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Tausend und eine Nacht. Band XIX

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XIX - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XIX
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages191
created20180505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Geschichte des Chalifen Hārûn er-Raschîd mit Abdallāh bin Nâfia, und Tohfat el-Kulûbs Geschichte.

Wisse, o König der Zeit, in alten Zeiten und längstentschwundenen Tagen lebte in der Stadt Bagdad, der Stätte des Friedens, der Chalife Hārûn er-Raschîd, der Tischgenossen und Geschichtenerzähler hatte. Unter seinen Tischgenossen befand sich auch ein Mann, Namens Abdallāh, der Sohn des Nâfia, der mit dem Chalifen vertraut und ihm lieb und wert war, so daß er ihn nicht für eine einzige Stunde vergessen konnte. Da verhängte es das Schicksal, daß Abdallāh bemerkte, daß er in der Gunst des Chalifen gesunken war und der Chalife sich nicht mehr wie gewöhnlich um ihn bekümmerte und nicht nach ihm fragte, wenn er abwesend war. 100 Dies bedrückte Abdallāh, und er sprach: »Fürwahr, die Gesinnung des Fürsten der Gläubigen hat sich gegen mich verändert, und er schaut mich nicht mehr mit derselben Heiterkeit wie früher an.« Dies bekümmerte ihn immer schwerer, so daß er die Verse sprach:

»Wer verachtet ist unter seinen Angehörigen und in seinem Land,
Der thut am besten, wenn er in die Fremde zieht.
So flieh aus dem Hause, in dem du verachtet bist,
Und gräme dich nicht über die Trennung von den Freunden.
Das rohe Ambra liegt in seiner Heimat am Boden,
Doch in der Fremde ziert es den Hals.
Das Antimon ist in seiner Heimat eine Art Stein,
Der am Boden auf den Wegen weggeworfen liegt;
In der Fremde aber erlangt es höchsten Wert
Und wird zwischen den Augenlidern und Pupillen getragen.«

Nach diesem vermochte es Abdallā bin Nâfia nicht länger zu ertragen und verließ das Land des Fürsten der Gläubigen, unter dem Vorwand einige seiner Verwandten besuchen zu wollen. Ohne jemand etwas von seinem Vorhaben mitzuteilen, machte er sich ohne Diener oder Freund auf den Weg und zog ziellos in das Ödland und die staubige Wüste. Mit einem Male aber stieß er unversehens auf Reisende, die nach Indien zogen, denen er sich anschloß. In Indien angelangt, stieg er in einer der Herbergen ab und wohnte daselbst eine Weile ohne Speise zu genießen oder sich des Schlafes zu erfreuen. Dies rührte jedoch nicht daher, daß ihm die Gelder fehlten, vielmehr hing er in seinen Gedanken dem Wechsel der kreisenden Sphäre nach, die sich wider ihn gekehrt hatte, und wie die Tage ihm den Zorn unsers Gebieters des Imâms verhängt hatten. Nachdem er in dieser Weise eine Reihe von Tagen gelebt hatte, machte er sich in dem fremden Lande heimisch und schloß Bekanntschaften und gewann viele Freunde, mit denen er sich den Vergnügungen und Schauspielen hingab. Seine Gefährten waren dessen zufrieden, und er vergnügte sich mit ihnen und unterhielt sie des Nachts mit Anekdoten und litterarischen Sachen und 101 ergötzlichen Versen und erzählte ihnen eine Menge Historien und Geschichten. Da kam die Kunde von ihm auch dem König Dschemhûr, dem Herrn von Kaschghar in Indien, zu Ohren, so daß er ihn in seinem großen Verlangen nach ihm zu sich holen ließ. Als er nun zu dem König ging und bei ihm eintrat, küßte er die Erde vor ihm, worauf der König ihn willkommen hieß und ihn auszeichnete und im Haus für die Gäste drei Tage lang wohnen ließ. Am vierten Tage schickte er einen seiner Kämmerlinge zu ihm und ließ ihn zu sich holen; und, als er nun vor ihn trat und ihn begrüßt hatte, trat der Dolmetsch an ihn heran und sprach zu ihm: »Der König Dschemhûr vernahm, daß du ein angenehmer Tischgenosse und beredter Geschichtenerzähler bist, und wünscht, daß du ihm Gesellschaft leistest und ihm erzählst, was du an Geschichten und ergötzlichen Anekdoten weißt.« Da versetzte er: »Ich höre und gehorche.« – »Und so ward ich, – so erzählt Abdallāh bin Nâfia, – sein Tischgenoß und unterhielt ihn zur Nacht mit Geschichten, an denen er das höchste Gefallen fand, so daß er mich in seine Nähe zog, mir ein Ehrenkleid verlieh und eine Wohnung einräumen ließ. Er erwies mir seine Huld und vermochte sich schließlich nicht auf eine einzige Stunde von mir zu trennen. Und so lebte ich geraume Zeit bei ihm und verbrachte den größten Teil der Nacht als sein Gesellschafter, bis er, von Schlaf überwältigt, sich in sein Schlafgemach begab und zu mir sagte: »Verlaß mich nicht und halte dich nicht fern von meiner Gegenwart;« und ich erwiderte ihm: »Ich höre und gehorche.« Nun hatte der König auch einen jungen, netten Sohn, der Emir Mohammed geheißen, einen hübschen Jüngling von süßer Rede, der die Bücher gelesen und die Chroniken studiert hatte und auf der Welt nichts mehr liebte als Lieder, Geschichten und Erzählungen zu hören. Er war seinem Vater, dem König Dschemhûr, teuer, da er keinen andern Sohn als ihn am Leben hatte; sein Vater hatte ihn im Schoß der Zärtlichkeit erzogen, und er war von vollendeter Schönheit und Anmut 102 und strahlender Vollkommenheit und hatte gelernt die Laute und alle andern Musikinstrumente zu spielen und pflegte mit Freunden und Brüdern Umgang. Es war aber seine Gewohnheit, wenn sich sein Vater erhoben hatte und zu Bett gegangen war, sich an seinen Platz zu setzen und von mir Geschichten, Lieder und hübsche Erzählungen zu verlangen. In dieser Weise lebte ich mit beiden geraume Zeit fröhlich und vergnügt, und er liebte mich sehr und erwies mir die reichste Huld, bis der Prinz eines Tages, nachdem sich sein Vater erhoben hatte, rief: »O Ibn Nâfia!« Ich versetzte: »Zu Diensten, mein Gebieter.« Da sagte er: »Ich wünsche von dir eine wunderbare Geschichte und ein merkwürdiges Ding zu hören, das du nie weder mir noch meinem Vater, dem König Dschemhûr, erzählt hast.« Nun fragte ich ihn: »Mein Herr, was für eine Geschichte begehrst du von mir, und von welcher Art soll sie sein?« Er erwiderte: »Die Geschichte soll hübsch sein, mag sie sich in alter Zeit oder in diesen Tagen zugetragen haben.« Da sagte ich: »Mein Herr, ich weiß viele Geschichten allerlei Art auswendig; wünschest du eine Geschichte die von Menschen oder von Dschinn handelt?« Er antwortete: »Schön; erzähl' mir etwas, was du mit eigenen Augen und Ohren gesehen und gehört hast.« Dann aber rief er: »Bei meinem Leben, erzähle mir eine Geschichte von den Dschinn und, was du von ihnen gesehen und gehört hast.« Ich versetzte nun: »O mein Sohn, du beschwörst mich mit einem gewaltigen Schwur; vernimm demnach die schönste, wunderbarste, köstlichste und merkwürdigste der Geschichten.« Der Prinz erwiderte: »Erzähle, ich bin ganz Ohr.« Da hob ich an und erzählte:

 

Geschichte der Sklavin Tohfat el-Kulûb und des Chalifen Hārûn er-Raschîd.

Wisse, mein Sohn, der Chalife des Herrn der Welten, Hārûn er-Raschîd, hatte unter seinen Tischgenossen einen, Namens Isaak bin Ibrāhîm en-Nadîm el-Mausilī, der von 103 allen seinen Zeitgenossen am kunstvollsten die Laute zu schlagen verstand. Und der Fürst der Gläubigen liebte ihn so sehr, daß er ihm einen seiner erlesensten Paläste eingeräumt hatte, in dem er die Sklavinnen im Gesang und Lautenspiel zu unterrichten hatte. War dann eine Sklavin von ihm ausgebildet, so führte er sie vor den Fürsten der Gläubigen, der sie auf der Laute spielen ließ; gefiel ihm ihr Spiel, so ließ er sie in den Harem aufnehmen, im andern Falle aber schickte er sie zurück in den Palast Isaaks des Tischgenossen. Eines Tages nun war dem Fürsten der Gläubigen die Brust beklommen, weshalb er nach seinem Wesir Dschaafar dem Barmekiden, Isaak dem Tischgenossen und Mesrûr dem Eunuchen, dem Träger des Schwerts seiner Rache, schickte. Als sie bei ihm erschienen waren, verkleideten sich alle und gingen in Begleitung von El-Fadl, dem ältern Bruder Dschaafars, und Jonas durch die geheime Thür an den Tigris, wo sie sich in ein Boot setzten und nach El-Tâf hinunterfuhren. Hier stiegen sie wieder ans Land und schritten weiter, bis sie zum Thor der Hauptstraße gelangten, als sie auf einen hübschen grauen Scheich von ehrfürchtigem, würdevollem und feinem Aussehen in schöner Kleidung stießen. Der Scheich küßte vor Isaak dem Mossuler die Erde, da er ihn allein aus der Gesellschaft erkannte, weil der Chalife verkleidet war und er die andern für seine Freunde hielt, und sagte zu ihm: »Mein Gebieter, heute ist eine Lautnerin zu mir gekommen, wie kein Auge ihresgleichen an Anmut sah, und ich war gerade unterwegs dir aufzuwarten und von ihr zu berichten; Gott aber überhob mich der Mühe. Ich möchte sie dir nun zeigen, und wenn sie dir gefällt, so ist's gut; wenn aber nicht, so verkaufe ich sie.« Da sagte Isaak zu ihm: »Geh' mir zu deiner Wohnung voran, daß ich komme und sie mir ansehe.« Der Scheich küßte ihm die Hand und ging fort worauf Er-Raschîd Isaak fragte: »Isaak, was ist das für ein Mann, und was wollte er?« Er versetzte: »Mein Gebieter, er heißt Saîd der Sklavenhändler und ist unser Sklavinnen- und 104 Mamlukenkäufer. Er sagt, er habe eine hübsche Lautnerin bei sich, die er bisher noch nicht verkauft hätte, da er sie uns erst hätte zeigen müssen.« Da sagte der Chalife: »Laßt uns zu ihm gehen, damit wir sie uns zu unserm Vergnügen ansehen und auch die andern Sklavinnen im Haus des Sklavenhändlers in Augenschein nehmen.« Isaak versetzte: »Der Befehl kommt Gott und dem Fürsten der Gläubigen zu.« Hierauf schritt er ihnen voran, während sie ihm folgten, bis sie zum Haus des Sklavenhändlers gelangten, das ein hoher Bau mit weitem Hofraum war, in dem sich Kammern und Zimmer für die Sklavinnen befanden, während die Leute auf den Bänken saßen. Isaak und seine Begleiter traten ein und begaben sich in den Hintergrund des Raumes, von wo aus sie dem Verkauf der Sklavinnen, Mamluken und Eunuchen zusahen, bis dem Verkauf ein Ende gemacht wurde und ein Teil der Anwesenden fortging, während die andern noch sitzen blieben. Alsdann rief der Sklavenhändler: »Keiner bleibe hier sitzen, als allein wer für Tausende und darüber kauft.« Da gingen alle bis auf Er-Raschîd und seine Begleiter fort; der Sklavenhändler aber rief nun das Mädchen, nachdem er für sie einen mit griechischem Brokat gefütterten Stuhl gebracht hatte, und ließ sie wie die lachende Sonne am leuchtenden Himmel darauf Platz nehmen. Beim Eintreten in den Raum sprach sie den Salâm und setzte sich, worauf sie die Laute ergriff und, nachdem sie die Saiten betastet und gestimmt hatte, auf ihr spielte, daß die Anwesenden verwirrt wurden, während sie zu dem Spiel folgende Verse sang:

Du linder Hauch vom Morgen, wenn du über das Land der Geliebten streichst
So grüße sie alle mit bestem Salâm.
Sag' ihnen, daß ich der Liebe Pfand sei,
Und daß mein Sehnen alles Sehnen übersteigt.
O ihr, die ihr mein Herz, mein Ohr und Auge erregtet,
Mein Sehnen nach euch und meine Verstörtheit nimmt überhand.
Mein Herz leidet die Folterqualen der Sehnsucht,
Und meine Lider finden keinen Schlaf.« 105

Da rief Isaak: »Bravo, Mädchen! Bei Gott, dies ist eine schöne Stunde!« Hierauf erhob sich das Mädchen und sagte, indem sie ihm die Hand küßte: »Mein Gebieter, fürwahr, die Hände stehen in deiner Gegenwart und die Zungen bei deinem Anblick still; der Beredte ist vor dir stumm, und du bist der Lüfter des Schleiers.«D. h. du bist der rechte Käufer. Dann hängte sie sich an Isaak und rief: »Mein Herr, bleib' stehen.« Da fragte er sie: »Wer bist du, und was ist dein Begehr?« Nun lüftete sie einen Zipfel des Schleiers und siehe, da war es ein Mädchen gleich dem aufgehenden Vollmond oder dem flammenden Blitz, mit zwei Locken, die ihr bis auf die Knöchelringe fielen. Hierauf küßte sie ihm die Hand und sagte: »Mein Herr, wisse, ich verbrachte fünf Monate in diesem Haus, ohne mich verkaufen zu lassen, da ich auf dein Kommen wartete; und jener Sklavenhändler brauchte ebenfalls denselben Vorwand und hielt mich zurück, da ich ihn Nacht und Tag bat dich hierher zu bringen und mir ein Geschenk mit deiner Gegenwart zu machen, daß wir beide zusammenkämen.« Da sprach er zu ihr: »Sag' dein Begehr.« Sie versetzte: »Ich bitte dich bei Gott, dem Erhabenen, mich zu kaufen, damit ich als deine Magd bei dir sein kann.« Nun fragte er: »Ist dies deine Absicht?« Sie erwiderte! »Ja.« Da kehrte Isaak zu dem Sklavenhändler zurück und rief: »Scheich Saîd!« Er antwortete: »Zu Diensten, mein Herr.« Hierauf sagte er zu ihm: »In dem Vorraum befindet sich ein Gemach, in dem ein Mädchen von gelber Farbe weilt. Wie teuer ist sie, und was ist ihr Preis.« Der Scheich versetzte: »Mein Gebieter, das Mädchen, das du meinst, heißt Tohfat el Homakā.«Das Geschenk der Thoren; der Händler giebt Tohfat el-Kulûb diesen Namen wegen ihrer Thorheit, sich nicht verkaufen zu lassen. Im Vorhergehenden scheint der Text lückenhaft zu sein. Nun fragte Isaak: »Und was bedeutet dieser Name?« Der Sklavenhändler versetzte: »Mein Herr, ihr Kaufpreis ward bereits hundertmal dargewogen, 106 während sie stets sagt: »Zeig' mich dem, der mich kaufen will.« Zeig' ich ihr dann den Käufer, so sagt sie: »Den will ich nicht haben; er besitzt den und den Fehler.« So findet sie an jedem Käufer einen Fehler, so daß sie jetzt niemand kaufen will und nach ihr fragt, aus Furcht, daß sie einen Fehler an ihm herausfindet.« Da sagte Isaak: »Sie verlangt jetzt selber verkauft zu werden; komm daher zu ihr, frag' sie, setz' ihren Preis fest und schick' sie in mein Haus.« Der Sklavenhändler erwiderte: »Mein Herr, ihr Kaufpreis beträgt hundert Dinare. Hätte sie nicht diese gelbe Gesichtsfarbe, so würde sie tausend Dinare wert sein, jedoch haben ihre Thorheit und ihre gelbe Farbe ihren Preis verringert. Ich will jetzt zu ihr gehen und sie hierüber befragen.« Alsdann ging er zu ihr und fragte sie: »Willst du Isaak, dem Sohn des Ibrāhîm von Mossul, verkauft werden?« Sie antwortete: »Ja.« Da sagte er: »Laß die Thorheit, denn wem gelingt es in das Haus Isaaks des Tischgenossen zu kommen?« Isaak verließ nun das Haus des Sklavenhändlers und holte er-Raschîd ein, worauf sie wieder zum Boot gingen und nach Thaghr el-Chânake fuhren, während der Sklavenhändler das Mädchen zum Haus Isaaks des Tischgenossen schickte, wo sie die Sklavinnen erfreut in Empfang nahmen und sie nach dem Bad führten; und jede Sklavin schenkte ihr etwas von ihren Sachen, und sie schmückten sie mit Ohrringen und Spangen, so daß ihre Schönheit heller erstrahlte und sie dem Mond in der Nacht seiner Rundung glich. Als dann Isaak von dem Chalifen in seine Wohnung heimkehrte, kam ihm Tohfat el-Kulûb entgegen und küßte ihm die Hand, während er, als er sah, was die Sklavinnen mit ihr gethan hatten, ihnen hierfür dankte und zu ihnen sagte: »Laßt sie im Lehrgebäude wohnen und bringt ihr Musikinstrumente; und, wenn Gott, der Erhabene, ihr Gesundheit und Genesung schenkt, so unterrichtet sie im Gesang wenn sie Anlage dazu hat.« Und so verstrichen drei Monate, während sie bei ihm im Lehrgebäude wohnte, und sie 107 brachten ihr die Musikinstrumente. Im Verlauf dieser Zeit aber ward sie gesund und viel schöner als zuvor; ihre gelbe Farbe verwandelte sich in Weiß und Rot, so daß sie eine Verführung ward für alle, die sie sahen. Eines Tages ließ Isaak alle Sklavinnen im Lehrgebäude zu sich kommen und brachte sie in den Palast er-Raschîds, mit Ausnahme von Tohfe und einer Köchin; er hatte sie nämlich ganz vergessen, und es hatte ihn auch keine der Sklavinnen an sie erinnert. Als nun Tohfe sah, daß das Haus leer war, nahm sie die Laute, – sie war aber einzig in ihrer Zeit im Lautenspiel und hatte in der ganzen Welt nicht ihresgleichen, nicht einmal Isaak oder sonst einer kam ihr gleich, – und sang zu ihrem Spiel die Verse:

