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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 53
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundachtundachtzigste Nacht.

Worauf er die Sklaven, die Sklavinnen und Grundstücke versilberte, bis er schließlich ganz verarmt war und als Arbeiter sein Brot verdienen mußte. Nachdem er in dieser Weise bereits ein Jahr gelebt hatte, saß er eines Tages unter einer Mauer und wartete auf jemand, der ihn dingen sollte, als mit einem Male ein Mann mit hübschem Gesicht und in feinem Anzug an ihn herantrat und ihm den Salâm bot, worauf er ihn fragte: »Oheim, kennst du mich etwa von früher her?« Der Scheich antwortete ihm: »Keineswegs, mein Sohn; doch sehe ich die Spuren früheren Wohlstandes trotz deiner jetzigen Lage an dir.« Da versetzte der Jüngling: »Das Schicksal und Verhängnis nimmt seinen Lauf; du aber, mein Oheim mit dem freundlichen Gesicht, hast du etwa ein Geschäft, für das du mich dingen willst.« Der Scheich antwortete: »Mein Sohn, ich möchte deine Dienste für eine leichte Sache in Anspruch nehmen.« – »Und was ist's, mein Oheim?« fragte der Jüngling. Er versetzte: »Außer mir sind noch zehn Scheiche in meinem Haus, und wir haben keinen, der uns bediente. So du uns bedienen willst, sollst du Essen und Kleidung bekommen, soviel wie du begehrst, außer andern guten Dingen und Geld; und vielleicht giebt dir Gott durch uns dein Vermögen wieder.« Da versetzte der Jüngling: »Ich höre und gehorche;« worauf der Scheich erwiderte: »Ich stelle dir jedoch eine Bedingung.« – »Und welches ist deine Bedingung, mein Oheim?« fragte der Jüngling. Der Scheich antwortete: »Du mußt unser Geheimnis bei dir behalten und nichts von dem verraten, was du uns thun siehst; und solltest du uns weinen sehen, so darfst du nicht nach der Ursache hiervon fragen.« Der Jüngling versetzte: »Jawohl, mein Oheim,« und nun sagte der Scheich zu ihm: »So komm, mein Sohn, mit Gottes, des Erhabenen, Segen.« Hierauf erhob sich der Jüngling und folgte dem Scheich, der ihn in ein Bad führte, wo er seinen Leib von dem daran klebenden Schmutz reinigen ließ; dann ließ er ihm ein hübsches Linnengewand holen, und kleidete ihn darin, worauf er sich mit ihm in seine Wohnung zu seinen Kumpanen begab. Als der Jüngling sein Haus betrat, sah er, daß es ein hohes, festgefügtes und geräumiges Gebäude war mit einander gegenüberliegenden Wohnzimmern und Sälen, in deren jedem sich ein Springbrunnen befand, mit zwitschernden Vögeln darüber, und die Fenster der Säle gingen von allen Seiten auf einen schönen, vom Hause eingeschlossenen Garten. Der Scheich führte ihn in eines der Wohnzimmer, das mit buntem Marmor ausgelegt und an der Decke mit Malereien in Lazur und gleißendem Gold verziert war, während seidene Teppiche den Boden bedeckten; in dem Zimmer aber saßen zehn Scheiche in Trauergewändern einander gegenüber und weinten und wehklagten. Verwundert hierüber, war der Jüngling schon im Begriff den Scheich hiernach zu fragen, als er sich wieder der Bedingung erinnerte und seine Zunge hemmte. Der Scheich aber überreichte nun dem Jüngling eine Kiste mit dreißigtausend Dinaren und sagte zu ihm: »Mein Sohn, verwende das Geld in dieser Kiste für uns und dich nach Belieben; sei getreu und hüte, was ich dir anvertraut habe.« Der Jüngling erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und gab nun Tage und Nächte lang von dem Gelde für sie aus, bis einer von ihnen starb. Da nahmen ihn seine Gefährten, wuschen ihn, wickelten ihn ins Leichentuch und begruben ihn in einem Garten hinter dem Hause. Der Tod aber hörte nicht auf einen nach dem andern fortzuholen, bis der Scheich, welcher den Jüngling in Dienst genommen hatte, allein übrigblieb, worauf der Jüngling mit ihm allein, ohne einen dritten, im Hause lebte, bis der Scheich, nachdem eine Reihe von Jahren darüber verflossen waren, erkrankte. Als nun der Jüngling an dem Leben des Scheichs verzweifelte, trat er an ihn heran und sagte zu ihm, nachdem er ihm sein Bedauern ausgedrückt hatte: »Mein Oheim, ich habe euch zwölf Jahre lang bedient, ohne daß ich eine einzige Stunde in meinem Dienste lässig gewesen wäre, vielmehr war ich euch stets in Treuen ergeben und diente euch eifrig und nach Kräften.« Der Scheich versetzte: »Ja, mein Sohn, du hast uns treu gedient, bis alle die Scheiche zu Gottes, des Mächtigen und Herrlichen, Barmherzigkeit abschieden, und so müssen auch wir sterben.« Da erwiderte der Jüngling: »O mein Herr, du schwebst in Gefahr, und darum wünschte ich, du sagtest mir, weshalb ihr weintet und fortwährend wehklagtet, trauertet und seufztet.« Der Scheich entgegnete: »O mein Sohn, dir thut es nicht not, dies zu wissen, belästige mich daher nicht mit dem, was ich nicht zu thun vermag, da ich zu Gott, dem Erhabenen, betete, daß keiner mit meinem Leid heimgesucht wurde. Willst du vor dem Unheil, das uns befiel, sicher sein, so öffne nicht jene Thür;« – bei diesen warnenden Worten wies er mit der Hand nach ihr, – »willst du aber erdulden, was wir erduldet haben, so öffne sie, und du wirst die Erklärung für all unser Thun finden, doch wird es dich gereuen, wenn es zu spät ist.«

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