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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 60
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundfünfundneunzigste Nacht.

Als sich der König auf den Pfühl gesetzt hatte, sprach sie zu ihm: »Gieb mir Erlaubnis ein einziges Wort zu dir zu reden.« Der König erwiderte: »Sprich, was du zu sagen hast,« worauf sie zu ihm sagte: »Mach' es dir bequem, mein Herr, und leg' deine Sachen und deinen Turban ab.« Nun waren aber seine Sachen tausend Dinare wert; und, als er sie ausgezogen hatte, kleidete sie ihn in ein zerschlissenes Gewand, das zehn Dirhem und nicht mehr wert war. Hierauf begann sie sich mit ihm zu unterhalten und mit ihm zu tändeln, während die andern, die in dem Schrank steckten, alles hörten, was zwischen ihnen vorging, ohne daß einer ein Wort zu sagen wagte. Als nun der König seine Hand nach ihrem Halse ausstreckte und seinen Willen an ihr haben wollte, sagte sie zu ihm: »Das läuft uns nicht fort, doch hatte ich mir zuvor vorgenommen, dich in diesem Zimmer zu bewirten, und ich hab auch etwas hier, was dich erfreuen soll.« Während sie aber noch miteinander redeten, klopfte jemand an die Thür. Da fragte sie der König: »Wer ist da?« Sie erwiderte: »Mein Gatte.« Da sagte er zu ihr: »Schick ihn in Güte fort, oder ich gehe hinaus und thue es mit Gewalt.« Sie versetzte jedoch: »Nicht doch, mein Herr, gedulde dich nur, bis ich ihn durch meine Klugheit fortgebracht habe.« – »Was aber,« fragte der König, »soll ich thun?« Da faßte sie ihn bei der Hand und steckte ihn in das vierte Fach, das sie hinter ihm verriegelte, worauf sie zur Thür hinausging und sie öffnete; und siehe, da trat der Schreiner herein. Als er ihr den Salâm geboten hatte, sagte sie zu ihm: »Was ist das für ein Schrank, den du mir gemacht hast?« Der Schreiner fragte: »Was ist's mit ihm, meine Herrin?« Sie erwiderte: »Das Fach da ist zu eng.« Er versetzte jedoch: »Nein, es ist weit genug.« Da sagte sie zu ihm: »Geh selber hinein und schau nach, daß du nicht Platz darin hast.« Mit den Worten: »Es hat Platz für vier,« kroch der Schreiner herein; als er aber drin saß, verriegelte sie das Fach hinter ihm und machte sich mit dem Schein des Wâlîs zum Schatzmeister auf, welcher ihren Geliebten sofort, nachdem er den Schein empfangen und gelesen hatte, aus der Haft entließ. Dann erzählte sie ihm, was sie gethan hatte, und, als er sie darauf fragte, was nun zu beginnen sei, sagte sie zu ihm: »Wir wollen aus dieser Stadt in eine andere ziehen, denn nach dieser Geschichte dürfen wir hier nicht mehr bleiben.« Hierauf packten sie all ihr Hab und Gut zusammen, luden es auf Kamele und zogen zur selbigen Stunde nach einer andern Stadt ab.

Was nun die andern anlangt, so saßen sie drei Tage lang in ihren Fächern im Schrank, ohne etwas zu essen und ihre Bedürfnisse während dieser ganzen Zeit verkneifend, bis sie es nicht mehr aushalten konnten und der Schreiner das Wasser auf den Kopf des Sultans, der Sultan auf den Kopf des Wesirs, der Wesir auf den Kopf des Wâlis und der Wâli auf den Kopf des Kadis laufen ließ, worauf der Kadi rief: »Was ist das für eine Schmutzerei? Haben wir noch nicht genug an unserer Lage, daß ihr uns auch noch vollmacht?« Da erhob der Wâlî seine Stimme und rief: »Gott vermehre deinen Lohn, o Kadi!« Als der Kadi seine Stimme vernahm, erkannte er, daß es der Wâlî war; der Wâlî aber rief von neuem: »Was bedeutet diese Schmutzerei? « Da erhob der Wesir seine Stimme und rief: »Gott vermehre deinen Lohn, o Wâli!« Als der Wâli seine Stimme vernahm, erkannte er, daß es der Wesir war; nun aber rief der Wesir: »Was bedeutet diese Schmutzerei?« Der König, der des Wesirs Stimme erkannte, schwieg jedoch, um sich nicht zu verraten, worauf der Wesir von neuem rief: »Gott verfluche das Weib für das, was sie uns angethan hat! Hat sie da alle Staatshäupter mit Ausnahme des Königs bei sich zusammengebracht.« Als der König dies vernahm, rief er ihnen zu: »Schweigt, denn ich war der erste, der in das Netz dieser gemeinen Dirne fiel.« Da fiel auch der Schreiner ein und rief: »Und was ist meine Schuld? Ich machte ihr einen Schrank für vier Golddinare, und, als ich zu ihr kam, mir mein Geld zu holen, sperrte sie mich durch List in dieses Fach ein und verriegelte es hinter mir.« Hierauf fingen sie an sich zu unterhalten und heiterten den König durch ihr Geplauder wieder auf. Wie nun aber die Nachbarn jenes Hauses kamen und es leer stehen sahen, sprachen sie zu einander: »Gestern war noch unsere Nachbarin, die Frau des und des darinnen, und heute hören wir in der Wohnung weder einen Laut noch sehen wir einen Menschen in ihr; laßt uns daher die Thüren aufbrechen und nachschauen, wie die Sachen stehen, damit nicht der Wâli oder gar der König davon Kunde erhält und uns einsperrt, so daß wir es zu bereuen haben, daß wir dies nicht früher gethan haben.« Hierauf brachen die Nachbarn die Thüren ein und traten ins Haus, in dem sie nun einen hölzernen Schrank stehen sahen, in welchem vor Hunger und Durst wimmernde Menschen saßen. Da sagten einige von ihnen: »Ob ein Dschinnî in diesem Schrank sitzt?« worauf ein anderer versetzte: »Wir wollen Holz an den Schrank legen und ihn verbrennen.« Da schrie der Kadi ihnen zu: »Thut's nicht,« –

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