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Tausend und eine Nacht. Band XVII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XVII - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XVII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages174
created20180413
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Geschichte Kamar es-Samâns und seiner Liebsten.

Ferner erzählt man, o glückseliger König, daß in alten Zeiten ein Kaufmann, Namens Abd er-Rahmân lebte, dem Gott eine Tochter und einen Sohn geschenkt hatte; und er hatte seiner Tochter wegen ihrer großen Schönheit und Anmut den Namen Kaukab es-Sabâh gegeben und seinen Sohn Kamar es-Samân geheißen. Als er aber sah, was Gott ihnen an Schönheit, Anmut, Eleganz und Ebenmaß verliehen, fürchtete er für sie die Augen der Beschauer, die Zungen der Neider, den Arg der Arglistigen und die Fallen der Bösen und verschloß sie vierzehn Jahre lang vor den Leuten in einem Haus, so daß sie niemand als ihre Eltern sahen und eine Sklavin, welche sie zu bedienen hatte. Ihr Vater und ihre Mutter aber vermochten den Koran so zu recitieren, wie Gott ihn hinabgesandt hatte, weshalb die Mutter ihn ihrer Tochter und der Vater seinem Sohn lehrte, bis sie ihn auswendig wußten. Ebenso lernten beide von ihren Eltern Schreiben, Rechnen, Wissenschaften und Litteratur, daß sie keines Lehrers bedurften. Als nun der Knabe die Mannesreife erlangt hatte, sagte die Frau des Kaufmanns zu ihrem Gatten: »Wie lange willst du noch deinen Sohn vor den Augen der Leute verbergen? Ist er ein Mädchen oder ein Knabe?« Er versetzte: »Ein Knabe.« Da sagte sie: »So er ein Knabe ist, weshalb nimmst du ihn dann nicht mit auf den Bazar und lässest ihn in deinem Laden sitzen, daß er die Leute kennen lernt und sie ihn, damit es unter ihnen bekannt wird, daß er dein Sohn ist, und daß du ihn das Kaufen und Verkaufen lehrst? Es könnte dir etwas zustoßen, und dann wissen die Leute, daß es dein Sohn ist, und er kann seine Hand an deine Hinterlassenschaft legen. 6 Stirbst du aber so wie die Sachen jetzt liegen, und sagt er zu den Leuten: »Ich bin der Sohn des Kaufmanns Abd er-Rahmân,« so werden sie ihm nicht glauben, sondern werden zu ihm sagen: »Wir haben dich nie gesehen und wissen nichts davon, daß er einen Sohn hat.« Und dann werden die Behörden dein Gut einziehen, und dein Sohn und deine Tochter werden mittellos dastehen. Ich möchte deine Tochter deshalb auch unter den Leuten bekannt machen, daß vielleicht ein ihr Ebenbürtiger sich um sie bewirbt, und wir sie mit ihm verheiraten und unsere Freude daran haben.« Er erwiderte ihr hierauf: »Ich fürchtete für sie die Augen der Leute, –

Neunhundertundvierundsechzigste Nacht.

da ich sie liebe, und die Liebe ist voll Eifersucht. Fürwahr schön ist der Ausspruch dessen, der die Verse sprach:

»Ich bin eifersüchtig auf mein Aug', das dich schaut, und auf mich,
Auf dich, auf deine Stätte und auf die Zeit.
Nähme ich dich auch ganz in meine Augen auf,
Ich würde der Nähe nicht überdrüssig werden;
Ja, kämst du auch alle Tage zu mir,
Bis zum Tag der Auferstehung hätte ich nicht genug daran.«

Seine Gattin versetzte: »Vertrau nur auf Gott, denn dem, den Gott behütet, geschieht nichts zuleide, und nimm ihn heute mit dir in den Laden.« Alsdann kleidete sie ihn in einen der prächtigsten Anzüge, daß er eine Verführung für die Beschauer ward und die Herzen mit Liebesweh erfüllte, worauf ihn sein Vater mit sich nahm und mit ihm auf den Bazar ging. Alle aber, die ihn erblickten, wurden von ihm bezaubert, so daß sie an ihn herantraten, ihm die Hand küßten und ihn begrüßten, während sein Vater die Leute, die ihnen neugierig folgten, schalt. Und der eine sagte: »Die Sonne ist in dem Hause des und des aufgegangen und strahlt in den Bazar;« ein anderer wiederum sagte: »Des Vollmonds Aufgangsstätte ist in der und der Gegend;« und ein dritter 7 meinte: »Des Festes Mondsichel leuchtet auf die Diener Gottes.« In dieser Weise machten sie auf den Knaben Anspielungen und segneten ihn, während sein Vater durch ihre Worte in Verlegenheit geriet, ohne ihnen das Reden verbieten zu können, weshalb er seine Mutter zu schelten anhob und ihr fluchte, da sie den Ausgang des Knaben veranlaßt hatte. Und den ganzen Weg über bis zu seinem Laden sah er, wenn er sich umwendete, ein Menschengedränge vor und hinter sich. Nachdem er dann den Laden geöffnet hatte, setzte er sich und ließ den Knaben vor sich Platz nehmen; dann wendete er sich wieder zu den Leuten und sah nun, daß sie die ganze Straße versperrten, da jeder der Vorübergehenden, mochte er kommen oder gehen, vor dem Laden stehen blieb und das hübsche Gesicht betrachtete, ohne sich von ihm trennen zu können; und Männer und Weiber scharten sich im Halbkreis um ihn, wie es im Dichterwort heißt:

»Du hast die Schönheit erschaffen zur Verführung für uns
Und sprachst zu uns: Ihr meine Diener, fürchtet mich!
Doch selber schön liebst du die Schönheit auch,
Wie sollten da dich deine Diener nicht lieben?«

Als nun der Kaufmann Abd er-Rahmân das Volk sich um ihn drängen und Manns- und Weibsleute in Reihen dastehen und den Knaben angaffen sah, schämte er sich über die Maßen und wußte nicht aus noch ein, bis mit einem Male vom Ende des Bazars ein fahrender Derwisch im Kleid der frommen Gottesdiener des Weges kam und Verse recitierend und Thränen vergießend auf den Knaben zuschritt. Als er Kamar es-Samân dasitzen sah gleich einem Bânreis sprießend auf einem Saffranhügel, ließ er seinen Thränen freien Lauf und sprach die beiden Verse:

»Ein Reis sah ich auf einem Hügel stehn,
Dem Vollmond gleich in glitzerndem Perlenschein.
Da fragt' ich es: Wie heißest du? Es sagte: Perle.
Nun fragt' ich es: Für mich, für mich? Es sprach. Nein, Nein!«Hier liegt ein arabisches Wortspiel zu Grunde zwischen lu'lu', Perle, lî lî, für mich, für mich, und lâ lâ, nein, nein. 8

Hierauf fing der Derwisch an bedächtig hin und her zu gehen und mit seiner rechten Hand über sein graues Haar zu fahren, während die Menge aus Ehrfurcht vor ihm mitten auseinander wich; beim Anblick des Knaben aber ward sein Auge geblendet und sein Verstand verwirrte sich. Alsdann trat er an den Knaben heran und gab ihm eine Basilienwurzel, worauf sein Vater mit der Hand in die Tasche fuhr und einige Dirhem für ihn herausholte, indem er zu ihm sprach: »Nimm deinen Anteil, Derwisch, und geh' deines Weges.« Der Derwisch nahm das Geld, doch setzte er sich auf die Steinbank vor dem Laden dem Jüngling gegenüber und blickte ihn weinend und in einem fort seufzend an, während die Thränen wie Quellen aus seinen Augen hervorsprudelten, daß die Leute ihre Augen auf ihn zu heften begannen und über ihn tadelnde Äußerungen machten, indem die einen meinten: »Alle Derwische sind Sodomiter,« während andere sagten: »Das Herz des Derwisches ist zu diesem Knaben in Liebe entbrannt.« Als nun der Kaufmann dies sah, erhob er sich und sagte: »Steh' auf, mein Sohn, wir wollen den Laden schließen und nach Hause gehen; es schickt sich nicht für uns, heute zu kaufen und verkaufen. Gott, der Erhabene, zahle deiner Mutter heim, was sie uns angethan hat, denn sie hat alles dies veranlaßt!« Hierauf sagte er zum Derwisch: »Steh' auf, daß ich den Laden schließe.« Da erhob sich der Derwisch, worauf der Kaufmann den Laden verschloß und mit seinem Sohn fortging, während der Derwisch und die Leute ihnen bis zu ihrer Wohnung folgten. Als dann der Knabe in die Wohnung eingetreten war, wendete sich der Kaufmann zum Derwisch um und fragte ihn: »Was wünschest du, Derwisch, und weshalb weinst du?« Der Derwisch versetzte: »Mein Herr, ich möchte zur Nacht dein Gast sein, und ein Gast ist der Gast Gottes, des Erhabenen.« Da versetzte der Kaufmann: »Willkommen dem Gast Gottes! Tritt ein, o Derwisch!« 9

Neunhundertundfünfundsechzigste Nacht.

Sobald aber der Derwisch eingetreten war und sich gesetzt hatte, blickte er den Knaben wieder, fortwährend weinend und seufzend, an, so daß ihn der Kaufmann fragte: »Mein Bruder, weshalb weinst du und seufzest in einem fort, wenn du meinen Sohn anblickst? Hat dies einen Grund?« Der Derwisch versetzte: »Jawohl.« Da sagte der Kaufmann: »Als ich dich beim Anblick meines Sohnes weinen sah, glaubte ich schon, du hättest Arges mit ihm im Sinn, nun aber, wo ich von deiner Frömmigkeit überzeugt bin, so beschwör' ich dich bei Gott, sag' an, weshalb du weinst?« Da erhob sich der Derwisch und sagte: »O mein Herr, reiß' nicht eine vernarbte Wunde auf.« Der Kaufmann versetzte jedoch: »Du mußt es mir sagen.« Und so hob denn der Derwisch an und erzählte: »Wisse, mein Herr, ich bin ein Derwisch und fahre durch die weite Welt, um ein Exempel an den Spuren des Schöpfers von Tag und Nacht zu nehmen. Da traf es sich einmal, daß ich an einem Freitag zur Zeit des Vormittags die Stadt Basra betrat –

Neunhundertundsechsundsechzigste Nacht.

und die Läden offen sah und voll allerlei Artikeln und Waren und Speise und Trank, während die Stadt selber leer war, und weder Mann noch Weib noch Mädchen oder Knabe zu sehen waren; ebenso sah man auf den Straßen oder Bazaren weder Hund noch Katze, noch hörte man irgend einen Laut oder irgend ein menschliches Wesen. Verwundert hierüber, sprach ich: »Wo mögen denn nur die Leute dieser Stadt samt ihren Katzen und Hunden hingekommen sein, und was mag Gott mit ihnen gethan haben?« Da ich aber hungrig war, nahm ich heißes Brot aus dem Ofen eines Bäckers und trat in den Laden eines Ölhändlers, wo ich das Brot mit Butter und Honig bestrich und es aß. Dann ging ich in eine Sorbetterie und trank, was mir gerade gefiel, 10 worauf ich in ein Kaffeehaus ging, das ich offen stehen sah, und, da ich die Kannen voll Kaffee auf dem Feuer stehen sah, ohne daß jemand anwesend war, trank ich, bis ich genug hatte, indem ich bei mir sprach: »Das ist ein wundersames Ding; es scheint, daß der Tod das Volk dieser Stadt soeben heimgesucht hat, und daß sie allesamt gestorben sind, oder als wären sie aus Furcht vor einer Gefahr, die über sie kam, geflohen, ohne noch imstande gewesen zu sein ihre Läden zu verschließen.« Während ich aber hierüber noch nachdachte, hörte ich Trommellärm und verbarg mich erschreckt für eine Weile, wobei ich durch einen Mauerspalt lugte und nun eine Mädchenschar zu zwei und zwei in vierzig Paaren mit entschleierten Gesichtern gleich lauter Monden auf dem Bazar herangeschritten kommen sah, während ein Mädchen unter ihnen auf einem Prachtroß ritt, das infolge all des Goldes und Silbers und der Edelsteine, mit dem es und das Mädchen beladen waren, kaum einen Fuß vor den andern setzen konnte. Jenes Mädchen war ebenfalls unverschleiert und mit dem schönsten Schmuck geschmückt und in die prächtigsten Kleider gekleidet. Um den Hals trug es ein Edelsteinhalsband und auf der Brust ein goldenes Gehänge; ihre Hände waren mit Spangen geziert, die wie die Sterne leuchteten, und an den Füßen trug sie goldene mit Juwelen und Edelsteinen besetzte Knöchelringe. Die Sklavinnen marschierten vor und hinter ihr und zur Rechten und Linken, und ihr voran schritt eine Sklavin, die ein großes Schwert mit smaragdenem Griff und goldenem, mit Edelsteinen besetztem Wehrgehänge umgehängt hatte. Als jenes Mädchen vor meinem Versteck angelangt war, zog es den Zügel seines Rosses an und sagte: »Ihr Mädchen, ich höre ein Geräusch von irgend etwas in jenem Laden; sucht daher nach, ob sich dort vielleicht jemand versteckt hat, um unsere entschleierten Gesichter zu sehen.« Da durchsuchten sie den Laden gegenüber dem Kaffeehaus, in dem ich mich versteckt hatte, während ich in Ängsten in meinem Versteck saß, bis ich sie wieder mit 11 einem Mann herauskommen sah und zu ihr sprechen hörte: »Herrin, wir fanden diesen Mann, und da ist er vor dir;« worauf sie zu der Schwertträgerin sprach: »Hau' ihm den Kopf ab.« Da trat sie an ihn heran und hieb ihm den Kopf ab, worauf sie ihn am Boden liegen ließen und weiter zogen. Als ich dies sah, grauste es mir, doch verliebte sich mein Herz in das Mädchen. Nach einer Weile kamen dann auch wieder die Leute zum Vorschein und jeder, der einen Laden hatte, ging in ihn; und die Leute wanderten durch die Bazare und drängten sich neugierig um den Erschlagenen. Alsdann schlich ich auch aus meinem Versteck hervor, ohne daß jemand auf mich achtete; da die Liebe zu dem Mädchen jedoch mein Herz ganz und gar ergriffen hatte, suchte ich insgeheim etwas Näheres von ihr zu erfahren, ohne daß mir jemand über sie hätte Auskunft geben können. Hierauf verließ ich Basra mit einem Herzen voll Liebesweh und, als ich nun deinen Sohn sah, der ihr von allen Menschen am ähnlichsten ist, mußte ich wieder an sie denken, da er das Feuer der Sehnsucht von neuem in mir entfesselte und die Lohe der Leidenschaft in meinem Herzen wieder anfachte. Das ist der Grund meines Weinens.« Alsdann hub er von neuem an aufs bitterlichste zu weinen und sprach zum Kaufmann: »Um Gott, mein Herr, öffne mir die Thür, daß ich meines Weges ziehen kann.« Da öffnete er ihm die Thür, worauf der Derwisch fortging.

Als aber Kamar es-Samân die Erzählung des Derwisches vernommen hatte, verliebte sich sein Herz in jenes Fräulein, und Sehnsucht ergriff ihn und erregte schmerzliches Verlangen und Leidenschaft in ihm. Am nächsten Morgen sagte er dann zu seinem Vater: »Alle Kaufmannssöhne reisen aus in die Lande ihren Wunsch zu erlangen, und es ist keiner unter ihnen, den sein Vater nicht mit Waren ausrüstete, mit denen er sich auf Reisen begiebt und Geschäfte macht. Weshalb rüstest du mich denn, o mein Vater, nicht auch mit Waren aus, daß ich ausfahre und mein Glück suche?« Sein Vater 12 antwortete ihm: »Mein Sohn, jenen Kaufleuten fehlt es an Geld, weshalb sie ihre Söhne auf Reisen schicken, damit sie Profit machen und Gewinn und irdisch Gut einheimsen. Ich aber habe Geld in Menge und bin nicht habgierig; wie sollte ich dich da in die Fremde treiben, wo ich mich keine Stunde von dir trennen kann, zumal wo du einzig bist an Schönheit, Anmut und Vollkommenheit, und ich für dich besorgt bin?« Kamar es-Samân versetzte jedoch: »Mein Vater, es geht nicht anders als daß du mich mit Waren ausrüstest, auf daß ich mich mit ihnen auf Reisen begebe; wenn nicht, so laufe ich dir, wenn du einmal unachtsam bist, fort, sei's auch ohne Geld und Waren. Willst du mich daher zufrieden stellen, so mach' mir Waren zurecht, daß ich reisen und mir das Land der Menschen besehen kann.« Als nun sein Vater sah, daß sein Sohn aufs Reisen versessen war, erzählte er es seiner Mutter, indem er zu ihr sagte: »Siehe, dein Sohn wünscht, daß ich ihm Waren ausrüste, damit er mit ihnen ins Ausland reisen kann, wiewohl Ausland Elend bedeutet.« Seine Gattin erwiderte ihm: »Was geschieht dir hierdurch denn zuleide? Dies ist doch der Kaufmannssöhne Brauch, und sie alle wetteifern miteinander im Reisen und Profit.« Er erwiderte: »Die meisten Kaufleute sind arm und suchen Reichtümer; ich aber, besitze ich nicht viel?« Seine Frau versetzte: »Wachsend Gut schadet nichts; und, so du ihm dies nicht gewährst, will ich ihm Waren mit meinem Geld beschaffen.« Der Kaufmann entgegnete: »Ich fürchte die Fremde für ihn, denn sie bringt den schwersten Kummer.« Seine Frau erwiderte jedoch: »Die Fremde thut nichts, wenn sie Gewinn bringt; und wenn wir's ihm nicht erlauben, so läuft unser Knabe fort, und wir suchen ihn dann vergeblich und haben obendrein Schande vor den Leuten.« Da nahm der Kaufmann die Worte seiner Frau an und rüstete seinen Sohn mit Waren im Betrage von neunzigtausend Dinaren aus, während ihm seine Mutter einen Beutel mit vierzig kostbaren Juwelen, von denen das geringste einen Wert von fünfhundert 13 Dinaren hatte, mit den Worten gab: »Mein Sohn, hüte diese Edelsteine, die dir von Nutzen sein werden.« Alsdann nahm Kamar es-Samân alles dies und steckte die Juwelen in einen Gürtel, den er um seinen Leib band, worauf er nach Basra abzog.

