitsnacht und sind ein wenig scheu. Nimm es ihr daher nicht übel, nach kurzer Zeit wird sie wieder zu sich kommen und wieder mit den Leuten reden, während die Scham sie jetzt, o König der Zeit, abhält. Ich will jedoch selber zu ihr gehen und sie sehen.« Hierauf erhob sich die Königin und begab sich, nachdem sie ihre Sachen angelegt 55 hatte, zu ihrer Tochter, der Herrin Bedr el-Budûr. Sie trat auf sie zu, wünschte ihr guten Morgen und küßte sie zwischen die Augen, doch gab ihr die Herrin Bedr el-Budûr nicht die geringste Antwort. Da sprach die Königin bei sich: »Es muß ihr unbedingt etwas Sonderbares zugestoßen sein, das sie so verstört hat.« Alsdann fragte die Königin sie: »Meine Tochter, was ist der Grund von diesem deinem Benehmen? Sag' mir, was dir widerfahren ist, daß du mir keine Antwort giebst, wo ich zu dir komme und dir guten Morgen wünsche.« Da hob die Herrin Bedr el-Budûr ihr Haupt und sagte zu ihrer Mutter: »Nimm es mir nicht übel, meine Mutter; es geziemte sich mir wohl, dich in aller Feierlichkeit und Verehrung zu empfangen, wo du mich mit deinem Besuch beehrst, ich bitte dich jedoch den Grund für mein Benehmen anzuhören und zu schauen, wie diese Nacht die übelste war, die ich jemals zubrachte. Kaum hatten wir uns niedergelegt, meine Mutter, da hob jemand, dessen Gestalt uns unbekannt ist, das Bett auf und trug uns an einen finstern, schmutzigen und schäbigen Ort.« Alsdann erzählte die Herrin Bedr el-Budûr ihrer Mutter der Königin alles, was ihr während der verflossenen Nacht zugestoßen war, und wie man ihren Bräutigam fortgenommen hatte und sie allein geblieben war. Nach kurzer Frist sei dann ein andrer Jüngling gekommen und hätte sich an Stelle ihres Bräutigams niedergelegt, doch hätte er sein Schwert zwischen sich und sie gelegt, bis gegen Morgen derselbe, der sie fortgenommen hätte, wieder gekommen sei und sie in den Palast zurückgetragen hätte. Gleich darauf sei dann ihr Vater der Sultan eingetreten, doch hätte sie vor Furcht und Zittern weder das Herz noch die Zunge gehabt mit ihm zu reden. Wenn ihr Vater der Sultan hierdurch verletzt sei, so bäte sie sie, ihm den Grund von ihrem Benehmen anzugeben, damit er es ihr nicht verüble und sie schelte, sondern entschuldige.

Als die Königin den Bericht ihrer Tochter der Herrin Bedr el-Budûr vernommen hatte, sagte sie zu ihr: »Meine 56 Tochter, hüte dich hiervon etwas vor irgend jemand verlauten zu lassen, damit es nicht heißt: »Die Tochter des Sultans hat den Verstand verloren.« Du hast sehr wohl daran gethan, nichts hiervon deinem Vater zu sagen. Hüte dich, hüte dich, meine Tochter, daß er etwas hiervon erfährt.« Die Herrin Budûr antwortete ihr: »Meine Mutter, ich habe zu dir mit gesunden Sinnen geredet und habe meinen Verstand nicht verloren. Dies widerfuhr mir, und, wenn du es mir nicht glaubst, so frag' nur meinen Bräutigam.« Die Königin versetzte: »Steh' jetzt auf, meine Tochter, und schlag' dir diese Wahngebilde aus dem Kopf; leg' deine Sachen an und besieh dir die Hochzeitsfeierlichkeiten und Feste, die sie deinetwegen in der Stadt anrichten; hör' auf die Trommeln und den Gesang und schau' all die Dekorationen, die deiner Hochzeit zu Ehren gemacht sind, meine Tochter.«

Nach diesen Worten ließ die Königin auf der Stelle die Putzweiber kommen, welche die Herrin Bedr el-Budûr ankleideten und zurecht machten, worauf sich die Königin zum Sultan begab und ihm mitteilte, die Herrin Bedr el-Budûr hätte während der Nacht allerlei dummes Zeug zusammengeträumt, weshalb er es ihr nicht verübeln sollte, daß sie ihm keine Antwort gegeben hätte. Hierauf ließ sie insgeheim den Sohn des Wesirs kommen und fragte ihn, wie sich die Sache verhielte und ob an den Worten der Herrin Bedr el-Budûr etwas Wahres sei oder nicht. Der Sohn des Wesirs sagte jedoch in seiner Furcht seine Braut aus den Händen zu verlieren: »Meine Herrin, ich weiß nichts von all dem, was du da sagst.« Infolgedessen glaubte die Königin fest, ihre Tochter hätte tolles Zeug zusammengeträumt.

Die Hochzeitsfeste nahmen den Tag über ihren Fortgang, die Tänzerinnen tanzten, die Sängerinnen sangen und all die Instrumente musizierten, und die Königin, der Wesir und sein Sohn gaben sich die größte Mühe bei den Festlichkeiten, die Herrin Bedr el-Budûr zu erfreuen und ihren Kummer zu verscheuchen. Sie unterließen an jenem Tage nichts, was 57 irgend wie zur Freude anregte, doch was sie auch vor ihr darstellen ließen, um sie zu erheitern und den Kummer aus ihrem Herzen zu bannen, nichts machte auf sie Eindruck, und sie blieb still, nachdenklich und verstört von dem, was ihr während der Nacht widerfahren war. Wohl war es dem Sohn des Wesirs noch schlimmer als ihr ergangen, da er im Abtritt geschlafen hatte; doch hatte er die Sache geleugnet und sich aus dem Gedächtnis geschlagen, um nicht die Braut und die Ehre zu verlieren, zumal, wo ihn alle Leute um dieses Los, das ihm so hohe Ehre eintrug, beneideten; ferner aber auch wegen der außerordentlichen Anmut und Schönheit der Herrin Bedr el-Budûr.

Inzwischen war Alā ed-Dîn ausgegangen, um sich die Festlichkeiten in der Stadt und im Serâj anzusehen, und lachte, zumal als er die Leute von der Ehre, die dem Sohn des Wesirs widerfahren war, und von seinem hohen Glück, der Schwiegersohn des Sultans geworden zu sein, und dem großen Pomp bei seiner Hochzeitsfeier reden hörte. Er sprach bei sich: »Ihr Armen, ihr wißt nicht, wie es ihm heute Nacht ergangen ist, sonst würdet ihr ihn nicht beneiden.« Als dann die Nacht anbrach und die Schlafenszeit kam, ging er in sein Gemach und rieb die Lampe; sogleich erschien der Sklave, und er befahl ihm, die Tochter des Sultans mit ihrem Hochzeiter wie in der verflossenen Nacht zu bringen, bevor ihr noch der Sohn des Wesirs die Mädchenschaft genommen hätte. Der Sklave verschwand auf der Stelle und säumte nur so lange, bis der rechte Zeitpunkt kam, worauf er wieder mit dem Bett erschien, in dem die Herrin Bedr el-Budûr und der Sohn des Wesirs lagen. Dann verfuhr er mit dem Sohn des Wesirs wie in der vergangenen Nacht, indem er ihn nahm und in den Abtritt niederlegte, wo er ihn zusammengeschrumpft vor Furcht und Zittern liegen ließ. Alā ed-Dîn aber erhob sich und legte wieder das Schwert zwischen sich und die Herrin Bedr el-Budûr, worauf er die Nacht an ihrer Seite zubrachte. Am nächsten Morgen erschien dann 58 wieder der Sklave der Lampe und trug beide an ihren Platz zurück, während Alā ed-Dîn von Schadenfreude über den Sohn des Wesirs erfüllt war.

Als nun der Sultan am Morgen erwachte, gedachte er seine Tochter Bedr el-Budûr wieder wie tags zuvor zu besuchen; er erhob sich deshalb, legte seine Sachen an und begab sich zum Gemach seiner Tochter. Sobald er die Thür öffnete, stieg der Sohn des Wesirs aus dem Bett und begann sich anzukleiden, während ihm die Rippen vor Frost klapperten, da der Sklave sie soeben erst gebracht hatte. Wie nun der Sultan eintrat, schritt er auf seine Tochter Bedr el-Budûr zu, die noch im Bett lag, und wünschte ihr guten Morgen, indem er den Vorhang lüpfte. Dann küßte er sie zwischen die Augen und fragte sie nach ihrem Befinden; er sah jedoch, daß sie sauer drein blickte und ihm nicht die geringste Antwort gab, sondern ihn böse anschaute und in der übelsten Verfassung war. Da ergrimmte der Sultan darüber, daß sie ihm keine Antwort gab, und, im Glauben, es stünde nicht recht mit ihr, zückte er sein Schwert und fuhr sie an: »Was ist mit dir vorgefallen? Wenn du mir nicht sagst, was mit dir geschehen ist, so nehme ich dir sofort das Leben. Ehrst du und achtest du mich so? Ich rede zu dir, und du giebst mir keine Antwort?« Als nun die Herrin Bedr el-Budûr ihren Vater den Sultan anschaute und ihn ergrimmt und mit gezücktem Schwert in der Hand dastehen sah, verlor sie ihre Furcht und sagte zu ihm, ihr Haupt erhebend: »Teurer Vater, sei nicht böse auf mich und übereile dich nicht in deinem Zorn, denn ich bin für mein Benehmen zu entschuldigen. Höre, wie es mir ergangen ist, und wenn du vernommen hast, was mir während dieser beiden Nächte widerfuhr, so wirst du mich entschuldigen, und deine Hoheit wird Mitleid mit mir verspüren, wie ich es von deiner Liebe zu mir erwarte.« Alsdann erzählte die Herrin Bedr el-Budûr ihrem Vater dem Sultan alles, was sich mit ihr zugetragen hatte, und sagte zu ihm: »Mein Vater, wenn du mir nicht 59 glaubst, so frag' meinen Bräutigam, er wird deiner Hoheit alles berichten; nur weiß ich nicht, was sie mit ihm thaten, als sie ihn von meiner Seite nahmen, und wohin sie ihn legten.«

Als der Sultan die Worte seiner Tochter vernahm, ward er von Kümmernis ergriffen, und seine Augen schwammen in Thränen. Sein Schwert wieder in die Scheide steckend, trat er auf sie zu und sprach zu ihr, indem er sie küßte: »Meine Tochter, warum sagtest du mir dies nicht bereits gestern früh, damit ich dir diese Qual und Furcht, die du heute Nacht durchmachen mußtest, ersparte? Doch hat dies nichts zu sagen. Steh' auf, verscheuch dir diese Gedanken, und in der kommenden Nacht will ich eine Wache aufstellen, dich zu hüten, dann soll dich dies nicht mehr treffen.« Hierauf kehrte der Sultan in seinen Palast zurück und ließ sogleich den Wesir vor sich kommen. Als der Wesir vor ihm erschien und seines Befehles gewärtig vor ihm stand, sprach er zu ihm: »Wesir, was meinst du zu dieser Geschichte? Hat dir dein Sohn nicht mitgeteilt, wie es ihm und meiner Tochter erging?« Der Wesir versetzte: »O König der Zeit, ich habe meinen Sohn weder gestern noch heute gesehen.« Da erzählte ihm der Sultan alles, was ihm seine Tochter, die Herrin Bedr el-Budûr, mitgeteilt hatte, und sagte zu ihm: »Ich wünsche, daß du sofort von deinem Sohn den wahren Sachverhalt zu erfahren suchst; vielleicht weiß meine Tochter in ihrer Furcht nicht, was mit ihr vorgegangen ist, wiewohl ich alle ihre Worte für wahr halte.«

Da erhob sich der Wesir und ließ seinen Sohn sofort vor sich kommen, worauf er ihn zur Rede stellte, ob alles, was ihm der Sultan erzählt hatte, wahr sei oder nicht. Der Jüngling versetzte: »O mein Vater und Wesir, das sei ferne, daß die Herrin Bedr el-Budûr gelogen hätte; alle ihre Worte sind wahr, und diese beiden Nächte waren die unseligsten, die wir je verbrachten, anstatt uns Nächte des Glücks und der Freuden zu sein. Mir aber erging es noch übler als ihr, 60 denn, anstatt mit meiner Braut im Bett zu schlafen, lag ich im Abtritt, einem finstern, fürchterlichen, übelriechenden, verfluchten Ort, und meine Rippen zogen sich vor Kälte zusammen.« Hierauf erzählte er ihm alles und schloß mit den Worten: »O mein teurer Vater, ich flehe dich an, sprich mit dem Sultan, daß er mich von dieser Heirat freimacht. Es mag wohl eine große Ehre für mich sein, der Schwiegersohn des Sultans zu sein, zumal, wo die Liebe zur Herrin Bedr el-Budûr mein ganzes Herz erfüllt, jedoch habe ich nicht mehr die Kraft noch eine einzige Nacht gleich den beiden verflossenen zu ertragen.«

Als der Wesir die Worte seines Sohnes vernahm, betrübte und grämte er sich schwer, da er seinen Sohn dadurch, daß er ihn zum Schwiegersohn des Sultans machte, erhöhen und auszeichnen wollte. Er ward deshalb nachdenklich und ratlos, was er in der Sache thun sollte, und es kam ihm hart an, die Heirat aufzuheben, da es ihm eine große Freude bereitet hatte, zu solcher hohen Ehre gelangt zu sein. Schließlich sagte er zu seinem Sohn: »Gedulde dich, mein Sohn, bis wir sehen, was in der folgenden Nacht geschieht, wo wir Wachen zu eurer Hut anstellen wollen. Laß dir diese hohe Ehre, die dir allein widerfahren ist, nicht entgehen.« Hierauf verließ der Wesir seinen Sohn und kehrte zum Sultan zurück, dem er mitteilte, daß die Herrin Bedr el-Budûr die Wahrheit gesprochen hatte. Da sagte der Sultan zu ihm: »Wenn die Sache sich so verhält, so bedürfen wir keines Aufschubs mehr.« Alsdann befahl er unverzüglich die Festlichkeiten einzustellen und die Hochzeit null und nichtig zu machen. Die Leute und das Stadtvolk verwunderten sich über diese merkwürdige Sache, zumal als sie den Wesir und seinen Sohn in vor Kummer und Grimm bejammernswertem Zustande aus dem Serâj kommen sahen, und hoben an zu fragen: »Was ist vorgefallen, und weshalb ist die Hochzeit aufgehoben? Keiner aber wußte, was los war, als allein Alā ed-Dîn, der Anstifter der ganzen Sache, der sich ins Fäustchen lachte. 61 Trotzdem nun die Hochzeit aufgehoben war, erinnerte sich der Sultan nicht mehr an das vergessene Versprechen, das er Alā ed-Dîns Mutter gegeben hatte, und ebenso dachte auch der Wesir nicht weiter daran, und keiner von beiden hatte eine Ahnung, woher der Vorfall gekommen war. Alā ed-Dîn aber wartete geduldig, bis die drei Monate verstrichen waren, nach deren Verlauf der Sultan ihm versprochen hatte, ihn mit seiner Tochter der Herrin Bedr el-Budûr zu verheiraten. Dann schickte er unverzüglich seine Mutter zum Sultan, um ihn an die Erfüllung seines Versprechens zu mahnen. Alā ed-Dîns Mutter begab sich zum Serâj, und, als nun der Sultan im Diwan erschien und sie vor ihm stehen sah, gedachte er wieder seines Wortes, das er ihr gegeben hatte, ihren Sohn nach Verlauf von drei Monaten mit seiner Tochter zu vermählen; er wendete sich deshalb zum Wesir und sagte zu ihm: »Wesir, da ist die Frau, die mir die Juwelen schenkte, und der wir versprachen, sie nach Ablauf von drei Monaten vor allem andern vor uns zu laden.« Da ging der Wesir zu Alā ed-Dîns Mutter und führte sie vor den Sultan; und, als sie vor ihn trat, küßte sie ihre Fingerspitzen und führte sie an die Stirn, worauf sie ihm Ruhm und dauernde Wohlfahrt wünschte. Dann fragte sie der Sultan, ob sie ein Anliegen hätte, worauf sie ihm erwiderte: »O König der Zeit, die drei Monate, die du mir als Frist festsetztest, sind nunmehr verstrichen, und die Zeit ist gekommen, meinen Sohn Alā ed-Dîn mit deiner Tochter der Herrin Bedr el-Budûr zu vermählen.« Der Sultan erschrak über diese Forderung, zumal wo er die ärmliche Lage von Alā ed-Dîns Mutter gewahrte und sah, daß sie zum niedrigsten Volk gehörte. Da sie ihm jedoch ein sehr kostbares, ganz unbezahlbares Geschenk gemacht hatte, wendete er sich zum Wesir und sprach zu ihm: »Was hast du für einen Rat? Ich gab ihr in der That mein Wort, jedoch scheinen sie mir arme Leute zu sein und nicht von Stand.«

