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Tausend und eine Nacht. Band XIX

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XIX - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XIX
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages191
created20180505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechsundzwanzigste Nacht.

Die Geschichte vom König, der sein Reich und Gut und Weib und Kinder verlor und sie von Gott wieder erhielt.

»Wisse, o König, in Indien lebte einmal ein König von schönem Wandel und preislichem Weg, der gerecht gegen seine Unterthanen und huldreich gegen die Gelehrten, Gottesfürchtigen, Enthaltsamen, Frommen und Religiösen war und die Missethäter, Thoren und Verräter mied. Nachdem er in dieser Weise so lange als Gott, der Erhabene, wollte, sein Reich regiert hatte, vermählte er sich mit einer seiner Basen, einem Bild von Schönheit und Anmut und strahlender Vollkommenheit, die im Hause des Königs in Luxus und Zärtlichkeit aufgewachsen war. Sie gebar ihm zwei Söhne, die schönsten Jünglinge ihrer Zeit, als das Schicksal, das unabwendbare eintraf und Gott, der Erhabene, wider den König einen andern König entsendete, der wider sein Land auszog. Alle die Bewohner der Residenz, die nach Unheil und Missethat Verlangen trugen, scharten sich um ihn, und, von ihnen gestärkt, umgab er das Reich des Königs und schlug sein Heer und erschlug seine Streiter. Da nahm der König sein Weib, die Mutter seiner beiden Söhne, und soviel als er sonst mitzunehmen vermochte und rettete sich durch die Flucht im Dunkel der Nacht, ohne zu wissen wohin er seinen Weg nehmen sollte. Als er von der Flucht ermüdet war, überfielen ihn Räuber unterwegs und nahmen ihnen alles, was sie bei sich hatten, ab, so daß jeder von ihnen nichts mehr besaß als ein Hemd und ein Paar Hosen, ja, die Räuber ließen sie sogar ohne Zehrung, Kamele oder sonstige Reittiere. So wanderten die Flüchtlinge weiter, bis sie zu einem Thalgrund, einer Waldesaue am Meeresgestade, 27 gelangten. Da aber hier ein seichter Meeresarm ihren Weg unterbrach, lud der König einen seiner Knaben auf und durchwatete mit ihm das Wasser bis zur andern Seite, wo er ihn absetzte, worauf er umkehrte und seinen zweiten Knaben ebenfalls hinübertrug und neben seinen Bruder setzte. Dann kehrte er zum zweitenmal zurück, lud ihre Mutter auf und durchschritt mit ihr ebenfalls das Wasser, doch fand er die beiden Knaben nicht mehr an ihrem Platz. Da schaute er mitten auf die Insel, und, als er dort einen alten Mann und eine alte Frau eine Hütte für sich machen sah, setzte er seine Frau vor ihnen ab und ging fort nach seinen Knaben zu suchen, doch gab ihm niemand von ihnen Kunde, und, wiewohl er nach rechts und links wanderte, fand er keine Spur von ihnen.

