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Tausend und eine Nacht. Band XIX

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XIX - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XIX
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages191
created20180505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Geschichte von El-Mamûns Favoritin.

Wisse, o König, ein Mann erzählte mir einmal folgende Geschichte von einem seiner Freunde, einem Kaufmann: »Als ich in meinem Laden saß, kam eine hübsche Frau gleich dem aufgehenden Mond an mir vorüber, begleitet von einer Sklavin. Ich aber war hübsch in meinen Tagen. Sie setzte sich 186 auf meine Ladenbank und kaufte Zeug von mir, worauf sie mir den Preis darwog und ihres Weges ging. Da fragte ich die Sklavin nach ihr, doch sagte sie, sie kenne ihren Namen nicht. Dann fragte ich nach ihrer Wohnung, und sie versetzte: »Im Himmel.« Nun sagte ich: »Sie ist jetzt auf der Erde; wenn sie also zum Himmel emporsteigt, wo ist denn ihre Leiter?« Da sagte die Sklavin: »Sie wohnt in einer Burg zwischen den beiden Stromarmen, in der Burg El-Mamûn el-Hâkim bi-Amrillāhs.« Ich versetzte hierauf: »Ich sterbe sicherlich.« Da sagte sie: »Gedulde dich; sie wird sicherlich zu dir zurückkommen und noch einmal Zeug von dir kaufen.« Nun fragte ich: »Und wie kommt es, daß der Fürst der Gläubigen sie unbesorgt ausgehen läßt?« Sie erwiderte: »Er liebt sie sehr und widerspricht ihr nicht.« Hierauf ging die Sklavin fort und eilte ihrer Herrin nach. Ich aber erhob mich, verließ meinen Laden und folgte ihnen, um ihre Wohnung zu sehen. Ich behielt sie den ganzen Weg über im Auge, bis sie meinen Blicken entschwand, worauf ich mit einem Feuer im Herzen umkehrte. Nach einigen Tagen kam sie wieder zu mir und kaufte Zeug von mir, und ich weigerte mich Geld von ihr anzunehmen. Da sagte sie: »Wir bedürfen deiner Waren nicht.« Ich versetzte: »Meine Herrin, nimm es als Geschenk an.« Sie erwiderte: »Warte, bis ich dich geprüft und auf die Probe gestellt habe.«

Hierauf zog sie aus ihrer Tasche einen Beutel hervor und gab mir tausend Dinare, indem sie dabei sprach: »Handle damit, bis ich wiederkomme.« Da nahm ich die Geldsumme von ihr, während sie fortging und sechs Monate lang ausblieb. Inzwischen handelte ich mit dem Geld und kaufte und verkaufte und verdiente tausend Dinare dazu. Nach Verlauf dieser Zeit kam sie wieder zu mir, worauf ich zu ihr sagte: »Hier ist dein Geld, ich habe tausend Dinare mit ihm verdient.« Sie versetzte: »Behalt' es bei dir und nimm noch tausend Dinare. Sobald ich dich verlassen habe, geh' nach 187 der Insel Er-Rauda und baue daselbst eine hübsche Villa. Hast du den Bau vollendet, so laß' es mich wissen.« Hierauf verließ sie mich und ging ihres Weges, während ich mich sofort nach Er-Rauda aufmachte und den Bau der Villa begann. Nachdem ich sie fertiggestellt hatte, staffierte ich sie aufs schönste aus und ließ ihr mitteilen, daß die Villa fertig wäre. Sie ließ mir darauf sagen, ich solle sie morgen in der Frühe am Thor Suweile erwarten und einen tüchtigen Esel mitbringen. Ich that es und erwartete sie; als ich jedoch zum Thor Suweile kam, fand ich daselbst einen Jüngling auf einem Pferd, der gleichfalls auf sie wartete. Während wir nun dort harrten, kam sie mit einem Male mit einer Sklavin an, und, als sie den Jüngling erblickte, fragte sie ihn: »Bist du da?« Er versetzte: »Ja.« Da sagte sie: »Heute bin ich von diesem Mann eingeladen; willst du mit uns gehen?« Er erwiderte: »Jawohl, meine Herrin.« Da sagte sie: »Du hast mich wider meinen Willen hierher gebracht. Willst du unter allen Umständen mit uns gehen?« Er erwiderte: »Ja, ja.«

