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Tausend und eine Nacht. Band XII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XII - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages200
created20180225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ishâk bin Ibrāhîm el-Mausilī und Iblîs.

Ferner heißt es, o König, daß Isaak, der Sohn des Ibrāhîm von Mossul, erzählte: »Als ich eines Nachts zur Winterszeit in meiner Wohnung saß, während sich die Wolken ausgebreitet hatten und der Regen wie aus Mündungen von Wasserschläuchen niederströmte, so daß auf den Straßen wegen des Regens und Kots keine Seele kam und ging, fühlte ich mich um die Brust beengt, da keiner meiner Brüder zu mir kam, und ich ebensowenig wegen des Kots und Lehms zu ihnen gehen konnte, und sprach deshalb zu meinem Burschen: »Bring mir etwas, woran ich mich zerstreuen kann.« Da brachte er mir Speise und Trank, doch verdroß es mich, ohne Gesellschafter zu essen und zu trinken, und so schaute ich unablässig aus den Fenstern und spähete auf die Straßen, bis es Nacht wurde, als mir ein Mädchen, das einem der Söhne El-Mahdīs gehörte, und das ich liebte, in 51 den Sinn kam. Sie konnte singen und spielen, und ich sprach deshalb bei mir: »Wenn sie heute Nacht doch bei uns wäre, dann wäre meine Freude vollkommen, und die Nacht währte nicht so lange wie jetzt in meiner trübseligen Stimmung und Unruhe.« Mit einem Male klopfte jemand an die Thür und eine Stimme rief: »Soll eine Geliebte eintreten, die an der Thür steht?« Da sprach ich bei mir: »Hat etwa gar der Setzling meiner Wünsche Frucht getragen?« Alsdann ging ich an die Thür, und siehe, da war es meine Geliebte. die sich in einen grünen Mantel eingehüllt hatte und um ihr Haupt ein brokatenes Kopftuch trug, um sich vor dem Regen zu schützen. Sie war bis zu den Knieen hinauf voll Lehm, und alles, was sie anhatte, war von den Wasserrinnen durchnäßt; kurz, sie war in ganz merkwürdiger Verfassung, so daß ich sie fragte: »Meine Herrin, was hat dich bei diesem Schmutz hierhergeführt?« Sie versetzte: »Dein Bote kam zu mir und schilderte mir dein Liebesverlangen und deine Sehnsucht nach mir, und da vermochte ich nicht anders als einzuwilligen und zu dir zu eilen.« Ich war hierüber verwundert –

Sechshundertundsechsundneunzigste Nacht.