Soviel von ihm; was aber die Knaben anlangt, so waren sie in den Wald getreten, um Wasser zu machen; der Wald jedoch war so groß, daß ein Reitersmann darin eine ganze Woche hätte umherirren können, ohne den Anfang vom Ende zu unterscheiden. Die Knaben fanden den Ausweg nicht mehr und irrten in dem Wald nach Gottes, des Erhabenen, Ratschluß umher, während ihr Vater nach ihnen suchend, umherwanderte, ohne sie zu finden. Hierauf kehrte er wieder zu ihrer Mutter zurück, und beide saßen über ihre Kinder weinend da, während die Knaben, nachdem sie von der Wildnis verschlungen waren, viele Tage in ihr umherirrten, ohne die Stelle zu finden, an der sie den Wald betreten hatten, bis sie auf der andern Seite herauskamen. Ihre Eltern aber blieben auf der Insel bei den beiden alten Leuten und aßen von den Früchten und tranken aus den Bächen der Insel, bis eines Tages, als sie da saßen, ein Schiff am Strand der Insel beilegte, um Wasser einzunehmen, worauf sie einander ansahen und miteinander redeten. Jenes Schiff gehörte einem Magier, und die ganze Schiffsfracht, Matrosen sowohl wie Güter, waren sein, da er ein Kaufmann war, der von Land zu Land zog. Die Gier nach 28 Geld verführte aber den Scheich, den Besitzer der Insel, daß er zum Magier ging und ihm die Schönheit der Königin schilderte, bis er seine Begierde nach ihr erweckt hatte und seine Seele ihn antrieb, Verrat an ihr zu üben und sie durch List ihrem Gatten zu rauben. Infolgedessen schickte er zu ihr und ließ ihr sagen: »Bei uns auf dem Schiffe ist eine schwangere Frau, und wir fürchten, daß sie in der kommenden Nacht bereits niederkommt. Verstehst du wohl etwas vom Entbinden der Frauen?« Sie bejahte es, und, da der Tag bereits zu Ende ging, schickte er zu ihr, daß sie aufs Schiff käme und der Frau beistünde, da die Wehen sie schon befallen hätten: und er versprach ihr Kleidungsstücke und Geld. Da begab sich die Frau unbekümmert und getrosten Herzens mit ihrer Habe aufs Schiff; sobald sie es jedoch betreten hatte, wurden die Segel gehißt und aufgespannt, und das Schiff fuhr ab. Der König schrie, und die Königin weinte auf dem Schiff und wollte sich ins Meer stürzen, doch befahl der Magier den Schiffsburschen sie zu packen, und nach kurzer Zeit brach auch die Nacht herein, und das Schiff entschwand dem Auge des Königs. Vom vielen Weinen und Klagen sank der König in Ohnmacht und verbrachte die ganze Nacht, über seine Gattin und seine Kinder weinend. Am andern Morgen wanderte er aufs Geratewohl den Strand entlang, ohne zu wissen, was er thun und wohin er seinen Weg nehmen sollte; Tage und Nächte lang wanderte er weiter, während seine einzige Nahrung aus dem Gras der Erde bestand, und ohne einen Menschen oder ein wildes Tier oder sonst etwas dergleichen zu sehen, bis ihn sein Weg auf den Gipfel eines Berges führte. Hier verweilte er ganz allein, indem er von den Früchten des Gebirges aß und von seinem Wasser trank, bis er wieder weiter wanderte und nach drei Tagen auf Äcker und Ortschaften stieß und schließlich zu einer großen Stadt am Meeresstrand gelangte. Da er zur Abendzeit an das Stadtthor gelangte, wollten ihn die Thorwächter nicht hineinlassen, so daß er die Nacht hungernd vor dem 29 Thor zubrachte. Am Morgen setzte er sich dann nahe an das Thor. Nun aber war der König jener Stadt gestorben und hatte keinen Sohn hinterlassen, so daß sie uneins wurden, wen sie zum König machen