Der Großwesir, den der Neid fast umbrachte, und der 62 insbesondere über das Mißgeschick seines Sohnes betrübt war, sprach bei sich: »Wie soll jemand wie der da die Tochter des Sultans heiraten und mein Sohn dieser Ehre verlustig gehen?« Dann erwiderte er dem Sultan: »O mein Herr, das ist ein leichtes Ding, diesen hergelaufenen Menschen abzuwehren, da es deiner Glückseligkeit nicht ansteht, deine Tochter einem Mann zu geben, von dem wir nicht wissen, was er ist.« Der Sultan versetzte: »Auf welche Weise sollen wir ihn abwehren, wo ich ihm mein Wort gab, und wo ein Königswort ein Unterpfand ist?« Da sagte der Wesir: »Mein Herr, mein Rat geht dahin, daß du von ihm vierzig Schüsseln aus lauterm SandgoldAus Sand gewaschenes Gold. verlangst voll von solchen Juwelen, wie sie dir zuvor brachte, nebst vierzig Sklavinnen, die die Schüsseln tragen, und vierzig Sklaven.« Der Sultan versetzte: »Bei Gott, o Wesir, du hast recht gesprochen; dies ist ihm unmöglich, und auf diese Weise sind wir ihn los.« Hierauf sagte er zu Alā ed-Dîns Mutter: »Geh' fort und sag' deinem Sohn, ich hielte mein Wort, das ich dir gab, doch müßte er imstande sein die Brautgabe für meine Tochter zu beschaffen; ich verlange als solche von ihm vierzig Schüsseln aus lauterm Gold, die alle voll von solchen Edelsteinen, wie du sie mir brachtest, sein müssen; und dazu fordere ich vierzig Sklavinnen, die sie tragen, und vierzig Sklaven zu ihrer Bedienung. Wenn dein Sohn diese Brautgabe beschaffen kann, so vermähle ich ihn mit meiner Tochter.«

Da kehrte Alā ed-Dîns Mutter kopfschüttelnd heim, indem sie bei sich sprach: »Woher sollte mein armer Sohn zu den Schüsseln und Juwelen kommen? Gesetzt den Fall jedoch, er kehrte zum Schatz zurück und pflückte die Juwelen von den Bäumen, wiewohl ich dies für unmöglich halte, – angenommen also, er beschaffte sich wirklich die Juwelen und die Schüsseln, woher aber sollte er zu den Sklavinnen und den Sklaven kommen?« In dieser Weise redete seine Mutter 63 bei sich, bis sie zu ihrem Haus gelangte, wo Alā ed-Dîn sie erwartete. Als sie nun bei ihm eintrat, sagte sie zu ihm: »Mein Sohn, sagte ich dir nicht, nicht daran zu denken jemals die Herrin Bedr el-Budûr zu erlangen, da so etwas für Leute wie uns unmöglich wäre?« Alā ed-Dîn versetzte: »Erzähle mir, was es giebt.« Da sagte sie zu ihm: »Mein Kind, der Sultan nahm mich seiner Gewohnheit gemäß in allen Ehren auf, und es scheint, er ist uns wohlgeneigt, jedoch ist der verruchte Wesir dein Feind. Als ich nämlich zum Sultan an deiner Statt sprach, wie du es mir aufgetragen hattest, und sagte, die festgesetzte Frist wäre verstrichen, und hinzufügte: »Es wäre gut, wenn deine Glückseligkeit nunmehr den Befehl zur Hochzeit deiner Tochter der Herrin Bedr el-Budûr mit meinem Sohn Alā ed-Dîn erließe,« – da wendete sich der Sultan zum Wesir und sprach mit ihm, worauf der Wesir ihm leise Antwort gab. Und dann gab mir der Sultan seinen Bescheid.« Hierauf berichtete sie ihrem Sohn, was der Sultan verlangte, und sagte zu ihm: »Mein Sohn, er verlangt von dir schleunigste Antwort; ich glaube jedoch, wir haben keine Antwort für ihn.«

Als Alā ed-Dîn die Worte seiner Mutter vernommen hatte, lachte er und sprach zu ihr: »O meine Mutter, du sagst, daß wir für ihn keine Antwort haben, und hältst die Sache für sehr schwer. Bemühe dich jedoch nur aufzustehen und uns etwas zum Essen zu bringen. Nach der Mahlzeit, sollst du dann, so der Barmherzige will, die Antwort schauen. Der Sultan wähnt wie du, er hätte etwas Gewaltiges verlangt, um mich von der Herrin Bedr el-Budûr fern zu halten; die Thatsache ist jedoch, daß er ein viel leichteres Ding von mir verlangte, als ich dachte. Steh' jetzt jedoch auf und kauf' uns etwas zum Essen; alsdann laß mich dir die Antwort besorgen.« Da erhob sich seine Mutter und ging aus, um das Nötige auf dem Bazar zu kaufen und es zum Mittagessen zuzubereiten. Alā ed-Dîn aber begab sich in sein Gemach, wo er die Lampe hervorholte und rieb; und auf der 64 Stelle erschien der Sklave vor ihm und rief: »Heische, mein Herr, was du begehrst.« Alā ed-Dîn versetzte: »Ich verlangte vom Sultan seine Tochter zur Frau, und der Sultan verlangt von mir vierzig Schüsseln aus lauterm Gold, eine jede Schüssel im Gewicht von zehn Pfund und voll von den Edelsteinen, die sich im Garten des Schatzes befinden; außerdem sollen vierzig Sklavinnen die vierzig Schüsseln tragen und jede Sklavin soll ihren Eunuchen haben, so daß es im ganzen vierzig Eunuchen sind. Ich wünsche nun von dir, daß du mir alles dies beschaffst.« Der Dschinnī antwortete ihm: »Ich höre und gehorche, mein Herr.« Dann verschwand er für eine Weile, worauf er mit den vierzig Sklavinnen wiederkehrte, von denen eine jede ihren Eunuchen bei sich hatte und auf dem Haupt eine Schüssel aus lauterm Gold und voll der kostbarsten Juwelen trug. Indem er sie vor Alā ed-Dîn stellte, sprach er zu ihm: »Dies ist das Verlangte; sag' mir nun, ob du noch etwas oder einen andern Dienst wünschest.« Alā ed-Dîn erwiderte: »Ich habe nichts andres nötig; wenn mir jedoch etwas fehlt, so will ich dich rufen und es dir sagen.« Da verschwand der Sklave.

Nach kurzer Zeit kehrte Alā ed-Dîns Mutter zurück und trat ins Haus; als sie nun aber die Sklaven und Sklavinnen erblickte, verwunderte sie sich und rief: »Alles dies rührt von der Lampe her; ach, Gott erhalte sie meinem Sohn!« Bevor sie jedoch ihren Schleier abnahm, sagte Alā ed-Dîn zu ihr: »Dies ist jetzt die rechte Zeit für dich zum Sultan zu gehen, bevor er sich zu seinem Serâj in den Harem begiebt; geh' sogleich zu ihm und bring' ihm das Verlangte, damit er erkennt, daß ich leisten kann, was er verlangt, und noch mehr; auch soll er sehen, daß er vom Wesir betrogen war, und daß beide irrten, wenn sie glaubten mich zu Schanden zu machen.« Alsdann erhob er sich sofort und öffnete die Hausthür, worauf er die Sklavinnen paarweise mit ihren Eunuchen zur Seite herausgehen ließ, bis sie die ganze Straße erfüllten, während Alā ed-Dîns Mutter ihnen voranschritt. 65 Als die Leute auf der Straße dieses wunderbare und prächtige Schauspiel erblickten, blieben sie staunend stehen und besahen sich neugierig die Gestalt und Schönheit und Anmut der Mädchen, die alle in golddurchwirkte und mit Edelsteinen besetzte Kleider gekleidet waren, von denen das geringste Tausende wert war. Ebenso starrten sie die Schüsseln an, von denen ein Glanz ausstrahlte, der das Sonnenlicht verdunkelte, wiewohl jede Schüssel mit einem Stück Goldbrokat, das mit kostbaren Perlen bestickt war, zugedeckt war.

Alā ed-Dîns Mutter schritt nun vorwärts, und die Sklavinnen und Eunuchen folgten ihr in Reih und Glied, während die Leute dastanden und die Mädchen in ihrer Schönheit betrachteten und den erhabenen Schöpfer priesen, bis sie zum Serâj gelangten und Alā ed-Dîns Mutter mit ihnen hineintrat. Als aber die Aghas, die Kämmerlinge und Hauptleute sie erblickten, wurden sie von Verwunderung erfaßt und staunten über diesen Anblick, wie sie dem ähnliches in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen hatten; am meisten aber staunten sie über die Mädchen, von denen eine jede eines Asketen Verstand hätte rauben können. Und, wiewohl alle die Kämmerlinge und Hauptleute des Sultans die Söhne von Großen und Emiren waren, so verwunderten sie sich doch am meisten über ihre kostbaren Kleider und die Schüsseln auf ihren Häuptern, vor deren Blitzen und Blinken sie die Blicke schließen mußten. Alsdann traten die Lieutenants ein und statteten dem Sultan Bericht ab, worauf derselbe ihnen sofort befahl sie in den Diwan zu lassen und ihm vorzuführen. Da trat Alā ed-Dîns Mutter mit ihnen ein, und, als sie nun vor dem Sultan standen, huldigten ihm alle in feinstem Anstand und mit jeglichem Respekt und wünschten ihm Ruhm und Gedeihen; dann nahmen sie die Schüsseln vom Haupt und stellten sie vor ihm nieder, worauf sie die Decken von ihnen abnahmen und mit verschränkten Armen dastanden. Der Sultan verwunderte sich mächtig und war durch die Schönheit und unbeschreibliche Anmut der Mädchen 66 ganz verwirrt; als er aber die goldenen Schüsseln voll von Edelsteinen, die den Blick blendeten, sah, ward er so verstört durch dieses Wunder, daß er wie ein Stummer ward und vor Staunen kein Wort sprechen konnte; und sein Verstand verwirrte sich um so mehr, wenn er bedachte, daß alles dies in einer einzigen Stunde beschafft war. Hierauf befahl er den Mädchen die Schüsseln in das Gemach der Herrin Bedr el-Budûr zu tragen. Die Sklavinnen thaten es, während Alā ed-Dîns Mutter herzutrat und zum Sultan sagte: »Mein Herr, dies ist nicht viel, um die Herrin Bedr el-Budûr zu ehren, sie verdiente um viele Male mehr als dies.« Da wendete sich der Sultan zum Wesir und sprach zu ihm: »Was meinst du, o Wesir? Wer solche Schätze in so kurzer Zeit beschaffen kann, verdient der nicht des Sultans Schwiegersohn zu sein und seine Tochter zur Frau zu erhalten?« Der Wesir, der noch mehr als der Sultan über die Pracht dieser Schätze verwundert war, dessen Neid jedoch immer stärker und stärker ward, so daß er fast daran starb, versetzte, als er sah, daß der Sultan mit der Mitgift und Brautgabe zufrieden gestellt war, wiewohl er sich nicht der Thatsache widersetzen konnte: »Es ist ihrer nicht würdig.« Um aber Mittel und Wege zu finden den Sultan davon abzuhalten, daß er Alā ed-Dîn seine Tochter die Herrin Bedr el-Budûr gäbe, setzte er hinzu: »Mein Herr, alle Schätze der Welt sind nicht einen Fingernagel deiner Tochter Bedr el-Budûr wert; deine Hoheit hat dies überschätzt.«

Als der Sultan die Worte seines Wesirs vernahm, merkte er, daß er dies im Übermaß seines Neides gesprochen hatte. Er wendete such deshalb zu Alā ed-Dîns Mutter und sagte zu ihr: »Geh' zu deinem Sohn und sag' ihm, ich hätte die Mitgift von ihm angenommen und hielte mein Wort; meine Tochter sei seine Braut und er mein Schwiegersohn. Sag' ihm ferner er solle herkommen, damit ich ihn kennen lernte, er solle nichts als die lauterste Achtung und Ehre von mir erfahren, und heute Nacht noch solle der Anfang der Hochzeit 67 stattfinden. Nur solle er, wie ich es dir sagte, herkommen und nicht säumen.« Da eilte Alā ed-Dîns Mutter schneller als die Windsbraut nach Hause, um ihrem Sohn die frohe Nachricht zu überbringen, und sie flog vor Freude bei dem Gedanken, daß ihr Sohn der Schwiegersohn des Sultans werden sollte. Als aber Alā ed-Dîns Mutter den Sultan verlassen hatte, schloß dieser den Diwan und begab sich in den Palast der Herrin Bedr el-Budûr und befahl, die Sklavinnen und die Schüsseln vor ihn und sie zu bringen, damit sie sie ebenfalls besähe. Als nun die Sklavinnen hereingeführt wurden, betrachtete die Herrin Bedr el-Budûr die Juwelen und rief staunend: »Ich glaube, daß in allen Schätzen der Welt kein einziges Juwel wie diese hier zu finden ist.« Dann betrachtete sie auch die Sklavinnen und ward von ihrer Schönheit und Anmut entzückt. Als sie erfuhr, daß alles dies von ihrem neuen Verlobten herrührte, der es ihr zu ihren Diensten geschickt hatte, freute sie sich, wiewohl sie sich über ihren alten Bräutigam, den Sohn des Wesirs, gegrämt und bekümmert hatte. Beim Anblick der Edelsteine und der schönen Mädchen ward sie von mächtiger Freude und Fröhlichkeit erfaßt, und ihr Vater freute sich mächtig über ihre Freude und sprach zu ihr, als er sah, daß ihr Kummer und Gram wich: »Meine Tochter und Herrin Bedr el-Budûr, gefällt dir dies? Ich glaube, daß dies ein besserer Bräutigam für dich ist als der Sohn des Wesirs, und, so Gott will, meine Tochter, sollst du dich sehr mit ihm vergnügen.«

So viel was den Sultan anlangt; inzwischen gelangte nun Alā ed-Dîns Mutter zu ihrem Haus und trat lachend vor Freude ein. Als Alā ed-Dîn dies sah, freute er sich und rief: »Gott, der Ewige, sei gelobt! Erfüllt ist all mein Begehr!« Seine Mutter aber sagte: »Freue dich, mein Sohn, und sei guten Mutes und kühlen Auges, du hast deinen Wunsch erreicht. Der Sultan hat dein Geschenk, die Mitgift und Brautgabe für die Herrin Bedr el-Budûr, von mir angenommen, sie ist nunmehr deine Braut, und noch heute 68 Nacht, mein Sohn, findet eure Hochzeit statt und suchst du die Herrin Bedr el-Budûr heim. Der Sultan hat, um mir sein Wort zu bestätigen, dich vor aller Welt als seinen Schwiegersohn anerkannt und angekündet, daß du sie heute Nacht besuchen solltest. Er sprach jedoch zu mir: »Laß deinen Sohn zu mir kommen, damit ich ihn kennen lerne und ihn mit allen Ehren und Auszeichnungen empfange.« Und nun, mein Sohn, ist mein Geschäft erledigt; was noch übrig bleibt, hast du zu thun.« Da erhob sich Alā ed-Dîn und küßte seiner Mutter die Hand und dankte ihr mit vielen Worten. Dann begab er sich in sein Gemach, nahm die Lampe und rieb sie, worauf sogleich der Sklave erschien und rief: »Zu Diensten! Heische, was du begehrst.« Da sagte Alā ed-Dîn zu ihm: »Ich wünsche, daß du mich zu einem Bad nimmst, wie es in der Welt nicht seinesgleichen giebt, und mir einen äußerst kostbaren, einen königlichen Anzug bringst, wie Könige ihn nicht haben.« Der Mârid versetzte: »Ich höre und gehorche.« Alsdann lud er ihn auf und führte ihn in ein Bad, wie die Könige und Chosroen seinesgleichen nicht geschaut hatten. Denn es bestand ganz und gar aus Marmor und Karneol und enthielt wunderbare Malereien, die den Blick gefangen nahmen. Es besaß eine große Halle, die ganz mit kostbaren Juwelen besetzt war und war ganz leer.

Als nun Alā ed-Dîn in das Bad trat, kam einer der Dschânn in menschlicher Gestalt zu ihm und wusch und badete ihn, wie er es nur zu wünschen vermochte. Dann verließ er den Baderaum und begab sich in die äußere Halle, wo er fand, daß seine Sachen fortgenommen waren und an ihrer Stelle einer der prächtigsten königlichen Anzüge dalag. Hierauf wurden ihm Scherbetts und Kaffee mit Ambra vorgesetzt. Nachdem er getrunken hatte, erhob er sich, und es erschien eine Schar Sklaven, die ihn in die kostbaren Sachen kleideten, worauf er sich parfümierte und salbte. Nun war bekanntlich Alā ed-Dîn ein armer Schneiderssohn; jetzt aber würde dies niemand geglaubt haben, sondern jeder hätte gesagt: »Dies ist 69 der vornehmste Prinz;« – Preis Ihm, der verändert und nicht verändert wird! Und nun erschien auch der Dschinnī, der Sklave der Lampe, wieder und hob ihn auf und setzte ihn in seinem Haus ab, worauf er zu ihm sprach: »Mein Herr, bedarfst du noch etwas?« Alā ed-Dîn versetzte: »Jawohl, ich wünsche, daß du mir achtundvierzig Mamluken bringst, von denen vierundzwanzig voranziehen und vierundzwanzig mir folgen sollen, alle gekleidet, gewappnet und hoch zu Roß, und alles, was sie und ihre Rosse tragen, soll so wertvoll und kostbar sein, wie man es nicht in Königsschätzen findet. Alsdann bring' mir einen Hengst, wie ihn die Chosroen reiten, dessen Geschirr ganz aus Gold bestehen und über und über mit Edelsteinen besetzt sein soll; und bring' mir auch achtundvierzigtausend Dinare, für jeden Mamluken tausend. Ich will mich jetzt zum Sultan aufmachen, säume daher nicht, denn ohne all die Sachen, die ich von dir verlangte, kann ich mich nicht zu ihm begeben. Ebenso beschaffe mir zwölf Sklavinnen von einzigartiger Schönheit und in prächtigster Kleidung, die meine Mutter zum Sultanspalast begleiten sollen; und jede Sklavin soll wie eine Königin gekleidet sein.«

