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Tausend und eine Nacht. Band XII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XII - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages200
created20180225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Alī Sîbak von Kairo.

Alī Sîbak von Kairo war ein Spitzbube in Kairo zur Zeit eines Mannes, Namens Salâh von Kairo, welcher der Hauptmann des Diwans von Kairo war und vierzig Mann unter sich hatte. Diese Häscher Salâhs des Kairensers suchten dem Spitzbuben Alī Fallen zu legen, so oft sie aber glaubten, sie hätten ihn gefangen, und nach ihm suchten, fanden sie, daß er ihnen wie Quecksilber entschlüpft war, weshalb sie ihn denn auch Alī Sîbak (Quecksilber) von Kairo nannten.

Eines Tages nun saß der Spitzbube Alī mit beklommenem Herzen und beengter Brust unter seinen Diebesgesellen in einer Halle, als der Aufseher derselben, der ihn mit gerunzeltem Gesicht dasitzen sah, zu ihm sprach: »Was fehlt dir, mein Meister? Wenn deine Brust beklommen ist, so mach einen Spaziergang durch die Straßen Kairos, denn eine Streife durch seine Bazare wird dir die Sorgen verscheuchen.« Da erhob er sich und ging hinaus, um durch Kairo zu streifen, doch vermehrte sich nur sein Kummer und Trübsinn, so daß er, als er an einer Weinbudike vorüberkam, bei sich sprach: »Ich will hineingehen und mich bezechen.« Und so trat er denn in die Budike ein; als er dort 94 aber sieben Reihen von Leuten erblickte, sprach er zu dem Budiker: »Ich will allein sitzen;« worauf derselbe ihn allein in einem Zimmer sitzen ließ und ihm den Wein brachte. Nachdem er sich hier bis zur Sinnlosigkeit vollgetrunken hatte, durchstreifte er von neuem die Straßen Kairos, bis er zur roten Straße kam, während ihm alles Volk aus Furcht aus dem Wege ging. Hier wendete er sich um und gewahrte einen Wasserträger, welcher in einem Kruge Wasser verschenkte und dabei auf seinem Wege rief: »O Ersatz! Es giebt kein Getränk außer Rosinenwein, nur mit der Liebsten giebt es trauten Verein, und den Ehrenplatz nimmt der Verständ'ge nur ein!« Da rief er: »Komm her und gieb mir zu trinken.« Der Wasserträger schaute nach ihm und reichte ihm den Krug, er aber blickte hinein und, ihn schüttelnd, goß er ihn auf die Erde, so daß der Wasserträger ihn fragte: »Warum trinkst du nicht?« Er versetzte: »Gieb mir zu trinken.« Da füllte er den Krug von neuem und reichte ihm denselben, worauf er ihn wiederum umschüttelte und auf die Erde goß, und ebenso ein drittes Mal, so daß der Wasserträger nun sagte: »Wenn du nicht trinkst, so will ich weitergehen.« Er versetzte: »Gieb mir zu trinken.« Als der Wasserträger ihm nun den Krug wiederum füllte und gab, nahm er ihn und trank, worauf er ihm einen Dinar gab. Der Wasserträger aber schaute ihn mit Geringschätzung an und sprach: »Viel Glück, viel Glück, mein Junge! Kleine Leute sind nicht große Leute.«

Siebenhundertundneunte Nacht.

Als der Spitzbube Alī diese Worte vernahm, packte er den Wasserträger bei seinen Sachen und zückte einen kostbaren Dolch wider ihn, indem er dabei sprach: »Scheich, rede vernünftig zu mir; dein Schlauch ist höchstens drei Dirhem wert, und die Krüge, die ich auf die Erde goß, hielten nur etwa ein Maß Wasser.« Der Scheich erwiderte: »So ist's,« worauf Alī fortfuhr: »Und ich gab dir einen 95 Dinar von rotem Gold dafür; weswegen also sprichst du so geringschätzig zu mir? Hast du etwa schon einen tapfereren und großmütigeren Mann als mich gesehen?« Der Wasserträger erwiderte: »Allerdings sah ich einen tapfereren und großmütigeren Mann als dich; denn so lange Weiber gebären, gab es auf Erden keinen Tapfern, der nicht auch großmütig gewesen wäre.« Da fragte Alī: »Wer ist der, den du für tapferer und großmütiger als mich hältst?« Der Wasserträger versetzte: »Wisse, ich hatte ein wunderbares Erlebnis. Mein Vater war Scheich der Trinkwasserträger in Kairo und hinterließ mir bei seinem Tode fünf Kamelhengste, ein Maultier, einen Laden und ein Haus; jedoch ist der Arme nie zufriedenzustellen oder, wenn er zufrieden ist, so stirbt er. Infolge dessen sprach ich bei mir: »Ich will nach dem Hidschâs ziehen,« nahm mir eine Reihe Kamele und borgte so lange, bis ich für fünfhundert Dinare Waren auf Pump genommen hatte, die ich alle auf der Pilgerfahrt einbüßte. Da sprach ich bei mir: »Kehre ich nach Kairo zurück, so sperren mich die Leute ihres Geldes wegen ein,« und zog mit der syrischen Pilgerkarawane nach Aleppo; von wo ich weiter nach Bagdad wanderte. Hier angelangt, erkundigte ich mich nach dem Scheich der Wasserträger von Bagdad, und, als man mich zu ihm gewiesen hatte, trat ich bei ihm ein und recitierte die erste Sure vor ihm, worauf er mich nach meinen Verhältnissen ausfragte. Ich erzählte ihm alles, was mir zugestoßen war, und er wies mir einen Laden an und gab mir einen Schlauch und das nötige Zubehör. Im Vertrauen auf Gott ging ich aus und machte die Runde durch die Stadt; als ich aber einem den Krug zum Trinken bot, entgegnete er: »Ich habe heute noch nichts gegessen, daß ich darauf trinken sollte. Ein Geizhammel lud mich heute zu einem Mahl ein, setzte mir aber nichts als zwei Wasserkrüge vor, so daß ich zu ihm sagte: »Du gemeiner Kerl, hast du mir schon etwas zum Essen gegeben, daß du mir darauf zu trinken giebst?« Geh deshalb deines Weges, Wasserträger, 96 bis ich etwas gegessen habe, und hernach gieb mir zu trinken.« Ein zweiter, an den ich trat, sagte zu mir: »Gott wird für dich sorgen.« In dieser Weise ging es bis zum Mittag, ohne daß mir jemand etwas gegeben hätte, so daß ich schon bei mir sprach: »Wäre ich doch nicht nach Bagdad gekommen!« Da begann das Volk mit einem Male zu laufen, und, als ich ihnen folgte, gewahrte ich einen prächtigen Reitertrupp zu Paaren geordnet, in Kopfbinden, marokkanischen Mützen, Burnussen, Filzkappen und Stahl. Einer, dem ich nach dem Zuge fragte, antwortete mir: »Das ist der Zug des Hauptmanns Ahmed ed-Danaf.« Auf meine Frage nach seinem Amt antwortete er mir: »Er ist der Hauptmann des Diwans und Bagdads; ihm liegt die Polizeiinspektion des Landbezirks ob, und er erhält vom Chalifen einen Monatssold von tausend Dinaren, während jeder einzelne aus seinem Gefolge hundert Dinare erhält. Dasselbe wie er erhält Hasan Schūmân, und nun kehren sie aus dem Diwan in ihre Halle zurück.« Mit einem Male erblickte mich auch Ahmed ed-Danaf und rief: »Komm her und gieb mir zu trinken.« Da füllte ich ihm den Krug und reichte ihm denselben, doch schüttelte er ihn um und goß ihn aus; das gleiche that er ein zweites Mal, beim drittenmal aber trank er mit vollem Zuge wie duDies ist eine der vielen Ungenauigkeiten in den Erzählungen; Alī Sîbak hatte den Krug dreimal ausgegossen. und fragte mich: »Wasserträger, woher bist du?« Ich erwiderte: »Aus Kairo.« Da sagte er: »Gott schütze Kairo und seine Bewohner! Weshalb aber kamst du hierher?« Nun erzählte ich ihm meine Geschichte und gab ihm zu verstehen, daß ich verschuldet sei und wegen Schulden und Armut geflohen sei. Da rief er: »Du bist willkommen,« und gab mir fünf Dinare, worauf er zu seinem Gefolge sprach: »Gebt ihm um Gottes willen ein Geschenk.« Infolge dessen gab mir jeder von ihnen einen Dinar, er aber sagte zu mir: »Scheich, so lange du in Bagdad bist, sollst du das gleiche von uns erhalten, so 97 oft du uns zu trinken reichst.« Seit jener Zeit suchte ich sie beständig auf, und die Leute ließen mir Gutes zukommen, bis ich eines Tages den Verdienst, den ich durch sie gehabt hatte, nachrechnete und tausend Dinare fand. Da sprach ich bei mir: »Das beste ist heimzukehren,« und begab mich zu ihm nach seiner Halle, wo ich ihm die Hände küßte. Auf seine Frage nach meinem Begehren, erwiderte ich: »Ich möchte fortziehen,« und sprach die beiden Verse:

»Der Aufenthalt des Fremdlings, in welchem Land es auch sei,
Ist gleich einem Schlosse auf Wind erbaut.
Des Windes Wehen reißt alles, was er baute ein,
Und so ist der Fremdling entschlossen zur Heimkehr.«

Dann setzte ich noch hinzu: »Die Karawane ist im Begriff nach Kairo aufzubrechen, und ich möchte zu meiner Familie heimkehren.« Da gab er mir ein Maultier und hundert Dinare und sagte: »Wir möchten dir eine Sache anvertrauen, Scheich! Kennst du das Volk von Kairo?«

Siebenhundertundzehnte Nacht.

Ich erwiderte: »Jawohl,« und nun sagte er: »Nimm diesen Brief, übergieb ihn Alī Sîbak dem Kairenser und sprich zu ihm: »Dein Meister läßt dich grüßen, und er ist jetzt bei dem Chalifen.« So nahm ich denn den Brief von ihm und machte mich auf den Weg, bis ich nach Kairo kam, wo ich meine Kreditoren abfand und dann mein Gewerbe ausübte. Den Brief konnte ich jedoch nicht bestellen, da ich nicht die Wohnung Alī Sîbaks des Kairensers kannte.« Da sagte er zu ihm: »Scheich, sei guten Mutes und kühlen Auges, denn ich bin Alī Sîbak der Kairenser, der erste der Jungen Hauptmann Ahmed ed-Danafs. Her mit dem Brief!« Der Wasserträger gab ihm den Brief, und, als er ihn geöffnet hatte und las, fand er folgende Verse geschrieben:

»O Zierde der Schönen, ich schreibe an dich
Auf einem Blatt, das der Wind entführt;
Könnt ich fliegen, so flög' ich vor Sehnsucht;
Wie aber flöge ein Flügelgestutzter? 98