Neunhundertundsiebenundsechzigste Nacht.

Er reiste ohne Unterbrechung, bis nur noch eine Station zwischen ihm und Basra lag, als ihn die Araber überfielen, ihn auszogen und seine Leute und Diener erschlugen. Er aber warf sich unter die Erschlagenen und wälzte sich in ihrem Blut, so daß sie ihn für tot hielten und mit seinem Gut abzogen, ohne näher an ihn heranzukommen. Als sie dann ihres Weges gezogen waren, erhob sich Kamar es-Samân mitten aus den Erschlagenen und wanderte mit nichts anderm als den Edelsteinen in seinem Gurt, bis er nach Basra kam. Es traf sich aber, daß er gerade am Freitag die Stadt betrat, an welchem die Stadt menschenleer war, wie es der Derwisch erzählt hatte. Da er aber die Bazare leer und die Läden offen und voll Waren sah, aß und trank er und besah sich alles, als er mit einem Male Trommellärm vernahm, worauf er sich in einem Laden versteckte und die Mädchen besah, als sie vorüberkamen; sobald er jedoch das Fräulein hoch zu Roß erblickte, ward er von Verliebtheit und Sehnsucht gepackt und ganz von Liebesweh und rasender Leidenschaft ergriffen, daß er nicht zu stehen vermochte. Nach einer Weile erschienen dann wieder die Leute, und die Bazare füllten sich, worauf er auf den Bazar ging und einen Juwelier aufsuchte, dem er einen der Edelsteine, der einen Wert von tausend Dinaren hatte, verkaufte. Dann kehrte er wieder an seinen Platz zurück und verbrachte dort die Nacht. Am andern Morgen wechselte er seine Sachen und ging ins Bad, aus dem er wie der Vollmond wieder herauskam, worauf er noch vier Steine für viertausend Dinare verkaufte. Alsdann streifte er, in die prächtigsten Sachen gekleidet, durch die 14 Hauptstraßen von Basra, bis er zu einem Bazar gelangte, wo er einen Barbier sah, bei dem er eintrat und sich den Kopf scheren ließ. Indem er so mit ihm Bekanntschaft schloß, sagte er zu ihm: »Mein Vater, ich bin hier fremd; gestern kam ich in diese Stadt, doch fand ich sie ganz unbewohnt und weder Menschen noch Dschinn darinnen. Dann aber sah ich eine Mädchenschar, und unter ihnen in stolzem Aufzug hoch zu Roß ein Fräulein.« So erzählte er ihm alles, was er geschaut hatte, worauf der Barbier zu ihm sagte: »Mein Sohn, hast du schon zu einem andern hiervon gesprochen?« Kamar es-Samân erwiderte: »Nein.« Da sagte der Barbier zu ihm: »Mein Sohn, hüte dich hiervon zu irgend einem andern zu sprechen, denn nicht alle Leute hüten Worte und Geheimnisse; du bist noch ein junger Knabe, und ich fürchte, die Worte gehen von Mund zu Mund, bis sie schließlich den von ihnen Betroffenen zu Ohren kommen, und diese dich ums Leben bringen. Denn wisse, mein Sohn, was du gesehen hast, sieht und kennt man allein in dieser Stadt, und was die Bewohner Basras anlangt, so sterben sie durch diese Plage; denn jeden Freitag Vormittag sperren sie die Hunde und Katzen ein, damit sie nicht auf den Bazaren umherlaufen, und alle Stadtbewohner gehen in die großen Moscheen und verriegeln hinter sich die Thore, daß keiner von ihnen auf den Bazaren umhergehen oder auch nur aus dem Fenster schauen kann, ohne daß ein einziger die Ursache dieser Plage wüßte; heute Nacht jedoch, mein Sohn, will ich meine Frau danach fragen, denn sie ist eine Amme, die in die Häuser der Großen kommt und weiß, was in der Stadt vorgeht. So Gott will, der Erhabene, kommst du morgen wieder zu mir, und ich erzähle dir dann, was sie mir gesagt hat.« Da zog Kamar es-Samân eine Handvoll Gold heraus und sagte zu ihm: »Mein Vater, nimm dieses Gold und gieb es deiner Frau, denn sie ist meine Mutter geworden.« Hierauf zog er noch eine Handvoll Gold heraus und sagte: »Nimm dies für dich.« Da sagte der Barbier: »Mein Sohn, 15 bleib' sitzen, während ich inzwischen zu meiner Frau gehe, daß ich sie frage und dir dann den wahren Sachverhalt mitteile.« Alsdann ließ er ihn im Laden und ging zu seiner Frau, der er von dem Jüngling erzählte, indem er hinzusetzte: »Es ist mein Wunsch, daß du mir die Wahrheit von dieser Stadtgeschichte erzählst, damit ich die Sache diesem jungen Kaufmann mitteilen kann, der darauf erpicht ist den wahren Grund kennen zu lernen, weshalb Menschen und Tiere am Freitag Vormittag nicht auf die Bazare kommen dürfen; er scheint mir auch verliebt zu sein, da er großmütig und freigebig ist. Wenn wir es ihm mitteilen, so gewinnen wir dadurch von ihm großes Gut.« Da sagte seine Frau zu ihm: »Geh und sprich zu ihm: »Komm und rede mit deiner Mutter, meiner Frau. Sie läßt dich grüßen und dir sagen: Dein Wunsch ist erfüllt.« Da kehrte der Barbier zum Laden zurück, wo er Kamar es-Samân auf ihn wartend antraf, und teilte ihm die Sache mit, indem er zu ihm sprach: »Komm mit zu deiner Mutter, meiner Gattin, denn sie läßt dir sagen, daß dein Wunsch erfüllt ist.« Alsdann nahm er ihn mit zu seiner Frau, die ihn willkommen hieß und ihn einlud Platz zu nehmen, während er hundert Dinare hervorholte und sie ihr mit den Worten gab: »Meine Mutter, sag' mir, wer jenes Fräulein ist.« Sie entgegnete: »Mein Sohn, wisse, der Sultan von Basra erhielt einen Edelstein vom König von Indien und wollte ihn durchbohrt haben, weshalb er alle Juweliere vor sich befahl und zu ihnen sprach: »Ich wünsche diesen Edelstein von euch durchbohrt zu haben, und, wer ihn mir durchbohrt, soll einen Wunsch von mir erfüllt haben; zerbricht er ihn aber, so schlag' ich ihm den Kopf ab.« Da fürchteten sie sich und sprachen: »O König der Zeit, ein Edelstein nimmt leicht Schaden, und es giebt wenige, die ihn ohne Verletzung durchbohren können, da die meisten Edelsteine einen Sprung haben. Leg' uns daher nicht auf, wozu wir nicht imstande sind, da unsere Hand den Edelstein nicht durchbohren kann; jedoch ist der Scheich unserer Zunft 16 geschickter als wir.« Da fragte der König: »Wer ist euer Scheich?« Sie erwiderten: »Meister Obeid; er ist in dieser Kunst erfahrener als wir, und er hat viele Reichtümer und treffliche Kenntnisse; laß ihn vor dich bringen und befiehl ihm den Edelstein zu durchbohren.« Da that es der König und befahl ihm den Edelstein unter der oben erwähnten Bedingung zu durchbohren; und der Scheich der Zunft nahm ihn und durchbohrte ihn nach des Königs Gefallen, worauf dieser zu ihm sagte: »Sprich einen Wunsch aus, Meister.« Der Juwelier versetzte: »O König der Zeit, gewähre mir bis Morgen Frist.« Er wollte nämlich zuvor seine Frau um Rat fragen, dasselbe Fräulein, das du in dem Aufzug sahst, und die er so sehr liebt, daß er nichts thut, ohne ihren Rat zuvor einzuholen, weshalb er auch für seinen Wunsch um Aufschub bat. Als er nun zu ihr kam, sagte er zu ihr: »Ich habe für den König einen Edelstein durchbohrt, und er gewährte mir dafür einen Wunsch, doch bat ich bis Morgen um Aufschub, um dich zuvor um Rat zu fragen. Was soll ich mir wünschen?« Sie versetzte: »Wir haben Reichtümer, die das Feuer nicht verzehren kann; wenn du mich jedoch liebst, so erbitte dir vom König, daß er auf den Straßen Basras dem Volk der Stadt durch einen Herold ankündigen läßt an jedem Freitag zwei Stunden vor dem Gebet in die großen Moscheen zu gehen, so daß Groß und Klein in der Stadt sich entweder in den Moscheen oder zu Hause befinden, und daß die Thüren der Moscheen und Häuser verriegelt werden, die Läden der Stadt aber offen stehen, während ich mit meinen Sklavinnen durch die Stadt reite, ohne daß jemand durch ein Fenster oder Gitter nach mir schaut. Und jeden, auf den ich stoße, schlag' ich nieder.« Da begab sich der Juwelier zum König und richtete diese Bitte an ihn, worauf der König ihm dieselbe gewährte und es unter dem Volk Basras ankündigen ließ. 17

Neunhundertundachtundsechzigste Nacht.

Als dann die Leute erwiderten, sie fürchteten, die Hunde und Katzen könnten ihren Waren Schaden thun, befahl der König, sie ebenfalls einzusperren, bis die Leute vom Freitagsgebet herauskämen. Und so zieht nun jenes Mädchen an jedem Freitag zwei Stunden vor dem Gebet in stolzem Gepränge mit ihren Sklavinnen durch Basras Straßen, und niemand vermag auf den Bazaren zu gehen oder aus einem Fenster oder Gitter herauszuschauen. Dies ist der Grund hiervon, und nun hab' ich dir über das Mädchen Auskunft gegeben. Jedoch, mein Sohn, wolltest du allein wissen, wer sie ist, oder wolltest du etwa mit ihr zusammenkommen?« Kamar es-Samân versetzte: »Meine Mutter, ich möchte mit ihr zusammenkommen.« Nun erwiderte sie: »Sag' mir, was für Pretiosen du bei dir hast.« Er entgegnete: »Meine Mutter, ich habe vier Arten Edelsteine bei mir, von deren erster jeder Edelstein einen Wert von fünfhundert, von der zweiten siebenhundert, von der dritten achthundert und von der vierten einen Wert von tausend Dinaren hat.« Da sagte sie: »Und wolltest du vier von ihnen opfern?« Er erwiderte: »Alle gäbe ich hin.« Da sagte sie: »Steh' unverzüglich auf, mein Sohn, hol' einen Edelstein im Wert von fünfhundert Dinaren und frag' nach dem Laden Meister Obeids, des Scheichs der Juweliere; geh' dann zu ihm, und du wirst ihn in seinem Laden in prächtigen Kleidern sitzen finden, mit Werkleuten unter seiner Hand. Begrüß' ihn, indem du dich an seinen Laden setzest, und hol' den Edelstein mit den Worten heraus: »Meister, nimm diesen Stein und fass' ihn mir in einen goldenen Siegelring; mach' ihn jedoch nicht zu groß, sondern laß ihn einen Mithkâl und nicht mehr wiegen; mach' aber ein feines Stück Arbeit.« Gieb ihm dann zwanzig Dinare und jedem der Gesellen einen und sitz' eine Weile bei ihm und plaudere mit ihm; und, wenn ein Bettler zu dir herantritt, so gieb ihm großmütig einen Dinar, daß er dich 18 lieb gewinnt. Hernach verlaß ihn und geh' nach deiner Wohnung dort zu übernachten. Am andern Morgen nimm dann hundert Dinare zu dir und gieb sie deinem Vater, denn er ist arm.« Kamar es-Samân versetzte: »So sei's;« alsdann verließ er sie und begab sich in sein Gasthaus, wo er einen Edelstein im Werte von fünfhundert Dinaren einsteckte. Hierauf ging er auf den Bazar der Juweliere und erkundigte sich nach dem Laden Meister Obeids, des Scheichs der Juweliere, worauf man ihn zu seinem Laden wies. Als er dort ankam, sah er, daß der Scheich der Juweliere ein respekteinflößender Mann in feinen Kleidern war, unter dessen Hand vier Gesellen arbeiteten. Nachdem er ihnen den Salâm geboten, und der Scheich ihm denselben erwidert und ihn willkommen geheißen und aufgefordert hatte, Platz zu nehmen, setzte er sich und holte den Edelstein mit den Worten hervor: »Meister, ich wünsche, daß du mir diesen Stein in einen goldenen Siegelring fassest; laß ihn jedoch nicht schwerer als einen Mithkâl sein und mach' ein feines Stück Arbeit.« Hierauf zog er zwanzig Dinare hervor und sprach zu ihm: »Nimm dies fürs Gravieren, die Bezahlung bleibt für später.« Dann gab er jedem Gesellen einen Dinar, so daß ihn sowohl der Meister Obeid als auch die Gesellen lieb gewannen. Hierauf saß er bei ihm und plauderte mit ihm, jedem Bettler, der an ihn herantrat, einen Dinar schenkend, daß sie sich über seine Großmut verwunderten. Nun aber hatte Meister Obeid daheim dieselben Werkzeuge wie in seinem Laden, und es war seine Gewohnheit, wenn er ein ganz besonderes Meisterwerk machen wollte, die Arbeit zu Hause zu verrichten, damit ihm keiner der Gesellen seine Kunst absähe. Seine junge Frau, Halîme geheißen, pflegte dann vor ihm zu sitzen, und, wenn er sie dann anschaute, vermochte er die feinsten Meisterwerke herzustellen, wie sie sich nur für Könige geziemten. Wie er nun zu Hause dasaß und den Ring in wunderbarer Weise fertigstellte, fragte ihn seine Frau, als sie ihn bei der Arbeit sah: »Was willst du mit diesem Edelstein thun?« Er 19 erwiderte: »Ich will ihn in einen goldenen Ring fassen, da er einen Wert von fünfhundert Dinaren hat.« Nun fragte sie: »Für wen?« Er versetzte: »Für einen jungen Kaufmann mit hübschem Gesicht, mit Augen, die Wunden schlagen, und Wangen, die Feuer sprühen. Er hat einen Mund wie Salomonis Siegel und Wangen rot wie Noomansanemonen; seine Lippen sind rosig wie Korallen, sein Hals gleicht einem Gazellenhals, seine Farbe ist weiß mit rotem Anflug, und er ist fein, elegant und großmütig und thut das und das.« Und so rühmte er ihr bald seine Schönheit und Anmut und bald seine Großmut und Vollkommenheit und ließ nicht nach in der Schilderung seiner Reize und seines großmütigen Charakters, bis sie sich in ihn verliebte; denn es giebt keinen größeren Kuppler als den, der seiner Frau eines Menschen Schönheit und Anmut und übermäßige Freigebigkeit rühmt. Als nun die Sehnsucht in ihr überhand nahm, fragte sie ihn: »Besitzt er wohl etwas von meinen Reizen?« Er erwiderte ihr: »Er besitzt alle deine Reize und gleicht dir äußerlich. Er ist vielleicht auch gerade so alt als du, und, wenn ich dich nicht zu verletzen fürchtete, so würde ich sagen, er ist tausendmal schöner als du.« Da schwieg sie, jedoch flammte die Liebe zu ihm in ihrem Herzen lichterloh auf; der Goldschmied aber plauderte unablässig weiter mit ihr und zählte ihr seine Reize auf, bis er den Siegelring fertig geschmiedet hatte; dann reichte er ihn ihr, und sie steckte ihn auf den Finger; da er ihr aber gerade paßte, sagte sie zu ihm: »Mein Herr, mein Herz liebt diesen Ring, und ich möchte ihn gern haben und nicht mehr vom Finger abziehen.« Er versetzte: »Gedulde dich, denn sein Besitzer ist großmütig; ich will sehen, daß ich ihn von ihm kaufen kann, und, wenn er ihn mir verkauft, bringe ich ihn dir. Vielleicht hat er auch noch einen andern solchen Stein, daß ich ihn für dich kaufe und ihn wie diesen fasse.« 20

Neunhundertundneunundsechzigste Nacht.

