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Tausend und eine Nacht. Band XVII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XVII - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XVII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages174
created20180413
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Geschichte des Schuhflickers Maarûf.

Ferner erzählt man, o glückseliger König, daß in Kairo der wohlverwahrten Stadt einmal ein Schuhflicker lebte, der alte Schuhe flickte. Derselbige hieß Maarûf, und er hatte eine Frau, Namens Fâtime, welcher die Leute den Beinamen el-UrreDer Mist. gegeben hatten, weil sie ein herumstänkerndes, schamloses, skandalsüchtiges Lotterweib war, das ihren Mann beherrschte und ihn alle Tage schmähte und tausendmal verfluchte, während er vor ihrer Bosheit Angst hatte und sich vor dem Leid, das sie ihm anthat, fürchtete, da er ein verständiger und auf seinen Ruf bedachter, wiewohl armer Mann war. Wenn er durch seine Arbeit viel verdient hatte, so gab 116 er es für sie aus; hatte er aber wenig erarbeitet, dann rächte sie sich in der Nacht dafür an seinem Leib, indem sie ihm die Gesundheit raubte und ihm die Nacht so schwarz als ihr BuchDas Buch ihrer Thaten. machte, so daß sie war, wie der Dichter von ihr sagt:

»Wie viele Nächte verbracht' ich mit meinem Weib!
In unseligster Weise verstrichen sie,
Ach hätt' ich doch in der Hochzeitsnacht
Gift genommen und sie vergiftet!«

Unter anderm nun, was er von ihr zu erleiden hatte, traf es sich auch, daß sie zu ihm sagte: »Maarûf, ich wünsche, daß du mir heute Nacht Kanâfe mit Bienenhonig bringst.« Er versetzte: »Wenn Gott, der Erhabene, mir das Geld dazu verschafft, so will ich sie dir heute Nacht bringen; bei Gott, ich habe heute kein Geld, aber vielleicht verhilft mir Gott dazu.« Sie versetzte: »Ich kehre mich nicht an diese Worte.

Neunhundertundneunzigste Nacht.

Ob dir Gott hilft oder nicht, ist mir ganz gleich; doch komm mir nicht ohne Kanâfe mit Bienenhonig heim; kehrst du mir ohne Kanâfe mit Bienenhonig heim, so mache ich die Nacht dir ebenso wie dein Glück, als du mich heiratetest und in meine Hände fielest.« Er erwiderte ihr: »Gott ist gütig.« Alsdann ging er, Kummer um sich her verbreitend, fort und verrichtete das Morgengebet, worauf er den Laden öffnete und sprach: »Ich bitte dich, Herr, gieb mir heute das Geld für die Kanâfe zu verdienen und schütze mich heute Nacht vor der Bosheit dieses Lotterweibs.« Er saß jedoch bis Mittag in seinem Laden, ohne daß er eine Arbeit bekam, so daß seine Furcht vor seinem Weib wuchs, und er sich erhob und, seinen Laden verschließend, hinausging, ratlos, was er in Sachen der Kanâfe thun sollte, zumal wo er nicht einmal etwas besaß, um Brot zu kaufen. Als er nun auf seinem Wege an dem Laden eines Kanâfenbäckers vorüberkam, blieb 117 er verstört vor ihm stehen, und die Augen schwammen ihm in Thränen. Der Kanâfenbäcker, der nach ihm blickte, fragte ihn deshalb: »Meister Maarûf, warum weinst du? Sag' mir, was dir widerfahren ist.« Da erzählte er ihm seine Geschichte und sagte: »Mein Weib ist eine Tyrannin, die von mir eine Kanâfe haben will. Bis Mittag saß ich im Laden, ohne daß ich selbst den Preis fürs Brot verdiente; und nun fürchte ich mich vor ihr.« Da lachte der Kanâfenbäcker und sagte: »Gräm' dich nicht; wie viel Pfund wünschest du?« Er versetzte: »Fünf Pfund.« Da wog er ihm fünf Pfund ab und sagte zu ihm: »Butter hab' ich wohl, doch hab' ich keinen Bienenhonig; hier ist Zuckerhonig, der noch schöner als Bienenhonig ist; was kann es schaden, wenn du Zuckerhonig nimmst?« Da schämte er sich vor ihm, da er ihm den Preis stundete, und sagte zu ihm: »So gieb Zuckerhonig.« Hierauf backte er ihm die Kanâfe in Butter und begoß sie mit Zuckerhonig, daß sie Königen hätte geschenkt werden können. Dann fragte er ihn: »Brauchst du auch Brot und Käse?« Maarûf antwortete: »Ja.« Da gab er ihm für vier Halbe Brot und für einen Halben Käse; da aber die Kanâfe zehn Halbe ausmachte, sagte er zu ihm: »Wisse, Maarûf, du schuldest mir fünfzehn Halbe; geh' jetzt zu deinem Weib, vergnüg' dich und nimm noch diesen Halben fürs Bad; ich stunde dir das Geld auf einen, zwei oder drei Tage, bis Gott dir Verdienst giebt. Drangsaliere nicht dein Weib, ich will warten, bis du Geld übrig hast.« Da nahm Maarûf die Kanâfe, das Brot und den Käse und ging getrösteten Herzens heim, indem er den Kanâfenbäcker segnete und sprach: »Preis sei dir, mein Herr, wie gütig du bist!«

Als er bei seiner Frau eintrat, fragte sie ihn: »Hast du die Kanâfe gebracht?« Er versetzte: »Ja,« und setzte sie vor sie hin; als sie nun aber die Kanâfe betrachtete und sah, daß sie mit Zuckerhonig begossen war, sprach sie: »Sagte ich dir nicht, du solltest mir Bienenhonig bringen? Handelst du meinem Wunsch zuwider und richtest sie mit Zuckerhonig an?« 118 Da entschuldigte er sich und sagte zu ihr: »Ich kaufte sie nur auf Kredit.« Sie entgegnete jedoch: »Das sind unnütze Worte; ich will nur Kanâfe mit Bienenhonig essen;« und erbost warf sie ihm die Kanâfe ins Gesicht und sagte: »Steh' auf, Kuppler, und bring' mir andre Kanâfe.« Dabei gab sie ihm einen Backenstreich, der ihm einen Zahn ausschlug, daß ihm das Blut über die Brust lief. Aus Zorn hierüber versetzte er ihr einen einzigen leichten Schlag auf den Kopf, worauf sie ihn an seinem Bart zu packen bekam und schrie: »Zu Hilfe, ihr Moslems!« Da drangen die Nachbarn bei ihnen ein und befreiten seinen Bart aus ihrer Hand, indem sie sie schalten und tadelten und zu ihr sagten: »Wir sind alle zufrieden Kanâfe mit Zuckerhonig zu essen, weshalb tyrannisierst du also diesen armen Mann? Das ist eine Schande für dich!« Dann redeten sie ihr so lange zum Guten zu, bis sie zwischen beiden Frieden gestiftet hatten. Sobald die Leute jedoch fortgegangen waren, schwor sie: »Ich esse nichts von dieser Kanâfe.« Da er nun brennenden Hunger hatte, sprach er bei sich: »Wenn sie geschworen hat, nichts zu essen, so esse ich,« und machte sich über die Kanâfe her. Als sie ihn aber essen sah, sagte sie: »So Gott will, issest du dir Gift in den Leib, das ihn dir zerfrißt.« Er versetzte: »Es soll nicht sein, wie du sagst,« und aß lachend weiter, indem er zu ihr sagte: »Du schworst hiervon nicht essen zu wollen; doch Gott ist gütig, und, so Gott will, bringe ich dir morgen Nacht eine Kanâfe mit Bienenhonig, die du dann allein verspeisen kannst.« Dann gab er ihr begütigende Worte, während sie ihn verfluchte und fortwährend bis zum Morgen schalt und schmähte, worauf sie ihren Arm entblößte, um ihn von neuem zu schlagen. Da sagte er: »Laß mir Zeit, ich will dir andre bringen,« und ging hinaus zur Moschee, wo er das Gebet verrichtete. Dann begab er sich zu seinem Laden und öffnete ihn, worauf er sich hinsetzte. Kaum aber saß er da, als auch schon zwei Boten vom Kadi kamen und zu ihm sprachen: »Steh' auf und steh' dem Kadi Rede; deine Frau hat dich bei ihm verklagt; 119 sie sieht so und so aus.« Er erkannte sie nach der Beschreibung und rief: »Mag Gott sie peinigen!« Dann erhob er sich und begleitete sie, bis er bei dem Kadi eintrat, wo er seine Frau mit verbundenem Arm und blutbesudeltem Schleier, weinend und das Blut abwischend, dastehen sah.« Der Kadi fragte ihn nun: »Mann, fürchtest du dich nicht vor Gott, dem Erhabenen? Wie kannst du diese Frau so prügeln, daß du ihr den Arm zerbrichst und ihr die Zähne ausschlägst?« Maarûf versetzte: »Wenn ich sie geprügelt oder ihr die Zähne ausgeschlagen habe, so beschließ über mich, was du willst; die Geschichte verhält sich vielmehr so und so, und die Nachbarn stifteten wieder Frieden unter uns.« So erzählte er ihm die ganze Sache von Anfang bis zu Ende, worauf der Kadi, der ein braver Mann war, einen Vierteldinar hervorzog und zu ihm sagte: »Nimm dies, besorg' ihr dafür Kanâfe mit Bienenhonig und söhn' dich mit ihr aus.« Maarûf versetzte: »Gieb ihr das Geld.« Und so nahm sie es, und der Kadi stiftete zwischen beiden Frieden, indem er sagte: »Frau, gehorche deinem Mann, und du, Mann, sei freundlich zu ihr.« Hierauf gingen sie, durch des Kadis Hand versöhnt, hinaus, und die Frau ging nach der einen Seite fort, während der Mann in einer andern Richtung nach seinem Laden ging und sich setzte. Mit einem Male aber kamen die Boten wieder zu ihm und sprachen: »Gieb uns unsern Lohn.« Er versetzte: »Der Kadi nahm nichts von mir, vielmehr schenkte er mir einen Vierteldinar.« Sie erwiderten ihm jedoch: »Das ist uns ganz egal, ob der Kadi dir Geld gab oder abnahm; giebst du uns nicht unsern Lohn, so nehmen wir ihn uns mit Gewalt.« Alsdann zerrten sie ihn auf dem Bazar herum, so daß er sein Handwerkszeug verkaufte und ihnen einen halben Dinar gab, worauf sie ihn verließen. Seine Wange auf die Hand stützend, saß er nun bekümmert da, da er keine Geräte mehr zum Arbeiten hatte. Wie er aber so dasaß, kamen mit einem Male zwei Männer von häßlichem Aussehen zu ihm und sprachen zu ihm: »Steh' auf, 120 Mann, und steh' dem Kadi Rede; deine Frau hat dich bei ihm verklagt.« Da sagte er: »Der Kadi hat ja zwischen uns Frieden gestiftet.« Sie versetzten jedoch: »Wir kommen von einem andern Kadi; bei unserm Kadi hat deine Frau Klage geführt.« Da erhob er sich und folgte ihnen, Gott um Hilfe wider sie anrufend. Als er sie dann sah, sagte er zu ihr: »Haben wir uns nicht ausgesöhnt, gute Frau?« Sie erwiderte jedoch: »Zwischen mir und dir giebt's keine Aussöhnung.« Hierauf trat er herzu und erzählte dem Kadi seine Geschichte, indem er hinzusetzte: »Der und der Kadi hat soeben zwischen uns Frieden gestiftet.« Da fuhr der Kadi sie an: »Du Ehebrecherin, wenn ihr euch ausgesöhnt habt, was kommst du denn her, Klage vor mir zu führen?« Sie entgegnete: »Er hat mich hernach geschlagen.« Da versetzte der Kadi: »Macht Frieden miteinander; prügele sie nicht mehr, und sie wird dir auch nicht mehr ungehorsam sein.« So machten sie Frieden, worauf der Kadi zu ihm sagte: »Gieb den Boten ihren Lohn.« Da gab er ihnen ihren Lohn und begab sich wieder in seinen Laden, wo er sich wie berauscht von all dem Kummer, der ihn betroffen hatte, hinsetzte. Während er aber so dasaß, kam mit einem Male ein Mann zu ihm und sagte: »Maarûf, steh' auf und versteck' dich; deine Frau hat dich bei der hohen PforteDer oberste Gerichtshof. verklagt, und Abū TabakDer Büttel. ist hinter dir her.« Da sprang er auf und, seinen Laden verschließend, lief er in der Richtung nach dem Siegesthor fort. Da er aber noch fünf halbe Silberlinge vom Verkauf seiner Leisten und seines Handwerkszeugs her übrig hatte, kaufte er sich unterwegs, als er vor ihr floh, für vier Halbe Brot und für einen Halben Käse; und es trug sich dies in der Winterszeit um die Stunde des Nachmittagsgebets zu. Wie er nun zwischen die Aasgruben gelangte, kam der Regen wie aus Wasserschläuchen auf ihn nieder und durchnäßte seine Sachen, so daß er in die Adilîje-Moschee ging, wo er eine 121 Ruine mit einer verlassenen Zelle ohne Thür sah, in der er Schutz vor dem Regen suchte. Seine Sachen trieften von Wasser, die Thränen liefen ihm von den Lidern, und, bekümmert über all sein Leid, klagte er: »Wohin soll ich vor dieser Ehebrecherin fliehen? O mein Herr, ich bitte dich, sende mir jemand, der mich nach einem fernen Land trägt, zu dem sie nicht den Weg kennt!« Während er aber so dasaß und weinte, spaltete sich mit einem Male die Mauer und eine Gestalt von hohem Wuchs, bei deren Anblick die Haut erschauern konnte, kam heraus zu ihm und sprach: »Mann, warum störst du mich heute Nacht? Seit zweihundert Jahren hause ich an dieser Stätte, ohne daß ich einen diesen Ort betreten und sich wie du benehmen gesehen hätte. Sag' mir, was dein Begehr ist, und ich will dein Anliegen erfüllen, da mein Herz von Mitleid für dich ergriffen ist.« Maarûf entgegnete: »Wer und was bist du?« Die Gestalt erwiderte: »Ich bin der Bewohner dieser Stätte.« Da erzählte ihm Maarûf alles, was ihm von seinem Weib widerfahren war, worauf der Dschinnī ihn fragte: »Soll ich dich zu einem Land bringen, zu dem dein Weib den Weg nicht kennt?« Er versetzte: »Ja.« Nun sagte der Dschinnī zu ihm: »So steig' auf meinen Rücken;« und, sobald er dies gethan hatte, flog er mit ihm von der Zeit nach dem Abend bis zum Anbruch der Morgenröte, worauf er ihn auf einem hohen Berg absetzte –

Neunhundertundeinundneunzigste Nacht.