»Wenn sich die Seele nach einer gleichgestimmten Seele sehnt,
Gewinnt sie nicht von der Welt ihren Wunsch.
Mein Leben für den, dessen Härte meinen Leib schmelzen läßt
Und mich siech macht, wiewohl in seiner Hand meine Heilung ist.«

Nun aber war Isaak zufällig wegen einer Angelegenheit heimgekehrt und hörte, als er in den Flur trat, einen Gesang sanft wie des Zephyrs Säuseln und stärkender als Mandelöl, wie er einen ähnlichen in der ganzen Welt nicht vernommen hatte. Da ward er so mächtig von Wonne und Entzücken gepackt, daß er ohnmächtig im Flur zu Boden stürzte. Tohfe hatte aber den Laut von Schritten gehört und legte deshalb die Laute aus der Hand und ging hinaus, um zu sehen, was es gäbe. Als sie nun im Flur ihren Herrn Isaak ohnmächtig daliegen sah, hob sie ihn auf und sagte, indem sie ihn an ihre Brust zog: »Im Namen Gottes, mein Herr, ist dir etwas zugestoßen?« Als Isaak ihre Stimme vernahm, kam er wieder zu sich und fragte sie: »Wer bist du?« Sie versetzte: »Ich bin deine Sklavin Tohfe.« Da fragte er: »Bist du wirklich Tohfe?« Als sie es bejahte, sagte er: »Bei Gott, ich hatte dich vergessen und hatte bis jetzt nicht an dich gedacht.« Dann schaute er sie an und sprach: »Bei Gott, du hast dich verändert; deine gelbe Farbe hat sich 108 in Röte verwandelt, und deine Schönheit und Anmut ist größer geworden.« Alsdann fragte er sie: »Warst du es, die zu dieser Stunde sang?« Zitternd und zagend versetzte sie: »Ich war es, mein Herr.« Da faßte er sie bei der Hand und führte sie ins Haus, worauf er zu ihr sagte: »Nimm die Laute, denn nimmer sah und hörte ich jemand die Laute wie du schlagen, nicht einmal mich selber.« Sie entgegnete: »Mein Herr, du spottest mein; wer bin ich, daß du alles dies zu mir redest? Dies thust du nur aus Güte.« Er erwiderte ihr jedoch: »Bei Gott, ich spreche die Wahrheit. Ich bin keiner von denen, die sich durch etwas verblüffen lassen, jedoch hast du seit drei Monaten kein Verlangen verspürt, die Laute zu nehmen und zu ihr zu singen; und das ist ein wunderbares Ding. Alles dies aber rührt von deiner Kunstfertigkeit und Fähigkeit her.« Alsdann befahl er ihr zu singen, worauf sie erwiderte: »Ich höre und gehorche.« Dann nahm sie die Laute, spannte ihre Saiten und spielte auf ihr eine Anzahl von Weisen, bis sie wieder in die erste fiel. Ihr Spiel aber verwirrte Isaaks Verstand so sehr, daß er fast vor Entzücken geflogen wäre. Als sie ihr Spiel und ihren Gesang beendet und die Laute fortgelegt hatte, blickte Isaak ihr starr ins Gesicht; dann faßte er ihre Hand und wollte sie küssen, während sie ihm dieselbe entzog und rief: »Bei Gott, mein Herr, thu' dies nicht.« Er versetzte jedoch: »Schweig' still; bei Gott, ich dachte, es gäbe in der Welt nicht meinesgleichen; nun aber fand ich, daß mein Dinar in der Kunst nur ein Dânik war, denn du übertriffst mich bei weitem, ohne Maß und unberechenbar. Noch heute will ich dich zum Fürsten der Gläubigen Hārûn er-Raschîd führen, und, wenn sein Blick auf dich fällt, wirst du die Herrin der Frauen werden. Gott, Gott, meine Herrin, wenn du im Palast des Fürsten der Gläubigen bist, so vergiß mich nicht.« Sie erwiderte: »O Gott, mein Herr, du bist die Wurzel meines Glücks und meines Herzens Stärke.« Darauf nahm er ihre Hand und vereidigte sie hierauf, und sie gelobte ihm 109 ihn nicht zu vergessen. Dann sagte er zu ihr: »Bei Gott, du bist der Wunsch des Fürsten der Gläubigen; nimm nun die Laute und sing' eine Weise, die du dem Fürsten der Gläubigen vorsingen sollst.« Da nahm sie die Laute, stimmte sie und sang die Verse:

»Die Geliebte klagte über sein Weh
Und weinte, als sie ihn besuchte.
Von ihrem Wein und dem Seim ihres Mundes gab sie ihm zu kosten,
Und dies war seine letzte Speise vor seinem Tod.«

Da starrte Isaak sie an und sagte zu ihr, indem er sie bei der Hand faßte: »Wisse, ich bin durch einen Eid gebunden, daß, wenn mir der Gesang eines Mädchens gefällt, sie ihn vor dem Fürsten der Gläubigen beenden soll. Jetzt aber erzähle mir, wie du bei dem Sklavenhändler fünf Monate lang bliebst, ohne verkauft zu werden, wo du doch diese Kunst besaßest und dein Kaufpreis so gering war.« Da lachte sie und sagte: »Mein Herr, meine Geschichte ist wunderbar und mein Fall seltsam. Wisse, als ich drei Jahre alt war, kaufte mich ein maghribitischer Kaufmann, der in seinem Hause viele Sklavinnen und Eunuchen hatte. Er behielt mich bei sich als die ihm teuerste seiner Sklavinnen und redete mich nicht anders an als »mein Töchterchen«. Und bis jetzt blieb ich eine Jungfrau. Nun aber befand sich auch eine Lautnerin bei ihm, die mich erzog und die Kunst lehrte, wie du es siehst. Als dann mein Herr zur Barmherzigkeit Gottes, des Erhabenen, eingegangen war und seine Söhne sein Gut teilten, fiel ich auf den Teil eines derselben. Nach kurzer Zeit hatte er jedoch sein ganzes Erbteil durchgebracht, daß ihm kein Heller mehr übrig geblieben war. Da gab ich, aus Furcht, ich könnte in die Hand eines Mannes fallen, der meinen Wert nicht kannte, die Laute auf, da ich wußte, daß der Sohn meines Herrn mich verkaufen müßte. Und nach wenig Tagen schon führte er mich zum Haus des Sklavenhändlers, der Sklavinnen kaufte und sie dem Fürsten der Gläubigen vorführte. Da ich nun von deiner Kunst zu lernen 110 wünschte, wollte ich dir allein verkauft werden; und wie nun Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen! – mir deine Gegenwart gewährte, kam ich, als ich von deinem Kommen gehört hatte, zu dir heraus und bat dich mich zu kaufen. Du erfülltest meinen Wunsch und kauftest mich; seitdem ich aber in dein Haus trat, nahm ich heute, als mich die Mädchen allein gelassen hatten, zum erstenmal die Laute zur Hand, um zu sehen, ob sich meine Hand verändert hätte oder nicht. Als ich aber die Laute zur Hand genommen hatte und sang, vernahm ich Schritte im Flur, worauf ich die Laute aus der Hand legte und aufsprang, um zu sehen, was es gäbe; und da fand ich dich, mein Herr, in solchem Zustande.« Isaak versetzte: »Dies war zu deinem Glück; bei Gott, ich verstehe von dieser Kunst nicht so viel wie du.« Alsdann erhob er sich und öffnete eine Kiste, aus der er gestreifte und mit einem Netz von Juwelen, großen Perlen und andern Kostbarkeiten besetzte Kleider hervorholte, worauf er zu ihr sagte: »Im Namen Gottes, zieh dies an, meine Herrin Tohfe.« Da erhob sie sich und zog die Kleider an; dann verschleierte sie sich und stieg mit Isaak hinauf zum Chalifenpalast. Isaak trat zum Chalifen ein, bei dem sich gerade Dschaafar der Barmekide befand, und sprach zu ihm, nachdem er die Erde vor ihm geküßt hatte: »O Fürst der Gläubigen, ich habe dir ein Mädchen gebracht, wie keiner ihresgleichen sah, was sie selber und ihre Sanges- und Lautenkunst anlangt; und ihr Name ist Tohfe.« Da sagte er-Raschîd: »Wo ist denn dieses Kleinod, das auf der Welt nicht seinesgleichen besitzt?« Er versetzte: »Sie steht vor der Thür, o Fürst der Gläubigen.« Alsdann erzählte Isaak dem Fürsten der Gläubigen die Geschichte von dem Sklavenhändler von Anfang bis zu Ende, worauf er-Raschîd sagte: »Das ist wunderbar, daß du dieses Mädchen so sehr rühmst; ruf' sie herein, damit wir sie sehen; denn der Morgen kann nicht verborgen bleiben.« Da rief Isaak sie herein, und, als sie nun erschien und ihr Blick auf den Fürsten der Gläubigen fiel, küßte sie die Erde vor ihm 111 und sprach: »Der Frieden sei auf dir, o Fürst der Gläubigen, Schirm der Glaubensgemeinde und Erwecker der Gerechtigkeit in der Welt! Gott ebene den Boden deiner Tritte, er erfreue dich mit seinen Gaben und mache das Paradies zu deiner Wohnung und das Feuer zu deiner Feinde Heim!« Er-Raschîd versetzte: »Und auf dir sei der Frieden, o Mädchen! Setze dich.« Da setzte sie sich, und nun befahl er ihr zu singen, worauf sie die Laute nahm, ihre Saiten spannte und auf ihr eine Anzahl von Weisen spielte, bis sie wieder in die erste fiel. Der Fürst der Gläubigen und Dschaafar waren von ihrem Spiel ganz bezaubert und wären vor Entzücken fast geflogen; sie aber sang nun folgende Verse:

O Auge, ich schwöre bei dem, dem ich diene,
Des die Pilger sind und der Arafât:
Wenn du meinen Namen auf meinem Grabe rufst,
So antwort' ich deiner Stimme, auch wenn meine Gebeine zerfielen.
Keinen andern begehr' ich zum Freund als dich,
Trau' meinem Wort, denn Edle verdienen Vertrauen.«

Er-Raschîd betrachtete ihre Schönheit, und, daneben ihren schönen Gesang, ihre Beredsamkeit und ihre andern Vorzüge ins Auge fassend, geriet er in so mächtiges Entzücken, daß er von seinem Polster hinunterstieg und sich zu ihr auf den Boden setzte und rief: »Bravo, Tohfe! Bei Gott, du bist fürwahr ein Kleinod!«Ein Wortspiel. Tohfe bedeutet eine Rarität, eine Kostbarkeit, die sich zum Geschenk eignet. Dann wendete er sich zu Isaak und sagte zu ihm: »Du bist in der Schilderung dieses Mädchens nicht gerecht verfahren und beschriebst nicht den zehnten Teil ihrer Schönheit und Kunstfertigkeit. Bei Gott, sie ist eine unermeßlich größere Künstlerin als du, denn ich verstehe von dieser Kunst mehr als irgend ein andrer.« Und nun sagte auch der Wesir Dschaafar: »Bei Gott, du hast recht, mein Gebieter und Fürst der Gläubigen! Fürwahr, dieses Mädchen hat mir den Verstand geraubt.« Da sagte Isaak: »Bei Gott, o Fürst der Gläubigen, ich glaubte auf 112 der ganzen Erde wäre keiner, der die Laute wie ich spielte. Als ich sie aber spielen hörte, verlor meine Kunst bei mir allen Wert.« Hierauf sagte der Chalife zu ihr: »Wiederhole dein Spiel, Tohfe.« Da spielte sie die Weise noch einmal, und der Chalife rief: »Bravo!« worauf er zu Isaak sagte: »Du hast mir ein Wunderding gebracht, das in meinen Augen das Reich der Welt wert ist.« Alsdann wendete er sich zu dem Eunuchen Mesrûr und befahl ihm: »Führe Tohfe in das Ehrenzimmer.« Als sich nun Tohfe erhob und mit dem Eunuchen fortging, sah der Chalife ihr Zeug und die Schmucksachen, die sie trug, und fand, daß es eine erlesene Kleidung war. Er fragte deshalb Isaak, woher sie die Sachen hätte, worauf er ihm erwiderte: »Mein Herr, das ist eine Gabe deiner Huld und Güte; ich schenkte es ihr, doch, bei Gott, o Fürst der Gläubigen, die ganze Welt ist wenig im Vergleich zu ihr.« Da wendete sich der Chalife zum Wesir Dschaafar und sprach zu ihm: »Gieb Isaak fünfzigtausend Dirhem und eins der prächtigsten Ehrenkleider.« Er versetzte: »Ich höre und gehorche,« und übergab Isaak das Geschenk, das der Chalife ihm angewiesen hatte; der Chalife aber verbrachte jene Nacht bei Tohfe und fand in ihr eine jungfräuliche Maid. Er freute sich über sie, und sie nahm in seinem Herzen einen so hohen Rang ein, daß er es nicht eine einzige Stunde ohne sie aushalten konnte und ihr, nachdem er ihre Bildung, ihren Verstand und ihre Ergebenheit gesehen hatte, die Schlüssel zu den Reichsangelegenheiten anvertraute. Außerdem schenkte er ihr fünfzig Sklavinnen, zweihunderttausend Dinare und eine Menge Kleidungsstücke, Schmucksachen, Juwelen und Edelsteine, die das Königreich Ägypten wert waren; und in seiner großen Liebe zu ihr vertraute er ihre Obhut weder einer der Sklavinnen noch einem Eunuchen an, sondern schloß sie ein, wenn er sie verließ, und nahm den Schlüssel zu sich, bis er wieder zu ihr zurückkehrte, indem er den andern Sklavinnen verbot, sie zu besuchen, da er fürchtete, sie könnten sie ermorden oder 113 vergiften oder ihr etwas mit dem Messer anthun. In solcher Weise hielt er es eine Zeitlang, als sie eines Tages wieder einmal vor ihm sang und ihn so mächtig entzückte, daß er sie nahm und ihr die Hand küssen wollte; sie aber entriß ihm die Hand und zerschlug die Laute und weinte. Da wischte Er-Raschîd ihr die Thränen ab und sprach zu ihr: »O Wunsch meines Herzens, was macht dich weinen? Gott schütze deine Augen vor Thränen!« Sie erwiderte: »Mein Gebieter, weshalb küssest du meine Hand? Willst du, daß mich Gott hierfür straft, und daß mein Leben endet und mein Glück vergeht? Denn dies geschah noch keinem.« Da versetzte er: »Bravo, Tohfe! Wisse, du nimmst einen hohen Rang bei mir ein, und ich wollte dies thun, entzückt über dein Spiel, doch werde ich es hinfort unterlassen. Sei guten Mutes und kühlen Auges, ich sehne mich allein nach dir und werde nur in der Liebe zu dir sterben, und du bist heute meine einzige Königin.« Da küßte sie ihm die Füße, und dies gefiel ihm, und seine Liebe zu ihr ward so groß, daß er sich nicht auf eine einzige Stunde von ihr trennen konnte.

