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Tausend und eine Nacht. Band XIX

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XIX - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XIX
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages191
created20180505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Geschichte Abul-Hasans von Damaskus und seines Sohnes Sîdī Nûr ed-Dîn.

Man erzählt, o glückseliger König und Herr des rechten Rates, daß in alten Zeiten und längstentschwundenen Tagen ein Kaufmann, Namens Abul Hasan, zu Damaskus lebte, 153 der reich an Geld und Gut, an Sklaven, Sklavinnen, Grund- und Besitzstücken, Gärten und Warmbädern war; jedoch war er bereits hochbetagt, ohne daß ihm ein Kind beschert worden wäre. Er betete deshalb zu Gott, dem Erhabenen, im Verborgenen und öffentlich und bei seinen Gebetsverneigungen und Niederwerfungen und zur Zeit des Azâns, daß Gott ihm vor seinem Hinscheiden einen Sohn schenkte, der sein Geld und seine Besitztümer erben könnte. Und Gott erhörte sein Gebet, und seine Gattin ward schwanger; und, da ihre Schwangerschaft zu Ende ging und ihre Monde und Nächte sich erfüllten, kamen die Wehen über sie, und sie gebar einen Knaben gleich einem Stück vom Mond, der an Schönheit seinesgleichen nicht hatte und die Sonne und den leuchtenden Mond beschämte. Er hatte ein glänzendes Gesicht, schwarze bezaubernde Augen, eine Adlernase und Karneollippen. So war er vollkommen an Eigenschaften und ohne Zweifel und Widerspruch der Eleganteste seiner Zeit. Sein Vater freute sich über ihn über die Maßen und war fröhlich und guter Dinge und richtete Bankette an und kleidete die Bettler und Witwen. Er gab ihm den Namen Sîdī Nûr ed-Dîn Alī und erzog ihn unter den Mägden und Burschen in Pracht und Zärtlichkeit, bis er sein siebentes Jahr vollendet hatte. Dann führte er ihn zur Schule, wo er den erhabenen Koran und die Schreib- und Rechenkunst lernte. Als er sein zwölftes Lebensjahr erreicht hatte, lernte er reiten und Pfeile schießen und die Beschäftigung mit den Wissenschaften aller Art in größerem oder geringerem Maße. Er war elegant, anmutig, schön und holdselig und eine Verführung für alle, die ihn sahen, und er fand Gefallen am Umgang mit Kameraden und am Verkehr mit Kaufleuten und Reisenden. Da vernahm er einst von den Wunderdingen der Länder, die sie auf ihren Reisen gesehen hatten, und hörte sie sprechen: »Wer nicht in die Fremde zieht, schaut nichts;« besonders aber sprachen sie von der Stadt Bagdad. Er grämte sich deshalb schwer darüber, daß er nicht gereist hatte, und ließ 154 es seinen Vater sehen, so daß dieser ihn fragte: »Mein Sohn, was sehe ich dich so bekümmert?« Er versetzte: »Ich will reisen.« Sein Vater erwiderte: »Mein Sohn, reisen thut man nur, wenn man es nötig hat und dazu gezwungen wird. Was dich anlangt, mein Sohn, so lebst du in Hülle und Fülle; begnüge dich mit dem, was dir Gott gegeben hat, und sei freigebig, wie Gott gegen dich freigebig gewesen ist. Placke dich nicht mit der Mühe und Beschwerlichkeit des Reisens, denn es heißt: Reisen ist ein Stück Folter.« Nûr ed-Dîn versetzte jedoch: »Ich muß nach Bagdad, der Stätte des Friedens, reisen.« Als nun sein Vater seinen festen Entschluß zum Reisen sah, willigte er ein und gab ihm fünftausend Dinare Reisegeld und für fünftausend Dinare Waren und schickte ihn mit zwei Dienern fort. Und so reiste der Jüngling unter Gottes, des Erhabenen, Segen ab, von seinem Vater zur Stadt hinausgeleitet, worauf dieser von ihm Abschied nahm und wieder heimkehrte. Nach ununterbrochener Reise von manchem Tag und mancher Nacht gelangte Sîdī Nûr ed-Dîn Alī nach der Stadt Bagdad und brachte seine Lasten im Chân unter. Hierauf begab er sich ins Bad, wusch sich den Schmutz der Reise ab und vertauschte seine Reisekleidung mit einem wertvollen Anzug, einem jemenischen Gewand im Werte von hundert Dinaren. Nachdem er dann noch seinen Ärmel mit tausend Goldmithkâl beschwert hatte, spazierte er anmutigen Ganges sich wiegend einher. Er verwirrte alle, die ihn sahen, mit seinem Gang, das Reis mit seinem Wuchs beschämend und mit seinen roten Wangen die Rose in den Schatten stellend, und dazu strahlten seine schwarzen Augen verführerisch. Wer ihn sah, der mußte allem Unheil entgehen, denn er glich der Beschreibung, die einer von ihm in den Versen entwirft:

»Deine Hasser und Neider sprechen ein wahres Wort,
Das allen, die es hören frommt:
Nicht das Kleid, das ihn schmückt, bringt ihm Ruhm,
Ruhm bringt er dem Kleid, das er schmückt.« 155

Wie nun Nûr ed-Dîn durch die Hauptstraßen der Stadt spazierte und ihre Gebäude, Bazare und Straßen in Augenschein nahm und ihre Bewohner betrachtete, begegnete ihm Abū Nowâs, von dem es heißt, das er die hübschen Knaben liebte. Als dieser ihn sah, staunte er ihn verwundert an und rief: »Sprich: Ich nehme meine Zuflucht zum Herrn der Morgenröte.«Der Anfang der 113. Sure, der ersten der beiden Schutzsuren. Dann trat er an ihn heran, begrüßte ihn und sagte zu ihm: »Warum sehe ich meinen Herrn so einsam und verlassen? Mir scheint, du bist ein Fremder und kennst diese Stadt nicht. Mit der Erlaubnis meines Herrn will ich ihm dienen und ihm die Straßen zeigen, denn ich kenne diese Stadt.« Nûr ed-Dîn erwiderte: »Du bist sehr gütig, mein Oheim.« Da ging Abu Abū Nowâs erfreut mit ihm und zeigte ihm die Straßen und Bazare, bis sie zum Hause eines Sklavenhändlers gelangten, wo Abū Nowâs stehen blieb und den jungen Mann fragte: »Aus welcher Stadt bist du?« Er erwiderte: »Aus Damaskus.« Da sagte er: »Bei Gott, du bist aus einer gesegneten Stadt, wie denn der Dichter von ihr die Verse sprach:

»Damaskus ist ein prunkender Garten
Für die KnabenDie Knaben des Paradieses sind gemeint. und Huris, die ihn suchen.«