wollten, und sich in Wort und Meinung entzweiten und nahe dem Bürgerkrieg waren. Nach langem Streit hatten sie sich jedoch geeinigt, den zum König zu erwählen, den der Elefant des verstorbenen Königs erwählen würde, und ihm die Herrschaft nicht streitig zu machen. Sie hatten dies beschworen und zogen allesamt, Männer und Frauen, am Morgen mit dem Elefanten zur Stadt hinaus. Dann schmückten sie den Elefanten und setzten ihm den Thron auf den Rücken und gaben ihm die Krone in den Rüssel, worauf er die Gesichter der Leute musterte und bei keinem von ihnen anhielt, bis er zum verlassenen König gelangte, dem Fremdling, der Weib und Kinder verloren hatte. Er kniete vor ihm nieder, setzte ihm die Krone aufs Haupt und hob ihn auf seinen Rücken, worauf sich alle Leute vor ihm niederwarfen und einander die Freudenbotschaft ankündigten; dann wurden die Freudentrommeln vor ihm geschlagen, und er zog in die Stadt, bis er zum Gerichtspalast und der Schloßhalle gelangte, wo er sich mit der Krone auf dem Haupt auf den Thron des Königreiches setzte. Hierauf traten die Leute bei ihm ein, ihn willkommen zu heißen und ihm Segen zu erflehen, und er widmete sich wie zuvor der Erledigung der Angelegenheiten des Volkes und ordnete die Truppen nach ihrem Rang und nahm Einsicht in ihre Sachen und die aller seinen Unterthanen. Außerdem ließ er die Gefangenen los und hob die Steuern auf und verlieh Ehrenkleider und machte Geschenke und Spenden und zeichnete die Emire und Wesire und Würdenträger aus, und die Kämmerlinge und Vicekönige erschienen vor ihm, und das Stadtvolk freute sich über ihn, und sprach: »Das ist einmal ein großer König!« Alsdann versammelte er die Weisen, Gelehrten und Prinzen und sprach mit ihnen und legte ihnen Streitfragen und Thesen vor und disputierte 30 mit ihnen, um zu einer rechten Regierung gewiesen zu werden, über viele Dinge allerlei Art, als Mysterien, religiösen Forderungen, Reichsgesetzen und Regierungsnormen und über die Pflichten des Königs hinsichtlich der Einsichtnahme in die Angelegenheiten der Unterthanen und der Abwehr des Feindes und seiner List durch Krieg. Und so wuchs des Volkes Freude und Frohlocken über seine Regierung, die Gott, der Erhabene, ihnen geschenkt hatte, und er hielt die Ordnung des Reiches aufrecht, und die Sachen gediehen nach dem alten, guten Brauch. Nun hatte der vorige König eine Frau und zwei Töchter hinterlassen, von denen der neue König eine heiraten sollte, damit das Reich nicht aus den Händen der alten Königsfamilie fiele, und er versprach ihnen dies, doch hielt er sie hin, um nicht das Gelübde zu verletzen, das er seiner Base gegeben hatte, keine andere Frau neben ihr zu heiraten; und er fastete von nun an den Tag über und betete zur Nacht und spendete reiche Almosen und flehte zu Gott, – Preis Ihm, dem Erhabenen! – ihn wieder mit seinen Knaben und seiner Gattin zu vereinigen.

Nach einem Jahre kam zu der Stadt ein Schiff mit Kaufleuten und vielem Gut; nun aber war es ihr Brauch zuvor gewesen, daß, wenn ein Schiff bei ihnen eintraf, der König einen seiner vertrauten Pagen auf dasselbe schickte, die Waren unter Obhut zu nehmen, damit sie zuerst dem König gezeigt würden und er von ihnen soviel kaufte, als ihm zusagte, worauf er ihnen den Verkauf des Restes verstattete. Nach diesem Brauch schickte der König einen Pagen zum Schiff, die Waren zu versiegeln, und vertraute einem die Obhut derselben an.

