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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 62
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundsiebenundneunzigste Nacht.

Trotz der verschiedensten Qualen gestand sie jedoch nichts ein und verdächtigte auch niemand, so daß der König sie nunmehr einzusperren und in Fesseln zu legen befahl; und sie thaten nach seinem Befehl. Einige Zeit später saß der König eines Tages mitten im Schloßhof mit seiner Gemahlin ihm zur Seite und rings von Wasser umflossen, als sein Auge auf einen Vogel fiel, welcher das Halsband aus einem Mauerspalt in einer der Ecken des Schlosses herauszog. Da rief er eine Sklavin, die in seiner Nähe war, und die Sklavin fing den Vogel und nahm ihm das Halsband fort. So erkannte der König, daß er der Frau unrecht gethan hatte, und bereute, was er ihr zugefügt hatte. Er befahl, sie ihm vorzuführen, und, als sie vor ihn gebracht wurde, bedeckte er ihr Haupt mit Küssen, bat sie weinend in bitterlichster Reue um Verzeihung und wies ihr viel Geld an, während sie ihm wohl verzieh aber das Geld ablehnte und ihn verließ, indem sie sich gelobte, hinfort niemandes Haus zu betreten, und von nun an bis zu ihrem Tode die Berge und Thäler durchwanderte und Gott, dem Erhabenen, diente.

Ferner kam mir von der Arglist der Männer auch folgende Geschichte zu Ohren:

 

Die beiden Tauben.

Ein Taubenpaar speicherte einst zur Winterszeit in seinem Nest Weizen und Gerste auf; als aber der Sommer kam, schrumpfte das Korn zusammen und nahm ab. Da sagte der Tauber zur Taube: »Du hast vom Korn gefressen;« die Taube beteuerte dagegen: »Nein, bei Gott, ich habe nichts von ihm gefressen.« Er glaubte jedoch nicht ihren Worten, sondern schlug sie mit den Schwingen und pickte sie mit dem Schnabel, bis sie tot war. Als nun die kalte Jahreszeit wiederkehrte, wurde das Korn auch wieder so wie zuvor, so daß der Tauber, erkannte, daß er sein Weibchen ungerechter- und gewaltthätigerweise getötet hatte und von Reue erfaßt wurde, wo es zu spät war. Jammernd und vor Kummer weinend, legte er sich neben sie und aß und trank nicht mehr, bis er krank wurde und starb.

Ferner kam mir noch eine Geschichte von der Arglist der Männer gegen die Frauen zu Ohren, die wunderbarer als alle andern Geschichten ist.« Da sagte der König zu ihr: »Her mit dem, was du zu sagen hast!« Und das Mädchen erzählte:

 

Geschichte des Prinzen Bahrâm und der Prinzessin Ed-Datma.

»Wisse, o König, es lebte einmal eine Prinzessin, wie es zu ihrer Zeit keine gab, die ihr in Schönheit und Anmut, in Wuchs und Ebenmaß und in Glanz und verführerischem Liebreiz gleichgekommen wäre, und die wie sie die Männer um ihren Verstand bringen konnte, so daß sie sich zu rühmen pflegte: »Ich bin einzig in meiner Zeit.« Alle Prinzen bewarben sich um sie, sie aber wollte keinen von ihnen nehmen sondern erklärte: »Mich soll nur der heiraten, welcher mich auf offenem Plan mit Schwerteshieb und Lanzenstoß bezwingt. Überwindet mich einer, so will ich ihn herzensgern heiraten, überwinde ich ihn aber, so nehme ich sein Roß, seine Waffen und seine Kleider und brenne auf seine Stirn ein: Dies ist Ed-Datmâs Freigelassener.« So nämlich war ihr Name. Alle Prinzen kamen von fern und nah aus allen Orten zu ihr, sie aber überwältigte alle und warf sie nieder, worauf sie ihnen die Waffen abnahm und sie brandmarkte. Da traf es sich, daß ein persischer Prinz, Namens Bahrâm, von ihr vernahm und sich mit Geld und Gut, mit Rossen, Mannen und königlichen Schätzen aus ferner Gegend zu ihr aufmachte. Als er bei ihr anlangte, schickte er an ihren Vater ein kostbares Geschenk, worauf der König ihm entgegenzog und ihn mit den höchsten Ehrenbezeugungen aufnahm. Alsdann schickte der Prinz durch seine Wesire eine Botschaft an ihn, daß er sich um seine Tochter bewürbe. Da aber ließ ihm ihr Vater die Antwort überbringen: »Mein Sohn, was meine Tochter Ed-Datmâ anlangt, so habe ich keine Macht über sie, da sie bei ihrer Seele geschworen hat nur den zu heiraten, der sie auf offenem Plan bezwingen würde.« Der Prinz ließ ihm hierauf sagen: »Ich kam von meiner Stadt nur zu diesem Zwecke hierher;« und nun erwiderte der König: »Morgen sollst du dich mit ihr messen.«