Soviel mit Bezug auf den Juwelier und seine Frau. Inzwischen hatte Kamar es-Samân die Nacht in seiner Wohnung zugebracht; am andern Morgen aber nahm er hundert Dinare und ging zur Alten, der Frau des Barbiers, zu der er sagte: »Nimm diese hundert Dinare.« Sie versetzte jedoch: »Gieb sie deinem Vater.« Nachdem er dies gethan hatte, fragte sie ihn: »Hast du nach meinen Worten gehandelt?« Er erwiderte: »Jawohl.« Da sagte sie: »So steh' auf und begieb dich jetzt zum Scheich der Juweliere. Wenn er dir dann den Ring giebt, so steck' ihn auf deine Fingerspitze, zieh' ihn jedoch schnell wieder ab und sprich zu ihm: »Meister, du hast ein Versehen gemacht, der Ring ist zu eng.« Wenn er dann zu dir spricht: »Kaufmann, soll ich ihn zerbrechen und weiter machen?« So sprich zu ihm: »Es thut nicht not ihn zu zerbrechen und von neuem zu schmieden; nimm ihn und gieb ihn einer deiner Sklavinnen.« Dann hol' einen andern Stein im Werte von siebenhundert Dinaren hervor und sprich zu ihm: »Nimm diesen Stein und fass' ihn mir, denn er ist schöner als der erste.« Gieb ihm hierauf dreißig Dinare und jedem seiner Gesellen zwei und sprich zu ihm: »Dieses Gold ist fürs Gravieren, die Bezahlung bleibt für später.« Alsdann geh' in deine Wohnung und bring' dort die Nacht zu. Am andern Morgen aber komm mit zweihundert Dinaren her, damit ich dir den Rest des Planes mitteile.«

Da begab sich Kamar es-Samân wieder zum Juwelier, der ihn willkommen hieß und ihn einlud am Laden Platz zu nehmen. Nachdem er sich gesetzt hatte, fragte er ihn: »Hast du den Auftrag erledigt?« Der Goldschmied erwiderte: »Jawohl,« und holte den Siegelring hervor. Kaum aber hatte ihn Kamar es-Samân genommen und auf die Fingerspitze gesteckt, da riß er ihn auch schon wieder ab und rief: »Du hast dich versehen, Meister!« worauf er ihm den Ring 21 mit den Worten hinwarf: »Er ist zu eng für meinen Finger.« Da fragte der Juwelier: »Kaufmann, soll ich ihn dir weiter machen?« Kamar es-Samân entgegnete: »Nein; nimm ihn jedoch als Geschenk von mir und steck' ihn einer deiner Sklavinnen an; er hat nur den geringen Wert von fünfhundert Dinaren, so daß es sich nicht lohnt ihn noch einmal zu fassen.« Hierauf holte er einen andern Edelstein im Wert von siebenhundert Dinaren hervor und sagte zu ihm: »Fass' mir diesen.« Dann gab er ihm dreißig und jedem der Gesellen zwei Dinare, worauf der Goldschmied zu ihm sagte: »Mein Herr, wenn der Ring fertig ist, wollen wir Bezahlung annehmen.« Kamar es-Samân versetzte jedoch: »Dies ist fürs Gravieren, die Bezahlung bleibt.« Hierauf verließ er ihn und ging fort, während der Goldschmied und seine Gesellen von Kamar es-Samâns Großmut ganz verdutzt waren. Alsdann begab sich der Juwelier zu seiner Frau und sagte zu ihr: »O Halîme, mein Auge sah keinen großmütigeren Menschen als diesen Jüngling und, was dich anlangt, so hast du großes Glück, denn er schenkte mir den Ring umsonst und sagte zu mir: »Gieb ihn einer deiner Sklavinnen.« Und so erzählte er ihr die Geschichte und meinte: »Ich glaube, dieser Jüngling ist kein Kaufmannssohn, sondern ein Prinz oder Sultanssohn.« Je mehr er ihn aber rühmte, desto mehr wuchs ihre Sehnsucht und Leidenschaft, und desto toller verliebte sie sich in ihn; während sie sich aber den Ring an den Finger steckte, schmiedete der Goldschmied für ihn den zweiten Ring und machte ihn ein wenig weiter als den ersten. Als er ihn dann fertig gestellt hatte, zog sie ihn an den Finger unter den ersten Ring und sagte zu ihm: »Mein Herr, schau nur, wie schön die beiden Ringe an meinem Finger aussehen; ich wünschte, die beiden Ringe wären mein.« Da sagte er zu ihr: »Gedulde dich, vielleicht kaufe ich dir den zweiten Ring.« Hierauf legte er sich schlafen; am andern Morgen aber nahm er den Ring und ging wieder in den Laden, während Kamar es-Samân sich zu derselben Zeit zur Alten, der Frau des 22 Barbiers, aufmachte und ihr die zweihundert Dinare schenkte, worauf sie zu ihm sagte: »Geh' zum Juwelier und, wenn er dir den Ring giebt, so steck' ihn an den Finger, zieh' ihn jedoch schnell wieder ab und sprich: »Meister, du hast dich versehen; der Ring ist zu weit. Ein Meister wie du sollte, wenn ihm einer meinesgleichen einen Auftrag giebt, Maß nehmen. Hättest du das Maß meines Fingers genommen, so hättest du dich nicht versehen.« Alsdann hol' einen andern Stein im Werte von achthundert Dinaren hervor und sprich zu ihm: »Nimm diesen Stein und fass' ihn und gieb den Ring einer deiner Sklavinnen.« Dann gieb ihm vierzig und jedem seiner Gesellen drei Dinare und sprich zu ihm: »Dies ist fürs Gravieren, die Bezahlung bleibt.« Schau dann, was er dir darauf antwortet, und komm her und schenk' deinem Vater dreihundert Dinare, damit er sich mit ihnen aufhilft, denn er ist ein armer Mann.« Kamar es-Samân versetzte: »Ich höre und gehorche,« und begab sich sofort zum Juwelier, der ihn willkommen hieß und ihn einlud Platz zu nehmen. Als er ihm dann den Ring gab, steckte Kamar es-Samân ihn an den Finger, riß ihn jedoch schnell wieder ab und sagte zu ihm: »Ein Meister wie du sollte, wenn einer meinesgleichen mit einem Auftrag zu ihm kommt, Maß nehmen. Hättest du das Maß meines Fingers genommen, so hättest du dich nicht versehen. Nimm jedoch den Ring und schenk' ihn einer deiner Sklavinnen.« Alsdann zog er einen Stein im Wert von achthundert Dinaren hervor und sagte zu ihm: »Nimm diesen und fass' ihn mir in einen Siegelring, der für meinen Finger paßt.« Der Goldschmied versetzte: »Du sprichst wahr, und das Recht ist auf deiner Seite.« Alsdann nahm er ihm Maß, worauf Kamar es-Samân vierzig Dinare hervorholte und zu ihm sagte: »Nimm dies fürs Gravieren, die Bezahlung bleibt.« Da sagte der Goldschmied: »Mein Herr, wieviel Bezahlung haben wir schon von dir erhalten! Du erweisest uns viel Güte.« Kamar es-Samân versetzte: »Hat nichts zu sagen,« und plauderte noch eine Weile mit 23 ihm, indem er jedem vorüberkommenden Bettler einen Dinar schenkte. Alsdann verließ er ihn und ging fort. Als nun der Goldschmied wieder zu Hause anlangte, sagte er zu seiner Frau: »Wie großmütig ist doch dieser junge Kaufmann! Ich sah niemals einen großmütigeren und hübscheren als ihn und auch keinen, der eine süßere Rede führte.« Dann rühmte er ihr wieder seine Reize und seine Großmut und überbot sich in seinem Lob, bis sie zu ihm sagte: »Du Simpel, wo du diese Eigenschaften an ihm kennst, und wo er dir zwei wertvolle Ringe schenkte, mußt du ihn einladen, ein Gastmahl für ihn anrichten und ihm deine ganze Liebenswürdigkeit zeigen. Wenn er deine Liebenswürdigkeit sieht und in unsere Wohnung kommt, so gewinnst du vielleicht großes Gut von ihm; und wenn du es nicht über dich vermagst, ihn zu bewirten, so lad' ich ihn ein und richte ihm auf meine Kosten ein Gastmahl an.« Da versetzte er: »Hältst du mich etwa für einen Knauser, daß du diese Worte zu mir sprichst?« Sie erwiderte: »Du bist kein Knauser, doch ein Simpel. Lad' ihn zu heute Nacht ein und komm' nicht ohne ihn. Wenn er es abschlägt, so beschwör' ihn bei der Ehescheidung und bestürm' ihn.« Da versetzte er: »Ich höre und gehorche,« und schmiedete den Ring fertig, worauf er zur Ruhe ging. Am andern Morgen ging er dann wieder in seinen Laden und setzte sich darin, während Kamar es-Samân sich zur selben Zeit mit dreihundert Dinaren zur Alten auf den Weg machte und sie ihrem Gatten gab, worauf sie zu ihm sagte: »Vielleicht ladet er dich heute ein; wenn er dies thut, und du die Nacht bei ihm zubringst, so erzähl' mir am andern Morgen, wie es dir bei ihm ergangen ist und bring' zugleich vierhundert Dinare für deinen Vater mit.« Kamar es-Samân versetzte: »Ich höre und gehorche;« so oft er aber mit seinem Geld zu Ende war, verkaufte er etwas von seinen Steinen. Als er nun wieder zum Juwelier kam, erhob sich dieser vor ihm und empfing ihn mit Umarmung, ihn begrüßend und Freundschaft mit ihm schließend. Dann holte er den 24 Siegelring hervor, welcher nun Kamar es-Samân an den Finger paßte, so daß er zu ihm sagte: »Gott segne dich, o Herr aller Meister! Dein Werk paßt jetzt, jedoch ist mir der Stein nicht nach Wunsch, –

Neunhundertundsiebzigste Nacht.

da ich noch einen schönern habe. Nimm daher den Ring und schenk' ihn einer deiner Sklavinnen.« Hierauf gab er ihm einen andern Stein und hundert Dinare und sagte zu ihm: »Nimm deinen Lohn und entschuldige die Mühe, die wir dir gemacht haben.« Da sagte der Juwelier zu ihm: »O Kaufmann, alle die Mühe, die du uns machtest, hast du uns bezahlt und hast uns mit Güte überhäuft, daß dich mein Herz liebt, und ich mich nicht von dir zu trennen vermag. Um Gott, sei heute Nacht mein Gast und tröste mein Gemüt.« Kamar es-Samân versetzte: »Das kann nichts schaden, jedoch muß ich zuvor in den Chân gehen und meinen Dienern Aufträge geben und ihnen sagen, daß ich heute nicht im Chân schlafe, damit sie nicht auf mich warten.« Da fragte ihn der Goldschmied: »In welchem Chân bist du eingekehrt?« Worauf Kamar es-Samân erwiderte: »In dem und dem Chân.« Nun sagte der Goldschmied: »Ich will zu dir kommen,« und Kamar es-Samân entgegnete: »Das kann nichts schaden.« Alsdann begab sich der Juwelier noch vor Sonnenuntergang zum Chân, aus Furcht vor dem Zorn seiner Frau, falls er ohne ihn heimkehrte, und führte ihn nach seiner Wohnung, wo sie sich in einen unvergleichlich schönen Saal setzten; die junge Frau aber hatte Kamar es-Samân bei seinem Eintreten gesehen und war ganz bezaubert von ihm. Alsdann plauderten sie miteinander, bis das Abendessen aufgetragen wurde, worauf sie aßen und tranken. Hernach kam der Kaffee und Scherbetts, und der Juwelier unterhielt ihn, bis der Abend anbrach, worauf sie das vorgeschriebene Gebet verrichteten. Dann erschien ein Mädchen mit zwei Schalen des üblichen Tranks, und, als sie ihn getrunken hatten, überkam 25 sie die Müdigkeit, so daß sie einschliefen. Da aber erschien die junge Frau und blickte, als sie beide schlafen sah, Kamar es-Samân ins Gesicht. Ganz verwirrt von seinem Liebreiz, rief sie: »Wie kann einer schlafen, der die Schönen liebt!« Alsdann kehrte sie ihn auf den Rücken und setzte sich auf seine Brust, worauf sie ihn in ihrer Liebesraserei so wild abküßte, bis die Wangen davon ganz rot wurden und die Backenknochen glänzten. Dann sog sie an seinen Lippen, bis ihr das Blut in den Mund floß, ohne bei alledem ihre Glut löschen und ihren Durst stillen zu können. Und so küßte und umarmte sie ihn in einem fort, bis der Morgen seine schimmernde Stirn erhob und das Frührot aufleuchtete, worauf sie vier Spielknöchel in seine Tasche steckte und fortging. Dann schickte sie ihre Sklavin mit einem Pulver ähnlich Schnupftabak zu ihnen, das sie ihnen in die Nase steckte, worauf sie niesten und erwachten. Alsdann sagte sie zu ihnen: »Meine Herren, das Gebet ist Pflicht; steht daher auf und verrichtet das Morgengebet.« Hierauf brachte sie ihnen Becken und Eimer. Kamar es-Samân aber sagte nun: »Meister, es ist spät, und wir haben heute die Zeit verschlafen.« Der Juwelier entgegnete: »Mein Freund, der Schlaf in diesem Saal ist schwer; jedesmal, wenn ich hier schlafe, passiert mir dies.« Kamar es-Samân versetzte: »Du hast recht.« Alsdann begann er die Waschung vorzunehmen; sobald jedoch das Wasser sein Gesicht berührte, brannten ihm die Wangen und Lippen, so daß er rief: »Sonderbar! Wenn die Luft im Saal schwer ist und wir in tiefem Schlaf versunken lagen, wie kommt es dann, daß mir die Wangen und Lippen brennen?« Dann sagte er: »Meister, mir brennen die Wangen und Lippen.« Der Juwelier versetzte: »Ich glaube, das rührt von den Mückenstichen her.« Kamar es-Samân erwiderte: »Sonderbar! Ist dir das gleiche passiert?« Der Juwelier entgegnete: »Nein, wenn jedoch ein Gast wie du bei mir weilt, so beklagt er sich über Mückenstiche; doch geschieht dies nur, wenn der Gast gleich dir bartlos ist. Hat er dagegen einen 26 Bart, so stechen ihn die Mücken nicht, und nur mein Bart schützt mich vor ihnen, so daß es scheint als ob die Mücken die Bärtigen nicht lieben.« Kamar es-Samân antwortete: »Du hast recht.« Alsdann brachte ihnen die Sklavin das Frühstück, worauf sie frühstückten und fortgingen. Kamar es-Samân aber begab sich zur Alten, die bei seinem Anblick sagte: »Ich sehe die Spuren genossenen Glücks in deinem Gesicht. Sag' mir, was du gesehen hast.« Kamar es-Samân versetzte: »Ich habe nichts gesehen; ich und der Hausherr aßen zur Nacht in einem Saal, worauf wir das Abendgebet verrichteten und einschliefen, um erst wieder am Morgen aufzuwachen.« Da lachte sie und fragte: »Was sind denn das für Spuren auf deinen Wangen und deiner Lippe?« Er versetzte: »Das haben die Mücken im Saal gethan.« Sie erwiderte: »Du hast recht; ist's aber dem Hausherrn ebenso wie dir ergangen?« Kamar es-Samân antwortete: »Nein; jedoch sagte er mir, daß die Mücken in jenem Saal den Bärtigen nichts zuleide thun und nur die Bartlosen stechen, und daß jeder bartlose Gast, der bei ihm übernachtet, sich am andern Morgen über Mückenstiche beklagt, während den Bärtigen nichts von alledem widerfährt.« Sie erwiderte: »Du hast recht; aber sahst du noch etwas anderes?« Er versetzte: »Ich fand in meiner Tasche vier Spielknöchel.« Da sagte sie: »Zeig' sie mir.« Als er sie ihr nun gab, sagte sie lachend: »Siehe, deine Liebste war's, die dir diese Spielknöchel in die Tasche steckte.« Kamar es-Samân fragte: »Wieso?« Die Alte entgegnete: »Sie deutet dir dadurch an: »Wärst du ein Liebender, so schliefest du nicht; denn, wer liebt, schläft nicht. Du aber bist noch ein kleiner Bursche, und nur das Spielen mit diesen Knöcheln steht dir an.« Was also trieb dich an, dich in die Schönen zu verlieben? Sie kam nämlich des Nachts zu dir und, als sie dich schlafen sah, küßte sie dir die Backen wund und gab dir dieses Unterpfand. Jedoch wird sie mit diesem noch nicht genug von dir haben, sondern wird ihren Gatten wieder mit einer 27 Einladung für heute Nacht zu dir schicken. Wenn du also mit ihm fortgehst, so schlaf' nicht zu schnell ein; und steck' dann fünfhundert Dinare ein und komm' zu mir und erzähl' mir, was vorgefallen ist, damit ich dir den Plan ganz ausführe.« Kamar es-Samân erwiderte: »Ich höre und gehorche,« worauf er sich in seinen Chân begab. Zu derselben Zeit aber fragte die Frau des Juweliers ihren Mann: »Ist der Gast fort?« Er versetzte: »Jawohl, jedoch haben ihn die Mücken während der Nacht geplagt und ihm die Wangen und Lippen wund gestochen, so daß ich mich vor ihm schämte.« Seine Frau erwiderte: »Das thun nun einmal die Mücken in unserm Saal, denn sie lieben nur die Bartlosen. Lad' ihn jedoch noch einmal für die kommende Nacht ein.« Da begab sich der Juwelier zu ihm in seinen Chân und lud ihn ein, worauf er ihn wieder in den Saal führte und mit ihm aß und trank. Als sie dann das Abendgebet verrichtet hatten, kam die Sklavin wieder zu ihnen und gab jedem eine Schale, –