Als nun aber der Magier des Königs Base entführt hatte, bot er sich ihr an und opferte eine Menge Geld für sie, während sie ihn abwies und sich aus Kummer über ihr Schicksal und aus Gram über die Trennung von ihrem Vetter fast das Leben nahm. Sie verweigerte Speise und Trank und ging damit um sich ins Meer zu stürzen, doch 31 fesselte sie der Magier und hielt sie in enger Haft, indem er sie obendrein in ein wollenes Gewand kleidete und zu ihr sagte: »Ich will dich drangsalieren und demütigen, bis du mir gehorchst und nachgiebst.« Da geduldete sie sich und vertraute, daß Gott, der Erhabene, sie aus den Händen dieses Verruchten befreien würde. Hierauf zog sie mit ihm von Land zu Land, bis sie zur Stadt gelangte, in der ihr Gatte König war. Sie war aber von dem Magier in eine Kiste gesteckt, als die Waren versiegelt wurden, und es traf sich, daß zwei Pagen, die zuvor in den Diensten des verstorbenen Königs gewesen und in die Dienste des neuen Königs getreten waren, mit der Obhut des Schiffes und seiner Fracht betraut wurden. Als nun der Abend hereinbrach, begannen sie miteinander zu plaudern und erzählten sich die Erlebnisse ihrer Kindheit, wie sie mit ihren Eltern aus ihrer Heimat und ihrem Reich geflohen waren, als die Unholde ihr Land erobert hatten, und wie sie sich im Walde verirrt hatten und das Schicksal sie von Vater und Mutter getrennt hatte; kurz, sie erzählten ihre Geschichte von Anfang bis zu Ende. Als ihre Mutter ihre Geschichte vernahm, erkannte sie, daß es ihre Kinder waren, und schrie in der Kiste: »Ich bin eure Mutter, so und so ist mein Name, und das Kennzeichen zwischen uns ist das und das.« Beide erkannten das Zeichen sofort, und, zur Kiste springend, zerbrachen sie das Schloß und zogen ihre Mutter heraus. Sobald sie ihre Kinder erblickte, zog sie sie an ihre Brust, während sie sich über sie warfen; und alle sanken in Ohnmacht. Als sie dann wieder zu sich kamen weinten sie eine Weile, während sich die Leute über das, was sich vor ihren Augen abspielte, verwunderten und sie nach ihrer Geschichte fragten. Da erzählten die Jünglinge sie den Leuten um die Wette, als mit einem Male der Magier ankam und angesichts dessen Ach und Wehe schrie und zu den Jünglingen sagte: »Warum habt ihr meine Kiste erbrochen, in der ich Juwelen hatte? Ihr habt sie gestohlen und diese meine Sklavin hat mit euch einen Plan vereinbart mir mein 32 Gut zu entwenden.« Alsdann zerriß er seine Kleider und schrie um Hilfe und rief: »Ich wende mich an Gott und den gerechten König, daß er mich von diesen tyrannischen Burschen befreit.« Sie erwiderten: »Dies ist unsre Mutter, die du raubtest.« Der Worte wurden viel und man redete hin und her in betreff der beiden Pagen, der Sklavin und des Magiers, bis der Streit unter ihnen so heftig ward, daß man sie schließlich vor den König führte. Als sie nun vor ihm standen und ihm und dem Volk ihre Geschichte vortrugen, während der König ihren Worten lauschte, erkannte er sie, und sein Herz wäre vor Freude fast geflogen; die Thränen strömten ihm aus den Augen, als er sie und sein Weib erblickte, und er dankte Gott, dem Erhabenen, und pries ihn für die Wiedervereinigung mit seinen Lieben. Dann entließ er die anwesende Volksmenge und befahl den Magier, die Sklavin und die beiden Pagen in seine Rüstkammer die Nacht über einzusperren und sie daselbst alle zu behüten, bis Gott den Morgen anbrechen ließe, damit er den Kadi, die Richter und Schöffen berufen und unter ihnen nach dem heiligen Gesetz in Anwesenheit der vier Kadis Recht sprechen könnte. Sie vollzogen sein Geheiß, und der König verbrachte die ganze Nacht im Gebet und Gott, den Erhabenen, dafür preisend, daß er ihm das Königtum und die Macht verliehen und ihm den Mann, der ihm Böses zugefügt, in die Gewalt gegeben hätte, ihm zugleich für die Wiedervereinigung mit seinen Angehörigen dankend. Als dann der Morgen anbrach, versammelte er die Kadis, Rechtsbeamten und Schöffen und ließ den Magier, die beiden Pagen und ihre Mutter vor sich kommen, worauf er sie nach ihrer Geschichte fragte. Die beiden Pagen machten den Anfang und erzählten: »Wir sind die Söhne des und des Königs, und Feinde und Übelthäter entrissen uns das Reich, so daß unser Vater mit uns aus Furcht vor den Feinden aufs Geratewohl flüchtete.