Der Sklave versetzte: »Ich höre und gehorche,« und verschwand für einen Augenblick, worauf er alles, was ihm aufgetragen war, brachte; und in der Hand hielt er einen Hengst, wie er sich nicht unter den Pferden der Vollblutaraber befand, mit Sattelzeug aus prächtigstem, golddurchwirktem Stoff. Hierauf ließ Alā ed-Dîn unverzüglich seine Mutter rufen und übergab ihr die zwölf Sklavinnen und den Anzug, damit sie sich in ihn kleidete und mit den Sklavinnen zum Palast aufmachte. Alsdann schickte er einen der Mamluken, die ihm der Dschinnī gebracht hatte, zum Sultan, um nachzusehen, ob der Sultan den Harem verlassen hätte oder nicht. Der Mamluk machte sich schneller als der Blitz auf den Weg und kehrte stracks mit der Meldung zurück: »Mein Herr, der Sultan erwartet dich.« Da erhob sich Alā ed-Dîn und bestieg seinen Hengst, während die Mamluken vor ihm und 70 hinter ihm ritten, und sie waren so, daß alle rufen mußten: »Preis dem Herrn, der sie erschaffen und mit solcher Schönheit und Anmut gekleidet!« Unterwegs streuten sie Gold unter die Menge vor ihrem Herrn Alā ed-Dîn, der sie alle an Schönheit und Anmut übertraf, geschweige denn die Königssöhne, – Preis dem Geber, dem Ewigen! Alles dies rührte von den Wunderkräften der Lampe her, die jedem, der sie besaß, Schönheit, Anmut, Reichtum und Kenntnisse gab. Das Volk aber verwunderte sich über Alā ed-Dîns Freigebigkeit und ausnehmende Großmut und staunte beim Anblick seiner Schönheit und Anmut, seines Anstands und seiner Würde. Und sie priesen den Erbarmer für dieses edle Gebilde, und alle segneten ihn, wiewohl sie ihn als Sohn des Schneiders So und So kannten. Kein einziger beneidete ihn jedoch, sondern alle sagten: »Er verdient's.«

Inzwischen hatte der Sultan die Großen des Reiches bei sich versammelt und ihnen mitgeteilt, daß er Alā ed-Dîn seine Tochter zur Frau versprochen hätte. Er befahl ihnen auf ihn zu warten und ihm insgesamt zur Zeit seiner Ankunft zum Empfang entgegen zu gehen, worauf sich alle, die Emire, Wesire, Kämmerlinge, Vicekönige und Hauptleute am Thor des Serâjs aufstellten und Alā ed-Dîn erwarteten. Als nun Alā ed-Dîn ankam, und bei dem Thor absteigen wollte, kam ihm einer der Emire, den der Sultan für diesen Dienst ersehen hatte, herzu und sprach zu ihm: »Mein Herr, es ist der Befehl ergangen, daß du hoch zu Roß in den Palast einziehen und erst an der Thür des Diwans absteigen sollst.« Hierauf schritten alle vor ihm einher und geleiteten ihn bis zur Thür des Diwans, wo sie herzutraten, indem ihm die einen den Steigbügel hielten, die andern ihn auf beiden Seiten stützten und die dritten ihn bei der Hand faßten und ihm hinunterhalfen. Alsdann schritten die Emire und Vornehmen des Reiches vor ihm her und führten ihn in den Diwan, bis daß er sich dem Thron des Sultans näherte. Da stieg der Sultan auf der Stelle vom Thron, umarmte 71 ihn und wehrte ihm den Teppich zu küssen; vielmehr küßte er ihn und ließ ihn an seiner rechten Seite Platz nehmen. Alā ed-Dîn hingegen huldigte dem Sultan und segnete ihn, wie es sich schickte und ziemte, und sprach zu ihm: »O unser Herr Sultan, deine Glückseligkeit geruhte in ihrer Großmut mir deine Tochter, die Herrin Bedr el-Budûr, zu gewähren, wiewohl ich diese große Huld nicht verdiene, da ich der niedrigste deiner Sklaven bin. Ich flehe zu Gott, daß er dir Dauer und langes Leben verleiht, und, in der That, o König, meine Zunge ist zu schwach, dir für diese große, alle Grenzen überschreitende Huld, mit der du mich beehrtest, zu danken. Ich hoffe aber, daß deine Glückseligkeit mir ein passendes Stück Land schenken wird, damit ich auf ihm einen der Herrin Bedr el-Budûr würdigen Palast erbauen kann.« Der Sultan war ganz verdutzt, als er Alā ed-Dîn in seinem königlichen Anzug erblickte und seine Schönheit und Anmut betrachtete und die Mamluken, die zu seiner Bedienung dastanden, in ihrer Schönheit und Anmut sah. Seine Verwunderung ward noch größer, als Alā ed-Dîns Mutter in ihren prächtigen und kostbaren Sachen wie eine Königin ankam und er ihre zwölf Sklavinnen zu ihrer Bedienung mit verschränkten Armen vor ihr in allem Anstand und Respekt stehen sah. Ebenso erwog er Alā ed-Dîns Beredsamkeit und seinen eleganten Ausdruck, und er und alle, die sich bei ihm im Diwan befanden, erstaunten hierüber. Im Herzen des Wesirs entbrannte jedoch aus Neid über Alā ed-Dîn ein Feuer, daß er fast gestorben wäre.

Als nun der Sultan Alā ed-Dîns Segenswünsche vernommen und sein hoheitsvolles und doch ergebenes Benehmen geschaut und seine Beredsamkeit angehört hatte, preßte er ihn an seine Brust und sprach zu ihm, als er ihn küßte: »Es thut mir leid mein Sohn, daß ich nicht schon früher die Freude hatte, dich zu sehen.« Dann befahl der Sultan in großer Freude sogleich Musik zu machen und nahm Alā ed-Dîn mit sich in den Serâj, wo das Abendessen bereitet war. 72 Nachdem die Eunuchen die Tische aufgetragen hatten, setzte sich der Sultan und ließ Alā ed-Dîn an seiner rechten Seite Platz nehmen, worauf sich die Wesire und die Großen und Vornehmen des Reiches, ein jeder nach seinem Rang, ebenfalls setzten; dann spielte die Musik, und sie feierten ein prächtiges Fest im Palast. Der Sultan aber begann nun sich mit Alā ed-Dîn zu unterhalten und plauderte mit ihm, während Alā ed-Dîn ihm mit allem Anstand und der höchsten Gewandtheit Antwort gab, als wäre er in Königspalästen erzogen oder hätte mit Königen Umgang gepflogen. Und je länger das Gespräch zwischen ihnen dauerte, desto mehr freute sich der Sultan über seine trefflichen Antworten und seine süßlautende Rede.

Nachdem sie gegessen und getrunken hatten und die Tische wieder fortgetragen waren, befahl der Sultan die Kadis und Zeugen zu holen, und, als sie kamen, knüpften sie das Eheband und schrieben den Ehekontrakt zwischen Alā ed-Dîn und der Herrin Bedr el-Budûr. Alsdann erhob sich Alā ed-Dîn und wollte fortgehen; der Sultan hielt ihn jedoch fest und fragte ihn: »Wohin, mein Sohn? Das Fest hat begonnen, die Hochzeit ist perfekt, das Band ist geknüpft und der Kontrakt ist geschrieben.« Alā ed-Dîn erwiderte ihm: »Mein Herr und König, ich wollte für die Herrin Bedr el-Budûr einen Palast erbauen, der für ihren Rang und Stand paßt, und zuvor ist es mir unmöglich sie zu besuchen. So Gott jedoch will, soll der Palast durch den höchsten Eifer deines Sklaven und durch das Wohlwollen deiner Glückseligkeit in der kürzesten Frist fertig gestellt sein. Wiewohl ich mich sehne, mich jetzt der Herrin Bedr el-Budûr zu erfreuen, so geziemt es mir jedoch zuvor ihr zu dienen, und es ist meine Pflicht das Werk auszuführen.« Da sagte der Sultan: »Such' dir den Grund und Boden aus, der deinem Wunsch entspricht, und nimm ihn; alles ist in deiner Hand, jedoch ist der weite Platz vor meinem Serâj sicherlich am besten geeignet; wenn er dir gefällt, so bau den Palast dorthin.« Alā ed-Dîn 73 versetzte: »Das ist gerade mein höchster Wunsch deiner Glückseligkeit nahe zu bleiben.« Hierauf verabschiedete sich Alā ed-Dîn vom Sultan und ging hinaus, wo er sich auf seinen Hengst setzte und inmitten seiner Mamluken fortritt. Alle Leute aber segneten ihn und riefen: »Bei Gott, er verdient's,« bis er bei seinem Hause anlangte. Hier stieg er nun ab und ging in sein Gemach, wo er die Lampe rieb; und sofort stand der Sklave vor ihm und sprach: »Heische, mein Herr, was du begehrst.« Alā ed-Dîn versetzte: »Ich begehre von dir einen wichtigen Dienst; du sollst mir gegenüber dem Palast des Sultans so schnell als möglich einen wunderbaren Serâj erbauen, wie kein König seinesgleichen sah, und er soll mit allen Erfordernissen, wie prunkvoller königlichen Einrichtung und ähnlichem, aufs vollkommenste eingerichtet sein.« Der Sklave versetzte: »Ich höre und gehorche,« und verschwand. Ehe aber noch das Morgenrot anbrach, kehrte er zu Alā ed-Dîn zurück und sprach zu ihm: »Mein Herr, der Palast ist aufs beste fertig gestellt, wie du es nur wünschen magst. Wenn du ihn dir besehen willst, so erheb dich sofort und schau ihn dir an.« Da erhob sich Alā ed-Dîn, und der Sklave trug ihn in einem Augenblick zum Serâj. Als Alā ed-Dîn ihn erblickte, erstaunte er über den Bau, da alle Steine aus Jaspis und weißem und porphyrartigem Marmor und Mosaik bestanden. Hierauf führte ihn der Sklave in eine Schatzkammer, die voll von allerlei Gold und Silber und kostbaren Juwelen in zahlloser, unberechenbarer, unbezahlbarer und unabschätzbarer Menge war. Von hier führte er ihn in einen andern Raum, wo Alā ed-Dîn alles Tischzubehör erblickte, wie Schüsseln, Löffel, goldne und silberne Becken und Becher. Dann führte er ihn in die Küche, wo Alā ed-Dîn die Köche mit allem, was sie bedurften, versehen sah, und alle Küchengeräte bestanden ebenfalls aus Gold oder Silber. Von hier führte er ihn in einen andern Raum, den er voll von Kästen sah, die alle mit königlichen Kleidungsstücken, wie indischen und chinesischen golddurchwirkten Stoffen 74 und Brokaten, vollgepackt waren, so daß man den Verstand darüber verlieren konnte. Von hier führte er ihn durch eine Reihe von Gemächern, die alle voll von unbeschreiblichen Dingen waren, bis er ihn auch in den Marstall führte, in dem er Pferde fand, wie sich derengleichen bei keinem König in der ganzen Welt fanden. Dann führte er ihn in eine Rüstkammer, die er ganz voll von Geschirr und kostbaren Sätteln fand, alles mit Perlen, kostbaren Edelsteinen und dergleichen verziert. Alles dies aber war das Werk einer Nacht. Alā ed-Dîn war erstaunt und betroffen über die Pracht dieses Reichtums, den kein König in der ganzen Welt besaß; und der Palast wimmelte von Eunuchen und Sklavinnen, die mit ihrer Anmut einen Gottesdiener hätten verstören können. Das wunderbarste im Serâj war jedoch ein ihn überragender Kiosk mit vierundzwanzig Līwânen, die alle aus Smaragden und Hyazinthen und andern Edelsteinen erbaut waren, nur daß ein Līwân nach Alā ed-Dîns Wunsch unvollendet geblieben war, damit der Sultan sein Unvermögen ihn zu vollenden bewiese.

Als sich Alā ed-Dîn den ganzen Serâj besehen hatte, freute er sich mächtig und war über die Maßen fröhlich. Dann wendete er sich zum Sklaven und sprach zu ihm: »Ich wünsche von dir nur noch ein einziges Ding, das fehlt, da ich vergaß es dir zu nennen.« Der Sklave erwiderte: »Heische, mein Herr, was du begehrst.« Da sagte Alā ed-Dîn zu ihm: »Ich wünsche von dir einen Teppich aus prächtigem Brokat, der ganz mit Gold durchwirkt sein und von meinem Serâj zum Serâj des Sultans reichen muß, damit die Herrin Bedr el-Budûr, wenn sie hierher kommt, über ihn schreiten kann, ohne die bloße Erde zu berühren.« Da verschwand der Sklave auf einen Augenblick, worauf er wiederkehrte und sprach: »Mein Herr, dein Wunsch ist besorgt.« Alsdann nahm er Alā ed-Dîn und zeigte ihm den Teppich, der einem den Verstand raubte; und er lag ausgebreitet da und reichte vom Serâj des Sultans bis zu Alā ed-Dîns Serâj. Hierauf 75 lud der Sklave Alā ed-Dîn wieder auf und trug ihn in sein Haus.

Als der Tag anbrach, erhob sich der Sultan von seinem Schlaf und öffnete das Fenster; als er aber hinausblickte und nun gegenüber von seinem Serâj ein Gebäude sah, rieb er seine Augen und riß sie weit auf, genau zusehend. Da erblickte er einen prachtvollen sinnbethörenden Palast und gewahrte einen Teppich, der von seinem Serâj zu jenem reichte. Ebenso staunten die Thürhüter und alle, die sich im Palast des Sultans befanden, über diese Sache. Mittlerweile trat der Wesir ein und gewahrte hierbei zu seiner Verwunderung ebenfalls den neuerbauten Palast. Als er dann beim Sultan eintrat, begannen beide über diesen merkwürdigen Fall zu reden und verwunderten sich über den Anblick, der den Beschauer mit Staunen und das Herz mit Freude erfüllte. Schließlich sagten sie: »Fürwahr, solch einen Bau vermag kein König aufzuführen.« Und der Sultan wendete sich zum Wesir und sprach zu ihm: »Siehst du nun, daß Alā ed-Dîn meine Tochter, die Herrin Bedr el-Budûr, zur Frau verdient? Hast du diesen königlichen Bau und diese reiche Pracht betrachtet und in Augenschein genommen, die des Menschen Verstand nicht begreifen kann?« In seinem Neid auf Alā ed-Dîn versetzte der Wesir: »O König der Zeit, dieser Bau, dieses Gebäude und all diese Pracht kann nur durch Zauberei bewirkt sein, da kein Mensch in der Welt, mag er der größte Herrscher oder der reichste Mann sein, imstande ist in einer einzigen Nacht solch ein Gebäude zu fundamentieren und aufzuführen. Der Sultan entgegnete jedoch: »Mich nimmt es Wunder an dir, daß du stets üble Meinung von Alā ed-Dîn hegst; doch glaube ich, daß dies von deinem Neid herrührt. Du warst ja zugegen, als ich ihm auf seine Bitte um einen Bauplatz zu einem Serâj für meine Tochter diesen Grund und Boden schenkte; und wer mir als Brautgabe für meine Tochter Juwelen schenken konnte, wie dergleichen kein König auch nur einen einzigen 76 besitzt, der ist auch imstande einen Serâj wie diesen hier zu erbauen.«

Als der Wesir des Sultans Worte vernommen hatte und daraus ersah, daß der Sultan Alā ed-Dîn sehr gewogen war, wuchs sein Neid; da er jedoch nichts gegen ihn zu thun vermochte, schwieg er und war nicht imstande dem Sultan eine Antwort zu erteilen. Was nun aber Alā ed-Dîn anlangt, so erhob er sich, als er sah, daß es lichter Tag war, und daß der Zeitpunkt für ihn gekommen war sich zum Palast zu begeben, wo die Emire, Wesire und Großen des Reiches insgesamt der Hochzeitsfeier wegen versammelt waren, und rieb die Lampe, worauf der Sklave erschien und sprach: »Mein Herr, heische, was du begehrst; ich stehe vor dir zu deinen Diensten.« Alā ed-Dîn versetzte: »Ich will mich jetzt zum Serâj des Sultans begeben, da heute die Hochzeit gefeiert wird, und ich brauche zehntausend Dinare, die du mir beschaffen sollst.« Da verschwand der Sklave für einen Augenblick und brachte ihm die zehntausend Dinare, worauf sich Alā ed-Dîn auf seinen Hengst setzte und inmitten seiner Mamluken, die vor und hinter ihm ritten, zum Schloß zog, indem er unterwegs Gold ausstreute, bis die Leute rein verliebt in ihn waren und seine Freigebigkeit rühmten. Als er nun beim Serâj anlangte und die Emire, Aghas und Truppen, die dort standen und auf ihn warteten, ihn sahen, eilten sie sogleich zum Sultan und benachrichtigten ihn hiervon, worauf sich der Sultan erhob, ihm entgegenging und ihn umarmte und küßte. Dann führte er ihn, indem er ihn an der Hand faßte, in den Serâj und setzte sich, ihn selber an seiner rechten Seite Platz nehmen lassend. Die ganze Stadt aber war geschmückt, und die Instrumente spielten im Serâj und die Sängerinnen sangen. Hierauf befahl der Sultan das Frühmahl aufzutragen, und die Eunuchen und Mamluken eilten und trugen die Tafel auf, die so war, wie sie Königen entsprach. Dann setzten sich der Sultan, Alā ed-Dîn und die Großen und Vornehmen des Reiches und 77 aßen und tranken, bis sie genug hatten; und es war ein prächtiges Fest im Seraj und in der Stadt, und alle Großen des Reiches waren erfreut, und das Volk im ganzen Königreich war fröhlich, und die Großen vom Lande und die Vicekönige von den Provinzen kamen aus fernen Gegenden herbei, um Alā ed-Dîns Hochzeitsfest zu schauen. Ebenso verwunderte sich der Sultan über Alā ed-Dîns Mutter, wie sie ihn in ärmlicher Kleidung besucht hatte und ihrem Sohn all diese Pracht zur Verfügung stand. Als aber die Leute, die zum Serâj des Sultans gekommen waren, um Alā ed-Dîns Hochzeit beizuwohnen, den schönen Serâj Alā ed-Dîns sahen, wurden sie von mächtiger Verwunderung erfaßt, daß ein so prächtiger Palast in einer einzigen Nacht hatte aufgeführt werden können. Und alle segneten Alā ed-Dîn und riefen: »Gott gebe ihm Freude! Bei Gott, er verdient's! Gott segne seine Tage!«