Neunhundertundeinundsiebzigste Nacht.

worauf sie dieselbe tranken und einschliefen. Da kam die junge Frau herein und sagte: »Du Galgenstrick, wie kannst du schlafen und Anspruch machen, ein Liebender zu sein? Liebende schlafen nicht.« Alsdann stieg sie auf seine Brust und fiel mit Küssen, Beißen, Saugen und Liebkosungen bis zum Morgen über ihn her, worauf sie in seine Tasche ein Messer steckte. Dann schickte sie ihre Sklavin zu ihnen, sie zu wecken. Kamar es-Samâns Wangen aber waren so rot als ob sie in Feuer stünden, und seine Lippen waren vom Küssen und Saugen rosig wie Korallen. Der Juwelier fragte ihn deshalb: »Haben dich die Mücken heute Nacht etwa wieder geplagt?« Er erwiderte: »Nein;« denn, da er nunmehr hinter die Sache gekommen war, ließ er das Klagen. Als er dann das Messer in seiner Tasche fand, verstummte er und verließ nach dem Kaffee den Juwelier, sich zu seinem Chân begebend, 28 wo er fünfhundert Dinare zu sich nahm; dann ging er zur Alten und erzählte ihr, was vorgefallen war, indem er sagte: »Ich fiel wieder meinen Willen in Schlaf und, als ich erwachte, bemerkte ich nichts, als daß ich ein Messer in meiner Tasche fand.« Da versetzte die Alte: »Gott schütze dich vor ihr in der kommenden Nacht! Denn sie deutet dir mit dem Messer an: »Wenn du noch einmal schläfst, so schneide ich dir die Gurgel ab. Du wirst heute Nacht wieder zu ihnen eingeladen werden, und, wenn du wieder einschläfst, so schneidet sie dir die Kehle ab.« Kamar es-Samân entgegnete: »Was ist zu thun?« Die Alte erwiderte: »Sag' mir, was du, bevor du einschliefst, gegessen und getrunken hast.« Kamar es-Samân antwortete: »Wir aßen wie alle Leute zum Abend, hernach aber trat eine Sklavin bei uns ein und reichte jedem von uns eine Schale. Als ich meine Schale geleert hatte, sank ich in Schlaf und erwachte erst wieder gegen Morgen.« Da sagte sie: »Die Gefahr liegt in der Schale; nimm sie von ihr an, trink' sie aber nicht eher, als ihr Herr getrunken hat und eingeschlafen ist. Wenn sie dir die Schale reicht, so sag' zu ihr: »Hol' mir Wasser zum Trinken;« und, wenn sie dann fortgeht dir den Wasserkrug zu holen, so gieß die Schale hinter das Kissen aus und stell' dich schlafend, daß sie, wenn sie mit dem Krug kommt, glaubt, du hättest die Schale getrunken und wärest darauf eingeschlafen. Sie wird dich dann verlassen und bald darauf wirst du sehen, wie die Sachen stehen; hüte dich aber meiner Vorschrift zuwider zu handeln.« Kamar es-Samân erwiderte: »Ich höre und gehorche;« dann ging er wieder in seinen Chân.

Die Gattin des Juweliers aber sagte inzwischen zu ihrem Mann: »Einen Gast bewirtet man drei Nächte; lad' ihn daher zum dritten Mal ein.« Da machte sich der Juwelier zu ihm auf und lud ihn ein, worauf er ihn wieder in den Saal führte. Als sie zur Nacht gegessen und das Abendgebet verrichtet hatten, trat die Sklavin wieder herein und reichte jedem eine Schale, worauf ihr Herr trank und in 29 Schlaf fiel. Kamar es-Samân trank jedoch nicht, so daß die Sklavin ihn fragte: »Trinkst du nicht, mein Herr?« Er entgegnete: »Mich dürstet; bring' mir den Wasserkrug.« Da ging sie fort ihm den Wasserkrug zu holen, während er die Schale hinters Kissen goß und sich schlafend stellte. Als die Sklavin nun wiederkehrte und ihn daliegen sah, berichtete sie es ihrer Herrin mit den Worten: »Er trank die Schale aus und fiel in Schlaf.« Da sprach die junge Frau bei sich: »Sein Tod ist besser als sein Leben.« Hierauf nahm sie ein scharfes Messer und trat zu ihm ein, indem sie sprach: »Dreimal, und du beachtetest nicht das Zeichen, du Dummkopf! Jetzt schlitze ich dir den Bauch auf.« Als er sie aber mit einem Messer auf sich zukommen sah, öffnete er seine Augen und erhob sich lachend, während sie zu ihm sagte: »Nicht mit deinem Verstand hast du dieses Zeichen begriffen sondern durch Vermittelung eines verschlagenen Kopfes. Sag' mir, woher du diese Kenntnis hast.« Kamar es-Samân versetzte: »Von einer Alten, und so und so ist es mir mit ihr ergangen.« Und so erzählte er ihr alles, worauf sie zu ihm sagte: »Morgen geh' von uns wieder zur Alten und sag' zu ihr: »Hast du noch eine andere List außer dieser in petto?« Wenn sie es bejaht, so sprich zu ihr: »So gieb dir Mühe, daß ich öffentlich mit ihr zusammenkommen kann.« Sagt sie jedoch: »Ich habe keine Macht mehr, und dies war das äußerste, was ich thun konnte,« so schaff' sie dir aus dem Sinn. Morgen Nacht wird dann mein Gatte zu dir kommen und dich einladen; komm' mit ihm her und gieb mir Nachricht, ich will dann schon den Rest ausfindig machen.« Kamar es-Samân versetzte: »Das kann nichts schaden.« Alsdann verbrachte er mit ihr den Rest der Nacht, sich mit ihr herzend und umarmend, bis der Morgen anbrach, worauf sie zu ihm sagte: »Nicht eine Nacht mit dir, nicht ein Tag, ja nicht einmal ein Monat oder ein Jahr mit dir stellen mich zufrieden; den Rest meines Lebens will ich mit dir verbringen. Wart' jedoch, bis ich meinem Gatten einen Streich spiele, der die 30 Scharfsinnigsten zu Schanden machen soll, damit wir durch ihn unsere Wünsche erreichen. Ich will ihm Verdacht gegen mich einflößen, daß er sich von mir scheidet und ich dich heirate, um mit dir in dein Land zu ziehen; und ebenso will ich all sein Gut und seine Schätze zu dir hinüber schaffen und will dir einen Plan ersinnen zur Verwüstung seiner Behausung und Austilgung seiner Spuren. Jedoch mußt du auf meine Worte hören und mir in allem gehorchen und nicht zuwiderhandeln.« Er versetzte: »Ich höre und gehorche und widerspreche in nichts.« Da sagte sie: »So geh' zum Chân und, wenn mein Gatte zu dir kommt und dich einladet, so sprich zu ihm: »Ach, mein Bruder, ein Mensch wird lästig, und, wenn seine Besuche zu häufig werden, so wird der Hochherzige sowohl wie der Knauser seiner überdrüssig. Wie kann ich jede Nacht zu dir gehen und mit dir zusammen im Saal schlafen? Wenn du auch nicht über mich ärgerlich wirst, so ärgert sich doch schließlich dein Harem über mich, daß ich dich jede Nacht von ihm abhalte. Wenn du nach meiner Gesellschaft verlangst, so verschaff' mir ein Haus neben dem deinigen, daß du das eine Mal bei mir bis zur Schlafenszeit bleibst, und ich das andre Mal den Abend bei dir zubringe, um dann zur Schlafenszeit heimzukehren, während du deinen Harem aufsuchst. Das ist ein besserer Plan, als daß ich dich in jeder Nacht deinem Harem entziehe.« Er wird dann zu mir kommen und mich um Rat fragen, und ich werde ihm anraten unsern Nachbar herauszuschaffen, denn das Haus, in dem er wohnt, gehört uns, und er wohnt dort nur zur Miete. Wenn du dann in jenes Haus eingezogen bist, wird Gott uns schon das übrige leicht bewerkstelligen lassen.« Hierauf setzte sie noch hinzu: »Geh' jetzt und thu', wie ich dich geheißen habe.« Kamar es-Samân erwiderte: »Ich höre und gehorche.« Alsdann verließ sie ihn und ging fort, während Kamar es-Samân sich nun schlafend stellte, bis die Sklavin nach einer Weile kam und beide weckte. Als der Juwelier wach geworden war, fragte er Kamar es-Samân: 31 »Kaufmann, haben dich die Mücken geplagt?« Er versetzte: »Nein.« Da sagte der Juwelier: »Vielleicht hast du dich an sie gewöhnt.« Dann brachen sie das Fasten und tranken Kaffee, worauf beide zu ihren Geschäften gingen, indem Kamar es-Samân sich zur Alten aufmachte und ihr das Vorgefallene berichtete, –

Neunhundertundzweiundsiebzigste Nacht.

worauf er sie fragte: »Hast du nun noch einen weitern Rat, daß du mich öffentlich mit ihr zusammen bringen kannst?« Die Alte erwiderte: »Mein Sohn, bis hierher wußte ich zu raten, nun aber bin ich mit meinen Plänen zu Ende.« Infolgedessen verließ er sie und begab sich in seinen Chân. Am andern Tage kam dann gegen Abend der Juwelier zu ihm und lud ihn ein, worauf er zu ihm sagte: »Ich kann nicht mit dir gehen.« Da fragte der Juwelier: »Und weshalb nicht, wo ich dich doch liebe und mich nicht mehr von dir trennen kann? Um Gott, komm' mit mir.« Nun versetzte Kamar es-Samân: »Wenn du noch länger mit mir verkehren und dauernde Freundschaft mit mir schließen willst, so verschaff' mir ein Haus neben dem deinigen, und wenn du dann willst, so kannst du den Abend bei mir zubringen und ich bei dir; kommt aber die Schlafenszeit, so geht jeder von uns heim und schläft zu Hause.« Da entgegnete der Juwelier: »Neben meinem Hause steht ein Haus, das mir gehört; komm' heute Nacht mit mir, und morgen werde ich es für dich räumen lassen.« Infolgedessen ging Kamar es-Samân mit dem Juwelier mit und aß mit ihm zur Nacht, worauf sie das Abendgebet verrichteten. Dann trank der Juwelier die Schale mit dem Präparat und fiel in Schlaf, während in Kamar es-Samâns Schale nichts gethan war, so daß er sie leerte, ohne einzuschlafen. Hierauf kam die junge Frau wieder zu ihm und schwatzte mit ihm bis zum Morgen, während ihr Gatte wie ein Toter dalag. Als er dann wie gewöhnlich wieder wach wurde, bestellte er den 32 Mieter zu sich und sagte zu ihm: »Mann, räume mein Haus für mich, ich bedarf seiner.« Der Mann versetzte: »Auf Kopf und Auge!« und räumte es, worauf Kamar es-Samân dasselbe bezog und alle seine Sachen hineinschaffen ließ. In jener Nacht weilte dann der Juwelier bei Kamar es-Samân bis er nach Hause ging. Am nächsten Tage aber schickte die junge Frau zu einem geschickten Baumeister und bestach ihn, daß er ihr einen unterirdischen Gang mit einer Fallthür von ihrem Haus zu Kamar es-Samân baute. Und ehe sichs Kamar es-Samân versah, trat sie mit zwei Beuteln Geld bei ihm ein, worauf er sie fragte: »Woher kommst du?« Da zeigte sie ihm den Gang und sagte zu ihm: »Nimm diese beiden Beutel Geld, die ihm gehören.« Dann saß sie, mit ihm tändelnd und scherzend, bis zum Morgen bei ihm, worauf sie zu ihm sagte: »Wart' auf mich, bis ich ihn geweckt habe, daß er in den Laden geht, worauf ich wieder zu dir zurückkehren will.« Da wartete er, während sie inzwischen zu ihrem Gatten ging und ihn weckte. Nachdem er aufgestanden war und die Waschung vollzogen und gebetet hatte, ging er fort, worauf sie vier Beutel nahm und durch den Gang zu Kamar es-Samân zurückkehrte, indem sie zu ihm sagte: »Nimm dieses Geld.« Alsdann saß sie eine Weile bei ihm, worauf jeder von ihnen seines Weges ging, indem sie wieder heimkehrte, während Kamar es-Samân auf den Bazar ging. Als er zum Abend wieder heimkehrte, fand er zehn Beutel, nebst Juwelen und dergleichen zu Hause vor. Dann besuchte ihn der Juwelier und nahm ihn mit sich in den Saal, wo sie beide zusammen saßen, bis die Sklavin wie gewöhnlich wieder bei ihnen eintrat und ihnen zu trinken reichte, worauf ihr Herr in Schlaf sank, während Kamar es-Samân nichts geschah, da mit seiner Schale kein Betrug vorgenommen war. Alsdann kam die junge Frau wieder zu ihm und scherzte mit ihm, während die Sklavin die Sachen in sein Haus durch den Gang hinüberschaffte. In dieser Weise verbrachten sie die Zeit bis zum Morgen, worauf die 33 Sklavin ihren Herrn weckte und beiden den Kaffee brachte; dann ging jeder von ihnen wieder seines Weges. Am dritten Tage zeigte die junge Frau Kamar es-Samân ein Messer, das ihrem Gatten gehörte, und das er mit seiner eigenen Hand geschmiedet hatte und sich fünfhundert Dinare hatte kosten lassen. Ein Messer mit gleich feiner Arbeit ward nirgends weiter gefunden, und, weil die Leute so sehr nach ihm verlangten, hatte er es in einer Kiste verwahrt und vermochte es nicht über sich, es irgend einem zu verkaufen. Sie sagte nun zu ihm: »Nimm dieses Messer, steck' es in deinen Gurt und geh' zu meinem Gatten; setz' dich zu ihm, zieh' das Messer aus dem Gurt heraus und sprich zu ihm: »Meister, schau' nur dies Messer an, das ich heute kaufte, und sag' mir, ob ich ein gutes oder schlechtes Geschäft mit ihm gemacht habe.« Er wird es erkennen, wird sich aber schämen zu sagen, daß es sein Messer ist, sondern wird dich fragen: »Woher hast du es gekauft und wieviel hast du dafür gegeben?« Sprich dann zu ihm: »Ich sah zwei Levantiner miteinander streiten, von denen der eine den andern fragte: »Wo bist du gewesen?« Der andre erwiderte: »Ich war bei meiner Liebsten. Jedesmal, wenn ich sie besuche, schenkt sie mir Geld, heute aber sagte sie zu mir: »Augenblicklich hab' ich kein Geld zur Hand, nimm jedoch dieses Messer, das meinem Gatten gehört.« Und so nahm ich es und will es nun verkaufen.« Da mir aber das Messer gefiel, und ich dies von ihm vernahm, fragte ich ihn: »Willst du es mir verkaufen?« Er versetzte: »Ich verkauf's;« worauf ich es für dreihundert Dinare von ihm erstand. Und nun möchte ich wohl wissen, ob es billig oder teuer war.« Merk' dann auf, was er zu dir sagt, und plaudere noch eine Weile mit ihm, um dann schnell zu mir an den Ausgang des unterirdischen Ganges, wo du mich wartend sitzen sehen wirst, zu kommen und mir das Messer zu geben.« Kamar es-Samân erwiderte ihr: »Ich höre und gehorche;« alsdann nahm er das Messer und steckte es in seinen Gurt, worauf er zum 34 Laden des Juweliers ging und ihn begrüßte. Der Juwelier hieß ihn willkommen und lud ihn ein Platz zu nehmen; da er aber das Messer in seinem Gurt sah, verwunderte er sich und sprach bei sich: »Das ist mein Messer; wer mag es nur diesem Kaufmann gegeben haben?« Dann sann er hin und her und sprach bei sich: »Ist's mein Messer oder ein Messer, das ihm ähnlich ist?« Mit einem Male aber zog Kamar es-Samân das Messer heraus und sprach: »Meister, nimm einmal dieses Messer und besieh es dir.« Als er es nun in die Hand nahm, erkannte er es aufs genauste, doch schämte er sich zu sagen: »Dies ist mein Messer.«

Neunhundertunddreiundsiebzigste Nacht.

