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Tausend und eine Nacht. Band XII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XII - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages200
created20180225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hārûn er-Raschîd und die junge Beduinin.

Ferner erzählt man, daß der Fürst der Gläubigen Hārûn er-Raschîd eines Tages mit Dschaafar dem Barmekiden des Weges einherzog, als er eine Anzahl Mädchen Wasser schöpfen sah, worauf er zu ihnen abbog, um Wasser zu trinken. Da wendete sich eins der Mädchen zu den andern und sprach die Verse:

Heiß' dein Traumbild entschweben von meinem Lager zur Schlafenszeit,
Daß ich Ruhe finde, und daß die Feuersglut in meinen Gebeinen erlischt.
Einen Siechen rollen die Hände der Sehnsucht auf dem Krankenlager,
Wie es mit mir steht, daß weißt du, warum denn kommst du nicht zu mir?

Entzückt von ihrer Schönheit und Beredsamkeit, –

Sechshundertundsechsundachtzigste Nacht.

sprach der Chalife zu ihr: »O Tochter der Edlen, sind die Verse von dir oder von einem andern?« Sie versetzte: 24 »Sie sind von mir.« Da sagte er: »So du die Wahrheit sprichst, so behalte den Sinn bei und ändere den Reim.« Sie that es, und, als der Chalife von neuem Zweifel hegte, veränderte sie den Reim noch zweimal, ohne den Sinn der Verse zu ändern, worauf der Fürst der Gläubigen sie fragte: »Woher aus diesem Lager stammst du?« Sie erwiderte: »Aus dem mittelsten Zelt mit den höchsten Pfählen.« Da erkannte der Chalife, daß sie die Tochter des Stammesoberhauptes war. Nun aber fragte sie ihn: »Und du, von welchen der Rossehirten bist du?« Er versetzte: »Von den höchsten an Stamm und den reifsten an Frucht.« Da küßte sie die Erde und rief: »Gott stärke dich, o Fürst der Gläubigen!« und erflehte ihm Segen. Hierauf ging sie mit den andern Beduinenmädchen fort, der Chalife aber sprach zu Dschaafar: »Ich muß sie heiraten.« Da begab sich Dschaafar zu ihrem Vater und sprach zu ihm: »Der Fürst der Gläubigen begehrt deine Tochter.« Ihr Vater erwiderte: »Freut mich und ehrt mich; sie wird Sr. Majestät unserm Herrn, dem Fürsten der Gläubigen, als Sklavin geschenkt.« Alsdann stattete er sie aus und schaffte sie zu dem Chalifen, worauf dieser sie heiratete und heimsuchte; und sie ward ihm eine seiner liebsten Frauen. Ihrem Vater aber machte er reiche Geschenke, die ihn unter den Beduinen förderten, bis er in Gottes, des Erhabenen, Barmherzigkeit einging. Als sein Tod dem Chalifen gemeldet wurde, suchte er sie bekümmert auf. Sobald sie aber seine Betrübnis sah, sprang sie auf und begab sich in ihr Zimmer, wo sie allen festlichen Schmuck, den sie anhatte, ablegte und, Trauerkleider anlegend, die Totenklage anstimmte. Da fragte man sie: »Weshalb thust du dies?« Sie versetzte: »Mein Vater ist gestorben.« Als man nun dies dem Chalifen mitteilte, erhob er sich und besuchte sie, um sie zu fragen, wer ihr diese Nachricht gebracht hätte. Sie erwiderte ihm: »Dein Gesicht, o Fürst der Gläubigen.« – »Wieso?« fragte er. Sie antwortete: »Weil ich, so lange ich bei dir weile, dich nie mit 25 solchem Ausdruck sah als dieses Mal; und für keinen fürchtete ich mehr als für meinen Vater wegen seines hohen Alters; doch möge dein Haupt leben, o Fürst der Gläubigen!« Da schwammen seine Augen in Thränen, und er bezeugte ihr sein Beileid; sie aber trauerte für ihren Vater, bis sie mit ihm vereint wurde. Gottes Barmherzigkeit komme auf sie insgesamt!

 

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