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Tausend und eine Nacht. Band XII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XII - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages200
created20180225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Geschichte des Wesirs Abū Amir bin Merwân.

Ferner, o glückseliger König, erzählt man, daß dem Wesir Abū Amir bin Merwân einst ein nazarenischer Knabe geschenkt wurde, wie die Augen auf keinen schönern gefallen 58 waren. El-Melik en-Nâsir aber, der siegreiche König,Beiname Salâh ed-Dîns (Saladins) des Großen. sah ihn und fragte seinen Herrn: »Woher ist der Knabe?« Der Wesir versetzte: »Er ist von Gott.« Da versetzte der König: »Willst du uns mit Sternen in Furcht setzen und mit Monden zum Gefangenen machen?« Der Wesir entschuldigte sich und rüstete für den König ein Geschenk her, das er ihm mit dem Knaben schickte, zu dem er sagte: »Sei du ein Teil des Geschenks; wäre ich nicht gezwungen, meine Seele hätte dich nicht fortgegeben.« Zugleich gab er ihm die beiden Verse mit:

Mein Herrscher, dieser Vollmond steigt zu euerm Himmel auf;
Fürwahr, des Vollmonds würdiger ist der Himmel als die Erde.
Mit meiner Seele, die so kostbar, stell' ich euch zufrieden,
Und keinen sah ich, der vor mir wie ich sein Herzblut gab.

En-Nâsir gefiel dies, und er erwiderte ihm das Geschenk mit einer reichen Geldgabe, und der Wesir stieg bei ihm zu hohem Ansehen. Nach diesem ward dem Wesir eins der herrlichsten Mädchen der Welt zum Geschenk gemacht. In der Furcht nun, daß dies auch En-Nâsir hinterbracht werden und er sie verlangen könne, wie er es mit dem Knaben gemacht hatte, rüstete er ein noch prächtigeres Geschenk als das erste her und schickte es ihm zugleich mit dem Mädchen, –

Sechshundertundachtundneunzigste Nacht.

indem er zugleich mit ihr die folgenden Verse schrieb:

Mein Herr, dies ist die Sonne; der Vollmond kam zuvor,
Auf daß die beiden Leuchten vereint am Himmel stünden.
Solch eine Konjunktion verheißt mir Glück
Und dir des Kauthars süßen Trank in Edens ew'ger Wonne.
Bei Gott, an Schönheit findet hier kein Dritter sich zu ihnen,
Wie sich zu dir an Macht und Herrlichkeit kein zweiter.

Sein Ansehen verdoppelte sich hierdurch bei dem König; nach einer Weile aber verleumdete ihn einer seiner Feinde 59 bei En-Nâsir, daß seine Leidenschaft nach dem Knaben noch immer nicht gänzlich erloschen sei, und daß er in seiner Sehnsucht von ihm unablässig redete, wenn ihn der Nordwind erregte, und es zähneknirschend bereute ihn fortgegeben zu haben. En-Nâsir entgegnete zwar: »Führe nicht deine Zunge wider ihn oder ich lasse deinen Kopf springen;« indessen schrieb er doch einen Brief an ihn im Namen des Knaben mit folgendem Inhalt: »Mein Herr, du weißt, daß du mein ein und alles warst und daß ich in unaufhörlicher Wonne mit dir lebte. Wenn ich nun auch bei dem Sultan bin, so möchte ich doch viel lieber mit dir allein sein, wenn ich mich nicht vor des Sultans Macht fürchtete. Ersinne du daher ein Mittel mich wieder von ihm zurückzufordern.« Diesen Brief schickte er mit einem kleinen Jungen zum Wesir und befahl ihm dem Wesir zu sagen, der Brief sei von dem und dem, und der König hätte nie mit ihm gesprochen. Als jedoch Abū Amir den Brief las und von dem kleinen Eunuchen die trügerischen Worte vernahm, roch er den Braten und schrieb auf die Rückseite des Blattes folgende Verse:

Soll der Kluge, den die Erfahrung belehrt hat,
Sein Haupt in das Lager des Löwen stecken?
Ich laß meine Vernunft nicht von der Liebe bethört werden
Und kenne gar wohl der Neider Verleumdungen.
Wärst du auch mein Leben, ich hätte dich willig hingegeben,
Und wie könnte das Leben zurückkehren, wenn es den Leib verließ?

Als En-Nâsir die Antwort las, wunderte er sich über seine Verstandsschärfe und hörte niemals wieder auf einen seiner Verleumder. Ihn selber aber fragte er: »Wie entkamst du dem Netz?« Der Wesir antwortete: »Weil sich meine Vernunft nicht von der Leidenschaft umstricken läßt.« Und Gott ist allwissend.

 


 

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