Des Ferneren, den Salâm von Hauptmann Ahmed ed-Danaf auf den ältesten seiner Söhne Alī Sîbak den Kairenser. Wir teilen dir mit, daß ich mir Salâh ed-Dîn den Kairenser vornahm und ihm so lange Streiche spielte, bis ich ihn bei seinen Lebzeiten begraben hatte und mir seine Jungen gehorchten, unter denen sich auch Alī Kitf el-Dschamal befand. Und nun bin ich Stadthauptmann von Bagdad im Diwan des Chalifen geworden, und mein Amt ist die Inspektion des Landbezirks. Wenn du noch den Bund, der zwischen uns beiden besteht, respektierst, so komm zu mir, daß wir einen Streich in Bagdad ausüben, der dich in die Dienste des Chalifen führt, und er dir Gehalt und Einkünfte verordnet und dir ein Haus giebt, was dein Streben ist; und der Frieden sei auf dir!« Als er den Brief gelesen hatte, küßte er ihn, führte ihn an sein Haupt und gab dem Wasserträger zehn Dinare als Geschenk für die gute Nachricht. Hierauf kehrte er zu seinen Jungen in die Halle zurück und teilte ihnen die Sache mit, indem er hinzusetzte: »Ich empfehle euch einander.« Alsdann zog er seine Sachen aus, legte einen Mantel und Tarbusch an und nahm eine Schachtel, in welcher sich ein Rohrspeer von vierundzwanzig Ellen Länge befand, der sich ineinander schachteln ließ. Da fragte ihn sein Korporal: »Willst du verreisen, wo der Schatz leer ist?« Alī Sîbak versetzte: »Wenn ich nach Damaskus gekommen bin, will ich euch zur Genüge schicken.« Hierauf machte er sich auf den Weg und stieß auf eine Karawane, welche gerade aufbrechen wollte, in der er den Obmann der Kaufleute nebst vierzig andern Kaufleuten gewahrte, welche ihre Lasten bereits aufgeladen hatten, während die Lasten des Obmanns der Kaufleute noch auf dem Boden lagen; zugleich hörte er den Karawanenführer, einen Syrer, zu den Maultiertreibern sagen: »Lege einer von euch mit mir Hand an!« Sie aber schmähten und schalten ihn. Da sprach Alī bei sich: »Am besten reise ich mit diesem Führer.« Alī aber war bartlos und hübsch. Und so trat er an ihn heran und begrüßte ihn, 99 worauf der Karawanenführer ihn willkommen hieß und ihn fragte, was er wünsche. Alī erwiderte: »Mein Oheim, ich sehe dich allein bei vierzig Maultierlasten. Weshalb hast du dir keine Leute beschafft, mit dir Hand anzulegen?« Der Karawanenführer versetzte: »Mein Sohn, ich dingte zwei Burschen, kleidete sie und steckte in eines jeden Tasche zweihundert Dinare. Sie halfen mir jedoch nur bis zum Derwischkloster, wo sie fortliefen.« Nun fragte Alī: »Wohin reiset ihr?« Er erwiderte: »Nach Aleppo.« Da sagte er: »Ich will dir helfen.« Und so luden sie die Lasten auf, der Obmann der Kaufleute bestieg sein Maultier und die Karawane brach auf, während der syrische Führer sich über Alī freute und ihn liebgewann. Als dann die Nacht hereinbrach, lagerten sie sich und aßen und tranken, bis die Schlafenszeit herbeikam, worauf sich Alī auf seine Seite legte und that als ob er schliefe; als dann der Karawanenführer sich an seine Seite schlafen gelegt hatte, stand Alī wieder auf und setzte sich an die Thür des Kaufmannszeltes, wo er bis zum Anbruch der Morgenröte saß, um sich dann wieder neben den Karawanenführer niederzulegen. In dieser Weise verfuhr er, bis sie zu einem Dickicht gelangten, in welchem in einer Höhle ein reißender Löwe hauste. So oft aber eine Karawane hier vorüberzog, pflegten sie das Los unter sich zu ziehen und den, welchen es betraf, dem Löwen vorzuwerfen. Wie sie nun das Los zogen, traf es keinen andern als den Obmann der Kaufleute, und in demselben Augenblicke verlegte ihnen auch der Löwe den Weg und erwartete seine Beute aus der Karawane. Da sprach der Obmann der Kaufleute in großer Kümmernis zum Karawanenführer: »Gott verdamme deine Ferse und deine Reise! Jedoch betraue ich dich mit der Übergabe meiner Lasten an meine Kinder nach meinem Tode.« Nun fragte der Spitzbube Alī: »Was bedeutet dies?« Als man ihm die Geschichte erzählt hatte, sagte er: »Weshalb lauft ihr vor der Wüstenkatze fort? Ich verbürge mich sie zu töten.« Da ging 100 der Karawanenführer fort und teilte es dem Obmann der Kaufleute mit, welcher erklärte: »Wenn er ihn tötet, so gebe ich ihm tausend Dinare;« in gleicher Weise erklärten die andern Kaufleute ihn desgleichen zu belohnen. Hierauf erhob sich Alī und zog seinen Mantel aus, unter dem eine stählerne Rüstung zum Vorschein kam. Dann nahm er ein stählernes Hackmesser und, seine Schraube drehend,Um die Klinge zu befestigen. Die Bedeutung Hackmesser für Scharît (so Burton) ist fraglich, da die Waffe gleich nachher Seif (Schwert) genannt wird. trat er allein vor den Löwen, welcher sich mit Gebrüll auf ihn stürzte; da aber versetzte ihm Alī der Kairenser mit seiner Waffe einen Streich zwischen die Augen, der ihn mitten auseinander spaltete, während der Obmann der Kaufleute und der Karawanenführer zusahen. Dann sprach er zu dem Karawanenführer: »Fürchte dich nicht, mein Oheim,« worauf dieser erwiderte: »Mein Sohn, ich bin hinfort dein Diener.« Der Obmann der Kaufleute aber umarmte ihn, küßte ihn zwischen die Augen und gab ihm tausend Dinare, worauf ihm jeder der andern Kaufleute ebenfalls zwanzig Dinare schenkte. Er gab alles Geld dem Obmann der Kaufleute zur Verwahrung, und sie schliefen die Nacht über, um dann am andern Morgen ihren Weg nach Bagdad weiter fortzusetzen, bis sie zum Löwenwald und dem Hundethal gelangten, in welchem ein aufsässiger Beduine, ein Buschklepper mit seinem Stamm hauste. Als derselbe wider sie hervorbrach, flohen sie vor ihm, und der Obmann der Kaufleute rief: »Mein Gut ist hin!« Da aber kam Alī in einem ganz mit Schellen besetzten Lederkoller an und, den Speer hervorholend, setzte er dessen Stücke zusammen. Dann fing er einen Hengst von den Pferden der Beduinen ein und, auf dasselbe springend, rief er dem Beduinen entgegen: »Heran zum Zweikampf mit mir mit der Lanze!« Zugleich schüttelte er die Schellen, daß das Pferd des Beduinen vor ihnen scheute. Die Lanze, die der Beduine nach ihm schleuderte, 101 zerbrach er und versetzte ihm einen Streich in den Nacken, der sein Haupt herunterholte. Als seine Leute dies sahen, stürzten sie sich auf Alī der mit dem Feldgeschrei »Allāh akbar!« über sie herfiel und in die Flucht jagte. Hierauf spießte er das Haupt des Beduinen auf und kehrte zu den Kaufleuten zurück, die ihn reich beschenkten. Als sie dann nach Bagdad gelangten, ließ er sich sein Geld von dem Obmann der Kaufleute einhändigen und übergab es dem Karawanenführer mit den Worten: »Wenn du nach Kairo zurückgekehrt bist, so erkundige dich nach meiner Halle und gieb das Geld dem Aufseher derselben.« Hierauf legte er sich zur Ruhe; am andern Morgen aber betrat er die Stadt und durchstreifte sie, sich nach Ahmed ed-Danafs Halle erkundigend, doch wollte ihm niemand den Weg weisen, so daß er weiterschritt, bis er zum Platz en-Nafd gelangte, wo er Kinder miteinander spielen sah, unter denen sich auch ein Knabe Namens Ahmed el-Lakît befand. Da sprach er bei sich: »Von ihren Kleinen sollst du Auskunft erhalten.« Als er sich dann umwendete und einen Zuckerbäcker sah, kaufte er Konfekt von ihm und rief die Kinder, worauf Ahmed el-Lakît dieselben von sich stieß und, an Alī herantretend, ihn fragte: »Was wünschest du?« Er erwiderte: »Ich hatte einen Knaben, der jedoch starb, und der mir im Traum erschien und Süßigkeiten von mir verlangte. Da kaufte ich Konfekt, und will nun jedem Kinde etwas geben.« Hierbei reichte er Ahmed el-Lakît ein Stück. Als dieser es jedoch betrachtete und einen Dinar darin stecken sah, rief er: »Fort mit dir, ich lasse mich nicht verführen! Frag' einen andern!« Da sagte er zu ihm: »Mein Kind, nur ein Spitzbube nimmt den Lohn, wie er nur von einem Spitzbuben kommt; ich gehe in der Stadt umher und suche nach Ahmed ed-Danafs Halle, doch will mich niemand zu ihr weisen. Dieser Dinar ist dein Lohn dafür, daß du mich zu ihm führst.« Da sagte der Knabe: »Ich will vor dir herlaufen, bis ich zu seiner Halle gelange, und will dann mit meinem Fuß einen Kiesel 102 an die Thür werfen, daß du sie erkennen kannst.« Hierauf eilte der Knabe voraus, und Alī folgte ihm, bis er mit seinem Fuß einen Kiesel packte und ihn an die Thür der Halle warf, so daß er sie erkannte.

Siebenhundertundelfte Nacht.

Als er nun aber den Knaben packen und ihm den Dinar wieder fortnehmen wollte, vermochte er es nicht, worauf er ihm zurief: »Geh fort, du verdienst Großmut, da du scharfsinnig bist, tapfer und von vollkommenen Verstand. So Gott will, mache ich dich, wenn ich als Hauptmann beim Chalifen angestellt bin, zu einem meiner Jungen.« Hierauf ging der Knabe fort, Alī Sîbak der Kairenser aber trat an die Halle und pochte an die Thür, worauf Ahmed ed-Danaf rief: »Aufseher, öffne die Thür, das ist das Pochen Alī Sîbaks des Kairensers.« Da öffnete er die Thür, und Alī trat herein und begrüßte Ahmed ed-Danaf, der ihn umarmte, worauf ihn die Vierzig ebenfalls begrüßten. Hierauf kleidete ihn Ahmed ed-Danaf ein und sprach zu ihm: »Als mich der Chalife zu seinem Hauptmann ernannte, kleidete er meine Burschen ein, und ich bewahrte dir diesen Anzug.« Alsdann wiesen sie ihm den Ehrenplatz an und trugen das Mahl auf, worauf sie aßen und tranken und bis zum Morgen zechten. Dann sprach Ahmed ed-Danaf zu Alī dem Kairenser: »Hüte dich und streife nicht durch Bagdads Straßen, sondern bleib' in dieser Halle sitzen.« Da fragte er ihn: »Weshalb? Bin ich etwa hergekommen, um eingesperrt zu werden? Ich bin allein hergekommen, um mein Vergnügen zu haben.« Ahmed ed-Danaf entgegnete ihm jedoch: »Mein Sohn, wähne nicht, Bagdad sei wie Kairo; Bagdad ist der Sitz des Chalifats, es giebt viele Spitzbuben darinnen, und die Spitzbubenstreiche schießen hier wie Kraut aus dem Boden hervor.« Hierauf blieb Alī drei Tage in der Halle, als Ahmed ed-Danaf zu ihm sagte: »Ich will dich dem Chalifen vorstellen, daß er dir ein Einkommen verordnet.« Alī Sîbak 103 entgegnete jedoch: »Wenn die Zeit kommt.« Da ließ er ihn seines Weges gehen. Als er aber eines Tages in der Halle dasaß, fühlte er sich ums Herz beklommen und um die Brust beengt, so daß er bei sich sprach: »Steh auf und streife durch Bagdad, um deine Brust auszudehnen.« Hierauf ging er aus und wanderte von Gasse zu Gasse, bis er mitten im Bazar in einen Laden ging und frühstückte. Als er dann wieder herauskam, um sich die Hände zu waschen, erblickte er mit einem Male vierzig Sklaven mit stählernen Messern und Filzkappen, die zu zwei und zwei herankamen, hinter allen denen die verschlagene Delîle auf einem Maultier ritt, das Haupt mit vergoldetem Helm geschmückt, welcher von einer stählernen Kugel überragt wurde; außerdem hatte sie einen eisernen Ringpanzer an und was dazu gehört. Sie kam aber gerade vom Diwan und ritt nach dem Chân. Als sie Alī Sîbak den Kairenser erblickte, betrachtete sie ihn und fand, daß er in der Länge und Breite Ahmed ed-Danaf glich und einen Mantel und Burnus anhatte und ein stählernes Messer und dergleichen trug; daneben trug er die Tapferkeit zur Schau, für ihn zeugend und nicht wieder ihn. Da ritt sie weiter zu ihrem Chân und suchte ihre Tochter Seinab auf, worauf sie ein geomantisches Brett hervorholte und eine Sandfigur entwarf, aus der sie ersah, daß sein Name Alī Sîbak der Kairenser war, und daß sein Glück ihr eigenes und das ihrer Tochter übertraf. Ihre Tochter aber fragte sie nun: »Meine Mutter, was ist dir zugestoßen, daß du das geomantische Brett zu Rate ziehst?« Sie antwortete ihr: »Ich sah heute einen jungen Mann, der Ahmed ed-Danaf ähnlich ist, und ich fürchte, er erfährt, daß du Ahmed ed-Danaf und seine Leute ausgezogen hast, und kommt in den Chân und spielt uns einen Streich, um seinen Meister und die Vierzig zu rächen; und ich glaube, er ist in Ahmed ed-Danafs Halle eingekehrt.« Da sagte Seinab zu ihrer Mutter: »Was ist das? Ich glaube, du fürchtest dich vor ihm.« Alsdann zog sie ihre besten Sachen an und ging aus, die Stadt 104 durchstreifend, während sich alle Leute, die sie sahen, in sie verliebten; sie aber versprach und schwor und hörte zu und kokettierte und wanderte von Bazar zu Bazar, bis sie Alī den Kairenser auf sich zukommen sah. Da streifte sie ihn an der Schulter, worauf sie sich umdrehte und sagte: »Gott lasse Leute von Ansehen lange leben!« Er erwiderte: »Wie hübsch ist deine Gestalt! Wem gehörst du an?« Sie versetzte: »Solchen Galans wie du.« Nun fragte er sie: »Bist du verheiratet oder ledig?« Sie entgegnete: »Verheiratet.« Da fragte er: »Soll es bei mir oder bei dir sein?« Sie versetzte: »Ich bin eines Kaufmanns Tochter, mein Gatte ist ebenfalls ein Kaufmann, und heute bin ich zum erstenmal in meinem Leben ausgegangen, und zwar war der einzige Grund der, daß ich ein Mahl kochte und essen wollte, aber keinen Appetit hatte. Als ich dich nun erblickte, verliebte sich mein Herz in dich; willst du daher wohl mein Herz trösten und einen Bissen bei mir essen?« Er erwiderte: »Wer eingeladen wird, soll annehmen.« Hierauf schritt sie voran, und er folgte ihr von Gasse zu Gasse, bis er, während er hinter ihr herschritt, bei sich sprach: »Was willst du thun, wo du hier fremd bist, und wo es heißt: Wer sich in der Fremde mit Dirnen abgiebt, den wird Gott zu schanden machen und heimschicken! Schicke sie jedoch mit Güte von dir fort.« Alsdann sprach er zu ihr: »Nimm diesen Dinar und bestimme mir eine andere Zeit.« Sie versetzte: »Bei dem höchsten Namen, es geht nicht anders als daß du mit mir in jenes Haus trittst, und ich will ganz aufrichtig gegen dich sein.« Da folgte er ihr an die Thür eines Hauses mit hohem Portal und einem Riegel, worauf sie zu ihm sagte: »Öffne diesen Riegel.« Er versetzte: »Wo sind die Schlüssel dazu?« Sie entgegnete: »Sie sind verloren gegangen.« Er erwiderte: »Wer einen Riegel ohne Schlüssel öffnet, der ist ein Verbrecher, dessen Bestrafung dem Gouverneur obliegt; im übrigen verstehe ich auch nicht im geringsten, Schlösser ohne Schlüssel zu öffnen.« Da hob sie den Schleier von 105 ihrem Gesicht und schaute ihn mit einem Blick an, der ihm tausend Seufzer weckte. Dann ließ sie den Schleier über den Riegel fallen und sagte über ihm die Namen der Mutter Moses her, worauf es sich ohne Schlüssel öffnete und sie eintrat. Er folgte ihr und gewahrte Schwerter und stählerne Waffen, sie aber legte nun den Schleier ab und setzte sich neben ihn; da sprach er bei sich: »Nimm, was dir Gott bestimmt hat,« und neigte sich über sie, um ihr einen Kuß auf die Backe zu versetzen. Sie legte jedoch ihre Hand auf ihre Wange und sagte: »Das Vergnügen kommt erst zur Nacht.« Alsdann holte sie den Speise- und Weintisch, und sie aßen und tranken, worauf sie sich erhob, einen Eimer voll Wasser aus dem Brunnen schöpfte und ihm das Wasser über die Hände goß, während er dieselben wusch. Mit einem Male schlug sie sich vor die Brust und rief: »Mein Gatte hatte einen Siegelring mit einem Hyazinthen, der ihm für fünfhundert Dinare verpfändet war; ich steckte ihn an und klebte ihn mit Wachs fest, da er mir zu weit war, doch muß er in den Brunnen gefallen sein, als ich den Eimer niederließ. Kehre daher dein Gesicht zur Thür, während ich mich ausziehe und in den Brunnen hinuntersteige ihn zu holen.« Er entgegnete: »Es wäre eine Schande für mich dich hinuntersteigen zu lassen, wo ich hier bin. Kein anderer als ich wird hinuntersteigen.« Und so legte er seine Sachen ab und band sich das Seil um, worauf sie ihn in den Brunnen hinunterließ. Da aber viel Wasser im Brunnen war, rief sie ihm zu: »Das Seil ist zu kurz; binde dich los und laß dich hineinfallen.« Da band er sich los und sank klaftertief unter, ohne auf den Boden zu kommen, während sie ihren Schleier wieder anlegte und mit seinen Sachen zu ihrer Mutter heimkehrte.

