Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Henning >

Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 65
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
Schließen

Navigation:

Sechshundertste Nacht.

Und siehe, da kam auch schon die Alte an. Als er sie sah, erhob er sich vor ihr auf die Füße und gab ihr den Schleier, worauf sie zu ihm sagte: »Bring mir eine glühende Kohle.« Als er ihr die Kohle gebracht hatte, hielt sie die Ecke des Schleiers nahe an dieselbe und verbrannte sie, worauf sie den Schleier faltete, wie er zuvor gewesen war, und mit ihm zum Hause Abul-Faths ging. Dort angelangt klopfte sie an die Thür, und die junge Frau, deren Mutter mit der Alten befreundet war, öffnete ihr, als sie ihre Stimme hörte, da sie sie kannte, und sagte zu ihr: »Was wünschest du, meine Mutter? Meine Mutter ist von mir nach ihrer Wohnung gegangen.« Die Alte versetzte: »Meine Tochter, ich weiß es wohl, daß deine Mutter nicht bei dir ist, da ich bei ihr war; ich komme nur zu dir aus Furcht, die Gebetszeit zu versäumen, und möchte die Waschung bei dir vollziehen, da ich weiß, daß du sauber bist und daß deine Wohnung rein ist. Da erlaubte ihr die junge Frau einzutreten, während die Alte sie begrüßte und ihr Gottes Segen wünschte. Hierauf nahm sie den Eimer und ging in den Abtritt, wo sie die Waschung und das Gebet verrichtete. Dann kam sie wieder heraus und sagte zu der jungen Frau: »Ich glaube die Dienerinnen sind dort, wo ich betete, gewesen und haben den Ort verunreinigt. Weise mir daher einen andern Platz zum Beten an, denn das Gebet, das ich verrichtet habe, hat keinen Wert.« Da faßte die junge Frau die Alte bei der Hand und sagte zu ihr: »Meine Mutter, komm hierher und bete auf meinem Teppich, auf dem mein Gatte zu sitzen pflegt.« Nun stellte sie sich auf den Teppich und betete, rief Gott an und machte die Verbeugungen und Prostrationen, bis sie mit einem Male, als die junge Frau nicht acht gab, den Schleier unbemerkt unter das Kissen schob. Als sie dann ihr Gebet beendet hatte, erhob sie sich und verließ sie unter Segenswünschen.

Gegend Abend trat ihr Gatte, der Kaufmann, ins Haus und setzte sich auf den Teppich, worauf ihm seine Frau das Essen brachte. Nachdem er sich satt gegessen und die Hände gewaschen hatte, lehnte er sich ans Kissen, als mit einem Male die Ecke des Schleiers unter dem Kissen hervorsah. Da zog er den Schleier hervor und erkannte ihn, als er ihn erblickte. Voll Argwohn rief er seine Frau und fragte sie: »Woher hast du diesen Schleier?« Da schwur sie ihm hoch und teuer, daß niemand außer ihm zu ihr gekommen sei, worauf der Kaufmann aus Furcht vor öffentlichem Ärgernis schwieg, indem er bei sich sprach: »Wenn ich dieses Kapitel aufschlage, gerate ich in ganz Bagdad in Schimpf und Schande.« Der Kaufmann gehörte nämlich zu den Vertrauten des Chalifen, so daß er nichts besseres thun konnte als schweigen. Infolge dessen erwiderte er seiner Frau, die den Namen Mahsîje führte, kein Wort, sondern rief sie nur und sagte zu ihr: »Mir kam zu Ohren, daß deine Mutter an Herzweh krank zu Bett liegt, und daß alle Frauen bei ihr sind und über sie weinen. Ich befehle dir daher ebenfalls zu ihr zu gehen.« Da begab sich die junge Frau zu ihrer Mutter, die sie jedoch wohl zu Hause antraf. Nachdem sie eine Weile bei ihr gesessen hatte, kamen mit einem Male Lastträger an, welche ihre Sachen und ihre ganze Ausstattung aus dem Hause des Kaufmanns zu ihrer Mutter hinüberschafften. Als ihre Mutter dies sah, fragte sie die junge Frau: »Meine Tochter, was ist vorgefallen?« worauf dieselbe beteuerte, sie wisse es nicht. Da weinte ihre Mutter und bekümmerte sich über die Trennung ihrer Tochter von jenem Mann; nach einigen Tagen aber besuchte die Alte die junge Frau in dem Hause ihrer Mutter und fragte sie, nachdem sie sie innigst begrüßt hatte: »Was fehlt dir, meine Tochter, mein Liebling? Du hast mein Gemüt betrübt.« Dann trat sie zu ihrer Mutter ein und sprach zu ihr: »Meine Schwester, was ist vorgefallen? Was hat sich zwischen deiner Tochter und ihrem Mann zugetragen? Ich hörte nämlich, daß er sie entlassen hat. Was hat sie denn verbrochen, daß dies geschehen mußte?« Da versetzte ihre Mutter: »Vielleicht kehrt ihr Gatte sich ihr wieder durch deinen Segen zu; bete daher für sie, meine Schwester, denn du fastest und betest die ganze Nacht über.« Wie nun die drei beisammensaßen und miteinander schwatzten, sagte die Alte mit einem Male zu der jungen Frau: »Meine Tochter, gräme dich nicht, so Gott will, der Erhabene, bringe ich dich noch in diesen Tagen mit deinem Gatten wieder zusammen.« Hierauf begab sie sich zum Jüngling und sagte zu ihm: »Mach uns ein hübsches Zimmer zurecht, ich bringe sie dir noch heute Nacht.« Da sprang er auf und besorgte alles, was an Speise und Trank für sie erforderlich war, worauf er sich setzte und beide erwartete. Die Alte aber war inzwischen wieder zur Mutter der jungen Frau gegangen und sagte zu ihr: »Meine Schwester, wir feiern bei uns ein Fest, schicke daher deine Tochter mit mir mit, daß sie sich zerstreut und ihren Kummer und Gram verliert. Ich will sie dir wieder zurückbringen, wie ich sie von dir fortnahm.« Da erhob sich ihre Mutter und kleidete und schmückte ihre Tochter mit den prächtigsten Kleidern und schönsten Schmucksachen und Gewändern, worauf sie mit der Alten fortging, während ihre Mutter sie bis zur Thür geleitete, und sie der Alten dringend anempfahl, indem sie zu ihr sagte: »Hüte dich, daß sie irgend jemand von Gottes, des Erhabenen, Geschöpfen sieht, denn du weißt, welche hohe Stellung ihr Mann bei dem Chalifen einnimmt; und säume auch nicht, sondern bring sie so schnell als möglich zurück.« Hierauf führte sie die Alte zur Wohnung des Jünglings, während die junge Frau glaubte, es wäre das Haus, in welchem die Hochzeit stattfinden sollte. Als sie aber das Haus betrat und in das Wohnzimmer gelangte, –

 << Kapitel 64  Kapitel 66 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.