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Tausend und eine Nacht. Band XIX

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XIX - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XIX
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages191
created20180505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfundzwanzigste Nacht.

Die Geschichte von der anmutigen, hübschen und reizvollen Frau mit dem häßlichen Mann.

»Wisse, o König, unter den Arabern lebte einmal ein Mann, der eine Anzahl Kinder hatte, unter denen sich auch ein Jüngling befand, wie kein schönerer, anmutigerer und verständigerer gesehen ward. Als er mannbar geworden war, verheiratete ihn sein Vater mit einer seiner Basen, die sich weder durch Anmut auszeichnete noch rühmliche Eigenschaften besaß, so daß sie dem Jüngling nicht gefiel, jedoch ertrug er sie wegen der Verwandtschaft. Eines Tages ging der Jüngling aus um einige seiner Kamele zu suchen, die sich verlaufen hatten, und war den ganzen Tag und die Nacht über unterwegs, bis er gegen Abend bei einem Araber gastliche Unterkunft suchte. Als er an einem der Zelte des Lagers abstieg, kam ein Mann von kurzer Statur und häßlich von Angesicht zu ihm heraus und begrüßte ihn, worauf er ihn an der Seite des Zelts unterbrachte und mit ihm aufs beste plaudernd dasaß. Als das Mahl bereitet war, trug es seine Frau auf, und, wie nun der Jüngling die Herrin des Zelts betrachtete, sah er ein Gesicht, wie es kein schöneres geben konnte. Ihre Schönheit und Anmut und ihr ebenmäßiger Wuchs verwirrten ihn, und verblüfft betrachtete er bald sie und bald ihren Gatten, bis der Mann zu ihm sagte: »O Sohn der Edeln, beschäftige dich mit deinen Sachen, denn zwischen mir und dieser Frau trug sich eine wunderbare Geschichte zu, die noch schöner ist als ihre Schönheit; wenn wir unser Mahl beendet haben, so will ich sie dir erzählen.« 24 Als sie nun mit dem Essen fertig geworden waren, fragte ihn der Jüngling nach der Geschichte, worauf der Mann erzählte: »Wisse, in meiner Jugend, war ich ebenso widerwärtig und häßlich von Gesicht wie du mich jetzt siehst, doch hatte ich Brüder, die zu den schönsten Leuten gehörten. Mein Vater zog sie mir deshalb vor und behandelte sie freundlich, während er mich allein wie einen Sklaven dienen ließ. Eines Tages hatte sich von den Kamelen meines Vaters eine Stute verlaufen, und mein Vater sagte zu mir: »Zieh aus sie zu suchen und kehre nur mit ihr wieder heim.« Ich versetzte: »Schicke einen andern von deinen Söhnen.« Er wollte es jedoch nicht thun, sondern schalt und drängte mich, bis die Sache soweit kam, daß er eine Geißel nahm und mich durchpeitschte. Da nahm ich ein Reitkamel und ritt aufs Geratewohl in die Steppen hinein, um nie wieder zu ihm zurückzukehren. Ich ritt die ganze Nacht über und langte am nächsten Abend bei den Angehörigen dieser meiner Frau an, bei deren Vater, einem alten Scheich, ich einkehrte. Um Mitternacht erhob ich mich wegen eines Bedürfnisses, ohne daß mich jemand als meine Frau bemerkt hätte. Die Hunde folgten mir jedoch und belästigten mich so lange, bis ich auf meinen Rücken in eine tiefe Grube fiel, in der sich Wasser befand, und ein Hund fiel mit mir hinein. Meine Frau, die damals erblüht und stark und mutig war, hatte Mitleid mit mir in meinem Mißgeschick und kam mit einem Seil zu mir und sagte zu mir: »Halte dich am Seil fest.« Da that ich es und hielt mich am Seil fest; als ich jedoch bis zur Mitte der Grube hinaufgezogen war, zog ich sie zu mir hinunter in die Grube, und sie und ich und der Hund blieben drei Tage lang in ihr. Als nun ihre Angehörigen erwachten und sie nicht sahen, suchten sie sie im Lager; da sie jedoch weder sie noch mich fanden, glaubten sie, sie sei mit mir geflohen. Nun hatte sie aber auch vier Brüder gleich Sakerfalken, die ihre Rosse bestiegen und nach verschiedenen Seiten ausritten uns zu suchen. Als das vierte Morgenrot anbrach, bellte 25 der Hund, worauf die andern Hunde ihm Antwort gaben und an die Grube kamen, wo sie mit ihm heulend dastanden. Wie nun der Scheich das Geheul der Hunde vernahm, kam er zu uns an die Grube und sah ein Wunder. Da er jedoch ein wackerer und verständiger, in den Dingen erfahrener Scheich war, holte er ein Seil und zog uns alle heraus, worauf er uns fragte, was mit uns vorgefallen wäre. Da erzählte ich ihm die ganze Geschichte, und er versank in Gedanken darüber, bis ihre Brüder zurückkehrten, worauf er ihnen die ganze Sache erzählte und zu ihnen sprach: »Meine Söhne, wisset, eure Schwester hatte nur Gutes vor, und, wenn ihr den Mann umbringt, so trifft euch ewige Schande, indem ihr ihm, euch selber und eurer Schwester Unrecht zufügt. Denn es ist gar kein Grund vorhanden, der den Tod erforderte, und es kann nicht geleugnet werden, daß solch ein Zufall wohl vorkommen und ihn ein dem gleiches Geschick betroffen haben mag.« Hierauf wendete er sich zu mir und fragte mich nach meinem Stammbaum, und, als ich ihm denselben dargelegt hatte, sprach er: »Er ist ein edler, verständiger Partner.« Alsdann schlug er mir vor sie zu heiraten, und ich willigte ein, worauf er sie mit mir verheiratete und ich bei ihm blieb. Gott aber, der Erhabene, öffnete mir die Pforten zum Glück und Wohlstand, so daß ich jetzt im Lager der reichste Mann bin.« Der Jüngling verwunderte sich über seine Geschichte und blieb die Nacht über bei ihm. Am andern Morgen fand er seine verlaufenen Kamele und kehrte mit ihnen heim, worauf er in seinem Lager sein Erlebnis erzählte.

Diese Geschichte ist jedoch nicht wunderbarer und merkwürdiger als die Geschichte von dem König, der sein Reich und Gut und Weib und Kinder verlor und sie von Gott wieder erhielt, indem er zum Ersatz ein mächtigeres, schöneres, wunderbareres und an Gut und Ansehen reicheres wiederbekam.«

Dem König gefiel die Geschichte, und er entließ den Wesir nach Hause. Als aber die nächste Nacht anbrach, entbot er 26 ihn wieder zu sich und verlangte von ihm die versprochene Geschichte zu hören, worauf der Wesir versetzte: »Ich höre und gehorche,« und also erzählte:

 

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