Siebenhundertundzwölfte Nacht.

Als sie bei ihr anlangte, sagte sie zu ihr: »Ich habe soeben Alī den Kairenser ausgezogen und in den Brunnen des 106 Emirs Hasan, des Hausherrn, geworfen, aus dem er schwerlich herauskommen wird.« Der Emir Hasan aber, der Hausherr, der zu jener Zeit gerade im Diwan gewesen war, sprach, als er heimkehrte und sein Haus offen fand, zu dem Reitknecht: »Weshalb hast du den Riegel nicht vorgeschoben?« Der Reitknecht erwiderte: »Mein Herr, ich habe ihn mit meiner eigenen Hand vorgelegt.« Da rief der Emir: »Bei meines Hauptes Leben, dann ist ein Dieb in meinem Hause gewesen!« Hierauf betrat er sein Haus und suchte es überall ab, ohne jemand zu finden, worauf er zu dem Reitknecht sagte: »Fülle den Eimer, daß ich mich wasche.« Da nahm der Reitknecht den Eimer und ließ ihn hinunter; als er ihn aber wieder hinaufzog, fand er ihn schwer, und wie er nun in den Brunnen schaute, sah er etwas im Eimer sitzen, so daß er ihn wieder in den Brunnen warf und schrie: »Mein Herr, ich zog einen Ifrît aus dem Brunnen heraus.« Der Emir Hasan versetzte: »Mach dich auf und hole die vier Doktoren der Schrift, daß sie den Koran über ihn lesen, bis er verschwindet.« Als nun die Doktoren kamen, sagte er zu ihnen: »Setzet euch rings um den Brunnen und beschwört den Ifrît.« Hierauf kamen der Reitknecht und ein Sklave und ließen den Eimer wieder hinunter, und sofort packte ihn auch Alī der Kairenser, und, sich in ihn duckend, wartete er, bis er ihnen nahe war, worauf er aus dem Eimer sprang und vor die Doktoren zu sitzen kam, die einander zu stoßen anhoben und riefen: »Ein Ifrît! Ein Ifrît!« Als aber der Emir Hasan sah, daß es ein junger Bursche war, fragte er ihn: »Bist du ein Dieb?« Er erwiderte: »Nein.« Nun fragte er: »Und weshalb bist du denn in den Brunnen gestiegen?« Er versetzte: »Ich schlief und stieg im Traum zum Tigris hinab mich zu waschen, wobei ich versank und von dem Wasser unter der Erde fortgetragen wurde, bis ich in diesem Brunnen wieder zum Vorschein kam.« Da sagte der Emir Hasan zu ihm: »Sprich die Wahrheit,« worauf er ihm den ganzen Vorfall erzählte. Der Emir entließ ihn mit 107 einem alten Kleidungsstück, und Alī machte sich nun wieder zur Halle Ahmed ed-Danafs auf und erzählte ihm, wie es ihm ergangen war, worauf dieser ihm erwiderte: »Sagte ich dir's nicht, daß es in Bagdad Weiber giebt, die Männern Streiche spielen?« Alī Kitf ed-Dschamal aber sprach: »Beim höchsten Namen, sag an, wie du der Hauptmann der Burschen Kairos sein konntest und dich von einem Mädchen ausziehen lässest?« Diese Worte ärgerten ihn, und er bereuete es, nicht auf Ahmed ed-Danaf gehört zu haben.

Nachdem ihm nun Ahmed ed-Danaf einen neuen Anzug gegeben hatte, fragte ihn Hasan Schūmân: »Kennst du das Mädchen?« Er versetzte: »Nein.« Nun sagte Hasan: »Es ist Seinab, die Tochter der verschlagenen Delîle, der Pförtnerin des Châns des Chalifen. Bist du ihr in die Falle gegangen, Alī?« Er entgegnete: »Ja.« Da sagte Hasan Schūmân zu ihm: »Alī, sie war es auch, die die Sachen deines Meisters und aller seiner Burschen nahm.« Alī erwiderte: »Das ist eine Schande für euch.« – »Und was beabsichtigst du?« fragte Hasan Schūmân. Alī versetzte. »Ich will sie heiraten.« Hasan Schūmân entgegnete: »Weit gefehlt! Schlag' sie dir aus dem Herzen.« Da sagte Alī: »Und was soll ich thun, daß ich sie heirate, o Schūmân?« Er erwiderte: »Gut, wenn du aus meiner Hand trinken und unter meinem Banner ziehen willst, so sollst du deinen Wunsch erreichen.« Alī versetzte: »Schön.« Da sagte Hasan Schūmân: »Alī, zieh deine Kleider aus.« Als er sie ausgezogen hatte, nahm Hasan einen Kessel und sott in ihm etwas, das wie Pech aussah, worauf er ihn damit einsalbte, daß er wie ein Negersklave aussah. Ebenso salbte er seine Lippen und seine Backen und schminkte ihm die Augen mit roter Schminke; dann kleidete er ihn in einen Dieneranzug, gab ihm einen Tisch mir gebratenem Hackfleisch mit Zwiebeln und Wein und sagte zu ihm: »In dem Chân ist ein Negersklave als Koch angestellt, dem du jetzt gleichst, und der vom Bazar nur Fleisch und Grünzeug holt. Geh zu ihm, red' 108 ihn freundlich im Dialekt der Schwarzen an, begrüß ihn und sprich zu ihm: »Es ist lange Zeit her, daß wir beim Bier zusammen waren.« Wird er dann zu dir sagen: »Ich bin zu sehr beschäftigt und habe auf meinem Nacken vierzig Sklaven, für die ich das Mittag- und Abendessen kochen muß, und außerdem hab' ich die Hunde zu füttern und den Tisch für Delîle und ihre Tochter Seinab zu besorgen,« – so sprich zu ihm: »Komm, wir wollen Gehacktes mit Zwiebeln essen und Bier trinken.« Geh dann mit ihm in den Saal, mach in trunken und frag ihn, was er zu kochen hat und wie viele Gerichte, was für Futter er den Hunden giebt, und wo er den Schlüssel zur Küche und zur Speisekammer hat. Er wird es dir sagen, da ein Betrunkener alles, was er in nüchternem Zustande bei sich behält, ausschwatzt. Hernach bring ihm Bendsch bei, zieh seine Sachen an, steck die Messer in deinen Gurt, nimm den Gemüsekorb, geh auf den Bazar und kaufe Fleisch und Gemüse. Alsdann geh in die Küche und in die Speisekammer, und koche die Speisen. Leg sie dann auf, thu Bendsch an sie, um die Hunde, die Sklaven, Delîle und ihre Tochter Seinab zu betäuben, und trag' sie zu Delîle in den Chân. Hernach geh in das Turmzimmer über dem Thor, hol alle Sachen und bring auch, wenn du Seinab heiraten willst, die vierzig Brieftauben mit.«

So begab sich denn Alī zum Chân, begrüßte den Koch, als er ihn sah, und sprach zu ihm: »Es ist lange Zeit her, daß wir nicht in der Bierschenke zusammenkamen.« Der Koch antwortete ihm: »Ich bin zu sehr mit dem Kochen für die Sklaven und Hunde in Anspruch genommen.« Alsdann nahm er ihn und machte ihn trunken, worauf er ihn fragte, wieviel Gerichte er zu kochen habe; und der Koch antwortete ihm: »Alle Tage fünf Gerichte zum Mittag und fünf Gerichte zum Abend; gestern verlangten sie noch ein sechstes Gericht von mir, nämlich Reis mit Safran und Honig, und als siebentes Granatapfelkerne.« Hierauf fragte er ihn, in welcher Reihe er die Tische besorgte, worauf er versetzte: 109 »Zuerst kommt Seinabs Tisch, dann Delîles, dann besorge ich das Essen für die Sklaven und zuletzt kommen die Hunde an die Reihe, von denen jeder zum wenigsten ein Pfund Fleisch erhält, so daß er genug daran hat.« Das Schicksal wollte es aber, daß er nach den Schlüsseln zu fragen vergaß. Als er nun den Koch mit Bendsch betäubt hatte, zog er ihm seine Sachen aus und legte sie selber an, worauf er die Messer des Kochs in seinen Gürtel steckte, den Korb nahm und auf dem Bazar Fleisch und Gemüse einkaufte.

Siebenhundertunddreizehnte Nacht.

