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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 61
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundsechsundneunzigste Nacht.

Worauf die Nachbarn zu einander sagten: »Schaut, die Dschinn sind leibhaftig geworden und reden wie Menschen.« Als der Kadi dies vernahm, recitierte er etwas aus dem erhabenen Koran und sagte zu den Nachbarn: »Tretet an den Schrank, in dem wir sitzen, heran;« und, wie sie nun näher getreten waren, sagte er zu ihnen: »Ich bin der und der, und ihr seid der und der und der und der; wir sind hier eine ganze Gesellschaft.« Nun fragten die Nachbarn den Kadi: »Und wer hat dich hierher gebracht?« da teilte er ihnen die Geschichte mit und erzählte sie ihnen von Anfang bis Ende, worauf sie endlich einen Schreiner holten, welcher den Kadi, den Wâli, den Wesir, den König und den Schreiner aus ihren Fächern herausließ, alle in ihren Aufzug, so daß, als sie einander erblickten, einer den andern auslachte. Alsdann fragten sie nach der Frau, doch war nichts von ihr zu hören oder zu sehen, und alle Sachen, die sie angehabt hatten, hatte sie ebenfalls mitgenommen. So mußte denn ein jeder zu seinen Angehörigen nach Sachen schicken, und als man sie ihnen gebracht hatte, ging ein jeder, sich mit denselben vor den Leuten verhüllend, nach Hause. Betrachte daher, o unser Herr König, diesen Streich, den jenes Weib diesen Leuten spielte.«

 

Die drei Wünsche.

Ferner kam mir zu Ohren, daß einmal ein Mann lebte, welcher sich sein ganzes Lebenlang gewünscht hatte die Nacht el-Kadr Die Nacht el-Kadr, die Nacht der Allmacht, ist die Nacht, in welcher Gott den Koran dem Erzengel Gabriel offenbarte, der ihn seinerseits wieder zu gegebenen Anlässen Mohammed offenbarte. – Vgl. Sure 97, nach welcher die Nacht el-Kadr besser als tausend Monate ist. Nach Sure 44 werden in dieser Nacht von Gott mit Weisheit alle Dinge entschieden, und die Moslems glauben auf Grund dieser Stelle, daß in dieser Nacht alle menschlichen Schicksale für das folgende Jahr bestimmt werden. Die Nacht el-Kadr ist eine der letzten zehn Nächte des Monats Ramadân. zu sehen. Da schaute er eines Nachts gen Himmel und sah die Engel und die Pforten des Himmels aufgethan und alle Dinge auf ihrem Platz sich anbetend niederwerfen. Als er dies gewahrte, sagte er zu seiner Gattin: »He, du da, Gott hat mich die Nacht el-Kadr schauen lassen, und ich hörte hierbei eine Stimme, welche mir die Erfüllung dreier Wünsche gelobte. Nun möchte ich dich um Rat fragen, was ich mir wünschen soll.« Da sagte seine Frau zu ihm: »Sprich: O Gott, laß meine Mannheit größer werden!« Wie er nun diese Worte sprach, erfüllte sich sofort sein Wunsch über und über, so daß er verzweifelt zu seiner Frau sagte: »Was soll ich nun beginnen? Nur deine Brunst ist schuld daran, daß ich mir dies wünschte.« Da sagte sie: »Wünsche dir, daß Gott dich von dieser Plage befreit;« worauf er sein Haupt gen Himmel hob und sprach: »O Gott, befreie mich von dieser Plage und erlöse mich von dem Übel!« Und sogleich verschwand seine Mannheit gänzlich. Als seine Frau dies gewahrte, sagte sie zu ihm: »Nun bist du mir zu nichts mehr nutz.« Da rief er: »Alles dies kommt von deinem unseligen Rat. Gott hatte mir drei Wünsche gewährt, durch die ich auf Erden und im Jenseits mein Gutes hätte erreichen können, und nun sind zwei Wünsche dahin, und nur noch ein Wunsch ist übrig geblieben.« Seine Frau versetzte: »Bitte Gott, daß er dir deine Mannheit, so wie sie anfangs war, wiedergiebt;« und so betete er zu seinem Herrn, worauf er wieder wie zuvor wurde.

Dies, o König, geschah infolge des üblen Rates der Frau, und ich erzähle es dir nur, damit du dich von der Gedankenlosigkeit der Weiber, der Schwäche ihres Verstandes und ihrer üblen Ratschläge überzeugst. Höre deshalb nicht auf ihre Worte, töte deinen Sohn, dein Herzblut, nicht und verlösch nicht deinen Namen nach dir.«

Da hob der König den Befehl zur Hinrichtung seines Sohnes auf. Am siebenten Tage aber kam das Mädchen schreiend hereingestürzt und zündete ein großes Feuer an, so daß man sie an Händen und Füßen packte und vor den König schleppte, der sie fragte: »Warum hast du das gethan?« Sie versetzte: »Wenn du mir nicht mein Recht an deinem Sohn verschaffst, so werfe ich mich in dieses Feuer, denn mich ekelt das Leben an, und, bevor ich zu dir kam, schrieb ich mein Testament und verteilte mein Gut als Almosen. Ich bin zum Sterben entschlossen, und du sollst es so bitterlich bereuen wie der König die Züchtigung der Badewärterin bereute.« Da fragte sie der König: »Wie war das?« Und das Mädchen erzählte:

 

Das gestohlene Halsband.

»O König, es kam mir zu Ohren, daß einmal eine fromme, gottergebene, asketische Frau lebte, welche das Schloß eines Königs zu besuchen pflegte, dessen Bewohner durch sie gesegnet wurden und sie hoch aufnahmen. Eines Tages betrat sie wieder nach ihrer Gewohnheit das Schloß und setzte sich neben die Gemahlin des Königs, welche ihr ein Halsband im Werte von tausend Dinaren überreichte und zu ihr sagte: »Frau, nimm dies Halsband an dich und bewahr' es, bis ich mich gebadet habe und es wieder von dir fordere.« Das Bad aber befand sich im Schloß. Wie nun die Königin ins Bad ging, wartete die Frau in der Wohnung der Königin, bis sie wieder aus dem Bade kam, und legte das Halsband unter den Gebetsteppich, worauf sie sich erhob und betete. Da aber raubte ein Vogel das Halsband und versteckte es in einem Mauerspalt in einer der Ecken des Schlosses, während sie gerade eines Bedürfnisses halber herausgegangen war. Als nun, ohne daß die Frau von dem Vorgefallenen etwas ahnte, die Königin aus dem Bade kam und das Halsband von ihr zurückverlangte, fand sie es nicht und konnte auch trotz eifrigen Suchens nicht die geringste Spur von ihm entdecken, worauf sie der Königin beteuerte: »Bei Gott, meine Tochter, niemand ist hier gewesen; als ich das Halsband von dir bekam, legte ich es unter den Gebetsteppich, und ich weiß nicht, ob einer der Diener es sah und es stahl, als ich mit Beten beschäftigt war. Gott, der Erhabene, weiß allein, wohin es gekommen ist.« Als der König den Vorfall vernahm, befahl er der Königin die Frau mit Feuer und harten Schlägen zu foltern.

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