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Tausend und eine Nacht. Band XII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XII - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages200
created20180225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jûnus der Schreiber und Walîd bin Sahl.

Ferner erzählte man, daß zur Zeit des Chalifen Hischâm, dem Sohn des Abd el-Melik, ein Mann, Namens Jûnus der Schreiber, lebte, der weit berühmt war. Eines Tages reiste derselbe mit einer Sklavin von ausnehmender Schönheit und Anmut nach Damaskus, die er alles, dessen sie bedurfte, gelehrt hatte, und deren Preis hunderttausend Dirhem betrug. Als die Karawane sich Damaskus näherte, machte sie bei einem Wasserteich Halt, worauf sich Jûnus an einem Platze an demselben niederließ und etwas von dem Mundvorrat, den er bei sich hatte, und eine Lederflasche mit Wein hervorholte. Mit einem Male kam ein Jüngling von hübschem Antlitz und Äußerm auf einem Fuchs, von zwei Eunuchen begleitet, angeritten, und sagte zu ihm, nachdem er ihm den Salâm geboten hatte: »Nimmst du einen Gast an?« Jûnus erwiderte: »Gern.« Da ließ er sich bei ihm nieder und sagte zu ihm: »Gieb mir von deinem Wein zu trinken.« Als er ihm zu trinken gereicht hatte, sagte der Fremde zu ihm: »Möchtest du uns nicht ein Lied singen?« Da sang er folgenden Vers:

Mit Schönheit ist sie reicher als alle Menschen geschmückt,
So daß mich mein Weinen und Wachen um sie beglückt.

Der Jüngling wurde hierdurch in mächtiges Entzücken versetzt, und Jûnus reichte ihm zu wiederholten Malen zu trinken, bis ihn der Wein benebelte und er sagte: »Befiehl der Sklavin zu singen.« Da sang sie den Vers:

Eine Huri, deren Schönheit mein Herz verstörte,
Kein Reis, keine Sonne, kein Mond ist ihr gleich.

Der Jüngling wurde von neuem von mächtigem Entzücken erfaßt und blieb bei Jûnus, der ihm wieder und wieder zu trinken reichte, bis sie das Abendgebet verrichteten. Alsdann fragte er Jûnus: »Was führt dich zu unserer Stadt?« Jûnus erwiderte: »Ich will mir Geld beschaffen, um meine Schulden zu bezahlen und meine Verhältnisse zu ordnen.« 20 Da fragte er ihn: »Willst du mir die Sklavin für dreißigtausend Dirhem verkaufen?« Jûnus antwortete: »Ich brauche mehr als das.« Nun fragte er: »Willst du sie mir dann für vierzigtausend Dirhem verkaufen?« Jûnus erwiderte: »Hiermit könnte ich gerade meine Schulden bezahlen, und ich säße mit leeren Händen da.« Da versetzte er: »So wollen wir sie für fünfzigtausend Dirhem nehmen, und du sollst außerdem einen Anzug und die Reisekosten erhalten und sollst, so lange du lebst, an meiner Lage teilnehmen.« Jûnus versetzte: »Ich verkaufe sie,« und nun fragte der Fremde: »Traust du mir, daß ich dir morgen ihren Kaufpreis bringe, und läßt du mich sie mitnehmen oder willst du sie bei dir behalten, bis ich dir morgen das Geld bringe?« Da verleiteten ihn Trunkenheit und Scham und Furcht vor dem Fremdling zu sagen: »Ja, ich vertraue dir, nimm sie und Gott segne sie dir!« Der Jüngling befahl nun einem seiner Pagen: »Lade sie auf dein Saumtier und setz dich hinter sie;« dann bestieg er sein Roß und ritt, nachdem er sich von ihm verabschiedet hatte, mit dem Mädchen fort. Kaum aber hatte er ihn verlassen, da überlegte sich der Verkäufer die Sache und sah ein, daß er einen Fehler mit ihrem Verkauf begangen hatte, indem er bei sich sprach: »Was hab' ich da gethan, daß ich meine Sklavin einem mir unbekannten Menschen gab? Und, gesetzt auch den Fall, ich kennete ihn, wie sollte ich zu ihm gelangen?« In solchen Gedanken saß er da, bis er das Morgengebet verrichtet hatte, worauf seine Gefährten Damaskus betraten, während er selber ratlos dasaß und nicht wußte, was er thun sollte. Nachdem er noch so lange gewartet hatte, bis ihn die Sonne brannte und ihm das Warten verleidet war, dachte er schon daran, ebenfalls in die Stadt zu gehen, doch sprach er bei sich: »Wenn ich in die Stadt gehe, so kann es sein, daß der Bote kommt und mich nicht findet, so daß ich auf diese Weise mich zum zweitenmal an mir selber versündige.« Hierauf setzte er sich in den Schatten einer Mauer, die sich 21 dort befand, als endlich gegen Abend einer der beiden Eunuchen, welche den Jüngling begleitet hatten, ankam, bei dessen Anblick er sich mächtig freute, indem er bei sich sprach: »Fürwahr, ich wüßte nicht, daß ich mich jemals über etwas mehr gefreut hätte als jetzt über den Anblick des Eunuchen.« Als der Eunuch bei ihm angelangt war, sprach er zu ihm: »Mein Herr, wir haben dich lange warten lassen;« jedoch erwähnte ihm Jûnus nichts von der Aufregung, in welcher er gewesen war. Hierauf fragte ihn der Eunuch: »Kennst du den Mann, der das Mädchen kaufte?« Er versetzte: »Nein.« Da sagte der Eunuch: »Es ist El-Walîd bin Sahl, der Thronfolger.« Als Jûnus hierauf schwieg, sagte der Eunuch: »Komm und sitz auf.« Er hatte nämlich ein Saumtier bei sich. Und so setzte er sich auf und folgte ihm bis zu einem Hause, in das sie hineingingen. Als aber die Sklavin ihn sah, sprang sie ihm entgegen und begrüßte ihn, worauf er sie fragte, wie es ihr bei ihrem Käufer ergangen sei; sie versetzte: »Er gab mir dieses Zimmer und verordnete mir alles, dessen ich bedurfte.« Da setzte er sich zu ihr, als nach einer Weile einer der Eunuchen des Hausherrn erschien und zu ihm sprach: »Steh auf.« Da erhob er sich und folgte ihm zu seinem Herrn, in dem er seinen Gast von tags zuvor erkannte, der auf seinem Polster saß und ihn fragte: »Wer bist du?« Er antwortete: »Jûnus der Schreiber.« Da sprach er: »Willkommen! Bei Gott, ich sehnte mich schon lange dich einmal zu schauen, da ich von dir gehört habe. Wie hast du die letzte Nacht verbracht?« Jûnus erwiderte: »Gut; Gott, der Erhabene, vermehre deinen Ruhm!« Nun sagte er zu ihm: »Vielleicht bereutest du, was du gestern gethan hattest, und sprachst bei dir: Ich habe mein Mädchen einem mir unbekannten Mann übergeben, dessen Namen und Heimat ich nicht einmal kenne.« Jûnus entgegnete: »Gott bewahre, o Emir, daß ich es hätte bereuen sollen; wenn ich sie dem Emir geschenkt hätte, so wäre sie das geringste seiner Geschenke gewesen, – 22

