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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 52
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundsiebenundachtzigste Nacht.

Am nächsten Morgen zog er seine Sachen an und begab sich mit dem Schmuckkästchen zum König jener Stadt, zu dem er, nachdem er die Erde vor ihm geküßt hatte, sagte: »O König, ich komme als guter Ratgeber zu dir. Ich stamme aus dem Lande Chorâsân, und wanderte von dort, angezogen von dem Ruf deines Wandels und deiner Gerechtigkeit gegen deine Unterthanen, zu deiner Gegenwart aus, um unter deinem Banner zu leben. Um die Abendzeit traf ich bei dieser Stadt ein und fand das Thor bereits verschlossen, so daß ich draußen schlafen mußte. Wie ich nun zwischen Schlafen und Wachen dalag, gewahrte ich mit einem Male vier Weiber, von denen die eine auf einem Besenstiel, die zweite auf einem Weinkrug, die dritte auf einer Feuerschaufel und die vierte auf einer schwarzen Hündin Diese Stelle ist der Macnaghtenschen Ausgabe entlehnt. Nach der Bûlâker reitet die eine auf einem Besen, die zweite auf einem Fächer. Das Reitobjekt der beiden andern wird nicht erwähnt. Diese Hexen scheinen fast sich vom Blocksberg nach Kaschmir verirrt zu haben. ritt, und erkannte, daß es Hexen waren, die in deine Stadt ritten. Eine von ihnen näherte sich mir und gab mir einen schmerzhaften Fußstoß, und einen heftigen Schlag mit einem Fuchsschweif, den sie in der Hand hielt, worauf ich ihr, wütend über den Schlag, einen Hieb mit meinem Messer versetzte, der sie ins Hinterteil traf, als sie gerade den Rücken zur Flucht wendete. Als sie die Wunde spürte, floh sie vor mir, wobei ihr dieses Kästchen mit seinem Inhalt entfiel; da hob ich es auf und öffnete es, um diesen wertvollen Schmuck in ihm zu finden. So nimm du ihn, da ich seiner nicht bedarf, dieweil ich ein Pilgersmann im Gebirge bin, welcher die Welt aus seinem Herzen gethan und allen ihren Gütern entsagt hat und allein Gottes, des Erhabenen, Angesicht sucht.« Nach diesen Worten ließ er das Kästchen vor dem König und ging fort. Als er den König verlassen hatte, öffnete dieser das Kästchen, holte allen Schmuck, der sich darin befand, heraus, und kehrte ihn in seiner Hand um und um, wobei er unter den Schmuckstücken auch ein Halsband fand, welches er dem Wesir, dem das Mädchen gehörte, geschenkt hatte. Da ließ er den Wesir rufen und sagte zu ihm, als er vor ihm erschienen war: »Dies ist doch das Halsband, das ich dir schenkte?« Als der Wesir es sah, erkannte er es und erwiderte: »Ja; ich schenkte es einer meiner Sängerinnen.« Da befahl ihm der König: »Bring' das Mädchen sofort her.« Als das Mädchen vor dem König erschien, befahl er dem Wesir: »Decke ihr Hinterteil auf und schau nach, ob sie dort eine Wunde hat oder nicht.« Wie nun der Wesir ihr Hinterteil aufdeckte, sah er daselbst eine von einem Messer herrührende Wunde und sagte zum König: »Ja, mein Gebieter, sie hat am Hinterteil eine Wunde.« Da sagte der König zum Wesir: »Sie ist ganz zweifellos eine Hexe, wie es mir der Asket gesagt hat.« Hierauf erteilte er Befehl, sie in den Hexenbrunnen zu werfen, und sie schleppten sie noch desselbigen Tages dorthin. Wie nun die Nacht anbrach, und der Goldschmied sah, daß seine List gelungen war, begab er sich mit einem Beutel voll tausend Dinaren in der Hand zu dem Wächter des Brunnens, und setzte sich neben ihn zum Plaudern. Als aber das erste Drittel der Nacht vorüber war, brachte er die Sache zur Sprache und sagte zu dem Wächter: »O mein Bruder, schau, jenes Mädchen ist frei von der Schuld, die ihr zur Last gelegt wird, denn ich bin es, der dieses Unglück über sie gebracht hat.« Hierauf erzählte er ihm die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende und sagte zu ihm: »Mein Bruder, nimm diesen Beutel, in dem sich tausend Dinare befinden, und gieb mir das Mädchen, damit ich mit ihr in mein Land heimkehren kann; diese Goldstücke sind dir nützlicher, als daß du hier ihren Kerkermeister spielst; laß dir Gottes Lohn für das gute Werk an uns nicht entgehen, und auch wir beide wollen für dein Glück und Wohlergehen beten.« Höchlichst über diese gelungene List sich verwundernd, nahm der Wächter den Beutel mit seinem Inhalt und überließ ihm das Mädchen unter der Bedingung, daß er sich mit ihr keine einzige Stunde mehr in der Stadt aufhielte. Der Goldschmied aber nahm sie sofort und gelangte mit ihr nach eiliger Reise in seine Stadt, in dieser Weise seinen Wunsch erreichend.

Betrachte daher, o König, die List und Verschlagenheit der Männer. Heute hindern dich wohl deine Wesire daran, mir mein Recht zu verschaffen, morgen jedoch werden ich und du vor einem gerechten Richter stehen, der mir mein Recht an dir verschaffen wird.«

Als der König ihre Worte vernahm, befahl er seinen Sohn hinzurichten; da aber trat der fünfte Wesir zu ihm ein, küßte die Erde vor ihm und sprach: »Großmächtiger König, verzieh und übereile nicht deines Sohnes Tod, denn Eile zieht oft Reue nach sich; so fürchte ich auch für dich, du möchtest es einst bereuen, wie jener Mann, welcher sein ganzes Leben lang nicht mehr lachte.« Da fragte ihn der König: »Wie war das, o Wesir?« Und der Wesir erzählte:

 

Der Mann, welcher nie mehr lachte.

»O König, mir kam zu Ohren, daß einmal ein Hausbesitzer und vermöglicher Mann, reich an Geld, Eunuchen, Sklaven und Grundstücken, zu Gottes, des Erhabenen, Barmherzigkeit abschied und einen jungen Sohn hinterließ. Als dieser Sohn erwachsen war, fing er an zu schmausen und zechen und Musik und Gesang zu hören und verschenkte und verthat die Gelder, die ihm sein Vater hinterlassen hatte, bis ihm schließlich nichts mehr übrig geblieben war, –

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