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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 64
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundneunundneunzigste Nacht.

Als nun sein Vater sah, daß es nicht anders ging, machte er ihm Waren im Werte von dreißigtausend Dinaren zurecht und ließ ihn mit Kaufleuten, in die er Vertrauen setzte, ziehen, indem er ihn den Kaufleuten anempfahl. Dann nahm er von seinem Sohne Abschied und kehrte in seine Wohnung zurück, während dieser mit seinen Gefährten den Kaufleuten ununterbrochen reiste, bis sie die Stadt Bagdad, die Stätte des Friedens, erreicht hatten. Hier angelangt, begab sich der Jüngling auf den Bazar und mietete sich ein Haus, das so schön und einladend war, daß man den Verstand darüber verlieren konnte, und das den Beschauer verblüffen mußte; Vögel zwitscherten darin, und es enthielt einander gegenüberliegende Wohnzimmer, deren Boden mit buntem Marmor getäfelt war, während die Decken vergoldet und mit Lapislazuli eingelegt waren. Als er den Pförtner fragte, wie hoch die Monatsmiete für das Haus wäre, antwortete er ihm: »Zehn Dinare.« Da sagte der Jüngling zu ihm: »Sprichst du die Wahrheit oder treibst du deinen Scherz mit mir?« Der Pförtner versetzte: »Bei Gott, ich spreche die Wahrheit, denn niemand wohnt in diesem Hause länger als eine oder höchstens zwei Wochen.« Nun fragte ihn der Jüngling: »Und was ist die Ursache hiervon?« Der Pförtner entgegnete: »Wer hier wohnt, kommt nicht anders als krank oder tot heraus, weshalb das Haus bei allem Volk verrufen ist und niemand darin zu wohnen kommt, so daß der Mietpreis so tief gesunken ist.« Als der Jüngling dies vernahm, verwunderte er sich höchlichst und sprach: »Unbedingt muß es irgend eine Ursache dafür geben, daß die Leute in diesem Hause erkranken und sterben.« Nachdem er jedoch mit sich zu Rate gegangen war und seine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan genommen hatte, ließ er alle Bedenken fahren und wohnte ruhig in dem Hause, mit Kaufen und Verkaufen beschäftigt. Nachdem er in dieser Weise eine Reihe von Tagen in dem Hause zugebracht hatte, ohne daß ihm irgend etwas von dem, was ihm der Pförtner erzählt hatte, zugestoßen war, traf es sich, daß, als er eines Tages vor der Thür saß, eine alte ergrauende Vettel an ihm vorüberging, als wäre sie eine gefleckte Schlange, die Gott in einemfort pries und heiligte und die Steine und alles, was sonst Schaden bringen konnte, aus dem Wege räumte. Als sie den Jüngling vor der Thür sitzen sah, betrachtete sie ihn verwundert, so daß er sie fragte: »Frau, kennst du mich oder verwechselst du mich mit einem andern?« Als sie seine Worte vernahm, kam sie zu ihm herangetrottet und fragte ihn, nachdem sie ihn begrüßt hatte: »Wie lange wohnst du schon in diesem Hause?« Er antwortete: »Seit zwei Monaten, meine Mutter.« Da sagte sie: »Hierüber verwundere ich mich gerade; denn ich kenne dich weder, mein Sohn, noch kennst du mich; und ebenso wenig verwechselte ich dich mit einem andern, vielmehr wundere ich mich darüber, daß du der erste bist, der in diesem Hause wohnt und es nicht tot oder krank verläßt. Ohne Zweifel, mein Sohn, hast du deine Jugend aufs Spiel gesetzt. Gehe doch einmal zum obern Stock hinauf und schaue vom Belvedere, das sich dort befindet, aus.« Nach diesen Worten ging die Alte ihres Weges, der Jüngling aber hing ihren Worten nach und sprach bei sich: »Ich bin noch gar nicht oben auf dem Hause gewesen und weiß nicht, daß sich dort ein Belvedere befindet.« Alsdann trat er unverzüglich ins Haus und suchte überall an den Ecken desselben umher, bis er in einer derselben eine kleine Thür fand, vor welcher sich ein Spinnengewebe von einem Pfosten bis zum andern zog. Als er diese Thür gewahrte, sprach er bei sich: »Vielleicht hat die Spinne ihr Gewebe nur deshalb vor die Thür gezogen, weil das Schicksal dahinter lauert.