Eines Tages nun zog Er-Raschîd auf die Jagd aus und ließ Tohfe in ihrem Schloß. Während sie aber vor einem goldenen Leuchter mit einer parfümierten Kerze dasaß und ein Buch las, fiel mit einem Male ein mit Moschus parfümierter Apfel vom Dach vor sie, und, wie sie nun ihre Augen hob, siehe, da stand die Herrin Subeide, El-Kâsims Tochter, vor ihr und begrüßte sie, worauf sie sich ihr vorstellte. Da sprang Tohfe auf ihre Füße und sagte: »Meine Gebieterin, wäre ich nicht eine der Neuen, ich hätte täglich gesucht dir aufzuwarten; so entziehe mir nicht diese geehrten Tritte.« Die Herrin Subeide segnete sie und versetzte: »Ich wußte dies von dir; und beim Leben des Fürsten der Gläubigen, wenn es nicht meine Gepflogenheit wäre, nie meinen Raum zu verlassen, wäre ich gekommen, dir aufzuwarten.« Dann sagte sie zu ihr: »Wisse, Tohfe, der Fürst der Gläubigen meidet alle seine Sklavinnen und Favoritinnen um 114 deinetwillen, ja sogar mich selber, wiewohl es mir nicht gefällt, wie die Favoritinnen gehalten zu werden. Ich komme deshalb zu dir, daß du ihn bittest, mich zu besuchen, und wäre es auch nur einmal im Monat, damit ich nicht wie die Sklavinnen und Favoritinnen bin und gleich den Sklavinnen gehalten werde. Das ist mein Anliegen an dich.« Tohfe erwiderte ihr: »Meine Gebieterin, ich höre und gehorche; bei Gott, meine Gebieterin, ich wäre es zufrieden, wenn er bei dir einen vollen Monat und bei mir nur eine einzige Nacht weilte, um dein Herz zu trösten, da ich eine deiner Sklavinnen bin und du in jedem Falle meine Herrin bist.« Die Herrin Subeide dankte ihr hierfür, worauf sie sich von ihr verabschiedete und wieder in ihren Palast zurückkehrte. Als nun Er-Raschîd von der Jagd kam, begab er sich in Tohfes Schloß, zog die Schlüssel hervor und öffnete das Schloß; dann trat er zu ihr ein, und sie sprang ihm entgegen und küßte ihm die Hände, worauf er sie an seine Brust zog und auf sein Knie nahm. Alsdann trug man ihnen das Mahl auf, und sie aßen und wuschen sich die Hände, worauf sie die Laute zur Hand nahm und sang, bis Er-Raschîd müde ward. Als sie dies merkte, hörte sie auf zu singen und erzählte ihm die Begebenheit mit der Herrin Subeide und sprach: »O Fürst der Gläubigen, ich erbitte eine Gnade von dir, daß du mein Gemüt tröstest und meine Fürbitte annimmst und meine Worte nicht abweisest; begieb dich sogleich zur Herrin Subeide.« Da sich aber beide bereits entkleidet hatten, sagte der Chalife zu ihr: »Du hättest dies sagen sollen, bevor du mich und dich entkleidetest.« Sie versetzte: »O Fürst der Gläubigen, ich that dies nur entsprechend den Worten des Dichters:

»Kein Fürsprecher, der verschleiert zu dir kommt,
Gleicht dem Fürsprecher, der dir nackend naht.«

Er-Raschîd fand Gefallen an ihren Worten und zog sie an seine Brust. Dann verließ er sie und verriegelte die Thür wie zuvor, worauf sie das Buch nahm und eine Weile 115 darin lesend dasaß. Alsdann legte sie es wieder beiseite und nahm die Laute, spannte ihre Saiten und spielte so süß und wunderbar, daß das Unbeseelte Leben bekam; dazu sang sie wundersame Weisen und trug die Verse vor:

»Groll' nicht den Wechseln des Schicksals,
Denn das Schicksal haßt alle Grollenden.
Ertrag' in Geduld seine Schläge,
Denn alle Dinge nehmen ein Ende.
Wie viele wonnige Freuden
Kleiden sich in Leid.
Und Fröhlichkeit naht,
Wo du nur Unheilsschläge schaust.«

Hierauf blickte sie um sich und gewahrte einen hübschen greisen Scheich von ehrfürchtigem Aussehen, der hübsch und einnehmend wie kein andrer tanzte. Da nahm sie ihre Zuflucht zu Gott, dem Erhabenen, vor dem gesteinigten Satan und sprach: »Ich will mein Spiel nicht aufgeben, denn Er, der da beschließt, vollzieht.« Alsdann sang sie weiter, während der Scheich zu ihr herankam, die Erde vor ihr küßte und sprach: »Bravo, Erhabene des Ostens und Westens! Möge die Welt deiner nicht beraubt werden! Bei Gott, du bist vollkommen an Vorzügen und Tugenden, o Tohfat es-Sudûr!Kleinod der Brüste. Kennst du mich?« Sie versetzte: »Nein, bei Gott; jedoch glaube ich, daß du zu den Dschânn gehörst.« Er erwiderte: »Du hast recht; ich bin der Scheich der Scharen Iblîs, und in jeder Nacht besuche ich dich mit deiner Schwester Kamarîje, die dich liebt und nur bei deinem Leben schwört. Ihr Leben dünkt ihr nicht hold, wenn sie nicht zu dir kommt und dich sieht, während du sie nicht schaust. Jetzt aber komme ich in einer Sache zu dir, die dir förderlich ist und dich bei den Königen der Dschânn zu hohem Rang erheben soll, daß du sie gleich den Menschen beherrschest; denn die Dschânn haben sich auf den Erlaß deines Befehls geeinigt.« Sie versetzte: »Im Namen Gottes,« und gab ihm die Laute, 116 worauf er ihr voranschritt, bis er zum Abtritt kam, in dem sich eine Thür und eine Treppe befand. Als Tohfe dies sah, verlor sie den Verstand, während Iblîs sie mit Plaudern beruhigte und ihr voran die Treppe hinunterstieg, bis sie in einen Flur gelangten, den sie entlang schritten. Als sie herauskamen, gewahrten sie ein Pferd mit Sattel, Zaumzeug und sonstiger Ausrüstung, und Iblîs sprach zu ihr: »Im Namen Gottes, meine Herrin Tohfe.« Dann hielt er ihr den Steigbügel, worauf sie aufstieg, während das Pferd sich unter ihr bäumte und, Flügel ausbreitend, mit ihr davon flog, der Scheich ihr zur Seite. Erschrocken hierüber, hielt sie sich am Sattelbogen fest, bis sie nach einer Weile zu einer hübschen grünen und blühenden Wiesenflur gelangten, deren Boden einem hübschen, von allerlei Farben durchwebten Kleid glich. Mitten auf jener Flur stand ein hoch in die Luft ragendes Schloß mit Zinnen aus rotem Gold, das mit Perlen und Edelsteinen besetzt war. Sein Thor hatte zwei Flügel, und bei ihm stand eine Menge der Häupter der Dschânn in prächtiger Kleidung, die beim Anblick des Scheichs insgesamt riefen: »Die Herrin Tohfe ist gekommen.« Als sie bei dem Schloßthor angelangt war, traten alle herzu und hoben sie vom Rücken des Pferdes herunter, worauf sie sie ins Schloß geleiteten und ihr die Hände küßten. Sie sah, daß das Schloß so prächtig war, wie kein Auge seinesgleichen zuvor geschaut hatte; in ihm befanden sich vier einander gegenüberliegende Līwâne. Die Wände waren aus Gold und die Decken aus Silber. Es war ein hoher, geräumiger Bau, dessen Beschreibung den Beschauern zu schwer gefallen wäre. Im Hintergrunde stand ein mit Perlen und Edelsteinen besetzter Thron aus rotem Gold, zu dem man auf fünf silbernen Stufen hinaufstieg, und zur Rechten und Linken des Thrones standen viele Stühle aus Gold und Silber. Der Scheich führte nun Tohfe zu einem goldenen Stuhl neben dem Thron auf den Līwân, über den ein Vorhang aus goldenem und silbernem Gewebe, besetzt mit Perlen und Edelsteinen, 117 herabgelassen war, während sie, verwirrt von der Pracht jenes Raumes, ihren Herrn pries – Preis Ihm, dem Erhabenen! – und ihn heiligte. Hierauf setzten sich die Könige der Dschânn auf den Thron, die alle in menschlicher Gestalt waren, mit Ausnahme von zwei Königen, die in Dschânnengestalt waren mit der Länge nach geschlitzten Augen, vorspringenden Hörnern und vorstehenden Hauern. Dann erschien ein Mädchen von hübschem Wuchs und elegantem Wesen, dessen Antlitz das Licht der Kerzen überstrahlte, umgeben von drei Frauen, wie es auf der ganzen Erde keine schöneren gab. Sie begrüßten Tohfe mit dem Salâm, die sich vor ihnen erhob und die Erde küßte, worauf sie sie umarmten und sich, nachdem sie ihr noch einmal den Salâm geboten hatten, auf die Stühle setzten. Die vier Frauen waren aber die Königin Kamarîje, die Tochter des Königs Esch-Schīsbân, und ihre Schwestern, und Kamarîje liebte Tohfe inniglichst. Sie küßte sie deshalb und umarmte sie, während der Scheich Iblîs rief: »Willkommen! Nehmt mich zwischen euch!« Da lachte Tohfe, während Kamarîje sagte: »O meine Schwester, ich liebe dich, und zweifellos spricht Herz zu Herz. Seit der Stunde, da ich dich zum erstenmal sah, liebe ich dich.« Tohfe erwiderte: »Bei Gott, die Herzen sind tief wie das Meer; du bist mir, bei Gott, lieb und wert, und ich bin deine Sklavin.« Kamarîje dankte ihr und küßte sie und sagte: »Dies sind die Frauen der Dschânnenkönige. Begrüße sie, dies ist die Königin Schamre, das die Königin Wachîme und jenes die Königin Scharâre: sie kamen allein zu dir.« Da erhob sich Tohfe auf ihre Füße und küßte ihnen die Hände, worauf sie ihr die Küsse erwiderten, sie willkommen hießen und sie mit den höchsten Ehren auszeichneten. Dann brachten sie Platten und Tische und eine Schüssel aus rotem Gold, die mit Perlen und Edelsteinen besetzt war. Ihre Ränder waren aus Gold und grünem Smaragd, und es standen folgende Verse darauf: 118

»Für Speise bin ich gemacht;
Verfertigt von edler Hand;
Vom Bildner für Edle bestimmt,
Filzen und Verleumdern versagt.
Speist meinen Inhalt getrost
Und danket Gott, euerm Herrn.«

Hierauf aßen sie, während Tohfe die beiden Könige, die ihre Gestalt nicht verwandelt hatten, anschaute und zu Kamarîje sagte: »Was ist das da für ein wildes Tier, und wer ist der andre, der ihm gleicht? Bei Gott, mein Auge vermag sie nicht anzuschauen.« Da lachte Kamarîje und sagte: »Meine Schwester, das ist mein Vater Esch-Schīsbân und der andere ist Meimûn der Schwertmeister. In ihrem Stolz und Hochmut wollten sie ihre Gestalt nicht verwandeln. Alle, die du hier anwesend siehst, haben die gleiche Gestalt, doch verwandelten sie sich um deinetwillen, damit du nicht Angst bekämst und dich heitern Sinnes mit ihnen befreunden könntest.« Tohfe versetzte jedoch: »Ich vermag sie nicht anzuschauen; wie abstoßend ist doch dieser Meimûn und sein Auge! Mein Auge kann ihn nicht sehen, und ich fürchte mich vor ihm.« Kamarîje lachte über ihre Worte, während Tohfe von neuem erklärte: »Bei Gott, meine Gebieterin, ich vermag mein Auge nicht mit ihnen zu erfüllen.« Da fragte sie ihr Vater Esch-Schīsbân: »Was bedeutet dieses Lachen?« Nun sprach Kamarîje mit ihm in einer Sprache, die kein andrer verstand, und teilte ihm Tohfes Worte mit, über die er so laut lachte, daß es wie der hallende Donner erschallte. Alsdann aßen sie weiter, bis die Tische fortgetragen wurden, worauf sie sich die Hände wuschen. Nun aber trat der verfluchte Iblîs an Tohfe heran und sprach zu ihr: »Meine Herrin Tohfe, du machst die Stätte traulich und erleuchtest und zierst sie durch deine Anwesenheit. Jetzt aber möchten diese Könige hier etwas von deinem Gesang vernehmen, denn die Nacht hat bereits ihre Schwingen zum Aufbruch entfaltet, und es ist nur noch wenig von ihr übrig geblieben.« Tohfe erwiderte: »Ich höre und gehorche.« Dann nahm sie die Laute 119 und tastete in eigenartiger Weise an die Saiten, worauf sie so wunderbar auf ihr spielte, daß es den Anwesenden vorkam, als ob das Schloß mit ihnen von der Musik hin und her schwankte. Und nun sang sie folgende Verse:

»Meinen Salâm auf euch, ihr Leute meines Eides und Bundes
Spracht ihr nicht, daß wir uns im Leben träfen?
Tadeln will ich euch sanfter als des Ostwinds Wehen
Und süßer als der klare, reinste Born.
Meine Lider und wund vom Weinen,
Und mein Herz sehnt sich nach euch.
Meine Geliebten, wir sind voneinandergerissen,
Und, das war's, was ich fürchtete und wußte.
Zu Gott klag' ich alle Trübsal, die ich erlitt,
Denn mein heißes Sehnen versenkt mich in Trauer.«