und zu ihm sagte: »Mensch, wenn du von diesem Berg hinuntersteigst, wirst du die Schwelle einer Stadt sehen; geh' hinein in sie, denn zu ihr weiß sie nicht den Weg, so daß sie unmöglich zu dir gelangen kann.« Hierauf verließ er ihn und verschwand, während Maarûf staunend und verwirrt bis zum Aufgang der Sonne dastand. Dann aber sprach er bei sich: »Ich will von diesem Berg zur Stadt hinuntersteigen, denn hier zu sitzen bringt mir keinen Nutzen ein.« Alsdann 122 stieg er hinab zum Fuß des Berges, wo er eine Stadt mit hohen Mauern, ragenden Schlössern und goldverzierten Häusern erblickte, die eine Wonne für die Beschauer war. Durch das Stadtthor eintretend, sah er, daß sie ein Herz voll Trauer wohl aufzuheitern vermochte; als er aber durch die Bazare schritt, gaffte ihn das Stadtvolk neugierig an und drängte sich voll Verwunderung über seine Kleidung um ihn, da seine Tracht nicht der ihrigen glich. Einer der Leute fragte ihn dann: »Mann, bist du ein Fremdling?« Er versetzte: »Jawohl.« Nun fragte er ihn: »Aus welchem Land?« Er antwortete: »Aus Kairo, der glückseligen Stadt.« Da fragte er ihn: »Es ist wohl schon lange her, daß du sie verließest?« Er erwiderte: »Gestern zur Zeit des Nachmittagsgebets.« Da lachte er ihn aus und sagte: »Leute, kommt her, schaut diesen Mann und hört, was er sagt.« Nun fragten sie: »Was sagt er denn?« Er versetzte: »Er behauptet aus Kairo zu sein und es gestern zur Zeit des Nachmittagsgebets verlassen zu haben.« Da lachten sie und sagten zu ihm, indem sie sich um ihn scharten: »Mann, bist du verrückt, daß du dies sprichst? Wie kannst du behaupten Kairo gestern zur Zeit des Nachmittagsgebets verlassen zu haben und heute Morgen hier eingetroffen zu sein, wo die Sache sich so verhält, daß zwischen unserer Stadt und Kairo eine volle Jahresreise liegt?« Er erwiderte jedoch: »Verrückt seid ihr allein, was mich anlangt, so spreche ich die Wahrheit, denn hier ist Brot aus Kairo, das noch frisch ist.« Dann zeigte er ihnen das Brot, worauf sie es betrachteten und sich über dasselbe verwunderten, da es nicht dem Brot ihres Landes glich; sie drängten sich infolgedessen nur noch mehr um ihn und sagten zu einander: »Das ist Brot von Kairo; seht es euch an.« Und so sah man ihn wie ein Wundertier an, indem die einen ihm glaubten, andere ihn aber für einen Lügner erklärten und sich über ihn lustig machten. Mit einem Male kam ein Kaufmann auf einer Maultierstute angeritten, gefolgt von zwei Sklaven, der sich durch die Menge Bahn brach, indem 123 er zum Volk sagte: »Ihr Leute, schämt ihr euch nicht, euch so um diesen Fremdling zu drängen und ihn zu verspotten und verlachen?« So schalt er sie, bis er sie von ihm fortgescheucht hatte, ohne daß ihm einer zu antworten wagte, worauf er zu ihm sagte: »Komm her, mein Bruder, dir soll von diesem Volk, das keine Scham kennt, nichts zuleide geschehen.« Alsdann nahm er ihn mit sich, bis er ihn in ein weites mit Goldprunk verziertes Haus führte, wo er ihn in einem königlich eingerichteten Empfangszimmer Platz nehmen ließ, während er seinen Sklaven Befehl erteilte, worauf sie eine Kiste öffneten und für ihn einen Anzug hervorholten wie er einen Kaufmann, der seine Tausend ins Trockne gebracht hatte, anstand. Er kleidete ihn in diesen Anzug und, da Maarûf ein ansehnlicher Mann war, sah er nunmehr wie ein Schāhbender aus. Dann bestellte der Kaufmann das Mahl, und sie setzten vor beide einen Tisch mit allerlei köstlichen Gerichten der verschiedensten Arten, worauf sie aßen und tranken. Alsdann fragte ihn der Kaufmann: »Mein Bruder, wie heißest du?« Er versetzte: »Ich heiße Maarûf und bin von Profession ein Schuhflicker.« Hierauf fragte er weiter: »Aus welchem Land bist du?« Maarûf erwiderte: »Aus Kairo.« – »Und aus welchem Viertel?« – Da fragte Maarûf: »Kennst du etwa Kairo?« Der Kaufmann versetzte: »Ich bin ein Kairenser Kind.« Hierauf sagte Maarûf: »Aus der roten Gasse.« Nun fragte der Kaufmann: »Wen kennst du in der roten Gasse?« Maarûf entgegnete: »Den und den und den,« und zählte ihm eine Menge Leute auf, worauf der Kaufmann ihn fragte: »Kennst du nicht auch den Scheich Ahmed den Drogisten?« Er versetzte: »Der ist mein Nachbar, Wand an Wand.« – »Ist er gesund?« – »Ja.« – »Und wie viel Söhne hat er?« – »Drei; den Mustafā, den Mohammed und den Alī.« – »Und was hat Gott mit seinen Söhnen gethan?« – »Was Mustafā anlangt, so geht es ihm gut; er ist ein studierter Mann und Professor; Mohammed ist Drogist, der nach seiner Verheiratung einen Laden 124 neben dem seines Vaters aufthat; und seine Frau gebar ihm einen Knaben, Namens Hasan.« Da rief der Kaufmann: »Gott erfreue dich mit guter Nachricht!« Maarûf aber fuhr fort: »Was dann schließlich den Alī anlangt, so war er mein Freund in meiner Kindheit, und wir spielten stets zusammen und verkleideten uns als Christenjungen und gingen in die Kirchen, aus denen wir die Bücher der Nazarener stahlen, um sie zu verkaufen und uns für den Erlös etwas zum Essen zu kaufen. Da traf es sich einmal, daß uns die Nazarener sahen und uns mit einem Buch erwischten, worauf sie sich bei unsern Angehörigen beklagten und zu seinem Vater sagten: »Wenn du deinen Sohn nicht davon zurückhältst uns zu schädigen, so werden wir ihn beim König verklagen.« Da gab er ihnen gute Worte und verabfolgte ihm ein Futter Prügel; der Knabe aber lief aus diesem Grunde zur selbigen Stunde fort, ohne daß man erfuhr wohin, und er ist nunmehr zwanzig Jahre lang abwesend, ohne daß jemand irgend eine Nachricht von ihm vernommen hätte.« Da sagte der Kaufmann: »Ich bin Alī, der Sohn des Scheichs Ahmed des Drogisten, und du bist mein Freund, o Maarûf.« Hierauf begrüßten sie einander, und nach dem Salâm sagte der Kaufmann zu ihm: »Maarûf, sag' mir nun, weshalb du von Kairo zu dieser Stadt kamst.« Da erzählte er ihm alles, was ihm seine Frau Fâtime el-Urre zugefügt hatte, und schloß mit den Worten: »Als mir nun ihre Plackereien zu lästig wurden, floh ich vor ihr in der Richtung des Siegesthors und barg mich, als mich unterwegs ein Regen überfiel, in einer zerfallenen Zelle in der Adilîje, wo ich weinend dasaß, als mit einem Male der Bewohner der Stätte, ein Ifrît von den Dschinn, zu mir herauskam und mich fragte, was mir fehlte, worauf ich ihm meine Lage mitteilte. Da lud er mich auf seinen Rücken und flog mit mir die ganze Nacht über zwischen Himmel und Erde, bis er mich auf einem Berg absetzte und mir von dieser Stadt sprach, worauf ich den Berg hinunterstieg und in die Stadt trat. Hier drängte sich 125 das Volk jedoch um mich und fragte mich aus, ohne mir Glauben zu schenken, als ich ihnen sagte, ich hätte gestern Kairo verlassen. Da kamst du und wehrtest die Leute von mir ab, worauf du mich in dieses Haus brachtest. Das ist der Grund, weshalb ich Kairo verließ; du aber, weshalb kamst du hierher?« Der Kaufmann entgegnete: »Der Leichtsinn überkam mich im Alter von sieben Jahren, seit welcher Zeit ich von Land zu Land und Stadt zu Stadt zog, bis ich nach dieser Stadt kam, deren Name Ichtijân el-Chotan ist. Als ich sah, daß ihre Bewohner gütige und teilnehmende Leute waren, die dem Armen Treu und Glauben schenkten, ihm Kredit gaben und allen seinen Worten glaubten, sprach ich zu ihnen: »Ich bin ein Kaufmann und habe mein Gepäck hinter mir gelassen; ich möchte einen Ort haben, wo ich es unterbringen kann.« Da glaubten sie mir und räumten mir einen Platz ein. Dann sagte ich zu ihnen: »Ist einer unter euch, der mir tausend Dinare leihen will, bis meine Waren kommen, wo ich ihm das von ihm entlehnte wider zurückerstatten will? Ich brauche einige Sachen, bevor meine Waren eintreffen.« Da gaben sie mir, was ich wünschte, worauf ich mich auf den Bazar der Kaufleute begab; als ich dort etwas Waren sah, kaufte ich sie und verkaufte sie am andern Tage mit einem Gewinn von fünfzig Dinaren; dann kaufte ich andere Waren und verkehrte mit dem Volk und behandelte die Leute höflich, daß sie mich liebgewannen. So mehrte sich durch Kauf und Verkauf mein Geld. Wisse aber, mein Bruder, das Sprichwort sagt: »Die Welt ist Lug und Trug;« in einem Land, wo dich keiner kennt, thu', was du willst. Wenn du zu allen, die dich fragen, sagst: »Ich bin ein armer Schuhflicker und lief gestern meiner Frau aus Kairo fort,« so werden sie dir nicht glauben, sondern dich, so lange du in dieser Stadt weilst, zum besten haben. Sagst du aber: »Ein Ifrît lud mich auf,« so werden sie vor dir fortlaufen, und keiner wird dir nahen, sondern sie werden sagen: »Dieser Mann ist von einem Ifrît besessen, und jedem, 126 der ihm zu nahe kommt, geschieht etwas zuleide.« Und dieses gemeine Gerede bleibt an mir und dir kleben, da sie wissen, daß ich aus Kairo bin.« Da fragte Maarûf: »Was soll ich denn thun?« Der Kaufmann erwiderte: »Ich werde dir sagen, was du thun sollst. So Gott will, der Erhabene, gebe ich dir morgen tausend Dinare und eine Maultierstute zu reiten nebst einem Sklaven, der vor dir herzuschreiten hat, bis du zum Thor des Bazars der Kaufleute gelangst. Geh' zu ihnen hinein, ich werde unter ihnen sitzen und, wenn ich dich sehe, werde ich aufstehen, dich begrüßen, dir die Hand küssen und viel Wesens von dir machen. So oft ich dich dann frage: »Hast du etwas von dem und dem Zeug mitgebracht,« so sprich: »Eine Menge.« Fragen sie mich nach dir, so will ich dich rühmen und in ihren Augen herausstreichen und zu ihnen sagen: »Gebt ihm ein Magazin und einen Laden.« Ich will dich als einen reichen und hochherzigen Mann ausgeben, und, so ein Bettler zu dir kommt, so gieb ihm eine Kleinigkeit, daß sie meinen Worten glauben und von deinem Wert und deiner Großmut überzeugt sind und dich liebgewinnen. Alsdann will ich dich und alle Kaufleute um deinetwillen einladen, daß ihr zusammen kommt und euch gegenseitig kennen lernt, –

Neunhundertundzweiundneunzigste Nacht.

und damit du kaufen und verkaufen und nehmen und geben kannst; nach kurzer Zeit wirst du so ein reicher Mann geworden sein.«

Am nächsten Morgen gab er ihm tausend Dinare und kleidete ihn in einen Anzug, worauf er ihn ein Maultier zum Reiten und einen Sklaven gab, indem er zu ihm sagte: »Mag Gott dich von all deiner Schuld frei machen, denn du bist mein Freund, und es geziemt mir großmütig an dir zu handeln. Sei ohne Sorge, vergiß deines Weibes Betragen und sprich zu niemand von ihr.« Maarûf erwiderte ihm: »Gott lohne es dir mit Gutem!« Alsdann setzte er sich 127 aufs Maultier und ritt los, während der Sklave ihm voranschritt, bis er zum Thor des Bazars der Kaufleute gelangte, unter denen auch der Kaufmann Alī saß. Als dieser ihn sah, sprang er auf und rief, sich auf ihn stürzend: »Ein gesegneter Tag, o Kaufmann Maarûf, o Mann von guten Werken und Güte!«Eine Anspielung auf seinen Namen: Maarûf = Gefälligkeit, Güte. Dann küßte er ihm vor den Kaufleuten die Hand und sprach: »Ihr Brüder, der Kaufmann Maarûf erfreut euch durch seine Gesellschaft.« Da begrüßten sie ihn, während er ihnen Winke gab ihn zu ehren, so daß er in ihren Augen groß ward. Nachdem er ihm dann von seinem Maultier herabgeholfen hatte, und sie ihn begrüßt hatten, nahm er einen nach dem andern beiseite und strich ihn vor ihnen heraus, worauf sie ihn fragten: »Ist er ein Kaufmann?« Alī versetzte: »Jawohl; und er ist der größte Kaufmann, den man, was Reichtum anlangt, finden kann. Sein Geld, das seines Vaters und seiner Vorväter ist unter den Kaufleuten Kairos berühmt. Er hat Teilhaber in El-Hind und Es-SindBeide Länder zusammen bezeichnen Indien. El-Hind ist das Gangesland, Es-Sind das untere Indusgebiet. und El-Jemen und ist wegen seiner Großmut berühmt. Erkennt daher seine Würde, erhöht seinen Rang und dienet ihm; und wisset, er kam in diese Stadt nicht etwa um Handel zu treiben, sondern allein, um sich das Land der Menschen anzusehen, da er es nicht nötig hat des Verdienstes und Gewinns halber in die Fremde zu ziehen; er hat Geld und Gut, das kein Feuer verzehren kann, und ich bin einer seiner Diener.« In dieser Weise rühmte er ihn, bis sie ihn über ihre Häupter setzten und einander seine Eigenschaften rühmten; dann drängten sie sich um ihn und boten ihm Näschereien und Scherbetts an, bis der Schāhbender zu ihm kam und ihn begrüßte, während der Kaufmann Alī ihn in Gegenwart der andern Kaufleute fragte: »Mein Herr, hast du vielleicht etwas von dem und dem Zeug mitgebracht?« worauf er ihm dann antwortete: »Eine Menge.« 128 Er hatte ihm nämlich zuvor verschiedene kostbare Zeugsorten gezeigt und ihm die Namen der Zeugsorten, der teuren wie der billigen, beigebracht. Infolgedessen fragte ihn dann ein anderer Kaufmann: »Mein Herr, hast du vielleicht auch gelbes Tuch mitgebracht?« Er erwiderte: »Eine Menge.« – »Und auch gazellenblutrotes?« – »Eine Menge.« – Und so oft er ihn nach etwas fragte, antwortete er ihm: »Eine Menge,« – worauf der andre zu Alī sagte: »O Kaufmann Alī, wenn dein Landsmann tausend Lasten wertvollen Zeugs aufladen wollte, er vermöchte es;« und Alī erwiderte ihm: »Er würde sie aus einem einzigen Magazin aufladen und nichts vermissen.« Während sie aber so dasaßen, machte ein Bettler bei den Kaufleuten die Runde, von denen ihm der eine einen halben Silberling, der andere einen Kupferling, der größte Teil aber nichts gab, bis er auch zu Maarûf kam, der eine Hand voll Gold nahm und sie ihm gab, worauf der Bettler ihn segnete und fortging. Die Kaufleute verwunderten sich hierüber und sprachen: »Das sind königliche Spenden, denn er giebt dem Bettler Gold ohne Zahl. Wäre er nicht ein schwerreicher Mann, so hätte er dem Bettler nicht eine Handvoll Gold gegeben.« Nach einer Weile kam eine arme Frau an, der er wieder eine Handvoll Gold gab, worauf sie unter Segenswünschen für ihn fortging und es den Bettlern erzählte, die nun einer nach dem andern zu ihm kamen, während er jedem eine Handvoll schenkte, bis er die tausend Dinare ausgegeben hatte. Da schlug er Hand wider Hand und rief: »Unser Genüge ist Gott, und trefflich ist dieser Sachwalter!« Hierauf fragte ihn der Schāhbender: »Was fehlt dir, Kaufmann Maarûf?« Er versetzte: »Es scheint als ob die Mehrzahl der Leute dieser Stadt Bettler und Arme sind; hätte ich dies zuvor gewußt, so hätte ich mir in dem Reisesack einen Posten Geld mitgenommen und ihn den Bettlern geschenkt. Ich fürchte, ich bleibe lange von der Heimat fort, und zu meiner Natur gehört es, keinen Bettler abzuweisen. Nun hab' ich kein Gold mehr, und, so ein Bettler 129 zu mir kommt, was soll ich da zu ihm sagen?« Der Schāhbender erwiderte: »Sprich zu ihm: Gott wird dir dein täglich Brot geben.« Maarûf entgegnete jedoch: »Das ist nicht meine Gewohnheit; ich bin deshalb bekümmert und hätte gern tausend Dinare, sie als Almosen zu verteilen, bis mein Gepäck kommt.« Da sagte der Schāhbender: »Sei unbekümmert,« und ließ durch einen seiner Diener tausend Dinare für ihn holen, worauf er wieder jeden vorübergehenden Bettler beschenkte, bis der Mittagsazân erscholl. Da traten sie in die Hauptmoschee und verrichteten das Mittagsgebet, wo er den Rest der tausend Dinare über die Köpfe der Betenden ausstreute, so daß die Leute auf ihn aufmerksam wurden und ihn segneten, während sich die Kaufleute über seinen großen Edelmut und seine Freigebigkeit verwunderten. Hierauf wendete er sich zu einem andern Kaufmann und borgte von ihm ebenfalls tausend Dinare zum Verteilen, während der Kaufmann Alī seinem Treiben zusah, ohne daß er etwas zu sagen wagte. Maarûf aber fuhr in dieser Weise bis zum Nachmittagsazân fort, worauf er in die Moschee ging und betete, wobei er den Rest des Geldes verteilte; und, als sie das Thor des Bazars verschlossen, hatte er fünftausend Dinare auf Borg genommen und verteilt, indem er zu jedem, von dem er sich etwas borgte, sagte: »Wenn mein Gepäck kommt, sollst du Gold oder Zeug ganz nach Belieben haben, denn ich habe eine Menge bei mir.« Zum Abend lud er dann den Kaufmann Alī und all die andern Kaufleute ein; er ließ Alī auf dem Ehrenplatz sitzen und sprach von nichts anderm als Zeugen und Juwelen, und, so oft sie ihm etwas nannten, sagte er: »Ich hab' eine Menge davon bei mir.« Am andern Tag ging er wieder auf den Bazar und pumpte die Leute an, worauf er das Geld unter die Armen verteilte. Nachdem er dies jedoch zwanzig Tage lang getrieben und von den Leuten sechzigtausend Dinare geborgt hatte, ohne daß Gepäck oder sonst was gekommen wäre, lärmten die Leute um ihr Geld und sagten: »Das Gepäck des Kaufmanns Maarûf 130 kommt nicht; wie lange will er noch den Leuten das Geld abborgen und es den Armen geben?« Einer der Kaufleute sagte darauf: »Mein Vorschlag ist, wir sprechen mit seinem Landsmann dem Kaufmann Alī darüber.« Und so begaben sie sich zu ihm und sagten: »Kaufmann Alī, das Gepäck des Kaufmanns Maarûf kommt nicht.« Alī erwiderte ihnen: »Geduldet euch nur, es kommt ganz gewißlich bald.« Dann aber nahm er Maarûf beiseite und sprach zu ihm: »Maarûf, was sind das für Sachen? Sagte ich dir, das Brot zu rösten oder zu verbrennen? Siehe, die Kaufleute lärmen um ihr Geld und sagten mir, du schuldetest ihnen sechzigtausend Dinare, die du von ihnen entnommen und unter die Bettler verteilt hättest. Wie willst du den Leuten deine Schuld bezahlen, wo du weder verkaufst noch kaufst?« Maarûf entgegnete ihm: »Was ist los? Was sind denn sechzigtausend Dinare? Wenn das Gepäck kommt, will ich es ihnen wieder geben, in Zeug oder in Gold oder Silber, ganz nach ihrem Belieben.« Da rief der Kaufmann Alī: »Gott ist groß! Hast du denn überhaupt Gepäck?« Er versetzte: »Eine Menge.« Alī erwiderte: »Gott und die Heiligen über dich und deine Unverschämtheit! Habe ich dich etwa diese Worte gelehrt, sie gegen mich zu brauchen? Jedoch will ich den Leuten über dich reinen Wein einschenken.« Da sagte Maarûf: »Fort mit dir und schwatz' nicht soviel. Bin ich etwa ein Bettler? In meinem Gepäck hab' ich eine Menge Dinge, und, wenn es eintrifft, sollen sie für ihr Geld das doppelte an Waren wieder haben. Ich bedarf ihrer nicht.« Bei diesen seinen Worten erboste sich der Kaufmann Alī und sprach zu ihm: »Ungebildeter Mensch, ich will dir schon zeigen, was es heißt mich ohne Scham zu belügen.« Maarûf versetzte jedoch: »Was aus deiner Hand kommt, das thu' mir; laß sie warten, bis mein Gepäck kommt, und dann sollen sie ihr Geld und noch drüber hinaus wieder haben.« Hierauf verließ ihn Alī und ging fort, indem er bei sich sprach: »Ich rühmte ihn zuvor und, wenn ich ihn jetzt tadle, so verrat' ich mich als 131 Lügner; und mich trifft das Wort: Wer erst rühmt und dann tadelt, ist ein zwiefältiger Lügner.« Und so wußte er nicht, was er thun sollte. Wie nun die Kaufleute zu ihm kamen und ihn fragten, ob er mit ihm gesprochen hätte, antwortete er ihnen: »Ihr Leute, ich schäme mich vor ihm, und vermag nicht mit ihm darüber zu sprechen, da er mir auch tausend Dinare schuldet; als ihr ihm das Geld gabt, fragtet ihr mich nicht zuvor um Rat, so daß ihr nichts von mir verlangen könnt. Verlangt euer Geld selber von ihm, und, wenn er es euch nicht giebt, so führt über ihn Klage vor dem König der Stadt und sprecht zu ihm: »Er ist ein Betrüger, der uns betrogen hat. Der König wird euch dann von ihm befreien.« Da begaben sie sich zum König und teilten ihm den Vorfall mit, indem sie sprachen: »O König der Zeit, wir wissen uns mit diesem Kaufmann keinen Rat, der von ausnehmender Großmut ist. Er verfährt so und so, und alles, was er borgt, verteilt er mit vollen Händen unter die Bettler. Wäre er ein dürftiger Mensch, so würde er nicht das Gold faustweise den Bettlern geben, und, wäre er begütert, so wäre uns seine Wahrhaftigkeit durch das Eintreffen seines Gepäcks erwiesen worden. Wir sehen jedoch kein Gepäck eintreffen, wiewohl er behauptet, daß er solches habe und ihm vorausgezogen sei. So oft wir ihm eine Sorte Zeug nennen, sagt er: »Ich habe eine Menge davon,« doch ist schon geraume Zeit darüber verstrichen, ohne daß etwas von seinem Gepäck zu sehen ist, und er schuldet uns sechzigtausend Dinare, die er alle unter die Bettler verteilt hat.« Dann rühmten sie ihn und priesen seine Großmut. Jener König war aber sehr habgierig, habgieriger selbst als AschabEin Sklave des Chalifen Othmann, sprichwörtlich geworden wegen seiner Habgier.; und, als er nun von seiner Großmut und Freigebigkeit vernahm, überkam ihn die Gier, so daß er zu seinem Wesir sprach: »Wenn dieser Kaufmann nicht viel Geld besäße, so würde er nicht all diese Großmut bethätigt haben. Sicherlich trifft sein Gepäck ein, 132 und dann drängen sich diese Kaufleute um ihn, und er streut eine Menge Geld unter sie. Ich verdiene das Geld aber mehr als sie, weshalb ich mit ihm Freundschaft schließen und ihm meine Zuneigung zeigen will, so daß ich, wenn sein Gepäck kommt, von ihm nehme, was sonst die Kaufleute nehmen; und ich will ihn mit meiner Tochter vermählen und so sein Geld zu meinem Geld fügen.« Der Wesir entgegnete ihm: »O König der Zeit, ich glaube, daß er nichts anderes als ein Betrüger ist, und der Betrüger verwüstet des Habgierigen Haus.«