Als er dann wieder zurückkehrte und durch das Thor des Châns schritt, sah er Delîle dasitzen und alle, die aus und ein gingen, beobachten, und gewahrte auch die vierzig Sklaven bewaffnet bei ihr; doch stärkte er sein Herz. Delîle aber, die ihn sofort erkannte, als sie ihn sah, rief: »Kehr um, du Räuberhauptmann, willst du mir hier im Chân einen Streich spielen?« Hierauf wendete sich Alī der Kairenser, der wie der Koch aussah, zu Delîle und sagte zu ihr: »Was sprichst du da, Pförtnerin?« Sie entgegnete: »Was hast du mit dem Koch angestellt, und was hast du ihm angethan? Hast du ihn umgebracht oder nur mit Bendsch betäubt?« Er erwiderte: »Welchen Koch meinst du? Giebt es hier denn noch einen andern Koch außer mir?« Sie versetzte: »Du lügst; du bist Alī Sîbak der Kairenser.« Er erwiderte ihr jedoch in der Aussprache der Sklaven: »Pförtnerin, sind die Kairenser weiß oder schwarz? Ich will nicht länger den Diener spielen.« Da fragten ihn die andern Sklaven: »Was fehlt dir, Vetter?« Delîle aber rief: »Das ist nicht euer Vetter, es ist Alī Sîbak der Kairenser, und mir scheint es, er hat euern Vetter mir Bendsch betäubt oder umgebracht.« Da sagten sie: »Das ist unser Vetter Saadullāh der Koch,« worauf sie von neuem entgegnete: »Es ist nicht euer Vetter sondern Alī der Kairenser, der sich die Haut gefärbt hat.« Alī aber sagte: »Wer ist Alī? Ich bin 110 Saadullāh.« Da sagte sie: »Ich habe Prüfsalbe bei mir,« und holte die Salbe, mit der sie ihm den Unterarm einrieb; doch ging das Schwarz nicht fort, so daß die Sklaven sagten: »Laß ihn gehen, daß er uns das Mittagessen fertig macht.« Sie versetzte: »Wenn es euer Vetter ist, so weiß er, was ihr gestern zur Nacht von ihm verlangtet, und weiß auch, wie viele Gerichte er jeden Tag kocht.« Nun fragten sie ihn nach den Gerichten und den Speisen, die sie die Nacht zuvor von ihm verlangt hatten, worauf er ihnen antwortete: »Zum Mittag und Abend bereite ich euch Linsen, Reis, Brühe, Sauce und Rosenwasser, und gestern verlangtet ihr noch ein sechstes und siebentes Gericht, nämlich Reis mit Safran und Honig und Granatapfelkerne.« Da riefen die Sklaven: »Er hat es richtig angegeben,« worauf sie erwiderte: »So tretet mit ihm ein; wenn er die Küche und die Speisekammer kennt, so ist er euer Vetter; kennt er sie aber nicht, so tötet ihn.« Nun hatte aber der Koch eine Katze aufgezogen, und jedesmal, wenn der Koch in die Küche trat, sprang sie ihm auf die Schulter, da sie bereits an der Thür auf ihn gewartet hatte. Als nun Alī eintrat, und die Katze ihn sah, sprang sie ihm auf die Schulter, doch warf er sie herunter, worauf sie vor ihm her zu einer Thür lief und dort stehen blieb, woraus er schloß, daß dies nur die Küchenthür sein könne. Infolge dessen langte er die Schlüssel hervor, und, als er an einem derselben Spuren von Federn bemerkte, erkannte er, daß es der Schlüssel der Küche war und öffnete dieselbe, worauf er den Korb mit Gemüse absetzte. Als er dann wieder herausging, lief die Katze auch wieder vor ihm her und blieb vor einer andern Thür stehen, woraus er schloß, daß es die Thür der Speisekammer wäre und wieder zu den Schlüsseln langte, unter denen er einen mit Fettspuren fand. Hieran erkannte er, daß es der Schlüssel der Speisekammer war, und öffnete sie, worauf die Sklaven sprachen: »O Delîle, wäre es ein Fremder, so hätte er nicht den Speisekammerschlüssel und die Schlüssel zu allen andern 111 Räumen unter der Menge der Schlüssel herausgefunden; es ist ganz zweifellos unser Vetter Saadullāh.« Delîle entgegnete jedoch: »Die Katze allein hat ihm die Räume verraten, und die Schlüssel hat er an Nebenumständen unterschieden; dies täuscht mich jedoch nicht.«

Alī begab sich nun wieder in die Küche und kochte das Fleisch, worauf er den Tisch Seinab auftrug, wobei er alle die Sachen in ihrem Gemach hängen sah. Dann trug er Delîle den Tisch auf, gab den Sklaven ihr Essen und fütterte die Hunde. Desgleichen that er am Abend. Da aber das Thor des Châns stets mit der Sonne geöffnet und geschlossen wurde, erhob sich Alī des Abends und rief im Chân: »Ihr Hausbewohner, die Sklaven haben die Wache angetreten, und die Hunde sind losgelassen; jeder, der jetzt noch herauskommt, hat niemand als sich selber zu tadeln.« Den Hunden aber gab er das Futter zum Abend verspätet, nachdem er Gift daran gethan hatte, so daß sie nach dem Fressen krepierten. Ebenso hatte er an das Essen der Sklaven und das Delîles und ihrer Tochter Seinab Bendsch gethan und stieg nun hinauf und nahm alle Sachen und die Brieftauben an sich, worauf er das Thor öffnete und zur Kaserne ging. Als Hasan Schūmân ihn sah, fragte er ihn: »Was hast du ausgerichtet?« Da erzählte er ihm alles, wozu Hasan Schūmân ihn beglückwünschte. Dann stand er auf, zog ihm die Sachen aus und kochte ihm Kräuter, mit deren Saft er ihn wusch, worauf er wieder so weiß wie zuvor wurde. Alsdann ging er wieder zu dem Sklaven, zog ihm seine Sachen an und weckte ihn aus seiner Betäubung, worauf der Sklave zum Gemüsehändler ging und Gemüse holte.

Soviel mit Bezug auf Alī Sîbak den Kairenser; als nun aber bei Anbruch der Morgenröte ein Kaufmann von den Gästen des Châns aus dem Fenster schaute und das Thor des Châns geöffnet, die Sklaven mit Bendsch betäubt und die Hunde tot daliegen sah, stieg er zu Delîle hinunter, die 112 er ebenfalls betäubt daliegen sah, mit einem Blatt Papier auf ihrem Nacken und einem Schwamm mit dem Gegenmittel von Bendsch ihr zu Häupten. Da legte er den Schwamm auf ihre Nasenlöcher, worauf sie erwachte und fragte: »Wo bin ich?« Der Kaufmann antwortete ihr: »Als ich herunterkam, sah ich das Thor des Châns offen stehen, dich und die Sklaven von Bendsch betäubt und die Hunde tot daliegen.« Da nahm sie das Blatt und fand auf ihm geschrieben: »Diesen Streich hat kein anderer als Alī der Kairenser ausgeübt.« Da gab sie ihrer Tochter Seinab und den Sklaven das Gegenmittel von Bendsch zu riechen und sprach zu ihnen: »Sagte ich es euch nicht, daß dies Alī der Kairenser war?« Dann befahl sie den Sklaven: »Behaltet diese Sache bei euch.« Zu ihrer Tochter aber sagte sie: »Wie oft sagte ich dir's nicht, daß Alī sich nicht die Rache schenken würde? Nun hat er dies zum Lohn für das, was du ihm anthatest, gethan, und er hatte es in seiner Macht dir noch etwas anders als dies anzuthun; jedoch begnügte er sich hiermit aus Güte und im Verlangen nach freundschaftlichen Beziehungen mit uns.« Alsdann legte Delîle wieder die Mannestracht ab, zog Frauentracht an und band sich das Tuch des Friedens um ihren Hals, worauf sie zur Kaserne Ahmed ed-Danafs ging.

Als aber Alī mit den Sachen und den Brieftauben in die Halle zurückgekehrt war, erhob sich Schūmân und gab dem Aufseher den Preis für vierzig Tauben, worauf derselbe vierzig Tauben kaufte und sie für die Mannschaft kochte. Da pochte mit einem Male Delîle an die Thür, und Ahmed ed-Danaf rief: »Das ist Delîles Schlag; steh auf und öffne ihr, Wärter.« Da erhob er sich und öffnete ihr, worauf sie eintrat.

Siebenhundertundvierzehnte Nacht.

Schūmân fragte sie: »Was hat dich hierher geführt, Unglücksalte? Du und dein Bruder Sureik der Fischhändler, ihr paßt beide gut zusammen.« Die Alte erwiderte: 113 Hauptmann, ich habe unrecht, und dieser mein Hals steht dir zur Verfügung; sag mir jedoch, wer von euch mir diesen Streich gespielt hat.« Ahmed ed-Danaf antwortete: »Es war der erste meiner Burschen.« Nun versetzte sie: »Sei du um Gottes willen Vermittler bei ihm, daß er mir die Brieftauben und das andere wiedergiebt; du würdest mir einen großen Dienst erweisen.« Da rief Hasan Schūmân: »Gott lohn' es dir, Alī, weshalb hast du die Tauben gekocht?« Er entgegnete: »Ich wußte nicht, daß es Brieftauben waren.« Hierauf rief Ahmed ed-Danaf: »Wärter, bring uns die gekochten Tauben.« Da brachte er sie ihr, worauf sie ein Stück von einer Taube nahm und es kaute. Dann sagte sie: »Das ist kein Fleisch von Brieftauben. Ich fütterte sie mit Moschuskörnern, so daß ihr Fleisch wie Moschus geworden ist.« Schūmân versetzte hierauf: »Wenn du die Brieftauben wieder haben willst, so erfülle Alīs des Kairensers Begehren.« Sie fragte: »Was ist's?« Er erwiderte: »Gieb ihm deine Tochter Seinab zur Frau.« Sie entgegnete: »Ich vermag nichts über sie, es sei denn durch Güte.« Da sagte Hasan Schūmân zu Alī dem Kairenser: »Gieb ihr die Tauben.« So gab er ihr dieselben, und sie nahm sie erfreut, jedoch sagte Schūmân zu ihr: »Du mußt uns unbedingt eine zufriedenstellende Antwort bringen.« Sie versetzte: »Wenn es sein Wunsch ist sie zu heiraten, so war der Streich, den er uns spielte, durchaus nicht schlau; vielmehr hat er nichts anders zu thun als sich bei ihrem Onkel mütterlicherseits, dem Hauptmann Sureik, ihrem Vormund, um sie zu bewerben, der da ausruft: »Das Pfund Fische für zwei Heller!« und der in seinem Laden einen Beutel mit zweitausend Golddinaren aufgehängt hat.« Als sie dies von ihr vernahmen, erhoben sie sich und sprachen: »Was sind das für Worte, du gemeine Vettel? Du willst weiter nichts als unsers Bruders Alī Untergang.« Hierauf kehrte sie von ihnen zu ihrem Chân zurück und sagte zu ihrer Tochter: »Alī der Kairenser hat sich bei mir um dich beworben.« Da 114 freute sie sich, da sie ihn wegen seiner Keuschheit ihr gegenüber lieb gewonnen hatte, und fragte sie nach dem Vorgefallenen, worauf sie ihr alles erzählte und sagte: »Ich habe ihm die Bedingung gestellt, daß er bei deinem Oheim um dich anhält, damit er hierbei umkommt.« Alī der Kairenser aber fragte die Vierzig: »Was ist's mit Sureik, und was treibt er?« Sie versetzten: »Er ist der Hauptmann der Burschen aus dem Irâk, der beinahe Berge durchbohren und die Sterne vom Himmel herunterholen kann; ja, er vermöchte sogar die Schminke vom Auge zu stehlen, und keiner ist ihm in diesen Sachen gewachsen. Jetzt hat er jedoch dies Thun bereut und einen Fischladen aufgemacht; durch den Fischhandel hat er zweitausend Dinare zusammengebracht, die er in einen Beutel gethan hat, an den er eine seidene, mit Schellen und Klingeln aus Erz behangene Schnur gebunden hat. Jedesmal, wenn er den Laden öffnet, hängt er den Beutel an einen Pflock hinter der Ladenthür und ruft: »Wo seid ihr, ihr Spitzbuben von Ägypten, ihr Diebsgesellen vom Irâk, ihr Meister von Adschamland? Sureik der Fischhändler hat an der Ladenfront einen Beutel aufgehängt, und jeder, der sich der Geschicklichkeit rühmt, mag ihn sich mit List holen und behalten.« Infolge dessen kommen alle geldlüsternen Burschen zu ihm, um den Beutel zu nehmen, während er mit dem Feueranlegen und Braten der Fische beschäftigt ist, doch können sie es nicht, da er unter seine Füße runde brotähnliche Bleischeiben gelegt hat und nach jedem, der unbemerkt von ihm den Beutel zu nehmen sucht, mit der Bleischeibe wirft und ihn entweder verletzt oder tötet. So, o Alī, wolltest du es mit ihm aufnehmen, so würdest du dem gleichen, der einen Leichenzug anrennt, ohne zu wissen, wer tot ist. Du bist ihm nicht gewachsen und wir fürchten für dich, wenn du dich mit ihm einlässest. Was brauchst du auch Seinab zu heiraten? Wer ein Ding fahren läßt, lebt ebenso gut ohne dasselbe.« Alī entgegnete jedoch: »Das wäre eine Schande, ihr Leute; ich muß unbedingt den Beutel 115 nehmen; bringt mir jedoch Mädchenkleider.« Da brachten sie ihm einen Mädchenanzug, worauf er die Sachen anzog, sich mit Henna die Hände färbte und den Schleier lang herunterließ. Ebenso zog er Hosen und Stiefeletten an. Dann machte er sich Brüste aus Vögelkröpfen, die er mit geronnener Milch füllte, und band sich auf den Bauch ein Stück Linnen, das er mit Baumwolle polsterte, worauf er sich eine gutgestärkte Schürze umband. so daß alle, die ihn draußen sahen, riefen: »Was ist das für ein schönes Hinterteil!« Als er unterwegs auf einen Eseltreiber stieß, gab er ihm einen Dinar und ritt auf dem Esel zum Laden Sureiks des Fischhändlers, wo er den Beutel hängen und das Gold hindurchschimmern sah, während Sureik Fische briet. Da rief er: »Her zu mir, Eseltreiber, was ist das für ein Geruch?« Er erwiderte: »Es ist der Geruch von Sureiks Fischen.« Alī entgegnete hierauf: »Ich bin ein schwangeres Weib, und der Geruch schadet mir; geh, hol mir ein Stück Fisch.« Da sagte der Eseltreiber zu Sureik: »Bist du etwa aufgestanden, um schwangere Frauen anzustänkern? Ich habe die Frau des Emirs Hasan Scharr et-Tarîk bei mir, die schwanger ist und den Gestank gerochen hat. Gieb ihr ein Stück Fisch, da sich das Kind in ihrem Leibe regt. O Schützer, o Gott, schütze uns vor dem Übel des heutigen Tages!« Da nahm er ein Stück Fisch und wollte es für sie braten; da aber das Feuer ausgegangen war, ging er hinein, um es wieder anzuzünden. während Alī mit einem Male rief: »Ach, meine Seite! ach, mein Rücken! so daß der Eseltreiber sich zu ihm umwandte und ihn fragte: »Was fehlt dir, meine Herrin?« Er erwiderte: »Ich habe eine Fehlgeburt gethan.« Als Sureik dies vernahm, lief er vor Furcht in den Laden, während der Eseltreiber ihm nachrief: »Gott straf' dich, Sureik! Die Dame ist vorzeitig entbunden, und du vermagst nichts gegen ihren Gatten. Weshalb hast du auch so früh deinen Gestank gemacht? Ich sagte dir: »Bring ihr ein Stück Fisch,« du aber hattest keine Lust dazu.« Hierauf nahm der 116 Eseltreiber seinen Esel und zog seines Weges. Als aber Sureik sich in den Laden geflüchtet hatte, streckte Alī der Kairenser seine Hand nach dem Beutel aus; sobald er ihn jedoch berührte, klirrte das Gold in ihm, und die Schellen und Klingeln und Ringe rasselten und läuteten. Da rief Sureik: »Dein Betrug ist ans Tageslicht gekommen, du Galgenstrick! Willst du mich etwa als Mädchen verkleidet überlisten? Da nimm, was dir zukommt.« Mit diesen Worten warf er eine Bleischeibe nach ihm, die ihn jedoch verfehlte. Als er nun aber nach einer andern langte, erhoben sich die Leute wider ihn und riefen: »Bist du ein Handelsmann oder ein Klopffechter? Wenn du ein Handelsmann bist, so nimm den Beutel herunter und verschone das Volk mit deinem Unheil.« Er versetzte: »Im Namen Gottes, auf meinen Kopf!« Alī aber kehrte zur Kaserne zurück, wo ihn Schūmân fragte: »Was hast du ausgerichtet?« Da erzählte er ihm alles und sagte zu Schūmân, nachdem er die Frauenkleider ausgezogen hatte: »Bringe mir die Tracht eines Reitknechts.« Als dieser ihm die verlangten Sachen gebracht hatte, zog er sie an und nahm ein hölzernes Tablett und fünf Dirhem, worauf er zu Sureik dem Fischhändler ging, der ihn fragte: »Was wünschest du, mein Meister?« Da zeigte er ihm das Geld in der Hand, und nun wollte er ihm von den Fischen, die auf dem Brett lagen, geben, als er zu ihm sagte: »Ich nehme nur warme Fische.« Da legte er die Fische auf die Pfanne und wollte sie braten; da aber das Feuer ausgegangen war, ging er hinein, um es anzuzünden, als Alī der Kairenser seine Hand nach dem Beutel ausstreckte und das Ende desselben zu packen bekam. In demselben Augenblick aber läuteten und rasselten die Klingeln, Schellen und Ringe. und Sureik sagte: »Dein Streich ist dir nicht gelungen; wenn du dich auch als Reitknecht verkleidet hast, so erkannte ich dich doch an dem Griff, mit dem du das Geld und die Schüssel hieltest.« 117

