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Tausend und eine Nacht. Band XII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XII - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages200
created20180225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Geschichte El-Asmaīs von den Versen dreier Mädchen.

Ferner erzählt man, daß der Fürst der Gläubigen Hārûn er-Raschîd eines Nachts gar nicht einschlafen konnte, so daß er sich von seinem Lager erhob und von Gemach zu Gemach wanderte, ohne ruhiger zu werden. Infolge dessen befahl er bei Tagesanbruch: »Her mit El-AsmaīEl-Asmaī ist der Verfasser des berühmten Heldenromans »Antar«. Da ging der Eunuch zu den Thürstehern hinaus und sprach zu ihnen: »Der Fürst der Gläubigen befiehlt euch nach El-Asmaī zu schicken.« Als dieser kam, und dem Chalifen hiervon berichtet wurde, befahl er ihn einzulassen, und, ihn sitzen heißend, bewillkommnete er ihn und sprach zu ihm: »Asmaī, ich wünsche, daß du mir die schönste Geschichte erzählst, die du über Frauen und ihre Verse gehört hast.« Er erwiderte: »Ich höre und gehorche; ich habe viele solche Geschichten gehört, doch gefielen mir am meisten drei Verse von drei jungen Mädchen gesprochen.«

Sechshundertundsiebenundachtzigste Nacht.

Da sagte der Chalife: »Erzähle ihre Geschichte;« worauf El-Asmaī anhob: »Wisse, o Fürst der Gläubigen, ich lebte eines Jahres in Basra und wurde eines Tages von der Hitze so bedrückt, daß ich nach einem Platz für ein Mittagsschläfchen suchte, ohne einen solchen zu finden. Während ich mich hierbei nach rechts und links wendete, kam ich zu einer gepflegten und besprengten Vorhalle, in welcher eine 26 Holzbank unter einem geöffneten Fenster stand, aus dem Moschusduft strömte. Da trat ich in die Halle, und, mich auf die Bank setzend, wollte ich mich auf die Seite legen, als ich ein Mädchen mit süßer Stimme die Worte sagen hörte: »Meine Schwestern, wir sitzen heute hier, um uns die Zeit angenehm zu vertreiben. Laßt uns daher dreihundert Dinare niederlegen und eine jede einen Vers sprechen. Wer den süßesten und hübschesten Vers gesprochen hat, die soll die dreihundert Dinare bekommen.« Da sagten sie: »Sehr gern,« und die älteste von ihnen sprach folgenden Vers:

Wie schön wär's, wenn er im Schlaf mein Lager besuchte!
Doch schöner noch wär' sein Besuch, wenn ich wachte.«

Hierauf sprach die mittlere folgenden Vers:

»Sein Traumbild allein besucht mich im Schlaf,
Doch sprech' ich: Willkommen von Herzen, willkommen sei mir!«

Alsdann sprach die jüngste den Vers:

»Meine Sippe und Seele für ihn, der Nacht für Nacht
Süßduftend von Moschus mein Bettgenoß ist!«

Da sprach ich bei mir: »Wenn diese ebenso schön ist als ihre Verse, so ist die Sache in jeder Weise vollkommen.« Alsdann stieg ich von der Bank herunter und wollte fortgehen, als sich die Thür öffnete und ein Mädchen heraustrat, das zu mir sprach: »Bleib sitzen, Scheich.« Da stieg ich wieder auf die Bank und setzte mich, worauf sie mir ein Blatt überreichte, auf dem ich eine Schrift von äußerster Schönheit erblickte, mit aufrechten Alifs, dickbäuchigen Hās und wohlgerundeten Wāws,Die Buchstaben a, h, w. welche folgendes besagte: Wir teilen dem Scheich – dessen Tage Gott verlängern möge – mit, daß wir drei Schwestern sind, die in angenehmem Zeitvertreib dasitzen, indem wir dreihundert Dinare niedergelegt und ausgemacht haben, daß diejenige von uns, die den süßesten und hübschesten Vers spricht, die dreihundert 27 Dinare haben soll. Wir ernennen dich in dieser Sache zu unserm Schiedsrichter, entscheide daher nach bestem Wissen; und Frieden sei auf dir! – Da sprach ich zu dem Mädchen: »Her mit Tinte und Papier!« Nach kurzer Abwesenheit kam sie wieder mit versilbertem Tintenfaß und vergoldeten Kalams heraus, worauf ich die ganze Geschichte in Versen zusammenfaßte und der jüngsten den Preis zusprach. Hierauf übergab ich das Blatt dem Mädchen, und mit einem Male hörte ich, als sie wieder hinaufgegangen war, im Obergemach Tanzen, Händeklatschen und einen Höllenlärm. Da sprach ich bei mir: »Ich habe hier nicht länger zu verweilen,« und, von der Bank hinuntersteigend, wollte ich fortgehen, als das Mädchen mir zurief: »Bleib' sitzen, Asmaī.« Da fragte ich sie: »Wer hat dir gesagt, daß ich El-Asmaī bin?« Sie erwiderte: »O Scheich, wenn wir auch deinen Namen nicht kennen, so kennen wir doch deine Verse.« Ich setzte mich nun wieder, und siehe, da öffnete sich die Thür, und heraus trat das erste Mädchen mit einer Platte Obst und einer Platte Süßigkeiten in der Hand, worauf ich mich an dem Obst und den Süßigkeiten erlabte und sie wegen ihrer Aufmerksamkeit lobte. Als ich dann fortgehen wollte, rief sie mir von neuem zu: »Bleib sitzen, Asmaī;« und, als ich nun meinen Blick zu ihr hob, sah ich eine rote Hand in einem gelben Ärmel, daß ich den Vollmond aus Wolken aufgehen zu sehen vermeinte. Sie aber warf mir einen Beutel mit dreihundert Dinaren zu und sprach: »Das gehört mir, und ich gebe es dir als Geschenk für deinen Schiedsspruch.« Da fragte der Fürst der Gläubigen: »Warum entschiedst du für die Jüngste?« El-Asmaī antwortete: »O Fürst der Gläubigen, Gott verlängere deine Tage! Siehe, die Älteste sprach: Wie schön, wenn er im Schlaf mein Lager besucht! Nun ist dies eine Einschränkung, die von einer Bedingung abhängt, welche eintreten oder nicht eintreten mag. Die Mittlere sah ein Traumbild im Schlaf und begrüßte es; die Jüngste aber sprach in ihrem Verse aus, daß sie leibhaftig 28 an seiner Seite geruht und seinen Odem süßer duftend als Moschus gerochen hatte; und sie gelobte ihr Leben und ihre Sippe für sein Leben, welches erstere sie nicht gethan hätte, wenn er ihr nicht teurer als ihr Leben gewesen wäre.« Da versetzte der Chalife: »So war's recht, Asmaī,« und schenkte ihm ebenfalls dreihundert Dinare für seinen Richterspruch.

 


 

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