Sechshundertundfünfundachtzigste Nacht.

und in der That steht diese Sklavin zu seinem Range in keinem Verhältnis.« El-Walîd versetzte darauf: »Bei Gott, ich aber bereute es sie von dir fortgenommen zu haben, indem ich bei mir sprach: ›Dieser Mann ist fremd und kennt mich nicht; ich überkam ihn unvermutet und ließ ihn durch meine Eile das Mädchen zu bekommen nicht zur Überlegung kommen.‹ Erinnerst du dich noch an das, was zwischen uns beiden vorging?« Jûnus versetzte: »Jawohl.« Da fragte er: »Verkaufst du sie mir also für fünfzigtausend Dirhem?« Jûnus erwiderte: »Jawohl.« Da rief er: »Heda, Bursche, das Geld!« und als er es vor ihn gesetzt hatte, sagte er: »Bursche, bring noch fünfzehnhundert Dinare.« Alsdann sprach er zu Jûnus: »Dies ist der Kaufpreis für dein Mädchen. Diese tausend Dinare sind für die gute Meinung, die du von uns hattest, und die fünfhundert Dinare sind für die Reise und die Geschenke, die du deiner Familie kaufst. Bist du zufrieden?« Er antwortete: »Ich bin's,« und küßte seine Hände, indem er sprach: »Bei Gott, du hast mir Auge, Hand und Herz gefüllt.« El-Walîd erwiderte: »Bei Gott, ich war noch nicht mit ihr allein und habe mich noch nicht an ihrem Gesang gesättigt. Her mir ihr!« Als sie nun erschien, befahl er ihr sich zu setzen und etwas zu singen, worauf sie dies Lied sang:

O du, der du geschmückt bist mit allen Reizen der Schönheit,
So süß von Natur und Koketterie,
In Schönheit erstrahlen wohl die Türken und Araber,
Doch keiner gleicht dir, o meine Gazelle!
Du wendest dich, mein Hübscher, zu deiner Geliebten
Und hältst dein Wort, wenn auch nur als Traumgestalt.
Schimpf und Schande um deinetwillen entehren mich nicht,
Und schlaflose Nächte thun meinem Auge wohl.
Nicht bin ich die erste, durch dich von Liebe verstört,
Wieviele vor mir schon hast du getötet!
Von allen Gütern der Welt begehr' ich nur dich,
Denn du bist mir teurer als mein Gut und mein Leben. 23

El-Walîd wurde von ihrem Gesang mächtig entzückt und dankte Jûnus für die schöne Erziehung und Bildung, die er ihr hatte zu teil werden lassen. Dann befahl er einem seiner Pagen ihm ein Saumtier mit Sattel und Zaumzeug und ein Maultier zum Tragen seiner Sachen vorzuführen und sprach zu ihm: »Jûnus, wenn es dir zu Ohren kommt, daß die Regierung auf mich übergegangen ist, so komm zu mir, und, bei Gott, ich will deine Hände mit Gut füllen, deinen Rang erhöhen und dich für dein ganzes Leben reich machen.« Hierauf nahm er das Geld und zog ab. Als aber das Chalifat auf ihn übergegangen war, kehrte er zu ihm zurück, und, bei Gott, er erfüllte ihm sein Versprechen und ehrte ihn aufs höchste, so daß er das glücklichste Leben bei ihm führte. Er erhöhte nicht nur seinen Rang, sondern machte ihn reich und schenkte ihm Landgüter und Geld, daß er und seine Erben nach seinem Tode genug daran hatten. Und er lebte bis zu seiner Ermordung bei ihm. Gottes, des Erhabenen, Barmherzigkeit komme auf ihn!

 


 

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