Sîdī Nûr ed-Dîn Alī dankte ihm hierfür, worauf sie in das Haus des Sklavenhändlers traten. Als die Hausleute des Sklavenhändlers Abū Nowâs sahen, erhoben sie sich respektvoll vor ihm, da sie wußten, wie angesehen er bei dem Fürsten der Gläubigen war; und der Sklavenhändler brachte ihnen zwei Stühle, worauf sie sich setzten. Dann ging er wieder ins Haus und holte ein Mädchen gleich einem Bânzweig oder einem Bambusrohr in einem Unterrock aus damaszenischer Seide und einem schwarz und weißen Kopfputz, der ihr übers Gesicht reichte. Indem er sie auf einen Stuhl aus Ebenholz setzte, sagte er zu ihnen: »Ich will euch jetzt 156 ein Gesicht entschleiern gleich dem Vollmond, der unter Wolken hervorbricht.« Sie versetzten: »Thu's.« Da entschleierte er das Antlitz des Mädchens, und siehe, sie glich der leuchtenden Sonne mit hübschem Wuchs, strahlendem Gesicht und trefflichem Gesäß; kurz, sie besaß eine unbeschreibliche Eleganz. Hierauf trat der Händler zu Häupten des Mädchens, und einer der Kaufleute sagte: »Ich biete tausend Dinare für sie.« Ein andrer bot elfhundert und ein dritter vierzehnhundert. Wie nun das Gebot hierbei stehen blieb, sagte ihr Besitzer: »Ich verkaufe sie nur mit ihrer Zustimmung. Will sie verkauft werden, so verkaufe ich sie dem, den sie wünscht.« Da fragte der Kaufmann: »Wie heißt sie?« Ihr Herr erwiderte: »Sitt el-Milâh;«Die Herrin der Schönen. und nun sagte der Händler: »Mit deiner Erlaubnis will ich sie jenem Kaufmann für vierzehnhundert Dinare verkaufen.« Da sagte das Mädchen zum Händler: »Tritt heran zu mir.« Als er sich ihr jedoch genähert hatte, gab sie ihm einen Fußtritt, daß er auf den Boden fiel, und sagte: »Ich will jenen Scheich nicht haben.« Da erhob sich der Sklavenhändler und rief, den Staub von seinem Haupte schüttelnd: »Bietet jemand mehr? Hat jemand Lust zu kaufen?« Einer der Kaufleute versetzte: »Ich;« worauf der Sklavenhändler fragte: »Soll ich dich jenem Kaufmann verkaufen?« Sie versetzte: »Tritt heran zu mir.« Er entgegnete jedoch: »Nein, gieb mir nur Antwort, daß ich es von meinem Platz aus höre, denn ich will mich dir nicht anvertrauen.« Da sagte sie: »Ich will ihn nicht.« Hierauf schaute der Sklavenhändler sie an, und, als er nun sah, daß sie den jungen Damaszener unverwandt anblickte, der sie mit seiner Schönheit und Anmut bezaubert hatte, trat er an ihn heran und sprach zu ihm: »Mein Herr, bist du ein Zuschauer oder Käufer? Sag an.« Der junge Mann erwiderte, seinen Beutel mit Gold hervorziehend: »Ich bin sowohl Zuschauer als Käufer; willst du mir das 157 Mädchen für sechzehnhundert Dinare verkaufen?« Da kehrte der Sklavenhändler tanzend und in die Hände klatschend zurück und rief in einemfort: »So sei's, so sei's oder gar nicht.« Hierauf trat er an das Mädchen heran und sagte zu ihr: »O Sitt el-Milâh, soll ich dich jenem jungen Damaszener für sechzehnhundert Dinare verkaufen?« Aus Scheu vor ihrem Herrn und den Anwesenden versetzte sie: »Nein,« worauf die Leute des Bazars und der Sklavenhändler fortgingen. Ebenso erhoben sich Abū Nowâs und der junge Mann und gingen ein jeder seines Weges, während das Mädchen, von Liebe zum jungen Damaszener erfüllt, zum Haus ihres Herrn zurückkehrte. Als dann das Dunkel der Nacht über sie hereinbrach, gedachte sie seiner, und ihr Herz hängte sich an ihn, so daß sie keinen Schlaf fand; und in diesem Zustand verstrichen ihr die Tage und Nächte, bis sie krank ward und keine Speise mehr zu sich nahm. Da trat ihr Herr bei ihr ein und fragte sie: »O Sitt el-Milâh, wie befindest du dich?« Sie erwiderte: »Mein Herr, ich sterbe ganz gewiß, und ich bitte dich mir mein Leichentuch zu bringen, damit ich es mir vor meinem Tod ansehe.« Da verließ ihr Herr sie bekümmert und ging auf den Bazar, wo er einen befreundeten Linnenhändler aufsuchte, der an dem Tage, als das Mädchen ausgeboten wurde, zugegen gewesen war. Der Linnenhändler fragte ihn: »Weshalb sehe ich dich so bekümmert?« Er erwiderte: »Sitt el-Milâh liegt im Sterben und hat schon seit drei Tagen weder gegessen noch getrunken. Als ich sie heute nach ihrem Befinden fragte, sagte sie zu mir, ich solle ihr ein Leichentuch kaufen, damit sie es vor ihrem Tode sähe.« Der Linnenhändler versetzte: »Ich glaube nichts anderes, als daß sie in den jungen Damaszener verliebt ist, und ich rate dir seinen Namen vor ihr zu erwähnen und ihr zu sagen, daß er dich um ihretwillen aufgesucht hat und dich in deiner Wohnung besuchen will, um etwas von ihrem Gesang zu hören. Sagt sie zu dir: »Ich mag nichts von ihm wissen, denn mir fehlt etwas, was mir sowohl den Damaszener als 158 jeden andern verleidet,« so ist sie in Wahrheit krank; spricht sie jedoch etwas andres zu dir, so laß es mich wissen.« Da kehrte der Mann in seine Wohnung zurück und sagte zu dem Mädchen: »O Sitt el-Milâh, ich ging aus, deinen Auftrag zu erledigen, als mir der junge Damaszener unterwegs begegnete und mich begrüßte. Er läßt dich ebenfalls grüßen und sucht deine Gunst zu gewinnen, indem er mich bat mein Gast in unserm Hause sein zu dürfen, um dich singen zu hören.« Als Sitt el-Milâh den jungen Damaszener erwähnen hörte, seufzte sie so schwer, daß sie fast den Geist aufgab, und sagte: »Er kennt meinen Zustand und weiß, daß ich seit drei Tagen weder gegessen noch getrunken habe. Ich bitte dich, mein Herr, beim großen Gott, thu' deine Pflicht dem Fremdling gegenüber und bring' ihn zu mir und entschuldige mich bei ihm.« Als ihr Herr diese Worte von ihr vernahm, flog ihm der Verstand vor Freude fort, und er eilte wieder zu seinem Freund dem Linnenhändler und sagte zu ihm: »Du hast den Zustand des Mädchens erraten; sie ist in der That in den jungen Damaszener verliebt. Was ist nun zu thun?« Der Linnenhändler erwiderte: »Geh' auf den Bazar, und, wenn du ihn siehst, so begrüße ihn und sprich zu ihm: »Mir thut es leid, daß du an jenem Tage fortgingst, ohne deinen Wunsch zu erreichen. Wenn du sie noch kaufen willst, so will ich dir von dem Gebot, das du damals machtest, hundert Dinare ablassen, um dich zu ehren, da du ein Fremdling in unserm Land bist.« Sagt er dann zu dir: »Ich habe kein Verlangen nach ihr,« und siehst du, daß er sich von dir zurückzieht, so wisse, daß er sie nicht kaufen will. In diesem Falle laß es mich wissen, daß ich dir einen andern Plan ersinne. Sagt er jedoch etwas andres als dies zu dir, so verberge mir nichts.« Hierauf begab sich der Herr des Mädchens auf den Bazar, und siehe, da saß der Jüngling auf dem Ehrenplatz an jenem Ort, wo die Kaufleute sich zu versammeln pflegten, gleich dem Vollmond in der Nacht seiner Rundung, und kaufte und verkaufte und 159 nahm und gab. Er begrüßte ihn und sagte zu ihm, als ihm der Jüngling den Salâm erwidert hatte: »Mein Herr, nimm die Worte des Mädchens von dazumal nicht übel; ihr Preis soll dir zu Ehren erniedrigt werden. Wünschest du sie umsonst, so schicke ich sie dir, und, wenn du verlangst, daß ich dir etwas von ihrem Preis ablasse, so thue ich es, nur um dich zufrieden zu stellen, da du ein Fremdling in unserm Land bist, und da es uns obliegt dich zu ehren und respektieren.« Der Jüngling erwiderte: »Bei Gott, ich nehme sie von dir nur für einen höhern Preis, als ich dir damals bot; willst du sie mir nunmehr für siebzehnhundert Dinare verkaufen?« Er versetzte: »Mein Herr, ich verkaufe sie dir, und Gott segne sie dir!« Da begab sich der Jüngling in seine Wohnung und holte einen Beutel hervor, worauf er den Sklavenhändler und den Linnenhändler holen ließ und vor ihnen ihrem Herrn den obengenannten Preis darwog; dann sagte er zu ihm: »Bring sie her.« Er entgegnete jedoch: »Sie vermag jetzt nicht auszugehen; sei für den Rest des Tages und für die Nacht mein Gast, und morgen magst du dann dein Mädchen nehmen und unter Gottes Schutz fortgehen.« Der Jüngling willigte hierin ein, und so führte er ihn in seine Wohnung, wo er ihm nach kurzer Zeit Speise und Trank vorsetzte. Als sie nun tranken, sagte der Jüngling zum Herrn des Mädchens: »Ich wünsche, daß du mir das Mädchen bringst, denn nur für solche Stunden habe ich sie gekauft.« Da erhob sich der Herr des Mädchens und sagte zu ihr: »O Sitt el-Milâh, der junge Mann hat deinen Preis dargewogen, und wir luden ihn ein, und er befindet sich nun in unsrer Wohnung als unser Gast und wünscht deine Anwesenheit.« Da erhob sich das Mädchen munter und legte ihre Sachen ab, worauf sie sich wusch und Festkleider anzog und sich parfümierte. Dann kam sie wie ein Bânreis oder ein Bambusrohr zu ihm heraus, gefolgt von einer Dienerin, welche die Laute trug. Nachdem sie ihn begrüßt hatte, setzte sie sich an seine Seite und nahm der 160 Dienerin die Laute ab, worauf sie ihre Schrauben drehte und vierundzwanzig Weisen auf ihr spielte, bis sie wieder in die erste Weise fiel und folgende Verse sang:

Meine Freude in der Welt ist dich zu sehen und dir nahe zu sein,
Dich zu lieben ist mir Gebot und die Vereinigung mit dir Notwendigkeit.
Einen Zeugen hab' ich in meinen Thränen, wenn ich dein gedenke,
Die ich nicht hemmen kann, wenn sie mir über die Wangen strömen.
Bei Gott, in der weiten Welt lieb' ich dich allein,
Und treu meinem Gelübde bleib' ich deine Sklavin.
Den Frieden auf euch! Wie bitter wär' mir die Trennung von euch!
Ach möchte dies nicht unsers Bundes Ende sein!«

Entzückt hierüber rief der Jüngling: »Bei Gott, schön gesprochen, o Sitt el-Milâh! Sing' noch mehr.« Dann schenkte er ihr fünfzig Dinare, worauf sie tranken und die Becher unter ihnen die Runde machten, bis ihr Käufer zu ihr sagte: »O Sitt el-Milâh, dies ist die Zeit Abschied zu nehmen; laß uns daher etwas darüber hören.« Da schlug sie die Laute und sang, dessen gedenkend, was sie im Herzen trug:

»Mich quält Sehnsucht, Erinnerung und Kümmernis,
Und mein Herz ist wund vom Übermaß des Leids.
Glaub' nicht, mein Herr, daß ich dein vergäße,
Mein Zustand ändert sich nicht, und meine Qual nimmt kein Ende.
Wenn jemand in seinen Thränen schwimmen könnte,
So schwömme ich zuerst in meiner Thränenflut.
O Weinschenk, versag' den Becher einer Kranken,
Die zum Abend- und Frühtrunk ihre Thränen nimmt.
Hätte ich gewußt, daß mich die Trennung töten würde,
So hätte ich mich nicht von dir getrennt, – doch vorüber ist vorüber.

