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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 47
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundzweiundachtzigste Nacht.

Als der Prinz diese Worte von ihr vernahm, nahm er sie, von Mitleid erfaßt, hinter sich auf sein Roß und sagte zu ihr: »Sei guten Mutes und kühlen Auges, so mich Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen! – zu meinem Volk und meinen Angehörigen zurückführt, will ich dich zu den Deinigen heimsenden.« Hierauf ritt der Prinz, inständig um Rettung flehend, weiter, als mit einem Male das Mädchen hinter ihm sagte: »O Prinz, laß mich doch einmal absteigen, daß ich unter jener Mauer ein Bedürfnis erledigen kann.« Da hielt er an und ließ sie absteigen, worauf er auf sie wartete, bis sie mit einem Male hinter der Mauer, hinter der sie sich versteckt hatte, mit dem abscheulichsten Gesicht wieder zum Vorschein kam. Bei ihrem Anblick erschauderte dem Prinzen die Haut, sein Verstand flog ihm fort, und sein ganzes Aussehen veränderte sich vor Grausen, während sie wieder hinter ihn aufs Pferd sprang und, widerwärtig wie nichts anzuschauen, zu ihm sagte: »O Prinz, wie kommt's, daß dein Gesicht mit einem Male so bleich geworden ist?« Er versetzte: »Mir kam etwas in den Sinn, das mich bekümmert.« – »So nimm deines Vaters Streiter und Kämpen dagegen zu Hilfe.« – »Was mich bekümmert, läßt sich nicht durch Streiter verjagen und kümmert sich nicht um Kämpen.« – »So nimm deines Vaters Geld und Schätze dawider zu Hilfe.« – »Was mich bekümmert, giebt sich weder mit Geld noch mit Schätzen zufrieden.« – »Ihr behauptet, daß ihr im Himmel einen Gott habt, der sieht, auch wenn er nicht gesehen wird, und der Macht über alle Dinge hat.« – »Jawohl, wir haben niemand als ihn.« »So bete zu ihm, vielleicht befreit er dich von mir.« Da hob der Prinz seinen Blick gen Himmel und betete aus lauterstem Herzen, indem er sprach: »O Gott, ich flehe dich an um Hilfe wieder das, was mich bekümmert,« wobei er zugleich mit der Hand auf sie wies, und sofort sank sie, zu schwarzer Kohle verbrannt, zu Boden. Gott lobend und ihm dankend, ritt er nun eilig weiter, und Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen – machte ihm den Weg leicht und führte ihn auf den rechten Pfad, daß er wieder in sein Land gelangte und wieder bei seinem Vater dem König eintraf, nachdem er bereits an seinem Leben verzweifelt hatte. Alles dies aber geschah auf Anstiften des Wesirs, der mit ihm ausgezogen war, um ihn unterwegs zu verderben; doch Gott, der Erhabene, rettete ihn.

Dies aber, o König, habe ich dir nur erzählt, damit du wissest, daß falsche Wesire ihren Königen keine lauteren und ehrbaren Ratgeber sind. Darum sei hiervor auf deiner Hut.«

Da neigte der König sein Ohr ihren Worten und befahl seinen Sohn hinzurichten. Nun aber sprach der dritte Wesir: »Heute will ich für euch einstehen gegen des Königs Zorn.« Hierauf trat er bei dem König ein, küßte die Erde vor ihm und sprach zu ihm: »O König, ich bin dein guter Berater, der besorgt um dich und dein Reich ist; und ich habe dir einen trefflichen Rat zu erteilen, daß du nämlich die Hinrichtung deines Sohnes, deines Augentrostes und der Frucht deines Herzens, nicht übereilst. Vielleicht war sein Vergehen nur ein kleiner Verstoß, welchen dieses Mädchen dir übertrieben dargestellt hat, wie mir zu Ohren kam, daß einmal die Bewohner zweier Dörfer einander um eines Honigtropfens willen vertilgten.« Da fragte ihn der König: »Wie geschah das?« Und der Wesir erzählte:

 

Die Geschichte vom Honigtropfen.