Hierauf machten wir uns auf den Weg, bis wir nach Er-Rauda gelangten und die Villa betraten. Nachdem sie sich das Gebäude und seine Einrichtung besehen hatte, legte sie ihre Sachen ab und setzte sich mit dem Jüngling in den schönsten und größten Raum, während ich fortging und ihnen den Morgenimbis holte; ebenso holte ich ihnen das Abendessen und brachte ihnen Wein, getrocknete Früchte, Obst und Blumen und stand auf meinen Füßen zu ihrer Bedienung da, ohne daß sie zu mir gesagt hätte: »Setz' dich,« oder: »Nimm und iß und trink'.« Vielmehr saß sie mit dem Jüngling lachend und scherzend da, und er küßte sie in einemfort und zwickte sie und sprang umher und lachte. Dann sagte sie: »Wir sind bis jetzt noch nicht trunken; laß' mich einschenken.« Hierauf nahm sie den Becher, füllte ihn und gab ihm zu trinken und setzte ihm so lange zu, bis er betrunken war. 188

Alsdann trat sie an ihn heran und führte ihn in eine Kammer, worauf sie wieder mit dem Haupt des Jünglings in der Hand zum Vorschein kam. Schweigend stand ich da, ohne mein Auge zu ihrem Auge zu erheben, und fragte sie nicht hiernach, bis sie zu mir sprach: »Was ist dies?« Ich versetzte: »Ich weiß es nicht.« Da sagte sie: »Nimm es und wirf es in den Strom.« Ich vollzog ihren Befehl, während sie sich erhob und sich ihrer Sachen entledigte. Dann nahm sie ein Messer, zerstückelte seinen Leichnam und packte die Stücke in drei Körbe, worauf sie mir befahl: »Wirf ihn in den Strom.« Ich that es, und, als ich wieder zu ihr zurückkehrte, sagte sie zu mir: »Setz' dich, damit ich dir über den Jüngling Auskunft gebe, und du dich nicht vor seinem Schicksal fürchtest. Wisse, ich bin die Favoritin des Chalifen, und es ist keine bei ihm geehrter. Sechs Nächte im Monat bin ich frei, in denen ich meine Herrin, die mich erzog, besuche; und, wenn ich ausgehe, verfüge ich über mich ganz nach eigenem Ermessen. Dieser Jüngling aber war der Sohn der Nachbarsleute meiner Herrin, und ich war ein jungfräulich Mädchen. Eines Tages nun, als meine Herrin bei den Großen im Schloß weilte und ich allein im Hause zurückgeblieben war, stieg ich zur Nacht aufs Dach, um dort zu schlafen. Ehe ich mich's aber versah, kam der Jüngling von der Gasse herauf und überfiel mich und kniete auf meine Brust mit einem Dolch in der Hand, so daß ich mich nicht von ihm befreien konnte. Auf diese Weise nahm er mir die Mädchenschaft, und, nicht zufrieden hiermit, stellt er mich auch vor allem Volk bloß und erwartet mich stets, wenn ich den Palast verlasse, und thut mir Gewalt an und folgt mir, wohin ich auch gehe.

Dies ist meine Geschichte; was dich jedoch anlangt, so gefällst du mir, und deine Geduld, Treue und Dienstfertigkeit haben mich so eingenommen, so daß du mir werter als sonst jemand bist.« Hierauf ruhte ich mit ihr bis zum Morgen 189 und es geschah, was eben geschah, worauf sie mir eine Menge Geld gab. Hernach besuchte sie die Villa in jedem Monat sechs Tage lang, und wir verbrachten in dieser Weise ein volles Jahr, bis sie einen Monat lang ausblieb, so daß in meinem Herzen ein Feuer um sie entbrannte. Im zweiten Monat kam dann ein kleiner Eunuch zu mir und sagte: »Ich bin von der und der zu dir geschickt, und sie läßt dir sagen, daß der Fürst der Gläubigen befohlen hat, sie und die andern Sklavinnen, sechsundzwanzig an der Zahl, an dem und dem Tage beim Thonkloster zu ertränken, da sie einander wegen Unzucht anklagten. Sie spricht zu dir: »Sieh' zu, was du mit mir thust, und was für eine List du zu meiner Errettung ersinnen kannst, selbst wenn du dein ganzes Geld nehmen und für sie ausgeben müßtest, denn dies ist die Zeit der Hochherzigkeit.« Ich entgegnete dem Eunuchen: »Ich kenne jenes Mädchen nicht; vielleicht handelt es sich nicht um mich; nimm dich in acht, Eunuch, daß du mich nicht in Drangsal stürzest.« Er versetzte: »Ich hab' dir's ausgerichtet.« Dann ging er fort, während ich mich in großer Unruhe erhob und, meine Kleidung mit einem Schifferanzug vertauschend, einen Beutel voll Gold zu mir steckte, ein tüchtiges Frühstück kaufte und zu einem Schiffer ging. Ich setzte mich zu ihm und aß mit ihm, worauf ich zu ihm sagte: »Vermiete mir dieses Fahrzeug.« Er entgegnete: »Der Fürst der Gläubigen befahl mir hier zu sein.«