« Da sagte der König: »Ihr erzählt eine wunderbare Geschichte; was aber geschah mit euerm Vater?« Sie versetzten: »Wir 33 wissen nicht, was die Zeit mit ihm nach unsrer Trennung that.« Der König schwieg hierzu, dann aber wendete er sich zur Frau und sprach zu ihr: »Was hast du zu sagen?« Da erzählte sie ihm ihre Geschichte und ihres Gatten Widerfahrnisse von Anfang bis zu Ende, indem sie sowohl den Scheich und die Alte erwähnte, die sie am Meeresstrande angetroffen hatten, als auch, wie der Magier sie mit List aufs Schiff gebracht hatte und was sie von ihm an Demütigungen und Folterqualen erlitten hatte, während die Kadis, die Richter und Beamten ihren Worten und der Erzählung aller andern zuhörten. Als nun der König die Geschichte seiner Gattin bis zu Ende vernommen hatte, sagte er zu ihr: »Dir ist eine schlimme Sache widerfahren; weißt du jedoch, was dein Gatte that, und wie es ihm erging?« Sie versetzte: »Nein, bei Gott, ich weiß nichts von ihm, nur daß ich ihn nie in frommem Gebet vergesse, und daß er mir, so lange ich lebe, der Vater meiner Kinder, mein Vetter und mein Fleisch und Blut bleibt.« Hierauf weinte sie, während der König sein Haupt senkte und ihm von ihrer Geschichte die Augen von Thränen verdunkelt wurden. Dann erhob er sein Haupt zum Magier und sagte zu ihm: »Sprich du.« Da sagte der Magier: »Dies ist meine Sklavin, die ich für mein Geld in dem und dem Land für so und so viele Dinare kaufte und zu meiner Verlobten machte. Ich liebte sie leidenschaftlich und vertraute ihr mein Geld an, jedoch verriet sie mich in demselben und plante mit einem der Pagen meinen Tod, indem sie ihn nach meiner Beseitigung zu heiraten versprach. Als ich dies erkannte und von ihrem Verrat gegen mich überzeugt war, kam ich wieder zur Besinnung und that mit ihr, besorgt um das Leben vor ihrer Treulosigkeit und Arglist, was ich eben that. Ihre Zunge ist voll Falsch, und sie lehrte jene Jünglinge diesen Vorwand in ihrer Arglist, Verschlagenheit und Tücke; laßt euch darum nicht durch sie und ihre Worte betrügen.« Der König versetzte jedoch: »Du lügst, Verruchter!« und befahl ihn zu packen und in Fesseln 34 zu legen. Dann wendete er sich zu den beiden Jünglingen, seinen Söhnen und preßte sie laut weinend an seine Brust, worauf er sagte: »Ihr anwesenden Kadis und Schöffen und all ihr Unterthanen meines Reiches, wisset, dies sind meine Söhne, das ist mein Weib und meine Base, und ich war einst König in dem und dem Land.« Alsdann erzählte er ihnen seine Geschichte von Anfang bis zu Ende, doch liegt kein Nutzen in der Wiederholung. Das Volk weinte und jammerte laut als sie diese merkwürdige Erzählung mit ihren so überaus wunderbaren Zufällen vernahmen, während der König sein Weib in den Palast führte und sie und ihre Knaben mit Geschenken überhäufte, so wie es sich für sie schickte, und ihnen anstand. Alsdann kam das Volk und segnete ihn und beglückwünschte ihn zur Wiedervereinigung mit seiner Gattin und seinen Kindern, worauf sie den König baten die Züchtigung des Magiers zu beschleunigen und ihnen durch seine Folterung und Erniedrigung Genugthuung zu geben. Er bestimmte ihnen einen Tag, an dem sie sich versammeln sollten, um seiner Strafe und Folterung beizuwohnen, und zog sich mit seiner Gattin und seinen Knaben auf drei