Er fragte ihn deshalb nur: »Wo hast du es gekauft?« Da erzählte er ihm die Geschichte, wie sie ihm die junge Frau eingegeben hatte, worauf der Juwelier zu ihm sagte: »Das ist billig für diesen Preis, denn es ist fünfhundert Dinare wert.« In seinem Herzen entbrannte jedoch ein Feuer, und die Hände waren ihm wie gebunden, daß er nicht zu arbeiten vermochte. Kamar es-Samân hingegen plauderte mit ihm noch weiter, während er im Meer trüber Gedanken versunken war und auf jedes fünfzigste Wort des Jünglings nur ein Wort erwiderte. Sein Herz litt Foltersqualen, sein Leib flog hin und her, und sein Gemüt ward verdüstert, so daß er dem Dichterwort glich:

Ich finde keine Worte, wenn sie wünschen, daß ich rede,
Und wenn sie mit mir reden, sehen sie mich geistesabwesend.
Versunken im bodenlosen Meer der Kümmernis,
Weiß ich nicht zwischen Weib und Mann zu unterscheiden.«

Als Kamar es-Samân nun sah, daß sich sein Zustand so gänzlich verändert hatte, sagte er zu ihm: »Du bist wohl gerade beschäftigt,« und erhob sich, worauf er nach Hause eilte, wo er sie in der Thür des Ganges auf ihn warten sah. Sobald sie ihn erblickte, fragte sie ihn: »Hast du gethan, wie ich es dich geheißen habe?« Er versetzte: »Ja.« 35 Da fragte sie ihn: »Was sagte er zu dir?« Kamar es-Samân erwiderte: »Er sagte, es wäre billig für diesen Preis, da es fünfhundert Dinare wert wäre; da jedoch eine große Veränderung mit ihm vorging, verließ ich ihn und weiß nicht, was mit ihm weiter vorgegangen ist.« Da sagte sie zu ihm: »Gieb das Messer her und mach' dir um ihn keine Sorgen.« Alsdann legte sie das Messer wieder an seinen Platz und setzte sich zu Hause hin. Inzwischen aber war des Juweliers Herz nach Kamar es-Samâns Fortgang lichterloh entbrannt, und seine Skrupel nahmen so zu, daß er bei sich sprach: »Ich muß aufstehen und nach dem Messer sehen, um den Zweifel durch Gewißheit abzuschneiden.« Alsdann erhob er sich und eilte nach Hause, wo er bei seiner Frau schnaubend wie ein Drache eintrat, so daß sie ihn fragte: »Was fehlt dir, mein Herr?« Er versetzte: »Wo ist das Messer?« Sie entgegnete: »In dem Kasten;« dann aber schlug sie sich die Brust und rief: »Ach, meine Kummer! Vielleicht hast du mit jemand Streit gehabt und bist nun gekommen das Messer zu holen und ihn zu erstechen.« Er rief jedoch von neuem: »Gieb mir das Messer, ich will es sehen!« Da sagte sie: »Schwöre mir zuvor, keinen damit zu erstechen.« Und so schwor er es ihr, worauf sie den Kasten öffnete und das Messer hervorholte, das er nun hin- und herdrehte, wobei er sagte: »Das ist doch wunderbar!« Dann sprach er zu ihr: »Nimm es und leg' es wieder an seinen Platz.« Nun sagte sie: »Gieb mir den Grund hiervon an;« er erwiderte: »Ich sah bei unserm Freund ein ganz gleiches Messer;« dann erzählte er ihr die ganze Geschichte und schloß mit den Worten: »Nachdem ich es nunmehr in der Kiste gesehen habe, habe ich den Zweifel durch Gewißheit beseitigt.« Sie versetzte: »Du dachtest wohl gar etwas Schlimmes von mir und hieltest mich für die Liebste des Levantiners, die ihm das Messer gab.« Er entgegnete: »So ist's; ich hegte Verdacht; als ich jedoch das Messer sah, wich der Zweifel aus meinem Herzen.« Da erwiderte sie: »O Mann, in dir ist nichts Gutes.« Und 36 nun entschuldigte er sich bei ihr, bis sie wieder beruhigt war, worauf er sie verließ und zu seinem Laden zurückkehrte.

Am andern Tage gab sie Kamar es-Samân ihres Gatten Uhr, die er mit eigener Hand gemacht hatte und wie niemand eine ihr gleiche besaß, und sagte zu ihm: »Geh' in seinen Laden, setz' dich zu ihm und sag' zu ihm: »Den, den ich gestern sah, sah ich heute wieder, und diesmal hatte er eine Uhr in der Hand und fragte mich: »Willst du diese Uhr kaufen?« Ich versetzte: »Woher hast du sie?« er erwiderte mir: »Ich war bei meiner Liebsten und erhielt sie von ihr.« Da kaufte ich sie ihm für achtundfünfzig Dinare ab; besieh' sie dir, ob sie für diesen Preis billig oder teuer gekauft ist?« Schau' dann zu, was er dir antwortet und, wenn du ihn verlässest, so komm schnell zu mir und gieb mir die Uhr wieder.« Da ging Kamar es-Samân zum Goldschmied und that nach ihrem Geheiß. Als der Goldschmied die Uhr sah, sagte er: »Sie ist siebenhundert Dinare wert.« Und Verdacht ward in ihm rege. Der Jüngling aber verließ ihn nun wieder und eilte zur jungen Frau ihr die Uhr abzugeben. Und mit einem Male trat ihr Gatte schnaubend ein und fragte sie: »Wo ist meine Uhr?« Sie erwiderte: »Da ist sie.« Da sagte er zu ihr: »Bring' sie her.« Wie sie ihm nun die Uhr brachte, rief er: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen!« Da sagte sie zu ihm: »O Mann, mit dir ist sicherlich etwas vorgefallen; sag' mir, was es ist.« Er versetzte: »Was soll ich sagen? Mir steht der Verstand hierüber still.« Alsdann sprach er die Verse:

»Ratlos bin ich, wiewohl der Barmherzige mir ohne Zweifel hilft,
Und Trübsal umgiebt mich, von wannen ich's nicht ahnte;
Doch will ich mich gedulden, bis selbst die Geduld weiß,
Daß ich etwas erduldete, was herber als AloeHier liegt wieder das arabische Wortspiel zwischen Geduld und Aloe vor. ist.« 37

Hierauf sagte er: »O Weib, ich sah bei unserm Freund dem Kaufmann zuerst mein Messer und erkannte es genau, da ich seine Arbeit selber ersonnen hatte, und weil ein gleiches nicht vorhanden ist; und dabei erzählte er mir eine herzkränkende Geschichte, weshalb ich herkam; doch fand ich es hier. Heute nun sah ich die Uhr bei ihm, deren Arbeit ich gleichfalls ersonnen habe, und wie es in Basra keine zweite giebt; und dabei erzählte er mir wiederum eine herzkränkende Geschichte, so daß ich ganz verwirrt geworden bin und nicht mehr weiß, was mit mir vorgeht.« Da versetzte sie: »Der Sinn deiner Worte ist, daß ich die Freundin und Geliebte jenes Kaufmannes bin und ihm deine Sachen geschenkt habe; du wolltest dich deshalb von meiner Untreue überzeugen und kamst her und fragtest mich aus; und hättest du das Messer und die Uhr nicht bei mir gesehen, so wäre meine Untreue erwiesen gewesen. O Mann, da du solche Gedanken von mir hegst, will ich hinfort nicht mehr mit dir Brot essen und Wasser trinken, denn ich verabscheue dich wie etwas Verbotenes.« Da hob er an ihr gute Worte zu geben, bis er sie besänftigt hatte, worauf er voll Reue, solche Worte zu ihr gesprochen zu haben, wieder zu seinem Laden ging und sich dort setzte.

Neunhundertundvierundsiebzigste Nacht.

Doch befand er sich in großer Aufregung und schwerster Unruhe und wußte nicht, ob er die Sache für wahr oder unwahr halten sollte. Gegen Abend kehrte er allein nach Hause zurück, ohne Kamar es-Samân mitzubringen, so daß die junge Frau ihn fragte: »Wo ist der Kaufmann?« Er versetzte: »In seiner Wohnung.« Da fragte sie: »Ist die Freundschaft zwischen euch beiden etwa erkaltet?« Er entgegnete: »Bei Gott, ich habe nach dem Vorgefallenen einen Widerwillen gegen ihn.« Sie erwiderte jedoch: »Steh' auf und bring ihn her, mir zu Gefallen.« Da erhob er sich und ging zu ihm ins Haus, wo er seine Sachen umherliegen sah 38 und sie wohl erkannte. Sein Herz entbrannte in Feuer hierüber und er hob an zu seufzen, während Kamar es-Samân ihn fragte: »Was sehe ich dich so bekümmert?« Da schämte er sich zu sagen: »Meine Sachen sind bei dir; wer hat sie zu dir gebracht?« sondern sagte nur: »Ich bin über etwas mißgestimmt, komm jedoch in mein Haus, damit wir uns dort trösten.« Kamar es-Samân versetzte: »Laß mich hier, ich mag nicht mit dir gehen.« Der Juwelier beschwor ihn jedoch und nahm ihn mit sich, worauf er bei ihm zur Nacht aß und mit ihm aufsaß und plauderte, während der Juwelier im Meer trüber Gedanken versunken war und auf jedes hundertste Wort des jungen Kaufmanns nur eins erwiderte. Hierauf trat wie gewöhnlich wieder die Sklavin mit den beiden Schalen ein, die sie leerten, worauf der Juwelier in Schlaf sank, während Kamar es-Samân wach blieb, da mit seiner Schale kein Trug vorgenommen war. Alsdann kam die junge Frau herein und sagte zu Kamar es-Samân: »Was hältst du von diesem Gehörnten, der in seiner Achtlosigkeit trunken ist und nichts von den Listen der Weiber weiß? Ich muß ihn ganz bestimmt so weit bringen, daß er sich von mir scheidet. Morgen will ich mich als Sklavin verkleiden und dir in seinen Laden folgen. Sprich dann zu ihm: »Meister, ich ging heute in den Chân El-Jasîrdschîje, wo ich diese Sklavin sah, die ich für tausend Dinare kaufte. Sieh sie dir an, ob sie für diesen Preis billig oder teuer ist.« Alsdann enthülle ihm mein Gesicht und meine Brüste, bis er mich ganz besehen hat, und führ' mich dann in deine Wohnung zurück, von der ich durch den unterirdischen Gang in mein Haus gehen will, um den Ausgang unserer Sache mit ihm zu schauen.« Dann verbrachten sie die Nacht heiter und vergnügt, in Unterhaltung, Liebkosungen und Freude und Fröhlichkeit bis zum Morgen, worauf sie in ihr Zimmer ging und die Sklavin schickte, ihren Herrn und Kamar es-Samân zu wecken. Nachdem sie aufgestanden waren und das Morgengebet verrichtet hatten, brachen sie ihr Fasten und 39 tranken Kaffee, worauf der Juwelier sich zu seinem Laden begab, während Kamar es-Samân nach Hause ging. Bald darauf erschien dann mit einem Male die junge Frau aus dem unterirdischen Gang in der Tracht einer Sklavin, was sie ursprünglich auch gewesen war. Dann machte sich Kamar es-Samân zum Laden des Juweliers auf, während sie hinter ihm herschritt, bis er dort angelangt war. Nachdem er den Juwelier begrüßt und sich gesetzt hatte, sagte er zu ihm: »Meister ich ging heute in den Chân El-Jasîrdschîje, um mich zu vergnügen, als ich diese Sklavin in der Hand eines Mäklers sah. Da sie mir gefiel, kaufte ich sie für tausend Dinare, und ich wünschte wohl, du besähest sie dir, und schautest nach ob dies ein billiger oder teurer Preis für sie war.« Als er ihm nun ihr Gesicht entschleierte, sah er, daß es seine Gattin war, in ihre prächtigsten Sachen gekleidet, mit dem schönsten Schmuck geschmückt und mit Antimon und Henna geschminkt, wie sie sich vor ihm zu Hause zu schmücken pflegte. Er erkannte sie aufs genauste an ihrem Gesicht, ihrer Kleidung und ihrem Schmuck, den er mit eigener Hand geschmiedet hatte, und er gewahrte auch die Siegelringe, die er vor kurzem für Kamar es-Samân angefertigt hatte, an ihrem Finger, so daß es ihm in jeder Hinsicht feststand, daß es seine Frau war. Doch fragte er sie: »Wie heißest du, Sklavin?« Sie versetzte: »Halîme.« Da aber seine Frau Halîme hieß, und sie ihm eben denselben Namen nannte, verwunderte er sich und fragte Kamar es-Samân: »Für wieviel hast du sie gekauft?« Er versetzte: »Für tausend Dinare.« Da sagte er: »Du hast sie umsonst bekommen, da der geringste Preis für ihre Ringe, Sachen und Schmuckstücke zum wenigsten tausend Dinare beträgt.« Kamar es-Samân erwiderte hierauf: »Gott erfreue dich mit guter Nachricht! Da sie dir gefällt, will ich sie mit nach Hause nehmen.« Der Juwelier entgegnete: »Thu', was dir beliebt.« Da nahm er sie und ging mit ihr nach Hause, worauf sie durch den unterirdischen Gang zurückkehrte und sich in ihr Zimmer 40 setzte. Inzwischen loderte das Feuer im Herzen des Juweliers hell auf, und er sprach bei sich: »Ich will nach Hause gehen und nach meiner Gattin sehen; ist sie zu Hause, so ist diese Sklavin ihr Ebenbild, – Preis Ihm, der kein Ebenbild hat! – Ist meine Gattin jedoch nicht daheim, so ist sie's ohne Zweifel.« Hierauf eilte er heim, doch als er ins Haus trat, sah er sie in ihren Sachen und Schmuckstücken, die er im Laden an ihr gesehen hatte, dasitzen. Da schlug er die Hände zusammen und rief: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen!« Sie sagte deshalb zu ihm: »Mann, bist du verrückt geworden, oder was ist vorgefallen? Das ist doch sonst nicht deine Sitte. Mit dir muß unbedingt irgend etwas vorgefallen sein.« Er versetzte: »Wenn du wünschest, daß ich es dir erzähle, so betrübe dich nicht darüber.« Sie entgegnete: »Sprich.« Da sagte er: »Siehe, unser Freund der Kaufmann hat eine Sklavin gekauft, die an Gestalt und Größe dir gleicht, die ebenso wie du heißt und auch dieselben Sachen trägt. In allen Eigenschaften ist sie dir gleich, ja sie hat selbst dieselben Ringe wie du am Finger, und ihr Schmuck ist genau wie der deinige. Als ich sie mir besah, glaubte ich, du wärest es, daß ich über die Sache halb den Verstand verlor. Ach, daß wir doch nie diesen Kaufmann gesehen und niemals Freundschaft mit ihm geschlossen hätten! Wäre er nie aus seinem Land hierher gekommen, und hätten wir ihn nie kennen gelernt, denn er hat mein früher so heiteres Leben getrübt, hat mir Treu' und Glauben in Tyrannei verwandelt und Zweifel in meinem Herzen erweckt!« Da sagte sie: »Schau in mein Angesicht; vielleicht war ich doch bei ihm, und der Kaufmann ist mein Geliebter, und ich kleidete mich als Sklavin, nachdem ich mich mit ihm verabredet hatte, daß er mich dir zeigt, um dir eine Falle zu stellen.« Der Juwelier entgegnete ihr: »Was sind das für Worte! Ich glaube nimmer, daß du so etwas thun könntest.« Der Juwelier kannte aber nicht die Arglist der Weiber und ihr 41 Thun den Männern gegenüber und hatte nicht das Wort jenes gehört, der da sagt:

»Gehorch' nicht den Weibern, denn das ist der schöne Gehorsam;
Der hat kein Glück, der den Weibern seinen Halfter giebt.
Sie hindern ihn Vollkommenheit in seinen Vorzügen zu erreichen,
Und wenn er sich auch tausend Jahre lang im Streben nach Weisheit bemühte.«

Hierauf sagte sie zu ihm: »Ich sitze hier in meinem Zimmer; geh' sofort zu ihm, klopf' an seine Thür und sieh zu, daß du schnell zu ihm hereinkommst. Siehst du dann die Sklavin bei ihm, so ist sie mir ähnlich, – Preis Ihm, dem niemand ähnlich ist! – Siehst du sie aber nicht bei ihr, so bin ich die Sklavin gewesen, die du bei ihm gesehen hast, und deine schlimmen Gedanken von mir haben sich bewahrheitet.« Er versetzte: »Du hast recht,« und verließ sie; sie aber erhob sich sofort und ging durch den Gang zu Kamar es-Samân, zu dem sie sich setzte, indem sie ihm die Sache erzählte und zu ihm sagte: »Öffne schnell die Thür und zeig' mich ihm.« Während sie aber noch miteinander redeten, klopfte es an die Thür, worauf Kamar es-Samân fragte: »Wer ist an der Thür?« Der Juwelier versetzte: »Ich bin's, dein Freund; du zeigtest mir auf dem Bazar deine Sklavin, und ich freute mich in deinem Interesse über sie, jedoch war meine Freude über sie nicht vollkommen; öffne mir daher die Thür und zeig' sie mir noch einmal.« Da sagte er: »Das kann nichts schaden.« Dann öffnete er dem Juwelier die Thür, worauf er seine Frau bei ihm sitzen sah, die sich nun erhob und ihm und Kamar es-Samân die Hand küßte. Er betrachtete sie genau, während sie mit ihm plauderte, und sah, daß sie sich nicht im geringsten von seiner Frau unterschied, so daß er rief: »Gott schafft, was er will.« Alsdann ging er wieder fort und kehrte mit vermehrter Herzensunruhe heim, wo er seine Frau, die ihm inzwischen zuvorgekommen war, in ihrem Zimmer dasitzen sah. 42

Neunhundertundfünfundsiebzigste Nacht.

