Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Henning >

Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 51
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
Schließen

Navigation:

Fünfhundertundsechsundachtzigste Nacht.

Da trat das Mädchen am fünften Tage mit einem Becher Gift in der Hand zum König ein, indem sie zum Himmel um Hilfe flehte, sich die Wangen und ihr Gesicht schlug und zu ihm klagte: »O König, entweder übst du Gerechtigkeit gegen mich und verschaffst mir mein Recht an deinem Sohn oder ich trinke diesen Becher Gift und sterbe, so daß die Schuld an meinem Tode an dir kleben wird bis zum Tag der Auferstehung. Siehe, diese deine Wesire werfen mir Arglist und Falsch vor, wo in der ganzen Welt keiner verschlagener ist als sie. Hast du denn nicht, o König, die Geschichte von dem Goldschmied und dem Mädchen gehört?« Da fragte sie der König: »Was trug sich mit den beiden zu?« Und das Mädchen erzählte:

 

Der Goldschmied und die Sängerin von Kaschmir.

»Glückseliger König, es kam mir zu Ohren, daß einmal ein Goldschmied lebte, der den Weibern und dem Wein zugethan war. Eines Tages, als er einen seiner Freunde besucht hatte, fiel sein Blick auf eine der Wände von dessen Haus, und er sah dort das Bild eines Mädchens aufgemalt, wie kein Auge ein schöneres, anmutigeres und liebreizenderes gesehen hatte. Entzückt über das schöne Bild, mußte er immer und immer wieder nach ihm hinschauen, bis sich sein Herz so heftig in dasselbe verliebte, daß er krank wurde und dem Tode nahe kam. Da besuchte ihn einer seiner Freunde und fragte ihn, indem er sich ihm zu Häupten niedersetzte, wie es ihm erginge und was ihm fehlte, worauf der Goldschmied versetzte: »Ach mein Bruder, meine ganze Krankheit und all mein Leiden kommt allein von der Liebe her, denn ich verliebte mich in ein Bild, das auf eine Wand im Hause meines Bruders So und So gemalt ist.« Da tadelte ihn sein Freund und sagte zu ihm: »Das kommt aus deinem Unverstand; wie konntest du dich in ein Bild auf einer Wand verlieben, das weder schaden noch nützen, weder sehen noch hören, weder nehmen noch versagen kann?« Der Goldschmied versetzte: »Der Maler hat das Bild sicherlich nach einem hübschen Frauenzimmer gemalt.« Sein Freund erwiderte jedoch: »Vielleicht hat der Maler das Bild aus dem Kopfe gemalt;« worauf der Goldschmied entgegnete: »Auf jeden Fall liege ich hier und sterbe vor Liebe; lebt aber das Original dieses Bildes in der Welt, so bitte ich zu Gott, dem Erhabenen, daß er mich so lange leben läßt, bis ich es gesehen habe.« Wie nun die Anwesenden ihn verlassen hatten, erkundigten sie sich nach dem Maler jenes Bildes, und erfuhren, daß er nach einer andern Stadt gereist war. Da schrieben sie einen Brief an ihn, in welchem sie ihm den Zustand ihres Freundes klagten, und fragten ihn, wie es sich mit jenem Bild verhielte, ob es ein Erzeugnis seiner Phantasie wäre oder ob er das Original davon irgendwo in der Welt gesehen hätte. Da schickte er ihnen die Antwort zurück: »Ich habe dieses Bild nach einer Sängerin eines Wesirs in der Stadt Kaschmir im Lande Indien gemalt.« Als der Goldschmied, der in einer Stadt Persiens lebte, dies vernahm, machte er sich zurecht und zog aus gen Indien, bis er endlich nach großen Mühsalen in Kaschmir anlangte. Nachdem er sich dort häuslich niedergelassen hatte, ging er eines Tages zu einem Drogisten jener Stadt, einem intelligenten und scharfsinnigen Menschen mit hellem Kopf, und fragte ihn nach ihrem König und seinem Wandel. Der Drogist erwiderte: »Was unsern König anlangt, so ist er gerecht, rechtschaffen in seinem Wandel, gütig gegen das Volk seines Reiches und unparteiisch gegen seine Unterthanen; das einzige, was er in der Welt verabscheut, sind die Zauberer, und so ein Zauberer oder eine Zauberin in seine Hand fällt, läßt er beide in eine Cisterne außerhalb der Stadt werfen und dort des Hungers sterben.« Alsdann erkundigte er sich bei ihm nach seinen Wesiren, worauf ihm der Drogist eines jeden Wesirs Wandel und Weise schilderte, bis die Rede auch auf die Sängerin kam und er ihm sagte: »Sie gehört dem und dem Wesir.« Da geduldete sich der Wesir einige Tage, während welcher er sich einen Plan ausdachte; hierauf nahm er in einer stürmischen Regen- und Gewittersnacht Diebeszeug zu sich und schlich sich zum Haus des Wesirs, dem das Mädchen gehörte. Hier angelangt, warf er das Fangeisen aus, an welchem sich die Diebesleiter befand, und stieg auf das Schloßdach, von wo er in den Schloßhof hinunterstieg. Er fand alle Mädchen auf ihrem Lager schlafend vor, und gewahrte unter ihnen auf marmornem Pfühl ein Mädchen gleich dem aufgehenden Vollmond in der vierzehnten Nacht, das mit einer goldgestickten Decke zugedeckt war und zu Häupten und Füßen je eine Kerze aus Ambra in einem Leuchter von gleißendem Gold zu stehen hatte, während in einer silbernen Büchse unter ihrem Kopfkissen all ihr Schmuck aufbewahrt lag. Da hob er die Decke auf und holte sein Messer hervor, mit dem er ihr eine tüchtige Wunde im Hinterteil beibrachte, so daß sie in Furcht und Schrecken erwachte. Als sie ihn erblickte, fürchtete sie sich laut zu schreien und schwieg zuerst. Dann aber sagte sie zu ihm, da sie glaubte, er sei gekommen ihre Wertsachen zu stehlen: »Nimm das Kästchen mit seinem Inhalt; mein Tod bringt dir keinen Nutzen, und ich bin unter deinem Schutz und Schirm.« Da nahm der Mann das Kästchen und ging fort.

 << Kapitel 50  Kapitel 52 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.