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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 58
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertunddreiundneunzigste Nacht.

Denn, siehe, die Lüge ist wie Rauch, die Wahrheit aber steht auf festen Mauern, und das Licht der Wahrheit verscheucht die Finsternis der Lüge. Wisse, die Arglist der Frauen ist groß, wie denn auch Gott in seinem heiligen Buch spricht: »Fürwahr, der Frauen Arglist ist groß!« So kam mir auch die Geschichte einer Frau zu Ohren, welche Staatshäuptern einen Streich spielte, wie er nie zuvor von jemand ins Werk gesetzt ward.« Da fragte ihn der König: »Wie geschah das?« Und der Wesir erzählte:

 

Die Frau und ihre fünf Anbeter.

»O König, mir kam zu Ohren, daß einmal eine Frau von den Kaufmannstöchtern einen Mann hatte, der viel auf Reisen war. Wie nun ihr Mann einmal in ein fernes Land reiste und lange ausblieb, verliebte sie sich in ihrer Einsamkeit in einen feinen jungen Kaufmannssohn, und beide gewannen einander leidenschaftlich lieb. Eines Tages aber bekam der Jüngling einen Streit mit einem Mann, und der Mann führte Klage über ihn beim Wâli jener Stadt, worauf der Wâli ihn einsperren ließ. Als seine Geliebte, die Kaufmannsfrau, dies vernahm, flog ihr fast der Verstand fort; dann aber erhob sie sich, legte ihre prächtigsten Kleider an und begab sich zum Hause des Wâlîs, dem sie nach dem Salâm ein Schreiben überreichte, in welchem sie folgendes geschrieben hatte: Der, den du einsperrst und eingekerkert hast, ist mein Bruder, Namens So und So, welcher mit dem und dem Streit gehabt hat; die Leute, welche als Zeugen vernommen wurden, haben falsches Zeugnis wider ihn abgelegt, so daß er ungerechterweise in deinem Gefängnis eingesperrt ist. Da ich nun weiter keinen als ihn habe, mich zu besuchen und für meinen Unterhalt zu sorgen, so erbitte ich von der Güte unsers Herrn seine Entlassung aus dem Gefängnis.

Als der Wâli das Schreiben gelesen hatte und sie daraufhin anblickte, verliebte er sich auf den ersten Blick in sie und sagte zu ihr: »Tritt ins Haus, bis ich ihn mir vorführen lasse; dann will ich nach dir schicken, und du magst ihn mitnehmen.« Die Frau versetzte darauf: »O unser Herr, ich habe keinen weiter als Gott, den Erhabenen, denn ich bin eine fremde Frau und kann niemandes Wohnung betreten.« Der Wâli entgegnete ihr jedoch: »Ich lasse ihn nicht eher los als bis du in meine Wohnung getreten bist, und ich meinen Willen an dir gehabt habe.« Da sagte sie zu ihm: »Wenn du dies willst, so mußt du zu meiner Wohnung kommen und den ganzen Tag bei mir sitzen und schlafen und dich ausruhen.« – »Und wo ist deine Wohnung?« fragte der Wâli. Sie erwiderte: »In der und der Straße.« Hierauf ging sie fort, den Wâli mit verliebtem Herzen zurücklassend, und begab sich zum Kadi jener Stadt, zu dem sie sprach: »O unser Herr Kadi!« Der Kadi versetzte: »Jawohl.« Da sagte sie: »Erwäge meinen Fall, und Gott wird dir's lohnen.« Nun fragte er: »Wer hat dir Unrecht zugefügt?« Sie entgegnete: »Mein Herr, ich habe einen Bruder und sonst niemand, und um seinetwillen mußte ich zu dir kommen, weil der Wâli ihn auf Grund falschen Zeugnisses als Delinquenten eingesperrt hat. Nun bitte ich dich bei dem Wâli in meinem Interesse für ihn Fürsprache einzulegen.« Als aber der Kadi sie angeschaut hatte, hatte er sich sofort in sie verliebt, so daß er zu ihr sagte: »Tritt ins Haus zu den Mädchen ein und ruhe dich aus, derweil wir zum Wâli schicken, daß er deinen Bruder losläßt. Wüßten wir die Geldstrafe, die er zu zahlen hat, so würden wir sie selber zahlen, um unsern Willen an dir zu haben, da wir von deiner gefälligen Rede entzückt sind.« Die Frau entgegnete ihm hierauf: »Wenn du, o unser Herr, solches thust, dann dürfen wir niemand anders tadeln.« Der Kadi erwiderte ihr jedoch: »Wenn du nicht unsere Wohnung betrittst, so geh deines Weges.« Da versetzte sie: »Wenn du dies verlangst, o unser Herr, so geschieht es bei mir in meiner Wohnung sicherer und besser als bei dir, wo Sklavinnen und Eunuchen sind und die Leute aus- und eingehen, und wo ich ein Weib bin, das von solchen Dingen nichts weiß; jedoch zwingt die Not.« Nun fragte sie der Kadi: »Wo ist deine Wohnung?« Und sie versetzte: »In der und der Straße,« und bestellte ihn für denselben Tag, für den sie den Wâli bestellt hatte. Hierauf begab sie sich vom Kadi zur Wohnung des Wesirs und appellierte an ihn, ihren Bruder, den der Wâli eingesperrt hatte, loszulassen, indem sie ihm klagte, daß sie gänzlich auf ihn angewiesen sei. Der Wesir wollte jedoch ebenfalls seinen Willen an ihr haben und sagte zu ihr: »Wir wollen deinen Bruder freilassen, wenn du dich uns ergiebst.« Da versetzte die Frau: »Wenn du dies begehrst, so geschieht es sicherer für dich und mich bei mir in meiner Wohnung. Sie ist nicht fern, und du weißt, wie wir Frauen der Sauberkeit und Wohlanständigkeit bedürfen.« Nun fragte der Wesir: »Wo ist deine Wohnung?« Und sie versetzte: »In der und der Straße,« und bestellte ihn auf denselben Tag wie die beiden andern. Hierauf verließ sie ihn und begab sich zum König jener Stadt, vor den sie ihre Sache brachte, mit der Bitte, ihren Bruder freizulassen. Der König fragte sie: »Wer hat ihn eingesperrt?« Sie erwiderte: »Der Wâli hat's gethan.« Als aber der König ihre Worte vernahm, ward sein Herz von den Pfeilen der Liebe getroffen, und er befahl ihr mit ihm ins Schloß zu treten, bis er zum Wâli geschickt und ihren Bruder befreit hätte. Die Frau entgegnete ihm jedoch: »O König, dies ist ein leichtes Ding für dich, sei es mit meinem Willen oder wider meinen Willen; wenn der König wirklich solches von mir begehrt, so ist es ein großes Glück für mich, will er jedoch in meine Wohnung kommen, so wird er mich dadurch, daß er seine geehrten Tritte in dieselbe setzt, auszeichnen, wie auch der Dichter sagt:

»Ihr Freunde, habt ihr geschaut oder vernommen,
Daß er mich besuchte, dessen Tugenden mir so wert?«

Der König versetzte auf ihre Worte: »Wir wollen dir hierin nicht widersprechen;« worauf sie ihm angab, wo sich ihr Haus befand, und ihn für denselben Tag wie den Wesir, den Kadi und den Wâli bestellte.

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