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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
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Sindbads dritte Reise

»Merket auf, meine Brüder, und höret auf die Geschichte meiner dritten Reise, welche noch wunderbarer als die Geschichten meiner früheren Reisen ist; doch Gott ist allwissend und allweise und kennt seinen verborgenen Ratschluß.

Als ich nun, wie ich es euch gestern bereits erzählt hatte, in größter Freude und Fröhlichkeit mit reichem Gewinn an Geld und Gut heimgekehrt war und von Gott für all das Verlorene Ersatz erhalten hatte, lebte ich geraume Zeit in höchstem Glück und größter Heiterkeit, Freude und Fröhlichkeit, bis sich meine Seele wieder sehnte zu reisen und die Welt zu schauen und wieder nach dem Handel, Gewinn und Profit Verlangen trug; denn des Menschen Seele neigt zum Bösen. Und so kaufte ich mir nach reiflicher Erwägung eine große Menge von Waren, wie sie für eine Seereise erforderlich sind, packte sie für die Reise in Ballen und zog mit ihnen von der Stadt Bagdad nach Basra. Hier begab ich mich an den Strand des Meeres, und, als ich dort ein großes Schiff mit vielen Kaufleuten und Passagieren, braven, hübschen und guten Leuten, voll Glauben, Güte und Rechtschaffenheit sah, bestieg ich dasselbe und reiste mit ihnen unter Gottes, des Erhabenen, Segen und mit seiner Hilfe und unter seinem gnädigen Geleit ab, alle in freudigster Hoffnung auf eine gute und glückliche Fahrt. Ununterbrochen segelten wir von Meer zu Meer, von Insel zu Insel und von Stadt zu Stadt, indem wir uns überall, wo wir anlegten, fröhlich und vergnügt umsahen und verkauften und kauften, bis eines Tages, als wir uns mitten in der wogenden und wellenbrandenden See befanden, der Kapitän, der gerade vom Schiffsbord Ausschau über das Meer hielt, sich vor das Gesicht schlug und, sich den Bart ausraufend und laut schreiend, gleich darauf die Segel zusammenrollen und die Anker auswerfen ließ. Wir fragten ihn deshalb: »Kapitän, was ist los?« Und er antwortete: »Wisset, ihr Reisenden, – Gott sei euch gnädig! – der Wind hat uns übermocht und hat uns mitten ins Meer getrieben, und das Schicksal hat uns zu unserm Unheil an den Affenberg geworfen, von dem noch niemand entkommen ist, der dorthin gelangte. Mein Herz weissagt mir unser aller Untergang.« Kaum hatte noch der Kapitän seine Worte beendet, da umgaben auch schon die Affen von allen Seiten das Schiff und fielen vom Lande wie Heuschreckenschwärme über uns her. Wir fürchteten uns, wiewohl wir Angst hatten, sie könnten unser Hab und Gut plündern, einen von ihnen totzuschlagen oder auch nur mit Schlägen fortzutreiben, da wir besorgten, infolge ihrer zahllosen Menge, da Tapferkeit der Menge unterliegt, von ihnen getötet zu werden. Es waren ganz widerwärtige Bestien mit schwarzen verfilzten Haaren und von grausenerregender Erscheinung, mit gelben Augen und schwarzem Gesicht, und an Wuchs so klein, daß jede von ihnen nur vier Spannen maß; ihre Sprache aber versteht niemand, und niemand weiß, was sie sind, und sie fliehen scheu vor den Menschen. Sie kletterten auf die Ankerseile, zerschnitten sie mit ihren Zähnen und zerbissen alle Stricke des Schiffes, daß es sich dem Winde nachgab und an dem Berggestade strandete. Dann packten sie alle Kaufleute und Matrosen und schleppten sie auf die Insel, worauf sie mit dem Schiff und allem, was sich darauf befand, abfuhren und uns auf der Insel zurückließen; und das Schiff entschwand unsern Blicken, ohne daß wir wußten, wohin sie mit ihm zogen.