Tage zurück, während welcher Zeit sie dem Volke unsichtbar blieben. Am vierten Tage aber begab sich der König ins Bad, worauf er hinausging und sich auf den Thron des Königreiches setzte und die Krone auf sein Haupt drückte. Dann traten die Leute wie üblich bei ihm ein und stellten sich nach Rang und Würde auf, und ebenso erschienen die Emire, Wesire, Kämmerlinge, Vicekönige, die Kriegsherren, Falkoniere, Hauptleute und Emire der Leibgarde. Hierauf hieß er seine beiden Söhne zu seiner Rechten und Linken niedersitzen, während alles Volk vor ihm stand und die Stimmen erhob zu Gottes, des Erhabenen, Preis und Dank und kein Ende fand den König zu segnen und seine Tugenden und rühmlichen Eigenschaften zu preisen. Nachdem der König ihnen aufs huldvollste geantwortet hatte, befahl er den Magier zur Stadt hinauszuführen und ihn 35 auf ein hohes Gerüst, das man für ihn errichtet hatte, zu stellen. Alsdann sprach er zu der Menge: »Schaut, ich will ihn mit allerlei Qualen foltern,« und erzählte ihnen, wie der Magier seine Base mit List gefangen und sie von ihm getrennt hatte, wie er ihr nachgestellt, sie aber vor ihm ihre Zuflucht zu Gott, dem Mächtigen und Herrlichen, genommen hatte und trotz aller Qualen lieber Demütigung erwählt hatte, als ihm zu Willen zu sein, und sich nicht an das Geld und die Kleider und Juwelen, die er an sie verschwendete, gekehrt hatte. Als er seine Erzählung beendet hatte, befahl er der anwesenden Menge dem Magier ins Gesicht zu speien und ihm zu fluchen, und, als sie dies gethan hatten, ließ er ihm die Zunge abschneiden. Am folgenden Tage ließ er ihm die Ohren und die Nase abschneiden und die Augen ausreißen, am dritten Tage ließ er ihm die Hände, am vierten die Füße abhauen, und so ward er Glied für Glied verkürzt, und jedes Glied ward vor ihm ins Feuer geworfen, bis er nach den mannigfachsten Martern und Torturen die Seele aushauchte, worauf der König seinen Rumpf für drei Tage an die Stadtmauer schlagen ließ. Dann ließ er ihn verbrennen und die Asche zerreiben und in die Luft streuen. Hierauf ließ der König den Kadi und die Zeugen holen und befahl ihnen die Tochter des verstorbenen Königs und ihre Schwester mit seinen beiden Söhnen zu vermählen. Und so heirateten die Prinzen die beiden Prinzessinnen, nachdem der König ein dreitägiges Hochzeitsbankett angerichtet hatte, und die Bräute ihnen vom Abend bis zum Morgen entschleiert worden waren, worauf sie sie heimsuchten und ihnen die Mädchenschaft nahmen. Und sie liebten sie und wurden von ihnen mit Knaben beschert. Der König aber, ihr Vater, lebte mit seiner Base und Gattin, ihrer Mutter, so lange Gott, der Mächtige und Herrliche, wollte, und sie freuten sich über ihre Wiedervereinigung. Das Königtum hatte Bestand für sie und Macht und Sieg verblieb ihnen, und der König richtete in Gerechtigkeit und Billigkeit, so daß 36 die Unterthanen ihn liebten und für ihn und seine Söhne langes Leben und Dauer erflehten. So führten sie das angenehmste Leben, bis der Zerstörer der Freuden und der Trenner der Vereinigungen, der Verwüster der Schlösser und der Bevölkerer der Gräber sie heimsuchte. Dies ist alles, was von der Geschichte des Königs, seiner Gattin und seiner Söhne auf uns kam. Mag die Geschichte aber auch eine Wonne und Unterhaltung gewesen sein, so ist sie jedoch nicht wonnesamer und unterhaltender als die Geschichte des Jünglings aus Chorāsân, seiner Mutter und seiner Schwester.«

Als der König Schâh Bacht diese Erzählung vernommen hatte, fand er Gefallen an ihr und entließ den Wesir nach Hause. Am folgenden Abend entbot er ihn jedoch wieder zu sich und befahl ihm die neue Geschichte zu erzählen, worauf der Wesir versetzte: »Ich höre und gehorche,« und also anhob:

 

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