Neunhundertunddreiundneunzigste Nacht.

Der König versetzte: »O Wesir, ich will ihn auf die Probe stellen, um zu erfahren, ob er ein Betrüger ist oder ob er die Wahrheit spricht und in glücklichen Verhältnissen aufwuchs oder nicht.« Nun fragte ihn der Wesir: »Wodurch willst du ihn auf die Probe stellen?« Der König versetzte: »Ich habe ein Juwel, und ich will nach ihm schicken und ihn vor mich kommen lassen; hat er sich dann gesetzt, so will ich ihn mit Auszeichnung behandeln und ihm das Juwel geben. Wenn er weiß, was es ist und welchen Wert es hat, so ist er ein Mann von Gut und Vermögen; weiß er's jedoch nicht, so ist er ein Betrüger und Emporkömmling, und ich lasse ihn aufs schimpflichste hinrichten.« Alsdann ließ ihn der König vor sich entbieten und wies ihm, nachdem er den Salâm mit ihm getauscht hatte, den Platz an seiner Seite an, worauf er ihn fragte: »Bist du der Kaufmann Maarûf?« Er versetzte: »Jawohl.« Hierauf sagte er zu ihm: »Siehe, die Kaufleute behaupten, du schuldetest ihnen sechzigtausend Dinare. Ist ihre Behauptung wahr?« Maarûf erwiderte. »Jawohl.« Nun fragte der König: »Und warum giebst du ihnen nicht ihr Geld wieder?« Maarûf entgegnete: »Sie mögen sich nur gedulden, bis mein Gepäck kommt, dann will ich ihnen das Doppelte geben; wollen sie Gold, so gebe ich ihnen Gold, wollen sie Silber, so sollen sie Silber haben. 133 und wollen sie Ware, so geb' ich ihnen Ware; und der, dem ich tausend schulde, erhält von mir zweitausend dafür, daß er mein Gesicht vor den Armen verhüllt hat; denn ich habe eine Menge.« Hierauf sagte der König zu ihm: »Kaufmann, nimm dies und schau, von welcher Art es ist und welchen Wert es hat«; dann gab er ihm ein Juwel von der Größe einer Haselnuß, das der König für tausend Dinare gekauft hatte und sehr schätzte, da er kein gleiches hatte.« Maarûf nahm es in seine Hand und zerbrach es, indem er es zwischen Daumen und Schwurfinger drückte, da es dünn war und den Druck nicht vertragen konnte. Als der König nun zu ihm sagte: »Weshalb hast du das Juwel zerbrochen?« lachte er und sagte: »O König der Zeit, das ist kein Juwel, das ist nur ein Stück Stein im Werte von tausend Dinaren. Wie kannst du das ein Juwel nennen? Der Preis eines Juwels beträgt siebzigtausend Dinare, und dies heißt man nur ein Stück Stein. Ein Juwel, das nicht so groß wie eine Walnuß ist, hat keinen Wert in meinen Augen, und ich kümmere mich nicht darum. Wie kannst du als König dies ein Juwel nennen, wo es nur ein Stück Stein im Wert von tausend Dinaren ist? Jedoch seid ihr zu entschuldigen, da ihr arm seid und keine Schätze von Wert besitzet.« Da fragte ihn der König: »O Kaufmann, hast du denn solche Juwelen, wie du da erwähnst.« Maarûf versetzte: »Eine Menge.« Da packte den König die Habgier, so daß er zu ihm sagte: »Willst du mir echte Juwelen geben?« Er erwiderte: »Wenn mein Gepäck kommt, will ich dir eine Menge geben; alles, was du von mir verlangen magst, hab' ich in Menge, und ich geb' es dir umsonst.« Da freute sich der König und sagte zu den Kaufleuten: »Geht eures Weges und wartet bis sein Gepäck eintrifft, kommt dann her zu mir und empfangt euer Geld von mir.« Und so gingen die Kaufleute fort.

Der König aber sprach nun zum Wesir: »Sei aufmerksam zum Kaufmann Maarûf, red' mit ihm hin und her und 134 sprich mit ihm von meiner Tochter, daß er sie heiratet, und wir seine Schätze einstreichen.« Der Wesir entgegnete: »O König der Zeit, die Art dieses Mannes gefällt mir nicht; ich halte ihn für einen Betrüger und Lügner. Laß diese Worte ruhen, damit du nicht deine Tochter für nichts und wider nichts verlierst.« Der Wesir aber hatte zuvor den König gedrängt, ihn mit seiner Tochter zu verheiraten, und der König hatte es auch gewollt, sie aber hatte sich geweigert, als ihr dies zu Ohren kam. Infolgedessen sagte der König zu ihm: »Verräter, du wünschest mir nichts Gutes, da du dich selber zuvor um meine Tochter beworben hattest, während sie dich abwies; jetzt willst du ihr den Weg zur Heirat abschneiden und wünschest, daß sie brach liegt, damit du sie selber nehmen kannst. Höre jedoch dies Wort von mir: Dich geht diese Sache gar nichts an; wie kann er ein Betrüger und Lügner sein, wo er als Wert des Juwels gerade so viel angab als ich dafür bezahlt hatte, und wo er es zerbrach, da es ihm nicht gefiel? Er hat Juwelen in Menge und, wenn er zu meiner Tochter geht und sieht, daß sie liebreizend ist, dann wird sie seinen Verstand gefangen nehmen, und er wird sie lieben und ihr Juwelen oder Kostbarkeiten schenken. Du aber willst mich und meine Tochter dieser Reichtümer berauben.« Da schwieg der Wesir aus Furcht vor des Königs Zorn, indem er bei sich sprach: »Hetz' Hunde aufs Vieh.«Ergänze: Dann bekommst du sie nicht wieder vom Vieh los. Hierauf begab er sich zum Kaufmann Maarûf und sprach zu ihm: »Siehe, Seine Majestät der König liebt dich, und er hat eine Tochter, reich an Schönheit und Anmut, die er mit dir verheiraten möchte. Was sagst du dazu?« Maarûf erwiderte: »Das kann nichts schaden, jedoch mag er sich gedulden, bis mein Gepäck kommt, denn die Brautgabe für Prinzessinnen ist groß, indem ihr Rang eine entsprechende Morgengabe erfordert. Jetzt hab' ich kein Geld bei mir, doch mag er sich gedulden, bis mein Gepäck kommt, denn ich habe Gut in 135 Menge, und ich muß ihr unter allen Umständen eine Brautgabe von fünftausend Beuteln schenken; ferner bedarf ich tausend Beutel zum Verteilen an die Bettler und Armen in der Hochzeitsnacht, tausend Beutel, für die, welche am Brautzug teilnehmen und für tausend Beutel will ich für die Truppen und dergleichen Speisen beschaffen lassen; schließlich brauch' ich noch hundert Juwelen als Geschenk für die Prinzessin am Morgen nach der Hochzeit, und hundert Juwelen möchte ich unter die Sklavinnen und Eunuchen verteilen, da ich jedem ein Juwel dem Rang der Braut zu Ehren schenken will. Schließlich fehlt mir noch, womit ich tausend nackte Bettler kleide, und Almosen müssen auch gegeben werden. Dies ist aber nur möglich, wenn das Gepäck eingetroffen ist, denn ich habe eine Menge bei mir. Wenn das Gepäck kommt, dann machen mir alle diese Ausgaben gar nichts aus.« Da ging der Wesir wieder fort und teilte dem König seine Worte mit, worauf der König sprach: »Wo dies seine Absicht ist, wie konntest du da von ihm sagen, er wäre ein Betrüger und Lügner?« Der Wesir entgegnete: »Ich höre auch jetzt noch nicht auf, dies zu sagen.« Da bedrohte ihn der König und schmähte ihn und sprach: »Bei meines Hauptes Leben, wenn du nicht diese Worte unterlässest, so geht's dir an den Kragen! Kehr' zurück zu ihm und bring' ihn her zu mir; ich will die Sache selber mit ihm ins reine bringen.« Infolgedessen ging der Wesir wieder zu ihm und sprach zu ihm: »Komm und sprich mit dem König.« Maarûf erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und begab sich zum König, der zu ihm sagte: »Mach' nicht diese Ausflüchte; meine Schatzkammer ist voll, nimm die Schlüssel an dich, gieb, was du brauchst, aus, verschenk', soviel du willst, kleide die Armen und thu', was dir beliebt, ohne dich um meine Tochter und die Sklavinnen zu kümmern. Wenn dein Gepäck eintrifft, dann schenke deiner Gattin, was du willst, wir wollen uns mit der Morgengabe gedulden, bis das Gepäck kommt; zwischen mir und dir ist nicht der geringste Unterschied.« Alsdann 136 befahl er dem Scheich el-Islâm den Ehekontrakt zwischen seiner Tochter und dem Kaufmann Maarûf zu schreiben, worauf er die Feier des Hochzeitsfestes ankündigte und die Stadt schmücken ließ. Dann wurden die Tamburins geschlagen, Speisen aller Art wurden aufgetragen, und die Possenreißer erschienen. Der Kaufmann Maarûf saß auf einem Thron in einem Gastzimmer, und die Possenreißer, Gaukler, die DschinkEin türkisches Wort, Knaben als Mädchen verkleidet, welche an Festen zu tanzen haben., die Tänzer und Wunderkünstler kamen vor ihn, während er dem Schatzmeister befahl: »Gieb Gold und Silber her.« Dann machte er bei den Zuschauern die Runde und gab jedem Spielmann eine Hand voll Gold, machte den Bettlern und Armen Geschenke und kleidete die Nackten. Es war ein Fest voll lärmender Freude, und der Schatzmeister konnte das Geld nicht schnell genug aus der Schatzkammer bringen, während dem Wesir das Herz vor Wut fast geplatzt wäre, ohne daß er etwas zu sagen wagte; der Kaufmann Alī aber verwunderte sich über diese Geldverschwendung und sagte zum Kaufmann Maarûf: »Gott und die Heiligen über deine Schläfenlocke! Genügte es dir nicht, das Geld der Kaufleute fortzuwerfen, daß du auch noch des Königs Geld verbringst?« Der Kaufmann Maarûf versetzte jedoch: »Das geht dich gar nichts an; wenn das Gepäck kommt, will ich's dem König vielfach wieder ersetzen.« Dann streute er das Geld weiter aus, indem er bei sich sprach: »Ein brennender Schlag! Was geschieht, geschieht, dem Verhängnis kann man doch nicht entrinnen.« Nachdem die Festlichkeiten vierzig Tage lang gewährt hatten, veranstalteten sie am einundvierzigsten Tag den Brautzug, in dem ihr alle Emire und Truppen voranschritten. Als sie sie dann hereingeführt hatten, streute er das Gold über die Häupter der Massen, und sie veranstalteten für sie einen prächtigen Zug, während Maarûf ihr zu Ehren eine gewaltige Menge Geld ausgab. Dann führten sie ihn herein zur Prinzessin und 137 gingen wieder hinaus, die Vorhänge niederfallen lassend und die Thüren verriegelnd, während er sich nun auf einen hohen Teppichsitz setzte und, die Hände zusammenschlagend, eine Weile betrübt dasaß, worauf er rief: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen!« Da sprach die Prinzessin zu ihm: »Mein Herr, es ergehe dir wohl! Was bist du so voll Kummer?« Er erwiderte: »Wie soll ich nicht bekümmert sein, wo dein Vater mich in Verlegenheit gebracht hat, indem er mir etwas anthat, was dem Verbrennen von grüner Saat gleicht.« Nun fragte sie: »Was hat mein Vater dir denn angethan? Sag' es mir.« Er versetzte: »Er führte mich zu dir, bevor mein Gepäck gekommen ist, wo ich zum wenigsten hundert Juwelen unter deine Sklavinnen, für jede eins, verteilen wollte, damit sie sich darüber freuten und sprächen: »Unser Herr hat uns in der Nacht, da er unsere Herrin heimsuchte, ein Juwel geschenkt.« Dies hätte ich deinem Rang zu Ehren gethan und um deine Hoheit zu mehren, denn ich habe es nicht nötig mit Juwelen zu knausern, da ich davon eine Menge habe.« Die Prinzessin entgegnete ihm hierauf: »Gräme dich nicht darüber und sorge dich nicht. Was mich anlangt, so sei beruhigt, denn ich gedulde mich, bis dein Gepäck kommt, und die Sklavinnen brauchen dir kein Kopfzerbrechen zu machen. Steh' auf, zieh' dich aus und vergnüg' dich; wenn das Gepäck eintrifft, so haben wir die Juwelen und das andre.« Da erhob er sich und zog sich aus, worauf er mit ihr eine Nacht verbrachte, die dazu angethan war Vater und Mutter zu vergessen.