Wie wir uns nun auf dieser Insel befanden und von ihren Früchten, ihrem Gemüse und Obst aßen und aus ihren Bächen tranken, erblickten wir mit einem Male mitten auf der Insel etwas, das wie ein bewohntes Haus aussah, und, als wir darauf zugingen, sahen wir, daß es ein starkes und stattliches, von hohen Wällen umgebenes Schloß war mit einem Thor aus Ebenholz, dessen beide Flügel offen standen. Durch das Thor eintretend, fanden wir hinter ihm einen weiten hofähnlichen Platz, und rings um ihn viele hohe Thore, während auf der gegenüberliegenden Seite eine hohe und große Steinbank stand und Herde, an denen Kochgeschirr hing, rings um welche viele Knochen lagen, ohne daß wir jemand erblicken konnten. Aufs äußerste hierüber verwundert, setzten wir uns in den Schloßhof, wo wir nach kurzer Zeit einschliefen und vom Vormittag bis zum Sonnenuntergang schlafend dalagen, als mit einem Male die Erde unter uns erbebte, und wir in der Luft ein lautes Getöse vernahmen. Gleich darauf sahen wir vom Dach des Schlosses ein Ungetüm in Menschengestalt von schwarzer Farbe und riesigem Wuchs von der Größe eines hohen Palmbaums niedersteigen und auf uns zukommen. Seine Augen glichen zwei feurigen Flammen, seine Augenzähne hatten die Größe von Ebershauern, sein Maul glich einer Brunnenöffnung, seine Lippen hingen wie Kamellefzen auf seine Brust, seine Ohren wie Decken auf seine Schultern, und seine Fingernägel waren wie die Klauen eines Löwen. Als wir diese schreckliche Gestalt erblickten, schwanden uns fast die Sinne, und Furcht und Grausen packten uns so stark, daß wir vor Entsetzen wie Tote waren.

Fünfhundertundsiebenundvierzigste Nacht

Wie nun der Riese auf ebener Erde angelangt war, setzte er sich auf die Steinbank; nach kurzer Zeit erhob er sich jedoch wieder, kam auf uns zu, ergriff mich mitten unter meinen Gefährten, den Kaufleuten, bei der Hand, hob mich hoch vom Boden empor, befühlte mich wie ein Schlächter das Schaf befühlt, das er schlachten will, und kehrte mich dabei wie einen kleinen Bissen in seiner Hand um und um; da er mich jedoch infolge der vielen Aufregungen und den Mühsalen der Fahrt schwach, abgemagert und ohne irgend welches Fleisch an den Knochen fand, ließ er mich wieder aus seiner Hand los und nahm einen anderen meiner Gefährten, welchen er, nachdem er ihn in gleicher Weise wie mich umgekehrt und betastet hatte, ebenfalls wieder losließ; in dieser Weise befühlte er einen nach dem andern von uns und kehrte ihn dabei um und um, bis er an den Schiffskapitän kam, der ein fetter, vierschrötiger, breitschulteriger und strammer Kerl war. Zufrieden mit ihm, packte er ihn, wie der Schlächter das Schlachttier packt, warf ihn auf den Boden und brach ihm durch einen Fußtritt den Nacken, worauf er einen langen Bratspieß holte und ihm denselben durch die Gurgel stieß, daß er ihm zum Rücken herauskam. Hierauf zündete er ein großes Feuer an und setzte den Bratspieß mit dem daran aufgespießten Kapitän über das Feuer, ihn so lange über den Kohlen drehend, bis sein Fleisch geröstet war. Alsdann nahm er ihn wieder vom Feuer herunter, legte ihn vor sich, zerriß ihn, wie man wohl ein Kücken zerreißt, und fraß ihn auf, indem er das Fleisch mit seinen Klauen von den Knochen riß. Als er sein Fleisch verzehrt und die Knochen abgenagt hatte, warf er die wenigen übriggebliebenen Knochen auf die Seite. Dann setzte er sich wieder und legte sich nach kurzer Zeit auf die Steinbank nieder, worauf er einschlief und im Schlaf wie ein Schaf oder ein Stück Vieh mit durchschnittener Gurgel schnarchte; am Morgen erst erwachte er wieder und ging seines Weges.

