Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Henning >

Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 49
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
Schließen

Navigation:

Fünfhundertundvierundachtzigste Nacht.

Dies war aber der vierte Tag, weshalb nun der vierte Wesir zum König eintrat, die Erde vor ihm küßte und sprach: »Gott befestige und stärke den König! O König, sei bedachtsam in diesem deinem Vorhaben, dieweil der Kluge kein Werk thut, ohne den Ausgang zu bedenken; sagt doch auch das Sprichwort: Wer die Folgen nicht bedenkt, der hat an dem Schicksal keinen Freund, – und wer ohne Überlegung handelt, dem ergeht's wie es dem Badhalter mit seiner Frau erging.« Da fragte ihn der König: »Wie erging es dem Badhalter mit seiner Frau?« Und der Wesir erzählte:

 

Der Sohn des Wesirs und die Frau des Badhalters.

»O König, es kam mir zu Ohren, daß einmal ein Badhalter lebte, bei welchem die Großen und Häupter des Volkes zu baden pflegten. Da kam eines Tages auch ein hübscher junger Wesirssohn zu ihm ins Bad, welcher fett und wohlbeleibt war. Als dieser Jüngling seine Kleider ausgezogen hatte, seufzte der Badhalter, der ihn beim Baden bediente, beim Anblick seines feisten Leibes, und schlug die eine Hand wider die andere, so daß ihn der Jüngling fragte: »Was fehlt dir, Badhalter?« Da versetzte er seufzend: »Ach, mein Herr, du jammerst mich bei all deinem Glück und deiner großen Schönheit und Anmut, weil du bei deiner Fettleibigkeit dich gar nicht wie andere Männer vergnügen kannst.« Der Jüngling erwiderte: »Du hast recht, jedoch fällt mir ein, daß ich etwas vergessen habe.« – »Was ist's!« fragte der Badhalter. Der Jüngling entgegnete: »Nimm diesen Dinar und hol mir ein hübsches Mädchen, einen Versuch anzustellen.« Da nahm der Badhalter den Dinar und ging zu seiner Frau, zu der er sagte: »Frau, da ist zu mir ins Bad ein Jüngling, ein Wesirssohn, gekommen, der zwar schön wie der Mond in der Nacht seiner Fülle ist, dabei aber so fett ist, daß er sich gar nicht wie andere Männer vergnügen kann. Als ich ihn deshalb bejammerte, gab er mir diesen Dinar und bat mich ihm ein Mädchen zu holen, damit er einen Versuch machen könnte. Nun verdienst du den Dinar am ehesten, und da ich dich beschütze, kann es uns ja auch nichts schaden. Sitz daher eine Weile bei ihm, lach ihn aus und nimm diesen Dinar von ihm. Da nahm die Frau des Badhalters, die das hübscheste Weib seiner Zeit war, den Dinar und erhob sich, schmückte sich und zog ihre prächtigsten Sachen an. Hierauf begleitete sie ihren Gatten, der sie zu dem Wesirssohn in ein leeres Gemach führte. Als sie ihn aber erblickte und sah, daß er ein hübscher Jüngling war und holdseligen Gesichts wie der Vollmond, wurde sie von seiner Schönheit und Anmut ganz verwirrt, wie auch der Jüngling bei ihrem Anblick sofort Kopf und Herz verlor. Infolge dessen verriegelten sie beide die Thür, worauf der Jüngling sich mit seiner Frau aufs beste vergnügte, während der Badhalter entsetzt vor der Thür stand und in einemfort rief: »O Umm Mohammed, nun ist's genug, komm heraus, dein Knäblein hat schon lange auf die Brust warten müssen.« Sagte dann der Jüngling zu ihr: »Geh hinaus zu deinem Kind und komm hernach wieder,« so versetzte sie: »Wenn ich von dir fortgehe, so geb ich meinen Geist noch vor meinem Kinde auf. Entweder muß ich es am Weinen sterben lassen, oder es muß als Waise aufgezogen werden.« So blieb sie bei dem Jüngling, während ihr Mann vor der Thür rief und schrie und weinte und um Hilfe lamentierte, ohne daß ihm jemand zu Hilfe kam, und dabei immer beteuerte »Ich bringe mich um«, bis er schließlich, da er keinen Weg zu seiner Frau fand, von Kummer und Eifersucht überwältigt, auf die höchste Spitze des Bades stieg und sich herunterstürzte, so daß er tot war.

