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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 66
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Sechshundertunderste Nacht.

Sprang der Jüngling ihr entgegen, umarmte sie und küßte ihr die Hände und Füße, während die junge Frau von der Schönheit des Jünglings verwirrt wurde und den Raum und alle Blumen, Speisen und Getränke darin für einen Traum hielt. Als die Alte ihre Verwirrung sah, sagte sie zu ihr: »Gottes Name sei auf dir, meine Tochter! Fürchte dich nicht, ich werde hier sitzen bleiben und dich nicht für einen Augenblick verlassen; du bist seiner und er ist deiner wert.« Hierauf setzte sich die junge Frau tief beschämt, der Jüngling aber scherzte mit ihr und lachte sie an und unterhielt sie so lange mit Versen und Geschichten, bis sich ihre Brust ausdehnte und sie wieder fröhlich ward. Dann aß und trank sie, und, als der Wein ihr wohl gemundet hatte, nahm sie die Laute und sang und neigte sich zärtlich der Schönheit des Jünglings zu. Als er aber dies gewahrte, ward er trunken ohne Wein, und sein Leben galt ihm ein leichtes Ding, worauf die Alte beide allein ließ. Erst am nächsten Morgen kam sie wieder zu ihnen, wünschte ihnen einen guten Morgen und fragte die junge Frau: »Wie hast du die Nacht verbracht, meine Herrin?« Sie erwiderte: »Gut, durch deine Hilfe und deine treffliche Kupplerei.« Hierauf sagte sie zu ihr: »Steh auf, wir wollen zu deiner Mutter zurückkehren.« Als aber der Jüngling die Worte der Alten vernahm, langte er hundert Dinare hervor und gab sie ihr mit den Worten: »Laß sie noch die kommende Nacht bei mir.« Da ging die Alte zur Mutter der jungen Frau und sagte zu ihr: »Deine Tochter läßt dich grüßen, doch hat die Brautmutter sie beschworen noch diese Nacht bei ihr zu bleiben.« Da antwortete ihr ihre Mutter: »Meine Schwester, grüße beide, und, wenn sich das Mädchen amüsiert, so kann es ja nichts schaden, wenn sie noch eine Nacht dort bleibt, um sich zu vergnügen, und ganz nach Belieben heimkehrt. Ich fürchte ja nichts weiter, als daß sie sich über den Zorn ihres Gatten bekümmert.« In dieser Weise brachte die Alte bei ihrer Mutter eine Entschuldigung nach der andern vor, bis die junge Frau sieben Tage bei dem Jüngling geblieben war, während sie selber für jeden Tag hundert Dinare einsteckte. Als aber die sieben Tage verstrichen waren, sagte die Mutter der jungen Frau zur Alten: »Bring mir sofort meine Tochter her; mein Herz ist voll Unruhe über ihr langes Ausbleiben, und die Sache kommt mir verdächtig vor.« Da ging die Alte erzürnt über ihre Worte zu ihrer Tochter und legte ihre Hand in die der jungen Frau, worauf beide den Jüngling verließen, während er berauscht von Wein auf seinem Bett dalag und schlief. Als sie bei ihrer Mutter anlangten, empfing diese sie fröhlich und in höchster Freude und sagte zu ihr: »Ach, meine Tochter, mein Herz war deinethalben voll Unruhe, so daß ich meiner Schwester mit verletzenden Worten zu nahe trat.« Da antwortete ihr ihre Tochter: »Steh auf und küsse ihr die Hände und Füße, denn sie hat wie eine Dienerin alle meine Bedürfnisse besorgt; thust du nicht, was ich dir befehle, so bin ich nicht mehr deine Tochter, und du bist nicht mehr meine Mutter;« worauf sich ihre Mutter sofort erhob und sich mit der Alten aussöhnte.

Als sich nun der Jüngling aus seinem Rausch erhob, fand er die junge Frau nicht mehr an seiner Seite, doch beglückwünschte er sich, daß er sein Begehr an ihr gestillt hatte. Nicht lange nachher trat die Alte bei ihm ein und sprach zu ihm, nachdem sie ihn begrüßt hatte: »Was sagst du zu meinem Streich?« Er versetzte: »Du hast das prächtig ausgeheckt und zu Wege gebracht.« Hierauf sagte sie zu ihm: »Komm, nun wollen wir wieder, was wir verdarben, in Ordnung bringen und dieses Mädchen ihrem Gatten wiedergeben, denn wir waren die Ursache ihrer Trennung.« Der Jüngling fragte sie: »Und wie willst du das anstellen?« Sie versetzte: »Geh in den Laden des Kaufmanns, setz' dich zu ihm und begrüße ihn; ich will dann an dem Laden vorübergehen, und, so du mich siehst, komm aus dem Laden auf mich losgestürzt, pack' mich, zerr' mich an meinen Kleidern, schilt mich, droh mir, fordere den Schleier von mir zurück und sprich zu dem Kaufmann: »Mein Herr, erinnerst du dich nicht an den Schleier, den ich von dir für fünfzig Dinare kaufte? Es traf sich, daß meine Sklavin ihn umband und dabei seine Ecke verbrannte, worauf sie ihn dieser Alten gab, damit sie ihn zu einem brächte, der ihn wieder ausbesserte. Die Alte aber ging mit dem Schleier fort, und seit jenem Tage sah ich sie nicht mehr.« Der Jüngling erwiderte ihr hierauf: »Recht gern,« und machte sich sofort zum Laden des Kaufmanns auf, neben den er sich setzte. Nach einer Weile kam denn auch die Alte mit einem Rosenkranz in der Hand, mit Hilfe dessen sie betete, an dem Laden vorüber, und der Jüngling sprang, als er sie sah, sofort auf, lief aus dem Laden und zerrte sie an ihren Kleidern, indem er sie dabei schalt und schmähte, während sie ihn zu besänftigen suchte und zu ihm sagte: »Mein Sohn, du bist zu entschuldigen.« Wie sich nun das Volk, das sich auf dem Bazar befand, um sie versammelte und fragte, was los wäre, versetzte der Jüngling: »Ihr Leute, ich kaufte von diesem Kaufmann einen Schleier für fünfzig Dinare und gab ihn meiner Sklavin, die ihn nur eine ganz kurze Weile getragen hatte, als sie sich setzte, um ihn zu parfümieren. Hierbei flog jedoch ein Funken auf den Schleier und verbrannte eine Ecke desselben, worauf sie den Schleier dieser Alten gab, damit sie ihn zu jemand brächte, der ihn ausbesserte, und ihn uns dann wiederbrächte. Seit jener Zeit sahen wir sie jedoch nicht wieder.« Da versetzte die Alte: »Dieser Jüngling hat die Wahrheit gesagt; jawohl, ich nahm den Schleier von ihm und ging mit ihm in eines der Häuser, die ich zu besuchen pflege, doch vergaß ich ihn dort und weiß nun nicht mehr, in welchem Hause ich ihn liegen ließ; da ich aber eine arme Frau bin, fürchtete ich mich vor dem Besitzer des Schleiers und mied sein Angesicht.« Alles dies aber wurde vor den Ohren des Kaufmanns, des Gatten der jungen Frau verhandelt.

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