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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 55
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundneunzigste Nacht.

Hand in Hand schritten der König und der Jüngling in den Palast, wo der König den Jüngling auf einem goldenen Thron Platz nehmen ließ, während er sich an seine Seite setzte. Als er aber den Lithâm von seinem Gesichte genommen hatte, siehe, da war es ein Mädchen wie die lachende Sonne am leuchtenden Himmel, strahlend von Schönheit, Anmut, Eleganz, Vollkommenheit, Selbstgefälligkeit und Liebreiz. Verwundert über ihre Schönheit und Anmut, betrachtete der Jüngling diese herrliche Huldgestalt und hohe verkörperte Glückseligkeit, als sie zu ihm sagte: »Wisse, o König, ich bin die Königin dieses Landes, und alle die Truppen, die du sahst, sei es Reisige oder Mannen, sind Frauen, und kein einziger Mann ist unter ihnen; denn die Männer befassen sich in unserm Lande mit Pflügen, Säen und Ernten, mit der Bodenkultur und dem Bauen von Städten und allerlei nützlichen Künsten und Handwerken, während die Frauen regieren, Ämter bekleiden und den Wehrstand bilden.« Während sie noch miteinander redeten, und der Jüngling über das Vernommene sich aufs äußerste verwunderte, trat mit einem Male der Wesir ein, eine ehrwürdige Matrone von ergrauendem Haar und hoheitsvoller, majestätischer Erscheinung, zu welcher die Königin sagte: »Laß den Kadi und die Zeugen kommen.« Während nun die Alte wieder fortging, wendete sich die Königin mit freundlichen Worten an ihn, um seine Schüchternheit zu bannen, und sagte schließlich zu ihm: »Bist du's zufrieden, mich zu deinem Weib zu haben?« Da erhob er sich, um die Erde vor ihr zu küssen, sie aber wehrte es ihm, und so sprach er denn zu ihr: »Meine Herrin, ich bin der geringste deiner Knechte, die dich bedienen.« Hierauf fragte sie ihn: »Gedenkst du all der Diener, Truppen, der Reichtümer, Schätze und Horte, die du sahst?« Er antwortete: »Ja.« Da sagte sie zu ihm: »Über alles dies sollst du freie Verfügung haben außer über jene Thür, die du nicht öffnen darfst. Öffnest du sie, so wirst du es bereuen, wo dir die Reue nichts mehr nützen kann.« Kaum hatte sie ihre Worte geendet, als die Wesirin mit dem Kadi und den Zeugen eintrat, alles Matronen mit auf die Schulter wallenden Haaren von hoheitsvollem und majestätischem Äußern. Die Königin befahl ihnen, den Ehekontrakt zwischen ihr und dem Jüngling aufzusetzen; und, als sie es gethan hatten, richtete sie Bankette an, zu denen sie alle Truppen einlud; und der Jüngling suchte sie, nachdem sie gegessen und getrunken hatten, heim und fand in ihr ein jungfräulich Gemahl.

Sieben Jahre lang führte er mit ihr ein Leben herrlich und in Freuden und in Hülle und Fülle und Wohlbehagen und Wonne, als es ihm eines Tages einfiel die Thür zu öffnen, indem er bei sich sprach: »Befänden sich hinter ihr nicht große Schätze, noch schöner, als die, welche ich schaute, so hätte sie mir dieselbe nicht verwehrt. Hierauf erhob er sich und öffnete die Thür, und siehe, da befand sich der Vogel in ihr, der ihn von dem Strand des Stromes zur Insel fortgetragen hatte. Als der Vogel ihn erblickte, rief er: »Keinen Willkomm einem Gesicht, dem es niemals gut ergehen soll!« Sobald der Jüngling den Vogel sah und die Worte vernahm, lief er fort, der Vogel setzte ihm jedoch nach und packte ihn, worauf er ihn, nachdem er mit ihm eine Stunde lang zwischen Himmel und Erde geflogen war, an derselben Stelle niedersetzte, von welcher er ihn einst entführt hatte, um dann wieder fortzufliegen. Nach einer Weile kam der Jüngling wieder zur Besinnung und fing an zu weinen und wehklagen, als er der verflossenen Herrlichkeit, Macht und Ehren gedachte und sich erinnerte, wie noch vor kurzem die Truppen vor ihm einhergezogen waren, und wie er Befehle und Verbote erteilt hatte. Dann verweilte er zwei Monate lang an dem Strand, an dem ihn der Vogel abgesetzt hatte, indem er sich immer noch der Hoffnung schmeichelte, zu seiner Gattin zurückzukehren, bis er, als er eines Nachts schlaflos, bekümmert und brütend dasaß, eine Stimme hörte, ohne daß er jemand gesehen hätte, und die Worte vernahm: »Wie groß waren die Wonnen! doch nie und nimmer kehrt das Verflossene wieder.« Da seufzte der Jüngling noch bitterlicher und suchte in seiner Verzweiflung, die Königin und all die frühere Herrlichkeit noch einmal wiederzusehen, das Haus auf, in dem die Scheiche gelebt hatten, denen, wie er nunmehr wußte, das gleich wie ihm widerfahren war, und die er nun wegen ihres Weinens und ihrer Trauer entschuldigte. Voll Trauer und Gram betrat er jenes Gemach und weinte und klagte, ohne zu essen und trinken; ohne Wohlgerüche zu genießen und zu lachen, bis daß er starb, worauf man ihn neben den Scheichen bestattete.

Wisse daher, o König, daß Hast nicht löblich ist und nur Reue zum Erbe giebt; und hiermit rate ich dir gut und treu.«

Als der König seine Geschichte vernommen hatte, ließ er sich warnen und raten und stand von der Hinrichtung seines Sohnes ab.

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