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Tausend und eine Nacht. Band XII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XII - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages200
created20180225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Abū Ishâk Ibrāhîm von Mossul der Tischgenosse und der Teufel.

Ferner berichtet man, daß Abū Ishâk Ibrāhîm el-Mausilī folgende Geschichte erzählte: Einmal bat ich Er-Raschîd, mir für einen Tag die Erlaubnis zu gewähren, zu Hause bei meinen Angehörigen und Brüdern zu bleiben, und er gab mir die Erlaubnis für einen Sabbath. Wie ich nun nach Hause kam, machte ich mich daran mir Speise und Trank herzurichten und, was sonst noch erforderlich war, und befahl den Thürhütern die Thüren zu verschließen und keinen zu mir hereinzulassen. Während ich aber im Wohnzimmer saß, umgeben von meinem Harem, erschien mit einem Male ein Scheich von anmutiger, ehrwürdiger Erscheinung, in weißen Kleidern und feinem Hemd, der auf seinem Haupt einen Doktorturban und in der Hand einen Stab mit silbernem Griff trug und süße Düfte ausströmte, daß das ganze Haus und die Vorhalle davon erfüllt war. Ich erzürnte mich heftig über sein Eintreten und wollte schon die Thürhüter fortjagen, als er mir den schönsten Salâm bot, so daß ich ihm denselben erwiderte und ihn aufforderte Platz zu nehmen. Er that es und begann mich nun mit Geschichten von den Arabern und ihren Versen zu unterhalten, daß all mein Zorn schwand und ich wähnte, meine Burschen hätten ihn wegen seiner Bildung und seines seinen Benehmens absichtlich zu mir hereingelassen, um mich zu erfreuen. Darauf fragte ich ihn: »Hast du Lust zu essen?« Er versetzte: »Ich trage kein Verlangen danach.« – »Vielleicht aber möchtest du etwas trinken?« fragte ich nun. Er antwortete: 29 »Nach deinem Belieben.« Da trank ich ein Maß und schenkte ihm ebenso viel ein, worauf er zu mir sagte: »Abū Ishâk, hättest du nicht Lust uns etwas vorzusingen, daß wir von deiner Kunst das hören, worin du Vornehm und Gering übertriffst?« Ich erzürnte mich über seine Worte, doch, meinen Ärger überwindend, langte ich nach der Laute und spielte und sang. Dann rief er: »Bravo, Abū Ishâk!« und setzte »Ibrāhîm« hinzu, so daß ich noch ärgerlicher ward und bei mir sprach: »Genügt es ihm nicht, ohne Erlaubnis bei mir eingetreten zu sein und mich zu belästigen, daß er mich auch noch bei meinem Namen nennt, als wüßte er nicht, wie er mich anzureden härte?«Als gänzlich Fremder hätte er ihn mit »mein Herr« anreden müssen. Er aber fuhr fort: »Wenn du uns noch mehr vorsingst, so wollen wir dich dafür belohnen.« Da bezwang ich meinen Unwillen, und, von neuem die Laute fassend, sang ich, indem ich mich zusammennahm und beim Singen aufrecht stand, im Hinblick auf die Belohnung, die er mir versprochen hatte.

Sechshundertundachtundachtzigste Nacht.

Entzückt rief er nun: »Bravo, mein Herr!« und bat mich um Erlaubnis, gleichfalls etwas singen zu dürfen. Ich erwiderte: »Wie es dir beliebt,« ihn für einen Schwachkopf haltend, daß er in meiner Gegenwart nach dem, was er von mir gehört hatte, singen wollte. Er aber nahm die Laute und tastete über ihre Saiten, daß ich, bei Gott, die Laute deutlich mit wohltönender Stimme arabisch singen zu hören vermeinte. Alsdann sang er die Verse:

Ich hab ein wundes Herz, ach, wer verkauft mir dafür
Ein Herz, das frei ist von allem Fehl?
Es weigert sich jeder, mein Herz zu kaufen,
Wer kaufte auch Krankes für das, was heil!
Die Sehnsucht beengt mich als sollt ich ersticken,
Und ich stöhne wie ein vom Wein Verwundeter. 30