Am andern Tage schickte der König zu ihr, worauf sie sich zum Kampf rüstete und in Wehr und Waffen auf dem Plan antrat, während der Prinz, zum Kampf entschlossen, ihr entgegenritt. Wie nun das Volk, das hiervon gehört hatte, von allen Orten herbeigeströmt kam, erschien mit einem Male Ed-Datmâ, gepanzert, gegürtet und mit niedergelassenem Visier, und von der andern Seite ritt der Prinz in schönstem, wehrhaftestem und untadeligstem Waffenschmuck ihr entgegen. Beide griffen ihren Gegner an und tummelten sich geraume Zeit umher, sich lange hin und her drängend, bis die Prinzessin, als sie von ihm größere Tapferkeit und Ritterschaft als von irgend einem andern zuvor erschaute und deshalb vor den Anwesenden beschämt zu werden fürchtete, da sie merkte, daß er sie sicherlich bezwingen würde, zu einer List griff und das Visier von ihrem Gesicht hob, das nun plötzlich heller wie der Vollmond erstrahlte. Als der Prinz ihr Gesicht sah, wurde er verwirrt; seine Kraft erlahmte und sein Feuer erlosch, während sie ihn aus dem Sattel riß und ihn in ihrer Hand hielt wie ein Adler einen Spatz in seinen Krallen, ohne daß er, ganz von ihrem Bild geblendet, wußte, was mit ihm geschah. Hierauf nahm sie sein Roß, seine Waffen und seine Sachen und ließ ihn, nachdem sie ihn gebrandmarkt hatte, laufen. Als er aus seiner Betäubung wieder zu sich kam, aß und trank er weder noch schlief er Tage lang aus Ärger, und die Liebe zu jenem Mädchen nahm sein Herz erst recht in Besitz. Dann schickte er seine Knechte mit einem Brief zu seinem Vater, in dem er ihm schrieb, daß er nicht eher in sein Land heimkehren könne als bis er seinen Wunsch erreicht hätte oder gestorben sei. Als das Schreiben seinem Vater zu Händen kam, betrübte er sich und wollte ihm seine Reisigen und Mannen zu Hilfe schicken, doch hinderten ihn die Wesire daran und ermahnten ihn zur Geduld. Inzwischen aber bediente sich der Prinz, um sein Ziel zu erreichen, einer List und verkleidete sich als hinfälligen Scheich, worauf er zu einem Garten der Prinzessin ging, den sie die Mehrzahl der Tage aufzusuchen pflegte. Nachdem er den Gärtner aufgesucht hatte, sagte er zu ihm: »Ich bin ein fremder Mann aus fernem Land, und von meiner Jugend an war ich der beste Ackerbauer und Gewächs- und Blumenpfleger, so daß mir niemand darin gleichkommt.« Als der Gärtner dies vernahm, führte er ihn hocherfreut in den Garten, wo er ihn seinen Leuten anempfahl, und der Prinz machte sich sofort an die Pflege und Wartung der Bäume und die Verbesserung ihrer Früchte. Als er nun eines Tages hiermit beschäftigt war, betraten mit einem Male Sklaven mit Maultieren, die mit Teppichen und Gefäßen beladen waren, den Garten; auf seine Frage, was das zu bedeuten hätte, erwiderten sie ihm: »Die Prinzessin will sich im Garten vergnügen.« Da ging er fort und nahm den Schmuck und die Gewänder, die er aus seinem Lande mitgebracht hatte, an sich, worauf er sich wieder in den Garten begab, sich niedersetzte und etwas von den Schätzen vor sich ausbreitete, indem er dabei zitterte und so that, als ob dies von Altersschwäche herrühre.

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