Als wir uns vergewissert hatten, daß er fortgegangen war, hoben wir an miteinander zu sprechen und klagten, indem wir unser Los beweinten: »Ach, daß wir doch im Meer ertrunken wären oder daß uns die Affen aufgefressen hätten! Das wäre ein leichterer Tod gewesen als hier auf glühenden Kohlen geröstet zu werden. Bei Gott, solch ein Tod ist gemein, jedoch, was Gott will, das geschieht; es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! Wir müssen hier elendiglich umkommen, ohne daß irgend jemand etwas von uns erfährt, und es giebt für uns kein Entkommen von diesem Ort.« Hierauf erhoben wir uns und streiften durch die Insel, um uns einen Versteck aufzusuchen oder noch lieber zu entfliehen, da uns der Tod ein leichtes Ding dünkte, wenn wir nur nicht über dem Feuer geröstet würden. Wir fanden jedoch keinen Versteck, und, da auch der Abend uns überfiel, kehrten wir in unserer großen Angst wieder zurück ins Schloß und setzten uns. Nicht lange nachher erbebte mit einem Male die Erde unter uns, und jenes schwarze Ungetüm kam wieder auf uns los und kehrte wie das erste Mal einen nach den andern von uns um und befühlte uns, bis ihm einer gefiel, worauf er ihn packte und mit ihm ganz so wie tags zuvor mit dem Kapitän verfuhr. Nachdem er ihn geröstet und auf der Bank aufgefressen hatte, schlief er wieder die Nacht über und schnarchte dabei wieder wie ein abgeschlachtetes Stück Vieh, um sich dann bei Tagesanbruch zu erheben und, uns wie zuvor verlassend, seines Weges zu gehen. Da rückten wir zusammen und redeten miteinander und sprachen: »Bei Gott, stürzten wir uns ins Meer und fänden wir so den Tod durch Ertrinken, so wäre es besser, als hier gebraten zu werden und auf so abscheuliche Weise umzukommen!« Einer von uns aber sagte nun: »Hört auf meine Worte, meine Brüder; wir wollen einen Plan ersinnen, wie wir ihn umbringen und uns vor dem Kummer und den Moslems vor seiner Tyrannei und Gewaltthätigkeit Ruhe verschaffen.« Da sagte ich zu ihnen: »Hört mich an, meine Brüder; soll und muß er einmal umgebracht werden, so wollen wir zunächst diese Balken und etwas von dem Brennholz zum Strand hinunterschaffen und uns ein Floß bauen; haben wir ihn dann auf irgend eine Weise umgebracht, so wollen wir das Floß besteigen und uns übers Meer treiben lassen, wohin Gott will, oder wollen hier warten, bis ein Schiff an dieser Insel vorüberkommt und uns aufnimmt. Gelingt es uns nicht, ihn umzubringen, so wollen wir trotzdem aufs Meer hinausfahren; sei es auch, daß wir ertrinken und dann wenigstens nicht mehr geschlachtet und über dem Feuer geröstet zu werden brauchen; werden wir gerettet, so werden wir gerettet, und ertrinken wir, so sterben wir als Märtyrer.« Alle erwiderten mir nun: »Bei Gott, der Vorschlag ist gut, und so geschieht's recht;« und so einigten wir uns auf diesen Plan und machten uns sofort an seine Ausführung, indem wir das Holz aus dem Schloß hinausschafften und uns ein Floß bauten, das wir am Gestade festbanden. Nachdem wir dann auch noch etwas Zehrung aufs Floß geschafft hatten, kehrten wir wieder ins Schloß zurück. Gegen Abend erbebte mit einem Male wieder die Erde unter uns, und der Schwarze kam wie ein bissiger Köter auf uns zu, kehrte uns um und um und befühlte einen nach dem andern, worauf er einen von uns packte und mit ihm wie mit den beiden anderen verfuhr. Als er nun nach seinem Mahl auf der Bank dalag und schlief und dabei schnarchte, als ob es donnerte, erhoben wir uns, nahmen zwei von den dort stehenden Bratspießen und hielten sie in starkes Feuer, bis sie rotglühend geworden waren und wie feurige Kohlen leuchteten; dann packten wir sie mit festem Griff, traten an das schwarze, im Schlafe schnarchende Ungetüm heran und bohrten sie in seine Augen, indem wir uns alle aus Leibeskräften gegen sie stemmten, so daß er im Schlaf auf beiden Augen geblendet wurde. Da sprang er mit einem gewaltigen Schrei, vor dem unsere Herzen erbebten, von der Bank auf und suchte uns zu haschen, während wir nach rechts und links auseinanderstoben und uns, wiewohl er uns nicht sehen konnte, da er völlig blind war, mächtig vor ihm fürchteten und, am Entkommen verzweifelnd, in jener Stunde den sichern Tod vor Augen hatten. Währenddem hatte er sich zum Thor getastet und schritt hinaus, wobei er laut schrie, daß die Erde unter uns erbebte und wir vor Grausen erstarrten. Als er das Schloß verlassen hatte, gingen wir ebenfalls hinaus und sahen, wie er fortwährend nach uns suchte. Mit einem Male aber kehrte er mit einem WeibNach der Breslauer Ausgabe kehrt der Riese mit zwei anderen Riesen wieder, auf die er sich stützt. von noch größerer und entsetzlicherer Gestalt wieder, bei deren Anblick wir in höchster Furcht nun schnell das Floß losbanden und, auf dasselbe springend, vom Rande abstießen, während beide Ungetüme mächtige Felsblöcke nach uns warfen und den größten Teil von uns töteten, bis nur ich nebst noch zwei anderen übrig geblieben war.