Ich glaubte wirklich, die Thüren, die Wände und alles, was sich im Hause befand, gäbe ihm Antwort und sänge wegen seiner schönen Stimme mit ihm, bis ich schließlich wähnte, meine eigenen Glieder und Kleider zu hören, wie sie ihm Antwort gaben, und ganz dumm dasaß, ohne in der Aufregung meines Herzens ein Wort sprechen oder mich rühren zu können. Da sang er noch die folgenden Verse:

Ihr Turteltauben von Liwā fliegt von hinnen,
Denn euer Girren schafft mir Trauer.
Da flogen sie waldwärts und raubten mir fast das Leben,
Und fast auch hätte ich mein Geheimnis ihnen verraten.
Mit ihrem Gegirr rufen sie einen, der fern weilt,
Als hätten sie Wein getrunken und wären vom Wahnsinn erfaßt.
Tauben gleich ihnen sah nimmer mein Auge,
Die weinen, ohne Thränen aus ihrem Aug' zu vergießen.

Nach diesen Versen sang er schließlich noch folgendes Lied:

O Zephyr von Nedschd, wenn von Nedschd du wehst,
Mit deinem Wehen dann häufst du nur Weh auf Weh.
m Morgenschimmer hört' ich der Taube Gegirr
Vom Gezweig des Bâns und des Lorbeerbaums.
Wie ein Knabe vor Liebe weint, so weinte auch sie
Und verriet ihre Sehnsucht, was nimmer ich thät'.
Man sagt wohl, Liebender Nähe macht Liebe kühl
Und Trennung heilt hier die Herzen vom Liebesweh.
Beides versuchte ich hier, doch heilte mich nichts,
Nur weiß ich gewiß, die Nähe ist besser als Fernsein.
Jedoch auch Nähe nützt liebenden Herzen nichts,
Wenn Liebe nicht von Liebe erwidert wird.

Hierauf sagte er: »Ibrāhîm, sing dieses Lied noch einmal und lehre es in derselben Melodie deine Sklavinnen.« Ich erwiderte: »Wiederhole es noch einmal.« Er versetzte jedoch: »Es bedarf bei dir keiner Wiederholung; du hast das Lied behalten und kennst es genau.« Alsdann verschwand er vor mir, so daß ich verwundert mein Schwert zog und nach der Haremsthür stürzte. Da ich sie jedoch verschlossen fand, fragte ich die Mädchen, was sie gehört hätten, worauf sie erwiderten: »Wir hörten den süßesten und schönsten Gesang.« 31 Da ging ich verwirrt zur Hausthür hinaus, doch fand ich sie ebenfalls verschlossen, und, als ich die Thürhüter nach dem Scheich fragte, entgegneten sie: »Welcher Scheich? Bei Gott, heute ist keiner zu dir hereingekommen.« Da kehrte ich nachdenklich über die Geschichte zurück, als mit einem Male eine Stimme aus einer Ecke des Hauses rief: »Sei unbesorgt, Abū Ishâk; siehe, ich bin's, Abū Murre, der Vater der Bitternis,Beiname des Teufels. der ich dein Zechgenoß heute war, und du sei ohne Furcht.« Da ritt ich zu Er-Raschîd und teilte ihm den Vorfall mit, worauf er zu mir sprach: »Singe mir die Weisen, die du von ihm hörtest.« Und so nahm ich die Laute und trug die Weisen zu ihrem Spiel vor, da sie fest in meine Brust gepflanzt waren. Der Chalife aber war von ihnen so entzückt, daß er bei ihrem Vortrag zu trinken begann, wiewohl er sonst kein Zecher war, und rief: »Ach, möchte er uns doch auch nur einen einzigen Tag mit seinem Besuch erfreuen, wie er dich erfreut hat!« Hierauf verordnete er mir ein Angebinde, mir dem ich abzog.«

 


 

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