Siebenhundertundfünfzehnte Nacht.

Hierauf warf er die Bleischeibe nach ihm, doch wich ihr Alī der Kairenser aus, so daß sie gerade in die Pfanne fiel, die voll von warmen Fischstücken war, und sie zerschlug, worauf dieselbe dem Kadi, der gerade vorüberkam, mit der Brühe und allem, was sich auf ihr befand, auf die Schulter und Brust fiel; das Fett lief ihm bis auf die Schamteile hinunter, so daß er schrie: »Autsch, meine Schamteile! Was ist das für ein abscheulicher Schmerz! O ich Unseliger, wer hat mir das angethan?« Die Leute erwiderten: »O unser Herr, irgend ein kleiner Knabe warf einen Stein gerade in die Pfanne. Danke Gott, daß es nicht noch schlimmer kam.« Hierauf wendeten sie sich um, und, als sie nun eine Bleischeibe fanden und sahen, daß Sureik sie geworfen hatte, erhoben sie sich und riefen: »Das ist von Gott nicht erlaubt, Sureik! Es wäre besser für dich, du nähmest den Beutel herunter.« Er erwiderte: »So Gott will, nehme ich ihn herunter.« Inzwischen war Alī wieder in die Kaserne zu der Mannschaft zurückgekehrt, die ihn fragte: »Wo ist der Beutel?« Da erzählte er ihnen alles Vorgefallene, worauf sie ihm erwiderten: »Nun hast du zwei Drittel von seiner Schlauheit zunichte gemacht.« Hierauf zog er die Sachen, die er anhatte, aus und kleidete sich wie ein Kaufmann. Als er dann ausging und einen Schlangenbändiger mit einem Sack voll Schlangen und einem Ranzen, in welchem er sein Handwerkszeug trug, erblickte, sagte er zu ihm: »Schlangenbändiger, ich möchte, daß du meine Kinder vergnügst; du sollst dafür ein Geschenk erhalten.« Da folgte ihm der Schlangenbändiger nach der Kaserne, wo er ihm zu essen gab und Bendsch beibrachte. Dann zog er seine Sachen an und begab sich wieder zu Sureik dem Fischhändler. Als er vor seinem Laden auf seiner Flöte blies, rief Sureik: »Gott versorge dich!« Er aber holte die Schlangen hervor und warf sie vor ihn hin, worauf Sureik aus Furcht vor den 118 Schlangen in den Laden lief. Da legte er die Schlangen wieder in den Sack und streckte seine Hand nach dem Beutel aus; sobald er aber sein Ende berührte, klirrten die Ringe von neuem, und die Schellen und Klingeln läuteten, worauf Sureik rief: »Hörst du nicht auf, mich überlisten zu wollen, daß du jetzt als Schlangenbändiger kommst?« Hierauf warf er eine Bleischeibe nach ihm, als gerade ein Kavallerist vorüberkam, dem der Reitknecht folgte, so daß dieselbe dem Stallknecht an den Kopf flog und ihn zu Boden fällte. Da fragte der Reiter: »Wer hat ihn zu Boden geschlagen?« Die Leute erwiderten ihm: »Es war ein Stein, der vom Dache fiel.« Hierauf ritt er weiter; als die Leute aber die Bleischeibe sahen, erhoben sie sich wider Sureik und riefen: »Nimm den Beutel herunter.« Er versetzte: »So Gott will, nehme ich ihn noch heute Nacht herunter.« In dieser Weise suchte Alī ihn noch mehrmals, im ganzen siebenmal, zu überlisten, ohne daß er den Beutel nehmen konnte. Dann gab er dem Schlangenbändiger seine Sachen wieder nebst einem Geschenk, worauf er zu Sureiks Laden zurückkehrte und ihn sagen hörte: »Wenn ich den Beutel die Nacht über im Laden lasse, so durchbohrt er die Mauer und nimmt ihn; ich will ihn daher mit nach Hause nehmen.« Hierauf erhob er sich, verschloß den Laden, nahm den Beutel herunter und steckte ihn in seinen Busen; Alī aber folgte ihm bis in die Nähe seines Hauses, wo Sureik einen Nachbar sah, der bei sich ein Hochzeitsfest feierte; da sprach er bei sich: »Ich will zuvor nach Hause gehen und meiner Frau den Beutel geben, um mich dann anzuziehen und zum Fest zu gehen.« Nun war Sureik mit einer Schwarzen, einer von Dschaafars Freigelassenen, verheiratet und hatte von ihr einen Knaben erhalten, dem er den Namen Abdallāh gegeben hatte; und er hatte ihr versprochen das Geld im Beutel für sein Beschneidungs- und Hochzeitsfest zu verwenden. Wie nun Sureik mit gerunzeltem Gesicht bei seiner Frau eintrat, fragte sie ihn: »Warum siehst du so mürrisch drein?« Er versetzte: »Unser 119 Herr hat uns mit einem Spitzbuben geplagt, der heute auf siebenerlei Weise versuchte mir den Beutel zu nehmen; jedoch gelang es ihm nicht.« Sie erwiderte: »Gieb ihn her, daß ich ihn für das Fest unseres Knaben aufbewahre.« Da gab er ihr den Beutel; Alī aber hatte sich in einer Kammer versteckt und konnte alles hören und sehen. Nachdem nun Sureik die Sachen, die er anhatte, ausgezogen und andere angezogen hatte, sagte er zu ihr: »Hüte den Beutel, Umm Abdallāh, ich gehe jetzt aufs Fest;« worauf sie erwiderte: »Schlaf zuvor eine Weile.« Da legte er sich schlafen, Alī aber erhob sich nun, schlich auf seinen Zehenspitzen heran und nahm den Beutel, worauf er zum Hochzeitshaus ging und dem Fest zuschaute. Inzwischen träumte Sureik, daß ein Vogel mit seinem Beutel fortgeflogen wäre; da erwachte er erschrocken und sagte zu Umm Abdallāh: »Steh auf und sieh nach dem Beutel.« Wie sie nun aber aufstand und nachsah, fand sie ihn nicht und rief, sich vors Gesicht schlagend: »O über deines Glückes Schwärze! O Umm Abdallāh! Der Spitzbube hat den Beutel genommen.« Da sagte ihr Mann: »Bei Gott, kein anderer als der Spitzbube Alī hat den Beutel genommen, und ich muß ihn unbedingt wieder holen.« Sie erwiderte: »Wenn du den Beutel nicht wiederbringst, verschließe ich die Thür und lasse dich auf der Straße schlafen.« Hierauf begab sich Sureik zum Hochzeitsfest, und, als er dort den Spitzbuben Alī stehen und zuschauen sah, sprach er: »Dieser ist's, der den Beutel genommen hat, doch wohnt er in Ahmed ed-Danafs Halle.« Alsdann machte er sich auf den Weg, daß er vor Alī bei der Kaserne eintraf, und kletterte auf der Rückseite in sie hinein, in deren Saal er alle schlafen sah. Bald darauf kam Alī an und pochte an die Thür, worauf Sureik fragte: »Wer ist an der Thür?« Er antwortete: »Alī der Kairenser.« Da fragte er: »Hast du den Beutel gebracht?« Alī hielt ihn aber für Hasan Schūmân und antwortete: »Ja, öffne die Thür.« Sureik versetzte jedoch: »Ich öffne sie nicht eher, als bis ich 120 den Beutel sehe; dein Meister und ich sind seinetwegen eine Wette eingegangen.« Da sagte Alī: »Strecke deine Hand aus.« Als er nun seine Hand bei der Thürangel herausstreckte und Ahmed ihm den Beutel in die Hand legte, nahm er ihn und stieg auf demselben Wege, auf dem er eingestiegen war, wieder hinaus, worauf er sich zur Hochzeit begab. Inzwischen stand Alī in einem fort an der Thür, ohne daß ihm jemand geöffnet hätte, bis er schließlich so heftig pochte, daß die Leute aus dem Schlaf erwachend riefen: »Das ist Alīs des Kairensers Schlag.« Da öffnete ihm der Aufseher und Hasan fragte ihn: »Hast du den Beutel gebracht?« Alī erwiderte: »Genug des Scherzes, Schūmân! Habe ich ihn dir nicht durch das Loch unten an der Thürangel gereicht, als du zu mir sprachst: »Ich schwur, dir nicht eher die Thür zu öffnen, bis du mir den Beutel zeigst?« Hasan Schūmân versetzte: »Bei Gott, ich habe ihn nicht genommen; sicherlich ist es Sureik gewesen.« Da sagte Alī: »Ich muß ihn unbedingt wiederbekommen.« Hierauf begab er sich zur Hochzeit, wo er den Possenreißer sagen hörte: »Bravo, Abū Abdallāh, der gute Ausgang bleibt dir für deinen Sohn!« Da sprach Alī: »Mir leuchtet der Stern des Glückes,« und begab sich zu Sureiks Haus, über dessen Hinterwand er einstieg. Als er seine Frau schlafend vorfand, betäubte er sie mit Bendsch und zog sich ihre Sachen an, worauf er ihren Knaben auf seinen Busen nahm und alles absuchte, bis er einen Korb mir Festkuchen fand, die Sureik in seinem Geiz verwahrt hatte. Mit einem Male kam Sureik an und pochte an die Thür, worauf Alī, die Stimme seiner Frau nachahmend, fragte: »Wer ist an der Thür?« Er erwiderte: »Abū Abdallāh.« Alī versetzte jedoch: »Ich habe geschworen dir nicht eher die Thür zu öffnen, als bis du mir den Beutel bringst.« Er erwiderte: »Ich hab' ihn gebracht.« Alī entgegnete: »Gieb ihn her, bevor ich die Thür öffne.« Nun sagte Sureik: »So laß den Korb herunter und nimm ihn darin.« Da ließ Alī den Korb herunter und zog den Beutel 121 hinaus. Dann betäubte er das Kind mit Bendsch und weckte die Frau, worauf er auf demselben Wege, auf welchem er gekommen war, wieder hinunterkletterte und die Halle aufsuchte, wo er den Leuten den Beutel und das Kind zeigte, das er mitgenommen hatte. Sie rühmten ihn hierfür, er aber gab ihnen den Kuchen zu essen und sprach zu Hasan Schūmân: »Schūmân, dieser Knabe ist Sureiks Sohn: versteck ihn bei dir.« Da nahm er ihn und versteckte ihn, worauf er ein Lamm holte, es schlachtete und dem Aufseher gab, der es ganz kochte und wie einen Leichnam in ein Linnentuch wickelte.