Ferner kam mir, o König, von der Arglist der Weiber noch eine andere Geschichte zu Ohren.« Da fragte ihn der König: »Was kam dir zu Ohren?« Und der Wesir erzählte:

 

Die Frau, die sich zu helfen wußte.

»O König, ich vernahm, daß einmal eine wunderschöne, anmutige, liebreizende und vollkommene Frau lebte, die nicht ihresgleichen hatte. Diese Frau sah ein junger Verführer und verliebte sich in sie, so daß er in heftiger Liebe zu ihr entbrannte, während sie in ihrer Keuschheit nichts von ihm wissen wollte. Da traf es sich eines Tages, daß ihr Gatte in eine andere Stadt verreiste, worauf der Jüngling ihr täglich zu wiederholten Malen Botschaften schickte, ohne daß sie ihm eine Antwort gab. Schließlich suchte er ein altes Weib auf, das in seiner Nähe wohnte, und setzte sich nach dem Salâm zu ihr und klagte ihr, wie hart ihm die Liebe nach der Frau zusetzte, und wie er sich nach einer Zusammenkunft mit ihr sehnte. Da sagte die Alte zu ihm: »Ich bürge dir hierfür und will dir, so Gott will, der Erhabene, zu deinem Wunsch verhelfen, sei darum unbesorgt.« Als der Jüngling diese Worte von ihr vernahm, gab er ihr einen Dinar und ging seines Weges, während die Alte, welche die junge Frau von früher her kannte, am nächsten Morgen die alte Freundschaft erneuerte und sie von nun an täglich besuchte, bei ihr das Frühstück und Nachtessen einnahm und für ihre Kinder Essen mit nach Hause nahm. Bei diesen Besuchen scherzte und plauderte sie mit ihr, bis sie sie verdorben hatte und sie nicht mehr eine Stunde ohne die Alte leben konnte. Die Alte aber pflegte jedesmal, wenn sie von der Frau fortging, ein Stück Brot zu nehmen, etwas Pfeffer und Fett daran zu thun, und es so einer Hündin zu geben, bis ihr dieselbe wegen ihrer Güte und Fürsorge auf Schritt und Tritt folgte. Da nahm sie eines Tages eine große Menge Fett und Pfeffer und gab es ihr zu fressen, so daß ihr die Augen von dem Brande des Pfeffers liefen und sie der Alten weinend nachlief. Als die junge Frau dies sah, verwunderte sie sich höchlichst und sagte zur Alten: »Meine Mutter, warum weint die Hündin?« Die Alte erwiderte: »Meine Tochter, die Hündin da hat eine wunderbare Geschichte erlebt. Sie war einst ein Mädchen von reicher Schönheit und Anmut, voll Liebreiz und vollkommener Zier, und meine Gefährtin und Freundin. Nun hatte sich ein junger Mann ihres Viertels in sie verliebt und seine Liebe und Leidenschaft wuchs so stark, daß er sich zu Bett legen mußte. Wiewohl er wiederholentlich zu ihr schickte, gütig zu ihm zu sein und sich seiner zu erbarmen, und obgleich ich ihr zum Guten riet und sagte: »Meine Tochter, willige in alle seine Wünsche ein, erbarme dich seiner und habe Mitleid mit ihm,« so wollte sie jedoch nichts davon wissen und verschmähte meinen guten Rat. Schließlich, als dem jungen Mann die Geduld ausging, klagte er einigen seiner Freunde sein Leid, welche ihr einen Zauber beibrachten, und ihre menschliche Gestalt in die einer Hündin verwandelten. Als sie nun sah, was mit ihr geschehen, und wie sie verwandelt worden war, und unter allen Geschöpfen in mir allein eine mitleidige Seele fand, da kam sie in meine Wohnung und begann mich zu umschmeicheln, mir Hände und Füße zu küssen, zu weinen und heulen, bis ich sie erkannte und zu ihr sagte: »Ich habe dich oft genug gewarnt, doch hat dir mein Rat nichts genutzt.«

 << Kapitel 48  Kapitel 50 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.