Die Könige der Dschânn waren über diesen hübschen Gesang und die treffliche Weise entzückt und bedankten sich bei Tohfe. Die Königin Kamarîje aber erhob sich und umarmte sie, worauf sie sie zwischen die Augen küßte und zu ihr sagte: »Bei Gott, das war schön, meine Schwester, mein Augentrost und meines Herzens letzter Pulsschlag! Bei Gott, laß uns noch mehr von diesem hübschen Gesang hören.« Tohfe erwiderte: »Ich höre und gehorche.« Hierauf nahm sie die Laute und spielte eine andre Weise als zuvor, zu der sie die Verse sang:

»So oft meine Sehnsucht wächst,
Tröst' ich meine Seele mit der Hoffnung dich wiederzusehn.
Vielleicht vereint Gott die Getrennten wieder
So wie er nach deinem Scheiden mich von dir trennte.
O, der du mich durch die Liebe unterjochtest
Und meinen Zügel in die Hand nahmst,
Alles Schwere wird leicht, wenn ich dich wieder habe,
Und alles Ferne wird nah durch deine Nähe.«

Das Lied entzückte den verfluchten Iblîs so sehr, daß er seinen Finger in seinen Hintern steckte, während Meimûn tanzte und rief: »O Tohfat es-Sudûr, sing' sanfter, denn die Wonne steigt mir zu Kopf und raubt mir den Odem.« 120 Da nahm sie die Laute und spielte eine dritte Weise, worauf sie wieder in die erste fiel und die Verse sang:

»Die Woge der Liebe brandete über mich,
Ich versinke, und kein Wesen kommt mir zur Hilfe.
Ihr habt mein Herz in das Meer der Liebe versenkt,
Und mein Herz will keinen Trost und bleibt in der Liebe.
Glaubt nicht, ich vergäße den Bund der Liebe mit euch,
Wie könnt' ich vergessen, was Gott zuvor verhängte?«

Die Könige der Dschânn und die Anwesenden wurden durch ihr Lied von mächtigem Entzücken erfaßt. Iblîs der Verfluchte aber trat nun an Tohfe heran, und sagte zu ihr, indem er ihr die Hand küßte: »Es ist nur noch wenig von der Nacht übrig; bleibe daher bis morgen bei uns, wo wir die Hochzeit und Beschneidung feiern wollen.« Hierauf gingen alle Dschânn fort, und Tohfe erhob sich ebenfalls, während Iblîs sagte: »Führt Tohfe für den Rest der Nacht in den Garten.« Da nahm Kamarîje Tohfe und führte sie in den Garten, in dem sich allerlei Vögel befanden, wie Nachtigallen, Sprosser, Tauben, Brachvögel und andre aller Art; ebenso wuchsen allerlei Früchte in ihm, und seine Wasserrinnen waren von Gold und Silber, aus denen das Wasser gleich Bäuchen fliehender Schlangen hervorbrach; kurz er glich dem Garten Eden. Als Tohfe dies sah, gedachte sie ihres Gebieters und sprach bitterlich weinend: »Ich bete zu Gott, dem Erhabenen, um nahen Trost und Heimkehr in mein Schloß zu meiner Ehre, meinem Reich, meinem Ruhm, und um Vereinigung mit meinem Herrn und Gebieter Er-Raschîd.« Hierauf wandelte sie in dem Garten und gewahrte mitten in ihm eine Kuppel aus weißem Marmor, die auf Säulen aus schwarzem Teakholz ruhte und mit perlen- und edelsteinbesetzten Vorhängen verhangen war. Mitten unter dieser Kuppel war ein Becken, das mit allerlei Arten von Hyazinthen besetzt war, und auf dem goldene Statuen standen. Sie öffnete eine kleine Thür, die sie dort gewahrte, und trat durch sie in einen langen Flur ein, in dem sie 121 entlang schritt, bis sie zu einem Bad gelangte, das mit kostbarem Marmor allerlei Art getäfelt und dessen Boden mit Perlen und Edelsteinen besetzt war. In dem Bade befanden sich vier einander gegenüberliegende Bassins aus Marmor, und die Decke bestand aus buntfarbigem Glas, daß der Verstand der Verständigen davon verwirrt wurde. Nachdem Tohfe ihre Kleider ausgezogen hatte, trat sie ins Bad hinein, und siehe, das Badebassin war mit Gold bekleidet und mit Perlen, Juwelen und roten Hyazinthen und grünen Smaragden besetzt. Da pries und heiligte sie Gott, den Erhabenen, über die Pracht des Bades, worauf sie in dem Bassin die Waschung vollzog und die Einleitungsformel zum Morgengebet sprach und was sie sonst vom Gebet außer acht gelassen hatte. Dann verließ sie wieder das Bad und wandelte im Garten zwischen Jasmin, Lavendel, Rosen, Kamillen, Levkojen, Thymian, Veilchen und Basilienkraut, das sich alles in einer Halle befand, bis sie wieder zur Thür des Pavillons gelangte, wo sie sich setzte, in Gedanken versunken, was wohl mit Er-Raschîd geschehen sei, als er zu ihrem Schloß gekommen war und sie nicht gefunden hatte. Sie versank hierbei ins Meer der Gedanken und schlief ein, von Müdigkeit überwältigt, bis sie mit einem Male einen Hauch in ihrem Gesicht verspürte, worauf sie erwachte und die Königin Kamarîje sie küssen sah, die in Begleitung ihrer drei Schwestern, der Königin Dschamre, der Königin Wachîme und der Königin Scharâre, vor ihr stand. Da sprang sie auf und küßte ihr die Hände, während die Königinnen über sie höchst erfreut waren. Dann plauderten sie miteinander, und sie erzählte ihnen ihre ganze Geschichte von der Zeit an, daß sie der Maghribite gekauft hatte, bis sie aus dem Haus des Sklavenhändlers herausgekommen war und Isaak den Tischgenossen gebeten hatte, sie zu kaufen; wie sie dann zu Er-Raschîd gekommen, und wie Iblîs bei ihr erschienen war und sie zu ihnen gebracht hätte. In dieser Weise plauderten sie miteinander, bis sich die Sonne neigte und gelb ward, 122 und der Abend anbrach und der Tag wich, worauf Tohfe beim Abendgebet zu Gott demütig flehte, sie wieder mit ihrem Herrn Er-Raschîd zu vereinigen. Alsdann begab sie sich mit den Königinnen zum Schloß, wo sie die Kerzen angezündet und in goldene und silberne Leuchter gesteckt fanden und Räuchergefäße aus Gold und Silber mit Aloe und Ambra gefüllt sahen, während die Könige dasaßen. Tohfe begrüßte sie und küßte die Erde vor ihnen und wartete ihnen auf, während sie sich freuten, sie zu sehen. Dann stieg sie auf den Līwân und setzte sich auf ihren Stuhl neben die Könige Esch-Schīsbân, El-Mudfir und die Königin Lulua, worauf erlesene Tische aufgetragen wurden, auf denen allerlei Gerichte standen, wie sie sich für Könige ziemen. Nachdem sie sich satt gegessen hatten, wurden die Tische wieder fortgetragen, und sie wuschen sich die Hände und trockneten sie sich mit Tüchern ab. Alsdann wurde der Weintisch nebst Becken, Bechern und Flaschen, Krüge von Gold und Silber und Krystallen und goldene Humpen aufgetragen, und sie gossen die Weine aus und schenkten die Krüge ein, worauf Iblîs den Humpen nahm und Tohfe einen Wink gab zu singen. Sie erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und nahm die Laute und sang, nachdem sie die Saiten gespannt hatte, folgende Verse:

»Trinkt den Wein, ihr Geliebten,
Und preist den von Sehnsucht Verzehrten
Zwischen Myrten, Narzissen und Lavendel,
Und den andern Blumen auf den Platten.«

Da trank der verfluchte Iblîs und rief: »Bravo, o Wunsch des Herzens! Jedoch schuldest du mir noch eine andre Weise.« Hierauf füllte er den Becher und gab ihr von neuem einen Wink zu singen. Sie versetzte: »Ich höre und gehorche,« und sang ein anderes Lied, daß alle Anwesenden von Entzücken erfaßt wurden und der ganze Raum vor Wonne schwankte, während Iblîs wiederum rief: »Bravo, o Tohfat es-Sudûr!« In dieser Weise tranken sie Wein und waren bei Tamburins und Flöten fröhlich und vergnügt, bis die 123 Nacht wich und der Morgen anbrach. Alle aber waren von mächtigem Entzücken erfaßt, doch am meisten Iblîs, der so vergnügt war, daß er alle bunten Sachen, die er anhatte, auszog und sie über Tohfat es-Sudûr warf, unter anderm auch ein mit Juwelen und Hyazinthen besetztes Kleid im Werte von zehntausend Dinaren. Dann küßte er die Erde vor ihr, tanzte, indem er einen Finger in den Hintern steckte und mit der andern Hand seinen Bart faßte, und sagte zu ihr: »Mach' ein lustiges und fröhliches Lied auf meinen Bart und fürchte keine Sünde hierin.« Da sang sie die Verse:

»Du alter, einäugiger, bebärteter Bock,
Was für Worte hab' ich für dein lügnerisches Thun?
Sei nicht so stolz auf unser Lob,
Denn ich achte dich wie einen Hund mit verstümmeltem Schwanz.
Bei Gott, morgen wirst du mich sehen,
Wie ich dir mit einer Kuhhaut über den Nacken komme.«

Die Anwesenden lachten über ihre Verhöhnung Iblîs' und verwunderten sich über ihre Physiognomik und Versbereitschaft, während der Scheich sich gleichfalls freute und zu ihr sagte: »O Tohfat es-Sudûr, nun ist die Nacht vergangen; erhebe dich nun und ruhe dich vor Tagesanbruch aus; morgen aber soll alles aufs beste gehen.« Hierauf gingen die Könige der Dschânn mit den anwesenden Trabanten fort, bis Tohfe allein zurückgeblieben war. Sie versank in Gedanken über Er-Raschîd, wie es ihm wohl nach der Trennung von ihr erginge, und was ihm widerfahren wäre, als er sie nicht angefunden hatte. Als das Morgenrot aufblitzte, erhob sie sich und wandelte in der Halle, bis sie mit einem Male ein hübsches Thor gewahrte. Da öffnete sie dasselbe und sah hinter ihm einen Garten, noch schöner als den ersten, wie kein Auge einen schönern gesehen hatte. Als sie diesen Garten erblickte, erschauerte sie vor Wonne und gedachte wieder ihres Herrn Er-Raschîd, so daß sie bitterlich weinte und sprach: »Ich bitte Gott, den Erhabenen, in seiner Güte mich bald wieder zu ihm und in mein Schloß und meine Heimat 124 zurückkehren zu lassen.« Dann spazierte sie in dem Garten umher, bis sie ein hohes und geräumiges Schloß gewahrte, wie kein Mensch ein schöneres gesehen oder von einem schönern gehört hatte. Sie trat in dasselbe ein und befand sich in einem langen Flur, den sie entlang schritt, bis sie zu einem Bad gelangte, das noch schöner als das erste war, und dessen Bassins Rosenwasser, parfümiert mit Moschus, enthielten. Da rief Tohfe: »Preis sei Gott, dies gehört fürwahr einem mächtigen König!« Alsdann legte sie ihre Sachen ab und vollzog die Ganzwaschung, worauf sie herausging und das Morgengebet verrichtete. Als dann die Sonne auf das Thor jenes Gartens schien und sie die Wunder sah, die sich in ihm befanden, alle die Blumen und Bäche, und die Weisen der Vögel vernahm, verwunderte sie sich über seine Pracht und die Schönheit seiner Anlage und saß nachdenklich über Hārûn er-Raschîds Befinden nach ihrem Verschwinden da. Die Thränen liefen ihr über die Wangen, und ein lindes Lüftchen wehte sie an, so daß sie entschlief und nicht eher wieder erwachte, als bis ihr ein Hauch übers Gesicht strich. Da fuhr sie erschrocken auf und gewahrte nun die Königin Kamarîje, die ihr das Gesicht küßte, begleitet von ihren Schwestern. Aufspringend küßte Tohfe ihnen die Hände, während sie zu ihr sagten: »Steh' auf, die Sonne ist bereits untergegangen.« Da vollzog sie die Waschung und verrichtete die ihr obliegenden Gebete, worauf sie mit ihnen ins Schloß ging, wo sie die Kerzen bereits angezündet fand und die Könige dasitzen sah. Sie begrüßte sie mit dem Salâm und setzte sich auf ihren Stuhl; und siehe, der König Esch-Schīsbân hatte trotz seines Stolzes seine Gestalt verwandelt. Nun kam auch Iblîs an, – Gott verfluche ihn! – worauf sich Tohfe erhob und ihm die Hände küßte, während er ihr gleichfalls die Hand küßte und sie segnete und fragte: »Was meinst du, ist dies nicht ein angenehmer Ort trotz seiner Einsamkeit und Verlassenheit?« Sie versetzte: »An diesem Ort kann sich niemand verlassen fühlen.« Da sagte 125 er zu ihr: »Wisse, diese Stätte darf kein Sterblicher zu betreten wagen.« Sie erwiderte hierauf: »Ich hab' es doch gewagt ihn zu betreten, und dies ist eine deiner Hulderweisungen.« Alsdann brachten sie die Tische mit den Gerichten, Fleischspeisen, Früchten, Süßigkeiten und Sachen, die kein Mensch zu beschreiben vermag, und sie aßen sich satt, worauf die Tische wieder fortgetragen und die Bretter und Schüsseln gebracht wurden; dann reihten sie die Weine, Krüge, das Geschirr und die Flaschen auf und trugen die Früchte und Blumen auf, und zuerst langte Iblîs, der Verfluchte, zum Becher und rief: »Tohfat es-Sudûr, sing' mir zu meinem Becher.« Da nahm sie die Laute, tastete über ihre Saiten und sang die Verse:

»Erwacht ihr Schläfer und genießt die Zeit
Und die Lebensfreuden, die sie bringt.
Trinkt den jungfräulichen alten Rebensaft,
Der rot wie eine Flamme aus dem Kruge fließt.
Laß' den Fuchsigen unter uns kreisen, Schenk,
Der alle Hoffnungen, Freund, uns erfüllt.
Was ist des Lebens Wonne ohne meiner Herrin Gesicht,
Ohne des Weines Trank und ohne Gesang?«

