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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 63
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundachtundneunzigste Nacht.

Nach einer Weile kamen die Sklavinnen und Eunuchen an, in deren Mitte die Prinzessin gleich dem Mond unter den Sternen einherschritt, und lustwandelten rings im Garten umher, die Früchte pflückend und sich vergnügend, bis sie mit einem Male einen Mann unter einem der Bäume sitzen sahen; da gingen sie auf ihn zu und sahen sich ihn an, und siehe, da war es ein alter an Händen und Füßen zitternder Scheich, vor welchem Schmucksachen und königliche Schätze ausgebreitet lagen. Als sie die Sachen bei ihm sahen, verwunderten sie sich über ihn und fragten ihn, was er mit dem Schmuck machen wolle, worauf er ihnen erwiderte: »Für diese Schmuckstücke will ich eine von euch heiraten.« Da lachten sie ihn aus und sagten zu ihm: »Wenn du sie geheiratet hast, was willst du dann mit ihr anfangen?« Er versetzte: »Ich will ihr einen Kuß geben und sie dann freilassen.« Da sagte die Prinzessin: »So verheirate ich dich mit diesem Mädchen;« worauf er, sich auf einen Stab stützend, zitternd und stolpernd zu ihr kam, ihr einen Kuß gab und ihr dann zu ihrer Freude den Schmuck und die Gewänder überreichte, während ihn die andern Mädchen auslachten und dann nach Hause gingen. Am nächsten Tage kamen sie wieder in den Garten und gingen auf die Stelle zu, auf welcher er tags zuvor gesessen hatte. Als sie ihn dort wieder mit noch mehr Schmucksachen und Gewändern als zuvor sitzen sahen, setzten sie sich neben ihn und fragten ihn: »O Scheich, was willst du mit diesen Schmucksachen thun?« Er erwiderte: »Ich will wie gestern wieder eine von euch heiraten.« Da sagte die Prinzessin zu ihm: »So verheirate ich dich mit jenem Mädchen.« Da trat er an sie heran, küßte sie und gab ihr die Schmucksachen und Gewänder, worauf sie nach Hause gingen. Als aber die Prinzessin sah, was für Schmucksachen und Gewänder er den Mädchen geschenkt hatte, sprach sie bei sich: »Ich verdiene sie mehr, und es kann mir nichts schaden.« Am nächsten Morgen ging sie dann heimlich allein, wie eins ihrer Mädchen gekleidet, aus ihrem Zimmer in den Garten zum Scheich und sagte zu ihm: »Scheich, ich bin die Prinzessin; willst du mich heiraten?« Er versetzte: »Freut mich und ehrt mich;« alsdann holte er für sie die teuersten und wertvollsten Schmuckstücke und Gewänder hervor und übergab sie ihr, worauf er sich erhob, um sie zu küssen, während sie ganz unbesorgt und ohne Furcht dastand. Als er aber nahe herangekommen war, packte er sie fest an, warf sie zu Boden und nahm ihr die Mädchenschaft. Dann fragte er sie: »Kennst du mich nicht?« Sie versetzte: »Wer bist du?« Er erwiderte ihr: »Ich bin Bahrâm, der Prinz von Persien, der sein Aussehen veränderte und seine Angehörigen und sein Reich um deinetwillen verließ.« Da erhob sie sich schweigend unter ihm, ohne ihm Gegenrede zu geben oder Antwort zu erteilen, da sie über ihr Widerfahrnis zu betroffen war und bei sich sprach: »Töte ich ihn, so nutzt mir sein Tod nichts.« Hierauf ging sie mit sich zu Rate und sprach bei sich: »Mir hilft hier nichts anderes als daß ich mit ihm in sein Land fliehe.« Dann packte sie ihr Geld und ihre Schätze zusammen und schickte ihm einen Boten, der ihm hiervon Mitteilung machte, damit er sich ebenfalls rüstete und sein Gut packte. Nachdem sie dann eine Nacht zur Flucht verabredet hatten, bestiegen sie edle Rosse und ritten unter dem Dunkel der Nacht fort, so daß sie bereits vor Anbruch des Morgens weite Strecken durchmessen hatten; auch rasteten sie nicht eher als bis sie nach Persien in die Nähe der Stadt seines Vaters gekommen waren. Als sein Vater von seiner Ankunft vernahm, zog er ihm mit seinen Mannen und Reisigen entgegen und freute sich höchlichst. Einige Tage später schickte er an Ed-Datmâs Vater ein kostbares Geschenk und schrieb ihm einen Brief, in dem er ihm die Ankunft seiner Tochter mitteilte und ihn um ihre Ausstattung bat. Als die Geschenke bei ihrem Vater eintrafen, zog er den Boten entgegen und empfing sie hocherfreut mit den höchsten Ehrenbezeugungen. Dann veranstaltete er Bankette, ließ den Richter und die Zeugen kommen, ihren Ehekontrakt mit dem Prinzen auszufertigen, und beschenkte die Boten, welche ihm den Brief des Prinzen von Persien überbracht hatten. Hierauf schickte er seiner Tochter die Ausstattung, und der Prinz von Persien lebte mit ihr zusammen, bis der Tod sie trennte.

»Betrachte demnach, o König, die Arglist der Männer gegen die Frauen. Ich aber will mein Recht bis zum Tode nicht aufgeben.«

Da befahl der König wiederum seinen Sohn hinzurichten; aber nun trat der siebente Wesir zu ihm ein und sprach zu ihm, als er vor ihm stand und die Erde vor ihm geküßt hatte: »O König, verzieh so lange, bis ich dir diesen guten Rat erteilt habe: Geduld und Vorbedacht führen Wunsch und Hoffnung zum Ziel, doch Hast und Unbedacht bringen der Reue viel. Gesehen hab ich, wie dieses Mädchen den König zu schrecklichen Verbrechen zu verführen trachtete; der Mamluk jedoch, der von deiner Güte und Huld überhäuft ist, ratet dir gut und treu; und ich weiß, o König, von der Weiberlist, was kein anderer weiß. So kam mir unter anderm auch die Geschichte von einem alten Weibe und einem Kaufmannssohn zu Ohren.« Da fragte ihn der König: »Wie ist die Geschichte der beiden, o Wesir?« Und der Wesir erzählte:

 

Das alte Weib und der Kaufmannssohn.

»Mir kam zu Ohren, o König, daß einmal ein reicher Kaufmann lebte, welcher einen Sohn hatte, den er sehr liebte. Eines Tages sagte dieser Sohn zu seinem Vater: »Mein Vater, ich habe eine Bitte an dich.« Da fragte ihn sein Vater: »Was ist's, mein Sohn, daß ich dir's gebe, und wäre es auch mein Augenlicht, um nur deinen Wunsch zu erfüllen?« Der Sohn erwiderte: »Ich bitte dich mir etwas Geld zu geben, daß ich mit den Kaufleuten nach Bagdad reise, um mir die Stadt und die Chalifenpaläste zu besehen, denn die Kaufmannssöhne haben mir die Stadt geschildert, und ich sehne mich sie zu schauen.« Da entgegnete ihm sein Vater: »O mein Sohn, wer kann deine Abwesenheit ertragen?« Sein Sohn erwiderte jedoch: »Ich habe dieses Wort gesprochen, und ich muß nach Bagdad reisen, sei es mit deinem oder ohne deinen Willen; in meiner Seele ist solch ein leidenschaftliches Verlangen entbrannt, daß es nur gestillt wird, wenn ich nach Bagdad reise.«

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