« Dann aber stärkte er sich mit dem Worte Gottes, des Erhabenen: »Sprich: Nichts soll uns treffen als allein, was Gott für uns niedergeschrieben hat,« Sure 9, 51. und stieg, die Thür öffnend, auf einer schwarzen Treppe aufs Dach, auf welchem er ein Belvedere erblickte, in das er sich setzte, um sich auszuruhen und die Aussicht zu genießen. Da gewahrte er ein feines und sauberes Haus, auf dessen Dach sich ebenfalls ein hohes Belvedere befand, welches ganz Bagdad überschaute, und in dem eine Dame, schön wie eine Huri, saß, deren Anblick sein ganzes Herz gefangen nahm, ihm Sinn und Verstand raubte und ihn in Hiobs Qualen und Jakobs Trauer versenkte. Als der Jüngling sie erblickte und genau betrachtete, sprach er bei sich: »Wenn die Leute sagen, daß jeder, der hier wohnt, nur tot oder krank das Haus verläßt, so ist gewiß diese Dame daran schuld. Ach, daß ich doch wüßte, wie ich loskommen könnte, denn schon ist mein Verstand dahin.« Hierauf stieg er in Gedanken versunken vom Dach herunter und setzte sich ins Haus; da er es jedoch hier nicht auszuhalten vermochte, ging er hinaus und setzte sich niedergeschlagen vor die Thür, als mit einem Male die Alte herankam, beim Gehen Gott anrufend und lobpreisend. Als der Jüngling sie sah, erhob er sich auf seine Füße und sagte zu ihr, nachdem er ihr zuerst den Salâm geboten und ihr langes Leben gewünscht hatte: »O meine Mutter, ich war wohl und gesund, bis du mir den Rat gabst die Thür zu öffnen; ich that es, und als ich das Belvedere sah, öffnete ich es ebenfalls und sah von seinem höchsten Punkt aus etwas, was mich völlig verwirrte, und nun ist mir's als ob ich sterben müßte, und ich weiß, ich habe keinen andern Arzt als dich.« Als die Alte seine Worte vernahm, lachte sie und sagte zu ihm: »Dir soll nichts Schlimmes widerfahren, so Gott will, der Erhabene.« Da erhob sich der Jüngling und ging ins Haus, worauf er mit hundert Dinaren in seinem Ärmel wieder herauskam und zu ihr sagte: »Nimm dies, meine Mutter, handele an mir wie Herren an Sklaven handeln und hilf mir geschwind, denn, so ich sterbe, wird mein Blut am Tage der Auferstehung von dir gefordert werden.« Die Alte versetzte: »Recht gern; jedoch wünschte ich, mein Sohn, daß du mir mit einem kleinen Dienst behilflich bist, durch den du deinen Wunsch erreichst.« Da fragte er sie: »Was wünschest du, meine Mutter?« Und sie erwiderte: »Ich wünsche, daß du zum Seidenbazar gehst und nach dem Laden Abul-Fath bin Keidâms frägst. Wenn sie dich dorthin gewiesen haben, so setz dich auf die Ladenbank, begrüße ihn und sprich zu ihm: »Gieb mir den golddurchwirkten Schleier, den du bei dir hast.« Er hat nämlich in seinem Laden keinen schönern. Kauf diesen Schleier von ihm für den teuersten Preis, mein Sohn, und behalt' ihn bei dir, bis ich morgen, so Gott will, der Erhabene, zu dir komme.« Hierauf ging die Alte fort, und der Jüngling verbrachte die Nacht als ob er sich auf Ghadâkohlen wälzte. Am nächsten Morgen steckte er tausend Dinare in seine Tasche und begab sich zum Seidenbazar, wo er sich nach dem Laden Abul-Faths erkundigte. Einer der Kaufleute gab ihm Auskunft, und, als er zu ihm gelangte, fand er in ihm einen Mann von würdevollem Äußern, von Pagen, Eunuchen und Dienern umgeben; denn er war sehr vermögend, und seines Glückes Krone war jenes Fräulein, derengleichen nicht bei Prinzen gefunden wurde. Als der Jüngling ihn erblickte, begrüßte er ihn, worauf ihm der Kaufmann den Salâm erwiderte und ihn aufforderte sich zu setzen. Da setzte er sich an seine Seite und sagte zu ihm: »O Kaufmann, ich möchte mir einen Schleier, der so und so aussieht, ansehen.« Infolge dessen befahl er einem Sklaven, ihm ein Paket Seide aus dem Hintergrund des Ladens zu holen, und als er es ihm gebracht hatte, öffnete er es und holte eine Anzahl Schleier daraus hervor, deren Schönheit den Jüngling in Erstaunen versetzte. Als er den gesuchten Schleier unter ihnen gewahrte, kaufte er ihn für fünfzig Dinare von dem Kaufmann und kehrte fröhlich mit ihm heim, –

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