jedoch mochte ich es ihr nicht sagen, daß ich niemand zu ihr geschickt hatte, vielmehr sprach ich: »Gelobt sei Gott, der dich nach allen den Schmerzen der Entsagung zu mir geführt hat! Wärest du noch eine Stunde länger ausgeblieben, so wäre ich in meiner großen Sehnsucht zu dir geeilt.« Hierauf befahl ich meinem Burschen Wasser zu bringen, damit sie sich wieder zurecht brachte, und als er einen Kessel voll warmen Wassers machte, befahl ich ihm, ihr das Wasser über die Füße zu gießen, während ich selber sie ihr wusch. Dann ließ ich einen meiner besten Anzüge holen und kleidete sie darin, nachdem sie ihre Sachen ausgezogen hatte, worauf wir uns setzten. Als ich nun etwas zu essen bestellen wollte, lehnte sie es ab, doch bejahte sie meine Frage, 52 ob ihr Wein lieb wäre. Infolge dessen holte ich die Becher, und sie fragte: »Wer soll singen?« Ich antwortete: »Ich, meine Herrin.« Sie erwiderte: »Das mag ich nicht.« Da sagte ich: »Eine der Sklavinnen.« Sie versetzte jedoch wieder: »Nein, ich mag sie nicht hören.« Nun sagte ich: »Sing' du selber,« doch entgegnete sie wiederum: »Nein.« Da fragte ich: »Wer soll dir denn singen?« worauf sie erwiderte: »Geh hinaus und such' einen.« Gehorsam ging ich hinaus, wiewohl ich daran verzweifelte jemand zu dieser Zeit draußen zu finden; als ich aber auf die Straße kam, sah ich mit einem Male einen Blinden, der mit seinem Stab auf die Erde stampfte und dabei rief: »Gott lohne die, bei denen ich war, nicht mit Gutem! Wenn ich sang, so hörten sie nicht auf mich, und, wenn ich schwieg, so mißachteten sie mich.« Da fragte ich ihn: »Bist du ein Sänger?« und als er es bejahte, sprach ich: »Hättest du wohl Lust die Nacht über bei uns zuzubringen und uns Gesellschaft zu leisten?« Er versetzte: »So du es willst, faß mich bei der Hand.« Da faßte ich ihn bei der Hand, und, ins Haus zurückkehrend, sagte ich zu ihr: »Meine Herrin, ich hab' einen blinden Sänger gebracht, an dem wir uns erfreuen können, ohne daß er uns sieht.« Sie versetzte: »Her mit ihm!« Als ich ihn nun hereinführte und zum Essen einlud, aß er nur wenig, worauf er sich die Hände wusch; als ich ihm dann aber Wein brachte, trank er drei Becher und fragte mich: »Wer bist du?« Ich erwiderte: »Isaak, der Sohn des Ibrāhîm von Mossul.« Da versetzte er: »Ich habe schon von dir gehört und jetzt freue ich mich dein Gesellschafter zu sein,« worauf ich erwiderte: »Mein Herr, ich freue mich über deine Freude.« Hierauf sagte er: »Sing mir etwas, Isaak.« Da nahm ich die Laute und sagte scherzend: »Ich höre und gehorche.« Als ich dann meinen Gesang beendet hatte, sagte er: »Isaak, du bist beinahe ein Sänger.« Durch diese Worte vor mir selber erniedrigt, warf ich die Laute aus der Hand, worauf er fragte: »Hast du nicht jemand bei dir, der schön singt?« 53 Ich versetzte: »Eine Sklavin.« Da sagte er: »So befiehl ihr zu singen.« Ich entgegnete jedoch: »Wirst du auch singen, wenn du genug von ihrem Gesang gehabt hast?« Er versetzte: »Ja.« Da sang sie, doch sagte er: »Das war nichts,« worauf sie erzürnt die Laute aus der Hand warf und rief: »Wir haben unser Bestes gethan; wenn du etwas zu singen hast, so gewähre uns ein Almosen.« Da sagte er: »Her mit einer Laute, die noch keine Hand berührt hat!« Ich befahl nun dem Eunuchen eine neue Laute zu holen, und, als dieser sie gebracht hatte, betastete er sie und sang nach einem mir unbekannten Vorspiel die beiden Verse:

In dunkler Nacht kam durch die Finsternis
Die Geliebte, der Stunde des Stelldicheins eingedenk.
Nichts erschreckte uns als der Salâm und die Frage:
Soll eine Geliebte eintreten, die an der Thür steht?

Da schaute das Mädchen mit scheelem Blick zu mir und sagte: »Konnte dein Herz nicht ein Geheimnis zwischen uns beiden für eine Stunde behalten, daß du es diesem Manne anvertrauen mußtest?« Ich schwor ihr zu, es nicht verraten zu haben, entschuldigte mich und begann ihr die Hände zu küssen, die Brust zu kitzeln und in die Wangen zu beißen, bis sie lachte und, sich zu dem Blinden wendend, sagte: »Sing, mein Herr.« Da nahm er die Laute und sang folgende beiden Verse:

Wie oft hab' ich die Schönen besucht und wie oft
Mit meinen Händen die geschminkten Fingerspitzen berührt!
Wie oft auch ihrer Brüste Granatäpfelpaar gekitzelt,
Und wie oft in die Äpfel ihrer Wangen gebissen!

Da sagte ich zu ihr: »Meine Herrin, wer mag ihm nur gesagt haben, was wir soeben thaten?« Sie versetzte: »Es ist wahr;« und wir rückten von ihm ab. Mit einem Male sagte er: »Ich hab' ein Bedürfnis.« Da sagte ich zum Burschen: »Nimm die Kerze und geh ihm voraus.« Hierauf ging er hinaus und blieb so lange fort, daß wir draußen nach ihm suchten, ohne ihn zu finden. Außerdem waren die 54 Thüren verschlossen, und die Schlüssel steckten in der Kammer, so daß wir nicht wußten, ob er gen Himmel gefahren oder in die Erde versunken war. So erkannte ich, daß es Iblîs gewesen war und für mich den Kuppler gespielt hatte; und beim Zurückkehren gedachte ich der Worte des Abū Nowâs:

Ich wundre mich in Iblîs solchen Stolz zu sehen
Bei seines Herzens Ruchlosigkeit.
Zu stolz war er vor Adam sich niederzuwerfen,
Und doch macht er für all seine Nachkommen den Kuppler.Iblîs sollte sich wie alle Engel vor Adam anbetend niederwerfen; da er es nicht that, wurde er von Gott verstoßen.

 


 

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