Da leerte Iblîs seinen Becher und winkte ihr zu; dann zog er seine Sachen aus, die einen Wert von zehntausend Dinaren hatten, und reichte sie Tohfe zugleich mit einer Platte, auf der sich sehr kostbare Juwelen befanden. Hierauf füllte er den Becher wieder und reichte ihn seinem Sohn Esch-Schīsbân, der ihn aus seiner Hand nahm und ihn küßte, indem er dabei aufstand und sich wieder setzte. Da aber vor ihm eine Platte mit Rosen stand, sagte er zu Tohfe: »Besing' diese Rosen.« Sie versetzte: »Ich höre und gehorche,« und sang einige Verse zum Preise der Rose, worauf Esch-Schīsbân seinen Becher trank und rief: »Bravo, o Wunsch der Herzen!« Dann zog er seinen Anzug aus, ein Perlenkleid, besäumt mit Perlen und Hyazinthen und mit kostbaren Juwelen besetzt, und schenkte ihr dazu eine Platte mit fünfzigtausend Dinaren. Hierauf nahm der 126 Schwertmeister Meimûn den Becher und starrte hinüber zu Tohfe. Da er aber eine Granatblüte in seiner Hand hielt, sagte er zu ihr: »Besing' diese Granatblüte, o Königin der Menschen und Dschânn; denn fürwahr, du bist die Königin aller Herzen.« Tohfe erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und sang auf die Granate ebenfalls einige Verse, worauf der Schwertmeister Meimûn seinen Becher trank und rief: »Bravo, du an Tugenden Vollkommene!« Dann winkte er ihr und ging fort; nach einer Weile aber kam er mit einer Platte mit Juwelen im Werte von hunderttausend Dinaren wieder. Da erhob sich Kamarîje und befahl ihrer Sklavin die Kammer neben Tohfe zu öffnen, in die sie alle die Schätze legte, worauf sie Tohfe den Schlüssel übergab, indem sie zu ihr sagte: »Alles, was man dir an Schätzen schenkt, leg' in diese Kammer neben dir; nach dem Fest sollen es die Dschinn auf ihren Häuptern in dein Schloß tragen.« Da küßte Tohfe ihr die Hand, während ein andrer König, Namens Munîa, den Becher nahm, ihn füllte und zu Tohfe sagte: »O Holde, besing' mir zu meinem Becher den Jasmin.« Sie versetzte: »Ich höre und gehorche,« und sang einige Verse zum Preis des Jasmins, worauf er seinen Becher leerte und ihr achthunderttausend Dinare anwies. Da sprang Kamarîje erfreut auf, küßte Tohfe ins Gesicht und sprach: »Mag die Welt dich nie verlieren, o Königin der Herzen der Dschinn und Menschen!« Hierauf kehrte sie an ihren Platz zurück, während sich nunmehr der Scheich Iblîs erhob und tanzte, bis alle Anwesenden verwirrt waren. Dann sagte er zu Tohfe: »Fürwahr, du verschönst unser Fest, o Herrin der Menschen und Dschinn; du erfreust ihre Herzen mit deiner Holdseligkeit und deiner schönen Ergebenheit in deinen Herrn. Alles, was deine Hand besitzt, soll zu dir gebracht werden, daß es zu deiner Verfügung steht. Nun aber, da der Morgen genaht ist, steh' auf und ruhe dich wie gewöhnlich aus.« Da wendete sich Tohfe um, und legte, als sie keinen der Dschinn bei sich sah, ihr Haupt auf den Boden und schlief, bis sie 127 sich ausgeruht hatte. Dann ging sie zu dem Bassin und verrichtete die Waschung und das Gebet, worauf sie sich neben das Bassin setzte und eine Weile ihren Gedanken über ihren Herrn Er-Raschîd nachhing. Sie weinte bitterlich, als sie mit einem Male einen Hauch hinter sich verspürte. Da wendete sie sich um und gewahrte ein Haupt ohne Leib mit der Länge nach geschlitzten Augen, das so groß wie ein Elefantenhaupt war oder noch größer; es hatte ein Maul wie einen Ofen, hervorstehende Hauer wie Enterhaken und Haare, die bis auf den Boden fielen. Bei seinem Anblick rief Tohfat es-Sudûr: »Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan!« und recitierte die beiden Schutzsuren,Sure 113 und 114. während das Haupt sich ihr näherte und zu ihr sprach: »Der Friede sei auf dir, o Herrin der Menschen und Dschânn und Unikum deiner Zeit und Tage! Gott lasse dich leben im Lauf der Tage und vereinige dich wieder mit deinem Herrn, dem Imâm.« Da entgegnete Tohfe: »Und auf dir sei der Frieden, o du, desgleichen ich unter den Dschânn nicht erschaute!« Nun sprach das Haupt: »Wir sind ein Volk, das seine Gestalt nicht zu ändern vermag, und heißen die Ghûle; die Leute rufen uns wohl zu sich, doch vermögen wir nicht vor ihnen zu erscheinen. Ich bat jedoch den Scheich der Scharen um Erlaubnis dich aufzusuchen, und ich bitte dich mir etwas vorzusingen; ich will mich dann auch zu deinem Schloß aufmachen und die Dschinn, die dort hausen, fragen, wie es deinem Herrn nach der Trennung von dir ergeht, um dann wieder zu dir zurückzukehren. Und wisse, o Tohfat es-Sudûr, zwischen dir und deinem Herrn liegt ein Weg von fünfzig Jahren für einen rüstigen Reisenden.« Da sagte Tohfe: Bei Gott, du betrübst mich über den, der durch einen Weg von fünfzig Jahren von mir getrennt ist.« Das Haupt erwiderte ihr jedoch: »Sei fröhlichen Herzens und kühlen Auges, denn die Könige der Dschânn werden dich schneller 128 als im Augenblick zu ihm zurückbringen.« Tohfe entgegnete: »Ich will dir hundert Lieder singen, wenn du mir Kunde von meinem Herrn bringst und mir berichtest, wie es ihm seit der Trennung von mir ergangen ist.« Das Haupt versetzte: »Sei so gütig und singe mir ein Lied, daß ich mich dann zu deinem Herrn aufmache und dir Nachricht von ihm bringe; ich möchte vor meinem Fortgehen deinen Gesang hören, um so meinen Durst zu stillen.« Da nahm Tohfe die Laute, spannte ihre Saiten und sang ein Lied, worauf das Haupt bitterlich weinte und sagte: »Meine Herrin, du hast mein Herz getröstet; ich habe nichts als mein Leben, und so nimm es hin.« Tohfe versetzte jedoch: »Wenn ich wüßte, daß du mir Nachricht von meinem Herrn Er-Raschîd bringen wolltest, so wäre das mir lieber als das Reich der Welt.« Da versetzte das Haupt: »Dein Wunsch geschehe.« Hierauf verschwand es und kehrte gegen Ende der Nacht zu ihr zurück und sagte: »Meine Herrin, wisse, ich machte mich zu deinem Schloß auf und fragte einen der Dschinn, die dort hausen, wie es mit Hārûn er-Raschîd stünde, und wie es ihm seit der Trennung von dir ergangen wäre. Er erwiderte mir: »Als der Fürst der Gläubigen Tohfes Gemach betrat und weder sie noch eine Spur von ihr fand, schlug er sich das Gesicht und sein Haupt und zerriß seine Kleider. Dann rief er deinen Obereunuchen und befahl ihm: »Hole mir sofort Dschaafar den Barmekiden, seinen Vater und seinen Bruder.« Da eilte der Eunuch, verstört aus Furcht vor dem Fürsten der Gläubigen, zu Dschaafar und sagte zu ihm: »Begieb dich mit deinem Vater und deinem Bruder zum Fürsten der Gläubigen.« Sie eilten schleunigst zu ihm und sprachen: »O Fürst der Gläubigen, was ist vorgefallen?« Er versetzte: »Etwas, das alle Beschreibung übersteigt; wisset, ich begab mich zu meiner Base und ruhte bei ihr, nachdem ich die Thür verriegelt und den Schlüssel an mich genommen hatte. Als ich dann am Morgen wieder herkam und die Thür öffnete, fand ich keine Spur von Tohfe.« Da sagte 129 Dschaafar: »O Fürst der Gläubigen, gedulde dich. Das Mädchen ist entführt und wird sicherlich wieder zurückkehren, da sie ihre Laute mitgenommen hat. Die Dschinn haben sie geraubt, doch hoffen wir zu Gott, dem Erhabenen, auf ihre Rückkehr.« Der Chalife erwiderte jedoch: »Das wird nicht geschehen.« Dann setzte er sich in ihr Gemach und aß und trank nicht, während die Barmekiden ihn baten vor dem Volk zu erscheinen; er aber weinte und sitzt nun in solchem Zustand da, auf deine Wiederkehr wartend.« Dies ist's was ihm seit der Trennung von dir widerfuhr.« Als Tohfe diesen Bericht von ihm vernommen hatte, grämte sie sich schwer und weinte bitterlich, worauf das Haupt zu ihr sprach: »Gottes, des Erhabenen, Trost ist nahe; laß mich jedoch etwas von deinem Gesang vernehmen.« Da nahm sie weinend die Laute und sang drei Lieder, worauf das Haupt zu ihr sprach: »Bei Gott, du bist gütig zu mir gewesen, Gott sei mit dir!« Dann verschwand es. Da aber die Zeit des Sonnenuntergangs nahte, erhob sie sich von ihrem Platz; und siehe, die Kerzen waren bereits angezündet und stiegen brennend aus der Erde empor. Bald darauf erschienen auch die Könige der Dschânn und begrüßten Tohfe, indem sie ihr die Hände küßten, während sie ihnen den Gruß erwiderte. Dann erschien auch Kamarîje mit ihren drei Schwestern, und sie begrüßten Tohfe und setzten sich, worauf die Tische aufgetragen wurden und alle aßen. Nach dem Essen wurden die Tische wieder fortgetragen und man brachte das Weinservice. Da nahm Tohfe die Laute zur Hand, während eine der Königinnen den Becher nahm und, in der Hand ein Veilchen haltend, Tohfe zuwinkte, worauf dieselbe folgende Verse sang:

»Ich trag' ein Gewand von grünem Laub
Und ein Ehrenkleid aus Lazur.
Klein bin ich, doch mit Liebreiz geschmückt,
Und alle duftenden Blumen dienen mir.
Nennt sich die Rose des Morgens Ruhm,
So war sie's vor mir und nach mir nicht.« 130

Da trank die Königin ihren Becher und schenkte ihr ein Ehrenkleid aus Perlen, umsäumt von roten Hyazinthen, im Werte von zwanzigtausend Dinaren, nebst einer Platte mit zehntausend Dinaren. Bei alledem aber verschlang sie Meimûn mit seinen Augen, und mit einem Male sagte er: »O Tohfe, singe mir auch ein Lied.« Die Königin Salsale schrie ihn jedoch an und sagte: »Laß es sein, Meimûn; du lässest Tohfe gar nicht auf uns acht geben.« Meimûn entgegnete: »Ich wünsche, daß sie mir auch etwas singt.« Hierauf wurden der Worte viel zwischen ihnen, und die Königin Salsale schrie ihn an, bis sie sich mit einem Male schüttelte und, die Gestalt der Dschânn annehmend, eine steinerne Keule packte und rief: »Wehe dir! Erfrechst du dich solche Worte zu uns zu sprechen? Bei Gott, hätte ich nicht vor den Königen Respekt und fürchtete ich nicht, die Gesellschaft und das Fest zu trüben und den Scheich Iblîs zu reizen, so triebe ich dir die Dummheit aus dem Kopf.« Als Meimûn von der Königin Salsale diese Worte vernahm, sprang er mit feuersprühenden Augen auf und rief: »Tochter Imlâks, überhebst du dich, daß du solche Worte zu mir sprichst?« Sie erwiderte: »Wehe dir, Dschânnenhund, kennst du nicht deinen Rang?« Hierauf stürmte sie gegen ihn und wollte ihm einen Keulenstreich geben, als ihr Iblîs in den Weg trat und, seinen Turban auf die Erde werfend, rief: »Meimûn, du thust es stets so mit uns; jedesmal, wenn du zugegen bist, störst du unser Vergnügen. Kannst du nicht schweigen, bis du das Fest verlässest und die Hochzeit beendet ist? Wenn die Beschneidung vollendet ist und ihr in eure Wohnungen heimgekehrt seid, dann thu' nach deinem Belieben. Wehe dir, Meimûn, weißt du nicht, daß Imlâk zu den Großen der Dschânn gehört? Wäre es nicht um meine Ehre, so solltest du sehen, wie ich dich demütigen und an den Pranger stellen würde. Jedoch darf des Festes wegen niemand reden. Du nimmst dir zuviel heraus; weißt du denn nicht, daß ihre Schwester Wachîme ritterlicher als alle andern Dschânn ist? 131 Erkenne dich selbst; ist dir denn nicht dein Leben lieb?« Da schwieg Meimûn, während sich Iblîs zu Tohfe wendete und zu ihr sagte: »Sing' heute den Königen der Dschânn den Tag und die Nacht über bis morgen, wo nach der Beschneidung des Knaben alle heimkehren.« Da langte Tohfe nach der Laute, während die Königin Kamarîje eine Citrone in die Hand nahm und sagte: »Meine Schwester, besinge diese Citrone.« Tohfe versetzte: »Ich höre und gehorche,« und sang folgende Verse:

»Ich bin ein Schmuckstück aus Gold,
In meiner Pracht eine Lust den Beschauern.
Könige trinken stets meinen Saft,
Und für die Liebe bin ich ein köstlich Geschenk.«

Von mächtigem Entzücken erfaßt, trank die Königin Kamarîje ihren Becher und rief: »Bravo, o Königin der Herzen!« Dann schenkte sie ihr ein Gewand aus blauem Brokat, umsäumt von roten Hyazinthen und ein Halsband aus weißen Juwelen im Werte von hunderttausend Dinaren. Hierauf reichte sie den Becher ihrer Schwester Salsale, die in der Hand ein Basilienkraut hielt und zu Tohfe sagte: »Besinge mir dieses Basilienkraut.« Tohfe versetzte: »Ich höre und gehorche,« und sang:

»Ich bin die Zier der Kräuter beim Weingelag'
Und gepriesen im Garten Naîm.
Verheißen ward den Vollkommenen im Garten ChuldNaîm und Chuld, zwei der sieben Himmel.
Ruhe, Basilien und Sicherheit.
Wessen Vorzug gleicht dem meinigen denn?
Und wessen Rang ist so hoch wie mein Rang?«

Da ward die Königin Salsale von mächtigem Entzücken erfaßt und befahl ihrer Schatzmeisterin einen Korb mit fünfzig Paar Armspangen und fünfzig Paar Ohrringen zu bringen, alle aus Gold, besetzt mit kostbaren Edelsteinen, wie sie keiner der Menschen oder Dschânn besaß. Außerdem aber schenkte sie ihr noch hundert Kleider aus buntem Brokat und 132 hunderttausend Dinare. Dann reichte sie den Becher ihrer Schwester Scharâre, die ihn nahm und, einen Narzissenstengel in der Hand haltend, sich zu Tohfe wendete und zu ihr sagte: »Tohfe, besing' mir dies.« Tohfe versetzte: »Ich höre und gehorche,« und sang die Verse:

»Mein Wuchs gleicht einem smaragdenen Rohr,
Und keine Blume und kein Kraut duftet wie ich;
Die Augensterne der Schönen gleichen mir,
Und auf den Gärten ruht geöffnet mein Blick.«

Von mächtigem Entzücken über ihr Lied erfaßt, trank die Königin Scharâre ihren Becher und rief: »Bravo, o Tohfat el-Kulûb!« Hierauf befahl sie, ihr hundert brokatene Kleider und hunderttausend Dinare zu geben. Dann reichte sie den Becher der Königin Wachîme, die ihn nahm und, da sie einige Noomansanemonen in der Hand hielt, sich zu Tohfe wendete und zu ihr sagte: »Besinge mir dies.« Tohfe versetzte: »Ich höre und gehorche,« und sang folgende Verse:

»Ich ward vom Barmherzigen gefärbt,
Meine Farbe leuchtet in schönster Pracht;
Im Staube begann ich, doch nun
Prang' ich stolz auf den Wangen der Schönen.«

