Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Henning >

Tausend und eine Nacht. Band XII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XII - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages200
created20180225
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Husein el-Chalîas Geschichte von Damre bin el-Mogheire.

Ferner erzählt man, o glückseliger König, daß Hārûn er-Raschîd eines Nachts nicht schlafen konnte und deshalb nach El-Asmaī und Husein el-Chalîa schickte und zu ihnen sprach: »Erzählt mir etwas, und du, Husein, mach den Anfang.« Er versetzte: »Schön, o Fürst der Gläubigen. Vor einigen Jahren fuhr ich den Strom hinab nach Basra, um 45 Mohammed ben Suleimân er-Rabîī ein Lobgedicht zu überbringen, und er nahm es an und befahl mir bei ihm zu bleiben. Da ging ich eines Tages nach El-Mirbad, indem ich meinen Weg durch El-MuhâlijeEin Quartier von Basra; El-Mirbad war der berühmte Marktplatz, auf welchem Gedichte recitiert wurden. nahm. Da aber die Hitze sehr lästig war, trat ich an ein großes Thor, um Wasser zum Trinken zu verlangen, als ich mit einem Male ein Mädchen gleich einem schwanken Reis erblickte, mir träumerischen Augen, geschweiften Brauen und ovalen Wangen, in einem granatblütenfarbenen Hemd und einem Mantel von Sanāer Arbeit; jedoch überstrahlte die lichte Weiße ihrer Hände das Rot ihres Hemdes, durch welches ihre Brüste wie Granatäpfel schimmerten, und ihr Leib glich einer koptischen Linnenrolle mit Speckfalten gleich gerolltem weißem mit Moschus gefülltem Papier. Außerdem, o Fürst der Gläubigen trug sie eine Schnur aus rotem Gold um den Hals, das ihr zwischen die Brüste niederhing, und auf ihre Stirn hing eine tiefschwarze Locke. Ihre Augenbrauen waren zusammengewachsen, ihre Augen groß und weit, ihre Wangen glatt und oval, ihre Nase war adlerförmig gebogen mit einem Korallenmund und Zähnen gleich Perlen darunter. Sie war ganz Anmut, doch schien sie verzweifelt und niedergeschlagen zu sein und schritt im Vestibül auf und ab, indem sie beim Gehen auf die Herzen ihrer Verehrer trat, während ihre Beine das Klirren ihrer Fußknöchelringe verstummen machten; kurzum, sie war, wie der Dichter von ihr sagt:

Jeder Teil von ihren Reizen ist ein Gleichnis ihrer ganzen Schönheit.

Erst war ich, o Fürst der Gläubigen, völlig befangen, dann aber trat ich an sie heran, um sie zu begrüßen, und siehe, das Haus, das Vestibül und selbst die Straße dufteten nach Moschus. Ich bot ihr nun den Salâm, und, als sie mir den Gruß mit leiser Stimme aus traurigem, von der Flamme 46 der Liebe versengtem Herzen erwiderte, sagte ich zu ihr: »Meine Herrin, siehe, ich bin ein alter, fremder, von Durst gequälter Mann. Möchtest du nicht befehlen, daß man mir einen Trunk Wasser bringt, und Gottes Lohn dafür empfangen?« Sie erwiderte jedoch: »Weg von mir, Scheich, denn meine Gedanken sind fern von Speise und Trank.«

Sechshundertundvierundneunzigste Nacht.

Da fragte ich sie: »Was fehlt dir, meine Herrin?« Sie versetzte: »Ich liebe jemand, der nicht gerecht gegen mich handelt, und ich will jemand haben, der mich nicht will. Deshalb bin ich schlaflos wie die Sternbeschauer.« Nun sagte ich: »O meine Herrin, giebt es denn in der weiten Welt jemand, den du haben willst, und der dich nicht will?« Sie versetzte: »Es ist so, und das rührt von seiner vollkommenen Schönheit und Anmut her.« Da fragte ich sie: »Und weshalb stehst du denn hier in diesem Vestibül?« Sie erwiderte: »Sein Weg führt hier vorüber, und er muß jetzt gleich kommen.« Hierauf fragte ich sie: »Meine Herrin, seid ihr jemals zusammengekommen und habt ihr miteinander solche Reden geführt, um diese Leidenschaft zu erregen?« Da stieß sie einen tiefen Seufzer aus und sprach, während ihr die Thränen auf die Wangen wie Thautropfen auf Rosen träufelten, die beiden Verse:

»Wir glichen zwei Ruten des Bân in einem Garten
Und genossen im herrlichsten Leben die schönsten Freuden;
Da riß sich das eine Reis vom andern los,
Und nun siehst du das eine nach dem andern sich grämen.«

Nun fragte ich sie: »Und was hast du von deiner Liebe zu ihm zu erdulden?« Sie entgegnete: »Ich sehe die Sonne auf den Mauern seiner Angehörigen und ich wähne, er sei's; oder bisweilen sehe ich ihn unvermutet, und dann bin ich starr, und Blut und Leben weichen mir aus meinem Körper, und ich habe für ein oder zwei Wochen meinen Verstand verloren.« Da sagte ich: »Entschuldige mich, denn ich habe 47 das gleiche wie du erlitten an Herzensunruhe, an Leibesauszehrung und Abnahme der Kräfte: und deine verblichene Farbe und Magerkeit, die ich sehe, bezeugen mir die Selbstquälereien der Liebe. Wie aber könntest du auch unversehrt von Liebe im Lande vom Basra bleiben?« Sie erwiderte: »Bei Gott, bevor ich jenen Jüngling liebte, war ich von höchstem Liebreiz und strahlender Anmut und Vollkommenheit und bezauberte alle Prinzen von Basra, bis mich jener Jüngling bezauberte.« Nun fragte ich sie: »Was hat euch beide denn getrennt?« Sie erwiderte: »Die Wechsel der Zeit, und mit meiner und seiner Geschichte hat es eine wundersame Bewandtnis. An einem NeirûstageNeirûs = Naurûs, Neujahr. nämlich hatte ich eine Anzahl Mädchen aus Basra zu mir eingeladen, unter denen sich auch ein Mädchen Sīrâns befand, das er für achtzigtausend Dirhem aus Oman gekauft hatte. Als diese bei mir eintrat, warf sie sich, da sie mich leidenschaftlich liebte, auf mich und hätte mich beinahe mit Kneipen und Beißen in Stücke zerrissen. Hernach zogen wir uns zurück, um uns am Wein zu erfreuen, bis unser Mahl fertig und unsere Freude vollkommen war, wobei wir miteinander tändelten, als er mit einem Male unvermutet eintrat und, unser verliebtes Spiel gewahr werdend, hierüber ergrimmt wie ein arabisches Füllen, das seinen Zügel klirren hört, den Rücken kehrte und davoneilte.

Sechshundertundfünfundneunzigste Nacht.

Drei Jahre, o Scheich, sind darüber verstrichen, während denen ich unaufhörlich mich bei ihm entschuldigte, ihm gute Worte gab und ihn umschmeichelte, ohne daß er mit einem Blick auf mich sah oder mir ein Wort schrieb oder durch einen Boten zu mir sprach oder auch nur etwas von mir hören wollte.« Da fragte ich sie: »Ist's ein Araber oder ein Perser?« Sie versetzte: »Wehe dir, er gehört zu den Prinzen Basras.« Nun fragte ich: »Ist er alt oder jung?« 48 Da sah sie mich verächtlich an und sagte: »Du bist ein Dummkopf, er ist wie der Mond in der Vollmondsnacht, glattwangig und flaumlos, und ohne Fehl außer seiner Abneigung gegen mich.« Da fragte ich sie: »Wie heißt er?« Sie entgegnete: »Was willst du mit ihm thun?« Ich sagte: »Ich will mich bemühen mit ihm zusammenzukommen, um euch wieder zusammenzubringen.« Nun versetzte sie: »Unter der Bedingung, daß du ihm ein Billet überbringst.« Ich antwortete: »Ich habe nichts dagegen.« Hierauf sagte sie: »Sein Name ist Damre bin el-Mogheire mit dem Beinamen Abū es-Sachā, Vater der Freigebigkeit, und sein Palast ist am Mirbadplatz.« Dann rief sie der Dienerschaft im Hause zu: »Bringt mir Tinte und Papier,« und ihre beiden Arme, die wie zwei Silberspangen schimmerten, entblößend, schrieb sie nach dem üblichen Bismillāh: Mein Herr, die Unterlassung des Segensspruches am Kopf meines Briefes kündet meine Unfähigkeit an, und wisse, wenn mein Gebet erhört worden wäre, hättest du mich nicht verlassen, da ich oftmals flehte, du möchtest es nicht thun, und dennoch thatest du es. Und wenn nicht mein Elend stärker wäre als meine Zurückhaltung, so würde das, was deine Sklavin im Schreiben dieses Briefes auf sich genommen hat, eine Hilfe für sie sein, trotz ihrer Verzweiflung an dir, da sie weiß, daß du ihr nicht antworten wirst. So erfülle ihren Wunsch, mein Herr, und gewähre ihr einen Blick auf dich, zur Zeit, da du auf der Straße am Vestibül vorüberzugehen pflegtest, wodurch du ihre tote Seele wieder ins Leben rufen würdest. Noch lieber aber wäre es ihr, wenn du ihr ein Billet mit deiner eigenen Hand schriebst – Gott segne sie mit jeglicher Trefflichkeit! – als einen Ersatz für jene traulichen Stunden, die wir in vergangenen Nächten zusammen verlebten, und an die du dich noch erinnern wirst, mein Herr. War ich nicht eine von Leidenschaft hinsiechende Liebhaberin? Wenn du meine Bitte beantwortest, so würde ich dir Dank sagen und Gott preisen. Und so, – Frieden sei auf dir! 49

