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Tausend und eine Nacht. Band XIX

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XIX - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XIX
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages191
created20180505
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtundzwanzigste Nacht.

Die Geschichte des Königs von Indien und seines Wesirs.

»Wisse, o glückseliger König, in Indien lebte einmal ein König, ruhmvoll an Macht und voll Verstand und Klugheit, dessen Name Schâh Bacht war. Dieser König hatte einen rechtschaffenen, verständigen, klugen, ihm an Einsicht entsprechenden Wesir von trefflichem Rat, der die Regierung voll Verstand und in Gerechtigkeit führte. Er hatte deshalb viele Neider und Scheelsüchtige, die Fehler an ihm suchten und ihm Fallen stellten, bis sie im Auge des Königs Haß und Feindschaft gegen ihn erzeugten und in sein Herz Groll wider ihn säten. Sie schmiedeten ein Komplott nach dem andern wider ihn, und ihr Ingrimm gegen ihn wuchs immer mehr, bis der König dazu gebracht wurde, ihn festzunehmen und 54 einzusperren, sein Gut einzuziehen und ihn abzusetzen. Als sie aber sahen, daß ihm nichts mehr verblieb, wonach der König hätte Verlangen tragen können, fürchteten sie, daß der König ihn wegen seiner Einsicht freilassen und wieder in seine frühere Stellung einsetzen könne, so daß dann ihre Pläne verdorben und sie selber degradiert würden, da sie wußten, daß der König seiner trefflichen Eigenschaften bedürfen und nichts, dessen er von ihm gewohnt war, vergessen würde. Da traf es sich, daß ein Ketzer einen Weg zur Fälschung und gleißnerischen Heuchelei fand, indem von ihm etwas betrieben ward, was die Herzen des Volkes einnahm und ihren Sinn durch Lügen verdarb. Er betrieb nämlich indische Trügereien und machte sie zu einem Beweis für die Negation des Schöpfers, des Erschaffers, – verherrlicht sei seine Allmacht, der da hocherhaben ist über die Worte der Verleugner! – So sagte er, daß die Sterne die Geschicke der Welt leiteten und setzte zwölf Häuser für die zwölf Sternbilder des Zodiekus fest, indem er jedes Sternbild in dreißig Grade nach der Zahl der Tage im Monat einteilte, so daß die zwölf Sternbilder in dreihundertundsechzig Grade nach der Zahl der Tage im Jahre eingeteilt wurden. Dann fertigte er ein Werk voll Lüge, Unglauben und Gottesleugnung an, – gesegnet sei Gott, der Erhabene! – und umgarnte den König, und die Neider und Hasser standen ihm wider den Wesir bei, indem sie sich bei dem König einschmeichelten und ihm eine üble Meinung von dem Wesir beibrachten, bis er von ihm das Erwünschte erlangte und der König ihn vertrieb. So erreichte der Mann, was er wollte; als nun aber dieser Zustand längere Zeit dauerte und die Verhältnisse des Reiches durch schlechte Regierung in Unordnung gerieten, und der größte Teil des Reiches vom König abfiel, so daß er dem Untergang nahe kam, da erkannte der König, daß ihn der Wesir gut und einsichtsvoll beraten hatte, und ließ ihn und den Unhold vor sich kommen, worauf er die Großen und Vornehmen des Königreiches und seinen Hofstaat versammelte und ihnen zu 55 disputieren erlaubte, indem er den Unhold von seinem gottlosen Glauben abschreckte. Da erhob sich der verständige und weise Wesir, lobte und pries und rühmte Gott, den Erhabenen, heiligte ihn und bezeugte seine Einheit; dann disputierte er mit dem Unhold und überwand ihn, so daß er verstummte; und er ließ nicht eher von ihm ab, bis er ihn zum Geständnis zwang, seinen Glauben zu bereuen. Der König Schâh Bacht freute sich mächtig hierüber und sprach: »Gelobt sei Gott, der mich von diesem Mann befreit und mich vor dem Verlust meines Königreiches und Wohlstandes errettet hat!« So kam die Sache des Wesirs wieder in Ordnung, und der König setzte ihn wieder in seine Stellung ein und erhöhte seinen Rang, worauf er die Leute, die ihn angeschwärzt hatten, versammelte und bis auf den letzten Mann vertilgte.«

Wie ähnlich ist aber diese Geschichte mit der Geschichte des Königs Schâh Bacht, insofern er seine Gesinnung gegen mich wechselte und andern gegen mich Glauben schenkte! Nun aber ist dir die Lauterkeit meines Thuns erwiesen, denn Gott der Erhabene, hat dir Weisheit inspiriert und Langmut und Geduld verliehen, daß du von mir hörtest, was er den Früheren gewährte, bis er dir meine Unschuld offenbarte und die Wahrheit zeigte. Denn siehe, die Tage, in denen ich mein Herzd. h. meinen König, den ich wie mein eigenes Herz liebe. morden sollte, der Monat ist nun verstrichen, die Zeit der Unnahbarkeit und des Unglücks ist vorüber und nahm unter Gottes glücklichem Schutz für den König ein Ende.« Hierauf neigte er sein Haupt und schwieg. Als aber der König Schâh Bacht die Worte seines Wesirs vernommen hatte, ward er vor ihm verlegen und beschämt und verwunderte sich über die Würde seines Verstandes und seine Standhaftigkeit. Dann sprang er auf ihn zu, umarmte ihn, während der Wesir ihm die Füße küßte, und brachte ihm ein kostbares Ehrenkleid, in das er ihn kleidete. Hierauf 56 erwies er ihm die größte Huld, zog ihn in seine Nähe und setzte ihn wieder in seinen Rang und sein Wesirat ein. Seine Feinde aber, die seinen Untergang durch Lügen betrieben hatten, sperrte er ein und gab ihm freie Verfügung über den Hakîm, der ihm den Traum ausgelegt hatte. Und so führte der Wesir wieder die Regierung, bis ihn der Tod erreichte. Das ist's, o König der Zeit, was von der Geschichte des Wesirs Er-Rahwân und seines Königs Schâh Bacht auf uns gekommen ist.

 


 

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