Wachîme trank in mächtigem Entzücken über die Verse den Becher aus und wies ihr zwanzig Kleider aus griechischem Brokat und eine Platte mit dreißigtausend Dinaren an. Hierauf reichte sie den Becher der Königin Schuâa, der Königin des vierten Meeres, und sie nahm ihn und sagte zu Tohfe: »O meine Herrin Tohfe, besinge mir die Levkoje.« Tohfe versetzte: »Ich höre und gehorche,« und sang einige Verse zum Preis der Levkoje, worauf die Königin Schuâa in mächtigem Entzücken ihren Becher leerte und ihr hunderttausend Dinare schenkte. Alsdann erhob sich Iblîs – Gott verfluche ihn! – und sagte: »Das Morgenrot blitzt schon auf.« Da erhoben sich alle und gingen fort, so daß Tohfe allein übrig blieb, worauf sie sich ebenfalls erhob und in den Garten ging. Hier begab sie sich ins Bad und verrichtete 133 die Waschung und die Gebete, die sie versäumt hatte; dann setzte sie sich, und schon stieg die Sonne auf; und siehe, mit einem Male kamen gegen hunderttausend grüne Vögel angeflogen, die in ihrer Menge die Zweige der Bäume erfüllten und in verschiedenen Weisen trillerten. Tohfe verwunderte sich über ihre Gestalt, und siehe, mit einem Male erschienen Eunuchen mit einem goldenen Thron, der mit Perlen, Juwelen und weißen und roten Hyazinthen besetzt war und vier goldene Stufen hatte; außerdem aber hatten sie noch viele Teppiche aus Florettseide und Brokat und koptischer goldgestickter Seide. Alles dies breiteten die Eunuchen mitten im Garten aus und stellten den Thron darauf, worauf sie den Ort mit starkem Moschus, Nedd und Ambra parfümierten. Dann erschien eine Königin, wie die Augen keine schönere und an Wesen feinere gesehen hatten. Sie trug kostbare perlen- und edelsteinbesetzte Gewänder und war von fünfhundert jungfräulichen Mädchen mit schwellendem Busen gleich Monden zur rechten und linken umgeben, in deren Mitte sie dem Mond in der Nacht seiner Fülle glich, da sie unter ihnen die an Würde und Ehrfurcht erhabenste war und auf ihrem Haupte eine mit vielerlei Perlen und Edelsteinen besetzte Krone hatte. Sie hielt nicht eher an, als bis sie vor Tohfe stand, die starr vor Staunen war und, als sie bemerkte, daß die Königin sich zu ihr wendete, sich auf ihre Füße erhob und sie begrüßte und die Erde vor ihr küßte. Die Königin freute sich über sie, und, die Hand nach Tohfe ausstreckend, zog sie sie neben sich und ließ sie an ihrer Seite auf dem Thron sitzen. Tohfe küßte ihr die Hand, die Königin aber sagte zu ihr: »Wisse, Tohfe, alle die Teppiche, auf die du hier trittst, gehören keinem der Dschânn, vielmehr bin ich aller Königin, und der Scheich Abū TawâifDer Vater der Scharen der Teufel. bat mich um Erlaubnis und drängte in mich der Beschneidung seines Sohnes beizuwohnen. Ich schickte deshalb eine meiner 134 Sklavinnen, nämlich Schuâa, die Königin des vierten Meeres, an meiner Statt, welche die Vicekönigin meines Reiches ist. Als dieselbe zum Hochzeitsfest erschien und dich sah und deinen Gesang vernahm, schickte sie zu mir und beschrieb mir deine Eleganz und Holdseligkeit und dein feines und einnehmendes Wesen, worauf ich dich besuchte; und dies ist eine hohe Auszeichnung für dich vor allen Dschânn.« Da erhob sich Tohfe und küßte die Erde, während die Königin ihr hierfür dankte und ihr befahl sich zu setzen. Hierauf befahl sie die Tische zu bringen, und es wurde ein goldener, mit Perlen, Hyazinthen und Edelsteinen besetzter Tisch aufgetragen, auf dem allerlei Geflügel und verschiedene Fleischgerichte standen. Dann sagte die Königin: »O Tohfe, im Namen Gottes, laß uns das Salz miteinander essen.« Da trat Tohfe herzu und aß von jenen Speisen, in denen sie etwas fand, wie sie nie zuvor gleiches und wohlschmeckenderes gegessen hatten; die Sklavinnen aber umgaben den Tisch, während Tohfe beim Essen mit der Königin plauderte und lachte. Hierbei nun sagte die Königin: »Meine Schwester, meine Sklavin erzählte mir von dir, du hättest gesagt, wie abstoßend die Speise des Dschinnī Meimûn wäre.« Tohfe versetzte: »Bei Gott, meine Herrin, mein Auge kann seinen Anblick nicht ertragen, und ich fürchte mich vor ihm.« Als die Königin dies vernahm, lachte sie, daß sie auf den Rücken fiel, und sagte: »Meine Schwester, bei der Inschrift des Siegelringes Salomos, des Propheten Gottes, ich bin die Königin aller Dschânn, und niemand darf einen Blick auf dich werfen.« Tohfe küßte ihr hierfür die Hand, und nun wurden die Tische wieder fortgetragen, und sie saßen da und plauderten miteinander, als die Könige der Dschânn von allen Seiten erschienen, die Erde vor ihr küßten und sich dienend vor ihr aufstellten. Sie dankte ihnen hierfür, ohne sich für einen derselben zu regen, worauf der Scheich der Scharen Iblîs – Gott verfluche ihn! – ankam und zu ihr sprach, nachdem er die Erde vor ihr geküßt hatte: »Meine Herrin, möge ich dieser Tritte nicht beraubt 135 werden!« Die Königin erwiderte ihm: »Es geziemt dir, o Scheich der Scharen, daß du dich bei der Herrin Tohfe für ihre Güte bedankst, die die Ursache meines Erscheinens ist.« Iblîs versetzte: »Du hast recht,« und küßte die Erde. Alsdann ging die Königin fort, und es ließen sich hunderttausend buntgefiederte Vögel auf die Bäume nieder, worauf Tohfe sagte: »Wie viel Vögel sind das?« Die Königin Wachîme versetzte: »Wisse, meine Schwester, dies ist die Königin Esch-Schahbā, die Königin aller Dschânn vom Osten und Westen, und die Vögel, die du siehst, sind ein Teil ihrer Heerschar, für die die Erde nicht Platz hätte, wenn sie nicht in dieser Gestalt kämen. Sie begleiteten sie und nehmen mit ihr an der Beschneidung teil. Sie wird dir soviel schenken, wie du vom Anbeginn des Festes bis zum Ende erhalten hast, und in der That ehrt sie uns alle durch ihre Anwesenheit.« Hierauf setzte sich die Königin Esch-Schahbā auf den Beschneidungssitz, der auf dem Ehrenplatz des Līwâns stand, während Tohfe zur Laute griff, sie an die Brust preßte und über die Seiten tastete, daß sich der Verstand der Anwesenden verwirrte. Und nun sagte der Scheich Iblîs: »Meine Herrin Tohfe, beim Leben dieser hochgeehrten Königin, sing' mir etwas zu deinem eigenen Preis und widersprich mir nicht.« Sie versetzte: »Ich höre und gehorche; ohne diesen Schwur hätte ich es nicht gethan. Preist sich denn jemand selber? Was wäre das für ein Benehmen?« Alsdann sang sie die Verse:

»Bei allen Freuden bin ich das Kleinod der Sängerinnen;
Die Leute bezeugen meinen Wert, meine Stellung und meinen Rang;
Und hoch ist mein Wert und erhaben mein Ruhm und meine Würde.«

Ihre Verse gefielen den Königen der Dschânn, und sie riefen: »Bei Gott, du hast die Wahrheit gesprochen.« Hierauf erhob sie sich mit der Laute in den Händen und sang, während der Scheich der Scharen und die übrigen Dschânn tanzten, bis Iblîs an sie herantrat, ihr den Busen küßte und ihr einen brahmanischen, wie die Sonne strahlenden 136 Hyazinthen schenkte, der das Reich der Welt wert war, und den er aus dem Hort Japhets, des Sohnes Noahs, – Frieden sei auf ihm! – genommen hatte; indem er ihn aber ihr überreichte, sprach er zu ihr: »Sei gerecht mit ihm gegen das Volk der Welt.« Da küßte sie ihm erfreut die Hände und rief: »Bei Gott, dieser Stein gebührt allein dem Fürsten der Gläubigen.« Die Königin Esch-Schahbā aber, welcher Iblîs' Tanz gefiel, sagte lachend zu ihm: »Bei Gott, das war ein hübscher Tanz.« Er dankte ihr hierfür und sagte dann zu Tohfe: »O Tohfe, auf der ganzen Erde giebt's keinen größern Künstler als Isaak den Tischgenossen; du aber übertriffst ihn noch. Ich war oft bei ihm und zeigte ihm Weisen auf der Laute. Meine Geschichte mit ihm ist lang, jedoch ist es jetzt nicht Zeit sie zu wiederholen; vielmehr will ich dir jetzt eine Weise auf der Laute zeigen, durch die du dich vor allen Menschen auszeichnen sollst.« Tohfe erwiderte: »Thu', was dir beliebt.« Da nahm er ihr die Laute ab und spielte auf ihr eine wunderbare und eigenartige Weise mit wunderbaren Melodien; und er zeigte ihr eine Weise, die sie noch nicht kannte, was ihr lieber war als alle Geschenke. Dann nahm sie die Laute von ihm und spielte, wobei sie in die Weise fiel, die ihr Iblîs vorgespielt hatte. Da rief er: »Bei Gott, du singst besser als ich.« Ihr aber kam all ihr früheres Spiel falsch vor, und es erschien ihr das, was sie vom Scheich der Scharen Iblîs gelernt hatte, die Wurzel der ganzen Kunst zu sein, so daß sie sich mehr hierüber als über alle die Schätze und Ehrenkleider freute und ihm die Hand küßte. Nun aber sagte die Königin Esch-Schahbā: »O Scheich, bei Gott, meine Schwester Tohfe ist einzig unter dem Volk ihrer Zeit, und ich höre, daß sie alle Blumen besingt.« Iblîs versetzte: »Jawohl, meine Herrin, und ich verwundere mich höchlichst hierüber; jedoch hat sie noch einige würzige Blumen und Kräuter nicht besungen, zum Beispiel die Myrte, den Majoran, Jasmin, die Eglantine und dergleichen.« Alsdann gab ihr Iblîs einen Wink auch diese Blumen zu besingen, 137 damit es die Königin Esch-Schahbā hörte, und Tohfe erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und besang den Rest der Blumen und Riechkräuter, worauf die Königin in mächtigem Entzücken rief: »Bravo, o Königin der Wonnen! Bei Gott, ich weiß nicht, wie ich dich belohnen soll; Gott, der Erhabene, erhalte dich uns noch recht lange!« Hierauf preßte sie Tohfe an die Brust und küßte sie auf die Wange, während Iblîs – der Fluch sei auf ihm! – sagte: »Dies ist eine hohe Auszeichnung.« Die Königin Esch-Schahbā versetzte: »Wisse, die Herrin Tohfe hier ist meine Schwester, und ihr Befehl ist mein Befehl und ihr Verbot mein Verbot. Hört daher alle auf ihr Wort und gehorchet ihrem Befehl.« Da erhoben sich alle Könige und küßten die Erde vor ihr, während sich Tohfe hierüber freute. Außerdem aber schenkte ihr noch die Königin Esch-Schahbā ein mit Perlen, Juwelen und Hyazinthen geschmücktes Gewand im Werte von hunderttausend Dinaren und schrieb ihr auf ein Stück Papier eigenhändig ihre Bestallung als ihre Vicekönigin. Da erhob sich Tohfe und küßte die Erde vor ihr, worauf die Königin sie bat noch einige Blumen zu besingen.Wir kürzen hier den ermüdenden Text ein wenig ab und lassen die zahlreichen Verse aus. Nachdem sie dies gethan hatte, erhob sich die Königin Esch-Schahbā und sagte: »Ich habe von niemand zuvor solchen Gesang gehört.« Dann zog sie Tohfe zu sich und küßte sie wiederholentlich, worauf sie sich erhob, sich von ihr verabschiedete und, begleitet von allen Vögeln, die den Horizont verhüllten, fortflog, während die übrigen Könige zurückblieben.