Während sie so in lauterster Freude und Fröhlichkeit dasaßen, und der Wein ihnen schmeckte und das Geplauder sie ergötzte, pochte es mit einem Male an die Thür. Da ging der Hausherr hinaus, um zu sehen was es gäbe; und siehe, da standen zehn Mann von den Eunuchen des Fürsten der Gläubigen da. Als er sie erblickte, erschrak er und fragte sie: »Was giebt es?« Sie erwiderten: »Der Fürst der Gläubigen läßt dich grüßen und verlangt die Sklavin Sitt 161 el-Milâh, die du zum Verkauf ausbotest.« Er entgegnete: »Bei Gott, ich habe sie bereits verkauft.« Die Eunuchen versetzten: »Schwöre beim Haupt des Fürsten der Gläubigen, daß sie nicht in deinem Hause ist.« Da schwor er ihnen, daß er sie verkauft hätte, und daß sie nicht mehr zu seiner Verfügung stände: sie achteten jedoch nicht auf seine Worte sondern drangen ins Haus ein. Als sie im Gesellschaftszimmer das Mädchen und den jungen Damaszener fanden, legten sie Hand an sie, worauf der Jüngling zu ihnen sagte: »Dies ist meine Sklavin, die ich für mein Geld kaufte.« Sie hörten jedoch nicht auf sein Wort, sondern nahmen sie und führten sie zum Fürsten der Gläubigen ab. Dem Jüngling ward hierdurch das Vergnügen verdorben, und er erhob sich und zog seine Sachen an. Da fragte ihn der Hausherr: »Wohin, mein Herr, jetzt in der Nacht?« Er erwiderte: »Ich will nach Hause gehen und mich morgen zum Palast des Fürsten der Gläubigen aufmachen und mein Mädchen fordern.« Der Hausherr versetzte: »Schlaf' bis zum Morgen hier und geh' nicht zu solcher Zeit aus.« Der Jüngling entgegnete jedoch: »Ich muß fort.« Da sagte der Hausherr zu ihm: »So geh' in Gottes Hut.« So ging denn der Jüngling fort; da er aber von Trunkenheit überkommen war, warf er sich auf die Ladenbänke. Zu derselben Zeit jedoch machten die Wächter gerade die Runde, und, da sie den Duft und den Weingeruch, den er ausströmte, rochen, gingen sie darauf zu und fanden den jungen Mann auf den Ladenbänken besinnungslos daliegen. Da gossen sie ihm Wasser ins Gesicht, bis er wieder zu sich kam, und schleppten ihn zum Haus des Wâlīs, der ihn zur Rede stellte. Der Jüngling antwortete ihm: »Mein Herr, ich bin ein Fremdling; ich war bei einem meiner Freunde und ward auf dem Heimweg von Trunkenheit überkommen.« Da sagte der Wâlī: »Führt ihn nach Hause.« Einer seiner Leute, Namens El-Murâdī, sagte jedoch zu ihm: »Was willst du thun? Dies ist ein Mann in kostbaren Kleidern, der an der Hand einen goldenen 162 Siegelring mit einem Hyazinthen von hohem Wert trägt. Wir wollen ihn fortnehmen und totschlagen und wollen ihm die Sachen, die er anhat, nehmen und sie dir bringen; denn solchen Gewinn findest du so bald nicht wieder, zumal wo er ein Fremdling ist und keinen hat, der nach ihm sucht.« Da sagte der Wâlī: »Dies ist ein Dieb, und seine Worte sind erlogen.« Der Jüngling erwiderte: »Du lügst;« die Leute aber zogen ihm nun seine Sachen aus und nahmen ihm den Siegelring vom Finger, worauf sie ihn jämmerlich prügelten, während er um Hilfe und Schutz flehte, ohne einen Helfer und Schützer zu finden. Schließlich sagte er zu ihnen: »Ihr Leute, was ihr mir abgenommen habt, sei rechtlich euer, bringt mich nur in meine Wohnung zurück.« Sie erwiderten jedoch: »Laß diese Lügen, Schurke! Du willst weiter nichts als morgen deine Sachen von uns verlangen.« Der Jüngling versetzte: »Beim Einigen, Ewigen, ich will keinen danach zur Rechenschaft fordern!« Sie entgegneten jedoch: »Es ist uns unmöglich.« Hierauf befahl der Wâlī ihnen, ihn nach dem Tigris zu schaffen und ihn totzuschlagen und in den Strom zu werfen. Und so schleiften sie ihn fort, während er weinend das Wort sprach, das keinen, der es spricht, zu Schanden macht, und das da lautet: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen!« Als sie am Tigris angelangt waren, zückten sie das Schwert wider sein Haupt und El-Murâdī sagte zum Scharfrichter: »Schlag' ihm den Kopf ab.« Einer von ihnen, Namens Ahmed, sagte jedoch: »Ihr Leute, verzieht doch mit diesem Unglücklichen und tötet ihn nicht ungerechter- und tyrannischerweise. Ich fürchte, Gott, der Erhabene, verbrennt mich mit seinem Feuer.« El-Murâdī versetzte: »Laß doch dieses Geschwätz.« Ahmed entgegnete jedoch: »Wenn ihr ihm etwas zuleide thut, so melde ich es dem Fürsten der Gläubigen.« Da fragten sie: Was sollen wir denn mit ihm thun?« Er erwiderte: »Wir wollen ihn einsperren, und ich will für seine Verpflegung einstehen. Aus diese Weise sind wir 163 seines Blutes ledig, denn ihm geschieht Gewalt.« Da kamen sie überein ihn ins Blutgefängnis zu werfen und schleppten ihn dorthin, worauf sie fortgingen.

Soviel von ihnen; was nun aber die Sklavin anlangt, so gefiel sie dem Fürsten der Gläubigen, und er wies ihr eins der erlesensten Zimmer an. Sie blieb im Palast des Fürsten der Gläubigen unaufhörlich Nacht und Tag weinend und ohne zu essen und trinken, bis er sie eines Nachts in sein Zimmer kommen ließ und zu ihr sagte: »O Sitt el-Milâh, sei guten Mutes und kühlen Auges, ich will dich über alle Favoritinnen erhöhen und du sollst schauen, was dich erfreut.« Sie küßte weinend die Erde vor ihm, worauf der Fürst der Gläubigen nach ihrer Laute rief und ihr zu singen befahl. Da sang sie, wie es ihr ums Herz war, und trug die Verse vor:

»Bei dem Schimmer deines Herzens und deines Lächelns Schimmer,
Quälen dich Ängste oder girrende Tauben?
Wie viele wohl starben, vom Leid der Liebe getötet!
Meine Geduld ermattet, doch meine Tadler ermüden nicht.«

Als sie ihr Lied beendet hatte, warf sie die Laute aus der Hand und weinte, bis sie in Ohnmacht sank, worauf der Fürst der Gläubigen sie in ihr Gemach tragen ließ. Er war jedoch von ihr bezaubert und liebte sie aufs innigste. Nach einer Weile ließ er sie wieder zu sich kommen und befahl ihr zu singen. Nachdem sie jedoch ihr Lied, in dem sie ihr Herz ausschüttete, beendet hatte, warf sie wieder die Laute aus der Hand und weinte, bis sie in Ohnmacht sank, worauf sie wieder in ihr Gemach getragen wurde. Und es nahm ihre Sehnsucht überhand. Nach geraumer Weile ließ der Fürst der Gläubigen sie zum drittenmal zu sich entbieten und befahl ihr zu singen; und als sie ihr Lied beendet hatte, sagte der Fürst der Gläubigen zu ihr: »Mädchen, du liebst.« Sie versetzte: »Ja.« Nun fragte er: »Und wen liebst du?« Sie erwiderte: »Meinen Gebieter und Herrn meiner Zärtlichkeit, den ich liebe wie die Erde den Regen und das Weib 164 den Mann liebt. Die Liebe zu ihm hat sich vermählt mit meinem Fleisch und Blut und ist tief eingedrungen in mein Gebein. O Fürst der Gläubigen, gedenke ich sein, so steht mein Herz in Flammen, denn noch habe ich nicht mein Begehr an ihm erreicht, und, fürchtete ich nicht zu sterben, ohne ihn zu sehen, so nähme ich mir das Leben.« Da sagte der Fürst der Gläubigen: »Sprichst du in meiner Gegenwart solche Worte? Ich will dich schon deinen Herrn vergessen machen.« Hierauf ließ er sie in ihr Schloß tragen und schickte eine Dienerin mit einer Büchse zu ihr, in der sich dreitausend Dinare und eine goldene Halsschnur aus Edelsteinen und großen und kleinen Perlen im Werte von dreitausend Dinaren befanden, indem er ihr sagen ließ: »Die Sklavin und die Büchse sind ein Geschenk von mir.« Als sie diese Worte vernahm, rief sie: »Das sei ferne, daß ich mir die Liebe zu meinem Herrn und Gebieter aus dem Sinn schlüge, und schenkte man mir auch die ganze Erde voll Gold!« Hierauf ließ sie der Fürst der Gläubigen zum viertenmal vor sich entbieten und sprach zu ihr: »Sitt el-Milâh, singe.« Da sang sie, doch, als sie ihr Lied beendet hatte, warf sie die Laute wieder aus der Hand und weinte, bis sie in Ohnmacht sank. Sie sprengten ihr Rosenwasser, parfümiert mit Moschus, und Weidenblütenwasser ins Gesicht, und, als sie nun wieder zu sich kam, sagte Er-Raschîd zu ihr: »O Sitt el-Milâh, das ist nicht recht von dir gehandelt. Wir lieben dich und du liebst einen andern.« Sie versetzte: »O Fürst der Gläubigen, ich kann nicht anders.« Da erzürnte er sich wider sie und rief: »Bei Hamse, AkîlHamse war Mohammeds Oheim, Akîl sein Vetter. und Mohammed, dem Herrn der Gesandten, wenn du den Namen eines andern in meiner Gegenwart aussprichst, so lasse ich dir das Haupt abschlagen!« Hierauf befahl er ihr wieder in ihr Zimmer zurückzukehren, während sie weinend die Verse sprach: 165