Als nun Alā ed-Dîn mit der Mahlzeit fertig war, erhob er sich und verabschiedete sich vom Sultan, worauf er mit seinen Mamluken aufsaß und zu seinem Serâj hinüberritt, um ihn zum Empfang seiner Braut, der Herrin Bedr el-Budûr, zurecht zu machen. Alle Leute aber riefen ihm, während er an ihnen vorüberritt, einstimmig zu: »Gott gebe dir Freude! Gott mehre deinen Ruhm! Gott schenke dir langes Leben!« Und eine gewaltige Menge geleitete ihn in festlichem Zug in sein Haus, während er fortwährend Gold unter sie streute. Bei seinem Serâj angelangt, stieg er ab und schritt hinein, worauf er sich in den Diwan setzte, während die Mamluken mit verschränkten Armen vor ihm standen. Nach kurzer Zeit brachten sie ihm Scherbetts, und er befahl den Mamluken, Sklavinnen, Eunuchen und allem Volk in seinem Serâj alles zum Empfang für seine Braut, die Herrin Bedr el-Budûr, zurecht zu machen. Als dann die Zeit des Nachmittagsgebets kam und die Luft frischer ward und die Sonnenglut nachließ, befahl der Sultan seinen Truppen, den Emiren des Reichs und den Wesiren, ihn auf den Plan zu begleiten. 78 Da ritt Alā ed-Dîn mit seinen Mamluken ebenfalls auf den Plan auf einem Hengst, wie er selbst unter den Vollblutarabern nicht anzutreffen war, und zeigte seine Ritterschaft und turnierteWörtlich: spielte. auf dem Plan, daß ihm keiner standhalten konnte. Seine Braut, die Herrin Bedr el-Budûr schaute ihm hierbei aus dem Fenster ihres Schlosses zu und verliebte sich in ihn, als sie ihn in seiner Anmut und Ritterlichkeit erschaute, so daß sie fast vor Freude geflogen wäre. Nachdem sie im Spiel auf dem Plan eine Runde gebildet hatten und jeder gezeigt hatte, was er an Ritterschaft besaß, wobei sich Alā ed-Dîn allen überlegen gezeigt hatte, kehrten der Sultan und Alā ed-Dîn wieder ein jeder in seinen Serâj zurück. Am Abend kamen dann die Großen des Reiches und die Wesire und geleiteten Alā ed-Dîn in das Sultansbad, wo er sich badete und parfümierte. Als er aus dem Bad herauskam, legte er einen Anzug an, der noch prächtiger als der frühere war, und stieg aufs Pferd; und die Truppen und Emire ritten ihm voran und geleiteten ihn in prächtigem Zug, während vier Wesire rings um ihn Schwerter hielten. Alle Leute aus der Stadt und die Fremden und Truppen zogen vor ihm einher mit Wachskerzen, Tamburins, Pfeifen und andern Musikinstrumenten, bis sie ihn zu seinem Serâj geleitet hatten, wo er abstieg. Dann trat er in den Serâj und setzte sich, und die Emire und Wesire, die sich in dem Zug befunden hatten, setzten sich ebenfalls, worauf die Mamluken Scherbetts und Süßigkeiten brachten und all dem zahllosen Volk, das am Zug teilgenommen hatte, gleichfalls zu trinken gaben. Alā ed-Dîn aber befahl den Mamluken hinauszugehen und sich ans Portal des Serâjs zu stellen und Gold unter die Menge auszustreuen.

Als nun der Sultan von dem Plan zurückgekehrt und in seinen Serâj getreten war, befahl er sogleich seine Tochter die Herrin Bedr el-Budûr in festlichem Zuge in den Serâj 79 Alā ed-Dîns ihres Bräutigams zu geleiten. Da saßen die Truppen und Vornehmen des Reiches, die ebenfalls an Alā ed-Dîns Zug teilgenommen hatten, auf, und die Sklavinnen und Eunuchen kamen mit Wachskerzen heraus und geleiteten die Herrin Bedr el-Budûr in prächtigem Zug in den Serâj ihres Bräutigams Alā ed-Dîn. Alā ed-Dîns Mutter befand sich an ihrer Seite, die Frauen der Wesire, Emire, Großen und Vornehmen schritten ihr voran, und die achtundvierzig Sklavinnen, die ihr Alā ed-Dîn zum Geschenk gemacht hatte, umgaben sie, während eine jede von ihnen in der Hand eine große Wachskerze aus Kampfer und Ambra in einem goldnen, mit Edelsteinen besetzten Leuchter trug. Alle Frauen und Männer, die sich im Serâj befanden, gingen mit ihr hinaus und schritten ihr voran, bis sie sie in den Serâj ihres Bräutigams geführt und in ihr Obergemach gebracht hatten, wo sie ihr andre Sachen anzogen und sie entschleierten. Nachdem dann die Ceremonie der Entschleierung beendet war, führten sie sie in Alā ed-Dîns Gemach, worauf er sie besuchte. Seine Mutter aber war bei seiner Braut der Herrin Bedr el-Budûr, und, als nun Alā ed-Dîn herzutrat und ihren Schleier abnahm, betrachtete sie ihre Schönheit und Anmut; dann besah sie sich das Schloß, das ganz aus Gold und Edelsteinen erbaut war und goldne, mit Smaragden und Hyazinthen besetzte Lüster enthielt. Da sprach sie bei sich: »Ich hielt früher den Serâj des Sultans für prächtig, jedoch ist dieses Schloß einzig, und ich glaube, daß keiner der größten Könige oder Chosroen etwas dergleichen besaß, und die ganze Welt vermöchte nicht solch ein Schloß zu bauen.« Ebenso besah sich auch die Herrin Bedr el-Budûr den Serâj und verwunderte sich über seine Pracht.

Hierauf wurden die Tische aufgetragen, und sie aßen und tranken und waren vergnügt. Dann erschienen achtzig Mädchen vor ihnen, von denen jede ein Musikinstrument in der Hand hielt, und rührten ihre Fingerspitzen und tasteten über die Saiten in melodiösem, harmonischem Spiel, bis sie aller 80 Hörer Herzen zerrissen. Die Herrin Bedr el-Budûr verwunderte sich hierüber noch mehr und sprach bei sich: »Mein Lebenlang vernahm ich nicht solche Weisen;« und beim Zuhören vergaß sie ganz das Essen. Alā ed-Dîn aber schenkte ihr fortwährend Wein ein und reichte ihr ihn mit eigner Hand; und so kreiste helle Lust und Fröhlichkeit unter ihnen, und es war eine prächtige Nacht, wie sie selbst Iskender Zul-Karnein in seinen Tagen nicht erlebt hatte.

Nachdem sie gegessen und getrunken hatten und die Tische vor ihnen fortgenommen waren, erhob sich Alā ed-Dîn und suchte seine Braut heim. Als er sich dann am Morgen erhob, brachte ihm der Schatzmeister einen prachtvollen kostbaren königlichen Anzug, und er zog ihn an und setzte sich, worauf man ihm Kaffee mit Ambra brachte. Nachdem er ihn getrunken hatte, erteilte er Befehl die Pferde zu satteln, worauf er aufsaß und inmitten seiner Mamluken zum Serâj des Sultans ritt. Dort angelangt, trat er ein, und die Eunuchen meldeten dem Sultan Alā ed-Dîns Ankunft, worauf sich dieser sofort erhob, ihm entgegenging und ihn wie seinen eigenen Sohn umarmte und küßte. Dann ließ er ihn an seiner rechten Seite Platz nehmen und bewillkommnete und segnete ihn, was auch die Wesire und Emire und die Vornehmen und Großen des Reiches thaten. Alsdann befahl der Sultan das Frühstück aufzutragen, worauf man es brachte und alle zusammen frühstückten. Als sie aber genug gegessen und getrunken hatten und die Eunuchen wieder die Tische vor ihnen fortnahmen, wendete sich Alā ed-Dîn zum Sultan und sprach zu ihm: »Mein Herr, würde deine Glückseligkeit geruhen mich heute zum Mittagsmahl bei deiner teuern Tochter, der Herrin Bedr el-Budûr, zu beehren, begleitet von allen deinen Wesiren und den Großen deines Reiches?« Der Sultan erwiderte, erfreut über ihn: »Du bist zu gütig, mein Sohn.« Alsdann erteilte er sogleich allen Wesiren, Großen und Vornehmen Befehl und erhob sich und ritt mit allen andern zu Alā ed-Dîns Serâj hinüber. Dort angelangt, 81 trat der Sultan hinein und besah sich den ganzen Bau und die Steine, die nur aus Jaspis und Karneol bestanden. Staunend und verwirrt von diesem Reichtum und dieser Pracht und Herrlichkeit, wendete er sich zum Wesir und sagte zu ihm: »Was meinst du, o Wesir? Hast du in deinem ganzen Leben so etwas gesehen? Findet man wohl bei den mächtigsten Königen der Welt solchen Reichtum und so viel Gold und solche Edelsteine, wie wir sie hier in diesem Serâj zu sehen bekommen?« Der Wesir versetzte: »Mein Herr und König, so etwas kann keines Königs und Menschen Macht vollbringen; alles Volk auf der Erde zusammen genommen vermag nicht einen solchen Palast zu erbauen, und es giebt auch keine Baumeister, die solch ein Werk fertig bringen, es sei denn, wie ich es deiner Glückseligkeit bereits sagte, durch Zauberei.« Da merkte der Sultan, daß der Wesir nur aus Neid gegen Alā ed-Dîn sprach und ihm einreden wollte, daß alles dies nicht Menschenwerk sondern Zauberei sei. Infolgedessen sagte er zu ihm: »Laß es mit diesen Worten genug sein, Wesir; ich weiß, was dich zu diesem Geschwätz veranlaßt.«

Hierauf schritt Alā ed-Dîn dem Sultan voran und führte ihn zu dem hohen Kiosk, wo er den Pavillon, die Fenster und Gitter sah, die alle aus Smaragden, Hyazinthen und dergleichen kostbaren Edelsteinen angefertigt waren, so daß er sich verwunderte und staunte und ganz wirr und verstört ward. Dann schritt er im Kiosk umher und besah sich diese den Blick gefangen nehmende Dinge, als mit einem Male sein Blick auch auf das Fenster fiel, das Alā ed-Dîn absichtlich unvollendet gelassen hatte. Wie der Sultan es nun betrachtete und bemerkte, daß es unvollendet war, rief er: »Ach über dich, o Fenster, daß du nicht fertig bist!« Dann wendete er sich zum Wesir und fragte ihn: »Weißt du wohl den Grund, weshalb dieses Fenster und sein Gitter nicht fertig ist?« Der Wesir erwiderte dem Sultan: »Mein Herr, ich glaube die Ursache hiervon liegt darin, daß deine Glückseligkeit die Hochzeit zu sehr beschleunigte, so daß Alā ed-Dîn 82 keine Zeit mehr fand es fertig zu stellen.« Zu derselben Zeit aber war Alā ed-Dîn zu seiner jungen Frau der Herrin Bedr el-Budûr gegangen, um ihr die Ankunft ihres Vaters des Sultans zu vermelden; als er nun wieder zurückkehrte, fragte ihn der Sultan: »Mein Sohn Alā ed-Dîn, weshalb ist das Gitter dieses Fensters nicht fertig?« Alā ed-Dîn versetzte: »O König der Zeit, wegen meiner schnellen Hochzeit fand ich nicht Meister zu seiner Vollendung.« Da sagte der Sultan: »Ich will es fertig machen lassen;« und Alā ed-Dîn erwiderte: »Gott schenke dir ewigen Ruhm, o König! So verewigst du dein Gedächtnis bei mir im Serâj deiner Tochter.« Da ließ der Sultan sogleich die Juweliere und Goldschmiede holen und erteilte Befehl, ihnen aus seiner Schatzkammer alles, was sie an Gold, Juwelen und Edelsteinen bedurften, zu geben; dann befahl er ihnen, als sie alle erschienen waren, was noch am Gitter des Kiosks fehlte, fertig zu stellen. Mittlerweile kam die Herrin Bedr el-Budûr heraus ihren Vater, den Sultan, zu empfangen, der sie, als er ihr lächelndes Antlitz sah, umarmte und küßte und in ihre Gemächer trat, gefolgt von den andern. Es war aber gerade die zum Mittagsmahl festgesetzte Zeit, und es war ein Tisch für den Sultan, die Herrin Bedr el-Budûr und Alā ed-Dîn und ein zweiter für den Wesir, die Großen und Vornehmen des Reiches, die Hauptleute, Kämmerlinge und Vicekönige aufgestellt. Der Sultan setzte sich zwischen seine Tochter, die Herrin Bedr el-Budûr, und seinen Schwiegersohn Alā ed-Dîn, und, als er nun seine Hand nach dem Mahl ausstreckte und es kostete, verwunderte er sich über die Speisen und die prächtigen würzigen Gerichte. Es standen aber achtzig Mädchen vor ihnen, von denen eine jede zum Vollmond zu sprechen schien: »Erhebe dich, damit ich mich an deinen Platz setzen kann.« Jede einzige hielt ein Musikinstrument in der Hand, und sie stimmten sie und tasteten über die Saiten und spielten so harmonische Weisen, daß auch des Bekümmerten Herz fröhlich werden mußte. Der Sultan ward heiter, und die Stunde behagte 83 ihm, so daß er in heller Lust rief: »Fürwahr, das ist ein Ding, das kein König oder Kaiser vermag!« Dann aßen sie und tranken, und der Becher kreiste unter ihnen, bis sie genug hatten, worauf ihnen die Süßigkeiten und allerlei Früchte und dergleichen in einem andern Saal aufgetragen wurden. Sie begaben sich in denselben, und als sie ebenfalls an diesen Leckereien ihr Genüge gethan hatten, erhob sich der Sultan, um zu sehen, ob das Werk der Juweliere und Goldschmiede mit dem Serâj in Einklang stünde. Er stieg deshalb zu ihnen hinauf und besah sich ihre Arbeit, doch bemerkte er einen gewaltigen Abstand zwischen ihrem Werk und der Ausführung von Alā ed-Dîns Serâj. Überdies teilten sie ihm mit, daß sie alles, was sie an Juwelen in seiner Schatzkammer gefunden, gebracht hätten, daß es jedoch nicht ausreichte. Da befahl er die große Schatzkammer zu öffnen und ihnen alles Erforderliche zu geben; sollte es jedoch immer noch nicht ausreichen, so sollten sie die Juwelen nehmen, die Alā ed-Dîn ihm geschenkt hatte. Da holten die Juweliere alles, was der Sultan ihnen angewiesen hatte und gingen wieder ans Werk, doch fanden sie wiederum, daß es nicht ausreichte und daß sie noch nicht einmal die Hälfte von dem, was noch am Gitter des Kiosks fehlte, fertig gestellt hatten. Infolgedessen befahl ihnen der Sultan alle Juwelen zu nehmen, die sich bei den Wesiren und Großen des Reiches befänden, und die Juweliere nahmen alles, doch reichte auch dies noch nicht. Am andern Morgen erhob sich Alā ed-Dîn, um das Werk der Juweliere zu betrachten, und sah, daß sie noch nicht einmal die Hälfte des fehlenden Gitters fertig gestellt hatten. Da befahl er ihnen sofort ihre ganze Arbeit wieder auseinanderzunehmen und die Juwelen ihren Besitzern wieder zuzustellen, worauf sie alles herausnahmen und die Steine des Sultans dem Sultan und die der Wesire den Wesiren zustellten. Alsdann begaben sich die Juweliere zum Sultan und teilten ihm mit, daß Alā ed-Dîn ihnen dies befohlen hätte. Der Sultan fragte sie: »Was hat er zu euch gesagt? 84 Was ist der Grund, warum will er denn nicht das Gitter fertiggestellt haben, und weshalb vernichtete er wieder euer Werk?« Sie erwiderten: »O unser Gebieter, wir wissen nicht das Geringste, er befahl uns nur alles, was wir fertig gestellt hatten, wieder zu vernichten.« Da bestellte der Sultan sofort die Pferde und saß auf und ritt zu Alā ed-Dîns Serâj hinüber. Alā ed-Dîn aber war, nachdem er die Goldschmiede und Juweliere fortgeschickt hatte, sofort in sein Gemach gegangen und hatte die Lampe gerieben, worauf der Sklave sofort erschien und zu ihm sprach: »Heische, was du begehrst; dein Sklave steht vor dir.« Alā ed-Dîn versetzte: »Ich wünsche, daß du das unvollendete Gitter des Kiosks fertig stellst.« Der Sklave erwiderte: »Auf Kopf und Auge.« Alsdann verschwand er, worauf er nach kurzer Zeit wiederkehrte und sprach: »Mein Herr, dein Befehl ist vollstreckt.« Da stieg Alā ed-Dîn zum Kiosk hinauf und sah, daß alle seine Gitter fertig waren. Während er sie aber noch betrachtete, trat mit einem Male ein Eunuch bei ihm ein und sprach zu ihm: »Mein Herr, der Sultan ist zu dir gekommen und passiert das Thor des Serâjs.« Da stieg Alā ed-Dîn sogleich zu seinem Empfang hinunter. Als ihn aber der Sultan erblickte, fragte er ihn: »Mein Sohn, warum hast du dies gethan und hast die Juweliere nicht das Gitter des Kiosks fertig stellen lassen, damit nichts Unvollendetes in deinem Serâj übrig bleibt?« Alā ed-Dîn versetzte: »O König der Zeit, ich ließ das Gitter nur in einer ganz bestimmten Absicht unvollendet; ich war auch nicht unfähig es zu vollenden und konnte unmöglich verlangen, daß deine Glückseligkeit mich in einem Serâj beehren sollte, an dem noch etwas fehlte. Damit du jedoch siehst, daß ich nicht unfähig war, das Gitter zu vollenden, so geruhe deine Glückseligkeit hinaufzusteigen und sich die Gitter des Kiosks zu besehen, ob noch etwas an ihnen fehlt.« Da stieg der König hinauf ins Schloß und trat in den Kiosk, wo er sich nach rechts und links umsah, ohne die geringste Lücke in den Gittern zu sehen; vielmehr waren 85 alle fix und fertig. Als der Sultan dies sah, verwunderte er sich und sagte, indem er Alā ed-Dîn umarmte und ihn küßte: »O mein Sohn, was ist das für eine wunderbare Sache! In einer einzigen Nacht verrichtest du ein Werk, das die Juweliere in Monaten nicht zustande bringen. Bei Gott, ich glaube, du hast in der ganzen Welt keinen Rivalen.« Alā ed-Dîn entgegnete: »Gott schenke dir langes Leben und ewige Dauer! Dein Sklave verdient nicht dieses Lob.« Der König erwiderte jedoch: »Bei Gott, mein Sohn, du verdienst jegliches Lob, da du ein Werk vollendet hast, an dem die Meister der Welt scheiterten.« Hierauf stieg der Sultan wieder hinunter in das Gemach seiner Tochter, der Herrin Bedr el-Budûr, um sich bei ihr auszuruhen; und er sah sie glücklich über die stolze Pracht, in der sie lebte. Nachdem er sich ein wenig bei ihr ausgeruht hatte, kehrte er dann wieder in seinen Serâj zurück.