Was nun Sureik anlangt, so wartete er geraume Zeit an der Thür, bis er wie wild pochte, worauf die Frau fragte: »Hast du den Beutel gebracht?« Er erwiderte ihr: »Hast du ihn nicht aus dem Korb genommen, den du herunterließest?« Sie entgegnete: »Ich habe keinen Korb heruntergelassen und habe weder einen Beutel gesehen noch genommen.« Da rief er: »Bei Gott, der Spitzbube Alī ist mir zuvorgekommen und hat ihn genommen!« Hierauf sah er sich im Hause um, und, als er den Kuchen und das Kind nicht mehr fand, rief er: »Ach, mein Kind!« während sich die Frau vor die Brust schlug und rief: »Ich und du, wir wollen zum Wesir, denn niemand anders hat mein Kind umgebracht, als der Spitzbube, der dir alle die Streiche gespielt hat, und an allem bist du schuld.« Da sagte er: »Ich bürge dir für ihn.« Hierauf band er sich das Tuch der Gnade um den Hals und begab sich zu Ahmed ed-Danafs Halle, an deren Thür er pochte. Als ihm der Aufseher geöffnet hatte, trat er zu den Leuten ein, während Schūmân ihn fragte: »Was ist dein Begehr?« Er erwiderte: »Seid mein Vermittler bei Alī dem Kairenser, daß er mir mein Kind wiedergiebt, ich will ihm auch den Beutel mit Gold lassen.« Da sagte Schūmân: »Gott vergelte es dir, Alī, warum sagtest du mir nicht, daß es sein Sohn war?« Nun fragte Sureik: »Was ist ihm widerfahren?« Schūmân 122 versetzte: »Wir gaben ihm Rosinen zu essen, an denen er erstickte und starb. Da ist er.« Da jammerte Sureik: »Ach, mein Kind! Was soll ich nur seiner Mutter sagen?« Als er dann aber das Linnen abwickelte und sah, daß es ein gebratenes Lamm war, sagte er zu ihm: »Du machst dich über mich lustig, Alī.« Hierauf gaben sie ihm seinen Sohn und Ahmed ed-Danaf sagte: »Du hängtest den Beutel für jeden Spitzbuben aus, der geschickt genug wäre ihn zu nehmen, und nun, da ihn Alī der Kairenser gestohlen hat, ist er sein rechtmäßiges Eigentum.« Sureik versetzte: »Ich schenke ihm den Beutel.« Alī Sîbak der Kairenser entgegnete jedoch: »Nimm ihn um Seinabs willen, der Tochter deiner Schwester.« Er versetzte: »Ich nehme ihn an.« Hierauf sagten die andern: »Wir bewerben uns um sie für Alī den Kairenser.« Er entgegnete jedoch: »Ich habe keine Gewalt über sie, es sei denn durch Güte.« Als er dann seinen Sohn und den Beutel nahm, fragte Schūmân: »Nimmst du unsere Werbung an?« Er versetzte: »Ich nehme sie von dem an, der ihre Brautgabe beschaffen kann.« Da fragte er: »Und was ist ihre Morgengabe?« Er erwiderte: »Sie hat geschworen, daß niemand sie berühren soll, der ihr nicht den Anzug Kamars, der Tochter des Juden Azariah, und ihre übrigen Sachen bringt, –

Siebenhundertundsechzehnte Nacht.

ihre Krone nämlich, ihren Gürtel und ihre goldenen Schuhe.« Da sagte Alī der Kairenser: »Wenn ich dir ihren Anzug nicht noch heute Nacht bringe, so habe ich kein Anrecht auf sie.« Nun aber sprachen die andern: »O Alī, du kommst um, wenn du ihr einen Streich spielen willst.« »Und weshalb?« fragte er sie. Sie versetzten: »Der Jude Azariah ist ein listenreicher, verschlagener Zauberer, dem die Dschinn dienstbar sind. Auch hat er ein Schloß außerhalb der Stadt, dessen Wände abwechselnd aus goldenen und silbernen Steinen erbaut sind. So lange er sich in dem 123 Schlosse befindet, ist es sichtbar, wenn er es aber verläßt, so verschwindet es. Er hat eine Tochter, Namens Kamar, welcher er den erwähnten Anzug aus einem Schatz gebracht hat; jeden Tag legt er den Anzug auf einen goldenen Präsentierteller, worauf er die Schloßfenster öffnet und ruft: »Wo sind die Spitzbuben Ägyptens. wo sind die Junker vom Irâk und die Meister von Adschamland? Jeder, der den Anzug nimmt, soll ihn behalten.« Alle Diebsgesellen suchten ihn zu gewinnen, vermochten es jedoch nicht, und er verzauberte sie in Affen und Esel.« Alī versetzte jedoch: »Ich muß den Anzug unbedingt haben und Seinab, die Tochter der verschlagenen Delîle, soll in ihm an der Hochzeit entschleiert werden.« Hierauf begab sich Alī der Kairenser zum Laden des Juden, in dem er einen rohen und groben Menschen fand, neben dem sich eine Wage befand, Gewichte, Gold und Silber und Schubladen sowie ein Maultier. Bald darauf stand der Jude auf, verschloß den Laden, packte das Gold und Silber in zwei Beutel, steckte diese in einen Mantelsack und legte ihn aufs Maultier. Dann setzte er sich aufs Maultier und ritt zur Stadt hinaus, während Alī der Kairenser ihm unbemerkt folgte, bis der Jude aus einem Beutel, den er in seiner Tasche trug, Staub hervorholte und denselben, nachdem er eine Zauberformel über ihn gesprochen hatte, in die Luft streute, worauf Alī ein Schloß gewahrte, das seinesgleichen nicht hatte. Der Jude aber ritt auf dem Maultier, das ein dem Juden dienstbarer Aun war, die Stiegen hinauf und nahm den Mantelsack vom Maultier herunter, worauf dasselbe verschwand, während der Jude sich nun, von Alī belauscht, ins Schloß setzte. Zuerst nahm er ein goldenes Rohr und hängte einen goldenen Präsentierteller an goldenen Ketten daran, worauf er den Anzug darauflegte und, während Alī ihm hinter der Thür zusah, laut rief: »Wo sind die Spitzbuben von Ägypten, wo sind die Jungen vom Irâk und die Meister von Adschamland? Wer diesen Anzug durch seine Kunst nimmt, der mag ihn behalten!« 124 Alsdann sprach er eine Zauberformel, worauf ein Tisch aufgetragen wurde, der sich, nachdem er gespeist hatte, von selber erhob und verschwand; hierauf citierte er durch eine neue Beschwörung einen Tisch mit Wein und trank, während Alī bei sich sprach: »Du kannst den Anzug nur nehmen, wenn er betrunken ist.« Dann trat er hinter ihn und zückte seinen stählernen Hirschfänger, als sich der Jude plötzlich umwendete und seine Hand mit den Worten beschwor: »Bleib mit dem Schwert stehen.« Da blieb seine Hand in der Luft mit dem Schwert stehen, und, als er nun die linke Hand ausstreckte, ward auch diese steif und ebenso sein rechter Fuß, so daß er nur auf einem Fuße stand. Hierauf nahm der Jude den Talisman wieder von ihm fort, so daß er wieder wie zuvor ward, und holte ein geomantisches Brett hervor, aus dem er ersah, daß sein Name Alī Sîbak der Kairenser war. Da wendete er sich zu ihm und sprach: »Komm her; wer bist du, und was willst du?« Er erwiderte: »Ich bin Alī der Kairenser, der Bursche Ahmed ed-Danafs, und habe mich um Seinab, die Tochter der verschlagenen Delîle, beworben, für die sie von mir als Brautgabe den Anzug deiner Tochter verlangten. So gieb ihn mir, wenn du am Leben bleiben willst, und werde Moslem.« Der Jude antwortete: »Nach deinem Tode. Viele Leute haben es schon versucht, mir den Anzug abzulisten, doch vermochten sie es nicht, und wenn du meinen Rat annehmen willst, so mach dich fort und rette dein Leben; denn nur um dich zu verderben, verlangen sie den Anzug von dir, und, hätte ich nicht gesehen, daß dein Glück größer als das meinige ist, so hätte ich dir den Kopf abgeschlagen.« Erfreut darüber, daß der Jude die Überlegenheit seines Glücks aus dem geomantischen Brett ersehen hatte, sagte Alī: »Ich muß den Anzug von dir haben; werde Moslem.« Der Jude fragte nun: »Ist dies dein Wille, und muß es wirklich sein?« Alī versetzte: »Jawohl.« Da nahm der Jude eine Schale, füllte sie mit Wasser, besprach dieselbe und sprach zu Alī: »Verlasse deine menschliche 125 Gestalt und verwandle dich in einen Esel.« Hierauf besprengte er ihn mit etwas Wasser und sofort ward er ein Esel mit Hufen und langen Ohren und brüllte wie ein Esel. Dann zog er einen Kreis um ihn, worauf sich Mauern um ihn erhoben, und zechte bis zum Morgen, als er zu ihm sagte: »Ich will dich reiten und das Maultier ruhen lassen.« Dann packte der Jude den Anzug, das Präsentierbrett, das Rohr und die Ketten in einen Schrank, beschwor Alī, daß er ihm folgte, packte den Mantelsack auf seinen Rücken und ritt auf ihm fort, worauf das Schloß den Blicken entschwand. Bei seinem Laden angelangt, entleerte er den Beutel mit Gold und den andern mit Silber in die vor ihm stehenden Kästen, während Alī als Esel angebunden dastand und wohl hören und begreifen konnte, jedoch nicht zu sprechen vermochte. Mit einem Male kam ein junger Kaufmann, dem die Zeit übel mitgespielt hatte, und der kein leichteres Handwerk hatte finden können als das eines Wasserträgers. Dieser hatte die Armspangen seiner Frau genommen und kam nun zum Juden und sprach zu ihm: »Gieb mir den Preis für diese Armspangen, daß ich mir dafür einen Esel kaufen kann.« Der Jude versetzte: »Was willst du ihm aufladen?« Er erwiderte: »Meister, ich will ihn Wasser vom Fluß tragen lassen und dadurch mein täglich Brot verdienen.« Da entgegnete der Jude: »Nimm diesen Esel von mir,« und verkaufte ihm den Esel für einen Teil des Preises der Armspangen, ihm den Rest einhändigend, worauf er mit dem in einen Esel verzauberten Alī nach seinem Hause abzog. Alī aber sprach bei sich: »Wenn der Eseltreiber dir das Holz auflegt und den Schlauch und zehn Gänge mit dir gemacht hat, so ist deine Gesundheit hin, und du mußt sterben.« Als nun die Frau des Wasserträgers herzutrat und ihm sein Futter vorlegen wollte, stieß er sie mit seinem Kopf, daß sie rücklings zu Boden fiel; dann sprang er auf sie und stieß ihr mit seinem Maul gegen den Kopf, so daß sie schrie, worauf die Nachbarn ihr zu Hilfe kamen und den Esel 126 verprügelten und ihn von ihrer Brust zogen. Als dann ihr Mann, der angehende Wasserträger, nach Hause kam, sagte sie zu ihm: »Entweder giebst du mich frei oder du bringst den Esel wieder seinem früheren Besitzer.« Da fragte er sie: »Was ist vorgefallen?« worauf sie erzählte: »Das ist ein Satan in Eselsgestalt, der mir auf die Brust sprang und mir etwas angethan hätte, wenn mir nicht die Nachbarn zu Hilfe gekommen wären.« Hierauf nahm er den Esel und brachte ihn dem Juden wieder, der ihn fragte: »Weshalb bringst du ihn zurück?« Er antwortete: »Er hat meine Frau mißhandelt.« Da gab ihm der Jude sein Geld, worauf er fortging, während der Jude sich zu Alī wendete und zu ihm sagte: »Greifst du zu Listen, Unseliger, daß er dich wieder zurückbringt?

