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Tausend und eine Nacht. Band XIX

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XIX - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XIX
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages191
created20180505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreiundzwanzigste Nacht.

Der Gauner und die beiden Kaufleute.

»Wisse, o ruhmreicher Herr, in alter Zeit lebte einmal ein Gauner, der einem die Ohren umkehren konnte und voll Verstand, Scharfsinn, Kenntnissen und Intelligenz war. Es war aber sein Brauch in die Städte einzukehren und sich als Kaufmann auszugeben und mit den Bewohnern der Stadt Freundschaft zu schließen und bei den Kaufleuten zu 16 sitzen, da er als ein Mann von Rechtschaffenheit und Frömmigkeit galt. Dann aber spielte er ihnen einen Streich und nahm ihnen ihr Geld ab, mit dem er in eine andere Stadt zog. In dieser Weise hatte er es bereits geraume Zeit getrieben, bis er wieder einmal in eine Stadt kam, wo er etwas Ware, die er bei sich hatte, verkaufte und sich mit den Kaufleuten anbiederte, indem er bei ihnen saß, mit ihnen verkehrte und zu sich in seine Wohnung und zu seiner Gesellschaft einlud, während sie ihn ebenfalls in ihre Wohnungen einluden. Nachdem er eine geraume Zeit in dieser Weise gelebt hatte, beschloß er die Stadt wieder zu verlassen, und seine Freunde, die davon vernahmen, bekümmerten sich darüber. Alsdann begab er sich zu einem derselben, der als der reichste und hochsinnigste galt, und setzte sich zu ihm und entlehnte sein Gut; beim Aufstehen aber mahnte er ihn, ihm das Depositum wieder zurückzuerstatten, das er ihm anvertraut hatte. Da fragte er ihn: »Und was ist's?« Der Gauner versetzte: »Der und der Beutel mit einem Inhalt von tausend Dinaren.« Da fragte ihn der Mann: »Wann gabst du mir ihn?« Der Gauner versetzte: »Preis sei dem großen Gott, war's nicht an dem und dem Tag, mit dem und dem Kennzeichen?« Da sagte der Mann: »Ich weiß nichts davon.« Hierauf begannen sie miteinander zu streiten, und die Leute stritten wieder über ihre Worte, bis sich ein lautes Geschrei erhob und die Nachbarn vernahmen, was zwischen ihnen vorging. Wie nun der Kaufmann sagte: »Ich weiß davon nichts,« sagte der Gauner: »Ihr Leute, dies ist mein Freund, und ich gab ihm ein Depositum, das er ableugnet; wem sollen die Leute da noch glauben!« Sie versetzten: »Dies ist ein respektabler Mann, und wir wissen, daß er Vertrauen verdient und zuverlässig und gebildet ist und Verstand und Hochsinn besitzt. Sein Anspruch ist nicht unsinnig, da wir miteinander verkehrten und Umgang hatten und seinen wahrhaften Glauben kennen.« Alsdann sagte einer zum Kaufmann: »Du da, besinne und erinnere dich; 17 du kannst es doch nicht vergessen haben.« Er versetzte jedoch: »Ihr Leute, ich weiß nicht, was er sagt; er hat nichts bei mir deponiert.« Wie nun die Sache unter ihnen lange währte, sagte der Gauner: »Ich muß jetzt verreisen und besitze, Gott sei Dank, viel Geld. Dieses Geld wird mir nicht entgehen, schwöre mir jedoch.« Da sagten auch die Leute: »Dieser Mann handelt nur gerecht gegen sich.« So geriet der Kaufmann in eine verdrießliche Lage und war nahe daran sein Geld und seinen guten Namen zu verlieren, als einer seiner guten Freunde, der auf Intelligenz und Verstand Anspruch erhob, insgeheim an ihn herantrat und zu ihm sagte: »Laß mich diesen Gauner überlisten; ich weiß, daß er ein Lügner ist, und du bist nahe daran, das Gold darwägen zu müssen. Ich will den Verdacht jedoch von dir abwehren und zu ihm sagen: Das Depositum ist bei mir, und du glaubst, es wäre bei einem andern. Auf diese Weise will ich dich von ihm befreien.« Der Kaufmann versetzte: »Thu's und befreie die Leute von solchen Schulden.« Hierauf wendete sich der Freund des Kaufmanns zum Gauner und sprach zu ihm: »Mein Herr, ich bin der und der, und du irrst dich. Der Beutel ist bei mir, denn du gabst ihn mir als Depositum, während jener Scheich nichts mit ihm zu schaffen hat.« Der Gauner entgegnete jedoch ungestüm und heftig: »Preis sei Gott, den Beutel, der bei dir ist, o edler und vertrauenswürdiger Mann, weiß ich in Gottes Hut und meine Seele ist sorglos um ihn, denn er ist bei dir wie bei mir. Ich fragte nur zuerst nach dem Beutel, den ich bei diesem Manne deponierte, da ich weiß, daß er nach dem Gut der Leute trachtet.« Da verstummte der Mann betroffen und gab keine Antwort; und so mußten alle beide tausend Dinare darwägen, mit denen sich der Gauner trollte.Im Text erzählt nach dem Fortgang des Gauners der Kaufmann seinem Freunde die Fabel vom Falken und der Heuschrecke, die jedoch anscheinend verstümmelt ist, da sie keinen Sinn giebt. 18

Diese Geschichte, o König der Zeit, ist jedoch nicht wunderbarer und merkwürdiger als die Geschichte vom König und der Frau des Kämmerlings, die, im Gegenteil, merkwürdiger und entzückender ist.«

Als der König die Erzählung vernommen hatte, ward er in seinem Entschluß, dem Wesir zu vergeben, bestärkt, und sich nicht in einer Sache zu übereilen, die ihm nicht klar war. Infolgedessen beruhigte er ihn und entließ ihn; am nächsten Abend jedoch entbot er den Wesir wieder zu sich und verlangte von ihm die versprochene Geschichte, worauf der Wesir versetzte: »Ich höre und gehorche,« und also erzählte:

 

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