»Stürb' ich, so riefe ich, o wie lieb!
Denn der Tod ist mir leichter als diese Qual.
Würde ich auch mit dem Schwert zerstückelt,
So wäre dies für Liebende keine Marter.«

Alsdann begab sich der Fürst der Gläubigen, blaß vor Zorn, zur Herrin Subeide, die dies bemerkte und ihn fragte: »Wie kommt's, daß ich den Fürsten der Gläubigen mit veränderter Farbe sehe?« Er erwiderte: »O Tochter meines Oheims, ich habe eine hübsche Sklavin, die Lieder auswendig weiß und Geschichten erzählen kann; sie hat mein ganzes Herz eingenommen, doch liebt sie einen andern und erklärt ihrem Herrn treu bleiben zu wollen. Ich schwur deshalb einen heiligen Eid, sie, wenn sie wieder in mein Zimmer kommt und einem andern als mir singt, um eine Spanne kürzer zu machen.« Da sagte die Herrin Subeide: »Der Fürst der Gläubigen gewähre mir ihre Gegenwart, damit ich sie schaue und ihren Gesang höre.« Infolgedessen ließ der Fürst der Gläubigen sie zu sich entbieten, und, als sie ankam, trat die Herrin Subeide hinter den Vorhang, wo Sitt el-Milâh sie nicht sehen konnte. Dann sagte Er-Raschîd zu ihr: »Sing' uns;« worauf sie die Laute nahm, die Saiten spannte und folgende Verse sang:

»Mein Herr, seit dem Tag, da ich von dir schied,
War mein Leben nicht hold, und mein Herz war voll Kummer.
Mich tötet zur Nacht die Erinnerung an dich,
Und meine Spur ist ausgelöscht in aller Welt.
Das that die Liebe zu einer Gazelle, die mich bethört,
Mit ihrem Blick und ihrer schimmernden Stirn.
Die Schönheit hat auf seine Wange geschrieben:
Gesegnet sei Gott, der beste Schöpfer.
Zu Ihm, der uns voneinander trennte, bete ich
Uns wieder zu vereinigen. Und so sprecht: Amen!«

Als sie ihr Lied beendet hatte, ergrimmte Er-Raschîd gewaltig und rief: »Gott vereinige euch nicht in Freuden!« Als dann der Schwertmeister ankam, befahl er ihm: »Schlag' dieser verruchten Sklavin den Kopf ab.« Da nahm Mesrûr 166 sie bei der Hand und schritt mit ihr hinaus; als er jedoch die Thür erreicht hatte, wendete sie sich um und sprach: »O Fürst der Gläubigen, bei deinen Vätern und Ahnen, hör', was ich sage!« Alsdann sang sie die Verse:

»Fürst der Gerechtigkeit, sei mild gegen die Unterthanen,
Denn Gerechtigkeit ist deiner Seele Tugend.
Der du mich dafür tadelst, daß ich ihn liebe,
Tadelt man denn Liebende für ihr Los?
Bei Ihm, der dir dies Reich gab, verschone mich!
Denn das Reich auf Erden ward dir geschenkt.«

Hierauf führte Mesrûr sie zum Ende des Zimmers und verband ihr die Augen. Dann setzte er sie nieder und erwartete den zweiten Befehl, als die Herrin Subeide sagte: »O Fürst der Gläubigen, wenn du dieses Mädchen tötest, so geschieht ihr Gewalt; willst du nicht gerecht und mild gegen sie sein?« Da fragte er: »Was soll denn mit ihr geschehen?« Die Herrin Subeide erwiderte: »Laß' sie am Leben und lasse ihren Herrn rufen; ist er so schön und anmutig und von so strahlender Vollkommenheit, wie sie ihn beschreibt, so ist sie zu entschuldigen; ist er aber nicht so, so lasse sie hinrichten, und dies mag dein Rechtsgrund wider sie sein.« Er-Raschîd erwiderte: »Das kann nichts schaden.« Hierauf ließ er sie wieder vor sich führen und sagte zu ihr: »Die Herrin Subeide hat das und das gesagt.« Sitt el-Milâh versetzte: »Gott lohne es ihr mit Gutem an meiner Statt! Du handelst gerecht, o Fürst der Gläubigen, durch diesen Entscheid.« Alsdann sagte er zu ihr: »Geh' jetzt in dein Gemach, und morgen wollen wir deinen Herrn herbringen lassen.« Da küßte sie die Erde vor ihm und ging fort.