Als er bei ihr eintrat, fragte sie ihn: »Nun, was hast du gesehen?« Er versetzte: »Ich sah sie bei ihrem Herrn; sie ist dir ähnlich.« Da sagte sie zu ihm: »Geh' in deinen Laden, laß dir an diesem Argwohn genügen und hege nicht wieder eine üble Meinung von mir.« Er erwiderte: »So soll's sein; nimm's mir nicht übel;« worauf sie entgegnete: »Gott vergebe es dir!« Da küßte er ihr bald die rechte und bald die linke Hand und begab sich hernach in seinen Laden, während sie wieder mit vier Beuteln durch den Gang zu Kamar es-Samân ging und zu ihm sagte: »Mach' dich geschwind reisefertig und halt' dich bereit, ohne Verzug das Geld fortzuschaffen, während ich für dich die List, die ich plane, ausführe.« Da ging er aus und kaufte Maultiere und belud sie und besorgte auch eine Tragsänfte und kaufte Mamluken und Eunuchen. Nachdem er dann alles ohne Verzug zur Stadt hinausgeschafft hatte, ging er zu ihr und sagte: »Ich habe meine Geschäfte erledigt.« Sie versetzte: »Ich bin ebenfalls fertig; ich habe all sein Geld und seine Pretiosen zu dir hinübergeschafft und habe ihm weder wenig noch viel zum Leben übrig gelassen. Alles dies aber that ich aus Liebe zu dir, Geliebter meines Herzens, und tausendmal gäbe ich mein Leben für dich hin. Jedoch mußt du jetzt zu ihm hingehen und dich von ihm verabschieden und zu ihm sagen: »Ich will nach drei Tagen abreisen und bin zu dir gekommen, um mich von dir zu verabschieden; berechne daher die Hausmiete, die ich dir schulde, damit ich sie dir schicken kann, um ein reines Gewissen zu haben.« Merk' auf, was für eine Antwort er dir giebt, und komm dann wieder und gieb mir Bericht, denn ich kann nicht mehr; ich wandte alle meine List gegen ihn an und suchte ihn zum Zorn zu reizen, daß er sich von mir schiede, doch sehe ich, daß er nach wie vor an mir hängt, so daß uns nichts anderes übrig bleibt als nach deinem Land zu ziehen.« Er 43 versetzte: »Ach, wie herrlich! Aber wenn Träume nur wahr wären!« Alsdann machte er sich zu seinem Laden auf und sagte zu ihm, indem er sich neben ihn setzte: »Meister, ich reise nach drei Tagen ab und bin gekommen, um von dir Abschied zu nehmen; ich wünsche deshalb, daß du meine Schuld für die Hausmiete berechnest, damit ich sie dir bezahlen kann, um ein reines Gewissen zu haben.« Der Juwelier versetzte: »Was sind das für Worte! Ich stehe vielmehr in deiner Schuld. Bei Gott, ich nehme keine Hausmiete von dir, denn durch dich kam Segen über uns. Jedoch werden wir durch deine Abreise vereinsamt sein, und, wäre es mir nicht verwehrt, ich träte dir entgegen und hielte dich zurück von deiner Familie und deinem Land.« Alsdann nahmen sie voneinander Abschied, indem beide aufs bitterlichste weinten, worauf der Juwelier seinen Laden verschloß und bei sich sprach: »Ich muß meinem Freund das Geleit geben.« Und so oft Kamar es-Samân ausging, etwas zu besorgen, begleitete er ihn, wenn er aber in sein Haus trat, fand er dort seine Frau, die ihnen aufwartete; kehrte er dann aber wieder in sein Haus zurück, so sah er sie dort sitzen; und so sah er sie drei Tage lang in Kamar es-Samâns und in seinem Haus, bis sie nach Verlauf dieser Zeit zu Kamar es-Samân sagte: »Ich habe alle seine Pretiosen, Gelder und die ganze Hauseinrichtung zu dir herübergeschafft, daß ihm nichts mehr als die Sklavin verblieben ist, die euch immer den Trank brachte; jedoch kann ich mich nicht von ihr trennen, da sie mir verwandt und lieb und wert und meine Vertraute ist. Ich will sie deshalb schlagen und mich zornig auf sie stellen; wenn mein Mann dann nach Hause kommt, will ich zu ihm sagen: »Ich kann es mit dieser Sklavin nicht weiter aushalten und kann mit ihr nicht mehr in demselben Haus leben; nimm sie und verkauf' sie.« Wenn er sie dann nimmt und verkauft, so kauf' du sie, daß wir sie mit uns nehmen.« Kamar es-Samân versetzte: »Das kann nichts schaden.« Hierauf schlug sie ihre Sklavin, die dann, als der Juwelier nach 44 Hause kam und sie nach dem Grund ihres Weinens fragte, ihm antwortete: »Meine Herrin schlug mich.« Da ging er zu seiner Frau und fragte sie: »Was hat diese verruchte Sklavin gethan, daß du sie schlugst?« Seine Frau versetzte: »O Mann, ich sage dir nur ein einziges Wort; ich vermag dieses Mädchen nicht mehr zu sehen; nimm sie und verkauf' sie oder, wenn nicht, so scheide dich von mir.« Da sagte er: »Ich will sie verkaufen, um dir in nichts zuwiderzuhandeln.« Alsdann nahm er sie mit sich und ging mit ihr bei Kamar es-Samân vorüber zu seinem Laden. Sobald er aber mit der Sklavin das Haus verlassen hatte, war seine Frau schnell durch den unterirdischen Gang zu Kamar es-Samân hinübergelaufen, der sie in die Tragsänfte setzte, bevor der alte Juwelier zu ihm kam. Als dieser nun bei ihm anlangte, und Kamar es-Samân die Sklavin bei ihm sah, fragte er ihn: »Wer ist das?« Der Juwelier versetzte: »Es ist meine Sklavin, die uns immer den Trank brachte; jedoch war sie gegen ihre Herrin ungehorsam, so daß sie sich über sie ärgerte und mir befahl sie zu verkaufen.« Kamar es-Samân entgegnete: »Wenn ihre Herrin sich über sie ärgerte, so darf sie nicht mehr bei ihr bleiben. Verkauf' sie mir jedoch, daß ich deinen Duft durch sie rieche und sie zur Dienerin meiner Sklavin Halîme mache.« Der Juwelier erwiderte: »Das kann nichts schaden; nimm sie.« Auf Kamar es-Samâns Frage: »Für wieviel?« antwortete er: »Ich nehme nichts von dir, da du gegen uns gütig warst.« Und so nahm er sie von ihm an und sagte zur jungen Frau des Juweliers: »Küsse deines Herrn Hand.« Infolgedessen kam sie aus der Tragsänfte zu ihm heraus und küßte ihm die Hand, worauf sie wieder einstieg, während er sie anschaute. Dann sagte Kamar es-Samân zu ihm: »Ich empfehle dich in Gottes Hut, Meister Obeid! Sprich mein Gewissen frei von Schuld;« worauf der Juwelier erwiderte: »Gott spreche dich frei von Schuld und bringe dich wohlbehalten heim zu deinen Angehörigen.« Hierauf verabschiedete er sich von ihm und begab 45 sich weinend zu seinem Laden, da ihm in der That die Trennung von Kamar es-Samân schwer fiel, der sein Freund geworden war; und Freundschaft verpflichtet. Jedoch freute er sich auch anderseits wieder darüber, daß nunmehr der Argwohn, der ihn wegen seiner Frau erfaßt hatte, ein Ende mit seiner Abreise gefunden hatte, zumal wo sein Verdacht nicht erwiesen war.

Soviel von dem Juwelier; seine junge Frau aber sagte zu Kamar es-Samân: »Wenn du wohlbehalten bleiben willst, so laß uns auf einem andern Weg als dem üblichen reisen.«

Neunhundertundsechsundsiebzigste Nacht.

Kamar es-Samân erwiderte: »Ich höre und gehorche,« worauf er einen andern Weg, als die Leute sonst zu nehmen pflegten, einschlug und mit ihr ohne Aufenthalt von Land zu Land zog, bis er zu den Grenzen Ägyptens gelangte, von wo er einen Brief an seinen Vater durch einen Eilboten schickte. Sein Vater aber, der Kaufmann Abd er-Rahmân, saß gerade unter den Kaufleuten auf dem Bazar, mit einem um die Trennung von seinem Sohn in Feuer entbranntem Herzen, da er seit dem Tage seiner Abreise keine Nachricht mehr von ihm erhalten hatte, als mit einem Male der Kurier ankam und rief: »Ihr Herren, wer von euch ist der Kaufmann Abd er-Rahmân?« Da fragten sie ihn: »Was wünschest du von ihm?« Er versetzte: »Ich hab' einen Brief an ihn von seinem Sohn Kamar es-Samân, den ich bei El-ArîschEin kleiner Grenzort zwischen Syrien und Ägypten. verließ.« Da freute sich Abd er-Rahmân und atmete froh auf, und die Kaufleute freuten sich mit ihm und beglückwünschten ihn. Alsdann nahm er den Brief und las folgendes in ihm: »Von Kamar es-Samân an den Kaufmann Abd er-Rahmân. Des Ferneren: Der Frieden sei auf dir und allen Kaufleuten! Und so ihr nach uns fragt, so sei Gott Lob und Dank. Wir haben verkauft und gekauft 46 und verdient und kehren nun wohl, gesund und munter heim.« Da öffnete er die Pforte der Freude und feierte Bankette und richtete Gastmähler und Schmausereien in Menge an und bestellte Musik und ließ es bei sich hoch einhergehen. Als dann sein Sohn in Es-Salihîje eintraf, zog ihm sein Vater mit allen Kaufleuten entgegen, und, da sie miteinander zusammentrafen, umarmte ihn sein Vater und preßte ihn an die Brust und weinte, bis er in Ohnmacht sank. Als er dann wieder zu sich kam, sprach er: »Das ist ein gesegneter Tag, mein Sohn, an dem uns der allmächtige Beschützer mit dir wieder vereint hat!« Alsdann citierte er das Dichterwort:

»Des Freundes Nähe ist der Freuden Krone,
Und der Willkommbecher kreist unter uns.
Willkommen, willkommen, von Herzen willkommen,
O Licht der Zeit und der Vollmonde Vollmond.«

Alsdann vergoß er im Übermaß seiner Freude von neuem Thränen und sprach die beiden Verse:

»Der Mond der ZeitKamar es-Samân. hat sein Antlitz entschleiert,
Und leuchtet, heimgekehrt von seiner Fahrt.
Sein Haar ist dunkel wie die Nacht seiner Abwesenheit,
Doch steigt die Sonne aus seiner Krause empor.«

Hierauf näherten sich ihm die Kaufleute und begrüßten ihn, wobei sie eine Menge Lasten und Diener und eine in einem weiten Kreis eingeschlossene Tragsänfte bei ihm erblickten. Dann nahmen sie ihn und geleiteten ihn heim; und, als nun die junge Frau aus der Sänfte stieg und sein Vater sie erblickte, hielt er sie für eine Verführung für alle Beschauer. Sie öffneten ihr ein Obergemach, das einer Schatzkammer glich, der die Talismane abgenommen waren, und, als seine Mutter sie sah, ward sie von ihr bezaubert und hielt sie für eine Königin. Hocherfreut über sie, fragte sie sie aus, worauf sie ihr versetzte: »Ich bin die Frau deines Sohnes.« Da sagte sie zu ihr: »Wenn er dich geheiratet hat, 47 so müssen wir dir ein prächtiges Hochzeitsfest herrichten, daß wir und unser Sohn sich über dich freuen.«

Nachdem sich aber die Leute zerstreut hatten und jeder seines Weges gegangen war, suchte Abd er-Rahmân seinen Sohn auf und fragte ihn: »Mein Sohn, wer ist die Sklavin die du bei dir hast, und für wieviel hast du sie gekauft?« Kamar es-Samân versetzte: »Mein Vater, das ist keine Sklavin; es ist die, um deretwillen ich fortzog.« Da fragte sein Vater: »Wieso?« worauf Kamar es-Samân erwiderte: »Sie ist die, von der uns der Derwisch erzählte, als er bei uns die Nacht zubrachte. Seit jener Stunde hängten sich meine Gedanken an sie, und nur um ihrerwillen verlangte ich fortzureisen. Unterwegs überfielen mich die Araber und zogen mich nackend aus und raubten mein Gut, so daß ich ganz allein nach Basra kam; und dann erging es mir so und so.« Nachdem er so seinem Vater seine ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende erzählt hatte, sagte sein Vater zu ihm: »Mein Sohn, und hast du sie nach alledem geheiratet?« Er versetzte: »Nein; jedoch versprach ich es ihr.« Nun fragte ihn sein Vater: »Und ist es dein Wunsch sie zu heiraten?« Er erwiderte: »Wenn du mir's befiehlst, so thue ich es, wenn nicht, dann lasse ich's bleiben.« Da sagte sein Vater: »Wenn du sie heiratest, so sag' ich mich los von dir für diese und die nächste Welt, und mein bitterster Zorn trifft dich. Wie kannst du sie heiraten, wo sie sich so gegen ihren Gatten vergangen hat? Was sie um deinetwillen ihrem Gatten angethan hat, wird sie dir um eines andern willen anthun, denn sie ist eine Verräterin, und einem Verräter ist nicht zu trauen. Bist du ungehorsam wider mich, so trifft dich mein Zorn, hörst du aber auf meine Worte, so halt' ich für dich nach einem Mädchen, das schöner als sie ist, Umschau, einer reinen und keuschen Tochter, und vermähle dich mit ihr, sollte ich auch all mein Geld für sie hingeben. Und dann will ich dir ein Hochzeitsfest ohnegleichen anrichten und will stolz sein auf dich und sie. Wenn dann die Leute sagen: »Der und 48 der hat die Tochter des und des geheiratet,« so ist das besser als wenn sie sagen: Er hat eine Sklavin ohne Herkunft und Wert geheiratet.« So drang er in seinen Sohn den Gedanken an die Heirat mit ihr aufzugeben und begann ihm mit Bezug hierauf Exempel, Anekdoten, Verse, Beispiele, Sprüchwörter und Lehren vorzuhalten, bis Kamar es-Samân sprach: »Mein Vater, wenn die Sache so steht, so geht es nicht an, sie zu heiraten.« Da küßte ihn sein Vater zwischen die Augen und sprach zu ihm: »Du bist in Wahrheit mein Sohn und, bei deinem Leben, mein Sohn, ich muß dich mit einem Mädchen verheiraten, das seinesgleichen nicht mehr hat.« Alsdann sperrte der Kaufmann Abd er-Rahmân die Frau Obeids des Juweliers und ihre Sklavin in ein Obergemach ein und schloß hinter ihnen zu, indem er eine schwarze Sklavin mit ihrer Versorgung an Speise und Trank betraute. Zu Halîme aber sagte er: »Du wirst mit deinem Mädchen so lange in diesem Obergemach eingesperrt bleiben, bis ich einen Käufer für euch finde. Widersetzest du dich aber, so töte ich dich und dein Mädchen, denn du bist eine Verräterin, und nichts Gutes ist in dir.« Sie versetzte: »Thu' nach deinem Belieben; ich verdiene alles, was du mit mir thust.« Hierauf verschloß er hinter ihnen die Thür und gab seinem Harem in Bezug auf beide den Auftrag: »Daß keiner von euch zu ihnen hinaufgeht und mit ihnen spricht, außer der schwarzen Sklavin, die ihnen Speise und Trank durch das Fenster zu reichen hat!« Und so saß sie nun mit ihrem Mädchen da, weinend und voll Reue über das, was sie ihrem Gatten angethan hatte.