Neunhundertundvierundneunzigste Nacht.

Am nächsten Morgen begab er sich ins Bad und zog einen königlichen Anzug an, worauf er sich aus dem Bad in den Diwan des Königs begab, wo die Anwesenden vor ihm aufstanden und ihn mit Ehren und Auszeichnungen empfingen, ihn willkommen heißend und ihm Segen wünschend. Dann setzte er sich an die Seite des Königs und fragte: »Wo ist 138 der Schatzmeister?« Sie erwiderten: »Er steht vor dir.« Da sprach er: »Bring' die Ehrenkleider her und kleide jeden Wesir, Emir und Würdenträger in eins.« Nachdem der Schatzmeister ihm alles, was er verlangte, gebracht hatte, saß er da, allen, die zu ihm kamen, gebend und jedem seinem Rang entsprechend schenkend. In dieser Weise verfuhr er zwanzig Tage lang, ohne daß Gepäck oder sonst etwas eingetroffen wäre, bis der Schatzmeister aufs beklommenste in Maarûfs Abwesenheit zum König eintrat, der allein mit seinen Wesiren dasaß. Indem er die Erde vor dem König küßte, sprach er zu ihm: »O König der Zeit, ich muß dir etwas mitteilen, damit du mich hernach nicht dafür tadelst, daß ich es verschwiegen habe. Wisse, die Schatzkammer ist fast ganz leer, und in zehn Tagen müssen wir sie wegen Leere schließen.« Da sagte der König: »O Wesir, meines Schwiegersohnes Gepäck bleibt lange aus, und es trifft gar keine Nachricht von ihm ein.« Lachend erwiderte ihm der Wesir: »Gott sei dir gnädig, o König der Zeit! Du bist völlig achtlos auf das Treiben dieses Betrügers und Lügners. Bei deines Hauptes Leben, er hat weder Gepäck noch sonst etwas, das uns von ihm befreit. Er hat dich so lange beschwindelt, bis er dein Geld verthan, und du ihn für nichts und wider nichts mit deiner Tochter verheiratet hast. Wie lange willst du noch diesen Lügner schalten und walten lassen?« Der König versetzte nun: »O Wesir, was ist zu thun, daß wir die Wahrheit erfahren?« Der Wesir entgegnete: »O König der Zeit, hinter eines Mannes Geheimnis kann nur sein Weib kommen; schick daher nach deiner Tochter und laß sie hinter den Vorhang kommen, daß ich sie nach dem wahren Sachverhalt ausfrage, damit sie ihn aushorcht und uns dann mitteilt, wie es um ihn steht.« Da sagte der König: »Das kann nichts schaden; und, bei meines Hauptes Leben, wenn es sich erweist, daß er ein Betrüger und Lügner ist, so lasse ich ihn des unseligsten Todes sterben!« Alsdann begab er sich mit dem Wesir ins Wohnzimmer und ließ seine Tochter hinter 139 den Vorhang kommen, während ihr Gatte gerade abwesend war. Bei ihrem Kommen fragte sie: »Mein Vater, was wünschest du?« Er erwiderte ihr: »Steh' dem Wesir Rede und Antwort.« Nun fragte sie: »O Wesir, was begehrst du?« Der Wesir versetzte: »Meine Herrin, wisse, dein Gatte hat deines Vaters Geld verschwendet und dich ohne Hochzeitsgabe geheiratet; er verspricht uns unaufhörlich und bricht sein Wort, und von seinem Gepäck hört man nichts. Kurz und gut, wir wünschen von dir Auskunft über ihn.« Sie erwiderte: »In der That, er macht viel Worte, und alle Augenblicke kommt er und verspricht mir Juwelen und Schätze und kostbare Stoffe, ohne daß ich etwas zu Gesicht bekomme.« Nun sagte der Wesir: »Meine Herrin, kannst du mit ihm nicht heute Nacht hin und her reden und zu ihm sprechen: »Sag' mir die Wahrheit und fürchte nichts, denn, siehe, du bist mein Gatte, und ich will mich nicht gegen dich vergehen? Sag' mir die Wahrheit, damit ich dir einen Plan ersinne, wie du Ruhe haben kannst.« Horch ihn hin und her aus, stell' dich zärtlich zu ihm, bis er gesteht, und teil' uns dann den wahren Sachverhalt mit.« Sie erwiderte hierauf: »Väterchen, ich weiß schon, wie ich's von ihm herauszubekommen habe.« Alsdann ging sie fort.

Nach dem Abendessen kam ihr Gatte Maarûf wie gewöhnlich wieder zu ihr, worauf sie sich erhob, ihn unter die Achsel faßte und ihm aufs gleißnerischste schön that; – denn die Weiber erreichen durch List von ihren Männern, was sie wollen. – Und so schmeichelte sie ihm so lange voll Arglist mit Worten süßer als Honig, bis sie ihm den Verstand geraubt hatte, und er sich gänzlich ihr hingab. Sobald sie dies jedoch sah, sprach sie zu ihm: »O mein Liebling, mein Augentrost und Frucht meines Herzens, Gott beraube mich deiner nie, und nimmer trenne uns die Zeit, denn die Liebe zu dir hat in meinem Herzen Wohnung aufgeschlagen, und der Sehnsucht Glut verbrennt mein Inneres, so daß ich mich nie gegen dich vergehen kann; doch wünschte ich, du sagtest 140 mir die Wahrheit, da der Lüge Listen nichts nützen und nicht zu allen Zeiten Glauben finden. Wie lange willst du noch meinen Vater belügen und betrügen? Ich fürchte deine Sache wird ihm eher aufgedeckt, als wir eine List wider ihn ersinnen können, und dann nimmt er dich fest. Sag' mir daher die Wahrheit und dir soll nichts, als was dich erfreut, geschehen. Wenn du mir die Wahrheit sagst, so soll dir kein Leid geschehen. Wie oft willst du noch behaupten, daß du ein Kaufmann und Herr von großem Gut bist und Gepäck hast? Die ganze lange Zeit über sprichst du immer: »Mein Gepäck! Mein Gepäck!« Doch ist nichts von deinem Gepäck zu hören, und man sieht deshalb die Spuren der Sorge auf deinem Antlitz. Wenn deine Worte nicht wahr sind, so sag' es mir, daß ich dir einen Plan ersinne, durch den du, so Gott will, entkommen sollst.« Da entgegnete er: »Meine Herrin, ich will dir die Wahrheit sagen, und du magst dann nach deinem Belieben thun.« Sie erwiderte: »Sprich und sag' die Wahrheit, denn die Wahrheit ist die Arche der Rettung; hüte dich vor der Lüge, denn sie bringt dem Lügner Schande, wie denn der Mann von Gott gesegnet ist, der da sprach:

Sprich immer die Wahrheit auch wenn dich die Wahrheit
Mit angedrohtem Feuer verbrennt.
Such Gottes Wohlgefallen, denn der größte Narr ist der,
Der den Herrn erzürnt, um dem Knecht zu gefallen.«

Maarûf versetzte nun: »Meine Herrin, wisse, ich bin weder ein Kaufmann noch hab' ich Gepäck oder sonst etwas; ich war vielmehr in meiner Heimat nichts als ein Schuhflicker und hatte ein Weib, genannt Fâtime das Mistvieh, mit dem es mir so und so erging.« Alsdann erzählte er ihr seine Geschichte von Anfang bis zu Ende, worauf sie lachend sagte: »Du bist ein abgefeimter Betrüger und Lügner.« Er entgegnete: »Meine Herrin, Gott der Erhabene, erhalte dich, Sünden zu verhüllen und Kümmernisse zu heben!« Da sagte sie: »Wisse, du hast meinen Vater beschwindelt und ihn durch 141 dein vieles Geschwätz betrogen, daß er mich aus Habgier mit dir verheiratete, worauf du sein Geld verbrachtest. Der Wesir ist deshalb schlecht auf dich zu sprechen und sprach, wer weiß wie oft, zu meinem Vater über dich, daß du ein Betrüger und Lügner wärest, jedoch wollte mein Vater seinen Worten nicht glauben, da der Wesir sich früher um mich beworben hatte, während ich damit nicht einverstanden war, daß er mein Ehgemahl und ich sein Weib sein sollte. Wie nun aber meinem Vater die Zeit lange dauerte, ward er beklommen und sprach zu mir: »Bring' ihn zum Geständnis.« Und so hab' ich dich zum Geständnis gebracht, und das Verhüllte ist nun offenbar geworden. Nun plant mein Vater deswegen ein Unheil wider dich, ich aber bin deine Gattin geworden und will mich nicht wider dich vergehen. Sagte ich's meinem Vater, so wäre ihm erwiesen, daß du ein Betrüger und Lügner bist, der Prinzessinnen betrog und das Geld von Königen durchbrachte; dein Verbrechen würde vor ihm keine Gnade finden, und er würde dich unbedingt hinrichten, wodurch es unter den Leuten ruchbar würde, das ich einen Betrüger und Lügner geheiratet hätte, was mich entehren würde. Außerdem würde mich mein Vater, wenn er dich hingerichtet hätte, gewiß mit einem andern verheiraten, was ich niemals annehmen würde, und kostete es mich das Leben! Steh' daher jetzt auf, leg eines Mamluken Anzug an, nimm diese fünfzigtausend Dinare von meinem Geld und reit' auf einem edeln Roß nach einem Land, wohin meines Vaters Macht nicht reicht. Laß dich dort als Kaufmann nieder und schick' mir einen Brief durch einen Kurier, damit ich weiß, in welchem Land du weilst, und dir soviel Geld, als ich in die Hand bekomme, schicken kann. So wird dein Gut groß werden, und, wenn mein Vater stirbt, schicke ich nach dir, und du kommst in Ehren und Auszeichnungen zurück. Stirbst du aber oder gehe ich ein zur Barmherzigkeit Gottes, des Erhabenen, so wird uns die Auferstehung wieder vereinigen. Dies ist das Rechte, und so lange du und ich leben, werde 142 ich nicht aufhören dir Briefe und Geld zu schicken. Steh' nun auf, ehe der Tag dich überrascht und dich in deiner Ratlosigkeit das Verderben umgiebt.« Da sagte er zu ihr: »Meine Herrin, bei deiner Güte, gewähr mir die Gunst deiner Umarmung zum Abschied!« Sie versetzte: »Das kann nichts schaden.« Nachdem er so in ihren Armen geruht hatte, vollzog er die Waschung und verkleidete sich als Mamluk, worauf er den Stallknechten befahl, ihm ein Vollblutpferd zu satteln. Dann nahm er von ihr Abschied und verließ gegen Ende der Nacht die Stadt, während alle, die ihn sahen, glaubten, er wäre einer der Mamluken des Sultans, der in einem Auftrag fortritt.

Wie nun der Morgen anbrach, gingen ihr Vater und der Wesir ins Wohnzimmer, worauf ihr Vater nach ihr schickte. Als sie dann hinter den Vorhang kam, sprach ihr Vater zu ihr: »Meine Tochter, was sagst du?« Sie versetzte: »Ich sage, Gott schwärze des Wesirs Gesicht, der mein Gesicht vor meinem Gatten schwärzen wollte!« Da fragte der König: »Und wieso?« Sie entgegnete: »Er kam gestern Abend zu mir, doch ehe ich noch von der Sache zu ihm sprechen konnte, kam der Eunuch Faradsch mit einem Brief herein und sagte: »Zehn Mamluken stehen unter dem Schloßfenster und gaben mir diesen Brief, indem sie zu mir sprachen: »Küsse für uns die Hände unsers Herrn, des Kaufmanns Maarûf, und gieb ihm diesen Brief; wir gehören zu seinen Mamluken, die bei dem Gepäck sind, und vernahmen, daß er des Königs Tochter heiratete, weshalb wir ankamen, um ihm mitzuteilen, was uns unterwegs zugestoßen ist. Da nahm ich den Brief und fand beim Lesen folgendes darin geschrieben: »Von den fünfhundert Mamluken an unsern hochgebornen Herrn, den Kaufmann Maarûf. Des Ferneren thun wir dir kund, daß, nachdem du uns verließest, uns die Araber überfielen und wider uns stritten. Es waren ihrer zweitausend Berittene, während wir fünfhundert Mamluken zählten, so daß zwischen uns und ihnen ein hitziger Streit entbrannte; sie verlegten uns den 143 Weg, und wir hatten dreißig Tage lang wider sie zu streiten. Das ist der Grund unseres Ausbleibens,

Neunhundertundfünfundneunzigste Nacht.

und die Araber nahmen uns zweihundert Zeugballen fort und erschlugen fünfzig Mamluken von uns.« Als er diese Nachricht erhielt, rief er: »Gott mach' sie zu schanden! Was hatten sie mit den Arabern wegen zweihundert Lasten Ware zu streiten? Was sind denn zweihundert Lasten! Sie haben sich deswegen nicht zu versäumen, denn zweihundert Lasten haben nur einen Wert von siebentausend Dinaren. Jedoch muß ich zu ihnen gehen und sie zur Eile antreiben. Was die Araber genommen haben, wird gar nicht am Gepäck vermißt, noch macht es irgend etwas bei mir aus, da ich es ansehe als ihnen als Almosen geschenkt.« Dann verließ er mich lachend, ohne sich über den Verlust seines Gutes und die Ermordung seiner Mamluken zu bekümmern. Ich aber sah, als er hinuntergegangen war, aus dem Fenster und sah dort die zehn Mamluken, die ihm den Brief gebracht hatten, gleich Monden, und wie mein Vater keinen einzigen Mamluken ihnen gleich besitzt, indem jeder von ihnen in einen Anzug gekleidet war, der seine zweitausend Dinare wert war. Dann ritt er mit den Mamluken, die den Brief gebracht hatten, fort, um das Gepäck zu holen, und gelobt sei Gott, der mich hinderte, etwas von den Worten, die du mir befahlst, zu sprechen, da er mich und dich verspottet hätte und mich vielleicht mit dem Auge der Geringschätzung angesehen und gehaßt hätte. Die Schuld an allem aber trägt dein Wesir, der in betreff meines Gatten unziemliche Reden führte.« Da sagte der König: »Meine Tochter, dein Gatte hat in der That so viel Geld, daß er sich nicht daran kehrt. Seit dem Tage, daß er in unser Land kam, hat er Almosen an die Armen verteilt, und, so Gott will, kommt in kurzem sein Gepäck, und wir gewinnen von ihm viel Gut.« Alsdann gab er ihr gute Worte und schalt den Wesir, von ihrer List bethört. 144