Alā ed-Dîn aber pflegte täglich inmitten seiner Mamluken durch die Stadt zu reiten und nach rechts und links Gold über die Leute auszustreuen, so daß alle Welt, Fremde und Benachbarte, Nahe und Ferne, ihn wegen seiner maßlosen Freigebigkeit und Großmut liebgewannen. Außerdem erhöhte er das Einkommen der Armen und Elenden und teilte eigenhändig Spenden unter ihnen aus, so daß er hierdurch im ganzen Königreich hochberühmt ward; und die Mehrzahl der Großen und Emire speisten an seiner Tafel und schworen nur noch bei seinem teuern Leben. Ebenso aber pflegte er das edle Weidwerk und suchte den Plan auf und tummelte die Rosse und nahm teil am Speerspiel vor dem Sultan, während ihn die Herrin Bedr el-Budûr, so oft sie ihn hoch zu Roß spielen sah, nur noch lieber gewann und bei sich dachte, daß Gott es mit ihr durch ihr Erlebnis mit dem Sohn des Wesirs sehr gut gemeint hätte, um sie für ihren wahren Hochzeiter Alā ed-Dîn aufzusparen.

Von Tag zu Tag wuchs Alā ed-Dîns Ruf und Ruhm, aller Unterthanen Herzen liebten ihn immer mehr und mehr, 86 und er nahm zu in den Augen des Volks. Da traf es sich, daß zu jener Zeit einige Feinde wider den Sultan aufsaßen, so daß er seine Truppen wider den Feind rüstete und Alā ed-Dîn zum Heeresobersten machte. Alā ed-Dîn zog mir seinen Streitern in die Nähe des Feinds, dessen Truppen sehr zahlreich waren, und, sein Schwert zückend, stürzte er sich auf den Feind. Die Schlacht entbrannte und das Kampfgetümmel tobte, doch sprengte Alā ed-Dîn die Feinde auseinander und trieb sie in die Flucht, indem er die Mehrzahl von ihnen erschlug und ihr Hab und Gut plünderte und zahllose Beute machte. Dann zog er als stolzer Sieger wieder in die Stadt ein, die sich ihm zu Ehren aus Freude über ihn geschmückt hatte, und der Sultan zog ihm zum Empfang entgegen und wünschte ihm Glück und umarmte und küßte ihn, und es ward im ganzen Königreich ein großes und prächtiges Freudenfest gefeiert. Hierauf begab sich der Sultan mit Alā ed-Dîn in dessen Serâj, wo ihm seine Neuvermählte, die Herrin Bedr el-Budûr, erfreut über ihn, entgegenkam und ihn zwischen die Augen küßte und in ihr Gemach nahm. Nach kurzer Zeit kam dann auch der Sultan nach, worauf sie sich setzten und Scherbetts tranken, welche die Sklavinnen brachten. Alsdann ließ der Sultan den Befehl ergehen, daß sich das ganze Königreich wegen Alā ed-Dîns Sieg über den Feind schmücken sollte, und die Unterthanen, Truppen und alle Leute kannten nur noch Gott im Himmel und Alā ed-Dîn auf der Erde, da sie ihn außer wegen seiner Freigebigkeit und Großmut nun noch wegen seines Streitens fürs Reich, wegen seiner Ritterlichkeit und seines Siegs über den Feind um so mehr liebten.

Soviel mit Bezug auf Alā ed-Dîn; was nun aber den maghribitischen Zauberer anlangt, so verbrachte er, als er wieder in sein Land zurückgekehrt war, die ganze Zeit voll Kummer über seine Mühsal und Plage, der er sich der Lampe wegen vergeblich unterzogen hatte, und wie ihm der Bissen, den er schon am Munde gehabt hatte, aus der Hand geflogen 87 war. Er brütete über alles dies und seufzte und lästerte Alā ed-Dîn in seinem Grimm über ihn, und rief von Zeit zu Zeit: »Daß dieser Bankert unter der Erde umgekommen ist, thut mir wohl, und hoffe ich, die Lampe noch einmal zu gewinnen, da sie wohlverwahrt ist.« Eines Tages aber machte er geomantische Figuren und zeichnete sie sorgfältig auf, um sie zu prüfen, ob Alā ed-Dîn gestorben und die Lampe unter der Erde verwahrt sei. Er betrachtete die Figuren genau, die Mütter sowohl wie die Töchter,Termini technici aus der Geomantik. doch sah er die Lampe nicht. Da ergrimmte er und schlug eine neue Figur, um sich über Alā ed-Dîns Tod zu vergewissern; doch sah er ihn nicht im Schatz. Sein Grimm ward hierdurch noch stärker, denn er ersah hieraus, daß er noch lebte und auf der Oberfläche der Welt war, und erkannte, daß der Bursche aus der Erde herausgekommen war und die Lampe besaß, um derentwillen er Martern und Mühsal wie kein Mensch ertragen hatte. Er sprach deshalb bei sich: »Ich habe Martern in Menge ertragen und Plackereien wie kein andrer um der Lampe willen erduldet, und dieser Verruchte nimmt sie ganz ohne Mühe! Und wer weiß, ob er nicht die Kraft der Lampe kennt und reicher als alle auf der Welt ist? Jedoch muß ich seinen Tod herbeizuführen suchen.« Hierauf schlug er noch eine Figur und ersah bei ihrer Prüfung, daß Alā ed-Dîn zu großem Reichtum gekommen war und die Tochter des Sultans geheiratet hatte. Da packte ihn der Neid mit lichterlohem Zorn, und, sich sofort erhebend, machte er sich zurecht und reiste nach dem Lande China. In der Residenz des Sultans, in der Alā ed-Dîn lebte, angelangt, kehrte er in einem der Châne daselbst ein und hörte, daß die Leute von nichts anderem als von der Pracht von Alā ed-Dîns Serâj redeten.

Nachdem er sich von seiner Reise ausgeruht hatte, zog er seine Sachen an und streifte in den Straßen der Stadt 88 umher, wo er alle Leute, an denen er vorüberging, nur den Palast und seine Pracht rühmen und von Alā ed-Dîns Schönheit und Anmut, von seiner Freigebigkeit und Großmut und seinem feinen Wesen sprechen hörte. Da trat der Maghribite an einen von denen, die so viel Rühmens von Alā ed-Dîn machten, heran und fragte ihn: »O hübscher Jüngling, wer ist der, den ihr so rühmt und lobt?« Der Jüngling versetzte: »Es scheint, o Mann, daß du ein Fremdling bist und aus weitentlegenem Lande kamst; doch gesetzt, dies sei der Fall, hast du denn nicht von dem Emir Alā ed-Dîn gehört, dessen Ruhm, wie ich glaube, die Welt erfüllt, und dessen Serâj ein Weltwunder ist, nah und fern bekannt? Wie kam es, daß du nie hiervon hörtest und nicht einmal Alā ed-Dîns Namen vernahmst, dessen Ruhm Gott erhöhe!?« Der Maghribite versetzte: »Mein höchster Wunsch ist's den Serâj zu besehen, und, wenn du mir einen Gefallen thun willst, so führe mich zu ihm, da ich ein Fremdling bin.« Der Mann erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und führte ihn, indem er ihm voranschritt, zu Alā ed-Dîns Serâj. Wie ihn nun der Maghribite betrachtete, sah er, daß alles dies das Werk der Lampe war, und rief: »Ach! Ach! Ich muß diesem verruchten Schneiderssohn, der sich nicht einmal ein Nachtessen verschaffen konnte, eine Grube graben; wenn mir das Schicksal hilft, so will ich's dazu bringen, daß seine Mutter wieder wie zuvor am Rade spinnt, und ihm selber nehme ich das Leben.« Hierauf kehrte er aus Neid gegen Alā ed-Dîn voll Sorge, Kummer und Betrübnis in den Chân zurück. Hier angelangt, holte er seine astrologischen Geräte und sein geomantisches Brett hervor, um zu sehen, wo die Lampe wäre. Als er sah, daß sie sich im Serâj befand, jedoch nicht bei Alā ed-Dîn, freute er sich mächtig und rief: »Nun ist es ein leichtes Ding diesem Verruchten das Leben zu nehmen und einen Weg, der Lampe beizukommen, zu finden.« Alsdann begab er sich zu einem Klempner und sagte zu ihm: »Mach' mir eine Anzahl Lampen und nimm 89 von mir ihren Preis und noch mehr; jedoch wünsche ich, daß du mir sie schnell machst.« Der Klempner versetzte: »Ich höre und gehorche,« und machte sich sogleich an die Arbeit. Als sie fertig geworden waren, gab ihm der Maghribite soviel als er verlangte und nahm sie mit in den Chân, wo er sie in einen Korb legte. Dann schritt er durch die Straßen und Bazare und rief: »Wer tauscht eine alte Lampe für eine neue ein?« Als die Leute ihn dies ausrufen hörten, lachten sie über ihn und sagten: »Zweifellos ist der Mann verrückt, daß er umhergeht und neue Lampen gegen alte umtauscht.« Und es folgte ihm eine große Menge, und die Gassenbuben liefen ihm von Ort zu Ort nach und lachten ihn aus, während er sich hierdurch nicht abhalten ließ und sich nicht daran kehrte. In dieser Weise schritt er durch die ganze Stadt, bis er auch unter Alā ed-Dîns Serâj anlangte, wo er mit noch lauterer Stimme ausrief, während die Buben johlten: »Ein Verrückter! Ein Verrückter!« Nach dem Schicksal aber traf es sich, daß die Herrin Bedr el-Budûr gerade am Fenster war, als sie jemand ausrufen und die Buben über ihn johlen hörten. Da sie aber nicht verstand, was vorging, befahl sie einer der Sklavinnen: »Geh' hinunter und sieh' nach, wer da ausruft und was er ruft.« Da ging die Sklavin hinunter und sah nach und hörte jemand ausrufen: »Wer vertauscht eine alte Lampe gegen eine neue?« Und die Kinder folgten ihm und lachten ihn aus. Hierauf kehrte die Sklavin wieder zur Herrin Bedr el-Budûr zurück und meldete ihr: »Meine Herrin, der Mann ruft aus: Wer vertauscht eine alte Lampe gegen eine neue? Und die Kleinen laufen ihm nach und lachen ihn aus.« Da lachte die Herrin Bedr el-Budûr ebenfalls über dieses Wunder. Alā ed-Dîn aber hatte sich nicht weiter um die Lampe bekümmert, sondern sie in seine Kammer gestellt und sie dort eingeschlossen. Eine der Sklavinnen jedoch, die dies gesehen hatte, sagte zur Herrin Bedr el-Budûr: »Meine Herrin, ich erinnere mich im Gemach meines Herrn Alā ed-Dîn eine alte Lampe gesehen zu 90 haben. Wir wollen sie bei diesem Mann gegen eine neue umtauschen, um zu sehen, ob er die Wahrheit gesprochen oder gelogen hat.« Da sagte die Herrin Bedr el-Budûr zu der Sklavin: »Hole die alte Lampe, von der du sprichst, daß du sie im Zimmer deines Herrn gesehen hast.« Die Herrin Bedr el-Budûr wußte jedoch nichts von der Lampe und ihren Kräften, durch die ihr Gemahl Alā ed-Dîn zu so stolzer Macht erhoben war; und ihr höchster Wunsch war den Verstand jenes Mannes zu erproben, der da neue Lampen gegen alte eintauschte.« Hierauf stieg das Mädchen hinauf zu Alā ed-Dîns Gemach und kehrte mit der Lampe zur Herrin Bedr el-Budûr zurück, ohne daß irgend jemand von ihnen etwas von der Arglist und Verschlagenheit des maghribitischen Zauberers gewußt hätte. Dann befahl die Herrin Bedr el-Budûr einem Agha hinunterzugehen und die Lampe für eine neue umzutauschen. Der Agha nahm die Lampe und ging hinunter, wo er sie dem Maghribiten gab und dafür eine neue von ihm erhielt. Hierauf kehrte er zur Herrin Bedr el-Budûr zurück und gab ihr die Lampe, die er eingetauscht hatte; und die Herrin Bedr el-Budûr betrachtete sie und lachte über die Dummheit des Maghribiten, als sie sah, daß es wirklich eine neue Lampe war.

Als aber der Maghribite die Lampe genommen hatte und erkannte, daß es die Lampe aus dem Schatz war, steckte er sie sogleich in seinen Busen und ließ die sämtlichen Lampen den Leuten, die ihre Lampen bei ihm umtauschen wollten. Dann lief er zur Stadt hinaus, wo er in die ebenen Fluren hineinschritt und sich geduldete, bis die Nacht hereinbrach und er sich allein in der Steppe sah. Alsdann zog er die Lampe aus seinem Busen hervor, und rieb sie, und sogleich erschien der Mârid und rief: »Zu Diensten! Dein Sklave steht vor dir; heische von mir, was du begehrst.« Da sagte der Maghribite zu ihm: »Ich wünsche, daß du Alā ed-Dîns Serâj von seinem Platz mit allen seinen Bewohnern und mich selber aufhebst und uns in meinem Land, in Afrika, niedersetzest. 91 Du kennst meine Stadt, und ich wünsche, daß dieser Palast in meiner Stadt inmitten der Gärten steht.« Der Mârid versetzte: »Ich höre und gehorche; schließe deine Augen, und, wenn du sie wieder öffnest, so wirst du dich zugleich mit dem Serâj in deinem Land befinden.« Dies geschah sogleich, und in einem Augenblick war der Maghribite und Alā ed-Dîns Serâj mit allem, was sich darin befand, nach dem Land Afrika versetzt.

Soviel von dem maghribitischen Zauberer; kehren wir aber jetzt wieder zum Sultan und zu Alā ed-Dîn zurück. Der Sultan pflegte in seiner Anhänglichkeit und Liebe zu seiner Tochter, der Herrin Bedr el-Budûr, an jedem Morgen, wenn er aus dem Schlaf erwachte, das Fenster zu öffnen und nach ihr zu sehen. Als er sich aber an diesem Morgen erhob und wie gewöhnlich das Gitterfenster öffnete, um seine Tochter zu sehen, gewahrte er nichts von Alā ed-Dîns Palast, sondern sah einen kahlen Platz wie zuvor, auf dem weder ein Serâj noch sonst ein Gebäude stand. Da ward er verwirrt und verstört und begann sich die Augen zu reiben, im Glauben, sie seien trüb oder verdunkelt, und sah wieder zu. Er stellte jedoch von neuem fest, daß weder eine Spur noch ein Zeichen vom Serâj zu sehen war, ohne zu wissen, wie und woher es gekommen war. In wachsender Ratlosigkeit schlug er die Hände zusammen, und die Thränen liefen ihm in den Bart, da er nicht wußte, was aus seiner Tochter geworden war. Er ließ sogleich seinen Wesir holen, der, als er bei seinem Eintreten den Sultan in diesem traurigen Zustand sah, zu ihm sagte: »Um Vergebung, o König der Zeit, Gott schütze dich vor dem Übel! Weshalb bist du bekümmert?« Der Sultan versetzte: »Du weißt wohl nicht, was mir geschehen ist?« Der Wesir entgegnete: »Keineswegs, mein Herr; bei Gott, ich habe nicht die geringste Ahnung.« Da sagte der Sultan: »So hast du nicht nach Alā ed-Dîns Serâj hinüber geschaut?« Der Wesir antwortete: »Nein, mein Herr; er muß noch verschlossen sein.« Nun sagte der König: 92 »Wo du von nichts weißt, so sieh' auf und schau nach ihm durchs Fenster und sieh', wo Alā ed-Dîns Serâj ist, der nach deinen Worten noch verschlossen sein soll.« Da erhob sich der Wesir und schaute durchs Fenster nach Alā ed-Dîns Serâj aus, doch fand er nichts, weder einen Serâj noch sonst etwas. Verwirrt und verstört kehrte er zum Sultan zurück, der ihn fragte: »Weißt du nun den Grund meiner Trauer und hast du Alā ed-Dîns Serâj gesehen, der nach deiner Meinung noch verschlossen sein soll?« Der Wesir versetzte: »O König der Zeit, ich sagte schon zuvor deiner Glückseligkeit, daß dieser Serâj und alle diese Dinge Zauberei wären.« Da ergrimmte der Sultan und fragte ihn: »Wo ist Alā ed-Dîn?« Der Wesir entgegnete: »Er ist auf der Jagd.« Nun befahl der Sultan sofort einigen Aghas und Soldaten auszuziehen und Alā ed-Dîn in Fesseln und mit auf dem Rücken zusammengebundenen Armen zu bringen. Da machten sich die Aghas und Soldaten auf den Weg und sagten, bei Alā ed-Dîn angelangt, zu ihm: »O unser Herr Alā ed-Dîn, nimm es uns nicht übel, der Sultan hat uns befohlen dich festzunehmen und zu binden und fesseln. Wir bitten dich uns zu entschuldigen, denn wir stehen unter des Königs Befehl und vermögen nicht ungehorsam zu sein.« Als Alā ed-Dîn die Worte der Aghas und Soldaten vernahm, verwunderte er sich, und die Zunge war ihm wie gelähmt, da er nicht den Grund hiervon wußte. Sich zu ihnen wendend, fragte er sie: »Ihr Leute, wißt ihr nicht, weshalb der Sultan dies befohlen hat? Ich weiß mich schuldlos und beging keine Sünde weder gegen den Sultan noch gegen sein Reich.« Sie erwiderten: »O unser Herr, wir wissen nicht das Geringste.« Da stieg Alā ed-Dîn von seinem Hengst und sprach zu ihnen: »Thut mit mir, was der Sultan euch geheißen hat; denn des Sultans Befehl ist auf Haupt und Auge.«