Siebenhundertundsiebzehnte Nacht.

Jedoch, da es dir beliebt ein Esel zu sein, sollen Groß und Klein sich an dir belustigen.« Hierauf bestieg er den Esel und ritt auf ihm zur Stadt hinaus, wo er die Asche hervorholte und sie, nachdem er sie besprochen hatte, in die Luft streute, worauf sofort das Schloß wieder sichtbar wurde. Dann ritt er ins Schloß hinein, nahm den Mantelsack vom Esel herunter und zog die beiden Beutel mit Geld heraus. Alsdann holte er das Rohr hervor, hängte das Präsentierbrett mir dem Anzug daran und rief wie alle Tage: »Wo sind die Spitzbuben aller Länder, die diesen Anzug zu nehmen vermögen?« Dann sprach er eine Zauberformel wie den Tag zuvor, worauf ihm wieder der Tisch vorgesetzt wurde, und nach dem Essen sprach er eine zweite Zauberformel, worauf der Wein vor ihm erschien, und er trank. Alsdann füllte er eine Schale mir Wasser und besprengte, nachdem er dasselbe besprochen hatte, etwas davon auf den Esel, indem er zu ihm sprach: »Verwandle dich wieder in deine frühere Gestalt.« Da ward er wieder ein Mensch wie zuvor, und der Jude sagte zu ihm: »Alī, nimm meinen Rat 127 an und laß dir an dem Übel, das du bisher von mir erfuhrst, genügen. Dir thut es nicht not Seinab zu heiraten und meiner Tochter Anzug zu nehmen, denn es ist kein leichtes Ding für dich. Dienlicher ist es dir, wenn du dein Verlangen aufgiebst, da ich dich sonst in einen Bären oder Affen verzaubere oder einem Aun über dich Macht gebe, der dich hinter den Berg Kâf wirft.« Alī versetzte jedoch: »O Azariah, ich habe mich verpflichtet den Anzug zu nehmen und ich muß ihn unbedingt haben; darum werde Moslem oder ich töte dich.« Da entgegnete der Jude: »O Alī, du bist wie eine Walnuß; wenn man sie nicht zerbricht, kann man sie auch nicht essen.« Hierauf nahm er eine Schale mit Wasser, sprach einen Zauber darüber und besprengte ihn mit den Worten: »Nimm die Gestalt eines Bären an.« Da verwandelte er sich sogleich in einen Bären, worauf der Jude ihm einen Ring um den Hals legte, ihm das Maul verband und ihn an einen eisernen Pflock band. Dann aß er, indem er ihm ein Stück von den Bissen hinwarf und den Rest aus dem Becher auf ihn goß. Am nächsten Morgen erhob sich der Jude, nahm den Präsentierteller mit dem Anzug fort und beschwor den Bären, worauf dieser ihm zu seinem Laden folgte, wo der Jude den Bären mit der Kette, die er an seinem Halse trug, festband und dann das Gold und Silber in die Kästen ausschüttete, während Alī alles hören und verstehen konnte, ohne daß er zu sprechen vermochte. Mit einem Male trat ein Kaufmann zu dem Juden in den Laden und sprach zu ihm: »Meister, verkaufst du mir wohl diesen Bären, denn sie haben meiner Base, die meine Frau ist, Bärenfleisch zum Essen und Bärenfett zum Einreiben verordnet.« Da sprach der Jude erfreut bei sich: »Ich will ihn verkaufen, vielleicht schlachtet er ihn und finden wir so Ruhe vor ihm.« Alī aber sprach bei sich: »Bei Gott, der Mann beabsichtigt mich zu schlachten, und nur Gott kann mich retten.« Hierauf versetzte der Jude: »Der Bär ist ein Geschenk von mir an dich,« und der Kaufmann nahm nun den Bären und 128 begab sich mit ihm zum Schlächter, zu dem er sagte: »Hol dein Werkzeug und folge mir.« Da nahm der Schlächter seine Messer und folgte dem Kaufmann in sein Haus, wo er den Bären festband und das Messer zu wetzen anhob, um ihn zu schlachten. Als aber Alī der Kairenser ihn auf sich zukommen sah, hob er sich plötzlich zwischen ihren Händen empor und schwebte zwischen Himmel und Erde, bis er sich wieder auf dem Schloß des Juden niederließ. Die Ursache hiervon lag aber darin, daß, als der Jude den Bären dem Kaufmann gegeben hatte und wieder in sein Schloß heimgekehrt war, seine Tochter ihn nach dem Vorgefallenen fragte, worauf er ihr alles erzählte. Da sagte sie zu ihm: »Rufe einen Aun herbei und frag ihn, ob es wirklich Alī der Kairenser ist oder nur irgend ein anderer, der dich zu überlisten suchte.« Da citierte er einen Aun durch eine Zauberformel vor sich und fragte ihn, ob es Alī der Kairenser oder jemand anders wäre, worauf der Aun ihn packte und, ihn vor den Juden bringend, sagte: »Es ist Alī der Kairenser selber; der Schlächter hatte ihn bereits gebunden und wetzte sein Messer, um ihn zu schlachten, als ich ihn seinen Händen entriß und hierher brachte.« Da nahm der Jude eine Schale mit Wasser, sprach einen Zauber darüber und besprengte ihn mit den Worten: »Nimm deine menschliche Gestalt wieder an,« worauf er ein Mensch ward wie zuvor. Als nun aber Kamar, die Tochter des Juden, einen hübschen Jüngling sah, verliebte sie sich in ihn und er verliebte sich in sie; und sie fragte ihn: »Unseliger, weshalb verlangst du meinen Anzug, daß mein Vater dir dies anthat?« Er erwiderte: »Ich habe mich verpflichtet ihn für Seinab die Gaunerin zu stehlen, um sie zu heiraten.« Da sagte sie: »Andere als du haben meinen Vater zu überlisten getrachtet, um ihm meinen Anzug zu nehmen, ohne daß sie ihn bekamen, darum steh ab von deinem Verlangen.« Er versetzte jedoch: »Ich muß ihn bekommen, und dein Vater muß Moslem werden, oder ich erschlage ihn.« Da sagte ihr Vater zu ihr: »Schau, meine 129 Tochter, diesen Unseligen, wie er sein Verderben verlangt!« Hierauf sagte er zu ihm: »Ich verzaubere dich nunmehr in einen Hund;« dann nahm er eine Schale voll Wasser, die mit Schriftzeichen bedeckt war, sprach einen Zauber über sie und besprengte ihn mit den Worten: »Nimm die Gestalt eines Hundes an,« worauf er sofort ein Hund ward. Alsdann trank der Jude mit seiner Tochter bis zum Morgen, worauf er sich erhob, den Anzug und das Präsentierbrett fortnahm und sein Maultier bestieg, nachdem er noch einen Zauber über den Hund gesprochen hatte, so daß dieser ihm folgte, während alle Hunde ihm bellend nachliefen, bis er an dem Laden eines Trödlers vorüber kam, der sich erhob und die Hunde von ihm fortjagte, worauf er sich zu seinen Füßen niederlegte, während der Jude, als er sich umwendete und ihn nicht fand, weiterritt. Dann erhob sich der Trödler, verschloß seinen Laden und begab sich, von dem Hund gefolgt, nach Hause. Als er aber in sein Haus trat und seine Tochter den Hund sah, verhüllte sie ihr Gesicht und sagte: »Mein Vater, bringst du einen fremden Mann zu uns ins Haus?« Der Trödler versetzte: »Meine Tochter, dies ist ein Hund.« Sie erwiderte jedoch: »Nein, es ist Alī der Kairenser, den der Jude verzaubert hat.« Hierauf wendete sie sich zu ihm und fragte ihn: »Bist du Alī der Kairenser?« Er bejahte es mit einem Kopfnicken. Da fragte er sie: »Und weshalb hat der Jude ihn verzaubert?« Sie versetzte: »Wegen des Anzugs seiner Tochter Kamar; ich kann ihn jedoch befreien.« Ihr Vater erwiderte: »Wenn etwas Gutes geschehen kann, so ist jetzt die Zeit dazu.« Da sagte sie: »Wenn er mich heiraten will, befreie ich ihn.« Und der Hund bejahte es ihr durch ein Zeichen mit seinem Kopf. Da nahm sie eine mit Schriftzeichen bedeckte Schale und fing an einen Zauber über sie zu sprechen, als mit einem Male ein gewaltiger Schrei erscholl, daß ihr die Schale aus der Hand fiel. Als sie sich umwendete, gewahrte sie, daß ihres Vaters Sklavin den Schrei ausgestoßen hatte, die nun 130 zu ihr sagte: »Meine Herrin, ist das der Bund, den wir beide eingingen? Niemand lehrte dich diese Kunst als ich allein, und du versprachst mir nichts zu thun. ehe du nicht meinen Rat eingeholt hättest, und daß der, welcher dich heiraten würde, auch mich heiraten solle, und dir und mir sollte er abwechselnd eine Nacht gehören.« Sie versetzte: »Gut.« Der Trödler aber fragte seine Tochter, als er diese Worte von seiner Sklavin vernahm: »Wer lehrte das Mädchen?« Sie erwiderte: »Mein Vater, sie lehrte mich, frag' du sie selber nach ihrem Lehrer.« Da fragte er das Mädchen und es antwortete ihm: »Wisse, mein Herr, als ich bei dem Juden Azariah war, belauschte ich ihn bei seinen Beschwörungen, und, wenn er zu seinem Laden ging, öffnete ich die Bücher, und las in ihnen, bis ich in der kabbalistischen Wissenschaft ausgebildet war. Als dann der Jude eines Tages betrunken war und mich zu sich aufs Lager ziehen wollte, wehrte ich ihm und sagte: »Ich willige nicht eher ein als bis du Moslem geworden bist;« als er sich dessen weigerte, sagte ich: »Zum Sultansbazar!« So verkaufte er mich dir, und ich kam in dein Haus, wo ich meine Herrin unter der Bedingung in der Zauberei unterrichtete, daß sie nichts derart, ohne mich um Rat zu fragen, unternehmen sollte, und sollte der, welcher sie heiraten würde, auch mich heiraten, so daß abwechselnd ihr eine Nacht und mir eine Nacht zu gute kommt.« Hierauf nahm sie eine Schale mit Wasser, sprach einen Zauber darüber und besprengte den Hund mit den Worten: »Nimm deine frühere menschliche Gestalt wieder an.« Da ward er wieder ein Mensch wie zuvor, und der Trödler bot ihm den Salâm und fragte ihn, weshalb er verzaubert worden sei, worauf er ihm alles, was sich mit ihm zugetragen hatte, erzählte.

Siebenhundertundachtzehnte Nacht.

Der Trödler fragte ihn hierauf: »Genügt dir nicht meine Tochter und die Sklavin?« Er erwiderte jedoch: »Ich muß 131 unbedingt auch Seinab haben.« Mit einem Male pochte es, und auf die Frage der Sklavin, wer an der Thür wäre, antwortete der Pocher: »Kamar, die Tochter des Juden; ist Alī der Kairenser bei euch?« Die Tochter des Trödlers antwortete ihr: »O Tochter des Juden, wenn er bei uns wäre, was würdest du mit ihm thun? Geh hinunter, Sklavin, und öffne ihr.« Da öffnete sie ihr die Thür, und, als sie nun eingetreten war und Alī und sie einander erblickten, fragte Alī sie: »Was führt dich hierher, du Tochter eines Hundes?« Sie erwiderte: »Ich bezeuge, daß es keinen Gott giebt außer Gott, und bezeuge, daß Mohammed der Gesandte Gottes ist.« Nachdem sie so Moslemin geworden war, fragte sie ihn: »Geben die Männer im Glauben des Islams den Frauen eine Morgengabe oder die Frauen den Männern?« Er versetzte: »Die Männer den Frauen.« Da entgegnete sie: »Und ich bin gekommen, mich selber dir als Brautgabe darzubringen nebst dem Anzug, dem Rohr, den Ketten und dem Haupt meines Vaters, deines und Gottes Feindes.« Hierauf warf sie ihres Vaters Haupt vor ihn und sprach: »Das ist das Haupt meines Vaters, deines und Gottes Feindes.« Der Grund aber, daß sie ihren Vater ermordet hatte, hatte darin bestanden, daß sie, als er Alī in einen Hund verwandelt hatte, im Traume eine Stimme zu ihr sprechen hörte: »Werde Moslemin.« Da ward sie gläubig und, als sie erwachte, erklärte sie ihrem Vater den Islam; da er sich aber weigerte, gläubig zu werden, brachte sie ihm Bendsch bei und ermordete ihn.