Hieraus gab sie mir den Brief, und ich ging fort. Am nächsten Morgen begab ich mich zur Thür Mohammed bin Suleimâns, wo ich die Prinzen versammelt fand und unter ihnen einen Jüngling erblickte, welcher die Versammlung schmückte und alle Anwesenden an Anmut und strahlender Schönheit übertraf, so daß ihn der Emir über sich gesetzt hatte. Als ich mich nach ihm erkundigte, war es gerade Damre bin el-Mugheire, worauf ich bei mir sprach: »Die Arme konnte nichts für ihr Schicksal« Alsdann erhob ich mich wieder und begab mich nach El-Mirbad, wo ich mich an seine Hausthür stellte, bis er mit einem Male mit stolzem Geleit ankam, worauf ich an ihn heransprang und ihm unter übertriebenen Segnungen den Brief überreichte. Als er ihn gelesen und seinen Inhalt begriffen hatte, sagte er zu mir: »Scheich, wir haben sie mit einer andern vertauscht; willst du die andere sehen?« Ich versetzte: »Ja.« Da rief er ein Mädchen, worauf eine Gestalt, die Sonne und Mond beschämte, erschien, mit schwellenden Brüsten, und beim Gehen eilig, doch ohne Furcht, einherschreitend. Indem er ihr den Brief übergab, sprach er zu ihr: »Beantworte ihn.« Als sie nun den Brief gelesen hatte und seinen Inhalt begriff, ward ihre Farbe gelb, und sie sagte: »Scheich, bitte Gott für das, was dich hierherführte, um Verzeihung.« Da ging ich, o Fürst der Gläubigen, mit schleifenden Füßen hinaus und begab mich zu ihr. Als ich nach meiner Bitte um Einlaß bei ihr eingetreten war, fragte sie mich: »Was bringst du?« Ich antwortete: »Unheil und Verzweiflung.« Da entgegnete sie: »Nimm es dir nicht zu Herzen; wo bliebe denn Gott und seine Allmacht?« Hierauf wies sie mir fünfhundert Dinare an, nach deren Empfang ich fortging. Nach einigen Tagen kam ich wieder an jenem Hause vorüber und fand Pagen und Reiter vor ihm. Da trat ich ein und siehe, da waren es Damres Gefährten, die sie baten zu ihm zurückzukehren, während sie ihnen erwiderte: »Nein, bei Gott, ich will ihm nicht ins Gesicht schauen.« Hierauf warf sie sich 50 in Danksagung zu Gott und aus Frohlocken über Damre nieder. Als ich mich ihr nun näherte, holte sie für mich ein Billet hervor, und siehe, da stand darauf nach dem Bismilāh geschrieben: »Meine Herrin, ohne meine Nachsicht gegen dich – Gott erhalte dein Leben! – würde ich etwas von dem schildern, was mir von dir widerfahren ist, und eine lange Entschuldigung über dein Unrecht gegen mich vorbringen, als du gegen dich und mich sündigtest, indem du den Bund brachst und uns treulos einen andern vorzogst; denn, bei Gott, den wir zu Hilfe nehmen gegen das, was du aus freier Wahl thatest, du vergingst dich gegen meine Liebe. Und der Frieden sei auf dir! Hierauf zeigte sie mir die Geschenke und Kostbarkeiten. die er ihr geschickt hatte, die einen Wert von dreißigtausend Dinaren hatten. Als ich sie dann später einmal wieder sah, war sie Damres Frau geworden.« Da sagte Er-Raschîd: »Wäre mir nicht Damre zuvorgekommen, so wäre das zwischen uns beiden eine Sache geworden.«

 


 

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.