Fünfhundertundachtundvierzigste Nacht

Das Floß führte uns drei Überlebende zu einer Insel, auf welcher wir bis zum Abend umherstreiften, worauf wir uns bei einbrechender Nacht schlafen legten. Nach kurzer Zeit erwachten wir jedoch wieder und gewahrten einen riesigen Drachen mit gewaltigem Bauch, der uns umringelt hatte und nun einen von uns packte, ihn bis zu den Schultern hinunterschlang und ihn dann gänzlich verschluckte, daß wir seine Rippen in seinem Leibe nur so knacken hörten, worauf er fortkroch. Vor Staunen starr und bekümmert über den Verlust unseres Gefährten, wurden wir aufs Schwerste um unser Leben besorgt und sprachen: »Bei Gott, das ist ein wunderbarlich Ding! Jeder neue Tod wird immer abscheulicher als der frühere. Wir waren so froh über unsere Rettung aus den Händen des Schwarzen, doch sollte die Freude nicht vollkommen sein. Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott! Bei Gott, dem Schwarzen und dem Ertrinken sind wir entronnen, wie aber werden wir dieser unseligen Viper entrinnen?« Hierauf erhoben wir uns und durchwanderten die Insel, indem wir von ihren Früchten aßen und aus ihren Bächen tranken, bis es wieder Abend geworden war. Dann stiegen wir auf einen dicken und hohen Baum und schliefen daselbst; ich aber war bis auf den höchsten Ast gestiegen. Als nun die Nacht hereinbrach und es dunkel ward, kam der Drache wieder herbei und wendete sich nach rechts und links, worauf er auf den Baum, auf welchem wir saßen, loskam und auf ihn kroch. Als er meinen Gefährten erreicht hatte, verschlang er ihn bis zu den Schultern und ringelte sich mit ihm fest um den Stamm, daß ich hörte, wie seine Knochen im Leib des Drachens zerbrachen; nachdem er ihn dann vollends vor meinen Augen verschlungen hatte, kroch er wieder vom Baum herunter und verschwand, während ich die Nacht über auf dem Baum blieb. Bei Tagesanbruch stieg ich, infolge der ausgestandenen Ängste und Schrecken wie ein Toter, vom Baum und wollte mich ins Meer stürzen, um von den irdischen Plagen erlöst zu werden; doch fiel es mir zu schwer, das Leben aufzugeben, da einem das Leben lieb ist. Und so nahm ich denn fünf breite Stücken Holz und band, so fest ich nur konnte, eines von ihnen quer über meine Füße, drei andere gleiche Stücke über meine linke und rechte Seite und meinen Bauch und zuletzt ein langes und breites Stück wieder quer über meinen Kopf, ähnlich dem ersten an meinen Füßen. In dieser Weise, rings von Holz umgeben, warf ich mich der Länge nach auf die Erde und lag wie in einer Kammer da. Zur Nachtzeit erschien der Drache wie gewöhnlich und kam, als er mich gewahrte, auf mich zu. Da er mich jedoch wegen des Holzes, das mich von allen Seiten umgab, nicht verschlingen konnte, ringelte er sich um mich, während ich ihm, halbtot vor Furcht und Grausen, zusah; und wie er nun mir nirgends beikommen konnte, wich er bald zurück und kam bald wieder heran, jedesmal, wenn er mich verschlingen wollte, von meiner hölzernen Schutzwehr darin gehindert. Dies dauerte von Sonnenuntergang bis zum Anbruch der Morgenröte, bis er endlich, sobald es hell ward und die Sonne aufging, in grimmigster Wut von dannen zog. Sobald er meinen Blicken entschwunden war, streckte ich meine Hand aus und befreite mich aus dem Holz, infolge der Schrecknisse, die ich vor dem Drachen ausgestanden hatte, einem Toten gleich. Hierauf erhob ich mich und durchwanderte das Eiland, bis ich an seinen Strand kam, von wo ich plötzlich, wie ich aufs Meer ausschaute, fern auf hoher See ein Schiff gewahrte. Da riß ich einen großen Ast von einem Baume ab und schwenkte ihn unter lautem Geschrei; und die Schiffsleute sprachen, als sie mich sahen: »Wir müssen schauen, was das ist; vielleicht ist's ein Mensch.« Hierauf kamen sie näher, und als sie mein Rufen vernahmen, legten sie bei der Insel an und nahmen mich zu sich aufs Schiff. Auf ihre Fragen erzählte ich ihnen zu ihrer höchsten Verwunderung alle meine Erlebnisse von Anfang bis zu Ende und alle die Drangsale, die ich ausgestanden hatte, worauf sie mich mit einigen von ihren Sachen bekleideten und meine Blöße bedeckten; dann brachten sie mir etwas Speise und reichten mir, nachdem ich mich satt gegessen hatte, kühles Süßwasser zu trinken, so daß sich mein Herz wieder aufrichtete, meine Seele sich erholte und tiefe Ruhe in mir einkehrte. Ich lobte Gott, den Erhabenen, der mich wieder zum Leben erweckt hatte, für seine überreiche Huld und dankte ihm, und, nachdem ich bereits des Unterganges gewiß gewesen war, ward mein Mut wieder so gekräftigt, daß mir alles nur wie ein Traum vorkam.

