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Tausend und eine Nacht. Band XII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XII - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages200
created20180225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Abū Ishâks Erlebnis mit dem jungen Mann.

Ferner heißt es, daß Ibrāhîm Abū Ishâk erzählte: »Ich war ein treuergebener Freund der Barmekiden. Da traf es sich, daß eines Tages, als ich in meiner Wohnung saß, jemand an meine Thür pochte, worauf mein Bursche hinausging und mit der Nachricht wiederkam, daß ein hübscher junger Mann an der Thür stünde und um Einlaß bäte. Ich gewährte ihm die Bitte, und nun trat ein Jüngling mit Spuren von Krankheit herein zu mir und sprach: »Seit geraumer Zeit schon begehrte ich dich zu treffen, da ich ein Anliegen an dich habe.« Ich fragte ihn nun, was es wäre, worauf er dreihundert Dinare hervorholte und, sie vor mich legend, sprach: »Ich bitte dich das Geld von mir anzunehmen und mir eine Melodie zu zwei Versen, die ich gemacht habe, zu komponieren.« Da forderte ich ihn auf die beiden Verse vorzutragen, und er hub an und sprach:

Sechshundertundsiebenundneunzigste Nacht.

Bei Gott, mein Auge, das du wider mein Herz sündigtest,
Lösch aus mit meinen Thränen meiner Trauer Feuerspein.
Das Schicksal tadelt mich auch, daß ich in ihr lebe,
Und so seh ich sie nie, bis ich ins Leichentuch gewickelt bin.

Ich machte ihm nun eine Weise ähnlich einer Totenklage und sang sie ihm vor, worauf er in Ohnmacht sank, daß ich 55 ihn schon für tot hielt. Doch kam er wieder zu sich und sprach: »Trag sie noch einmal vor.« Ich beschwor ihn jedoch bei Gott, indem ich sprach: »Ich fürchte, du könntest sterben.« Da versetzte er: »Wäre es doch so!« Und nun hörte er nicht auf mich demütig zu bitten, bis ich mich seiner erbarmte und die Weise noch einmal vortrug, worauf er noch lauter als das erste Mal aufschrie, so daß ich nicht mehr an seinem Tode zweifelte; jedoch besprengte ich ihn unablässig mit Rosenwasser, bis er wieder zu sich kam und sich aufrecht setzte. Indem ich nun Gott für seine Wiederherstellung pries, legte ich das Gold vor ihn und sprach: »Nimm dein Geld und verlaß mich.« Er versetzte jedoch: »Ich bedarf dessen nicht und sollst du ebenso viel haben, wenn du mir die Weise zum drittenmal wiederholst.« Bei der Erwähnung des Geldes dehnte sich meine Brust froh aus, und ich erwiderte ihm: »Ich will es thun, jedoch unter drei Bedingungen: erstens hast du bei mir zu bleiben und an meinem Mahl teilzunehmen, daß du dich stärkst, zweitens hast du so viel Wein zu trinken, daß du dein Herz bemeisterst, und drittens mußt du mir deine Geschichte erzählen.« Der Jüngling that es und erzählte: »Ich bin ein Medinenser und zog eines Tages mit meinen Brüdern aus mich zu vergnügen, indem ich den Weg nach El-Akîk einschlug; da gewahrte ich in einer Mädchenschar eines gleich einem thaubeperlten Reis mit Augen, deren Blicke nur mit der Seele dessen, der sie geschaut hatte, zurückkehrten. Die Mädchen lagerten sich im Schatten, bis der Tag zu Ende ging, worauf sie heimkehrten, während ich in meinem Herzen eine schwer vernarbende Wunde vorfand. Am folgenden Tage kam ich wieder, um mich nach ihr umzusehen; da ich jedoch niemand fand, suchte ich sie auf den Bazaren, ohne irgend eine Spur von ihr zu gewahren, bis ich aus Kummer krank wurde und meine Geschichte einem meiner Verwandten erzählte, der zu mir sagte: »Nimm es dir nicht zu Herzen: die Frühlingstage sind noch nicht zu Ende, und es wird bald regnen; wenn sie 56 dann ausgeht, so will ich mit dir ebenfalls ausgehen, und du thun, was du begehrst.« Da beruhigte ich mich und wartete, bis El-Akîk von Wasser floß, worauf die Leute ausgingen und ich mich meinen Brüdern und meiner Verwandtschaft anschloß. Wir hatten uns an denselben Platz als zuvor gesetzt und hatten noch nicht lange da gesessen, als die Mädchen wie Rosse beim Wettrennen herbeikamen. Da sagte ich zu einem Mädchen aus meiner Verwandtschaft: »Sprich zu jenem Mädchen: Jener Mann läßt dir sagen: Fürwahr schön hat gesprochen, wer diesen Vers gesprochen hat:

Sie durchbohrte mein Herz mit einem Pfeil und wich dann zurück,
Und beim Fliehen fügte sie mir neue Wunden zu.«

Das Mädchen ging zu ihr und richtete ihr den Auftrag aus, worauf sie zu ihr sagte: »Bestell ihm folgendes: Schön hat auch gesprochen, wer den Vers gesprochen hat:

Wir fühlen das gleiche wie du, drum füg' dich in Geduld;
Vielleicht schauen wir nahen Trost unser Herz zu heilen.«

Da enthielt ich mich weiterer Worte aus Furcht bloßgestellt zu werden und erhob mich, um fortzugehen, worauf sie sich ebenfalls erhob. Ich folgte ihr nun, und sie blickte nach mir, bis ich ihre Wohnung sah. Alsdann besuchten wir uns beide abwechselnd, einmal sie mich und einmal ich sie, bis dieses so häufig geschah, daß es ruchbar wurde, und auch ihr Vater davon vernahm, ohne daß ich in meinem Eifer, sie zu besuchen, nachgelassen hätte; daneben klagte ich meine Liebe meinem Vater, der unsere Angehörigen zusammenrief und sich dann zu ihrem Vater begab, um sich um sie für mich zu bewerben. Ihr Vater entgegnete jedoch dem meinigen: »Wenn mir dies angetragen wäre, bevor er sie bloßgestellt hätte, hätte ich eingewilligt; nun aber, da die Sache bekannt ist, will ich nicht das Gerede der Leute wahr machen.« – Alsdann, so erzählt Ibrāhîm, trug ich ihm die Weise noch einmal vor, worauf er fortging, nachdem er mir seine Wohnung angegeben hatte; und hernach entstand Freundschaft 57 zwischen uns. Nun traf es sich, daß ich eines Tages wie gewöhnlich Dschaafar bin Jahjā meine Aufwartung machte und ihm die Verse des jungen Mannes vorsang. Die Verse entzückten ihn und, mehrere Becher trinkend, sprach er: »Wehe dir, von wem ist diese Weise?« Da erzählte ich ihm die Geschichte des jungen Mannes, und er befahl mir zu ihm zu reiten und ihm die Erlangung seines Wunsches zuzusichern. Infolge dessen begab ich mich zu ihm und brachte ihn zu Dschaafar, der ihn aufforderte, seine Geschichte noch einmal vorzutragen. Als er es gethan hatte, sagte er zu ihm: »Du stehst nun unter meinem Schutz, bis ich dich mit ihr vermählt habe.« Da ward er guten Mutes und blieb bei uns. Am andern Morgen ritt Dschaafar zu Er-Raschîd und erzählte ihm die Geschichte, die dem Chalifen so gefiel, daß er uns alle vor sich citierte. Der junge Mann mußte ihm die Weise wiederholen, während er dazu trank, worauf er einen Brief an den Gouverneur vom Hidschâs zu schreiben befahl, in dem er aufgefordert wurde den Vater des Mädchens und seine Angehörigen in allen Ehren zu seiner Gegenwart zu schicken und mit den Ausgaben für sie nicht zu kargen. Nach kurzer Zeit schon trafen sie ein, und nun ließ der Chalife den Mann vor sich führen und befahl ihm seine Tochter dem jungen Mann zu verheiraten, indem er ihm hunderttausend Dinare gab. Dann kehrte der Mann wieder zu seinen Angehörigen zurück, der Jüngling aber blieb Dschaafars Tafelgenosse, bis geschah, was geschah,Bis Dschaafar hingerichtet wurde. worauf er mit seiner Familie nach Medina heimkehrte. Und Gott, der Erhabene, erbarme sich ihrer Seelen insgesamt!

 


 

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