Am andern Morgen setzte sich der Fürst der Gläubigen auf den Thron, und, als sein Wesir Dschaafar bin Jahjā der Barmekide erschien, rief er ihn und sprach zu ihm: »Ich wünsche, daß du mir einen jungen Mann aus Damaskus, der nach Bagdad kam, herbringst.« Dschaafar erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und ging sofort hinaus, um nach dem 167 jungen Mann zu suchen. Drei Tage lang schickte er nach allen Bazaren, Herbergen und Chânen, ohne eine Spur von ihm zu finden oder etwas von ihm zu hören, so daß er am vierten Tage wieder vor den Fürsten der Gläubigen trat und sprach: »Mein Gebieter, ich habe ihn während dieser drei Tage nicht gefunden.« Da sagte Er-Raschîd: »Fertigt Briefe nach Damaskus aus; vielleicht ist er wieder heimgekehrt.« Hierauf fertigte Dschaafar ein Schreiben aus und schickte es durch einen Dromedarreiter nach Damaskus; doch fanden sie ihn dort ebenfalls nicht. Inzwischen aber traf die Nachricht von der Eroberung Chorāsâns ein, und Er-Raschîd befahl in seiner Freude Bagdad zu schmücken und die Gefangenen loszulassen und jedem einen Dinar und ein Kleid zu schenken. Infolgedessen befaßte sich Dschaafar mit der Ausschmückung der Stadt, während er seinen Bruder El-Fadl beauftragte, zum Gefängnis zu reiten und die Gefangenen loszulassen und zu kleiden. El-Fadl that nach seines Bruders Geheiß und gab alle bis auf den jungen Damaszener frei, der noch immer im Blutgefängnis saß, und rief: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! Fürwahr, wir sind Gottes, und zu Ihm kehren wir zurück!« Da fragte El-Fadl den Kerkermeister: »Ist noch einer der Gefangenen übrig geblieben?« Der Kerkermeister verneinte es, und schon wollte er wieder fort, als der junge Damaszener ihm von innen her rief und zu ihm sprach: »O unser Herr, verzieh; ich bin allein noch im Gefängnis, und mir ist Gewalt angethan. Heut' ist ein unbestrittener Tag der Gnade.« Da befahl El-Fadl ihn loszulassen und schenkte ihm ein Kleid und einen Dinar, worauf er fortging, ohne zu wissen, welchen Weg er einschlagen sollte, da er gegen ein Jahr im Kerker gesteckt hatte; auch hatte sein Zustand sich verändert und sein Gesicht war häßlich geworden. Beim Gehen aber wendete er sich fortwährend um, damit nicht El-Murâdī auf ihn stieße und ein andres Unheil über ihn brächte. Als jedoch El-Murâdī von seiner Freilassung 168 vernahm, begab er sich zum Wâlī und sagte zu ihm: »O unser Herr, wir sind vor diesem Knaben unsers Lebens nicht sicher, da er freigelassen ist und über uns Klage führen kann.« Der Wâlī fragte ihn: »Was soll geschehen?« El-Murâdī erwiderte: »Ich will ihn für euch in ein Unglück stürzen.« Alsdann folgte er ihm unablässig von Ort zu Ort, bis er an einen engen Platz und in eine Sackgasse geriet, worauf er an ihn herantrat und, ein Seil um seinen Hals werfend, rief: »Ein Dieb!« Da kamen die Leute von allen Seiten herzugelaufen und schlugen und schmähten ihn, während er um Hilfe schrie, ohne einen Helfer zu finden, und El-Murâdī zu ihm sagte: »Gestern erst ließ dich der Fürst der Gläubigen los und heute stiehlst du.« Hierdurch verhärteten sich die Herzen des Volkes gegen ihn, und El-Murâdī schleppte ihn wieder zum Wâlī, der ihm die Hand abzuhauen befahl. Infolgedessen nahm ihn der Abschneider und zog das Messer vor, um ihm die Hand abzuschneiden, und El-Murâdī rief: »Schneid' zu und trenne den Knochen ab und siede den Stumpf nicht, damit ihm das Blut ausläuft und wir Ruhe vor ihm haben.« Da aber sprang Ahmed herzu, der schon zuvor die Ursache seiner Rettung gewesen war, und sagte: »Ihr Leute, fürchtet Gott in diesem Jüngling, denn ich kenne seinen Fall von Anfang bis zu Ende; er ist schuldlos und ohne Sünde und aus gutem Haus. Wenn ihr nicht von ihm ablasset, so gehe ich zum Fürsten der Gläubigen und teile ihm den Vorfall von Anfang bis zu Ende mit. Er ist schuldlos und ohne Sünde.« Nun sagte El-Murâdī: »Wir sind nicht sicher vor ihm.« Ahmed aber entgegnete: »Laßt ihn los und übergebt ihn mir, ich will euch für ihn einstehen, denn ihr sollt ihn von nun an nicht mehr sehen.« Da übergaben sie Ahmed den jungen Damaszener, der ihn aus ihren Händen nahm und zu ihm sagte: »Junger Mann, habe Mitleid mit dir selber, zweimal bist du nun in die Hände dieser Leute gefallen, und, wenn sie dich zum drittenmal unter ihre Finger bekommen, bringen sie dich um; ich 169 will mir an dir Lohn und Vergeltung und Gebetserhörung verschaffen.« Da bedeckte der Jüngling seine Hand mit Küssen und segnete ihn und sprach zu ihm: »Wisse, ich bin in dieser deiner Stadt ein Fremdling, und die ganze Güte ist besser als halbe. Vollende nun noch deine Huld und Freundlichkeit und führe mich zum Stadtthor; so vollendest du deine Güte gegen mich, und Gott, der Erhabene, wird es dir an meiner Statt mit Gutem lohnen.« Ahmed erwiderte: »Sei ohne Sorge; ich will dich begleiten, bis du in Sicherheit gelangst.« Hierauf geleitete er ihn bis zum Stadtthor, wo er zu ihm sagte: »Zieh' hin in Gottes Schutz und kehre nicht wieder zur Stadt zurück, denn, wenn sie noch einmal auf dich stoßen, so bringen sie dich um.« Da küßte er ihm die Hand und schritt weiter, bis er bei Anbruch der Nacht zu einer Moschee gelangte, die noch in der Bannmeile der Stadt lag. Er ging in die Moschee hinein und wickelte sich, da er nichts zum Zudecken hatte, in eine der Matten der Moschee ein. Als dann am andern Morgen die Muezzins kamen und ihn in solchem Zustande dasitzen sahen, fragte ihn einer derselben: »Junger Mann, wie kommst du in diese Lage?« Er versetzte: »Ich begebe mich in deinen Schutz vor einer Bande, die mich ungerechter- und tyrannischerweise grundlos ermorden will.« Da erwiderte der Muezzin: »Mein Sohn, du bist in meinem Schutz; sei guten Mutes und kühlen Auges.« Hierauf brachte er ihm einen Lumpen und verhüllte ihn; ebenso gab er ihm etwas zu essen, und sagte zu ihm, als er die Spuren des Wohlstandes an ihm wahrnahm: »Mein Sohn, ich bin bereits betagt und wünsche deine Hilfe, wofür ich dich von deiner Not befreien will.« Der Jüngling versetzte: »Ich höre und gehorche.« Und so pries er Gott und rief zum Gebet und füllte die Eimer und fegte und kehrte und erleuchtete die Moschee, während der Scheich sich ausruhte.

Soviel vom jungen Damaszener. Inzwischen richtete die Herrin Subeide, die Gattin des Fürsten der Gläubigen, ein 170 Bankett in ihrem Palast an und versammelte ihre Sklavinnen, unter denen auch Sitt el-Milâh weinenden Auges und bekümmerten Herzens erschien. Die Anwesenden tadelten sie deshalb, die Herrin Subeide aber befahl allen Mädchen ein Lied zu singen, bis die Reihe auch an Sitt el-Milâh kam. Da nahm sie die Laute, stimmte sie und sang vierundzwanzig Lieder in vierundzwanzig Weisen zu ihrem Spiel; dann fiel sie wieder in die erste Weise und trug die Verse vor:

»Das Schicksal traf mich mit jeglichem Pfeil
Und trennte mich von meinen Geliebten.
So brennt in meinem Herzen aller Herzen Glut,
Und in meinem Auge sind aller Augen Thränen.«

Als sie ihr Lied beendet hatte, weinte sie, daß alle Anwesenden mitweinen mußten; auch die Herrin Subeide empfand Mitgefühl mit ihr und sagte: »O Sitt el-Milâh, sing' uns etwas, damit wir auf dich hören.« Da sang sie ein neues Lied, worauf sie die Laute aus der Hand warf und weinte, bis die Herrin Subeide, zu Thränen gerührt, zu ihr sagte: »O Sitt el-Milâh, der, den du liebst, scheint nicht mehr in der Welt zu sein, denn der Fürst der Gläubigen ließ ihn überall suchen, ohne ihn zu finden.« Da erhob sich Sitt el-Milâh und sagte zur Herrin Subeide, ihr die Hände küssend: »Meine Herrin, wenn du willst, daß er gefunden wird, so habe ich eine Bitte an dich, deren Erfüllung du vom Fürsten der Gläubigen erlangen kannst.« Die Herrin Subeide fragte: »Was ist's?« Und Sitt el-Milâh erwiderte: »Verschaffe mir Erlaubnis auszugehen und drei Tage lang selber nach ihm zu suchen; denn das Sprichwort sagt: »Ein Weib, das sich selber beklagt, ist nicht wie das gemietete Klageweib.« Wenn ich ihn gefunden habe, so will ich ihn dem Fürsten der Gläubigen vorführen, und er mag dann mit uns thun was er will. Finde ich ihn jedoch nicht, so gebe ich ihn auf und mein Leid wird heilen.« Da sagte die Herrin Subeide zu ihr: »Ich will dir von ihm Erlaubnis für einen vollen Monat erbitten: sei nur guten Mutes und kühlen 171 Auges.« Erfreut erhob sich Sitt el-Milâh und küßte noch einmal die Erde vor ihr, worauf sie fröhlich ihr Zimmer aufsuchte.