Wir reisten nun weiter, und der Wind war uns mit Gottes, des Erhabenen, Erlaubnis günstig, bis wir zu einer Insel, welche den Namen Es-Salâhita führt, gelangten, wo der Kapitän das Schiff beilegte.

Fünfhundertundneunundvierzigste Nacht

Hier stiegen alle Kaufleute und Passagiere ans Land und holten ihre Waren hervor, um zu kaufen und verkaufen, während der Schiffsherr sich zu mir wendete und sagte: »Höre meine Worte; du bist ein armer fremder Mann und sagst, daß du große Schrecknisse ausgestanden hast; ich möchte dir daher durch ein Geschäft zur Heimkehr in dein Land verhelfen, daß du mich dauernd dafür segnest.« Ich erwiderte: »Schön; der Segen soll dir zuteil werden.« Da sagte er: »Wisse, mit uns reiste ein Mann, der uns abhanden kam, und wir wissen nicht, ob er noch lebt oder bereits tot ist, da wir nie wieder etwas von ihm gehört haben. Nun möchte ich dir seine Ballen übergeben, daß du sie unter deine Obhut nimmst und hier auf der Insel verkaufst. Einen Teil des Ertrages sollst du als Entgelt für deine Mühe und den Dienst erhalten, den Rest aber wollen wir mit uns nach Bagdad nehmen und wollen uns dort nach seinen Angehörigen erkundigen, um ihnen die unverkauften Waren und den Erlös der verkauften zu übergeben. Hast du nun Lust die Waren an dich zu nehmen und zum Verkauf derselben mit den anderen Kaufleuten auf die Insel zu gehen?« Ich antwortete: »Ich höre und gehorche, mein Herr; du bist überaus gütig,« und dankte ihm hierfür und segnete ihn. Der Schiffsherr befahl nun den Lastträgern und Matrosen, die besagten Waren auf die Insel zu schaffen und sie mir zu übergeben, und der Schiffsschreiber fragte: »Kapitän, was sind das für Ballen, welche die Lastträger und Matrosen herausschaffen und welches Kaufmanns Namen soll ich auf sie schreiben?« Der Kapitän versetzte: »Schreib' den Namen Sindbads des Seemanns auf sie, der mit uns reiste und bei der Insel ertrank, ohne daß wir noch etwas von ihm gehört hätten; wir wollen diesen Fremdling die Waren verkaufen lassen und wollen ihm für seine Mühe, die er beim Verkauf derselben hat, einen Teil des Erlöses als Entgelt geben, während wir den Rest mit uns nach Bagdad nehmen und ihm denselben geben, wenn wir ihn dort finden; finden wir ihn nicht, so wollen wir das Geld seinen in der Stadt Bagdad lebenden Angehörigen einhändigen.« Der Schreiber versetzte: »Deine Worte sind gut, und trefflich ist dein Beschluß.« Als ich nun aber den Kapitän davon reden hörte, daß die Waren mit meinem Namen beschrieben werden sollten, sprach ich bei mir: »Bei Gott, ich bin Sindbad der Seemann, der auf der Insel zurückblieb,«Der Text lautet wörtlich: der mit einer Anzahl anderer ertrank. Es scheint hier die zweite mit der ersten Reise verwechselt zu werden. und wappnete mich mit Standhaftigkeit und Geduld, bis die Kaufleute vom Schiff gestiegen waren und miteinanders übers Geschäft plauderten. Dann trat ich an den Schiffsherrn heran und fragte ihn: »Mein Herr, weißt du, was der Eigentümer der Waren, die du mir zum Verkauf übergabst, war?« Er versetzte: »Mir ist nichts anderes von ihm bekannt, als daß er aus der Stadt Bagdad war, daß er Sindbad der Seemann hieß, und daß er bei einer Insel, bei welcher wir anlegten, nebst einer großen Anzahl von uns ertrank; und ich hörte seit jener Zeit nichts mehr von ihm.