Alī nahm nun die Sachen und sagte zum Trödler: »Morgen wollen wir alle zusammen zum Chalifen gehen, daß ich deine Tochter und die Sklavin heiraten kann.« Hierauf ging er fröhlich mit den Sachen hinaus und schlug den Weg nach der Halle ein, als er plötzlich unterwegs einen Zuckerbäcker antraf, der die Hände zusammenschlug und rief: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! Der Leute Plage ist sündhaft 132 geworden, und nichts als Lug und Trug wird betrieben! Ich beschwöre dich bei Gott, daß du dieses Konfekt kostest.« Da nahm er ein Stück von ihm und aß es, doch sank er sofort bewußtlos um, da Bendsch darin war, worauf der Zuckerbäcker den Anzug, das Rohr und die Ketten nahm, sie in seinen Konfektkasten steckte und, den Kasten und das Konfektbrett aufladend, abzog. Mit einem Male aber rief ihm ein Kadi nach: »Komm her, Zuckerbäcker.« Da ging er zu ihm, setzte seinen Sack ab und das Brett darauf und fragte ihn: »Was wünschest du?« Der Kadi antwortete: »Konfekt und Kandiertes.« Hierauf nahm er etwas in die Hand und sagte: »Sowohl das Konfekt als auch das Kandierte hier ist gefälscht.« Alsdann holte er etwas Konfekt aus seiner Brusttasche und sagte zu dem Zuckerbäcker: »Sieh, wie schön dies gemacht ist! Iß davon und mach' gleich gutes.« Da nahm es der Zuckerbäcker und aß davon, doch stürzte er sofort besinnungslos um, da ebenfalls Bendsch daran gethan war, worauf der Kadi den Zuckerbäcker in den Sack steckte und den Sack, den Kasten, den Anzug und das andere auflud und seinen Weg nach Ahmed ed-Danafs Halle nahm. Der Kadi war nämlich Hasan Schūmân, und der Grund hiervon war folgender: Als Alī wegen des Anzugs fortgegangen war, und sie nichts mehr von ihm hörten, sagte Ahmed ed-Danaf: »Burschen, sucht nach euerm Bruder Alī dem Kairenser.« Da gingen sie fort und suchten die Stadt nach ihm ab; Hasan Schūmân aber machte sich als Kadi verkleidet auf, als er auf den Zuckerbäcker stieß, in dem er Ahmed el-Lakît erkannte. Da betäubte er ihn mit Bendsch und nahm ihn samt dem Anzug mit sich nach der Kaserne. Die Vierzig aber, unter denen sich auch Alī Kitf el-Dschamal befand, suchten die Hauptstraßen Bagdads ab, als Alī Kitf el-Dschamal mit einem Male einen Auflauf von Menschen sah. Da ging er zum Gedränge hin und fand umdrängt von ihnen Alī den Kairenser von Bendsch betäubt daliegen, worauf er ihn aus seiner Betäubung erweckte. Als er nun 133 wieder zu sich kam und das Volk um sich versammelt sah, sagte Alī Kitf el-Dschamal zu ihm: »Komm' zu dir.« Da fragte er: »Wo bin ich?« Alī Kitf el-Dschamal und seine Gefährten antworteten ihm: »Wir sahen dich von Bendsch betäubt daliegen und wissen nicht, wer dies gethan hat.« Da sagte Alī der Kairenser: »Das ist ein Zuckerbäcker gewesen, der mir dann die Sachen genommen hat; wohin ist er gegangen?« Sie versetzten: »Wir sahen niemand; komm jedoch jetzt mit uns zur Kaserne.« Da gingen sie zur Kaserne, wo sie Ahmed ed-Danaf fanden, der sie begrüßte und zu Alī sagte: »Alī, hast du den Anzug gebracht?« Alī erwiderte: »Ich war mit ihm auf dem Wege hierher samt den andern Sachen und dem Haupt des Juden, unterwegs traf ich jedoch auf einen Zuckerbäcker, der mir Bendsch beibrachte und dann die Sachen fortnahm.« Hierauf erzählte er ihm alles, was sich mit ihm zugetragen hatte und setzte hinzu: »Sähe ich den Zuckerbäcker, ich wollte es ihm schon heimgeben.« Da trat mit einem Male Hasan Schūmân aus einer Kammer heraus und fragte ihn: »Alī, hast du den Anzug gebracht?« Er versetzte: »Ich brachte ihn und das Haupt des Juden, doch begegnete ich einem Zuckerbäcker, der mir Bendsch beibrachte und den Anzug samt den andern Sachen nahm, ohne daß ich weiß, wohin er gegangen ist. Kennte ich aber seinen Aufenthalt, ich wollte ihn gehörig dafür peinigen. Weißt du etwa, wohin er gegangen ist?« Hasan Schūmân erwiderte: »Ich weiß, wo er ist.« Hierauf erhob er sich und ging in die Kammer, wo er ihm den von Bendsch betäubten Zuckerbäcker zeigte. Dann weckte er ihn aus seiner Betäubung, und, als er nun die Augen öffnete und vor sich Alī den Kairenser, Ahmed ed-Danaf und die Vierzig vor sich stehen sah, fiel er wieder um und fragte: »Wo bin ich, und wer hat mich festgenommen?« Schūmân antwortete: »Ich bin's gewesen.« Alī der Kairenser aber sagte zu ihm: »Du Gauner, wolltest du mir dies anthun?« und wollte ihm die Kehle abschneiden, als Hasan Schūmân 134 zu ihm sagte: »Thu deine Hand fort, dieser hier wird mit dir verschwiegert werden.« Da fragte Alī: »Woher?« Und Schūmân antwortete: »Es ist Ahmed el-Lakît, der Sohn der Schwester Seinabs.« Nun fragte Alī: »Weshalb thatest du das, Lakît?« Er erwiderte: »Meine Großmutter, die verschlagene Delîle, hieß es mich, da Sureik der Fischhändler sie aufgesucht und zu ihr gesagt hatte: »Alī der Kairenser ist ein Teufelskerl von Spitzbube, der sicher den Juden umbringen und den Anzug bringen wird.« Da rief sie mich und sagte zu mir: »Ahmed, kennst du Alī den Kairenser?« Ich versetzte: »Ja, denn ich war's selber, der ihn zu Ahmed ed-Danafs Halle wies.« Hierauf sagte sie: »Geh fort und stelle ihm dein Netz auf, und, wenn er mit den Sachen kommt, so spiel' ihm einen Streich und nimm sie ihm fort.« Da ging ich in den Straßen der Stadt umher, bis ich einen Zuckerbäcker sah, dem ich für zehn Dinare seinen Anzug, sein Konfekt und sein Werkzeug abkaufte, worauf dann das bekannte geschah.« Hierauf sagte Alī der Kairenser zu Ahmed el-Lakît: »Geh zu deiner Großmutter und zu Sureik dem Fischhändler und sag' ihnen, daß ich den Anzug und das Haupt des Juden geholt habe. Sag ihnen auch, sie sollen morgen mit mir im Diwan des Chalifen zusammentreffen und dort Seinabs Morgengabe von mir empfangen.« Ahmed ed-Danaf aber sprach in seiner Freude hierüber: »An dir ist die Erziehung nicht umsonst gewesen, Alī.«

Am andern Morgen nahm Alī der Kairenser den Anzug, das Präsentierbrett, das Rohr, die goldenen Ketten und das auf eine Pike gespießte Haupt des Juden Azariah und begab sich mit seinem Oheim und seinen Burschen zum Diwan, wo sie vor dem Chalifen die Erde küßten.

Siebenhundertundneunzehnte Nacht.

Da wendete sich der Chalife um, und, als er einen Jüngling, tapfer wie nur irgend ein Mann, erblickte, fragte er die Mannschaft nach ihm, worauf Ahmed ed-Danaf erwiderte: 135 »O Fürst der Gläubigen, dies ist Alī Sîbak der Kairenser, der Hauptmann der Spitzbuben Kairos und der erste meiner Burschen.« Der Chalife aber gewann ihn auf den ersten Blick lieb, da er die Tapferkeit zwischen seinen Augen leuchten sah, zeugend für ihn und nimmer wieder ihn; und nun warf Alī das Haupt des Juden vor den Chalifen nieder und sprach zu ihm: »Mag es deinen Feinden wie diesem hier ergehen, o Fürst der Gläubigen!« Da fragte ihn der Chalife: »Wessen Kopf ist das?« Er antwortete: »Der Kopf Azariahs des Juden.« Nun fragte der Chalife: »Und wer tötete ihn?« Da erzählte ihm Alī der Kairenser sein Abenteuer mit ihm von Anfang bis zu Ende, worauf der Chalife versetzte: »Ich hätte nicht geglaubt, daß du ihn würdest töten können, da er ein Zauberer war.« Alī entgegnete: »O Fürst der Gläubigen, Gott verlieh mir dazu die Kraft.« Hierauf schickte der Chalife den Wâlī ins Schloß des Juden, und, als er ihn dort ohne Haupt fand, ließ er ihn in eine Lade legen und vor den Chalifen bringen, der ihn zu verbrennen befahl, als mir einem Male Kamar, die Tochter des Juden erschien und, die Erde vor dem Chalifen küssend, ihm mitteilte, daß sie die Tochter des Juden Azariah sei und Moslemin geworden wäre. Alsdann erneuerte sie ihr Bekenntnis zum Islam vor dem Chalifen und sprach zu ihm: »Sei du Vermittler bei dem Spitzbuben Alī Sîbak dem Kairenser, daß er mich heiratet.« Ebenso wählte sie den Chalifen zu ihrem Vormund bei ihrer Vermählung mit Alī, und der Chalife schenkte ihm das Schloß des Juden mit seinem ganzen Inhalt. Alsdann sprach Alī: »Ich erbitte mir von dir die Gnade, auf deinem Teppich stehen und von deinem Tisch essen zu dürfen.« Da fragte der Chalife: »Alī, hast du Burschen unter dir?« Er erwiderte: »Ich habe vierzig Burschen unter mir, doch sind sie in Kairo.« Nun versetzte der Chalife: »So schicke zu ihnen, daß sie hierher kommen;« dann fragte er: »Alī, hast du denn auch eine Halle?« Er entgegnete: »Nein.« Da sagte Hasan Schūmân: 136 »Ich schenke ihm meine Halle mit allem, was sich darin befindet, o Fürst der Gläubigen.« Der Chalife sagte jedoch: »Deine Halle gehört dir, Hasan;« dann befahl er dem Schatzmeister dem Architekten zehntausend Dinare zum Bau einer Halle mit vier Līwânen und vierzig Kammern für die Burschen zu bauen, worauf er zu Alī sprach: »Alī, hast du noch sonst ein Anliegen, dessen Erfüllung wir befehlen können?« Da versetzte er: »O König der Zeit, sei mein Vermittler bei der verschlagenen Delîle, daß sie mich mit ihrer Tochter Seinab vermählt und den Anzug der Tochter des Juden und ihre Sachen als Brautgabe annimmt.« Und so nahm denn Delîle die Vermittlung des Chalifen an und nahm das Präsentierbrett, den Anzug, das Rohr und die goldenen Ketten in Empfang, worauf sie die Ehekontrakte für Alī und Seinab, die Tochter des Trödlers, die Sklavin, und Kamar, die Tochter des Juden, ausstellten. Alsdann setzte ihm der Chalife einen Gehalt fest und verordnete für ihn einen Tisch des Morgens und einen des Abends, Einkünfte, Löhnung für Futter und Gratifikationen. Hierauf fing Alī der Kairenser an das Hochzeitsfest herzurichten, und nach Verlauf von dreißig Tagen schickte er an seine Burschen nach Kairo einen Brief, in welchem er ihnen erzählte, welch hohe Ehren ihm vom Chalifen widerfahren wären, und sie aufforderte, doch ja zu seiner Hochzeit, die er mit vier Mädchen feierte, zu kommen. Nach kurzer Zeit erschienen denn auch seine vierzig Burschen, worauf sie die Hochzeit feierten. Alī quartierte sie in der Halle ein und bewirtete sie aufs gastlichste, nach einiger Zeit aber stellte er sie dem Chalifen vor, der ihnen Ehrenkleider verlieh. Dann entschleierten die Putzweiber Seinab vor Alī in dem Anzug Kamars, worauf er sie und seine andern drei Frauen heimsuchte und sie von vollendeter Schönheit und Anmut fand. Nach diesem traf es sich einmal, daß Alī der Kairenser des Nachts bei dem Chalifen Wache hielt, als dieser zu ihm sagte: »Ich wünsche von dir alle deine Abenteuer von 137 Anfang bis zu Ende zu hören. Da erzählte er ihm alles, was ihm von der verschlagenen Delîle, von Seinab der Gaunerin und Sureik dem Fischhändler widerfahren war, worauf der Chalife seine Geschichte aufzuschreiben und in der königlichen Schatzkammer aufzubewahren befahl. Und so zeichneten sie alle seine Abenteuer auf und bewahrten sie nebst andern Chroniken für die Gemeinde des Besten der Menschen. Und von nun an führten sie das angenehmste und bequemste Leben, bis der Zerstörer der Freuden und der Trenner der Vereinigungen zu ihnen kam; und Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen! – ist allwissend.

 


 

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