Soviel mit Bezug auf den König; inzwischen war nun der Kaufmann Maarûf auf seinem Roß in die Wüste hinein geritten, ratlos, nach welchem Land er ziehen sollte, und aus Weh über die Trennung jammernd und in Versen sein Leid klagend und bitterlich weinend, da die Wege vor ihm verschlossen waren; und der Tod dünkte ihm besser als das Leben. Hierauf zog er in seiner Verstörtheit wie ein Trunkener weiter, bis er um die Mittagszeit zu einem kleinen Flecken kam, in dessen Nähe er einen Pflüger sah, der mit zwei Stieren pflügte. Da ihn aber der Hunger quälte, ritt er auf den Pflüger zu und sprach zu ihm: »Der Frieden sei auf euch!« worauf der Pflüger ihm den Salâm erwiderte und zu ihm sprach: »Willkommen, mein Herr, bist du einer der Mamluken des Sultans?« Er erwiderte: »Jawohl.« Da sagte der Pflüger: »So kehr' ein bei mir zum Mahl.« Wie nun Maarûf sah, daß er freigebig war, sprach er zu ihm: »Mein Bruder, ich sehe nichts bei dir, das du mir zum Essen geben könntest; wie ladest du mich also ein?« Der Pflüger antwortete ihm: »Das Gute ist vorhanden; steig' nur ab, der Flecken ist nahe, und ich will hingehen und das Mittagsmahl für dich und Futter für deinen Hengst holen.« Da sagte Maarûf: »Wenn der Flecken nahe ist, so kann ich ebenso schnell hingehen als du und mir auf dem Bazar zu essen kaufen, was ich will.« Der Pflüger versetzte jedoch: »Mein Herr, der Flecken ist nur ein kleines Dorf, und es giebt dort weder einen Bazar noch Kauf und Verkauf. Um Gott, kehr' ein bei mir und erfreue mein Herz, während ich hingehen und schnell wieder zurückkommen will.« Da stieg er ab, worauf der Fellāh ihn verließ und zum Flecken ging, um ihm das Mittagsmahl zu holen. Maarûf setzte sich und wartete auf ihn; dann aber sprach er bei sich: »Wir haben diesen armen Kerl von seiner Arbeit abgehalten, doch will ich mich erheben und für ihn pflügen, bis er wiederkehrt, um ihn dafür, daß ich ihn abhielt, zu entschädigen.« Hierauf faßte er an den Pflug und pflügte ein wenig, die Stiere 145 antreibend, als der Pflug mit einem Male an etwas stieß, und die Tiere stehen blieben. Er trieb sie von neuem an, da sie jedoch nicht weiter zu gehen vermochten, sah er nach der Pflugschar und gewahrte nun, daß sie in einem goldenen Ring steckte. Da befreite er den Ring von der Erde und fand, daß er mitten an einem marmornen Stein von der Größe eines unteren Mühlsteins befestigt war. Er arbeitete nun so lange an ihm, bis er ihn von der Stelle gehoben hatte, worauf unter ihm ein unterirdischer Raum, mit einer Reihe Stufen sichtbar wurde. Da stieg er die Stufen hinunter und erblickte einen Ort gleich einem Bad mit vier Līwânen, deren erster von der Erde bis zur Decke voll Gold, der zweite voll Smaragden, Perlen und Korallen, der dritte voll Hyazinthen, Ballasrubinen und Türkisen, und der vierte voll Diamanten und allerlei andern kostbaren Edelsteinen war, während im Hintergrund dieses Raumes eine Kiste aus lauterm Krystall stand, voll wertvollen Juwelen, von denen ein jedes die Größe einer Walnuß hatte. Auf dieser Kiste aber stand ein kleines goldenes Kästchen von der Größe einer Limone. Als Maarûf dies sah, verwunderte er sich und sprach in mächtiger Freude: »Was mag nur in jenem Kästchen sein?« Dann öffnete er es und fand einen goldenen Siegelring darin, auf dem Namen und Talismane ähnlich wie Ameisenspuren eingegraben waren. Da rieb er den Ring und, siehe da! eine Stimme sprach: »Zu Diensten, zu Diensten mein Herr! Wünsche und dir wird gegeben. Willst du einen Flecken bevölkern oder eine Stadt verwüsten, einen König erschlagen oder einen Fluß graben oder was sonst? Was du begehrst, wird mit Erlaubnis des allmächtigen Königs, des Schöpfers von Tag und Nacht, geschehen.« Nun fragte Maarûf: »O Geschöpf meines Herrn, wer und was bist du?« Das Wesen erwiderte: »Ich bin der Diener dieses Ringes, und stehe in dessen Diensten, der ihn besitzt. Was immer er wünschen mag, das erfülle ich ihm, und ich habe keine Entschuldigung in der Unterlassung seiner Befehle. Ich bin Sultan über 146 die Aune von den Dschânn, und meine Heerschar besteht aus zweiundsiebzig Stämmen, von denen jeder zweiundsiebzig Tausende zählt; jeder einzige vom Tausend herrscht über tausend Mâride, jeder Mârid über tausend Aune, jeder Aun über tausend Satane, und jeder Satan über tausend Dschinn, und sie alle stehen unter meinem Befehl und wagen es nicht mir ungehorsam zu sein. Ich aber bin durch den Zauber dieses Ringes gebunden und vermag es nicht, gegen seinen Besitzer ungehorsam zu sein. Nun besitzest du ihn, und ich bin dein Diener geworden; begehre daher, was du willst, ich will deinem Wort gehorchen und deinem Befehl Folge leisten; und, so du zu irgend einer Zeit meiner bedarfst, sei es zu Land oder auf dem Meer so reib' nur den Ring, und du wirst mich bei dir finden. Hüte dich aber den Ring zweimal nacheinander zu reiben, da du mich mit dem Feuer der Namen, die in ihn graviert sind, verbrennen und vernichten würdest; du würdest es hernach bereuen. Und nun habe ich dich mit meinen Umständen bekannt gemacht, und der Frieden sei auf dir!«

Neunhundertundsechsundneunzigste Nacht.

Hierauf fragte ihn Maarûf: »Wie heißest du?« Er versetzte: »Ich heiße Abus-SaādâtVater der Glückseligkeiten.;« worauf Maarûf weiter fragte: »O Abus-Saādât, was ist dies für eine Stätte, und wer verzauberte dich in dieses Kästchen?« Er erwiderte: »Mein Herr, diese Stätte ist ein Hort. genannt der Hort Schaddâds, des Sohnes Ads, der Irem die Säulenstadt erbaute, wie ihresgleichen in den Landen nimmer geschaffen ward. Ich war sein Diener zu seinen Lebzeiten, und diesen Ring legte er in seinen Schatz; jedoch ward er dein Teil.« Nun fragte Maarûf: »Kannst du wohl alles, was sich in diesem Hort befindet an die Oberfläche der Erde schaffen?« Er entgegnete: »Jawohl, das ist das leichteste, was es giebt.« 147 Da sagte Maarûf: »So schaff' alles hinaus und laß nichts davon zurück.« Infolgedessen winkte er mit der Hand nach der Erde, worauf sich dieselbe spaltete und er hinunterfuhr und für eine kurze Weile verschwand, als mit einem Male seine Knaben mit hübschen Gesichtern hervorkamen, die Körbe voll Gold trugen; nachdem sie dieselben ausgeschüttet hatten, gingen sie wieder fort, um mit andern wiederzukehren, und so schafften sie unablässig das Gold und die Juwelen hinaus, bis sie, ehe noch eine Stunde verstrichen war, sagten: »Es ist nichts mehr im Hort zurückgeblieben.« Dann erschien Abus-Saādât und sprach zu ihm: »Mein Herr, du siehst, daß wir alles, was sich im Hort befand, hinausgeschafft haben.« Maarûf hingegen fragte: »Was sind das für hübsche Knaben?« Er erwiderte: »Es sind meine Söhne; dieses Geschäft erforderte nicht, die Aune dazu zu versammeln, weshalb meine Söhne dein Anliegen erfüllt haben, die sich geehrt fühlen dir zu dienen. Sag' daher, was du außerdem haben willst.« Da fragte Maarûf: »Kannst du mir Maultiere und Kisten bringen, diese Schätze in die Kisten zu packen und die Kisten auf die Maultiere zu laden?« Er versetzte: »Das ist das leichteste Ding der Welt.« Alsdann stieß er einen gewaltigen Schrei aus, worauf seine Söhne, ihrer achthundert an der Zahl, vor ihm erschienen, zu denen er nun sprach: »Verwandelt euch zum Teil in Maultiere und zum Teil in hübsche Mamluken, wie deren geringster bei keinem König zu finden ist; andre von euch wiederum sollen sich zu Maultiertreibern und noch andre zu Dienern verwandeln.« Nachdem sie seinem Befehl Folge geleistet hatten, rief er die Aune vor sich und befahl ihnen, zum Teil die Gestalt von Pferden anzunehmen, gesattelt mit goldenen, edelsteinbesetzten Sätteln. Als Maarûf dies sah, fragte er: »Wo sind die Kisten?« Da brachten sie die Kisten vor ihn und er befahl: »Packt das Gold und die Edelsteine, jede Sorte besonders.« Nachdem sie auch dies gethan hatten, luden sie die Kisten auf dreihundert Maultiere, worauf Maarûf sagte: »O 148 Abus-Saādât, bist du imstande, mir kostbare Zeuglasten zu beschaffen?« Er versetzte: »Wünschest du ägyptisches, syrisches, persisches, indisches oder griechisches Zeug?« Maarûf erwiderte: »Bring mir von den Zeugen jeden Landes hundert Lasten auf hundert Maultieren.« Da sagte Abus-Saādât: »Mein Herr, gewähre mir eine Frist, damit ich meine Aune hierzu anstelle und jedem Trupp Befehl erteile nach einem Lande zu gehen und hundert Lasten Zeug von dort in Gestalt von Maultieren zu holen.« Maarûf fragte: »Wie lange soll die Zeit deiner Frist sein?« Er entgegnete: »Die Zeit des Dunkels einer Nacht; ehe der Tag anbricht, soll all das Gewünschte bei dir sein.« Maarûf versetzte darauf: »Diese Frist ist dir bewilligt,« worauf er ihnen befahl, ihm ein Zelt aufzuschlagen. Nachdem sie es gethan hatten, setzte er sich, und sie trugen ihm einen Tisch mit Speisen auf, während Abus-Saādât zu ihm sagte: »Mein Herr, bleib' hier im Zelt sitzen, und meine Söhne sollen dich bewachen, so daß du nichts zu befürchten hast; ich will jetzt fortgehen und meine Aune versammeln, um sie zur Erfüllung deines Wunsches fortzuschicken.« Hierauf verschwand er, während Maarûf im Zelt vor dem Speisetisch saß, umgeben von den Söhnen Abus-Saādâts in der Gestalt von Mamluken, Eunuchen und Dienern, als mit einem Male der Fellāh mit einer großen Schüssel voll Linsen und einem Futtersack voll Gerste ankam. Als er das Zelt aufgeschlagen und die Mamluken mit auf der Brust gekreuzten Händen dastehen sah, glaubte er, der Sultan wäre gekommen und hätte sich an dieser Stätte gelagert, so daß er verdutzt dastand und bei sich sprach: »Hätte ich doch zwei junge Hühner geschlachtet und sie für den Sultan in Kuhbutter gebraten.« Schon war er drauf und dran wieder umzukehren und zwei Hühner zu schlachten, um damit den Sultan zu bewirten, als Maarûf ihn sah und ihm zurief, zugleich seinen Mamluken befehlend: »Bringt ihn her.« Da schleppten sie ihn samt der Schüssel Linsen vor Maarûf, der ihn fragte: »Was ist das?« Er 149 erwiderte: »Das ist deine Mahlzeit und das Futter für deinen Hengst. Nichts für ungut, aber ich glaubte nicht, daß der Sultan hierher kommen würde; hätte ich das gewußt, so hätte ich zwei junge Hühner für ihn geschlachtet und ihn in gehöriger Weise bewirtet.« Maarûf entgegnete: »Der Sultan ist nicht gekommen; ich bin jedoch sein Schwiegersohn und war von ihm geprellt; nun aber hat er mir seine Mamluken nachgeschickt, sich mit mir auszusöhnen, und ich will jetzt zur Stadt zurückkehren. Da du mir aber dieses Gastmahl, ohne mich zu kennen, angerichtet hast, nehme ich es an, wenn es auch nur Linsen sind, und will nur von ihm essen.« Alsdann befahl er die Schüssel mitten auf den Tisch zu stellen und aß von ihr, bis er genug hatte, während der Fellāh seinen Bauch mit den köstlichen Gerichten vollpfropfte. Dann wusch sich Maarûf die Hände und gab den Mamluken Erlaubnis zu essen, worauf sie über den Rest des Mahls herfielen und aßen. Als aber die Schüssel leer war, füllte er sie ihm mit Gold und sprach zu ihm: »Trag sie in deine Wohnung und komm hernach zu mir in die Stadt, wo ich dich ehren will.« Da nahm er die Schüssel voll Gold und ging, die Stiere vor sich hertreibend, zu seinem Flecken, sich selber für den Schwiegersohn des Königs haltend. Maarûf aber verbrachte die Nacht in Freude und Fröhlichkeit, indem sie ihm Mädchen von den Bräuten der HorteSolche Mädchen, die verzauberte Schätze hüten. brachten, die Musikinstrumente spielten und vor ihm tanzten, so daß es eine Nacht ward, nicht unter das Leben zu rechnen. Am nächsten Morgen erhob sich, ehe er sich's versah, eine große Staubwolke und zerteilte sich, worauf man Maultiere mit Zeuglasten sah, ihrer siebenhundert an der Zahl, umgeben von Maultiertreibern, Packknechten und Fackelträgern; Abus-Saādât aber ritt als Karawanenführer auf einer Maultierstute, und ihm voran ward eine Sänfte mit vier Zieraten aus gleißendrotem, mit Edelsteinen besetztem Gold getragen. 150 Als er zum Zelt kam, stieg er von seinem Maultier ab und sprach, indem er vor Maarûf die Erde küßte: »Mein Herr, dein Auftrag ist voll und ganz ausgeführt, und in der Sänfte liegt ein märchenhafter Anzug, wie es unter Königsanzügen seinesgleichen nicht giebt; zieh ihn an, setz' dich in die Sänfte und befiehl uns, was du willst.« Da sagte Maarûf zu ihm: »O Abus-Saādât, ich will dir einen Brief schreiben, den du nach der Stadt ChītânSo hier, anstatt Ichtijân. el-Chotan als Kurier meinem Oheim dem König überbringen sollst.« Er versetzte: »Ich höre und gehorche.« Alsdann schrieb er einen Brief und versiegelte ihn, worauf Abus-Saādât ihn nahm und sich mit ihm zum König begab. Er traf ihn an, als er gerade zum Wesir sprach: »Mein Herz ist um meinen Schwiegersohn bekümmert, und ich fürchte, die Araber könnten ihn erschlagen. Wüßte ich doch, welchen Weg er nahm, daß ich ihm mit meinen Truppen folgte! Ach, hätte er mir doch vor seinem Fortgang etwas gesagt!« Der Wesir entgegnete: »Gott sei dir gnädig wegen dieser deiner Sorglosigkeit! Bei deines Hauptes Leben, der Kerl hat gemerkt, daß wir gegen ihn mißtrauisch wurden und hat sich aus Furcht vor Entdeckung aus dem Staube gemacht. Er ist nichts als ein Lügner und Betrüger.« In demselben Augenblick trat der Kurier herein und wünschte dem König, die Erde vor ihm küssend, langes Leben und Ruhm und Glück in ewiger Dauer, worauf der König ihn fragte: »Wer bist du und was ist dein Anliegen?« Er versetzte: »Ich bin ein Kurier, den dein Schwiegersohn zu dir entsandt hat; er kommt mit dem Gepäck an und schickte mich mit einem Schreiben voraus; hier ist es.« Da nahm es der König und las folgendes: »Nach dem reichsten Salâm an unsern Oheim, den mächtigen König. Ich bin mit dem Gepäck eingetroffen, komm daher mit den Truppen mir zum Empfang entgegen.« Da sagte der König: »Gott schwärze dein Gesicht, o Wesir! Wie oft willst du meines Schwiegersohnes Ehre besudeln, 151 indem du ihn für einen Betrüger und Lügner erklärst? Nun ist er mit dem Gepäck eingetroffen, und du bist weiter nichts als ein Verräter.« Vor Scham und Verlegenheit ließ der Wesir sein Haupt zur Erde hängen und sagte: »O König der Zeit, ich sprach diese Worte nur, weil das Gepäck so lange ausblieb, und weil ich für den Verlust des Geldes, das er ausgegeben hatte, fürchtete.« Der König versetzte jedoch: »O Verräter, was ist mein Gut! Nachdem sein Gepäck eingetroffen ist, wird er es mir aufs reichlichste ersetzen.« Alsdann befahl der König die Stadt zu schmücken und begab sich zu seiner Tochter, zu der er sagte: »Frohe Botschaft! Dein Gatte trifft binnen kurzem mit seinem Gepäck ein; er teilte mir dies in einem Schreiben mit, und ich ziehe ihm jetzt zum Empfang entgegen.« Die Prinzessin verwunderte sich hierüber und sprach bei sich: »Das ist eine wunderbare Sache! Machte er sich lustig über mich und hielt mich zum besten oder wollte er mich auf die Probe stellen, als er sagte, er sei ein Bettler? Jedoch, gelobt sei Gott, daß ich es an nichts ihm gegenüber fehlen ließ!«

Soviel mit Bezug auf Maarûf; als aber der Kaufmann Alī aus Ägypten sah, daß die Stadt geschmückt wurde, fragte er nach der Ursache hiervon, worauf man ihm erwiderte: »Das Gepäck des Kaufmanns Maarûf, des Schwiegersohnes des Königs, ist eingetroffen.« Da rief er: »Gott ist groß! Was ist das für ein Unheil! Er kam auf der Flucht vor seinem Weib als Bettler zu mir, woher sollte er da zu Gepäck gekommen sein? Jedoch hat ihm vielleicht die Prinzessin eine List ersonnen, damit er nicht in Schimpf und Schande geriete, und Könige vermögen alles. Gott, der Erhabene, schütze ihn und lasse ihn nicht in Schande geraten!«

Neunhundertundsiebenundneunzigste Nacht.