« Da stieß ich einen lauten Schrei aus und sagte zu ihm: »Kapitän, Gott schütz' dich! Wisse, ich bin Sindbad der Seemann und bin nicht ertrunken, sondern verließ, als wir bei der Insel die Anker ausgeworfen hatten, und als die Kaufleute und Passagiere ans Land gingen, mit einer Anzahl Leute ebenfalls das Schiff. Am Strand der Insel setzte ich mich nieder, nahm einen kleinen Imbiß ein, den ich mir mitgenommen hatte, und vergnügte mich dort am Sitzen, bis mich Müdigkeit anwandelte und ich in Schlaf sank. Als ich dann wieder erwachte, fand ich weder das Schiff noch sonst jemand bei mir. Dies Gut ist mein Gut, diese Waren sind meine Waren, und alle die Kaufleute, die Diamanten importieren, sahen mich auf dem Diamantengebirge und werden bezeugen, daß ich Sindbad der Seemann bin; denn ich erzählte ihnen meine Geschichte und meine Erlebnisse mit euch auf dem Schiff und sagte ihnen auch, daß ihr mich auf der Insel vergaßet, da ich eingeschlafen war, und daß ich beim Erwachen niemand fand, worauf ich dann die weiteren Abenteuer erlebte.« Als die Kaufleute und die Schiffer meine Worte vernahmen, versammelten sie sich um mich, und die einen von ihnen glaubten mir, die anderen aber hielten mich für einen Lügner. Als ich jedoch das Diamantenthal erwähnte, kam ein Kaufmann an meine Seite und sagte zu ihnen: »Ihr Leute, hört meine Worte; als ich euch mein wunderbarstes Reiseabenteuer mitteilte, wie nämlich, als wir die geschlachteten Tiere ins Diamantenthal warfen, mit meinem Tier, das ich wie üblich mit den anderen hinunterwarf, ein daranhängender Mann heraufkam, wolltet ihr es mir nicht glauben und schaltet mich einen Lügner.« Sie versetzten: »Jawohl, du erzähltest uns diese Geschichte, doch glaubten wir sie dir nicht.« – »Nun, dies ist der Mann,« fuhr der Kaufmann fort, »der an meinem Tier hing und der mir als Entschädigung mehr Diamanten gab als an seiner Stelle heraufgekommen wären, und die so kostbar waren, daß ihresgleichen nicht mehr gefunden werden; wir reisten zusammen nach der Stadt Basra, wo er von uns Abschied nahm, um nach seiner Heimat zu ziehen, während wir gleichfalls nach unserer Heimat zurückkehrten. Er ist es, und er nannte uns auch seinen Namen Sindbad der Seemann und erzählte uns, daß ihn das Schiff auf der Insel sitzen gelassen hätte. Und wisset, diesen Mann hat Gott nur hierhergeführt, auf daß ihr meinen Worten, die ich zu euch sprach, glaubtet. Alle diese Waren gehören ihm, denn er erzählte uns von ihnen, als wir zusammentrafen, und die Wahrheit seiner Worte ist zu Tage gekommen.« Als der Kapitän die Worte jenes Kaufmanns vernahm, trat er an mich heran, und fragte mich, nachdem er mich eine Weile scharf ins Auge gefaßt hatte: »Welche Marke hatten deine Waren?« Ich antwortete ihm: »Die Marke meiner Ballen war die und die,« und erwähnte außerdem Sachen, die zwischen uns beiden vorgefallen waren, als ich mich in Basra bei ihm eingeschifft hatte, so daß er nun völlig davon überzeugt war, daß ich Sindbad der Seemann war, und mich umarmte, mich begrüßte und, mir zu meiner Rettung Glück wünschend, sagte: »Bei Gott, mein Herr, deine Geschichte ist wunderbar und dein Fall merkwürdig; jedoch, gelobt sei Gott, der uns beide wieder vereint und dir dein Gut und deine Waren wiedergegeben hat!«

