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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 71
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Sechshundertundsechste Nacht.

Wie nun die Frau fortging und in ihrer Ratlosigkeit nicht aus noch ein wußte, traf sie einen fünfjährigen Knaben an, welcher sie, als er sie so niedergeschlagen sah, fragte: »Was fehlt dir, meine Mutter?« Sie gab ihm jedoch gar keine Antwort, da er ihr wegen seiner Jugend zu geringschätzig vorkam, bis er sie ein zweites und ein drittes Mal fragte, worauf sie zu ihm sagte: »Eine Anzahl Leute kam zu mir in den Garten und legte einen Beutel mit tausend Dinaren bei mir nieder, wobei sie es mir zur Bedingung machten, den Beutel nur dann auszuhändigen, wenn sie alle zusammen kämen. Hierauf gingen sie in den Garten und vergnügten und belustigten sich, bis einer von ihnen kam und zu mir sagte: »Gieb mir den Beutel.« Ich erwiderte: »Nicht eher als bis deine Gefährten da sind.« Er versetzte: »Sie haben es mir erlaubt.« Da ich mich jedoch weigerte ihm den Beutel zu geben, rief er seinen Gefährten zu und sagte zu ihnen: »Sie will mir nichts geben,« worauf sie mir zuriefen: »Gieb ihm nur.« Da gab ich ihm den Beutel, und er nahm ihn und ging seines Weges. Wie er nun seinen Gefährten zu lange ausblieb, kamen sie zu mir heraus und fragten mich: »Warum willst du ihm nicht den Kamm geben?« Ich erwiderte: »Er hat mir nichts von einem Kamm gesagt sondern verlangte den Beutel von mir. Da packten sie mich und schleppten mich vor den Kadi, welcher mich für den Beutel haftbar machte.« Der Knabe versetzte hierauf: »Gieb mir einen Dirhem für Naschwerk, und ich sag' dir etwas, wodurch du loskommst.« Da gab sie ihm einen Dirhem und fragte ihn: »Was hast du zu sagen?« worauf der Knabe sprach: »Kehre zum Kadi zurück und sprich zu ihm: »Ich hatte mit ihnen ausgemacht, ihnen nur dann den Beutel wiederzugeben, wenn alle vier zu mir kämen.« Da ging die Gartenhüterin wieder zum Kadi zurück und sprach die Worte des Knaben zu ihm, worauf der Kadi die Kläger fragte: »Hattet ihr dies miteinander ausgemacht?« Sie antworteten: »Ja.« Da versetzte der Kadi: »So schaffet mir den vierten Mann, und ihr sollt den Beutel haben.« Hierauf ging die Gartenhüterin wohlbehalten und ohne den geringsten Verlust ihres Weges.«

Als der König, die Wesire und alle Anwesenden die Worte seines Sohnes vernommen hatten, sprachen sie zum König: »O unser Herr König, siehe, dieser dein Sohn ist der vollkommenste Mann seiner Zeit,« und flehten auf ihn und den König Segen herab. Der König aber preßte seinen Sohn an die Brust, küßte ihn zwischen die Augen und fragte ihn nach dem Vorfall mit dem Mädchen, worauf der Prinz ihm bei Gott, dem Hochherrlichen, und seinem Propheten, dem Gütigen, schwur, daß das Mädchen es war, das ihn zu verführen gesucht hatte. Der König glaubte seinen Worten und sprach zu ihm: »Ich gebe dir Vollmacht sie zu töten, oder, so du es nicht willst, nach deinem Belieben mit ihr zu verfahren,« worauf der Prinz seinem Vater erwiderte: »Verbanne sie aus der Stadt.«

Alsdann führten der Prinz und sein Vater das beste und angenehmste Leben, bis der Zerstörer aller Freuden und der Trenner aller Vereinigungen sie heimsuchte. Und dies ist das Ende der Geschichte, wie sie uns überkommen ist von dem König, seinem Sohn, der Sklavin und den sieben Wesiren. Die Breslauer Ausgabe schließt die Erzählung etwas ausführlicher. Nachdem die Sklavin vor den König gebracht ist, fragt der König: »Wie sollen wir sie zu Tode befördern?« Die einen raten ihm, ihr die Zunge auszuschneiden, die andern, sie mit Feuer auszubrennen; sie selber aber spricht zum König: »Mir ergeht es mit dir gerade so wie dem Fuchs mit den Leuten.« Da fragt der König: »Wieso?« Und sie erzählt:

Die Geschichte vom Fuchs und den Leuten.

»Mir kam zu Ohren, o König, daß einmal ein Fuchs in eine Stadt durch eine ihrer Mauern drang und dort in einer Gerberei alles vernichtete und dem Eigentümer die Häute verdarb. Eines Tages gelang es dem Gerber den Fuchs zu überlisten und zu fangen, worauf er ihn so lange mit den Häuten schlug, bis er ohnmächtig dalag. Dann warf er ihn, im Glauben er sei tot, auf die Straße neben das Thor. Nicht lange, da kam eine Alte an ihm vorüber und sagte: »Was soll der Fuchs hier, dessen Auge ein gutes Mittel gegen das Weinen der Kinder ist, wenn man es ihnen um den Hals hängt?!« Sprach's und riß ihm das rechte Auge aus. Hierauf kam ein Knabe vorüber und sagte: »Was soll der Schwanz an diesem Fuchs?« Sprach's und schnitt ihm den Schwanz ab. Dann kam ein Mann an ihm vorüber und sagte: »Was soll der Fuchs hier, dessen Galle ein gutes Mittel gegen trübe Augen ist, wenn man sie damit salbt?« Da sprach der Fuchs bei sich: »Wir haben standgehalten, als man uns das Auge ausriß und den Schwanz abschnitt; was aber das Wanstaufschneiden anlangt, so werden wir dem nicht standhalten.« Mit diesen Worten sprang er auf und rannte durchs Stadtthor fort, ohne an sein Entkommen zu glauben.«
Nach dieser Erzählung überläßt der König seinem Sohne das Gericht über seine Widersacherin, der sie außer Landes weist. Dann setzt der König den Prinzen auf seinen Thron, krönt ihn und läßt ihm von den Großen des Reiches huldigen, worauf er sich ganz der Anbetung Gottes weiht, während sein Sohn gerecht und ruhmvoll bis zum Tode regiert.

 

Ende des zehnten Bandes.

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