Alle andern Kaufleute aber freuten sich und waren froh, da sie nun ihr Geld wiederbekommen konnten. Während aber der König seine Truppen versammelte und auszog, kehrte 152 Abus-Saādât zu Maarûf zurück und teilte ihm mit, daß er das Schreiben übergeben hätte, worauf Maarûf zu ihm sprach: »Ladet auf.« Da luden sie auf und, den märchenhaften Anzug anlegend, setzte er sich in die Sänfte, so daß er tausendmal mächtiger und majestätischer als der König selber aussah. Als er die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, stieß er auf den König und seine Truppen, der sich, als er ihn in seinem Anzug in der Sänfte sitzen sah, auf ihn stürzte und ihn begrüßte und mit dem Salâm willkommen hieß, worauf ihn alle Großen begrüßten, und es nunmehr offenkund ward, daß Maarûf die Wahrheit gesprochen und nicht gelogen hatte. Alsdann zog er in prächtiger Eskorte in die Stadt, daß des Löwen Gallenblase vor Neid hätte platzen müssen, und die Kaufleute eilten heran zu ihm und küßten vor ihm die Erde, während der Kaufmann Alī zu ihm sagte: »Du hast diesen Streich gespielt, und er gelang dir, du Obergauner! Jedoch verdienst du es, und Gott mehre seine Güte gegen dich!« Maarûf lachte hierzu und trat in den Serâj, wo er sich auf den Thron setzte und befahl: »Schafft die Lasten Gold in die Schatzkammer meines Oheims des Königs und bringt die Zeuglasten her.« Als sie ihm dann die Lasten gebracht hatten, öffneten sie eine nach der andern und packten ihren Inhalt aus, bis sie alle siebenhundert geöffnet hatten. Nachdem er das beste ausgesucht hatte, befahl er: »Bringt es der Prinzessin, daß sie es unter die Sklavinnen verteilt und tragt diese Kiste Edelsteine ebenfalls zu ihr zur Verteilung an die Sklavinnen und Eunuchen.« Dann gab er den Kaufleuten, denen er Geld schuldete, Zeug dafür, und zwar für jede tausend Dinare Zeug im Werte von zweitausend und darüber; hierauf teilte er auch Gaben an die Bettler und Armen aus, während der König selber zusah, ohne zu wagen, ihm entgegenzutreten, bis er alle siebenhundert Lasten weggegeben und verschenkt hatte. Alsdann wendete er sich zu den Truppen und begann unter sie Edelsteine, Smaragden, Hyazinthen, Perlen, Korallen und dergleichen zu verteilen, indem er die 153 Juwelen immer faustweise, ohne zu zählen, weggab, so daß der König schließlich zu ihm sagte: »Mein Sohn, mag es mit diesem genug sein, da nur noch wenig vom Gepäck übrig ist.« Er versetzte jedoch: »Ich hab' eine Menge.« Und so war seine Wahrhaftigkeit erwiesen, und niemand vermochte ihn der Lüge zu zeihen; und er kehrte sich nicht an das, was er verschenkte, da ihm der Diener des Ringes brachte, was er wollte. Dann kam der Schatzmeister an und sprach zum König: »O König der Zeit, die Schatzkammer ist voll und vermag nicht den Rest der Lasten aufzunehmen. Wohin sollen wir den Rest des Goldes und der Edelsteine legen?« Da wies ihm der König einen andern Raum an.

Als aber die Prinzessin dies sah, freute sie sich um so mehr und sprach verwundert bei sich: »Woher mag er nur all dies Gut haben?« Ebenso freuten sich die Kaufleute über das, was er ihnen gegeben hatte, und segneten ihn, während sich der Kaufmann Alī verwunderte und bei sich sprach: »Wie mag er nur gelogen und geschwindelt haben, um alle diese Schätze in seinen Besitz zu bekommen? Hätte er sie von der Prinzessin erhalten, so würde er sie nicht an die Bettler verteilt haben. Doch wie schön ist das Wort:

»Wenn der König der Könige schenkt,
So frag' nicht nach dem Grund.
Gott giebt, wem er will,
Drum bleib' in des Anstands Grenze.«

Soviel mit Bezug auf ihn; was aber den König anlangt, so verwunderte er sich gleichfalls über die Maßen über die Großmut und Freigebigkeit Maarûfs in seiner Verschwendung an Geld und Gut.

Nach diesem begab sich nun Maarûf zu seiner Gattin, die ihn lächelnd, lachend und fröhlich empfing, ihm die Hand küßte und zu ihm sprach: »Triebst du deinen Scherz mit mir oder wolltest du mich auf die Probe stellen, indem du sprachst: »Ich bin ein armer Gesell, der seiner Frau fortgelaufen ist?« Doch gelobt sei Gott, daß ich es dir gegenüber an 154 nichts fehlen ließ, denn du bist mein Liebling und keiner ist mir teurer als du, sei er arm oder reich. Nun aber sag' mir, was du mit diesen Worten bezwecktest?« Maarûf versetzte: »Ich wollte dich prüfen, um zu sehen, ob deine Liebe rein wäre oder nur um des Geldes willen und aus Gier nach irdischem Gut. Nun aber sah ich, daß deine Liebe lauter ist, und da du wahrhafte Liebe hegst, so sei willkommen; ich kenne deinen Wert.« Alsdann zog er sich an einen andern Ort zurück, wo er den Ring rieb, worauf Abus-Saādât vor ihm erschien und zu ihm sprach: »Zu Diensten! Wünsche, was du willst.« Da sagte er: »Ich wünsche von dir ein Märchenkleid für meine Gattin und dazu einen Märchenschmuck einschließlich eines Halsbands, bestehend aus vierzig kostbaren Juwelen.« Er versetzte: »Ich höre und gehorche;« alsdann brachte er das Verlangte, worauf er den Diener des Ringes entließ und mit dem Anzug und Schmuck zu seiner Gattin zurückkehrte, vor der er die Sachen hinlegte, indem er zu ihr sagte: »Nimm dies und zieh' es an; du bist willkommen.« Als sie die Sachen sah, flog ihr Verstand vor Freude; unter den Schmucksachen gewahrte sie aber unter anderm auch zwei Fußspangen aus Gold, besetzt mit Edelsteinen, ein Zauberwerk, Armspangen, Ohrgehänge und einen Nasenring, wie sie ganz unbezahlbar waren. Nachdem sie den Anzug und Schmuck angethan hatte, sagte sie: »Mein Herr, ich möchte die Sachen für die Feiertage und Feste zurücklegen.« Er versetzte jedoch: »Trag sie dauernd, denn ich habe andre in Menge.« Als sie sich dann den Sklavinnen in den Sachen zeigte, freuten sie sich und küßten ihr die Hände, während Maarûf sie verließ und abseits ging, wo er den Ring wieder rieb. Als der Diener des Ringes erschien, befahl er ihm: »Bring mir hundert Anzüge samt dem dazu gehörigen Goldschmuck.« Er versetzte: »Ich höre und gehorche,« worauf er ihm die Anzüge brachte, in die die Schmucksachen eingewickelt waren. Maarûf nahm sie und rief die Mädchen, worauf sie zu ihm kamen; dann gab er 155 jedem einen Anzug, und sie kleideten sich in ihn, worauf sie wie Huris aussahen, während die Prinzessin unter ihnen wie der Mond unter den Sternen erstrahlte. Als dann eine der Sklavinnen dem König hiervon Mitteilung machte, kam er zu seiner Tochter herein und sah, daß sie und ihre Mädchen jedem Beschauer die Sinne verwirrte. Aufs äußerste hierüber verwundert, ging er wieder hinaus und ließ seinen Wesir zu sich entbieten, zu dem er sprach: »O Wesir, das und das ist geschehen; was sagst du dazu?« Der Wesir entgegnete: »O König der Zeit, so benimmt sich kein Kaufmann; ein Kaufmann behält ein Stück Linnen jahrelang und verkauft es nur mit Profit. Woher sollten wohl Kaufleute solche Großmut wie diese hier besitzen, und woher kämen sie zu soviel Gut und Edelsteinen, wovon man bei Königen nur einen geringen Teil findet. Wie sollten sich also bei Kaufleuten ganze Lasten davon finden? Die Sache hat sicherlich einen Grund, und, so du auf mich hörst, will ich dir den wahren Sachverhalt klar stellen.« Der König versetzte: »Ich folge deinem Befehl, o Wesir.« Da sagte der Wesir: »So such' ihn auf, stell' dich freundlich zu ihm, plaudere mit ihm und sprich: »Mein Schwiegersohn, ich möchte gern mit dir und dem Wesir allein in einen Garten gehen, damit wir uns dort vergnügen.« Wenn wir dann in den Garten gehen, wollen wir den Weintisch auftragen lassen, und ich will ihm zureden und zu trinken reichen. Wenn er dann den Wein getrunken hat und seines Verstandes benommen ist, daß er die Herrschaft über sich verloren hat, dann wollen wir ihn nach dem wahren Sachverhalt ausfragen, und er wird uns seine Geheimnisse ausplaudern, denn der Wein ist ein Verräter, und gesegnet von Gott ist der Mann, der da sprach:

»Als wir ihn getrunken hatten, und er leise gekrochen war
Zum Platz der Geheimnisse, sprach ich: Halt ein!
Denn ich bangte, seine Strahlen könnten über mich herfallen
Und meinen Zechgenossen mein verborgenes Geheimnis enthüllen.«

Wenn er uns dann die Wahrheit gesagt hat, und wir wissen, wie es sich mit ihm verhält, können wir nach 156 Belieben mit ihm verfahren; denn ich fürchte für dich die Folgen dieses Treibens. Vielleicht trachtet er nach dem Königreich und will die Truppen durch Großmut und Verschwendung gewinnen, um dich abzusetzen und dir so die Herrschaft zu entreißen.« Der König antwortete: »Du hast recht,« –

Neunhundertundachtundneunzigste Nacht.

worauf sie, in dieser Sache einig geworden, die Nacht verbrachten. Am nächsten Morgen begab sich der König ins Gastzimmer und setzte sich dort, als mit einem Male die Diener und Stallknechte zu ihm verstört eintraten. Auf seine Frage, was ihnen widerfahren wäre, versetzten sie: »O König der Zeit, die Stallknechte striegelten die Pferde und gaben ihnen und den Maultieren, die das Gepäck gebracht hatten Futter, doch fanden wir heute früh, daß die Mamluken die Pferde und Maultiere gestohlen haben; wir durchsuchten die Ställe, fanden aber weder Pferde noch Maultiere, und, wie wir nun in den Wohnraum der Mamluken gingen, fanden wir keinen einzigen dort und wissen nicht, wohin sie geflohen sind.« Der König verwunderte sich hierüber, da er die Tiere für wirkliche Pferde, Maultiere und Mamluken hielt und nicht wußte, daß es die Aune des Dieners des Zaubers waren. Dann sagte er zu ihnen: »Verruchte, wie können tausend Tiere und fünfhundert Mamluken und sonstige Diener fortlaufen, ohne daß ihr etwas davon merkt?« Sie versetzten: »Wir wissen nicht, was mit uns geschah, daß sie fort laufen konnten.« Da sagte der König: »Geht fort und teilt euerm Herrn, wenn er aus dem Harem kommt, die Sache mit.« Hierauf verließen sie den König und setzten sich ratlos nieder, bis Maarûf aus dem Harem kam. Als er sie bekümmert dasitzen sah, fragte er sie: »Was giebt's?« Da teilten sie ihm den Vorfall mit, worauf er erwiderte: »Was ist denn ihr Wert, daß ihr euch über sie bekümmert? Geht eures Weges.« Dann saß er lachend da, ohne sich über diesen Vorfall zu erzürnen oder zu bekümmern, so daß der 157 König dem Wesir ins Antlitz schaute und zu ihm sprach: »Was ist das für ein Mann, bei dem das Geld keinen Wert hat? Das muß unbedingt einen Grund haben.« Hierauf plauderten sie eine Weile mit ihm, bis der König sprach: »Mein Schwiegersohn, ich möchte gern mit dir und dem Wesir in einen Garten gehen, um uns dort zu vergnügen. Was sagst du dazu?« Maarûf entgegnete: »Das kann nichts schaden.« Alsdann gingen sie in einen Garten, in dem alle Obstbäume paarweise vorhanden waren, mit strömenden Bächen, ragenden Bäumen und singenden Vögeln. Sie traten hier in ein Gartenhaus, das dazu angethan war, die Herzen von Kummer zu befreien, und setzten sich zum Plaudern nieder, worauf der Wesir merkwürdige Geschichten erzählte und lustige Späßchen und reizende Bonmots zum besten gab, während Maarûf seinem Geplauder lauschte, bis die Zeit des Mittagsessens kam und sie den Speisentisch und einen Krug Wein auftrugen. Nachdem sie dann gegessen und sich die Hände gewaschen hatten, füllte der Wesir den Becher und reichte ihn dem König, der ihn leerte. Dann füllte er den Becher zum zweitenmal und sprach zu Maarûf: »Nimm den Trinkbecher, vor dessen Majestät sich die Nacken der Weisen neigen.« Da fragte Maarûf: »Was ist das, o Wesir?« Er versetzte: »Das ist das greise Mädchen, die alte Jungfrau, der Herzen Freudenbringerin, von der der Dichter sagt:

»Trutziger Heiden Füße zertrampelten sie,
Und Rache brachte sie über die Häupter der Araber.
Einer der Söhne der Kâfirs, dem Vollmond gleich im Dunkel der Nacht, kredenzt sie dir,
Und seine Blicke sind für die Sünden der sicherste Grund.«

Und gesegnet von Gott ist der Mann, der da sprach:

»Wenn sich der Mundschenk erhebt mit dem Becher,
Den Wein zu entschleiern den Trinkgenossen,
So gleicht der Wein der tanzenden Morgensonne,
Die der Vollmond der Nacht mit dem Zwillingsgestirn betüpfelte.Der Vollmond der Nacht ist der Mundschenk, das Gestirn der Zwillinge seine Augen. 158
So zart und sanft ist des Weines Wesen,
Daß er die Glieder durchströmt wie die Seele.«

Oder wie ein andrer sagt:

Mich nimmt es Wunder, daß der Reben Presser starben
Und uns das Wasser des Lebens hinterließen.«

Und gesegnet von Gott ist der Mann, der da sprach:

Des Morgens bin ich der reichste Mann
Und schaue hohen Freuden entgegen.
Lauteres, flüssiges Gold hab' ich
Und mess' es mit Bechern aus.«

Und wie schön sagt auch der Dichter:

»Bei Gott, es giebt keine andre Alchimie als diese,
Und alles ist falsch, was man sonst von ihr lehrt:
Ein Karat Wein auf einen Centner Kummer
Verwandelt den Kummer sofort in Freuden.«

Oder wie ein andrer sagt:

»Die Gläser sind schwer, wenn sie leer sind,
Bis man sie füllt mit ungemischtem Wein.
Dann werden sie leicht, als wollten sie fliegen,
Wie die Leiber leicht sind, erfüllt von der Seele.«