Soviel mit Bezug auf sie; der Kaufmann Abd er-Rahmân aber schickte die Brautwerberinnen aus, um eine Tochter von Geburt und Stand für seinen Sohn zu erkiesen; doch sobald sie ein schönes Mädchen sahen, hörten sie von einem noch schönern, bis sie zur Tochter des Scheich el-Islâms kamen und sahen, daß sie an Schönheit und Anmut, Wuchs und Ebenmaß in ganz Ägypten nicht ihresgleichen hatte und 49 tausendmal schöner war als die Frau des Juweliers Obeid. Infolgedessen benachrichtigten sie Abd er-Rahmân hiervon, der sich mit den Großen zu ihrem Vater begab und dort mit ihnen um sie anhielt, worauf sie den Ehekontrakt schrieben und ihr ein prächtiges Hochzeitsfest anrichteten. Alsdann richtete auch Abd er-Rahmân Hochzeitsbankette an und lud am ersten Tag die Doktoren der Schrift ein, worauf sie eine prächtige Lustbarkeit feierten. Am zweiten Tag lud er die Kaufleute vollzählig ein, und die Tamburins rasselten, die Flöten bliesen, und alle Nächte wurde das Viertel und die Zeile mit Lampen illuminiert, und allerlei Spielleute kamen und führten die verschiedensten Spiele auf, während er Tag für Tag einen andern Stand einlud bis hinauf zu den Ulemā, den Emiren, SandschaksEin türkisches Wort: Banner; dann Bannerträger, und im weitern Sinne ein höherer Offizier. und Gouverneuren, vierzig Tage hintereinander, wobei er Tag für Tag dasaß und die Leute empfing, während sein Sohn an seiner Seite saß und den Leuten zuschaute, wie sie von den Tischen aßen, so daß es ein Hochzeitsfest war, das seinesgleichen nicht hatte. Am letzten Tage lud er dann die Bettler und Armen von fern und nah ein, die in Scharen herbeigeströmt kamen und aßen, während der Kaufmann dasaß und ihm zur Seite sein Sohn. Mit einem Male kam auch unter den andern Bettlern der Scheich Obeid, Halîmes Gatte, nackend, müde und mit den Spuren der Reise im Gesicht, herein. Als Kamar es-Samân ihn erblickte, erkannte er ihn und sprach zu seinem Vater: »O Vater, schau' dir jenen armen Mann an, der in die Thür getreten ist.« Da blickte er nach ihm hin und sah ihn in zerrissenen Sachen und in einem zerlumpten Hemd im Wert von zwei Dirhem, während sein Gesicht gelb aussah und mit Staub bedeckt war, so daß er einem am Wege liegen gebliebenen Pilger glich. Dabei stöhnte er wie ein bedürftiger Kranker und schwankte und wankte beim Gehen bald nach rechts und bald nach links, so daß er das Wort bewahrheitete: 50

»Armut macht den Mann verächtlich,
Daß er der gelben Abendsonne gleicht.
An den Menschen drückt er sich scheu vorüber,
Und ist er allein, vergießt er Thränen in Strömen.
Weilt er fern, so kümmert sich kein Mensch um ihn,
Und ist er nahe, so hat er an ihrem Glück keinen Anteil.
Bei Gott, ein von Armut geplagter Mensch
Ist ein Fremdling in seiner eigenen Verwandtschaft!«

Oder, wie ein anderer sagt:

»Der Arme geht einher, und alles tritt ihm entgegen,
Ja, selbst die Erde verschließt ihm ihre Thore.
Du siehst ihn verhaßt, ohne daß er sich versündigt hätte,
Und Feindschaft findet er, ohne ihren Grund zu kennen.
Selbst die Hunde, wenn sie ein Kind des Glückes sehen,
So schmeicheln sie ihm und wedeln mit den Schweifen;
Doch schauen sie einen armen Wicht,
So bellen sie ihn an und fletschen mit den Zähnen.«

Und wie schön sagt auch der Dichter:

»Wenn Ruhm und Glück des Mannes Gefährten sind,
So fliehen ihn Widerwärtigkeiten und Gefahren.
Seine Liebste dringt bei ihm ohne Verabredung ein,
Und sein Nebenbuhler macht den Kuppler für ihn.
Seinen Furz erklärt das Volk für Gesang,
Und stänkert er, so heißt es: Wie duftet es süß!«

Neunhundertundsiebenundsiebzigste Nacht.

Als nun Kamar es-Samân zu seinem Vater sagte: »Schau dir diesen armen Mann an,« fragte er ihn: »Mein Sohn, wer ist das?« Kamar es-Samân versetzte: »Das ist Meister Obeid der Juwelier, der Gatte der Frau, die bei uns eingesperrt ist.« Da fragte Abd er-Rahmân: »Ist's der, von dem du mir erzähltest?« Kamar es-Samân versetzte: »Jawohl; ich erkenne ihn genau.« Der Grund seines Kommens aber war folgender: Als er sich von Kamar es-Samân verabschiedet hatte, war er wieder in seinen Laden gegangen, wo man ihm eine kleine Arbeit brachte, an der er den Rest des Tages über schaffte. Gegen Abend verschloß er dann 51 den Laden und ging nach Hause, seine Hand an die Thür legend und sie öffnend. Als er dann aber eingetreten war, sah er weder seine Frau noch ihre Sklavin und fand das Haus in übelstem Zustande vor, so daß er sich nach rechts und links wendete und wie ein Verrückter in demselben umherlief, ohne jemand zu finden. Als er dann auch die Schatzkammer öffnete und nichts von seinem Geld und seinen Pretiosen fand, kam er wieder aus seinem Rausch zu sich und erwachte aus seiner Betäubung, da er nunmehr erkannte, daß es doch seine Frau gewesen war, die ihm so lange ihre Streiche gespielt hatte, bis sie ihn hinters Licht geführt hatte. Er weinte über sein Schicksal, doch verbarg er die Sache bei sich, damit keiner seiner Feinde Schadenfreude über ihn empfinden könnte und sich keiner seiner Freunde betrübte; denn er wußte, daß, wenn er sein Geheimnis verlauten ließe, er nur Schimpf und Schande von den Leuten ernten würde, weshalb er bei sich sprach: »Mann, verbirg, was dich an Leid und Plage betroffen hat; es geziemt dir vielmehr nach dem Wort dessen zu handeln, der da sagt:

»Wenn eines Mannes Brust durch ein Geheimnis beengt ist,
Beengter noch ist die Brust dessen, der es weiter giebt.«

Hierauf verschloß er sein Haus und begab sich nach seinem Laden, dessen Obhut er einem seiner Gesellen anvertraute, indem er zu ihm sagte: »Der junge Kaufmann, mein Freund, hat mich eingeladen, zum Vergnügen mit ihm nach Kairo zu ziehen, und schwor, er würde nur mit mir und meinem Harem abreisen. Führe du, mein Sohn, daher die Aufsicht über den Laden, und, wenn euch der König nach mir fragt, so sagt ihm: »Er ist mit seinem Harem nach dem heiligen Gotteshaus gepilgert.« Alsdann verkaufte er einige seiner Sachen und kaufte sich dafür Kamele, Maultiere, Mamluken und auch eine Sklavin ein, die er in eine Tragsänfte setzte, worauf er nach zehn Tagen von Basra fortzog, nachdem er sich von seinen Freunden verabschiedet hatte; und die Leute glaubten nicht anders als daß er seine Gattin mit sich genommen und 52 die Pilgerfahrt angetreten hätte, und freuten sich, daß Gott sie nun davon befreit hatte, an jedem Freitag in den Moscheen und Häusern eingesperrt zu sitzen; und einige sagten: »Mag Gott ihn nicht wieder nach Basra zurückkehren lassen, daß wir nicht wieder an jedem Freitag in den Moscheen und Häusern eingesperrt sitzen!« Denn diese Marotte hatte dem Volk von Basra gewaltig zugesetzt. Andere wiederum meinten: »Wenn er wiederkehrt, so geschieht es sicherlich nur deshalb, weil das Volk von Basra ihn verwünscht;« während wieder andere sagten: »Wenn er wiederkehrt, so sei's doch in verwandelter Lage!« So freuten sich die Leute von Basra mächtig über seine Abreise, nachdem sie so schwer geplagt worden waren, und auch ihre Hunde und Katzen fanden nun Ruhe. Als nun aber der nächste Freitag kam und der Herold wieder wie gewöhnlich in der Stadt ausrief, sie sollten sich zwei Stunden vor dem Gebet in die Moscheen begeben oder in ihren Häusern verstecken und auch die Hunde und Katzen einsperren, ward ihre Brust beklommen und, sich allzumal zusammenthuend, begaben sie sich in den Diwan vor den König und sprachen zu ihm: »O König der Zeit, der Juwelier hat mit seinem Harem die Pilgerfahrt nach dem heiligen Gotteshaus angetreten, so daß die Ursache, um derentwillen wir uns einschließen mußten, aus dem Wege geräumt ist. Weshalb also sollen wir uns also jetzt einschließen?« Da versetzte der König: »Wie konnte dieser Verräter abreisen, ohne mich davon zu benachrichtigen? Aber wenn er wieder zurückkehrt, dann soll es ihm gut ergehen! Geht in eure Läden und kauft und verkauft, denn diese Plage ist nun von euch genommen.«

Soviel was den König von Basra und das Stadtvolk anlangt. Inzwischen hatte Meister Obeid der Juwelier zehn Stationen zurückgelegt, als es ihm ebenso erging wie Kamar es-Samân vor dessen Ankunft in Basra, indem ihn die Araber von Bagdad überfielen, ihn auszogen und ihm all sein Gut nahmen, während er nur dadurch, daß er sich tot stellte, mit dem Leben davonkam. Nach ihrem Abzug erhob 53 er sich dann wieder und wanderte nackend weiter, bis er zu einem Städtchen kam, wo Gott braven Leuten Mitleid für ihn einflößte, so daß sie seine Blöße mit zerlumpten Sachen verhüllten. Dann fragte und bettelte er sich weiter von Stadt zu Stadt, bis er nach Kairo, der wohlverwahrten Stadt, kam. Als er hier von brennendem Hunger gequält auf den Bazaren herumbettelte, sagte einer der Bewohner Kairos zu ihm: »Bettler, geh' zum Haus, wo man die Hochzeit feiert, und iß und trink dort; denn heute ist dort der Tisch für die Armen und Fremdlinge.« Auf seine Antwort, daß er den Weg dorthin nicht wüßte, sagte der Mann zu ihm: »Folg' mir, ich will ihn dir zeigen.« Da folgte er ihm, bis er zum Haus gelangte, wo der Mann zu ihm sagte: »Dies ist das Hochzeitshaus; geh' ohne Furcht hinein, denn es steht kein Hüter an der Thür.« Wie er nun eintrat, und Kamar es-Samân ihn erkannte und es seinem Vater mitteilte, sagte der Kaufmann Abd er-Rahmân zu seinem Sohn: »Mein Sohn, laß ihn jetzt, vielleicht ist er hungrig; mag' er sich erst satt essen und sich stärken, worauf wir ihn rufen lassen wollen.« Da wartete er, bis er sich satt gegessen, die Hände gewaschen und Kaffee, Scherbetts und Zuckerwasser, vermischt mit Moschus und Ambra, getrunken hatte; als er nun aber wieder fortgehen wollte, schickte der Vater Kamar es-Samâns einen Boten hinter ihm her, der zu ihm sagte: »Komm, Fremdling, und sprich mit dem Kaufmann Abd er-Rahmân.« Da fragte er: »Was ist das für ein Kaufmann?« Der Bote versetzte: »Er ist der Festgeber.« Hierauf kehrte er um und glaubte, er würde ein Geschenk von ihm bekommen. Als er nun aber zum Kaufmann kam und seinen Freund Kamar es-Samân erblickte, sank er aus Scham vor ihm in Ohnmacht, während Kamar es-Samân, sich vor ihm erhebend, ihn umarmte und begrüßte. Dann weinten beide bitterlich, worauf ihn Kamar es-Samân an seiner Seite Platz nehmen ließ. Nun aber sagte sein Vater zu ihm: »Du Simpel, so empfängt man keine Freunde. Schick' ihn zuerst ins Bad und send' ihm 54 einen für ihn geziemenden Anzug nach. Hernach magst du mit ihm sitzen und plaudern.« Hierauf rief er nach einigen seiner Diener und befahl ihnen, ihn ins Bad zu führen, worauf er ihm einen der erlesensten Anzüge im Wert von tausend Dinaren und darüber schickte; und die Diener wuschen seinen Leib und kleideten ihn in den Anzug, daß er nunmehr wie ein SchāhbenderHafenkönig; ein Titel und ein Amt; vgl. hierzu die Geschichte von Alā ed-Dîn Abusch-Schamât, dessen Vater ebenfalls Schāhbender war; das Wort wurde dort mit Obmann der Kaufleute wiedergegeben. aussah. Als aber die Anwesenden Kamar es-Samân nach ihm während seiner Abwesenheit im Bade ausfragten, wer er wäre und woher er zu seiner Bekanntschaft käme, versetzte er: »Es ist mein Freund, der mich in seinem Hause beherbergte und mich durch unbeschreibliche Liebenswürdigkeiten verpflichtete, indem er mich aufs zuvorkommendste aufnahm. Er ist ein reicher und angesehener Mann und von Beruf ein Juwelier ohnegleichen. Der König von Basra ist ihm sehr zugethan und ehrt ihn hoch, und sein Wort ist Befehl.« So wußte er ihn nicht genug zu rühmen und setzte hinzu: »Er hat das und das an mir gethan, und ich schäme mich vor ihm, da ich nicht weiß, wie ich ihm die Aufnahme vergelten soll, die ich einst bei ihm fand.« So lobte er ihn in einem fort, bis die Anwesenden eine hohe Meinung von ihm bekommen hatten und er in ihren Augen eine Respektsperson geworden war, so daß sie sagten: »Wir wollen ihm alle die geziemenden Ehren erweisen und ihn um deinetwillen auszeichnen. Jedoch möchten wir wissen, weshalb er nach Kairo gekommen ist und sein Land verlassen hat, und was Gott mit ihm gethan hat, daß er in solche Lage geriet.« Kamar es-Samân erwiderte ihnen jedoch: »Ihr Leute, verwundert euch nicht, denn der Mensch steht unter dem Schicksal und Verhängnis, und, so lange er in dieser Welt lebt, ist er nicht sicher vor Unglücksfällen. Fürwahr, der sprach wahr, der diese Verse sprach: 55

»Das Schicksal zerreißt die Menschen als seine Beute,
Drum laß dich nicht blenden durch Ämter und Würden.
Hüte dich vor dem Fall und meide die Sünde
Und wisse, des Schicksals Stempel ist Unglück.
Wieviel Glück ward durch das kleinste Unglück zerstört!
Und keines Dinges Wechsel ist ohne Grund.«

Wisset ich kam noch in üblerer Lage und schlimmerem Elend nach Basra, da dieser Mann wenigstens seine Scham mit Lumpen verhüllt hatte, als er nach Kairo kam, während ich in seine Stadt mit unbedeckter Blöße zog, eine Hand hinten und eine vorn haltend, und allein Gott und dieser teure Mann halfen mir. Die Ursache hiervon aber war, daß mich die Araber auszogen, meine Kamele, Maultiere und Lasten raubten und meine Burschen und Leute erschlugen; und nur dadurch, daß ich mich niederwarf, hielten sie mich für tot und übersahen mich. Als sie dann wieder fort waren, erhob ich mich und wanderte nackend nach Basra, wo mich dieser Mann traf und mich kleidete und in seinem Hause beherbergte; ebenso versorgte er mich mit Geld, und alles, was ich mitbrachte, verdanke ich nur Gottes und seiner Güte. Als ich abreiste, schenkte er mir eine Menge, so daß ich mit getröstetem Herzen heimkehrte. In Ansehen und Reichtum verließ ich ihn, und vielleicht hat ihn seitdem die Zeit mit einem ihrer Zufälle getroffen, so daß er gezwungen ward, seine Angehörigen und seine Heimat zu verlassen, und dann erging es ihm unterwegs wie mir. Es liegt nichts wunderbares darin; jedoch geziemt es mir jetzt, ihm sein hochherziges Thun an mir zu vergelten und nach dem Wort dessen zu handeln, der da sagt:

»O, der du so gut denkst von der Zeit,
Du weißt nicht, wie die Zeit verfährt.
Was du thust, das thue in Güte hier,
Denn, wie der Mensch hier thut, wird ihm vergolten.«

Während sie noch miteinander redeten, kam mit einem Male Meister Obeid zu ihnen als wäre er ein Schāhbender, worauf sich alle vor ihm erhoben und, ihn begrüßend, ihm 56 den Ehrenplatz anwiesen. Kamar es-Samân aber sprach zu ihm: »O mein Freund, gesegnet ist dein Tag und glückselig! Du brauchst mir nicht etwas zu erzählen, was mir zuvor auch widerfuhr. Wenn dich auch die Araber entblößten und dir dein Gut raubten, so ist das Gut doch das Lösegeld fürs Leben. Gräme dich nicht weiter, denn siehe, ich betrat deine Stadt nackend, und du kleidetest mich und nahmst mich hochherzig auf, so daß ich dir vielen Dank schulde, den ich dir nun vergelten will.

Neunhundertundachtundsiebzigste Nacht.

