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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 54
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundneunundachtzigste Nacht.

Nach diesem ward der Scheich immer kränker und kränker, bis er starb, worauf der Jüngling ihn mit eigenen Händen wusch, ins Leichentuch wickelte und neben seinen Gefährten bestattete. Alsdann saß er in jenem Hause, das mit seinem ganzen Inhalt in seinen Besitz übergegangen war; trotzdem aber fühlte er sich beunruhigt und hing trüben Gedanken über das Ende des Scheichs nach, als er sich eines Tages wieder seiner Worte und der Ermahnungen erinnerte, nicht die Thür zu öffnen, und dabei von der Lust angewandelt wurde sie sich zu besehen. Da erhob er sich und suchte so lange in der vom Scheich mit der Hand bezeichneten Richtung, bis er eine kleine Thür sah, vor welcher vier Schlösser aus Stahl lagen, und die von Spinnengewebe ganz überzogen war. Bei ihrem Anblick gedachte er jedoch wieder der Warnung des Scheichs und ging fort, wiewohl ihn von nun an seine Neugierde zum Öffnen der Thür zu verführen suchte. Sieben Tage lang hielt er ihr stand, am achten Tage überwältigte ihn jedoch die Begierde, und er sprach: »Ich muß die Thür öffnen und schauen, was mir dadurch widerfährt, denn Gottes, des Erhabenen, Schicksal und Verhängnis wird durch nichts aufgehalten, und nichts geschieht ohne durch seinen Willen.« Hierauf erhob er sich und öffnete die Thür, indem er die Schlösser zerbrach. Nachdem er sie geöffnet hatte, erblickte er einen schmalen Flur, in dem er drei Stunden schritt, bis er mit einem Male an den Strand eines großen Flusses gelangte. Verwundert hierüber, schritt er den Strand des Flusses entlang, dabei nach rechts und links ausschauend, als mit einem Male ein großer Adler aus der Luft niederschoß, ihn mit seinen Krallen packte und mit ihm zwischen Himmel und Erde dahinschwebte, bis er eine große Insel mitten im Meer erreichte, auf welche er ihn fallen ließ, worauf er wieder fortflog. Ganz verwirrt hierüber, saß der Jüngling nun auf der Insel, ohne zu wissen, wohin er sich wenden sollte, als er eines Tages auf hoher See ein Schiffssegel wie einen Stern am Himmel aufleuchten sah. Da hängte sich sein Herz an das Schiff, in der Hoffnung durch dasselbe seine Rettung zu finden, und er behielt es so lange im Auge, bis es nahe herangekommen war. Da sah er, daß es ein Nachen aus Elfenbein und Ebenholz war, der ganz und gar mit gleißendem Gold plattiert und mit Rudern aus Sandel- und Aloeholz versehen war, in welchem zehn Jungfrauen gleich Monden saßen. Als diese ihn erblickten, stiegen sie zu ihm aus dem Nachen ans Land, küßten ihm die Hände und sagten: »Du bist der König, der Bräutigam!« Hierauf trat ein Mädchen, schön wie die lachende Sonne am leuchtenden Himmel, herzu, das in der Hand, eingebunden in einem seidenen Tuch, einen Königsornat und ein goldenes, mit allerlei Hyazinthen besetztes Diadem hielt. Nachdem sie ihn in den Ornat gekleidet und mit dem Diadem gekrönt hatte, trugen ihn die Mädchen auf ihren Händen in den Nachen, den er mit allerlei bunten seidenen Teppichen ausgeschlagen fand, und spannten die Segel aus, worauf sie auf die hohe See hinausfuhren. »Wie ich mit ihnen« – so erzählt der Jüngling – »fuhr, glaubte ich fest, es sei nur ein Traum, und ich wußte nicht, wohin sie mit mir zogen. Als sie dann nahe ans Land gelangten, sah ich, daß der Strand von gepanzerten Truppen wimmelte, deren Anzahl, allein Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen! – wußte. Sobald wir gelandet waren, führten sie mir fünf gestempelte Pferde mit goldenen Sätteln vor, die mit allerlei Perlen und Edelsteinen besetzt waren, und ich wählte mir eins von ihnen aus, auf das ich mich schwang, während mir die andern vier nachgeführt wurden. Dann ließen sie die Banner und Fahnen über meinem Haupte flattern, die Tamburins rasselten, die Trommeln wirbelten, die Truppen reihten sich zur Rechten und Linken auf und wir ritten näher, während ich mich immer fragte, ob ich schliefe oder wach sei, und diesen prächtigen Aufzug nur für einen wüsten Traum hielt. Wir ritten so lange, bis wir zu einer grünen Matte mit Schlössern, Gärten, Bäumen, Bächen, Blumen und Vögeln, welche den einigen Gott, den Allbezwinger, lobpreisten, gelangten, als mit einem Male mitten zwischen jenen Schlössern und Gärten ein Heer wie ein niederbrausender Sturzbach ins Feld gesprengt kam, bis die ganze Matte von ihm angefüllt war. Unfern von mir hielt das Heer an, und nun kam ihr König auf mich zugeritten, dem nur einige seiner Vertrauten voran schritten.« Als der König nahe an den Jüngling herangekommen war, stieg er von seinem Rosse ab, worauf dieser ebenfalls abstieg; dann begrüßten sie einander mit dem besten Salâm, worauf der König zu dem Jüngling sagte: »Folg' mir, du bist mein Gast.« Alsdann stiegen beide wieder auf, und ritten nebeneinander plaudernd zum Schloß des Königs, ihnen voran die Eskorten, bis sie vor dem Königsschloß anlangten, worauf sie abstiegen und samt und sonders in den Palast traten.

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