So ließ der Wesir nicht ab Maarûf zum Trinken anzureizen, indem er ihm an Vorzügen des Weines rühmte, was er für gut befand, und Späßchen und Verse, die er in Bezug auf den Wein wußte, vorbrachte und citierte, bis Maarûf sich dem Saugen an den Lippen des Bechers überließ und sich an nichts andres mehr kehrte. Der Wesir schenkte ihm immer von neuem ein, und er trank und war lustig und guter Dinge, bis er benebelt wurde und Recht und Unrecht nicht mehr unterscheiden konnte. Als nun der Wesir sah, daß er stocktrunken war, sagte er zu ihm: »O Kaufmann Maarûf, bei Gott, mich nimmt es Wunder, woher du zu diesen Edelsteinen kamst, wie man sie selbst bei den Chosroenkönigen nicht findet. Unser Lebenlang sahen wir keinen Kaufmann, der so viel Reichtümer wie du aufgehäuft hätte und so großmütig wie du gewesen wäre; denn so wie du 159 verfahren nur Könige und nicht Kaufleute. Um Gott, gieb mir Auskunft hierüber, damit ich deinen Wert und Rang kennen lerne.« Alsdann drängte er so lange listig in ihn, bis Maarûf, der nichts mehr von sich wußte, zu ihm sagte: »Ich bin weder ein Kaufmann noch eines Königs Sohn,« und ihm seine Geschichte von Anfang bis zu Ende erzählte. Da sagte der Wesir zu ihm: »Um Gott, mein Herr Maarûf, zeig' uns diesen Ring, damit wir seine Arbeit sehen.« In seiner Trunkenheit zog Maarûf den Ring ab und sagte: »Nehmt ihn und beseht ihn euch.« Der Wesir nahm ihn und fragte, indem er ihn um und um drehte: »Wenn ich ihn reibe, erscheint dann der Diener?« Maarûf versetzte: »Jawohl; reib ihn nur; der wird erscheinen, und du magst ihn dir ansehen.« Nun rieb er ihn, und alsbald sprach jemand: »Zu Diensten, mein Herr, verlange und dir wird gegeben! Willst du eine Stadt verwüsten, einen Flecken bevölkern oder einen König töten? Was du begehrst, richte ich ohne Widerspruch aus.« Da zeigte der Wesir auf Maarûf und sprach zum Diener: »Nimm diesen Elenden und wirf ihn in die ödeste Wüstenei, wo er nichts zu essen und trinken findet, daß er vor Hunger umkommt und elendiglich stirbt, ohne daß jemand von ihm etwas erfährt.« Und sofort packte ihn der Diener und flog mit ihm zwischen Himmel und Erde davon. Als Maarûf dies sah, weinte er, des elendesten Unterganges gewiß, und fragte: »O Abus-Saādât, wohin gehst du mit mir?« Er versetzte: »Ich will dich in das »wüste Viertel« werfen, Ungebildeter! Wer besitzt auch einen Zauber wie diesen und giebt ihn den Leuten zum Besehen? Du verdienst dein Schicksal, und, so ich nicht Gott fürchtete, würfe ich dich aus einer Höhe von tausend Klaftern zur Erde, daß dich die Winde in Stücke rissen.« Da schwieg er und sprach kein Wort mehr zu ihm, bis er ihn zum wüsten Viertel gebracht hatte, wo er ihn hinwarf; dann kehrte er wieder zurück, ihn in jenem öden Lande allein lassend. 160

Neunhundertundneunundneunzigste Nacht.

Als nun aber der Wesir den Ring hatte, sprach er zum König: »Was sagst du nun? Sagte ich dir's nicht, daß er ein Betrüger und Lügner wäre? Du aber wolltest mir's nicht glauben.« Der König versetzte: »Du hattest recht, o mein Wesir, und Gott schenke dir Gesundheit! Gieb den Ring einmal her, daß ich ihn mir besehen kann.« Da wendete sich jedoch der Wesir ergrimmt gegen ihn und sagte zu ihm, ihm ins Gesicht speiend: »O Dummkopf, wie werde ich dir den Ring geben und dein Diener bleiben, wo ich dein Herr geworden bin? Ich lasse dich nicht mehr am Leben.« Alsdann rieb er den Ring und sprach zu dem Diener desselben: »Nimm diesen Dummkopf und wirf ihn neben seinen Schwiegersohn den Betrüger nieder.« Da nahm er ihn und flog mit ihm fort, wobei der König zu ihm sprach: »O Geschöpf meines Herrn, was ist meine Schuld?« Der Diener versetzte: »Ich weiß es nicht; mein Herr befahl es mir so und ich vermag mich dem Besitzer dieses verzauberten Ringes nicht zu widersetzen.« Alsdann flog er mit ihm so lange, bis er ihn an der Stätte, wo sich Maarûf befand, niedergeworfen hatte, worauf er ihn verließ und zurückkehrte. Als der König nun Maarûf weinen hörte, ging er zu ihm und teilte ihm mit, was der Wesir ihm angethan hatte, worauf beide, weinend über ihr Schicksal, dasaßen, ohne etwas zum Essen oder Trinken zu finden.

Soviel mit Bezug auf sie; was nun aber den Wesir anlangt, so erhob er sich, nachdem er Maarûf und den König beseitigt hatte, und verließ den Garten. Dann entbot er alle Truppen zu sich und hielt einen Diwan ab, in dem er ihnen ankündigte, was er mit Maarûf und dem König gethan hatte, und ihnen die Bewandtnis, die es mit den Siegelring hatte, mitteilte, wobei er hinzusetzte: »Wenn ihr mich nicht zum Sultan über euch macht, so befehle ich dem Diener des Ringes, euch alle aufzuladen und in das wüste Viertel 161 zu werfen, damit ihr dort vor Hunger und Durst umkommt.« Da erwiderten sie: »Thu' uns kein Leid, wir sind dessen zufrieden, daß du unser Sultan wirst, und wollen uns deinem Befehl nicht widersetzen.« Und so einigten sie sich dahin, ihn wider ihren Willen zu ihrem Sultan zu machen, worauf er ihnen Ehrenkleider schenkte und alles, was er nur wollte, von Abus-Saādât verlangte, der es ihm auf der Stelle brachte. Dann setzte er sich auf den Thron, gehorsam umgeben von seinen Truppen, und schickte zur Prinzessin, ihr sagen lassend: »Mach' dich bereit, ich besuche dich heute Nacht, da ich nach dir Verlangen trage.« Weinend und voll Kummer über ihren Vater und Gatten, ließ sie ihm wieder sagen: »Gedulde dich, bis die Zeit der AbstinenzDieselbe beträgt vier Monate und zehn Tage. verstrichen ist; dann magst du den Ehekontrakt schreiben lassen und mich in gesetzlich erlaubter Weise heimsuchen.« Er ließ ihr jedoch darauf sagen: »Ich kenne weder Abstinenz noch Aufschub, weder Ehekontrakt noch Erlaubtes und Verbotenes; ich muß dich heute Nacht besuchen.« Da ließ sie ihm wieder sagen: »Sei willkommen, es kann nichts schaden.« Es war dies jedoch eine List von ihr. Als er nun diese Antwort von ihr erhielt, freute er sich, und seine Brust dehnte sich froh aus, da er leidenschaftlich in sie verliebt war. Alsdann befahl er allem Volk Speise vorzusetzen und sprach: »Esset dieses Mahl, es ist mein Hochzeitsbankett, denn heute Nacht will ich die Prinzessin heimsuchen.« Der Scheich el-Islâm entgegnete ihm: »Es ist dir nicht erlaubt sie heimzusuchen, ehe nicht die Zeit der Abstinenz verstrichen ist, und du den Ehekontrakt hast schreiben lassen.« Der Wesir erwiderte ihm jedoch: »Ich weiß nichts von Abstinenz und Aufschub; mach' mir nicht viel Worte.« Da schwieg der Scheich el-Islâm aus Furcht vor seinem Zorn, indem er zu den Truppen sprach: »Das ist ein Kâfir ohne Glauben und Gesetz.«

Als nun der Abend kam, und der Wesir zur Prinzessin 162 ging, sah er sie in ihre prächtigsten Kleider gekleidet und mit dem schönsten Schmuck geschmückt. Sie aber empfing ihn lachend und sprach zu ihm: »Eine gesegnete Nacht! Hättest du jedoch meinen Vater und meinen Gatten umgebracht, so wäre es mir lieber gewesen.« Er erwiderte: »Ich werde sie sicherlich umbringen lassen.« Alsdann ließ sie ihn Platz nehmen und scherzte mit ihm, ihm Liebe heuchelnd, bis ihm von ihren Liebkosungen und ihrem freundlichen Lächeln der Verstand fortflog, während sie nur voll Arglist schön zu ihm that, um den Ring in ihre Gewalt zu bekommen und, um anstatt seiner Freude Leid auf die Mutter seiner StirnlockeDie Mutter der Stirnlocke ist die Stelle, auf welcher die Stirnlocke wächst, das Vorderhaupt. zu bringen; sie that dies aber nach dem Rat dessen, der da sprach:

Mit meiner List erreicht ich, was nicht mit Schwertern gewonnen wird;
Und dann kehrt' ich zurück mit der süßen Lese der Beute.«

Als er nun ihre Liebkosungen und ihr Lächeln sah, regte sich sein Begehr in ihm; sobald er sich ihr jedoch näherte, wich sie vor ihm weinend zurück und sprach zu ihm: »Mein Herr, siehst du nicht, wie der Mann uns anschaut? Um Gott, verbirg' mich vor seinem Auge! Wie kannst du mir nahen, wenn er uns zusieht.« Da ergrimmte er und fragte: »Wo ist der Mann?« Sie versetzte: »Er ist im Stein des Siegelrings, aus dem er den Kopf hervorsteckt und uns anschaut.« Der Wesir glaubte nun, der Diener des Ringes schaute nach ihr und sagte lachend: »Fürchte dich nicht; das ist der Diener des Ringes, der unter meinem Befehl steht.« Sie versetzte jedoch: »Ich fürchte mich vor Ifrîten; zieh' ihn ab und wirf ihn weit fort von mir.« Da zog er den Ring ab und legte ihn aufs Kissen, worauf er sich ihr näherte; sie aber versetzte ihm nun einen Fußtritt gegen das Herz, daß er ohnmächtig auf den Rücken fiel. Dann rief sie ihre Sklavinnen, die eilig herbeikamen, und befahl ihnen: »Bindet 163 ihn!« worauf ihn vierzig Sklavinnen packten, während sie schnell den Ring vom Kissen nahm und ihn rieb. Sofort erschien Abus-Saādât und sprach: »Zu Diensten, meine Herrin!« Da befahl sie ihm: »Nimm diesen Kâfir, wirf ihn ins Gefängnis und leg' ihn in schwere Fesseln.« Abus-Saādât packte ihn und warf ihn ins Zorngefängnis, worauf er zu ihr zurückkehrte und sprach: »Ich hab' ihn eingesperrt.« Dann fragte sie ihn: »Wohin hast du meinen Vater und meinen Gatten geschafft?« Er erwiderte: »Ich hab' sie ins wüste Viertel geworfen.« Da sprach sie: »Ich befehle dir, sie auf der Stelle wieder herzubringen.« Er erwiderte: »Ich höre und gehorche;« und sofort flog er von ihr fort und rastete nicht eher, bis er zum wüsten Viertel kam und sich zu ihnen niederließ, wo er sie, weinend und einander ihr Leid klagend, antraf. Da sprach er zu ihnen: »Fürchtet euch nicht, der Trost ist zu euch gekommen.« Alsdann erzählte er ihnen, was der Wesir gethan hatte, indem er hinzufügte: »Ich habe ihn mit eigener Hand, ihrem Geheiß gehorchend, eingesperrt, worauf sie mir befahl, euch zurückzubringen.« Sie freuten sich über seine Nachrichten, und er lud sie auf und brachte sie in kürzerer Frist als einer Stunde zur Prinzessin zurück, die sich erhob, ihren Vater und ihren Gatten begrüßte und sie Platz nehmen ließ. Dann setzte sie ihnen Speise und Süßigkeiten vor, und so verbrachten sie den Rest der Nacht. Am andern Tag kleidete sie ihren Vater und ihren Gatten in einen prächtigen Anzug und sprach zu ihrem Vater: »Väterchen, setz' dich auf deinen Thron als König wie zuvor, mach' meinen Gatten zum Wesir der Rechten und teil' den Truppen das Vorgefallene mit. Laß dann den Wesir aus dem Gefängnis holen und hinrichten und verbrenn' ihn hernach, denn er ist ein Kâfir, der mich in Unzucht ohne Ehe heimsuchen wollte; er selber legte Zeugnis wider sich ab, ein Kâfir zu sein und keinen Glauben zu haben; und laß dir deinen Schwiegersohn, den du zum Wesir der Rechten machst, angelegen sein.« Der König versetzte: »Ich höre und gehorche, 164 meine Tochter; nun aber gieb mir den Ring oder gieb ihn deinem Gatten.« Sie entgegnete jedoch: »Keiner von euch beiden soll ihn haben, vielmehr will ich ihn selber behalten, denn vielleicht hüte ich ihn besser als ihr. Was ihr begehrt, das verlangt von mir, und ich will es für euch vom Diener des Ringes fordern; so lange ich lebe, habt ihr nichts zu befürchten, und nach meinem Tode mögt ihr mit dem Ring thun was ihr wollt.« Da sagte ihr Vater: »So ist's recht, meine Tochter.« Alsdann begab er sich mit seinem Schwiegersohn in den Diwan. Die Truppen hatten aber die Nacht in großer Kümmernis darüber verbracht, daß der Wesir die Prinzessin ohne Ehe in Unzucht heimgesucht und dem König und seinem Schwiegersohn so übel mitgespielt hatte. In der Besorgnis, das Gesetz des Islams könnte Schaden nehmen, da der Wesir offenkundig ein Kâfir war, versammelten sie sich im Diwan und schalten den Scheich el-Islâm, indem sie zu ihm sprachen: »Warum hast du ihm nicht verwehrt, die Prinzessin in Unzucht heimzusuchen?« Er erwiderte ihnen: »Ihr Leute, er ist ein Kâfir und besitzt den Ring, so daß wir, ihr so wohl als ich, ihm nichts anhaben können. Gott, der Erhabene, wird ihm sein Thun schon lohnen, ihr aber schweigt, daß er euch nicht umbringen läßt.« Während sie in dieser Weise im Diwan miteinander sprachen, trat mit einem Male der König mit seinem Schwiegersohn Maarûf zu ihnen ein.

Tausendste Nacht.