Soviel von Sitt el-Milâh; die Herrin Subeide aber begab sich nun zum Fürsten der Gläubigen und plauderte eine Weile mit ihm, worauf sie ihn zwischen die Augen und auf seine Hand küßte und ihn um das, was sie Sitt el-Milâh versprochen hatte, bat, indem sie zu ihm sagte: »O Fürst der Gläubigen, ich glaube zwar nicht, daß ihr Herr noch in der Welt vorhanden ist; wenn sie jedoch nach ihm sucht und ihn nicht findet, so wird ihr Verlangen sich legen und ihr Gemüt sich beruhigen, und sie wird spielen und lachen. So lange sie sich noch Hoffnungen macht, wird sie nimmer auf den rechten Weg geleitet werden.« In dieser Weise schmeichelte die Herrin Subeide dem Fürsten der Gläubigen, bis er ihr erlaubte auszugehen und einen vollen Monat lang nach ihrem Herrn zu suchen; und er wies ihr ein Maultier zum Reiten an und einen Eunuchen zur Bedienung und befahl seinem Bankier ihr alles, was sie benötigte, zu geben, und wären es auch täglich tausend Dinare oder noch mehr. Alsdann erhob sich die Herrin Subeide und begab sich wieder in ihren Palast, worauf sie Sitt el-Milâh zu sich bestellte und es ihr mitteilte. Da küßte Sitt el-Milâh der Herrin Subeide die Hand und dankte ihr und segnete sie. Dann verabschiedete sie sich von ihr und nahm einen Schleier vors Gesicht und verkleidete sich, worauf sie ihr Maultier bestieg und überall in den Straßen Bagdads nach ihrem Herrn suchte. Sie war bereits drei Tage lang unterwegs gewesen, ohne irgend welche Kunde von ihm zu vernehmen, als sie am vierten Tage zur Stadt hinausritt. Es war aber um die Mittagszeit und die Hitze war drückend, so daß sie müde und durstig ward. Als sie daher bei der Moschee, in der sich der Scheich befand, bei welchem der junge Damaszener diente, vorüberkam, stieg sie am Thor der Moschee ab und sagte zum Alten: »Scheich, hast du einen Trunk kühlen Wassers 172 bei dir? Ich bin von Hitze und Durst hart mitgenommen.« Der Scheich versetzte: »Ich habe Wasser in meiner Wohnung.« Alsdann führte er sie in seine Wohnung und breitete ihr einen Teppich zum Sitzen aus, worauf er ihr kühles Wasser brachte. Als sie getrunken hatte, sagte sie zum Eunuchen: »Geh' mit dem Maultier fort und komm morgen wieder hierher.« Hierauf legte sie sich schlafen und ruhte sich aus. Als sie dann wieder erwachte, fragte sie den Scheich: »Hast du etwas bei dir zu essen?« Er versetzte: »Meine Herrin, ich habe Brot und Oliven.« Da sagte sie: »Dieses Essen paßt nur für Leute deinesgleichen; ich wünsche Lammbraten, Brühen, fette gebratene Hühnchen und Enten mit allerlei Füllsel wie Pistaziennüsse und Zucker.« Der Scheich erwiderte ihr: »Meine Herrin, von einer solchen Sure im Koran hab' ich nie vernommen, und sie wurde auch nicht unserm Herrn Mohammed – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – offenbart.« Da lachte sie und sagte: »O Scheich, die Sache ist so, wie du sagst, bring' mir jedoch Tinte und Papier.« Da brachte er ihr das Verlangte, worauf sie ein Blatt beschrieb und es dem Scheich zugleich mit einem Siegelring, den sie vom Finger zog, übergab, indem sie zu ihm sagte: »Geh' in die Stadt, erkundige dich nach dem und dem Wechsler und gieb ihm dieses Blatt.« Der Scheich machte sich nun nach ihrem Geheiß zur Stadt auf und fragte nach dem Wechsler, worauf sie ihn zu ihm wiesen. Als der Wechsler den Siegelring und das Blatt sah, küßte er es, öffnete es und las es. Sobald er dann den Inhalt begriffen hatte, ging er auf den Bazar und kaufte alles, was sie ihm aufgetragen hatte, ein, worauf er es in den Korb eines Lastträgers that und ihm befahl mit dem Scheich mitzugehen; und so kehrte denn der Scheich mit ihm zu Sitt el-Milâh zurück, wo er dem Lastträger den Korb abnahm und ihr die Speisen vorsetzte. Sie ließ den Scheich an ihrer Seite sitzen, und beide aßen von den Leckerbissen, bis sie genug hatten, worauf sich der Scheich erhob und das Essen forttrug; dann 173 übernachtete sie bei ihm. Am andern Morgen sagte sie zu ihm: »O Scheich, mag ich deiner Güte zum Frühstück nicht entbehren! Geh' zum Wechsler und hol' mir von ihm dieselben Speisen wie gestern.« Da erhob sich der Scheich und ging zum Wechsler, dem er ihren Befehl mitteilte, worauf er ihm alles, was sie verlangte, einkaufte und es auf die Köpfe von zwei Lastträgern lud, mit denen der Scheich dann wieder zu ihr zurückkehrte. Alsdann setzten sich beide, sie und der Scheich, und aßen sich satt, worauf der Scheich den Rest der Speisen forttrug. Dann nahm sie die Früchte und Blumen, stellte sie sich gegenüber und machte aus den Blumen Ringe, Knoten und Schriftzüge, während der Scheich ihr entzückt hierüber zuschaute, da er so etwas sein Lebenlang nicht gesehen hatte. Mit einem Male sagte sie: »Ich will trinken.« Da erhob er sich und brachte ihr einen Krug Wasser. Sie aber fragte ihn: »Wer hat dir gesagt, dies zu holen?« Er versetzte: »Sagtest du mir nicht, du wolltest trinken?« Sie erwiderte: »Ich wünschte nicht dies, vielmehr verlangte ich Wein, den Trost der Seele, um mich zu erfrischen, o Scheich.« Da rief der Scheich: »Gott soll hüten, daß in meinem Hause Wein getrunken wird, wo ich ein Fremdling bin, ein Muezzin und Imâm, der die Moslems zum Gebet führt, und ein Diener im Haus des Herrn der Welten!« Nun fragte sie: »Warum willst du mir verbieten in deinem Hause Wein zu trinken?« Er versetzte: »Weil es verwehrt ist.« Sie entgegnete: »O Scheich, Gott hat allein den Genuß von Blut, Krepiertem und Schweinefleisch verboten; steh' mir Antwort, sind Trauben und Honig erlaubt oder verboten?« Er antwortete: »Sie sind erlaubt.« Da sagte sie: »Wein besteht aus Traubensaft und Honig.« Er versetzte jedoch: »Laß diese Reden, du sollst nimmer Wein in meinem Hause trinken.« Nun sagte sie: »O Scheich, siehe, die Menschen essen und trinken und sind vergnügt, und wir gehören doch auch zu den Menschen, und Gott ist vergebend und barmherzig.« Der Scheich blieb jedoch dabei: »Dies ist ein 174 Ding, das nicht geschehen wird.« Da sagte sie: »Hast du denn nicht ein Dichterwort gehört, das da lautet:

»O Gott, die Nacht, die wir beim Wein verbrachten,
Der Moslem, Jude und der Nazarener.«

Wenn demnach Moslems, Juden und Nazarener Wein trinken, wer sind dann wir?« Der Scheich entgegnete: »Um Gott, meine Herrin, mach' dir nicht so viel Mühe, denn dies ist ein Ding, auf das ich nicht höre.« Als sie nun sah, daß er ihr nicht nachgeben würde, sagte sie zu ihm: »O Scheich, ich bin eine der Sklavinnen des Fürsten der Gläubigen; das Essen liegt mir schwer im Magen, und wenn ich nicht trinke, so sterbe ich und du bist nicht sicher vor den Folgen. Ich habe dann keine Schuld, denn ich warnte dich vor dem Zorn des Fürsten der Gläubigen und habe dir nunmehr mitgeteilt, wer ich bin.« Da verließ er sie ratlos und wußte nicht, was er thun sollte. Draußen traf er seinen Nachbarn, einen Juden, an, der ihn fragte: »Wie kommt es, o Scheich, daß ich dich mit beklommener Brust sehe, und außerdem vernahm ich in deiner Wohnung den Laut von Stimmen, wie sonst nie?« Er erwiderte: »Bei mir ist ein Mädchen, das behauptet eine der Sklavinnen des Fürsten der Gläubigen Hārûn er-Raschîd zu sein; sie hat gegessen und wünscht nun in meinem Hause Wein zu trinken. Ich verwehrte es ihr, doch sagte sie, wenn sie nicht Wein tränke, so stürbe sie, und so bin ich ratlos.« Der Jude versetzte: »Wisse, mein Nachbar, die Sklavinnen des Fürsten der Gläubigen sind ans Weintrinken gewöhnt, und, wenn sie essen, ohne zu trinken, so sterben sie. Ich fürchte, daß ihr etwas zustößt, und du bist dann nicht sicher vor dem Zorn des Chalifen.« Da fragte der Scheich: »Was rätst du mir?« Der Jude antwortete: »Ich habe alten Wein bei mir, der ihr passen wird.« Da sagte der Scheich: »Bei der Nachbarschaft, befreie mich von diesem Unglück und gieb mir, was du bei dir hast.« Der Jude versetzte: »In Gottes Namen.« Alsdann ging er in sein Haus und holte ihm eine Flasche Wein, mit 175 welcher der Scheich zu ihr zurückkehrte. Er setzte die Flasche vor sie, und, da sie ihr gefiel, fragte sie ihn: »Woher hast du diesen Wein?« Er erwiderte: »Von einem Juden, meinem Nachbarn; ich erzählte ihm, wie es mir mit dir ergangen wäre, worauf er mir dies gab.« Da schenkte sie einen Becher ein und trank ihn, und ebenso einen zweiten und dritten, worauf sie den Becher zum viertenmal füllte und ihn dem Scheich reichte. Er weigerte sich ihn anzunehmen, doch nun beschwor sie ihn bei ihrem Haupt und dem Haupt des Fürsten der Gläubigen, ihr den Becher aus der Hand zu nehmen, bis er es that und den Becher küßte, worauf er ihn aus seiner Hand setzen wollte. Da beschwor sie ihn von neuem bei ihrem Leben, nur einmal daran zu riechen, und, als er dies gethan hatte, fragte sie ihn: »Was meinst du?« Er erwiderte: »Seine Blume ist angenehm.« Da beschwor sie ihn beim Leben des Chalifen ihn zu kosten, worauf er den Becher an seinen Mund setzte, während sie an ihn herantrat und ihm zu trinken gab. Da sagte er: »O Sitt el-Milâh, der ist einmal fein!« Sie versetzte: »Ich glaube es; hat unser Herr uns nicht Wein im Paradiese verheißen?« Er erwiderte: »Der Erhabene spricht: Und Bäche von Wein, eine Wonne den Trinkenden.«Sure 47, 16. Wir aber wollen ihn in dieser Welt und im Jenseits trinken.« Da lachte sie über ihn und trank einen Becher, worauf sie ihm einen neuen Becher zu trinken reichte, während er zu ihr sagte: »O Sitt el-Milâh, deine Liebe für dies ist zu entschuldigen.« Dann nahm er von ihr einen andern und noch einen andern Becher, bis er trunken ward und lauter dummes Zeug schwätzte, so daß sich die Leute seines Viertels unter seinem Fenster versammelten. Als der Scheich sie hörte, öffnete er das Fenster und rief ihnen zu: »Schämt ihr euch nicht, ihr Kuppler? Jeder thut in seinem Hause, was er will, und niemand tritt ihm in den Weg. Wir aber trinken nur einen 176 einzigen Tag, und da rottet ihr euch auch schon zusammen und kommt hierher, ihr Kuppler! Heute beim Wein und morgen beim Werk, und von Stunde zu Stunde kommt Trost!« Da gingen sie lachend wieder auseinander, während das Mädchen weiter trank, bis sie ebenfalls berauscht ward und, ihres Herrn gedenkend, weinte. Als der Scheich sie nach der Ursache ihrer Thränen fragte, versetzte sie: »O Scheich, ich liebe und bin von meinem Liebsten getrennt.« Da sagte der Scheich: »Meine Herrin, was ist Liebe?« Sie entgegnete: »Hast du denn nie geliebt?« Er erwiderte: »Meine Herrin, bei Gott, mein Lebenlang habe ich nichts von Liebe gehört und weiß nicht, ob es ein menschliches Wesen ist oder zu den Dschinn gehört.« Da sagte sie lachend, du bist, wie der Dichter es in den Versen ausdrückt:

»Wie oft ermahnt man euch und ihr höret nicht,
Wo doch die Herde vom Hirten sich scheuchen läßt.
In der Gestalt von Menschen seh' ich euch wohl,
Doch euer Thun ist das wie von Ochsen.«

Der Scheich lachte über ihre Verse und fand Gefallen an ihnen; sie aber sagte nun zu ihm: »Ich wünsche eine Laute.« Da stand er auf und brachte ihr ein Stück Holz,Das arabische Wort für Laute bedeutet ursprünglich Holz. worauf sie ihn fragte: »Was ist das?« Er versetzte: »Sagtest du mir nicht, ich sollte dir Holz bringen?« Sie erwiderte: »Ich will das nicht haben.« Da fragte er sie: »Und was giebt es denn noch außer diesem, das Holz heißt?« Sie lachte und sagte: »Die Laute ist ein Musikinstrument, zu dem ich singen will.« Da fragte er: »Wo giebt es denn das, und von wem soll ich es dir holen?« Sie erwiderte: »Von demselben, der dir den Wein gab.« Da begab er sich zu seinem Nachbar dem Juden und sagte zu ihm: »Du halfst uns zuvor in deiner Güte mit dem Wein aus und nun vollende deine Güte und such' mir etwas, das Laute heißt und ein Musikinstrument ist. Sie verlangt es von mir, 177 doch kenne ich es nicht.« Der Jude erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und ging in seine Wohnung, aus der er eine Laute holte; dann nahm er seinen Trunk und setzte sich in die Nähe des Fensters, das zum Hause des Scheichs hinausging, um den Gesang zu hören. Als der Scheich ihr nun die Laute brachte, freute sie sich und stimmte ihre Saiten, worauf sie eine lange Liebesklage sang. Dann weinte sie bitterlich, bis sie entschlief. Am andern Morgen sagte sie zum Scheich: »Geh' zum Wechsler und hole mir das übliche Mahl.« Da ging der Scheich zum Wechsler und bestellte ihm den Auftrag, worauf dieser Speise und Trank wie gewöhnlich besorgte. Als der Scheich ihr es dann brachte, bat sie ihn um Wein, und so ging er wieder zum Juden und holte welchen. Dann saßen beide da und aßen und tranken, bis sie trunken ward, worauf sie wieder zur Laute langte und sang und nach Beendigung ihres Liedes bitterlich weinte. Alles dies aber trug sich zu, während der junge Damaszener es hörte und ihre Stimme ihm bald wie die seines Mädchens vorkam und bald wieder nicht. Das Mädchen aber wußte nicht das geringste von seiner Nähe und sang ein neues Lied folgenden Inhalts:

Sie sprechen: Vergiß ihn, was ist er? Ich aber spreche
Wenn ich ihn vergäße, so vergesse mich Gott.
Wie sollte ich in der Welt dich zu lieben aufhören?
Fern sei's, daß der Sklave seinen Herrn nicht mehr liebte!
Um alles bis auf meine Liebe zu dir bitte ich Gott um Vergebung,
Denn am Tag der Rechenschaft ist sie meine schönste Tugend.«

Als sie ihr Lied beendet hatte, trank sie drei Becher und reichte dem Scheich ebenfalls drei. Dann sang sie ein viertes Lied, nach dessen Beendigung sie die Laute aus der Hand warf und weinte, daß der Scheich mit ihr weinen mußte. Hierauf sank sie in Ohnmacht, und, als sie wieder zu sich kam, füllte sie den Becher und trank ihn und gab dem Scheich ebenfalls zu trinken. Alsdann sang sie noch zwei Lieder, worauf sie wieder die Laute aus der Hand warf und weinte 178 und schluchzte, bis sie einschlief. Als sie wieder erwachte, fragte sie den Scheich: »Hast du etwas zum Essen bei dir?« Er versetzte: »Meine Herrin, ich habe noch den Überrest der Speisen.« Sie erwiderte jedoch: »Ich esse nichts, was ich übriggelassen habe; geh' zum Bazar und hole uns etwas.« Der Scheich entgegnete: »Meine Herrin, entschuldige mich, ich kann vor Trunkenheit nicht stehen, jedoch ist der Diener der Moschee bei mir, der ein gewitzter und verständiger Bursche ist; ich will ihn rufen, daß er dir kauft, was du begehrst.« Da fragte sie ihn: »Woher hast du diesen Diener?« Er erwiderte: »Er ist aus Damaskus.« Als sie ihn aber von Damaskus reden hörte, seufzte sie so tief, daß sie in Ohnmacht sank. Als sie dann wieder zu sich kam, sagte sie: »Ach über die Leute von Damaskus und alle Bewohner der Stadt! Rufe ihn, o Scheich, daß er unsre Bedürfnisse besorgt.« Da steckte der Scheich den Kopf zum Fenster hinaus und rief den jungen Mann aus der Moschee, worauf er ankam und um Erlaubnis bat einzutreten. Der Scheich erlaubte es ihm, und, als er nun bei dem Mädchen eintrat, erkannte sie ihn, und er erkannte sie ebenfalls und wollte aufs Geratewohl fortlaufen. Da aber sprang sie auf und hielt ihn fest, worauf sich beide weinend umarmten und ohnmächtig zu Boden sanken. Als der Scheich sie aber in diesem Zustande sah, fürchtete er für sich und lief hinaus, ohne in seiner Trunkenheit und seinem Kummer den Weg zu sehen. Da traf ihn sein Nachbar der Jude und fragte ihn: »Was sehe ich dich so kopflos?« Der Scheich versetzte: »Wie soll ich nicht verstört sein, wo sich das Mädchen, das bei mir ist, in den Diener der Moschee verliebt hat, und beide in enger Umarmung ohnmächtig am Boden liegen? Ich fürchte, daß der Chalife hiervon erfährt und sich wider mich erzürnt. Sag' mir, was ich in dem Unheil, das mich mit diesem Mädchen heimgesucht hat, thun soll.« Der Jude versetzte: »Nimm zunächst dies Flacon mit Rosenwasser und besprenge sie damit; wenn sie wegen dieses Zusammentreffens sich 179 umarmt haben und in Ohnmacht gesunken sind, so werden sie wieder zu sich kommen; im andern Fall aber flieh.« Da nahm der Scheich das Fläschchen vom Juden und sprengte ihnen das Rosenwasser ins Gesicht, worauf sie wieder zu sich kamen und einer dem andern erzählten, was für Schmerzen sie durch die Trennung erlitten hätten; und der Jüngling berichtete ihr, wie es ihm von den Leuten ergangen war, die ihn umbringen und beseitigen wollten. Da sagte sie zu ihm: »Mein Herr, wir wollen jetzt hiervon schweigen und Gott für unsre Vereinigung preisen; dann wird alles dies aufhören.« Hierauf reichte sie ihm den Becher, doch sagte er: »Bei Gott, ich will nimmer trinken, so lange ich in diesem Zustand bin.« Da trank sie den Becher vor ihm und diente ihm, worauf sie zur Laute langte und abwechselnd Lieder vortrug, ihn an die Brust preßte und ihm mit ihrem Ärmel die Thränen abwischte, Fragen an ihn richtete und ihn tröstete.

