Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Henning >

Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 70
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
Schließen

Navigation:

Sechshundertundfünfte Nacht.

 

Der Lüstling und der dreijährige Bube.

Was nun die Geschichte von dem dreijährigen Buben anlangt, so lebte einmal ein ausschweifender Mann, welcher auf die Weiber versessen war. Als dieser Mann von einer schönen und anmutigen Frau hörte, die in einer andern Stadt lebte, reiste er nach jener Stadt, indem er zugleich ein Geschenk mitnahm und ihr eine Karte schrieb, in welcher er ihr mitteilte, wie Sehnsucht und Verlangen nach ihr ihm so hart zusetzten, und wie die Liebe ihn aus seiner Heimat zu ihr fortgetrieben hätte. Die Frau gab ihm Erlaubnis sie zu besuchen und erhob sich auf ihre Füße, als er zu ihrer Wohnung kam und bei ihr eintrat; sie empfing ihn nicht nur mit aller Höflichkeit und Verehrung, indem sie seine Hände küßte, sondern bewirtete ihn auch aufs reichlichste mit Speise und Trank. Nun hatte sie aber auch ein kleines Söhnchen im Alter von drei Jahren, das sie allein ließ, während sie sich mit dem Kochen der Gerichte beschäftigte. Da sagte der Mann zu ihr: »Komm und laß uns ruhen.« Sie versetzte: »Der Knabe sitzt da und sieht uns.« Er erwiderte jedoch: »Das ist ein kleines Kind, das noch keinen Verstand hat und nicht zu sprechen versteht.« Sie entgegnete jedoch: »Wenn du wüßtest, wie klug es ist, du würdest nicht so reden.« Wie nun das Kind merkte, daß der Reis gar war, weinte es laut, so daß seine Mutter es fragte: »Warum weinst du, mein Bübchen?« Da sagte es: »Schöpfe mir etwas Reis und thue zerlassene Butter daran.« Als ihm nun die Mutter Reis geschöpft hatte und mit der zerlassenen Butter zu essen gab, weinte es von neuem, worauf seine Mutter wiederum fragte: »Was fehlt dir, mein Kind?« Es versetzte: »Ach, Mama, thu mir doch etwas Zucker daran.« Da sagte der Mann zornig zu ihm: »Du bist ein ganz unseliges Bürschchen.« Das Kind entgegnete ihm jedoch: »Bei Gott, unselig bist du allein; du machtest dich müde und reistest von Stadt zu Stadt, um zu huren, während ich nur um etwas weinte, das mir ins Auge gefallen war; nun es die Thränen herausbrachten und ich Reis mit Butter und Zucker gegessen habe, bin ich zufriedengestellt; wer also ist der Unselige von uns beiden?« Da schämte sich der Mann so sehr über die Worte des Kindes, daß er sie sich zu einer Lehre dienen ließ und sie sofort befolgte. Ohne der Frau im geringsten zu nahe zu treten, kehrte er in seine Stadt zurück und führte ein bußfertiges Leben bis zum Tod.

 

Der gestohlene Geldbeutel.

Was nun den fünfjährigen Knaben anlangt, so kam mir zu Ohren, o König, daß einmal vier Kaufleute gemeinschaftlich tausend Dinare besaßen, welche sie zusammen in einen Beutel gethan hatten, worauf sie selbviert auszogen, um Waren einzukaufen. Als sie unterwegs auf einen schönen Garten stießen, gingen sie in denselben hinein und ließen den Beutel bei der Gartenhüterin. Dann spazierten sie im Garten umher, aßen und tranken und waren guter Dinge, bis einer von ihnen sagte: »Ich habe Salbe bei mir; kommt, wir wollen uns den Kopf in diesem Wasserlauf waschen und uns die Haare salben.« Ein anderer versetzte: »Uns fehlt ein Kamm;« worauf der dritte sagte: »Wir wollen die Gartenhüterin fragen; vielleicht hat sie einen Kamm bei sich.« Hierauf ging einer von ihnen zu der Frau und sagte zu ihr: »Gieb mir den Beutel.« Sie versetzte jedoch: »Nicht eher, als ihr alle da seid oder als es mich deine Gefährten heißen.« Da rief er seinen Gefährten zu, welche die Frau sehen und hören konnten: »Sie will mir nichts geben,« worauf sie zurückriefen: »Gieb ihm nur.« Als die Frau ihre Worte vernahm, gab sie ihm den Beutel, und er nahm ihn und lief mit ihm auf und davon. Als er ihnen nun zu lange ausblieb, gingen sie zur Gartenhüterin und fragten sie: »Warum willst du ihm nicht den Kamm geben?« Sie versetzte: »Er verlangte den Beutel von mir, und ich gab ihm denselben erst, als ihr es mir erlaubtet, worauf er seines Weges ging. Als sie die Worte der Frau vernahmen, schlugen sie sich vors Gesicht und sagten zu ihr: »Du solltest ihm den Kamm geben;« worauf sie wiederum versetzte: »Er sagte nichts von einem Kamm zu mir.« Alsdann packten sie sie und schleppten sie vor den Richter, dem sie den Fall vortrugen, und der Richter machte sie haftbar für den Beutel und zwang eine Anzahl ihrer Gläubiger für sie einzustehen.

 << Kapitel 69  Kapitel 71 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.