Hierauf legten die Aghas Alā ed-Dîn in Fesseln und Banden und schleppten ihn in Eisen in die Stadt. Als die Leute Alā ed-Dîn gebunden und in Eisen gelegt erblickten 93 und erfuhren, daß der Sultan ihn köpfen lassen wollte, versammelten sich alle, da sie ihn über die Maßen liebten, und ergriffen ihre Waffen, worauf sie ihre Häuser verließen und den Soldaten folgten, um zu sehen, was geschehen würde. Als die Soldaten nun Alā ed-Dîn zum Serâj geschleppt hatten, gingen sie zum Sultan hinein und teilten es ihm mit, und der Sultan befahl sogleich dem Schwertmeister hinauszugehen und ihm den Kopf abzuhauen. Als aber die Unterthanen diesen Befehl des Sultans erfuhren, verschlossen sie die Thüren des Serâjs und ließen dem Sultan ansagen: »Wir reißen auf der Stelle den Serâj über dir und alle, die in ihm sind, ein, wenn Alā ed-Dîn das geringste Leid zugefügt wird.« Da trat der Wesir beim Sultan ein und teilte es ihm mit, indem er zu ihm sprach: »O König der Zeit, dein Befehl besiegelt unsern Tod; besser wäre es, du vergäbest Alā ed-Dîn, damit es uns nicht übel ergeht; denn die Unterthanen lieben Alā ed-Dîn mehr als uns.« Der Schwertmeister aber hatte bereits das Leder ausgebreitet und Alā ed-Dîn darauf gesetzt und ihm die Augen verbunden; auch war er bereits dreimal um ihn herumgegangen und wartete auf den letzten Befehl des Königs, als der Sultan gewahrte, daß seine Unterthanen sich wider ihn empörten und den Serâj stürmten, um ihn einzureißen. Da befahl er stracks dem Schwertmeister seine Hand von Alā ed-Dîn zu lassen und entsandte einen Herold unter die Unterthanen ihnen anzukündigen, daß er Alā ed-Dîn vergeben und ihn begnadigt hätte.

Als sich Alā ed-Dîn nun frei sah und den Sultan auf seinem Thron erblickte, trat er auf ihn zu und sprach zu ihm: »Mein Herr, dieweil deine Glückseligkeit mich in meinem Leben ehrte, so gewähre mir die Gnade und laß mich meine Schuld wissen.« Der Sultan entgegnete: »Verräter, bis jetzt kennst du deine Schuld nicht?« Dann wendete er sich zu seinem Wesir und sagte zu ihm: »Nimm ihn und laß ihn aus dem Fenster sehen, wo sein Serâj ist.« Wie nun Alā ed-Dîn 94 aus dem Fenster nach seinem Serâj ausschaute, fand er den Platz leer wie zuvor, ehe er noch den Palast erbaut hatte, und sah nicht die geringste Spur von ihm. Da ward er bestürzt und verwirrt und wußte nicht, was vorgefallen war. Als er dann wieder zurück kam, fragte ihn der Sultan: »Was hast du gesehen? Wo ist dein Serâj, und wo ist meine Tochter, mein Herzblut und mein einziges Kind?« Alā ed-Dîn versetzte: »O König der Zeit, ich weiß nicht das Geringste und habe keine Ahnung, was vorgefallen ist.« Der Sultan entgegnete: »Wisse Alā ed-Dîn, ich vergab dir nur, damit du dich aufmachst die Sache zu untersuchen und nach meiner Tochter zu forschen. Komm mir nicht wieder unter die Augen, es sei denn mit ihr, und, wenn du mir sie nicht wiederbringst, so lasse ich dich, bei meines Hauptes Leben, köpfen.« Alā ed-Dîn erwiderte: »Ich höre und gehorche, o König der Zeit; gewähre mir nur eine Frist von vierzig Tagen. Wenn ich sie dir nach Verlauf dieser Frist nicht gebracht habe, so schlag' mir den Kopf ab und verfahr' mit mir nach deinem Belieben.« Der Sultan versetzte: »Ich gewähre dir nach deinem Wunsch eine Frist von vierzig Tagen; glaube jedoch nicht meiner Hand zu entrinnen, denn ich würde dich holen lassen, selbst wenn du anstatt auf der Erde über den Wolken wärst.« Alā ed-Dîn erwiderte: »O mein Gebieter und Sultan, wie ich zu deiner Glückseligkeit sagte, wenn ich sie dir nicht während dieser Frist bringe, will ich mich dir stellen, damit du mir das Haupt abschlägst.«

Als nun alle Unterthanen und Leute Alā ed-Dîn in Freiheit sahen, freuten sie sich mächtig; doch hatte die Schande dieses Ereignisses und die Scham und das Frohlocken seiner Neider Alā ed-Dîns Haupt gebeugt, und niedergeschlagen verließ er den Serâj und wanderte durch die Stadt, ohne zu wissen, was geschehen war. Nachdem er sich in tiefstem Kummer zwei Tage in der Stadt aufgehalten hatte, ohne zu wissen, was er thun sollte, um die Herrin Bedr el-Budûr seine junge Frau und seinen Serâj zu finden, während welcher 95 Zeit ihm einige Leute insgeheim Speise und Trank gebracht hatten, verließ er die Stadt und irrte aufs Geratewohl in die Steppe hinein, bis ihn sein Weg nahe an einen Fluß führte. In seinem schweren Kummer hatte er alle Hoffnung aufgegeben und wollte sich in den Fluß stürzen; da er jedoch ein guter Moslem und Bekenner des einigen Gottes war, fürchtete er Gott und trat an das Ufer, um die Waschung zu vollziehen. Indem er nun das Wasser mit seinen Händen schöpfte und seine Finger rieb, rieb er auch seinen Ring, und alsbald erschien der Mârid und sprach zu ihm: »Zu Diensten, dein Sklave steht vor dir; heische, was du begehrst.« Da freute sich Alā ed-Dîn mächtig, als er den Mârid sah, und sagte zu ihm: »Sklave, ich wünsche, daß du mir meinen Serâj samt meiner Gemahlin, der Herrin Bedr el-Budûr, und allem, was sich darinnen befindet, bringst.« Der Mârid erwiderte ihm jedoch: »Mein Herr, es thut mir sehr leid, daß ich das, was du von mir verlangst, nicht thun kann; dies hängt von dem Sklaven der Lampe ab, und ich vermag mich dessen nicht zu unterfangen.« Da sagte Alā ed-Dîn zu ihm: »Wenn dir dies unmöglich ist, so nimm mich und setz' mich neben meinem Serâj nieder, in welchem Land er sich auch befinden mag.« Der Sklave versetzte: »Ich höre und gehorche, mein Herr.« Alsdann lud der Mârid ihn auf und setzte ihn in einem Augenblick neben seinem Serâj vor dem Gemach seiner Gemahlin im Lande Afrika nieder. Die Nacht brach gerade herein, doch schaute er seinen Serâj, und seine Sorgen und Kümmernisse schwanden, und er setzte seine Hoffnung wieder auf Gott, nachdem er bereits daran verzweifelt hatte seine Gemahlin noch einmal wiederzusehen. Dann dachte er über Gottes verborgene Güte nach – verherrlicht sei seine Allmacht! – und wie der Ring ihn erfreut und Gott ihm, nachdem er bereits alle Hoffnung verloren, den Diener des Rings gesandt hatte. So ward er froh, und alle Sorgen wichen von ihm; da er aber in seinem Gram und Kummer, in seiner Trübsal und seinem Brüten 96 seit vier Tagen nicht geschlafen hatte, legte er sich neben dem Serâj unter einem Baum schlafen; denn, wie erwähnt, stand der Serâj zwischen den afrikanischen Gärten außerhalb der Stadt. Wer aber seinen Kopf beim Köpfer hat, der schläft nur aus Übermüdung und überwältigt von Schlaf. Er ruhte bis in den halben Morgen hinein und erwachte vom Gezwitscher der Vögel, worauf er sich erhob und zu einem Fluß ging, der dort in der Nähe zur Stadt floß. Nachdem er sich hier die Hände und das Gesicht gewaschen und die Waschung vollzogen und das Morgengebet verrichtet hatte, kehrte er zurück und setzte sich unter die Fenster des Gemaches der Herrin Bedr el-Budûr. Diese aber stand in ihrem Kummer über die Trennung von ihrem Gemahl und ihrem Vater dem Sultan und über das schwere Unglück, das sie vom verruchten maghribitischen Zauberer betroffen hatte, alle Tage im frühsten Morgengrauen auf und saß weinend da, ohne des Nachts zu schlafen und Speise und Trank zu sich zu nehmen, und zur Zeit des Salâms nach dem Gebet kam dann ihre Sklavin zu ihr, um sie anzukleiden. Nach dem Ratschluß des Schicksals aber öffnete die Sklavin gerade um diese Stunde das Fenster, um ihre Herrin auf die Bäume und Bäche hinaus sehen und sich durch ihren Anblick trösten zu lassen. Als sie hierbei selber zum Fenster hinausschaute, sah sie ihren Herrn Alā ed-Dîn unter den Fenstern des Gemachs sitzen, worauf sie ihrer Herrin Bedr el-Budûr zurief: »O meine Herrin, meine Herrin, mein Herr Alā ed-Dîn sitzt unten.« Da kam die Herrin Bedr el-Budûr herangelaufen und schaute zum Fenster hinaus und sah Alā ed-Dîn, wie er gerade sein Haupt emporhob und zu ihr aufsah. Beide begrüßten einander, fliegend vor Freude, und die Herrin Bedr el-Budûr sprach zu ihm: »Steh' auf und komm durch die Hinterthür zu mir herein, der Verruchte ist jetzt nicht hier.« Dann befahl sie der Sklavin hinunterzusteigen und ihm die Thür zu öffnen, worauf sich Alā ed-Dîn erhob und zu ihr eintrat. Die Herrin Bedr el-Budûr empfing ihn in der Thür, und beide 97 umarmten und küßten einander in höchster Freude, bis sie im Übermaß ihres Glückes weinten. Alsdann setzten sie sich, und Alā ed-Dîn sagte zu ihr: »O Herrin Bedr el-Budûr, vor allen Dingen möchte ich dich etwas fragen; ich hatte eine alte Kupferlampe an die und die Stelle in meinem Gemach gestellt.« Sobald ihn aber die Herrin Bedr el-Budûr von der Lampe reden hörte, seufzte sie und sagte: »Ach, mein Geliebter, gerade sie brachte dieses Unheil über uns.« Da fragte Alā ed-Dîn: »Wie geschah es?« Hierauf erzählte ihm die Herrin Bedr el-Budûr alles von Anfang bis zu Ende, insbesondre, wie sie die alte Lampe für eine neue umgetauscht hatte, und sagte zu ihm: »Und am Morgen des andern Tages fanden wir uns in diesem Land. Der mich aber betrog und die Lampe umtauschte, erzählte mir, daß er dies vermöge seiner Zauberei und vermittelst der Lampe gethan hätte; er wäre ein Maghribite aus Afrika, und wir befänden uns in seinem Land.«

Als die Herrin Bedr el-Budûr ihren Bericht beendet hatte, sagte Alā ed-Dîn zu ihr: »Sag' mir, was für eine Absicht der Verruchte gegen dich hegt, was er zu dir sagt und spricht, und was er von dir will.« Die Herrin Bedr el-Budûr versetzte: »Jeden Tag besucht er mich einmal und nicht öfter und versucht mir Liebe zu ihm zu erwecken, damit ich ihn an deiner Statt nehme und dich vergesse und mir aus dem Sinn schlage. Auch sagte er mir, mein Vater der Sultan hätte dir den Kopf abgeschlagen, und behauptete, du wärst armer Leute Kind, und er allein wäre die Ursache deines Reichtums. Und er suchte mich durch Geplauder zu trösten, doch sah er von mir nichts als Thränen und Weinen und vernahm kein süßes Wort von mir.« Hierauf sagte Alā ed-Dîn zu ihr: »Sag' mir, wenn du es weißt, wohin er die Lampe gestellt hat.« Sie erwiderte: »Er trägt sie stets bei sich und vermag sich keine einzige Stunde von ihr zu trennen. Als er mir alles, was ich dir mitteilte, sagte, holte er sie aus seinem Busen heraus und zeigte sie mir.« 98

Als Alā ed-Dîn dies vernommen hatte, freute er sich mächtig und sagte zu ihr: »O Herrin Bedr el-Budûr, hör' zu; ich will jetzt fortgehen und in anderer Kleidung wiederkommen. Wundere dich daher nicht und stelle stets eine deiner Sklavinnen an die Hinterthür, daß sie mir sofort, wenn sie mich kommen sieht, die Thür öffnet. Ich aber will nun einen Plan zur Ermordung dieses Verruchten ersinnen.« Hierauf ging Alā ed-Dîn zum Portal des Serâjs hinaus und wanderte, bis er unterwegs einen Fellāh traf, zu dem er sagte: »Mann, nimm meine Sachen und gieb mir deine dafür.« Da sich der Fellāh jedoch weigerte, nahm ihm Alā ed-Dîn seine Sachen mit Gewalt fort und zog sie an, worauf er ihm seine kostbaren Kleider gab. Dann schlug er den Weg zur Stadt ein und suchte in derselben den Bazar der Drogisten auf, wo er zwei Drachmen starken, augenblicklich wirkenden Bendsch für zwei Dinare erstand. Hierauf kehrte er auf demselben Weg wieder zum Serâj zurück, wo ihm die Sklavin, als sie ihn sah, die Hinterthür öffnete.

Als er wieder bei seiner Gemahlin, der Herrin Bedr el-Budûr, eingetreten war, sagte er zu ihr: »Hör' zu; ich wünsche, daß du dich ankleidest und schmückst und den Kummer abwirfst. Wenn dann der verruchte Maghribite kommt, so heiß ihn herzlich willkommen, empfang ihn mit lachendem Gesicht und lad ihn ein, mit dir das Abendessen zu speisen. Stelle dich so, als ob du deinen Geliebten Alā ed-Dîn und deinen Vater vergessen hättest und ihn von Herzen liebtest, verlang von ihm roten Wein, zeig' dich fröhlich und vergnügt und trinke auf sein Wohl. Wenn du ihm dann zwei oder drei Becher Wein kredenzt hast und er achtlos geworden ist, so thu' ihm dies Pulver in den Becher und gieße Wein darauf. Sobald er den Becher, in den du das Pulver gethan hast, getrunken hat, wird er auf der Stelle wie ein Toter auf seinen Rücken fallen.«

Als die Herrin Bedr el-Budûr dies von Alā ed-Dîn vernommen hatte, versetzte sie: »Es fällt mir sehr schwer 99 dies zu thun, jedoch muß es geschehen, um uns von der Unsauberkeit dieses Verruchten zu befreien, der mir das Leid der Trennung von dir und meinem Vater zufügte. Der Tod dieses Verruchten ist erlaubt.« Alsdann aß und trank Alā ed-Dîn mit seiner Gemahlin, bis er seinen Hunger gestillt hatte, worauf er sich unverzüglich erhob und den Serâj verließ, während die Herrin Bedr el-Budûr ihre Ankleiderin holte, die sie zurecht machte und schmückte. Nachdem sie prächtige Kleider angelegt und sich parfümiert hatte, kam auch schon der verruchte Maghribite an, der sich, als er sie so geputzt sah, mächtig freute, und dies um so mehr, als sie ihn mit lachendem Gesicht ganz gegen ihre Gewohnheit empfing. Seine Erregung und sein Verlangen nach ihr wuchsen, während sie ihn an ihre Seite niederzog und zu ihm sagte: »Mein Geliebter, wenn du heute Nacht willst, komm zu mir, damit wir das Abendessen zusammen einnehmen. Ich habe mich nunmehr genug gegrämt, denn, wenn ich auch tausend Jahre dasäße, so nützte es nichts, und Alā ed-Dîn würde nicht aus dem Grab steigen. Ich verlasse mich auf dein gestriges Wort, daß mein Vater der Sultan ihn in seinem schweren Kummer über meinen Verlust hat hinrichten lassen. Verwundere dich nicht darüber, daß ich heute andern Sinns als gestern geworden bin; der Grund davon ist, daß ich mich besonnen habe dich zu meinem Geliebten und Vertrauten anstatt Alā ed-Dîns zu nehmen, da ich keinen andern Mann als dich finde. Ich hoffe, du wirst heute Nacht kommen, um mit mir zusammen das Abendessen einzunehmen und ein Schlückchen Wein zu trinken. Ich möchte gern, daß du mir den Wein deiner afrikanischen Heimat zu trinken giebst, der vielleicht besser als der Wein unsers Landes ist. Ich habe zwar Wein aus meiner Heimat bei mir, doch möchte ich gern den Wein deines Landes schmecken.«