In dieser Weise verbrachten sie die Zeit bis zum Morgen, ohne Speise oder Schlaf zu kosten, als bei Tagesanbruch der Eunuch mit dem Maultier ankam und zu ihr sagte: »Der Fürst der Gläubigen verlangt nach dir.« Da sprang sie auf und sagte zum Scheich, indem sie ihren Herrn bei der Hand nahm: »Dies ist zuerst Gottes und dann dein anvertrautes Gut, bis dieser Eunuch zu dir kommt; und ich schulde dir, o Scheich, eine weiße Hand und Huld, die den Abstand zwischen Himmel und Erde füllt.« Hierauf bestieg Sitt el-Milâh das Maultier und ritt zum Schloß des Fürsten der Gläubigen. Als sie bei ihm eintrat und die Erde vor ihm küßte, sagte er spottend zu ihr: »Ich glaube gar, daß du deinen Gebieter gefunden hast.« Sie versetzte: »Bei deinem Glück und deines Lebens Dauer, ich habe ihn gefunden!« Da richtete sich Er-Raschîd, der zurückgelehnt dagesessen hatte, auf und fragte: »Bei meinem Leben, ist's wahr?« Sie erwiderte: »Ja, bei deinem Leben.« Da sagte er: »So hol' ihn, damit ich ihn schaue.« Sie entgegnete jedoch: »Mein Herr, er hat große Drangsale erlitten, und seine Reize sind 180 geschwunden. Der Fürst der Gläubigen aber gewährte mir einen Monat, und so möchte ich ihn während des Restes des Monats pflegen und ihn dann bringen, daß er dem Fürsten der Gläubigen aufwartet.« Der Fürst der Gläubigen versetzte: »Du hast recht; die Bedingung lautete ganz gewiß auf einen Monat. Nun aber sag' mir, wie es ihm ergangen ist.« Sie erwiderte: »Mein Herr, Gott schenke dir langes Leben und mache das Paradies zu deiner künftigen Stätte und Wohnung, und das Feuer zum Heim deiner Feinde. Wenn er kommen wird dir aufzuwarten, so wird er dir seine Geschichte ausführlich erzählen und seine Unterdrücker nennen; dies fürwahr verbleibt noch für den Fürsten der Gläubigen, durch den Gott den Glauben stärken, und dem er den Sieg über die Frevler und Rebellen verleihen möge!« Da wies er ihr ein hübsches Haus an, das er mit Teppichen, Polstern und feinem Geschirr einrichten ließ, und befahl, daß man ihr alles, was sie bedurfte, gäbe. Dies ward während des Restes des Tages ausgeführt, und, als die Nacht kam, schickte sie den Eunuchen mit einem Anzug und einem Maultier zur Wohnung des Scheichs, Nûr ed-Dîn zu holen. Der junge Mann kleidete sich infolgedessen in den Anzug und ritt zu dem Haus, wo er einen ganzen Monat in Bequemlichkeit und Üppigkeit lebte, während sie ihn mit vier Dingen pflegte, mit jungen Hühnern, Wein, Schlaf auf Brokat, und Bädern nach liebender Umarmung. Außerdem brachte sie ihm sechs Anzüge und zog ihm Tag für Tag einen andern Anzug an; und, ehe noch die Frist abgelaufen war, war ihm seine Schönheit und Anmut wiedergekehrt, ja, er war zehnmal hübscher geworden, so daß er eine Verführung ward für alle, die ihn sahen. Eines Tages nun befahl der Fürst der Gläubigen ihn zu holen. Da zog ihm das Mädchen einen prächtigen Anzug an und setzte ihn aufs Maultier, worauf er zum Fürsten der Gläubigen ritt, ihn mit dem schönsten Salâm begrüßte und den gesteinigten Satan von ihm abwehrte, indem er dabei seine Worte wohl wählte. Als Er-Raschîd ihn 181 erblickte, verwunderte er sich über seine Schönheit, seine Gewandtheit im Ausdruck und seine Beredsamkeit und fragte, wer er wäre, worauf man ihm erwiderte: »Dies ist Sitt el-Milâh's Herr.« Da sagte er: »Sie ist zu entschuldigen, daß sie ihn liebt, und wir wollten in der That ihr Blut ungerechterweise über unser Haupt bringen.« Hierauf wendete sich Er-Raschîd an den jungen Mann und ließ sich in ein Gespräch mit ihm ein, wobei er fand, daß er fein gebildet, verständig, vernünftig, einsichtsvoll, hochherzig, anmutig, elegant und vortrefflich war. Er gewann ihn deshalb von Herzen lieb und erkundigte sich bei ihm nach seiner Heimat, seinem Vater und dem Grund seiner Reise, worauf er ihm mit den gewähltesten Worten und in der knappsten Form Auskunft gab. Dann fragte ihn Er-Raschîd: »Und wo stecktest du die ganze Zeit über? Wir ließen dich in Damaskus, Mossul und allen andern Städten suchen, ohne irgend welche Kunde von dir zu vernehmen.« Da versetzte er: »Mein Herr, deinem Sklaven erging es in deinem Reich, wie keinem andern.« Hierauf erzählte er ihm seine Geschichte von Anfang bis zu Ende und all das Schlimme, das ihn betroffen hatte. Als Er-Raschîd dies vernahm, bekümmerte und betrübte er sich schwer und rief: »Soll dies in der Stadt, in der ich lebe, geschehen?« Und die haschimitische Ader erhob sich zwischen seinen Augen. Er befahl sogleich Dschaafar vor sich und erzählte ihm den Vorfall und sagte: »Soll dies in meiner Stadt geschehen, ohne daß ich etwas davon erfahre?« Alsdann befahl er Dschaafar alle, die der junge Damaszener genannt hatte, zu holen, und, als sie erschienen, ließ er ihnen die Köpfe abschlagen. Ebenso ließ er den Mann, der Ahmed hieß, und der beide Male die Ursache der Errettung des jungen Damaszeners gewesen war, vor sich kommen und dankte ihm, worauf er ihm huldvollst ein kostbares Ehrenkleid schenkte und ihn zum Gouverneur seiner Residenz einsetzte. Hierauf ließ er auch den alten Muezzin zu sich entbieten. Als aber der Bote bei ihm eintraf und ihm 182 mitteilte, daß der Fürst der Gläubigen nach ihm verlange, fürchtete er, daß das Mädchen Unglück über ihn gebracht hätte, und ließ unterwegs einen nach dem andern streichen, so daß alle, die an ihm vorüberkamen, lachten. Als er dann vor dem Fürsten der Gläubigen stand, zitterte er und stotterte und stammelte, so daß der Fürst der Gläubigen lachend zu ihm sagte: »Scheich, du hast nichts verbrochen, warum fürchtest du dich also?« Da versetzte er in der größten Angst: »Mein Gebieter, bei deinen lautern Vätern, ich habe nichts verbrochen; erkundige dich nach meinem Wandel.« Da lachte er über ihn und wies ihm tausend Dinare und ein kostbares Ehrenkleid an und ernannte ihn zum Oberhaupt der Muezzins in seiner Moschee. Dann rief er Sitt el-Milâh und sagte zu ihr: »Das Haus und alles, was darinnen ist, ist ein Geschenk an deinen Herrn; nimm ihn und zieh' mit ihm hin in Gottes, des Erhabenen, Schutz und haltet euch nicht zurück von uns.« Als sie nun in das Haus trat, fand sie, daß der Fürst der Gläubigen ihnen reiche Geschenke und eine Unsumme guter Dinge geschickt hatte.

Nach diesem schickte der junge Damaszener zu seinen Eltern und ernannte Agenten in Damaskus, den Zins für seine Grundstücke, Gärten, Gasthöfe und Bäder zu erheben; und die Agenten zogen die Einkünfte ein und schickten sie ihm alljährlich. Als dann seine Eltern mit all ihrem Geld und kostbarem Handelsgut bei ihrem Sohn eintrafen, fanden sie, daß er zu den Günstlingen des Fürsten der Gläubigen und seinen Gesellschaftern und Nachtplauderern gehörte, worüber sie sich freuten. Er war ebenfalls erfreut, seine Eltern wiederzusehen, und der Fürst der Gläubigen setzte ihnen Einkünfte und Gehalt fest. Nûr ed-Dîns Gut aber wuchs, vermehrt um das Gut seines Vaters, seine Lage war glücklich, und Sitt el-Milâh schenkte ihm Kinder. Er ward der reichste Mann seiner Zeit in Bagdad und trennte sich weder bei Tag noch bei Nacht vom Chalifen; und so führte er mit seinen Eltern eine Zeitlang das herrlichste Leben, bis sein 183 Vater schwer erkrankte und zur Barmherzigkeit Gottes, des Erhabenen, abschied. Ebenso segnete seine Mutter nach einiger Zeit das Zeitliche, und er schaffte beide hinaus und wickelte sie ins Leichentuch und bestattete sie und veranstaltete die Bußfeierlichkeiten und Trauerceremonien. Nach einer Weile wuchsen dann seine Kinder, die er von Sitt el-Milâh erhalten hatte, heran und wurden wie Monde, und er zog sie in Pracht und Zärtlichkeit auf, und sein Gut wuchs und seine Lage ward immer glücklicher. Dabei unterließen alle, er, sein Mädchen Sitt el-Milâh und seine Kinder es nicht, den Fürsten der Gläubigen von Zeit zu Zeit zu besuchen, und sie führten das herrlichste und angenehmste Leben, bis der Zerstörer der Freuden und der Trenner der Vereinigungen sie heimsuchte. Preis dem Ewigen, dem Dauernden! Dies ist das Ende ihrer Geschichte.Hier übergehen wir die ziemlich umfangreiche, jedoch wenig originelle Geschichte des Königs Ins bin Keis und seiner Tochter mit dem Sohn des Königs El-Abbâs, sowie die Geschichte der beiden Könige und der Töchter des Wesirs, welche letztere nur eine Wiederholung der Rahmengeschichte des ganzen Werkes ist.

 


 

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