Am vierten Abend kam der Knabe zur Beschneidung so reich mit Juwelen geschmückt, wie es weder ein Auge gesehen noch ein Ohr gehört hatte; unter anderm trug er auch eine mit Perlen und Juwelen besetzte goldene Krone im Wert von hunderttausend Dinaren. Als er sich auf das Polster gesetzt hatte, sang ihm Tohfe, bis der Chirurg kam, worauf sie 138 den Knaben in Gegenwart aller Könige beschnitten, die auf ihn eine gewaltige Menge Juwelen, Hyazinthen und Gold streuten. Dann befahl die Königin Kamarîje den Eunuchen alles dies aufzulesen und in Tohfes Schatzkammer zu legen, und es betrug gerade so viel, als sie während des ganzen Festes von Anbeginn bis zum Ende erhalten hatte. Alsdann gingen alle, einer nach dem andern fort, während der Scheich Iblîs – Gott verfluche ihn! – eine Schar nach der andern verabschiedete, worauf er Tohfe die Krone, die der Knabe getragen hatte, aufs Haupt setzte und dem Knaben eine andre gab, so daß Tohfe hierüber der Verstand fortflog. Wie nun aber der Scheich Iblîs mit der Verabschiedung der Könige beschäftigt war, nahm Meimûn, sobald er den Raum leer sah, die günstige Gelegenheit wahr und setzte Tohfe auf seine Schulter, worauf er mit ihr zu den Wolken des Himmels emporstieg und mit ihr von dannen flog. Als dann Iblîs kam, um nach Tohfe zu schauen, und sah, daß sich die Sklavinnen vor das Gesicht schlugen, fragte er sie: »Weh' euch, was giebt's?« Sie erwiderten: »O unser Gebieter, Meimûn hat Tohfe geraubt und ist mit ihr fortgeflogen.« Da stieß Iblîs einen so lauten Schrei aus, daß die Erde davon erbebte, und rief: »Was ist zu thun?« Dann schlug er sich vors Gesicht und Haupt und rief: »Das ist eine große Frechheit! Weh' euch, soll er Tohfe aus meinem Palast entführen und meine Ehre vernichten? Dieser Meimûn hat sicherlich den Verstand verloren.« Hierauf stieß er einen zweiten Schrei aus, daß die Erde davon erbebte, und stieg in die Luft empor. Bald hernach vernahmen die andern Könige hiervon und flogen ihm nach; und, als sie ihn verstört und voll Furcht erblickten und ihn Feuer aus den Nüstern schnauben sahen, fragten sie ihn: »O Scheich der Scharen, was giebt's?« Er versetzte: »Wisset, Meimûn hat Tohfe aus meinem Palast entführt und meine Ehre vernichtet.« Als sie dies vernahmen, riefen sie: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! Bei Gott, er hat sich zu einem 139 gewaltigen Ding vermessen und sich und seine Angehörigen ins Verderben gestürzt!« Hierauf flog der Scheich Iblîs weiter bis er zu den Stämmen der Dschânn gelangte, von denen er eine große Menge um sich scharte, deren Anzahl allein Gott, der Erhabene, zu zählen vermochte. Dann flog er weiter bis zur kupfernen Burg und dem Bleischloß, wo das Volk der Burgen, als es die Stämme der Dschânn aus allen tiefen Thalwegen herankommen sah, fragte, was es gäbe. Iblîs aber trat bei dem König Esch-Schīsbân ein und teilte ihm den Vorfall mit, worauf dieser versetzte: »Bei Gott, Meimûn und sein Volk sind verloren; er will Tohfe besitzen, wo sie Königin der Dschânn geworden ist! Gedulde dich jedoch, bis wir überlegt haben, was wir in Sachen Tohfes thun sollen.« Iblîs fragte: »Und was ist's?« Er versetzte: »Wir wollen ihn überfallen und ihn und seine Angehörigen mit dem Schwert fällen.« Der Scheich Iblîs entgegnete jedoch: »Wir wollen es lieber den Königinnen Kamarîje, Salsale, Scharâre und Wachîme mitteilen; haben sie sich versammelt, so mag dann Gott entscheiden, was zu ihrer Befreiung förderlich ist.« Esch-Schīsbân erwiderte: »Dein Rat ist trefflich.« Hierauf schickten sie einen Ifrît, Namens Salhab, zur Königin Kamarîje, der sie in ihrem Schloß schlafend fand. Als er sie nun weckte, fragte sie ihn: »Was giebt es, Salhab?« Er versetzte: »O meine Gebieterin, mach' dich auf hinter deiner Schwester Tohfe her, denn Meimûn hat sie entführt und eure und des Scheichs Iblîs' Ehre beschimpft.« Da rief sie: »Was sagst du?« Und, sich aufrichtend, stieß sie in ihrer Furcht für Tohfe einen lauten Schrei aus und sagte: »Bei Gott, sie sagte des öftern, er sähe sie an und wendete den Blick nicht von ihr ab; jedoch ist es eine schändliche That, zu der ihn seine Seele angetrieben hat!« Alsdann erhob sie sich eilends und setzte sich auf eine ihrer Sataninnen, indem sie ihr befahl: »Flieg.« Da flog sie mit ihr zum Schloß ihrer Schwester Scharâre und ließ sich auf ihm nieder, worauf sie nach ihren Schwestern Salsale und 140 Wachîme schickte und ihnen den Vorfall mitteilte, indem sie zu ihnen sprach: »Wisset, Meimûn hat Tohfe entführt und ist mit ihr schneller als der blendende Blitz von dannen geflogen!« Hierauf flogen alle zum Palast, in dem sich der Scheich der Scharen und ihr Vater Esch-Schīsbân befand, und trafen die Leute in übelster Verfassung an. Weinend kam ihnen ihr Großvater Iblîs entgegen und sagte, während alle Tohfe beweinten: »Dieser Hund hat meine Ehre beschimpft und Tohfe geraubt, die nun sicherlich aus Kummer über sich und ihren Herrn Er-Raschîd umkommt und spricht: »Alles, was sie reden und thun, ist eitel Falsch.« Kamarîje versetzte: »Großvater, nichts als List und Überlegung ist uns zu ihrer Befreiung verblieben, denn sie ist mir lieber als alle Dinge. Wisse, wenn jener Verruchte, der nichts wider euch vermag, da er der geringste und gemeinste der Dschânn ist, von euerm Kommen erfährt, so steht zu befürchten, daß er im Gefühl seiner Unterlegenheit Tohfe ermordet. Wir müssen daher einen Plan zu ihrer Befreiung ersinnen, sonst kommt sie um.« Nun fragte er: »Welche List hast du vor?« Sie erwiderte: »Wir wollen ihm mit Güte nahen; gehorcht er, so ist's gut; thut er's jedoch nicht, so müssen wir ihn überlisten. Und erwarte ihre Befreiung allein von mir.« Der Scheich Iblîs versetzte: »Dein ist der Befehl; richte es an, wie du willst, denn Tohfe ist deine Schwester, und deine Fürsorge für sie ist wirksamer, als die jedes andern.« Hierauf rief Kamarîje einen Ifrît, einen Unhold der fliegende Löwe geheißen, und sprach zu ihm: »Begieb dich mit meiner Botschaft zum Sichelberg zu Meimûn dem Schwertmeister; tritt bei ihm ein, bestell' ihm den Salâm von mir und sprich zu ihm: »Meine Herrin entbietet dir den Salâm und läßt dir sagen: Wie kannst du dich sicher fühlen, o Meimûn? Konntest du keine andre als Tohfe finden, daß du wider sie in deinem Rausch entbranntest und dich böswillig wider sie vergingst, wo sie doch eine Königin ist? Du bist jedoch zu entschuldigen, da du betrunken warst, und der Scheich Abū 141 Tawâif vergiebt dir deine Trunkenheit und die Beschimpfung seiner Ehre; jetzt aber sende sie in ihren Palast zurück, da sie gütig und huldreich gegen uns war und uns einen Dienst erwies; und du weißt doch auch, daß sie jetzt unsre Königin ist. Vielleicht spricht sie mit der Königin Esch-Schābâ, so daß die Sache dann schwierig wird und dir etwas geschieht, in dem nichts Gutes ist. Ich rate dir gut, und der Frieden sei auf dir!« Der fliegende Löwe versetzte: »Ich höre und gehorche,« und flog zum Sichelberg, wo er bei Meimûn um Audienz nachsuchte. Meimûn gewährte sie ihm, worauf er eintrat, die Erde vor ihm küßte und ihm die Botschaft überbrachte. Als Meimûn seine Worte vernommen hatte, sagte er zu ihm: »Kehre zurück, von wannen du gekommen bist, und sprich zu ihr: »Schweig und sei vernünftig. Andernfalls komme ich zu ihr, packe sie und mache sie zu Tohfes Sklavin. Versammeln sich aber die Könige der Dschânn wider mich, und sehe ich, daß ich ihnen unterliege, so lasse ich sie nicht weiter den Zephyr der Welt atmen, so daß sie weder mir noch ihnen gehört. Heute ist sie die Seele in meinem Leib, und wie könnte sich jemand von seiner Seele trennen?« Als der Ifrît Meimûns Worte vernommen hatte, sagte er zu ihm: »Bei Gott, o Meimûn, dein Verstand hat sich verwirrt, daß du solche Worte von meiner Herrin sprichst, wo du einer ihrer Burschen bist.« Da schrie ihn Meimûn an und rief: »Wehe dir, Dschinnenhund, sprichst du solche Worte zu mir?« Hierauf befahl er seiner Umgebung ihn zu schlagen, während der fliegende Löwe sich erhob und zu seiner Herrin entschwebte. Als er ihr den Vorfall berichtet hatte, sagte sie zu ihm: »Das hast du brav gemacht, o Ritter.« Alsdann wendete sie sich zu ihrem Vater und sprach zu ihm: »Höre, was ich dir sagen will.« Er versetzte: »Sprich.« Da sagte sie: »Das Rechte ist, daß du mit deinem Heer wider ihn ausziehst. Wenn er dies vernimmt, so wird er ebenfalls sein Heer um sich scharen und wider dich ausziehen; kämpfst du dann mit ihm, so streite lang und stelle dich, 142 als ob du ihm nicht gewachsen wärest und den kürzeren zögest, während ich inzwischen, so lange er mit dir streitet, eine List ersinne zu Tohfe zu gelangen und sie zu befreien. Kommt dann mein Bote zu dir und teilt dir mit, daß ich Tohfe befreit habe, und daß sie bei mir ist, so kehre dich sogleich mit deinem Heer wider ihn um, zerstampfe ihn mit seinem Heer und nimm ihn gefangen. Gelingt diese List nicht wider ihn, und können wir Tohfe nicht befreien, so wird er ganz gewiß ihren Tod betreiben, und der Kummer über ihren Verlust verbleibt in unsern Herzen.« Iblîs erwiderte ihr: »Das ist der rechte Rat.« Alsdann ließ er unter dem Heer den Aufbruch ankündigen, worauf hunderttausend streitbare Ritter zu ihm stießen und mit ihm wider Meimûns Land zogen. Kamarîje aber flog zum Schloß ihrer Schwester Wachîme und teilte ihr mit, was Meimûn gethan und wie er erklärt hatte, er würde, sobald er sich überwunden sähe, Tohfe umbringen. »Er hat sich dies vorgenommen, denn sonst würde er sich nicht zu einer solchen That unterfangen haben; triff daher nach deinem Belieben Maßnahmen, denn dein Rat ist der trefflichste.« Hierauf schickten sie nach den Königinnen Salsale und Scharâre und sie saßen da, des Rates miteinander pflegend, was am besten in der Sache zu thun wäre, wobei Wachîme sagte: »Am besten ist's, wir rüsten auf dieser Insel ein Schiff aus, auf das wir in menschlicher Gestalt steigen, und fahren unter Meimûns Schloß, unter dem sich eine kleine Insel befindet. Dort wollen wir sitzen und trinken, die Laute schlagen und singen; denn sicherlich wird Tohfe dasitzen und aufs Meer hinausschauen, und wird, wenn sie uns sieht, zu uns hinuntersteigen; dann nehmen wir sie mit Gewalt fest, daß sie in unsern Händen ist und ihr niemand etwas zuleide thun kann. Ist aber Meimûn in den Kampf wider die Dschinn ausgezogen, so erstürmen wir sein Schloß und zerstören es und ermorden alle, die darinnen sind, und befreien Tohfe. Wenn er hiervon hört, wird sein Herz brechen, und wir schicken dann zu unserm Vater und teilen es 143 ihm mit; er wird sich dann mit seinem Heer wider ihn wenden und ihn vernichten, worauf wir vor ihm Ruhe haben werden.« Sie erwiderten ihr: »Das ist das Rechte,« und ließen sofort hinter dem Berge im Nu ein Schiff ausrüsten; dann setzten sie es ins Meer, stiegen mit viertausend Ifrîten an Bord und segelten nach Meimûns Schloß ab, nachdem sie zuvor fünftausend Ifrîten befohlen hatten sich aufzumachen und sich auf der Insel unter dem Sichelberge in den Hinterhalt zu legen.

Soviel von den Königen der Dschânn. Was nun den Scheich der Scharen Iblîs und seinen Sohn Esch-Schīsbân anlangt, so brachen sie, wie oben erwähnt, mit ihren Truppen, den stärksten und ritterlichsten der fliegenden und berittenen Dschinn, auf. Als Meimûn vernahm, daß sie sich dem Berge näherten, rief er mit einem gewaltigen Schrei seine Truppen, die zwanzigtausend Berittene zählten. Dann trat er bei Tohfe ein, küßte sie und sprach zu ihr: »Wisse, du bist jetzt mein Leben in der Welt, und um deinetwillen haben sich die Dschinn versammelt, wider mich zu streiten; siege ich über sie und komme ich mit dem Leben davon, so lege ich sämtliche Könige der Dschânn unter deine Füße und mache dich zur Königin der Welt.« Als sie hierzu das Haupt schüttelte und weinte, sagte er: »Weine nicht, denn bei der erhabenen Inschrift, die auf dem Siegelring Salomos steht, du wirst nimmer das Land der Menschen wiedersehen! Kann sich denn jemand von seiner Seele trennen? Höre deshalb auf meine Worte, oder ich töte dich.« Da schwieg sie, während er unverzüglich nach seiner Tochter Dschamre schickte und zu ihr sagte: »Dschamre, wisse, ich ziehe jetzt in den Streit wider die Stämme Esch-Schīsbâns, der Königin Kamarîje und der andern Könige der Dschânn. Besiege ich sie, so sei Gott gelobt, und du findest eine weiße Hand bei mir. Siehst du mich aber überwunden oder hörst du es durch einen Boten, so ermorde Tohfe auf der Stelle, daß sie weder mir noch ihnen gehört.« Hierauf verabschiedete er sich von ihr 144 und sagte zu ihr, indem er aufsaß: »Wenn dieses geschieht, so geh auf den Sichelberg und bleibe dort und warte, wie es mir ergeht und was ich dir sagen werde.« Sie erwiderte: »Ich höre und gehorche.« Als aber Tohfe diese Worte vernahm, hob sie an zu schluchzen und weinen und sprach: »Bei Gott, nichts thut mir so weh als die Trennung von meinem Herrn Er-Raschîd. Sterbe ich jedoch, so mag die Welt nach mir in Trümmer gehen.« Und sie war ihres Unterganges gewiß.

Hierauf brach Meimûn inmitten seines Heeres wider die Feinde auf und ließ im Schloß allein seine Tochter Dschamre, Tohfe und einen Ifrît, der ihm wert war. Als dann die beiden Heerscharen aufeinander stießen, griffen sie einander an und stritten aufs hitzigste wider einander, bis Esch-Schīsbâns Truppen zurückwichen, angesichts dessen Meimûn sie verachtete und verfolgte.

Soviel von ihnen. Inzwischen fuhr die Königin Kamarîje zu Schiff, bis sie unter dem Schloß Meimûns des Schwertträgers anlangte, in dem sich Tohfe befand, die nach dem vorausbestimmten Geschick zu jener Zeit grade im Belvedere des Schlosses saß und sich über Hārûn er-Raschîd und ihr Schicksal traurige Gedanken machte und über den ihr drohenden Tod weinte. Da gewahrte sie das Schiff und die Dschinn in Menschengestalt in ihm und rief: »Ach über dieses Schiff und die Menschen, die sich in ihm befinden!« Als sich aber Kamarîje und die andern Königinnen dem Schlosse näherten, blickten sie scharf aus und riefen, als sie Tohfe gewahrten: »Da sitzt Tohfe; Gott beraube uns nicht ihrer!« Hierauf ließen sie das Schiff vor Anker gehen und begaben sich auf die Insel unter das Schloß, wo sie die Teppiche ausbreiteten und sich setzten und aßen und tranken. Da rief Tohfe: »Willkommen, willkommen, ihr Gesichter! Dies sind die Töchter meines Oheims. Um Gott, o Dschamre, laß mich zu ihnen hinuntersteigen, daß ich eine Stunde bei ihnen sitze, um mit ihnen zu plaudern, und dann wieder 145 zurückkehre.« Dschamre versetzte jedoch: »Ich kann dies nimmer zulassen.« Da weinte Tohfe, während die Leute Wein brachten und tranken; und nun holte Kamarîje die Laute hervor und sang zu ihrem Spiel. Als aber Tohfe ihren Gesang vernahm, stieß sie einen lauten Schrei aus, daß die Leute es vernahmen, und Kamarîje rief: »Der Trost ist genaht.« Hierauf schaute Tohfe zu ihnen heraus und rief: »Ihr Töchter meines Oheims, ich bin einsam und fern von den Angehörigen und meiner Heimat. Bei Gott, dem Erhabenen, singt mir noch einmal das Lied!« Da wiederholte Kamarîje ihren Gesang, und Tohfe sank in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, sagte sie zu Dschamre: »Bei dem Gesandten Gottes, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – wenn du mich nicht zu ihnen hinuntersteigen lässest, daß ich sie sehe und eine Stunde bei ihnen sitze, stürze ich mich vom Schloß hinunter, denn ich bin des Lebens überdrüssig. Da ich so wie so das Leben lassen muß, so will ich mich lieber selber umbringen, bevor ihr mich richtet.« Dann bestürmte sie Dschamre mit Bitten, so daß diese sah, daß sie sich das Leben nehmen würde, wenn sie sie nicht hinunterließe, und sagte: »O Tohfe, zwischen dir und ihnen liegen tausend Ellen; jedoch will ich sie zu dir heraufkommen lassen.« Tohfe versetzte jedoch: »Ich muß zu ihnen hinuntergehen und auf der Insel spazieren und mir das Meer von nahe besehen; dann wollen wir beide wieder zurückkehren. Wenn du sie zu uns heraufführst, so werden sie Angst bekommen und weder fröhlich noch heiter sein. Ich will weiter nichts als bei ihnen sein, damit sie mich mit ihrer Gesellschaft erfreuen; sie sollen ihr Vergnügen nicht unterbrechen, damit ich mich bei ihnen aufheitere; ich schwöre, ich muß zu ihnen hinunter gehen oder ich stürze mich zu ihnen hinab.« Hierauf schmeichelte sie ihr so lange und küßte ihr die Hand, bis Dschamre zu ihr sagte: »Steh' auf, ich will dich zu ihnen bringen.« Dann faßte sie Tohfe unter die Achselgrube und flog mit ihr schneller als der blendende Blitz zu ihnen hinunter, worauf sie sie zu ihnen 146 setzte. Tohfe aber trat nun zu ihnen heran und sprach: »Fürchtet euch nicht, ich bin ein Mensch wie ihr und wünsche euch anzuschauen und mit euch zu plaudern und euern Gesang zu hören.« Da hießen sie Tohfe willkommen und blieben auf ihren Plätzen sitzen, während sich Dschamre abseits von ihnen setzte und ihren Geruch einatmete und sprach: »Ich wittere den Geruch der Dschânn, woher mag er nur kommen?« Wachîme aber sagte nun zu ihrer Schwester Kamarîje: »Dies ist eine Ruchlose, und sofort wird sie entfliehen; was soll dies Säumen?« Da streckte Kamarîje einen Arm gleich dem Hals eines Lastkamels aus und versetzte ihr einen Schlag wider den Kopf, der ihn von ihrem Rumpf herunterholte und ins Meer warf. Dann rief sie: »Allāh Akbar! Gott ist groß!« worauf alle ihre Gesichter enthüllten. Tohfe erkannte sie und flehte sie um Schutz an, und nun umarmten sie die Königinnen Kamarîje, Salsale, Scharâre und Wachîme, und die Königin Kamarîje sagte zu ihr: »Vernimm die Freudenbotschaft von deiner Rettung; du hast nichts mehr zu befürchten, jedoch ist dies nicht die Zeit zum Reden.« Dann stießen sie einen Schrei aus, worauf die Ifrîte, die sich auf der Insel in den Hinterhalt gelegt hatten, mit Schwertern und Keulen in den Händen zum Vorschein kamen und mit Tohfe zum Schloß flogen, das sie einnahmen, während jener Ifrît, der Meimûn teuer war und Duchân hieß, wie ein Pfeil von dannen flog, bis er zu Meimûn gelangte, welcher gerade mit den Dschinn einen hitzigen Kampf stritt. Als Meimûn ihn erblickte, schrie er ihn an und rief: »Weh dir, wen ließest du im Schloß zurück?« Duchân versetzte: »Wer ist denn noch im Schloß? Sie haben deine Geliebte Tohfe genommen, deine Tochter Dschamre erschlagen und das ganze Schloß erobert.« Als Meimûn dies Unheil vernahm, schlug er sich vors Gesicht und Haupt und rief: »Ach was für ein Unglück!« Und er schrie laut. Kamarîje aber hatte zu ihrem Vater geschickt und ihm die Sache berichtet, so daß der Rabe der Trennung unter ihnen krächzte und die Dschinn 147 Meimûn und sein Heer mit den Schwingen der Trennung schlugen. Als Meimûn sah, was über ihn herabgekommen war, kehrte er die Spitze seiner Lanze wider sein Herz und pflanzte die Ferse derselben in die Erde. Dann spornte er sein Roß wider sie und preßte seine Brust gegen ihre Spitze, daß sie ihm blitzend zum Rücken herauskam. Inzwischen hatte der Bote die Kunde von Tohfes Befreiung überbracht, und der Scheich Abū Tawâif schenkte ihm erfreut für seine gute Nachricht ein kostbares Ehrenkleid und machte ihn zum Befehlshaber über eine Dschânnenschar. Dann griffen sie Meimûns Streiter an und tilgten sie bis auf den letzten Mann aus, bis sie auf Meimûn stießen und ihn in dem Zustande, wie oben erwähnt, tot vorfanden. Alsdann kamen Kamarîje und ihre Schwester zu ihrem Vater und teilten ihm mit, was sie gethan hatten, worauf er sich zu Tohfe begab und sie begrüßte und zu ihrer Errettung beglückwünschte. Hierauf übergaben sie Meimûns Schloß Salhab und nahmen alles Gut Meimûns und schenkten es Tohfe. Während sich dann alle auf dem Sichelberg lagerten, sagte der Scheich Abū Tawâif zu Tohfe: »Nichts für ungut,« wofür sie ihm die Hände küßte. In demselben Augenblick aber kamen die Stämme der Dschânn gleich Wolken zu ihnen, und allen voran die Königin Esch-Schahbā, in der Hand ein gezücktes Schwert haltend. Als sie sich dem Volk näherte, küßten alle die Erde vor ihr, während sie zu ihnen sagte: »Teilt mir mit, was dieser Hund Meimûn mit der Herrin Tohfe gethan hat, und weshalb ihr nicht zu mir schicktet und mich davon benachrichtigtet.« Sie versetzten: »Wer ist denn dieser Hund, daß wir um seinetwillen zu dir schicken sollten? Er war der geringste und niedrigste der Dschânn.« Hierauf erzählten sie ihr, was Kamarîje und ihre Schwestern gethan und wie sie ihn überlistet und Tohfe aus seinen Händen befreit hatten, damit er sie nicht ermordete, wenn er sich überwunden gesehen hätte. Da sagte die Königin Esch-Schahbā: »Bei Gott, jener Verruchte pflegte sie stets anzustieren!« Dann fing Tohfe 148 an der Königin Esch-Schahbā die Hand zu küssen, während diese sie an ihre Brust zog und küßte und sagte: »Die Drangsal ist vorüber, freue dich über deine Befreiung!« Hierauf erhoben sie sich und stiegen hinauf ins Schloß, wo ihnen die Speisetische aufgetragen wurden und sie aßen und tranken. Dann sprach die Königin Esch-Schahbā: »O Tohfe, sing' uns ein Lied als Errettungskonfekt und gewähre uns, was unser Gemüt erfreut, denn mein Gemüt war um dich bekümmert.« Tohfe versetzte: »Ich höre und gehorche, meine Herrin,« und sang die Verse:

»Zephyr des Ostens, streichst du vorüber am Land des Geliebten
So richte ihm aus von mir den besten Salâm.
Sag' ihm, daß ich ein Pfand der zärtlichsten Liebe sei,
Und daß meine Sehnsucht alle Sehnsucht übertrifft.«

Die Königin Esch-Schahbā und alle Anwesenden waren entzückt hierüber und küßten sie, ihre Worte rühmend, Kamarîje aber sagte zu ihr, nachdem sie ihren Gesang beendet hatte: »Meine Schwester, bevor du zu deinem Schloß zurückkehrst, möchte ich dir El-Ankā, die Tochter Bahrâm Dschûrs, die El-Ankā, die Tochter des Windes, geraubt hat, zeigen und dich ihre Schönheit bewundern lassen, denn auf der ganzen Erde hat sie nicht ihresgleichen.« Da sagte die Königin Esch-Schahbā: »O Kamarîje, ich möchte sie ebenfalls gern sehen.« Kamarîje erwiderte: »Ich sah sie vor drei Jahren, jedoch sieht meine Schwester Wachîme sie zu allen Zeiten, da sie nahe bei ihnen wohnt, und sie sagt, daß es auf der ganzen Welt keine Schönere gäbe als sie; die Königin El-Ankā ist deshalb auch wegen ihrer Schönheit und Anmut zum Sprichwort geworden.« Und nun sagte auch Wachîme: »Bei der erhabenen Inschrift, die auf dem Siegelring Salomos steht, es giebt keine schönere als sie, und sie hat nicht ihresgleichen.« Da sagte die Königin Esch-Schahbā: »Wenn es denn sein muß und die Sache so steht, wie ihr es sagt, so will ich Tohfe nehmen und mit ihr zu El-Ankā gehen, damit sie sie schaut.« Hierauf erhoben sich alle und machten 149 sich zu El-Ankā auf den Weg, die auf dem Berge Kâf wohnte. Als El-Ankā sie erblickte, ging sie ihnen entgegen und begrüßte sie und sprach: »Meine Herrinnen, mag ich euch nie verlieren!« Wachîme antwortete ihr: »Wer ist wie du, o Ankā? Die Königin Esch-Schahbā« ist zu dir gekommen.« Da küßte El-Ankā der Königin Esch-Schahbā den Fuß und brachte alle in ihrem Schloß unter. Hierauf trat Tohfe an El-Ankā heran und bedeckte sie mit Küssen und sprach: »Nie habe ich ein schöneres Bild als dies gesehen.« Dann brachte sie ihnen etwas zu essen, und sie aßen und wuschen sich die Hände, worauf Tohfe die Laute nahm und sie trefflich spielte. Dann spielte auch El-Ankā, und alle begannen abwechselnd Verse vorzutragen, während Tohfe alle Augenblicke El-Ankā an die Brust preßte; und die Königin Esch-Schahbā rief: »Meine Schwester, jeder Kuß ist tausend Dinare wert,« worauf Tohfe sagte: »Tausend Dinare sind wenig dafür.« El-Ankā lachte hierzu, und so verbrachten sie bei ihr die Nacht. Am andern Morgen nahmen sie von ihr Abschied und kehrten zu Meimûns Schloß zurück, wo die Königin Esch-Schahbā sich von ihnen verabschiedete und mit ihrem Heer in ihr Schloß heimkehrte. Ebenso kehrten die Könige zu ihren Schlössern heim, während der Scheich Abū Tawâif Tohfe bis zur Nacht unterhielt, worauf er sie auf den Rücken eines Ifrîts setzte und dreißig andern Ifrîten befahl, alles, was sie an Geld, Ehrenkleidern, Juwelen und Kleidungsstücken erhalten hatte zusammenzubringen. Dann flogen sie fort, von Iblîs begleitet, und schneller als im Nu setzte er sie in ihrem Gemach ab, worauf sich Iblîs und die Ifrîte, die bei ihm waren, von ihr verabschiedeten und fortflogen, während Tohfen der Verstand vor Freude fortflog. Wie sie nun wieder auf ihrem Polster saß, als hätte sie ihren Raum nie verlassen, nahm sie die Laute, spannte ihre Saiten und spielte auf ihr wunderbar und sang und trug Verse vor. Als aber der Eunuch das Lautenspiel im Gemach vernahm, rief er: »Bei Gott, das ist das Spiel meiner Herrin Tohfe!« 150 Hierauf lief er wie ein Verrückter stolpernd zum wachhabenden Eunuchen am Thor des Fürsten der Gläubigen, den er dort sitzend antraf. Als der Obereunuch ihn wie einen Verrückten im Laufen stolpernd herankommen sah, fragte er ihn: »Was fehlt dir, und was führt dich zu dieser Stunde hierher?« Er erwiderte: »Wecke schleunigst den Fürsten der Gläubigen;« und er schrie ihn an. Der Fürst der Gläubigen wachte hiervon auf, und, als er nun beide miteinander Worte wechseln und den Eunuchen rufen hörte: »Wecke schleunigst den Fürsten der Gläubigen,« – da fragte er: »Sawâb, was ist los?« Der Eunuche versetzte: »Mein Herr, der Eunuche von Tohfes Zimmer hat den Verstand verloren und schreit: »Wecke schleunigst den Fürsten der Gläubigen.« Da sagte Er-Raschîd zu einer seiner Sklavinnen: »Sieh nach, was vorgefallen ist.« Das Mädchen lief hinaus und hieß den Eunuchen eintreten, der dem Chalifen weder den Salâm bot noch die Erde vor ihm küßte, sondern rief: »Schnell, mach' dich auf, die Herrin Tohfe sitzt in ihrem Zimmer und singt hübsch. Komm schnell zu ihr und sieh' alles, was ich dir sage. Hurtig, sie sitzt da.« Da ward Er-Raschîd verwirrt und sagte: »Was sprichst du da?« Der Eunuch erwiderte: »Hast du nicht meine ersten Worte vernommen? Tohfe sitzt in ihrem Zimmer und singt und schlägt die Laute; steh' auf und eile, so schnell du kannst.« Da sprang Er-Raschîd auf und zog seine Sachen an; doch glaubte er den Worten des Eunuchen nicht, sondern sagte zu ihm: »Wehe dir, was sprichst du da? Hast du dies nicht im Traum gesehen?« Der Eunuch versetzte: »Bei Gott, ich weiß nicht, was du sagst; ich schlief nicht.« Er-Raschîd entgegnete: »Wenn deine Worte wahr sind, so sollen sie dir Glück bringen, sind sie aber nicht wahr, und hast du dies nur geträumt, so kreuzige ich dich. Hast du aber die Wahrheit gesprochen, so gebe ich dich frei und schenke dir tausend Dinare.« Da sprach der Eunuch bei sich: »O Schützer, laß mich dies nicht geträumt haben!« Hierauf lief er dem Fürsten der Gläubigen voran an die Thür ihres Zimmers 151 und, als er dort das Lautenspiel und den Gesang vernahm, kehrte er zu Er-Raschîd zurück und sagte: »Geh' und höre und sieh' wer schläft.« Als sich nun Er-Raschîd dem Gemach näherte und das Lautenspiel und Tohfes Gesang hörte, verlor er die Herrschaft über seine Sinne und wäre beinahe in Ohnmacht gesunken. Er zog die Schlüssel hervor, jedoch vermochte er im Übermaß seiner Freude die Thüre nicht zu öffnen, bis er endlich sein Herz stärkte und mit Mühe die Thür öffnete und eintrat, indem er sprach: »Ich glaube, dies ist alles nur ein Traum, und es sind weiter nichts als wirre Nachtgesichte.« Als ihn nun aber Tohfe erblickte, erhob sie sich und eilte ihm entgegen und preßte ihn an ihre Brust, worauf er einen Schrei ausstieß, als gäbe er den Geist auf, und die Besinnung verlor. Da preßte sie ihn an ihre Brust und besprengte ihn mit Rosenwasser und Moschus und wusch ihm das Gesicht, bis er wieder zu sich kam; doch war er wie ein Trunkener und weinte im Übermaß seiner Freude über Tohfes Rückkehr zu ihm, nachdem er bereits alle Hoffnung aufgegeben hatte. Hierauf nahm Tohfe die Laute und spielte ihm die Weise, die sie vom Scheich Iblîs gelernt hatte, daß sein Verstand im Übermaß des Entzückens und der Freude sich verwirrte und verstörte; dann trug sie die Verse vor und sang:

»Bin ich fern von dir, so glaubt mein Herz es doch nicht,
Denn das Herz, in dem du wohnst, ist nicht fern.
Und sprichst du zu mir: »Ich bin fern,« so sag' ich. »Das ist gelogen,«
Und so schwank' ich zwischen Glauben und Zweifel.«

Als sie ihr Lied beendet hatte, sagte Er-Raschîd: »O Tohfe, deine Abwesenheit war wunderbar, doch noch wunderbarer ist deine Anwesenheit.« Sie versetzte: »Bei Gott, du hast recht, mein Herr.« Alsdann faßte sie ihn bei der Hand und sagte: »O Fürst der Gläubigen, schau', was ich gebracht habe.« Da betrachtete der Chalife die Schätze, wie sie weder registriert noch mit Worten beschrieben werden können: Perlen, Juwelen, Hyazinthe, Edelsteine, große Perlen, prächtige mit Perlen und 152 Edelsteinen geschmückte und mit rotem Gold bestickte Ehrenkleider und Sachen, wie sie Er-Raschîd sein Lebenlang nicht geschaut hatte; er sah die Geschenke, die ihr die Königin Esch-Schahbā geschenkt hatte, jene Teppiche, die sie mit sich gebracht hatte, den Thron, wie seinesgleichen kein Kisrā oder Kaiser besessen hatte, die perlen- und edelsteinbesetzten Tische, das Geschirr, das alle, die es sahen, verwirrte, die Krone, die der Knabe, der beschnitten ward, auf dem Haupt getragen hatte, die Ehrenkleider, die ihr die Königin Esch-Schahbā und der Scheich Abū Tawâif geschenkt hatten, deren Beschreibung der Zunge zu schwer fällt, und die alle Beschauer blendeten, und die Platten, auf denen sich alle jene Schätze befanden. Verwirrt und geblendet von allem, was er zu schauen bekam, sagte Er-Raschîd: »Erzähle mir deine Geschichte von Anfang bis zu Ende, als wäre ich selber zugegen gewesen.« Tohfe versetzte: »Ich höre und gehorche;« und so erzählte sie ihm alle ihre Erlebnisse von Anfang bis zu Ende, und er verwunderte sich höchlichst darüber und ward vor Staunen starr. All das Gut aber, das Tohfe mitgebracht hatte, ward die Ursache des Reichtums der Barmekiden und Abbasiden, und sie lebten in dauernder Wonne. Alsdann ging der Fürst der Gläubigen hinaus und befahl die Stadt zu schmücken; und die Freudentrommeln wirbelten, Bankette wurden gefeiert und die Tische sieben Tage lang aufgetragen. Tohfe aber und der Fürst der Gläubigen führten das wonnigste und angenehmste Leben, bis der Zerstörer der Freuden und der Trenner der Vereinigungen sie heimsuchte. Und dies ist alles, was uns von ihrer Geschichte überkommen ist.

 


 

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