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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 59
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundvierundneunzigste Nacht.

Von dem König begab sie sich nun zu einem Schreiner und sagte zu ihm: »Ich wünsche, daß du mir einen Schrank mit vier übereinanderliegenden Fächern machst und jedes Fach mit einer Thür zum Verschließen versiehst. Sag' mir, was du verlangst, und ich will es dir geben.« Da versetzte er: »Vier Dinare; wolltest du mir aber, o wohlbeschützte Herrin, deine Huld gewähren, so wäre dies mein Lohn, und würde ich nichts von dir verlangen.« Da sagte sie: »Wenn es nicht anders geht, nun so mache mir fünf Fächer mit den dazugehörigen Schlössern.« Er erwiderte: »Freut mich und ehrt mich;« worauf sie ihm befahl den Schrank an eben demselben Tage zu bringen. Der Schreiner sagte jedoch: »Bleib hier, daß du das Verlangte sofort mitnehmen kannst; hernach will ich dann in Muße zu dir kommen.« Da blieb sie bei ihm, bis er ihr den Schrank mit den fünf Fächern gemacht hatte, worauf sie nach Hause ging und den Schrank in dem Wohnzimmer aufstellte. Alsdann nahm sie vier Gewänder und trug sie zum Färber, welcher jedes Gewand mit einer andern Farbe färbte; hierauf machte sie sich daran, Speise und Trank und die Blumen, Früchte und Wohlgerüche zu besorgen. Als nun der verabredete Tag kam, legte sie ihre prächtigsten Sachen an, schmückte und parfümierte sich und belegte das Wohnzimmer mit mancherlei kostbaren Teppichen, worauf sie sich setzte und wartete, wer da kommen würde. Und siehe, der erste von allen, der bei ihr erschien, war der Kadi. Als sie ihn erblickte, erhob sie sich auf ihre Füße, küßte die Erde vor ihm und geleitete ihn zu dem Lager, wo sie ihn sitzen ließ und sich mit ihm niederlegte und mit ihm tändelte. Wie er nun aber seinen Willen an ihr haben wollte, sagte sie zu ihm: »Mein Herr, leg deine Sachen und deinen Turban ab, zieh dieses gelbe Unterkleid an und binde diesen Schleier um deinen Kopf, daß ich Speise und Trank auftrage; hernach magst du deinen Willen haben.« Darauf nahm sie seine Sachen und seinen Turban, während er das Unterkleid und den Kopfschleier anlegte, als mit einem Male jemand an die Thür klopfte. Da fragte sie der Kadi: »Wer klopft da an die Thür?« Sie erwiderte: »Es ist mein Gatte.« Da fragte er: »Was thun? Wohin soll ich gehen?« Sie versetzte: »Fürchte dich nicht, ich will dich in diesen Schrank sperren.« Da sagte er: »Thu, was dir gut dünkt;« und nun nahm sie ihn bei den Händen und steckte ihn in das unterste Fach, worauf sie hinter ihm zuschloß. Dann ging sie zur Thür hinaus und öffnete sie, und siehe, da war's der Wâli. Als sie ihn sah, küßte sie die Erde vor ihm, faßte ihn bei der Hand und geleitete ihn zu demselben Lager, indem sie zu ihm sprach: »Mein Herr, die Stätte ist deine Stätte, das Zimmer ist dein Zimmer, und ich bin deine Magd und eine deiner Dienerinnen; du sollst den ganzen Tag über bei mir zubringen, lege daher deine Sachen ab und ziehe dieses rote Gewand an, das ein Schlafhemd ist.« Dann band sie ihm einen zerfetzten Lappen, den sie bei sich hatte, um den Kopf, und, als sie seine Sachen genommen hatte, kam sie zu ihm aufs Lager, worauf beide miteinander tändelten; als er aber die Hand nach ihr ausstreckte, sagte sie zu ihm: »Ach, unser Herr, der heutige Tag gehört dir, und keiner teilt ihn mit dir; jedoch bescheinige mir in deiner Güte und Huld zuerst meines Bruders Entlassung aus der Haft, damit sich mein Gemüt beruhigt.« Der Wâli antwortete ihr: »Ich höre und gehorche, auf Kopf und Auge!« und schrieb einen Schein an seinen Schatzmeister folgenden Inhalts: Zur Stunde, da dieses Schreiben in deine Hand gelangt, laß den und den ohne Frist und Verzug los und erwidere dem Überbringer kein Wort. Hierauf siegelte er das Schreiben, und sie nahm es an sich; als sie nun aber wieder auf dem Lager mit ihm tändelte, klopfte jemand an die Thür. Da fragte er sie: »Wer ist da?« Sie erwiderte: »Mein Mann.« Da fragte er: »Was soll ich thun?« Sie versetzte: »Geh in diesen Schrank, bis ich ihn fortgeschickt habe und wieder zu dir zurückgekehrt bin.« Alsdann nahm sie ihn, sperrte ihn in das zweite Fach ein und legte das Schloß vor, während der Kadi alle ihre Worte vernahm. Hierauf ging sie zur Thür und öffnete sie, und siehe, da trat der Wesir ein. Als sie ihn erblickte, küßte sie die Erde vor ihm, empfing ihn unterthänigst und sagte zu ihm: »Mein Herr, du beehrst uns durch dein Erscheinen in unserer Wohnung, und Gott beraube uns nicht deines Angesichtes!« Hierauf ließ sie ihn auf dem Pfühl Platz nehmen und sagte zu ihm: »Leg' deine Kleider und deinen Turban ab und zieh diese leichten Sachen an.« Da zog er seine Sachen aus, und sie kleidete ihn in ein blaues Unterkleid und setzte ihm eine rote Kappe auf, wobei sie zu ihm sagte: »Alles zu seiner Zeit, deine Wesiratstracht für ihre Zeit, und diese Zech-, Vergnügungs- und Schlaftracht für heut'.« Dann tändelten beide miteinander auf dem Pfühl, wobei sie stets dem Wesir wehrte, wenn er seinen Willen an ihr haben wollte, indem sie zu ihm sagte: »Mein Herr, das läuft uns nicht fort.« Während sie miteinander redeten, klopfte mit einem Male jemand an die Thür. Da fragte er sie: »Wer ist da?« Sie erwiderte: »Mein Gatte.« Da fragte er: »Was anstellen?« Sie versetzte: »Steh auf und versteck dich in diesen Schrank, bis ich meinen Gatten fortgeschickt habe und wieder zu dir zurückgekehrt bin; sei nur ganz ohne Furcht.« Hierauf sperrte sie ihn in das dritte Fach ein und verschloß es. Dann ging sie hinaus und öffnete die Thür, und siehe, da trat der König herein. Als sie ihn erblickte, küßte sie die Erde vor ihm, faßte ihn bei der Hand und führte ihn auf den Ehrenplatz des Zimmers, wo sie ihm den Pfühl zum Sitz anwies, indem sie zu ihm sagte: »Du beehrst uns, o König, und wollten wir dir auch die Welt mit allem, was in ihr ist, schenken, es würde nicht einem deiner Schritte, die du zu uns setztest, gleichkommen.

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