Als die Truppen ihn sahen, freuten sie sich über sein Erscheinen und erhoben sich vor ihm, die Erde vor ihm küssend, während er sich auf den Thron setzte und ihnen die Geschichte erzählte, worauf ihre Beklemmung wich. Dann befahl er die Stadt zu schmücken und ließ den Wesir aus dem Gefängnis vor sich bringen. Als er an den Truppen vorüber geführt wurde, verfluchten sie ihn und schalten und schmähten ihn, bis er vor dem König stand, der ihn aufs schimpflichste hinzurichten befahl. Als sie dann die Hinrichtung vollzogen 165 hatten, verbrannten sie ihn, und so fuhr er in übelster Weise ins Höllenfeuer; und trefflich paßt auf ihn das Wort:

»Der Erbarmer erbarme sich nicht der Gruft seiner Gebeine,
Und mögen Munkar und NakîrDie beiden Grabesengel, welche die Seelen der Verstorbenen prüfen. ewig drin wohnen.«

Hierauf machte der König Maarûf zum Wesir der Rechten, und die Zeit verstrich ihnen angenehm und in lauterster Freude fünf Jahre lang, bis im sechsten Jahre der König starb, worauf die Prinzessin Maarûf zum König an ihres Vaters Statt machte; doch gab sie ihm nicht den Ring. Sie war aber während dieser Zeit von ihm schwanger geworden und hatte einen Knaben von wunderbarer Anmut und ausnehmender Schönheit und Vollkommenheit geboren, der in dem Schoß der Ammen blieb, bis er sein fünftes Lebensjahr erreicht hatte. Zu dieser Zeit erkrankte seine Mutter auf den Tod, weshalb sie Maarûf zu sich kommen ließ und zu ihm sprach: »Ich bin krank.« Er erwiderte: »Gott erhalte dich, Geliebte meines Herzens!« Sie entgegnete jedoch: »Falls ich sterben sollte, brauche ich dir nicht meinen Knaben anzuempfehlen; nur rate ich dir den Ring sorgsam zu hüten, damit dir und dem Knaben nichts widerfährt.« Er erwiderte: »Wen Gott hütet, dem widerfährt kein Leid.« Hierauf zog sie den Ring ab und gab ihm denselben; und am folgenden Tag ging sie ein zur Barmherzigkeit Gottes, des Erhabenen, während Maarûf König blieb und sich der Regierung hingab. Da traf es sich eines Tages, daß er das Tuch schüttelteEr schüttelt das Taschentuch zum Zeichen der Entlassung., worauf ihn die Truppen verließen, und nach ihren Wohnungen auseinander gingen. Dann begab er sich ins Wohnzimmer und saß dort, bis der Tag vergangen war und die Nacht mit ihrem Dunkel hereinbrach. Alsdann traten seine Tafelgenossen von den Großen wie üblich bei ihm ein und saßen bis Mitternacht bei ihm, um ihn aufzuheitern und fröhlich zu machen, worauf sie ihn um Erlaubnis heimzugehen 166 baten. Als sie nach erhaltener Erlaubnis heimgegangen waren, trat eine Sklavin bei ihm ein, die ihm das Bett zu machen hatte, und machte ihm die Matratze zurecht, worauf sie ihm seinen Anzug auszog und ihn in den Nachtanzug kleidete. Dann legte er sich nieder, und nun knetete sie ihm so lange die Füße, bis ihn der Schlaf überkam, worauf sie ihn verließ und sich nach ihrem Schlafgemach begab, wo sie sich zur Ruhe legte. Wie nun der König Maarûf schlief, verspürte er mit einem Male etwas an seiner Seite, so daß er erwachte und entsetzt rief: »Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan!« Alsdann öffnete er seine Augen und sah ein Weib von häßlichem Gesicht neben sich liegen. Da fragte er es: »Wer bist du?« Sie versetzte: »Fürchte dich nicht, ich bin deine Frau Fâtime el-Urre.« Er blickte ihr nun ins Gesicht und, da er sie an ihrer häßlichen Gestalt und den langen Augenzähnen erkannte, fragte er sie: »Wie bist du hierhergekommen, und wer hat dich in dieses Land gebracht?« Da fragte sie ihn: »In welchem Lande bist du jetzt?« Er erwiderte: »In der Stadt Chītân el-Chotan; und wann hast du Kairo verlassen?« Sie entgegnete: »Soeben.« Da sagte er: »Wie ist das möglich?« Sie versetzte: »Wisse, als ich mit dir zankte und mich der Satan verführte, dich zu plagen und dich bei den Behörden zu verklagen, suchten sie nach dir, ohne dich zu finden; und die Richter fragten nach dir, doch sah dich niemand. Nach zwei Tagen erfaßte mich jedoch die Reue, und ich erkannte, daß die Schuld bei mir lag, doch nützte mir die Reue nichts. Ich weinte eine Reihe von Tagen über die Trennung von dir, bis mir, was ich zur Hand hatte, ausging und ich um mein Brot zu betteln gezwungen war. Und so bettelte ich die Reichen und Armen an, und seit der Zeit, daß du mich verließest, lebte ich vom Schimpf der Bettelei in elendester Lage. Des Nachts aber saß ich da, weinend über die Trennung von dir und über den Schimpf und die Schande und das Unglück und Leid, das ich seit deinem Verschwinden zu ertragen hatte.« So 167 erzählte sie ihm ihre Erlebnisse, während er verblüfft über sie dasaß, bis sie sagte: »Gestern nun ging ich den ganzen Tag bettelnd umher, ohne daß mir jemand etwas gab; und so oft ich mich an jemand wendete und ihn um ein Stück Brot bat, schalt er mich und gab mir nichts. Als die Nacht kam, saß ich ohne Nachtessen da und weinte, da mich der Hunger brannte und das Elend, das ich auszustehen hatte, schwer bedrückte, als mit einem Male jemand vor mir erschien und mich fragte: »Weib, was weinst du?« Ich versetzte: »Ich hatte früher einen Gatten, der mich versorgte und meine Wünsche erfüllte; doch ist er verschwunden, und ich weiß nicht, wohin er gegangen ist; seitdem er mich aber verließ, habe ich das Schlimmste erlitten.« Nun fragte er mich: »Wie heißt dein Gatte?« Ich erwiderte: »Maarûf.« Da sagte er: »Ich kenne ihn; wisse, dein Gatte ist jetzt Sultan in einer Stadt, und, so du willst, daß ich dich zu ihm bringe, so thue ich es.« Ich versetzte: »Ich bin in deinem Schutz; sei so gut und bring' mich zu ihm.« Da lud er mich auf und flog mit mir zwischen Himmel und Erde, bis er mich zu diesem Schloß brachte, worauf er zu mir sagte: »Tritt in dieses Zimmer ein, du wirst dort deinen Gatten auf dem Polster schlafend finden.« Da trat ich ein und sah dich in dieser Macht und Herrlichkeit. Ich hätte nicht geglaubt, daß du mich verlassen würdest, da ich doch deine Gefährtin bin; aber gelobt sei Gott, der mich mit dir vereint hat!« Er entgegnete: »War ich's, der dich verließ oder warst du's nicht, die mich verließ? Du verklagtest mich von Kadi zu Kadi bis zur hohen Pforte, und brachtest Abū Tabak von der Burg über mich, so daß ich wider meinen Willen floh.« Alsdann erzählte er ihr alle seine Erlebnisse, bis er Sultan geworden war und die Prinzessin geheiratet hatte, die aber gestorben wäre und ihm einen Knaben von nunmehr sieben Jahren hinterlassen hätte.« Sie versetzte hierauf: »Was geschah, war von Gott, dem Erhabenen, verhängt; doch bereue ich und begebe mich in deinen Schutz, hoffend, daß du mich nicht 168 verlassen sondern das Gnadenbrot bei dir essen lassen wirst.« So demütigte sie sich so lange vor ihm, bis sein Herz Mitleid für sie empfand, und er sprach: »Kehre dich reuig ab von deiner Bosheit und bleib' bei mir, dann soll dir nichts geschehen als was dich erfreut. Thust du aber wieder etwas Übles, so töte ich dich und fürchte mich vor niemand. Wähne nicht, daß du mich wieder bei der hohen Pforte verklagen kannst, daß Abū Tabak von der Burg über mich kommt, denn ich bin jetzt Sultan; die Leute fürchten mich, ich aber fürchte nur Gott, den Erhabenen. Denn siehe, ich habe einen dienstbaren Ring, dessen Diener Abus-Saādât heißt; und, sobald ich den Ring reibe, erscheint er und bringt mir, was ich von ihm verlange. Willst du in dein Land heimkehren, so gebe ich dir, was dir für dein ganzes Leben genügen soll, und schicke dich eilends heim; willst du jedoch bei mir bleiben, so will ich dir ein Schloß räumen und mit Sachen aus der erlesensten Seide einrichten lassen und dir zwanzig Sklavinnen zur Bedienung geben; auch sollst du seine Gerichte und prächtige Kleider erhalten und sollst als Königin das angenehmste Leben führen, bis du stirbst oder ich. Was sagst du hierzu?« Sie erwiderte: »Ich will bei dir bleiben,« und küßte ihm die Hand, reuig über ihre Missethaten. Hierauf gab er ihr ein Schloß für sie ganz allein und schenkte ihr Sklavinnen und Eunuchen, und so ward sie Königin. Der Knabe besuchte sie sowohl wie seinen Vater; doch haßte sie ihn, da er nicht ihr Sohn war. Als nun der Knabe sah, daß sie ihn mit dem Auge des Zornes und Abscheus anblickte, mied er sie und empfand ebenfalls Widerwillen gegen sie. Maarûf aber machte sich mit der Liebe zu schönen Sklavinnen zu schaffen und kümmerte sich nicht um seine Frau Fâtime el-Urre, da sie eine grauhaarige Vettel von häßlichem Gesicht und kahlem Kopf geworden war, widerwärtiger als eine gefleckte Schlange, zumal da sie ihn zuvor aufs übelste behandelt hatte; und das Sprichwort sagt: »Üble Behandlung schneidet der Wünsche Wurzel ab und sät Haß ins 169 Land der Herzen.« Und gesegnet von Gott ist der Mann, der da sprach:

»Hüte dich, den Herzen Leid zu bereiten,
Denn schwer fällt's, sind sie geflohen, sie wiederzubringen.
Herzen, aus denen die Liebe gewichen ist,
Sind wie Glas, – sein Bruch ist unheilbar.«

Auch hatte Maarûf sie nicht um einer löblichen Eigenschaft willen aufgenommen, vielmehr hatte er dies nur aus Hochherzigkeit gethan, im Streben nach Gottes Wohlgefallen.

Hier sagte Dunjasad zu ihrer Schwester Schehersad: »Wie süß sind diese Worte, die die Herzen stärker in ihre Gewalt bekommen als bezaubernde Blicke! Und wie schön sind diese merkwürdigen Anekdoten und wunderbaren Geschichten!« Schehersad entgegnete: »Was ist dies im Vergleich zu dem, was ich euch in der kommenden Nacht erzählen werde, so ich lebe und mich der König verschont.«

Als nun der Morgen anbrach und es licht ward und tagte, erhob sich der König mit froher Brust und sprach bei sich, gespannt auf das Ende der Geschichte: »Bei Gott, ich töte sie nicht eher als bis ich das Ende ihrer Geschichte vernommen habe.« Alsdann begab er sich hinaus in die Regierungshalle, während der Wesir wie gewöhnlich mit dem Leichentuch unter der Achsel ankam. Nachdem der König den ganzen Tag über unter dem Volk seines Amtes gewaltet hatte, kehrte er in seinen Harem zurück und trat wie üblich bei seiner Gattin Schehersad, der Tochter des Wesirs, ein, –

Tausendunderste Nacht.

worauf ihre Schwester Dunjasad zu ihr sagte: »Erzähle uns die Geschichte von Maarûf zu Ende.« Sie versetzte: »Recht gern, wenn es mir der König erlaubt.« Der König entgegnete: »Ich erlaube es dir, denn mich verlangt danach, das Ende der Geschichte zu hören.« Da hob sie an und sprach: »Ich vernahm, o König, daß als Maarûfs Frau Fâtime sah, daß er sich von ihr fernhielt und sich mit andern 170 abgab, sie zornig auf ihn ward; die Eifersucht packte sie, und Iblîs flüsterte ihr ein, ihm den Ring zu entwenden und ihn umzubringen, um an seiner Statt als Königin zu regieren. Infolgedessen verließ sie eines Nachts ihr Schloß und ging hinüber zum Schloß ihres Gatten, des Königs Maarûf; es traf sich aber gerade, daß er nach dem verhängten Ratschluß und dem niedergeschriebenen Geschick mit einer seiner Favoritinnen ruhte, einem Mädchen, geschmückt mit Schönheit und Anmut und von ebenmäßigem Wuchs, und in seiner reinen Frömmigkeit pflegte er stets, wenn er bei einem Mädchen ruhte, den Siegelring aus Ehrfurcht vor den hohen Namen, die in ihn graviert waren, vom Finger abzuziehen und auf das Kissen zu legen, um ihn erst wieder nach der Reinigung anzustecken; ebenso pflegte er dem Mädchen, das bei ihm geruht hatte, aus Furcht für den Siegelring zu befehlen, ihn zu verlassen, und, wenn er hernach ins Bad ging, verschloß er stets die Schloßthür bis er wieder aus dem Bad kam, worauf er den Ring ansteckte, und nunmehr jeder unbehindert zu ihm eintreten konnte. Alles dies hatte Fâtime in Erfahrung gebracht, weshalb sie zur Nachtzeit ihr Schloß verließ, um bei ihm einzudringen und ihm, während er in tiefem Schlaf lag, von ihm ungesehen den Ring zu stehlen. Zu jener Stunde war aber der Prinz zufällig ohne Licht hinaus gegangen, um ein Geschäft zu verrichten, und saß gerade bei offener Thür in der Finsternis da, als er sie nach dem Schloß seines Vaters eilen sah. Da sprach er bei sich: »Was hat diese Hexe im Dunkel der Nacht ihr Schloß zu verlassen und nach meines Vaters Schloß zu gehen? Da steckt sicherlich etwas dahinter.« Hierauf ging er ihr nach und folgte ihrer Spur, von ihr unbemerkt. Nun hatte er aber ein kurzes damasziertes Schwert, das er sich stets umhängte, wenn er in den Diwan ging, da es ihm sehr wert war; sein Vater pflegte ihn deshalb auszulachen und sagte auch wohl zu ihm: »Maschallāh, – was Gott will! – das ist ein prächtiges Schwert, mein Sohn! Jedoch bist du nicht 171 etwa zum Kampf mit ihm herabgestiegen oder um jemand den Kopf abzuhauen?« worauf der Prinz dann zu erwidern pflegte: »Sicherlich schlage ich damit einen Kopf ab, der es verdient.« Und dann lachte der König über seine Worte. Wie er nun der Frau seines Vaters nachschlich, zog er das Schwert aus der Scheide und folgte ihr, bis sie ins Schloß seines Vaters trat, während er an der Thür stehen blieb und sie beobachtete. Da sah er sie umhersuchen und hörte sie sprechen: »Wo hat er nur den Ring hingelegt?« woraus er erkannte, daß sie nach dem Ring suchte. Er wartete so lange, bis sie ihn fand und mit den Worten: »Da ist er,« ihn aufhob. Als sie dann wieder hinausgehen wollte, verbarg er sich hinter der Thür und sah nun, daß sie beim Hinausgehen den Ring betrachtete und ihn hin- und herkehrte, um ihn zu reiben. Da schwang er das Schwert hoch und versetzte ihr einen Streich in den Nacken, daß sie mit einem lauten Aufschrei tot niederstürzte, worauf Maarûf erwachte und nun seine Frau blutüberströmt am Boden liegen sah, während sein Sohn mit gezücktem Schwert in der Hand dastand. Auf seine Frage: »Was ist das, mein Sohn?« antwortete er ihm: »Mein Vater, wie oft sprachst du zu mir, »das ist ein prächtiges Schwert; jedoch bist du hoffentlich nicht zum Kampf damit heruntergestiegen oder um jemand den Kopf abzuhauen,« worauf ich dir dann antwortete: »Ich werde sicherlich damit einen Kopf, der es verdient, abschlagen.« Und nun habe ich für dich einen Kopf abgeschlagen, der es verdiente.« Alsdann erzählte er ihm den Vorfall, worauf Maarûf nach dem Ring suchte, ohne ihn zu finden, bis er nach langem Suchen an ihren Gliedern sah, daß sie ihre Hand über ihn zusammengeschlossen hatte. Da nahm er ihr den Ring ab und sprach zu ihm: »Du bist ohne Zweifel und Fehl mein Sohn; Gott gebe dir im Diesseits und Jenseits Frieden, wie du mir vor dieser Ruchlosen Frieden verschafft hast. Ihr Eifer führte zu ihrem eigenen Verderben, und gesegnet von Gott ist der Mann, der sprach: 172

»Wenn Gottes Hilfe einem Mann zur Seite steht,
Erreicht er in allen Sachen seinen Wunsch.
Fehlt aber einem Manne Gottes Beistand,
So ist das erste, das ihm schadet, sein eigener Eifer.«

Alsdann rief der König Maarûf nach einigen seiner Diener, die schnell herbeikamen, worauf er ihnen mitteilte, was seine Frau Fâtime el-Urre gethan hatte, und ihnen befahl, sie bis zum Morgen beiseite zu schaffen. Sie vollzogen seinen Befehl, und dann beauftragte er eine Anzahl Eunuchen, sie zu waschen und ins Leichentuch zu wickeln, worauf sie ihr ein Grabmal errichteten und sie bestatteten. So hatte sie Kairo nur verlassen, um ins Grab zu kommen; und gesegnet von Gott ist der Mann, der da sprach:

Ziehe ich aus zu einem Land mein Glück zu suchen,
So weiß ich nicht, was mir zu teil wird:
Ob ich das Glück finde, das ich suche,
Oder das Unglück, das mich sucht.«

Nach diesem schickte der König Maarûf nach dem Ackersmann, dessen Gast er gewesen war, als er ein Flüchtling war, und machte ihn zum Wesir der Rechten und zu seinem Ratgeber. Als er dann erfuhr, daß er eine Tochter von wunderbarer Schönheit und Anmut hatte, von edeln Tugenden, und von vornehmer Herkunft und hohem Wert, heiratete er sie und verheiratete nach einer Weile auch seinen Sohn. Und dann führten sie eine Zeitlang das angenehmste Leben in heitern Tagen und hohen Freuden, bis daß der Zerstörer der Freuden und der Trenner der Vereinigungen, der Verwüster bewohnter Stätten und der Verwaiser von Söhnen und Töchtern sie heimsuchte. Preis dem Lebendigen, der nimmer stirbt, und in dessen Hand die Schlüssel der sichtbaren und unsichtbaren Welt ruhen!

 


 

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