Fünfhundertundfünfzigste Nacht

Hierauf verfügte ich über meine Waren nach bestem Vermögen und machte mit ihnen auf dieser Reise ein sehr gutes Geschäft, worüber ich mich außerordentlich freute, so daß ich mir zu meiner Rettung und der Wiedererlangung meines Gutes Glück wünschte. Wir kauften und verkauften auf den Inseln fortwährend, bis wir zum Lande Es-SindDas Land am Unterlauf des Indus. gelangten, wo wir ebenfalls kauften und verkauften. In dem Meere von Sind sah ich eine zahllose Menge wunderbarlicher und seltsamer Dinge, so z. B. einen Fisch, der wie eine Kuh aussah, ferner eselähnliche Lebewesen, Vögel, die aus Muscheln auskriechen, ihre Eier aufs Meer legen und dort ausbrüten und niemals vom Meer aufs Land fliegen. Hernach reisten wir wieder mit Gottes, des Erhabenen, Erlaubnis und mit günstigem Wind weiter, bis wir nach glücklicher Fahrt in Basra anlangten. Nach einem Aufenthalt von wenig Tagen zog ich nach Bagdad weiter, wo ich mein Quartier und mein Haus aufsuchte und meine Angehörigen, Freunde und Gefährten begrüßte. Erfreut über meine wohlbehaltene Rückkehr in mein Land zu meinen Lieben, meiner Stadt und meiner Heimat, machte ich von dem zahllosen und unberechenbaren Gewinn, den ich auf dieser Reise erzielt hatte, Geschenke und Almosen, kleidete die Witwen und Waisen, schmauste, zechte und trieb allerlei Kurzweil mit meinen Freunden und Gefährten und vergaß bei leckern Speisen und feinen Weinen und in Gesellschaft und Verkehr alle Abenteuer, Drangsale und Schrecken, die ich durchgemacht hatte. Dies sind die wunderbarsten Dinge, die ich auf meiner dritten Reise sah, und morgen, so Gott will, der Erhabene, komm wieder zu mir, daß ich dir die Geschichte meiner vierten Reise erzählen kann, die noch wunderbarer als die drei ersten Reisen ist.«

Hierauf befahl Sindbad der Seemann Sindbad dem Landmann wie üblich wieder hundert Goldmithkâl zu überreichen und die Speisetische zu bringen; dann nahm die ganze Gesellschaft das Abendessen ein und ging, verwundert über die abenteuerliche Geschichte, die sie vernommen hatte, heim. Sindbad der Lastträger hatte, nachdem er das ihm von Sindbad dem Seemann angewiesene Geld in Empfang genommen hatte, sich gleichfalls auf den Weg gemacht und brachte die Nacht in seiner Wohnung zu. Als aber der Morgen anbrach, und es hell ward und tagte, erhob er sich und ging nach Verrichtung des Frühgebets wieder zu Sindbad dem Seemann, der ihn bei seinem Eintreten nach dem Salâm heiter und fröhlich empfing und ihn an seiner Seite sitzen ließ, bis alle seine anderen Freunde erschienen. Nachdem sie dann das Mahl aufgetragen und gegessen und getrunken hatten, nahm Sindbad, als alle fröhlich und guter Dinge waren, das Wort und erzählte ihnen die Geschichte seiner vierten Reise.

 

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