Dann erzählte er mir die Geschichte von den Favoritinnen und berichtete mir, daß der Fürst der Gläubigen sie ertränken wollte. Als ich dies von ihm vernahm, zog ich zehn Dinare für ihn hervor und entdeckte ihm meine Geschichte, worauf er sagte: »Mein Bruder, bring' leere Kürbisse, und, wenn dein Mädchen kommt, so zeig' sie mir, daß ich die Sache bewerkstelligen kann.« Da küßte ich ihm die Hand und dankte ihm; während ich aber auf und ab ging, kamen mit einem Male Garden und Eunuchen mit weinenden und kreischenden Frauen an, die 190 voneinander Abschied nahmen. Die Eunuchen riefen uns und fragten den Schiffer, als wir zu ihnen kamen: »Wer ist dies?« Er versetzte: »Dies ist mein Gefährte, der mir helfen soll, indem der eine von uns aufs Schiff acht giebt, während der andre euch dient.«

Hierauf brachten sie eine nach der andern und riefen: »Werft sie bei der Insel hinein;« und wir erwiderten: »Schön.« Jede von ihnen aber war gefesselt und trug an ihrem Hals einen Krug voll Sand. Wir thaten nach ihrem Befehl und nahmen eine nach der andern, bis sie uns meine Geliebte gaben, worauf ich meinem Gefährten ein Zeichen gab. Dann nahmen wir sie und ruderten mitten in den Strom, wo wir ihr die hohlen Kürbisse gaben, während ich zu ihr sagte: »Warte auf mich bei der Mündung des Kanals.« Hierauf nahmen wir ihr den Krug mit Sand von den Füßen ab, lösten ihre Fesseln und warfen sie neben dem Boot ins Wasser. Alsdann kehrten wir um und ertränkten die letzte, die noch von ihnen übrig geblieben war, worauf die Eunuchen fortgingen, während wir auf dem Boot stromab zogen, bis wir zur Mündung des Kanals gelangten, wo ich sie meiner wartend antraf. Wir nahmen sie in unser Boot auf und kehrten mit ihr zu unserer Villa auf der Insel Rauda zurück, wo ich den Fischer reich beschenkte, worauf er in seinem Boot abzog. Alsdann sagte sie zu mir: »Du bist der rechte Freund in der Not.« Ich blieb einige Tage bei ihr, doch hatte sie der Schreck so angegriffen, daß sie erkrankte und immer siecher und abgezehrter ward, bis sie starb. Da betrauerte ich sie tief und begrub sie, worauf ich alles, was sich in der Villa befand, in mein Haus schaffte. Sie hatte aber nach der Villa einen kleinen kupfernen Kasten gebracht und ihn an einen Ort gestellt, den ich nicht kannte. Als dann der Erbschaftsaufseher kam und in die Villa einbrach, fand er den Kasten, in dem die Schlüssel steckten, und öffnete ihn, worauf sie ihn voll von Juwelen, Hyazinthen, Ohrringen, Siegelringen und 191 Edelsteinen fanden, wie man dergleichen Sachen nur bei Königen und Sultanen findet. Da nahmen sie mich und den Kasten und prügelten und folterten mich so lange, bis ich ihnen die Geschichte von Anfang bis zu Ende erzählte. Infolgedessen schleppten sie mich zum Chalifen, dem ich alles berichtete. Der Chalife versetzte hierauf: »Mann, verlass' diese Stadt, denn ich gebe dich frei, weil du so mutig warst und das Geheimnis so treu wahrtest und selbst dem Tode trotztest.« Da erhob ich mich alsbald und verließ seine Stadt.«

 


 

Ende des neunzehnten Bandes.

 

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