Als der Maghribit die Liebe sah, welche die Herrin Bedr el-Budûr gegen ihn zur Schau trug, und gewahrte, daß sie ihren Kummer aufgegeben hatte, glaubte er, sie hätte die 100 Hoffnung auf Alā ed-Dîn fahren gelassen, und sagte zu ihr in mächtiger Freude: »O mein Leben, ich höre und gehorche allem, was du wünschest und befiehlst. Ich habe zu Hause einen Krug Wein von unserm Land, den ich sorgfältig hütete und unter der Erde acht Jahre lang aufbewahrte. Ich will jetzt gehen und von ihm füllen, so viel als wir brauchen, um dann stehenden Fußes wieder zu dir zurückzukehren.« Die Herrin Bedr el-Budûr versetzte, um ihn noch mehr zu berücken: »O mein Liebling, geh' nicht selber und laß mich nicht allein, sondern schicke einen deiner Diener, daß er für uns von ihm füllt; bleibe bei mir, damit ich mich an dir tröste.« Der Maghribite erwiderte ihr jedoch: »Meine Herrin, niemand außer mir kennt den Versteck des Kruges; ich werde nicht lange ausbleiben.« Hierauf ging er fort und kehrte nach kurzer Zeit mit einer genügenden Menge Wein wieder. Da sagte die Herrin Bedr el-Budûr: »du hast dich bemüht, und ich habe dich belästigt, mein Liebling.« Er erwiderte ihr: »Keineswegs, mein Auge; dir zu dienen macht mir Ehre.« Alsdann setzte sich die Herrin Bedr el-Budûr mit ihm zu Tisch, und beide aßen, bis die Herrin Bedr el-Budûr zu trinken wünschte; da füllte ihr die Sklavin sogleich den Becher und nach ihr ebenfalls dem Maghribiten, worauf die Herrin Bedr el-Budûr auf sein Leben und sein Wohlsein trank, während er auf ihr Leben den Becher leerte. Hierauf begann die Herrin Bedr el-Budûr, die einzig an Beredsamkeit und feinem Ausdruck war, mit ihm beim Wein zu plaudern und suchte ihn durch süße doppelsinnige Reden zu berücken, um ihn noch verliebter in sie zu machen, während der Maghribite wähnte, daß alles dies aufrichtig von ihr gemeint wäre, ohne zu ahnen, daß diese ihre Liebe nur ein für ihn aufgestellter Fallstrick war, um ihn zu ermorden. Sein Verlangen nach ihr ward immer heißer, und er starb fast vor Liebe zu ihr, als er die zärtlichen Worte, die sie ihm gab, vernahm; sein Kopf ward vor Wonne schwindlig, und die Welt dünkte ihm nichts in seinen Augen. Als sie nun mit dem Abendessen 101 fast fertig waren und die Herrin Bedr el-Budûr merkte, daß ihm der Wein bereits zu Kopf gestiegen war, sagte sie zu ihm: »Wir haben in unsrer Heimat eine Sitte, doch weiß ich nicht, ob ihr sie bei euch ebenfalls übt oder nicht.« Der Maghribite fragte sie: »Und welches ist sie?« Sie erwiderte: »Sie besteht darin, daß jeder zu Ende des Nachtmahls den Becher seines oder seiner Geliebten nimmt und ihn austrinkt.« Alsdann nahm sie sogleich seinen Becher und füllte ihn mit Wein, worauf sie der Sklavin befahl ihm ihren Becher zu reichen, in den sie den Bendsch gethan hatte. Sie hatte aber die Sklavin gelehrt, was zu thun war, und alle Sklavinnen und Eunuchen im Serâj verlangten nach seinem Tod und stimmten hierin mit der Herrin Bedr el-Budûr überein. Wie der Maghribite aber ihre Worte vernahm und sah, daß sie seinen Becher leerte, glaubte er, als ihm die Sklavin ihren Becher reichte und er all diese Liebe von ihr sah, er wäre Iskender Zul-Karnein. Hierauf sagte die Herrin Bedr el-Budûr zu ihm, indem sie sich in den Hüften wiegte und ihre Hand in seine legte: »O mein Leben, nun hab' ich deinen Becher und du hast meinen Becher, und so trinken Liebende einer aus dem Becher des andern.« Mit diesen Worten küßte sie seinen Becher und trank ihn aus, worauf sie ihn niedersetzte; dann trat sie an ihn herzu und küßte ihn auf die Wange, daß er vor Freude flog und, in der Absicht das gleiche zu thun, den Becher an seinen Mund setzte und ihn bis auf den Grund leerte, ohne zu prüfen, ob sich etwas in ihm befand oder nicht. In demselben Augenblick aber sank er wie ein Toter auf seinen Rücken, und der Becher fiel aus seiner Hand. Da freute sich die Herrin Bedr el-Budûr hierüber, und die Sklavinnen tanzten und öffneten ihrem Herrn Alā ed-Dîn die Thür des Serâjs, worauf er eintrat und zum Gemach der Herrin Bedr el-Budûr hinaufstieg. Als er sie am Tisch sitzen und den Maghribiten wie einen Toten vor ihr liegen sah, trat er an sie heran, küßte sie und dankte ihr hierfür in mächtiger Freude. Dann sagte er zu ihr: »Begieb 102 dich jetzt mit deinen Sklavinnen in deine innern Gemächer und laß mich allein, damit ich mein Geschäft ins reine bringe.« Ohne Säumen zog sich die Herrin Bedr el-Budûr mit ihren Sklavinnen in ihre innern Gemächer zurück, während sich Alā ed-Dîn erhob und hinter ihnen die Thür verriegelte. Dann trat er an den Maghribiten heran, steckte seine Hand in seinen Busen und zog die Lampe daraus hervor, worauf er sein Schwert zückte und ihm den Kopf abschlug. Alsdann rieb er die Lampe, und sogleich erschien der Sklave, der Mârid, und sprach: »Zu Diensten, mein Herr, was begehrst du?« Alā ed-Dîn versetzte: »Ich wünsche, daß du diesen Serâj von hier nach dem Land China trägst und ihn auf seinen frühern Platz gegenüber dem Serâj des Sultans niedersetzest.« Der Mârid antwortete: »Ich höre und gehorche, mein Herr.« Hierauf begab sich Alā ed-Dîn wieder zur Herrin Bedr el-Budûr seiner Gemahlin und setzte sich zu ihr und umarmte und küßte sie; und sie küßte ihn, und beide saßen beim Wein und plauderten, während der Mârid den Serâj mit ihnen forttrug und ihn auf seinen Platz gegenüber dem Serâj des Sultans niedersetzte. Dann ließ Alā ed-Dîn durch die Sklavinnen den Tisch auftragen, und er und seine Gemahlin die Herrin Bedr el-Budûr saßen da und aßen und tranken in lauter Freude und Fröhlichkeit, bis sie genug hatten, worauf sie sich ins Wein- und Plauderzimmer begaben und zechend, plaudernd und in heißem Verlangen einander küssend dasaßen. Sie waren lange Zeit nicht fröhlich gewesen, und so hörten sie nicht eher auf, als bis die Sonne des Weins in ihren Häuptern aufging und der Schlaf sie übermannte, worauf sie sich in aller Ruhe und Bequemlichkeit auf ihr Lager legten.

Am nächsten Morgen erhob sich Alā ed-Dîn und weckte seine Gemahlin die Herrin Bedr el-Budûr, und die Sklavinnen kamen zu ihr und zogen sie an und machten sie zurecht und schmückten sie, während Alā ed-Dîn seine besten Sachen anlegte. Beide flogen vor Freude über ihre 103 Wiedervereinigung nach der Trennung, und die Herrin Bedr el-Budûr freute sich ganz besonders über das Wiedersehen mit ihrem Vater.

Soviel von Alā ed-Dîn und der Herrin Bedr el-Budûr; was nun aber den Sultan anlangt, so trauerte er seit Alā ed-Dîns Freilassung über den Verlust seiner Tochter und saß fortwährend da und weinte über sie wie ein Weib, da sie sein einziges Kind war. An jedem Morgen eilte er, wenn er aufgestanden war, ans Fenster und öffnete es und schaute aus ihm nach der Richtung hinaus, wo Alā ed-Dîns Serâj gestanden hatte, indem er dabei weinte, bis ihm die Augen brannten und die Lider wund geworden waren. Wie er sich nun an jenem Morgen wieder erhob und wie gewöhnlich das Fenster öffnete und hinausschaute, sah er vor sich ein Gebäude. Da rieb er sich die Augen und erkannte bei schärferm Zusehen, daß es Alā ed-Dîns Serâj war. Da ließ er sich sofort sein Pferd satteln und vorführen und ritt zu Alā ed-Dîns Serâj herüber, während Alā ed-Dîn, der ihn ankommen sah, hinunterstieg und ihn auf halbem Wege empfing. Dann faßte er ihn bei der Hand und führte ihn zum Gemach seiner Tochter der Herrin Bedr el-Budûr hinauf, die ebenfalls großes Verlangen nach ihrem Vater trug und zu ihm hinunterstieg und ihn an der Thür der Treppe gegenüber dem Saal im Erdgeschoß empfing. Weinend umarmte sie ihr Vater und bedeckte sie mit Küssen, und sie that das gleiche, worauf Alā ed-Dîn sie in das Oberzimmer führte, wo sie sich setzten und der Sultan sich erkundigte, wie es ihr erginge und was sich mit ihr zugetragen hätte. Da erzählte die Herrin Bedr el-Budûr ihrem Vater ihr Erlebnis und sagte zu ihm: »Ich erstand erst gestern wieder zum Leben, als ich meinen Gemahl sah, der mich aus der Gefangenschaft eines verruchten maghribitischen Zauberers befreite, wie es nach meinem Dafürhalten auf der ganzen Erde keinen schmutzigeren giebt. Ohne meinen Geliebten Alā ed-Dîn, wäre ich nimmer von ihm befreit, und du hättest mich in deinem 104 ganzen Leben nicht wieder zu sehen bekommen. Fürwahr, mein Vater, ich litt unter schwerer Trübsal und Sorge nicht allein wegen der Trennung von dir, sondern auch von meinem Gemahl, dem ich alle Tage meines Lebens zu Dank verpflichtet bin, daß er mich von diesem verruchten Zauberer befreite.«

Hierauf begann die Herrin Bedr el-Budûr ihrem Vater alle ihre Erlebnisse zu erzählen und berichtete ihm von dem Maghribiten und seiner List gegen sie, wie er sich als Lampenverkäufer ausgegeben und alte Lampen gegen neue eingetauscht hätte. »Als ich diese Beschränktheit sah,« so fuhr sie fort, »da lachte ich über ihn, ohne seine Arglist und Absicht zu ahnen, und nahm eine alte Lampe, die sich im Gemach meines Gemahls befand, und deren Kräfte ich nicht kannte, und schickte einen Eunuchen mit ihr hinunter, worauf er eine neue Lampe dafür eintauschte. Am Morgen des andern Tages befanden wir uns dann, o mein Vater, mit unserm Serâj und allem, was er enthielt, in Afrika. Und wäre nicht mein Gatte Alā ed-Dîn zu uns gekommen und hätte eine List wider ihn zu unserer Befreiung ersonnen, so hätte mich der Verruchte vergewaltigt. Dann gab mir Alā ed-Dîn ein Pulver, das ich in einen Becher Wein that und ihm zu trinken reichte, worauf er wie ein Toter umsank. Hierauf kam mein Gatte Alā ed-Dîn zu mir herein, und ich weiß nicht, was er that, daß er uns aus Afrika wieder an unsern Platz hier schaffte.« Und nun erzählte Alā ed-Dîn und sagte: »Mein Herr, als ich hereinkam und ihn vom Bendsch betäubt wie einen Toten am Boden liegen sah, befahl ich der Herrin Bedr el-Budûr sich mit ihren Sklavinnen in die innern Gemächer zurückzuziehen, worauf ich an den verruchten Maghribiten herantrat, meine Hand in seinen Busen steckte und die Lampe daraus hervorzog, da mir die Herrin Bedr el-Budûr gesagt hatte, daß er sie stets bei sich trüge. Nachdem ich dann mein Schwert gezogen und den Verruchten zerhauen hatte, bediente ich mich der Lampe und befahl ihrem Sklaven uns 105 mit dem Serâj und allem, was sich in ihm befand, aufzuheben und hier an unsern Platz wieder niederzusetzen. Wenn aber deine Glückseligkeit an meinen Worten Zweifel hegt, so steh' auf und schau dir den verruchten Maghribiten an.« Da erhob sich der Sultan, und Alā ed-Dîn führte ihn in das Gemach, wo der Sultan den Maghribiten daliegen sah. Der Sultan befahl sofort den Leichnam fortzunehmen und ihn zu verbrennen und seine Asche in die Luft zu streuen; dann umarmte er Alā ed-Dîn und sagte zu ihm, ihn mit Küssen bedeckend: »Entschuldige mich, mein Sohn, daß ich dir wegen dieses unsaubern, verruchten Zauberers das Leben nehmen wollte, der dich in diese Grube stürzte. Ich bin jedoch für das, was ich dir anthat, zu entschuldigen, mein Sohn, da ich mich meiner einzigen Tochter beraubt sah, die mir lieber als mein Leben ist; und du weißt, wie zärtlich die Herzen der Eltern an ihren Kindern hängen, um so mehr, wo ich kein anderes Kind als die Herrin Bedr el-Budûr habe.«

In dieser Weise entschuldigte sich der Sultan bei Alā ed-Dîn und küßte ihn, während Alā ed-Dîn zu ihm sagte: »O König der Zeit, du hast mir nichts angethan, was gegen das Gesetz verstieß, und ich habe gleichfalls keine Schuld, vielmehr rührt alles von diesem schmutzigen maghribitischen Zauberer her.«

Hierauf befahl der König die Stadt zu schmücken und Freudenfeste zu feiern und ließ den Herold ankündigen: »Der heutige Tag ist ein hohes Fest, das im ganzen Reich einen vollen Monat, dreißig Tage lang, gefeiert werden muß, zu Ehren der Rückkehr der Herrin Bedr el-Budûr, der Tochter des Sultans, und ihres Gatten Alā ed-Dîn.«

Soviel von Alā ed-Dîn und dem Maghribiten; bei alledem aber, trotzdem man seinen Leichnam verbrannt und die Asche in die Luft gestreut hatte, fand Alā ed-Dîn jedoch noch keine Ruhe vor ihm. Dieser Verruchte hatte nämlich einen Bruder, der ein noch durchtriebenerer Zauberer, Geomant und Astrolog als er war, wie das Sprichwort sagt: »Eine Bohne, 106 die gespalten ist.«D. h. sie glichen einander wie eine Hälfte der Bohne der andern. Jeder von ihnen wohnte in einer andern Weltgegend, um sie mit seiner Zauberei, Arglist und Tücke zu erfüllen; und so traf es sich eines Tages, daß der Bruder des Maghribiten wissen wollte, wie es seinem Bruder erginge. Er holte deshalb sein geomantisches Brett hervor und streute den Sand und zog die Figuren, worauf er sie genau betrachtete und prüfte und fand, daß sein Bruder tot war und im Grab hauste. Er betrübte sich hierüber und war von seinem Tod überzeugt, jedoch streute er noch einmal Sand, um zu sehen, wie und wo er gestorben wäre. Da fand er, daß er im Lande China auf die schimpflichste Weise ums Leben gekommen wäre, und sah, daß ihn ein Bursche, Namens Alā ed-Dîn, umgebracht hatte. Er erhob sich nun sofort, machte sich zurecht und reiste monatelang durch die Steppen, Wüsten und Gebirge, bis er nach der Stadt Chinas gelangte, zur Residenz des Sultans, in der Alā ed-Dîn lebte. Hier begab er sich in den Fremdenchân, mietete sich einen Raum und ruhte sich ein wenig aus, worauf er sich erhob und durch die Straßen der Stadt streifte, um Mittel und Wege zu entdecken, wie er zu seinem bösen Ziel, Blutrache für seinen Bruder an Alā ed-Dîn zu nehmen, gelangen könnte. Auf dem Bazar trat er in ein großes Kaffeehaus, in dem viele Menschen verkehrten, von denen die einen Mankale, die andern Dame und wieder andre Schach oder ähnliche Spiele spielten. Er setzte sich dort nieder und hörte die Leute, die neben ihm saßen, von einer alten heiligen Frau sprechen, Namens Fâtime, die stets in ihrer Zelle außerhalb der Stadt der Anbetung Gottes oblag und nur zweimal im Monat zur Stadt kam; auch sollte sie viele Wunder verrichtet haben. Als der maghribitische Zauberer dies vernahm, sprach er bei sich: »Jetzt hab' ich gefunden, was ich suchte; so Gott will, der Erhabene, erreiche ich durch diese Frau meinen Wunsch.« 107