Ich will an dir handeln, wie du an mir, ja, ich will noch mehr thun; sei daher guten Mutes und kühlen Auges.« So gab er ihm gute Worte und hinderte ihn am Reden, damit er nicht von seiner Frau spräche und erwähnte, was sie mit ihm gethan hätte; und unermüdlich brachte er Lehren, Exempel, Verse, Anekdoten, Geschichten und Erzählungen vor und suchte ihn zu trösten, bis der Juwelier den Wink verstand und die Sache bei sich behielt, indem er den unterhaltenden Geschichten und Anekdoten lauschte und das Dichterwort sprach:

»Auf der Stirn des Schicksals steht eine Schrift,
Und Blut muß dein Auge weinen, so du sie schaust.
Reicht das Schicksal einem den Becher des Glücks mit der Rechten,
So reicht's ihm zugleich mit der Linken das Verderben.«

Hierauf nahmen Kamar es-Samân und sein Vater, der Kaufmann Abd er-Rahmân, den Juwelier und zogen sich mit ihm in den Haremssaal zurück, wo der Kaufmann Abd er-Rahmân nun zu ihm sagte: »Wir haben dich nur am Reden behindert, damit du nicht über dich und uns Schande brachtest. Jetzt aber, wo wir allein sind, sag' mir, was zwischen dir, deiner Gattin und meinem Sohn vorgefallen ist.« Da erzählte er ihm die Geschichte von Anfang bis zu Ende, und, als er seinen Bericht geschlossen hatte, fragte ihn Abd er-Rahmân: »Lag die Schuld an deiner Gattin oder an meinem 57 Sohn?« Der Juwelier versetzte: »Bei Gott, dein Sohn hat keine Schuld, da die Männer nach den Weibern trachten, während die Weiber sich ihrer zu erwehren haben. Die Schuld liegt bei meiner Gattin, die mich hinterging und mir dies anthat.« Da erhob sich der Kaufmann und zog sich mit seinem Sohn zurück, worauf er zu ihm sagte: »Mein Sohn, wir haben seine Gattin auf die Probe gestellt und wissen, daß sie eine Verräterin ist. Jetzt aber will ich auch ihn auf die Probe stellen, um zu sehen, ob er ein Mann von Ehre und Mannhaftigkeit oder ein Kuppler ist.« Kamar es-Samân fragte: »Wie das?« Sein Vater erwiderte: »Ich will ihn drängen, sich mit seiner Frau auszusöhnen; willigt er aber ein und vergiebt ihr, so will ich ihn mit einem Schwert erschlagen und hernach sie und ihr Mädchen niederhauen, da nichts Gutes am Leben eines Kupplers und einer Dirne ist. Wenn er jedoch nichts mehr von ihr wissen will, so will ich ihm deine Schwester zur Frau geben und mehr Geld dazu als du von ihm nahmst.« Alsdann kehrte er zum Juwelier zurück und sagte zu ihm: »Meister, der Umgang mit Weibern erfordert Langmütigkeit, und wer sie liebt. der muß ein weites Herz haben, da sie die Männer hintergehen und ihnen wegen ihrer überlegenen Schönheit und Anmut unrecht thun; denn dadurch werden sie hoffärtig und verachten die Männer, insbesondere wenn diese ihnen ihre Liebe zeigen, die sie ihnen mit Stolz, Koketterie und widerwärtigem Benehmen jeglicher Art erwidern. Wird aber ein Mann jedesmal, wenn er von seiner Gattin ein widerwärtiges Benehmen sieht, zornig, so kann er nicht mit ihr zusammenleben; denn nur ein Mann mit weitem Herzen und voll Langmut vermag mit den Weibern auszukommen. Vermag ein Mann jedoch nicht sich in sein Weib zu schicken und ihren Schlechtigkeiten nachzusehen, so bringt ihm das Zusammenleben mit ihr keine Freude. Heißt es doch auch in Bezug auf die Frauen: »Wären sie im Himmel, so würden sich die Hälse der Männer nach ihnen drehen;« und wer die Kraft hat ihnen zu verzeihen, dessen Lohn ist bei 58 Gott. Dieses Weib ist doch deine Gattin und Gefährtin, und ist lange mit dir vereint gewesen. Es geziemt sich daher, daß du ihr Verzeihung gewährst, was im Umgang zu den Kennzeichen des Erfolges gehört. Überdies fehlt es den Frauen an Verstand und Glauben, und, so sie gesündigt hat, so hat sie es bereut und wird es, so Gott will, nicht wieder thun. Mein Rat ist daher der, daß du dich mit ihr aussöhnst; ich will dir mehr Geld als du besaßest, geben, und, so du bei mir bleiben willst, so seid ihr beide, du und sie, mir willkommen und nur, was euch erfreut, sollt ihr haben. Willst du aber heimkehren, so will ich dir geben, was dich zufrieden stellen soll. Da steht die Tragsänfte, setz' deine Frau und ihre Sklavin hinein und zieh' in dein Land. Zwischen Mann und Weib fällt viel vor, und dir liegt es ob den Weg der Milde und nicht der Härte einzuschlagen.« Da fragte der Juwelier: »Mein Herr, und wo ist meine Gattin?« Er erwiderte: »Sie ist dort oben in jenem Gemach; steig' zu ihr hinauf und sei freundlich zu ihr um meinetwillen und betrüb' sie nicht. Siehe, als mein Sohn mit ihr hier eintraf und sie zu heiraten begehrte, schlug ich es ihm ab und sperrte sie dort in jenem Gemach ein, indem ich bei mir sprach: »Vielleicht kommt ihr Gatte her, und dann kann ich sie ihm wieder übergeben; denn sie ist hübsch von Gesicht, und wenn ein Weib wie dieses ist, läßt sie ihr Gatte nicht laufen.« Was ich vermutete, ist eingetroffen, und gelobt sei Gott, der Erhabene, für deine Wiedervereinigung mit ihr! Was aber meinen Sohn anlangt, so freite ich eine andere für ihn und verheiratete ihn mit ihr, und diese Bankette und Gastereien sind wegen der Hochzeit, denn heute Nacht führe ich ihn zu seiner Gattin. Da ist der Schlüssel zu dem Gemach, in dem sich deine Frau befindet, nimm ihn, öffne die Thür, geh' hinein zu deiner Gattin und ihrer Sklavin und sei vergnügt mit ihr. Essen und Trinken soll euch heraufgebracht werden, und du sollst nicht eher wieder herunterkommen, als bis du dich an ihr gesättigt hast.« Der Juwelier entgegnete hierauf: 59 »Gott lohne es dir mit allem Guten, mein Herr!« Alsdann nahm er den Schlüssel und stieg fröhlich herauf, während der Kaufmann glaubte, seine Worte hätten ihm gefallen, und er wäre einverstanden mit ihnen, weshalb er sein Schwert nahm und ihm ungesehen folgte, bis er stehen blieb, um zu schauen, was sich zwischen ihm und seiner Gattin begeben würde.

Inzwischen war der Juwelier oben angelangt und hörte sie bitterlich darüber weinen, daß Kamar es-Samân eine andere als sie geheiratet hatte, während ihr Mädchen zu ihr sagte: »Wie oft warnte ich dich, meine Herrin, und sagte zu dir: »Von diesem jungen Menschen erlangst du nichts Gutes; gieb daher den Umgang mit ihm auf.« Du hörtest jedoch nicht auf mich, sondern beraubtest deinen Herrn seines ganzen Gutes und gabst es ihm. Ja, du verließest deine Stätte in deiner Vernarrtheit und zogst mit ihm in dieses Land, und nun hat er dich aus dem Sinn geschlagen und hat eine andere geheiratet, so daß das Ende von deiner Vernarrtheit in ihn ein Gefängnis ist.« Sie versetzte jedoch: »Schweig' still, Verruchte! Wenn er auch eine andre geheiratet hat, so werde ich ihm doch eines Tages sicherlich wieder in den Sinn kommen. Ich kann die mit ihm verplauderten Nächte nicht vergessen, und in jedem Fall tröste ich mich mit dem Worte dessen, der da gesagt hat:

»Meine Herren, wird der euch wirklich in den Sinn kommen,
Dem kein andrer als ihr in den Sinn kommt?
Daß sei fern von euch, daß ihr den vergäßet,
Der aus Liebe zu euch sich selber vergaß.«

Einst muß er doch wieder an meine Unterhaltung und Freundschaft denken, und dann wird er nach mir fragen, weshalb ich nicht aufhören will ihn zu lieben noch von meiner Leidenschaft zu ihm ablassen, ob ich auch im Gefängnis sterben sollte, denn er ist mein Liebster und Arzt, und meine Hoffnung ruht auf ihm, daß er wieder zu mir zurückkehrt und mich wieder freundlich behandelt.« Als ihr Gatte diese Worte 60 von ihr vernahm, trat er ein und sagte zu ihr: »Du Treulose, deine Hoffnung auf ihn ist wie Iblîs' Hoffnung aufs Paradies. Alle diese Laster besaßest du, ohne daß ich es wußte; denn, hätte ich nur ein einziges derselben gekannt, ich hätte dich keine Stunde bei mir behalten. Doch nun, wo ich den Beweis hiervon habe, muß ich dich töten, und sollte ich auch um deinetwillen mein Leben lassen, du Verräterin!« Alsdann packte er sie mit beiden Händen und drückte ihr die Gurgel ein. Als dann ihre Sklavin Ach und Weh über ihre Herrin schrie, sagte er zu ihr: »Du Dirne, an allem trägst du die Schuld, da du wußtest, daß sie dieses Laster besaß, und mir nichts davon sagtest.« Hierauf packte er sie und erwürgte sie.

Alles dies aber geschah, während der Kaufmann mit gezücktem Schwert hinter der Thür stand und von allem Ohren- und Augenzeuge war. Wie der Juwelier Obeid sie nun aber im Zimmer des Kaufmanns erdrosselt hatte, ward er von Besorgnis erfaßt und fürchtete den Ausgang seiner Sache, indem er bei sich sprach: »Wenn der Kaufmann erfährt, daß ich beide in seinem Zimmer umgebracht habe, so wird er mich ebenfalls umbringen. Jedoch bitte ich Gott, daß mir das Leben genommen wird, während ich im rechten Glauben stehe.« Wie er nun aber ratlos und ohne zu wissen, was er thun sollte, dastand, trat mit einem Male der Kaufmann Abd er-Rahmân zu ihm ein und sagte zu ihm: »Dir soll nichts zuleide geschehen, du verdienst es. Schau dieses Schwert in meiner Hand; ich hatte die Absicht dich niederzuhauen, wenn du dich mit ihr ausgesöhnt hättest, und hätte das Mädchen getötet. Nun aber, wo du dies gethan hast, sei mir willkommen und noch einmal willkommen! Und dein Lohn dafür soll kein andrer sein als daß ich dich mit meiner Tochter, der Schwester Kamar es-Samâns, vermähle.« Hierauf stieg er mit ihm wieder hinunter und ließ die Leichenwäscherin holen, worauf sich die Kunde in der Stadt verbreitete, daß Kamar es-Samân zwei Sklavinnen von Basra 61 mitgebracht hätte, die beide gestorben wären, so daß die Leute kamen ihm zu kondolieren und zu ihm sprachen: »Dein Haupt möge leben, und Gott gebe dir Ersatz!« Alsdann wuschen sie sie und wickelten sie in Leichentücher ein, worauf sie sie begruben, ohne daß jemand die Wahrheit von der Sache erfuhr. Dann aber ließ der Kaufmann Abd er-Rahmân den Scheich el-Islâm und alle Großen kommen und sprach: »O Scheich el-Islâm, setz' den Ehekontrakt meiner Tochter Kaukab es-SabâhMorgenstern. mit Meister Obeid dem Juwelier auf; die Brautgabe habe ich bereits voll und ganz erhalten.« Da setzte der Scheich el-Islâm den Ehekontrakt auf, und Abd er-Rahmân reichte ihnen Scherbetts zu trinken; und sie feierten ein einziges Hochzeitsfest und hielten den Brautzug der Tochter des Scheich el-Islâms, der Gattin Kamar es-Samâns, und seiner Schwester Kaukab es-Sabâh, der Neuvermählten Meister Obeids des Juweliers, in einer Nacht ab, indem beide in einer Sänfte saßen, worauf sie Kamar es-Samân und Meister Obeid zu gleicher Zeit zu ihren jungen Frauen geleiteten. Und als Meister Obeid bei ihr eintrat, sah er, daß sie um tausendmal schöner war als seine erste Frau, und nahm ihr die Mädchenschaft.

Am andern Morgen ging er zusammen mit Kamar es-Samân ins Bad, worauf er noch eine Weile in Freude und Fröhlichkeit bei ihnen verweilte, bis er Sehnsucht nach seiner Heimat bekam und zu dem Kaufmann Abd er-Rahmân eintrat, zu dem er sprach: »Mein Oheim, ich sehne mich nach meiner Heimat, wo ich Grundstücke und Eigentum habe, über die ich einen meiner Gesellen als meinen Bevollmächtigten setzte; und nun möchte ich heimreisen, um meine Grundstücke zu verkaufen und dann wieder zurückzukehren. Erlaubst du mir wohl, deswegen in mein Land heimzuziehen?« Abd er-Rahmân erwiderte ihm: »Mein Sohn, ich gestatte es dir, und kein Tadel treffe dich deshalb, denn »Heimatsliebe ist 62 ein Teil der Religion,« und wem daheim nichts Gutes blüht, dem blüht es erst recht nicht in der Fremde. Wenn du aber ohne deine Gattin reisest und in dein Land kommst, so mag es dir gut dünken, dort wohnen zu bleiben, und du wirst dann in Verlegenheit kommen, ob du zu deiner Gattin zurückkehren oder in deiner Heimat bleiben sollst. Das Rechte ist daher, daß du deine Gattin mitnimmst und, wenn du dann zu uns zurückkehren willst, so kehre mit deiner Gattin zurück und sei uns mit ihr willkommen; denn wir sind Leute, die Ehescheidung nicht kennen, und kein Weib von uns heiratet zweimal, wie wir auch keinen Mann aus Übermut fortschicken.« Der Juwelier versetzte: »Oheim, ich fürchte, deine Tochter möchte nicht Lust haben, mir in mein Land zu folgen.« Der Kaufmann Abd er-Rahmân versetzte jedoch: »Mein Sohn, bei uns widersetzen sich nicht die Frauen ihren Männern, und wir kennen kein Weib, das ihrem Mann grollt.« Da rief der Juwelier: »Gott segne euch und eure Frauen!« Alsdann trat er bei seiner Gattin ein und sprach zu ihr: »Ich möchte heimkehren; was sagst du dazu?« Sie entgegnete: »So lange ich eine Jungfrau war, bestimmte mein Vater über mich, und nun, wo ich vermählt bin, ruht aller Befehl über mich in meines Ehegemahls Hand; ich widerspreche ihm nicht.« Da sprach er: »Gott segne dich und deinen Vater und habe Erbarmen mit dem Schoß, der dich trug, und den Lenden, die dich zeugten!« Hierauf schnitt er die Riemen abDie Riemen der Wasserschläuche, die nach langem Liegen gewöhnlich auszubessern und mit neuen Henkeln zu versehen sind. (Burton) und traf seine Vorkehrungen zur Reise. Sein Oheim schenkte ihm viel, und, nachdem sie voneinander Abschied genommen hatten, nahm er seine Gattin und zog mit ihr ab, ohne Unterbrechung reisend, bis er mit ihr nach Basra gelangte, wo ihm die Verwandten und Freunde zum Empfang entgegen kamen, im Glauben, er wäre im HidschâsEl-Hidschâs das heilige Land der Araber mit den Städten Mekka und Medina. 63 gewesen. Einige der Leute freuten sich über seine Rückkehr, andere aber bekümmerten sich darüber, und die Leute sprachen zu einander: »Jetzt wird er uns wieder an jedem Freitag wie früher placken und uns bis auf die Hunde und Katzen in die Moscheen und Häuser einsperren.«

Als aber der König von Basra von seiner Ankunft vernahm, ergrimmte er wider ihn und ließ ihn vor sich holen, worauf er ihn hart anfuhr und sprach: »Wie konntest du abreisen, ohne mir etwas davon zu sagen? War ich etwa unvermögend, dir etwas zur Unterstützung zu deiner Pilgerfahrt nach dem heiligen Gotteshaus zu geben?« Der Juwelier versetzte: »Um Vergebung, mein Herr, bei Gott, ich unternahm keine Pilgerfahrt, sondern so und so erging es mir.« Und so erzählte er ihm seine ganze Geschichte, wie es ihm mit seinem Weib und dem Kaufmann Abd er-Rahmân von Kairo ergangen wäre und wie er seine Tochter geheiratet hätte, bis er mit den Worten schloß: »Ich hab' sie nun mit nach Basra gebracht.« Da sagte der König: »Bei Gott, wenn ich mich nicht vor Gott, dem Erhabenen, fürchtete, so tötete ich dich und heiratete dieses edle Mädchen nach deinem Tode, und sollte mich's auch Schätze an Geld kosten, da sie nur für Könige paßt. Jedoch hat sie Gott zu deinem Teil bestimmt, und er segne sie dir, und du behandle sie freundlich!« Alsdann beschenkte er den Juwelier, worauf dieser ihn verließ und fünf Jahre mit seiner Gattin lebte, bis er zur Barmherzigkeit Gottes, des Erhabenen, abschied. Da bewarb sich der König um sie, sie lehnte es jedoch ab, indem sie sprach: »O König, niemals ward in unserer Sippe ein Weib gefunden, das nach ihres Ehegemahls Tod sich wieder verheiratete; ebenso will ich's halten und will dich nicht heiraten, solltest du mich deshalb auch töten.« Da schickte der König zu ihr und ließ sie fragen: »Wünschest du in deine Heimat zu ziehen?« Sie versetzte: »Wenn du Gutes thust, so wirst du deinen Lohn dafür empfangen.« Da zog er all das Gut des Juweliers für sie ein und fügte gemäß seinem Rang noch von 64 seinem hinzu; dann gab er ihr einen seiner Wesire mit auf den Weg, einen Mann berühmt wegen seiner Güte und Frömmigkeit, zugleich mit einem Geleit von fünfhundert Berittenen. Und der Wesir reiste mit ihr, bis er sie zu ihrem Vater gebracht hatte, bei dem sie als Witwe bis zu ihrem Tod lebte; und alle die andern starben auch.

Wenn nun diese Frau nicht einwilligte, nach ihres Gatten Tod einen Sultan an seiner Stelle zu heiraten, wie sollte sie da mit einer verglichen werden, die ihrem Gatten noch bei Lebzeiten einen jungen Menschen von dunkler Herkunft und Familie vorzog, zumal in schandbarer Weise und nicht auf dem Weg gesetzlicher Heirat. Wer deshalb glaubt, daß alle Frauen einander gleich sind, der findet kein Heilmittel für seine Verrücktheit. Preis Ihm, der die Herrschaft über das Sichtbare und Unsichtbare hat, dem Lebendigen, der nimmer stirbt!«

 


 

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