Hierauf trat er an die Leute, die von den Wundern der alten Heiligen sprachen, und sagte zu einem von ihnen: »Mein Oheim, ich hörte euch von den Wundern einer Heiligen, Namens Fâtime, sprechen; wo ist sie und wo wohnt sie?« Der Mann versetzte: »Wunderbar! wie lebst du in unsrer Stadt und hast nicht von den Wundern der Herrin Fâtime gehört? Du Armer bist anscheinend ein Fremdling, daß du noch nichts von dem Fasten, der Weltentsagung und reinen Frömmigkeit dieser Heiligen gehört hast.« Der Maghribite erwiderte: »Jawohl, mein Herr, ich bin ein Fremdling, und erst gestern Nacht traf ich in dieser eurer Stadt ein. Ich hoffe von dir über die Wunder dieser tugendhaften Frau und ihren Wohnort Auskunft zu erhalten, da mich ein Unglück betroffen hat und ich zu ihr gehen und sie um ihr Gebet angehen möchte, damit mich Gott, der Mächtige und Herrliche, durch Vermittlung ihres Gebets aus meinen Unglück erlöst.« Da gab ihm der Mann von den Wundern, der Frömmigkeit und dem schönen Gottesdienst der Heiligen Fâtime Auskunft und führte ihn, ihn bei der Hand fassend, zur Stadt hinaus, wo er ihm den Weg zu ihrer Behausung in einer Höhle auf dem Gipfel eines kleinen Berges zeigte. Der Maghribite bedankte sich bei dem Mann mit vielen Worten über seine Güte und Liebenswürdigkeit und kehrte in sein Gemach im Chân zurück. Nach der Fügung des Schicksals kam aber Fâtime am folgenden Tage zur Stadt, und als der Maghribite am Morgen den Chân verließ und die Leute sich zusammendrängen sah, trat er herzu, um zu sehen, was los wäre. Da sah er Fâtime dastehen, während jeder, der einen Schmerz hatte, zu ihr kam und ihren Segen und ihr Gebet verlangte, und jeder, den sie berührte, ward von seinen Schmerzen geheilt. Da folgte ihr der maghribitische Zauberer, bis sie wieder in ihre Höhle zurückkehrte, und wartete auf die Nacht. Als der Abend hereinbrach, erhob er sich und ging in den Laden eines Weinhändlers, wo er einen Becher Wein trank; dann verließ er die Stadt und nahm seinen 108 Weg zur Höhle der Heiligen Fâtime. Dort angelangt, trat er in die Höhle hinein und, als er sie hier auf dem Stück einer Matte auf dem Rücken liegen und schlafen sah, trat er herzu, setzte sich auf ihren Leib und zückte seinen Dolch, indem er sie anschrie. Da erwachte sie und öffnete die Augen, worauf sie einen Maghribiten mit einem Dolch in der Hand auf ihrer Brust sitzen sah, der sie ermorden wollte. Sie zitterte vor Furcht, doch der Maghribite sagte zu ihr: »Merk' auf, wenn du ein Wort sprichst oder schreist, so bringe ich dich auf der Stelle um. Steh' auf und thue alles, was ich dir sage.« Alsdann schwur er ihr einen Eid, daß er sie nicht ermorden wolle, wenn sie alles, was er ihr sagen würde, thäte. Da erhob sie sich, und nun sagte der Maghribite zu ihr: »Gieb mir deine Sachen und nimm die meinigen dafür.« Als sie ihm ihre Kleider, ihre Kopfbinden, ihr Tuch und ihren Schleier gegeben hatte, sagte er zu ihr: »Jetzt mußt du mich noch womit einsalben, damit meine Gesichtsfarbe wie die deinige wird.« Da trat Fâtime tiefer in die Höhle hinein und holte ein Fläschchen mit Salbe, von der sie etwas auf ihre Hand that, worauf sie ihm das Gesicht einrieb, bis seine Gesichtsfarbe wie die ihrige ward. Dann gab sie ihm ihren Stab und zeigte ihm, wie er zu gehen und was er zu thun hätte, wenn er in die Stadt ginge. Zum Schluß hängte sie ihm ihren Rosenkranz um den Hals und sagte zu ihm, indem sie ihm einen Spiegel reichte: »Schau jetzt zu, du siehst jetzt gerade so wie ich aus.« Da schaute der Maghribite in den Spiegel und sah, daß er genau wie Fâtime aussah, als wenn sie sich nicht gerückt und gerührt hätte. Nachdem er jedoch seinen Wunsch erreicht hatte, verlangte er von ihr einen Strick, und als sie ihm denselben gebracht hatte, brach er treulos seinen Eid und hängte sie in der Höhle auf; und, als sie tot war, schleifte er sie heraus und warf sie in eine Cisterne, die sich draußen nahe bei der Höhle befand. Dann kehrte er wieder in die Höhle zurück und schlief in ihr, bis der Morgen anbrach, 109 worauf er sich erhob und zur Stadt hinunter ging, wo er sich unter das Schloß Alā ed-Dîns stellte. Da drängten sich die Leute um ihn, da sie ihn für die Asketin Fâtime hielten, und er benahm sich gerade so wie, indem er seine Hand auf die von Schmerzen Geplagten legte und für andere die Fâtihe oder eine andre Sure aus dem Koran hersagte oder betete. Da aber dies Gedränge und Gelärm der Leute groß war, vernahm es die Herrin Bedr el-Budûr und sagte zu ihren Sklavinnen: »Schaut zu, was es giebt, und weshalb der Lärm dort unten ist.« Da ging der Agha der Eunuchen hinunter, um zu sehen, was los wäre, und kehrte wieder zurück und meldete: »Meine Herrin, der Lärm rührt wegen der Herrin Fâtime her; willst du mir Befehl erteilen, so bringe ich sie zu dir, damit du einen Segen von ihr erhältst.« Die Herrin Bedr el-Budûr versetzte: »Geh' und hole sie her, da ich schon seit langer Zeit fortwährend von ihren Wundern und Tugenden höre und mich sehne, sie zu sehen, um einen Segen von ihr zu erhalten; denn die Leute machen viel Rühmens von ihren Tugenden.« Da ging der Agha der Eunuchen fort und holte den maghribitischen Zauberer, der sich als Fâtime verkleidet hatte; und als er vor die Herrin Bedr el-Budûr trat und sie sah, begann er sofort eine Reihe Gebete zu sprechen, und niemand zweifelte im geringsten daran, daß es die Asketin Fâtime war. Die Herrin Bedr el-Budûr aber erhob sich und begrüßte ihn, worauf sie ihn an ihrer Seite Platz nehmen ließ und zu ihm sagte: »Meine Herrin Fâtime, es ist mein Wunsch, daß du stets bei mir bleibst, damit wir durch dich gesegnet werden, und ich außerdem von dir den Wandel der Anbetung und Frömmigkeit lerne und dir nacheifere.« Dies aber war es gerade, was der verruchte Zauberer wünschte, und es war seine Absicht, seinen Betrug noch weiter durchzuführen. Er sagte deshalb zu ihr: »O meine Herrin, ich bin ein armes Weib, das in der Steppe haust und nicht verdient in Königsschlössern zu weilen.« Die Herrin Bedr el-Budûr versetzte jedoch: »Mach' dir keine 110 Gedanken, meine Herrin Fâtime; ich will dir einen Raum in meinem Hause anweisen, wo du Gott dienen kannst und kein einziger hinein kommen soll. Du sollst Gott dort noch eifriger als in deiner Höhle dienen.« Da erwiderte der Maghribite: »Ich höre und gehorche, meine Herrin; ich will deinem Wort nicht widersprechen, da man sich den Worten von Königskindern nicht widersetzen soll. Nur bitte ich dich, mich allein in meiner Kammer essen, trinken und sitzen und niemand zu mir eintreten zu lassen. Ich bedarf keiner köstlichen Speise, schicke mir nur gütigst durch deine Sklavin täglich ein Stück Brot und einen Trunk Wasser; und wenn ich Appetit zum Essen bekomme, so laß mich allein in meiner Kammer essen.« Der Verruchte bezweckte hierdurch aber nur seinen Gesichtsschleier nicht beim Essen zu lüften, damit sein Plan nicht zu schanden ginge und sein Kinn- und Schnauzbart ihn als Mann verriete. Die Herrin Bedr el-Budûr erwiderte: »Meine Herrin Fâtime, sei unbesorgt, es soll alles nach deinem Wunsch geschehen; folge mir nur jetzt, damit ich dir den Raum zeige, den ich dir als Wohnung bei uns zurechtmachen lassen will.«

Hierauf erhob sich die Herrin Bedr el-Budûr und zeigte dem verkleideten Zauberer den Raum, indem sie zu ihm sagte: »Meine Herrin Fâtime, hier sollst du in aller Ruhe und Bequemlichkeit wohnen, und der Raum soll für dich bestimmt sein.« Da dankte ihr der Maghribite für ihre Güte und segnete sie, worauf die Herrin Bedr el-Budûr ihn nahm und ihm die Estrade und den Edelsteinkiosk mit den vierundzwanzig Fenstern zeigte und ihn fragte: »Was hältst du von diesem Schloß, meine Herrin Fâtime?« Der Maghribite erwiderte ihr: »Bei Gott, meine Tochter, es ist über die Maßen wunderbar und ohne Gleichen in der Welt; es ist außerordentlich prächtig, jedoch fehlt, ach, noch ein Ding, das es noch schöner machen und noch mehr schmücken würde.« Da sagte die Herrin Bedr el-Budûr: »Meine Herrin Fâtime, was fehlt ihm noch, und was ist's, das es noch mehr schmücken würde? Sag' es mir, denn ich glaubte, es wäre vollkommen.« 111 Der Zauberer versetzte: »Meine Herrin, es fehlt noch, daß in seiner Kuppel das Ei des Vogels Roch aufgehängt wird. Wenn es in seiner Kuppel hinge, so hätte der Palast in der ganzen Welt nicht seinesgleichen.« Da fragte die Herrin Bedr el-Budûr: »Was ist das für ein Vogel, und wo findet man sein Ei?« Der Maghribite antwortete: »Meine Herrin, dieser riesige Vogel hebt ein Kamel und einen Elefanten in seinen Krallen auf und ist so groß und stark, daß er mit ihnen fortfliegt. Man findet ihn meistens auf dem Berge Kâf, und der Baumeister, der diesen Serâj erbaute, ist imstande ein Ei von diesem Vogel zu bringen.« Hierauf ließen sie dieses Gespräch, und da es die Mittagszeit war, trugen die Sklavinnen den Tisch auf, und die Herrin Bedr el-Budûr setzte sich und ersuchte den verruchten Zauberer mit ihr zu essen. Er lehnte es jedoch ab und wollte es nicht, sondern erhob sich und zog sich in das Gemach zurück, das ihm die Herrin Bedr el-Budûr angewiesen hatte, worauf ihm die Sklavinnen das Mittagsmahl brachten.

Als nun gegen Abend Alā ed-Dîn von der Jagd heimkehrte und die Herrin Bedr el-Budûr ihn empfing und begrüßte, umarmte er sie und küßte sie. Als er ihr jedoch ins Gesicht blickte und eine leichte Spur von Kummer in ihm gewahrte und auch sah, daß sie nicht wie sonst lachte, sprach er zu ihr: »Was ist dir zugestoßen, mein Liebling? Sag' mir, hat dich etwas betroffen, das dich betrübt?« Sie versetzte: »Mir fehlt nichts, jedoch glaubte ich, mein Liebling, an unserm Serâj fehlte nichts; aber o Alā ed-Dîn, du mein Auge, wenn in der Kuppel des obern Stockwerks das Ei des Vogels Roch aufgehängt wäre, so gäbe es in der ganzen Welt kein Schloß wie das unsrige.« Alā ed-Dîn entgegnete: »Und darüber bekümmerst du dich? Dies ist das leichteste Ding für mich; sei fröhlich und sag' mir nur stets, was du begehrst, dann will ich es dir aus dem tiefsten Grund der Welt in der kürzesten und schnellsten Zeit beschaffen.«

Nachdem Alā ed-Dîn die Herrin Bedr el-Budûr in dieser 112 Weise wieder aufgeheitert und ihr alle ihre Wünsche versprochen hatte, ging er sofort in sein Gemach, nahm die Lampe und rieb sie, worauf sogleich der Mârid erschien und rief: »Heische, was du begehrst.« Da sagte Alā ed-Dîn zu ihm: »Ich wünsche, daß du mir ein Rochei bringst und es in der Schloßkuppel aufhängst.« Als aber der Mârid Alā ed-Dîns Worte vernahm, verfinsterte sich sein Gesicht, und ergrimmt schrie er ihn mit Donnerstimme an: »Du Undankbarer, genügt es dir nicht, daß ich und alle Sklaven der Lampe dir dienstbar sind, daß du auch noch verlangst, ich solle dir zu deinem Vergnügen unsre Herrin bringen, damit du sie in deiner Schloßkuppel zu deiner und deiner Gattin Belustigung aufhängst? Bei Gott, ihr beide verdient, daß ich euch auf der Stelle zu Asche verwandle und euch in die Luft streue. Da ihr, du und deine Gattin, hiervon jedoch nichts wisset und das innere Wesen vom äußern Schein nicht zu unterscheiden vermögt, so will ich euch vergeben, dieweil ihr schuldlos seid. Die Schuld trifft jenen Verruchten, den Bruder des maghribitischen Zauberers, der hier als Fâtime wohnt, deren Kleider er anzog, nachdem er sie in der Höhle erschlug und ihre Sachen anlegte. Er kam zu deinem Verderben hierher, um seinen Bruder an dir zu rächen, und stiftete deine Gattin an dies von dir zu verlangen.« Hierauf verschwand der Mârid von Alā ed-Dîn, dem der Verstand beim Anhören dieser Worte aus dem Kopfe flog und von der Donnerstimme des Mârids alle Gelenke schlotterten; dann aber faßte er wieder Mut und, sich sofort erhebend, verließ er sein Gemach und trat zu seiner Gemahlin ein. Er gab an, Kopfweh zu haben, da er wußte, daß Fâtime berühmt für die Kunst war alle Schmerzen zu heilen. Als nun die Herrin Bedr el-Budûr sah, daß er die Hand an den Kopf legte und sich über Schmerzen beklagte, fragte sie ihn, was ihm fehle, worauf er erwiderte: »Ich weiß nur, daß mich der Kopf sehr schmerzt.« Da ließ sie sofort Fâtime rufen, damit sie ihre Hand auf seinen Kopf legte, und Alā ed-Dîn fragte: 113 »Wer ist Fâtime?« Hierauf erzählte ihm die Herrin Bedr el-Budûr, daß sie die Asketin Fâtime zu sich in den Serâj aufgenommen hätte, während die Sklavinnen inzwischen fortgingen und den verruchten Maghribiten holten. Alā ed-Dîn erhob sich vor ihm und sich stellend, als ob er nicht den geringsten Verdacht gegen ihn hegte, begrüßte er ihn, als wäre er wirklich die Asketin Fâtime, worauf er ihm den Saum seines Ärmels küßte, ihn willkommen hieß und zu ihm sprach: »O meine Herrin Fâtime, ich hoffe, daß du mir einen Dienst erweisen wirst, da ich heftige Kopfschmerzen habe und deine Übung im Heilen von Schmerzen kenne.« Der verruchte Maghribite vermochte es kaum zu glauben, diese Worte zu hören, da dies gerade war, was er wünschte. Er trat an ihn heran, um ihm die Hand aufs Haupt zu legen und ihn zu heilen; während er aber die eine Hand auf sein Haupt legte, fuhr er mit der andern unter seine Sachen und zog einen Dolch hervor, um ihn damit zu ermorden. Alā ed-Dîn war jedoch auf seiner Hut vor ihm und wartete, bis er den Dolch ganz gezückt hatte; dann entriß er ihm den Dolch aus der Hand und stieß ihm denselben tief ins Herz. Als die Herrin Bedr el-Budûr dies erblickte, stieß sie einen lauten Schrei aus und rief: »Was hat diese tugendhafte Heilige gethan, daß du ihr Blut vergießest und dir eine so schwere Schuld auflädst? Hast du keine Furcht vor Gott, daß du Fâtime ermordest, eine so fromme Frau, die durch ihre Wunderthaten berühmt ist?« Alā ed-Dîn versetzte: »Ich habe nicht Fâtime ermordet, sondern den Mörder Fâtimes; dies ist der Bruder des verruchten maghribitischen Zauberers, der dich mit dem Palast durch seine Zauberei nach Afrika versetzte. Der Verruchte verübte diese Listen und ermordete Fâtime und legte ihre Sachen an, worauf er hierher kam, um seinen Bruder an mir zu rächen. Er stiftete dich an, von mir ein Rochei zu verlangen, damit ich dadurch umkäme. Zweifelst du an meinen Worten, so tritt herzu und schau, wen ich ermordet habe.« Alsdann hob er den Gesichtsschleier des 114 Maghribiten auf, worauf die Herrin Bedr el-Budûr hinschaute und ein von einem Bart ganz bewachsenes Mannesantlitz erblickte. Da erkannte sie den wahren Sachverhalt und sagte zu Alā ed-Dîn: »O mein Geliebter, dies ist das zweite Mal, daß ich dich in Todesgefahr stürzte.« Alā ed-Dîn versetzte: »Das hat nichts zu sagen, meine Herrin Bedr el-Budûr, deinen Augen zuliebe. Ich nehme alles was mir von dir kommt, mit Freuden an.« Als die Herrin Bedr el-Budûr diese Worte von ihm vernahm, warf sie sich in seine Arme und sagte zu ihm, ihn küssend: »O mein Liebling, alles dies geschah ja aus Liebe zu dir; ich wußte nichts hiervon und schätze deine Liebe nicht gering.« Da küßte Alā ed-Dîn sie und preßte sie an seine Brust, und ihre Liebe zu einander ward noch größer. Zu derselben Zeit kam der Sultan zu ihnen, worauf sie ihm ihr Erlebnis mit dem Bruder des maghribitischen Zauberers erzählten und ihm seinen Leichnam zeigten. Da befahl der Sultan ihn zu verbrennen und seine Asche wie die seines Bruders in die Luft zu streuen. Hierauf führte Alā ed-Dîn mit seiner jungen Gemahlin der Herrin Bedr el-Budûr ein heiteres und angenehmes Leben, frei von jeglicher Gefahr; und, als der Sultan nach einiger Zeit starb, setzte sich Alā ed-Dîn auf den Thron des Reiches und regierte seine Unterthanen in Gerechtigkeit, und alle Welt liebte ihn. So führte er mit seiner jungen Gemahlin der Herrin Bedr el-Budûr das angenehmste, fröhlichste und zufriedenste Leben, bis der Zerstörer der Freuden und der Trenner der Vereinigungen sie heimsuchte.

 


 

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