»Ein Jägersmann, welcher in der Steppe das Wild zu jagen pflegte, betrat eines Tages eine Höhle im Gebirge und fand in ihr ein Loch voll Bienenhonig. Da füllte er etwas Honig in einen Schlauch, den er bei sich hatte, und trug ihn auf seinen Schultern, gefolgt von seinem Jagdhund, der ihm sehr lieb war, in die Stadt, wo er vor dem Laden eines Ölhändlers Halt machte und ihm den Honig zum Verkaufe anbot. Der Ladeninhaber kaufte den Honig und öffnete den Schlauch, um den Honig herauszuholen und zu besehen, wobei ein Tropfen aus dem Schlauch zu Boden tropfte. Da schoß ein Vogel auf den Tropfen nieder, nach welchem des Ölhändlers Katze sprang, während der Jagdhund sich auf die Katze stürzte und sie totbiß. Da sprang der Ölhändler auf den Hund los und schlug ihn tot, worauf der Jäger wiederum auf den Ölhändler sprang und ihn totschlug. Da nun aber der Jäger und der Obsthändler beide aus verschiedenen Dörfern herstammten, griffen die Bewohner der beiden Dörfer, sobald sie hiervon Kunde erhielten, zu Wehr und Waffen und erhoben sich erzürnt widereinander; die beiden Schlachtreihen trafen sich, und das Schwert kreiste so lange unter ihnen, bis viel Volks von ihnen gefallen war, dessen Anzahl Gott, der Erhabene, allein kennt.

Unter andern Beispielen von der Arglist der Weiber kam mir, o König, aber auch folgende Geschichte zu Ohren:

 

Das Weib, das seinen Mann Staub sieben ließ.

Ein Mann gab einst seiner Frau einen Dirhem, Reis dafür zu kaufen, und die Frau nahm den Dirhem und ging zum Reishändler, der ihr den Reis dafür gab, dann aber mit ihr zu scherzen und zu liebäugeln anhob und zu ihr sagte: »Reis ist nur gut, wenn man Zucker dazu thut; wünschest du ihn so, so komm auf ein Stündchen zu mir herein.« Da trat die Frau zu ihm in den Laden ein, und der Reishändler sagte zu seinem Sklaven: »Wäge ihr für einen Dirhem Zucker ab.« Hierbei gab er ihm jedoch einen Wink, und der Sklave nahm das Tuch von der Frau und schüttete den Reis wieder aus, worauf er an seine Stelle Staub und an Stelle des Zuckers Steine hineinthat. Dann knüpfte er das Tuch wieder zu und ließ es bei ihr. Als nun die Frau den Reishändler verließ und mit ihrem Tuch heimging, glaubte sie, sie hätte Reis und Zucker in ihrem Tuch und setzte es, zu Hause angelangt, vor ihren Gatten, worauf sie einen Topf holte, während der Mann das Tuch öffnete und Staub und Steine darin fand. Da sagte er zu ihr, als sie den Topf brachte: »Haben wir dir etwa gesagt, wir hätten einen Bau vor, daß du uns Erde und Steine bringst?« Als ihre Blicke nun auf den Inhalt des Tuches fielen, erkannte sie, daß der Reishändler sie begaunert hatte, und rief: »O Mann, in meiner Aufregung holte ich den Topf anstatt des Siebes.« Da fragte ihr Mann: »Was hat dich denn so aufgeregt?« Sie versetzte: »O Mann, mir fiel der Dirhem auf dem Bazar aus der Hand, und schämte ich mich vor den Leuten nach ihm zu suchen; da es mir jedoch nicht leicht fiel den Dirhem zu verlieren, hob ich den Staub auf jener Stelle, an welcher mir der Dirhem entfallen war, auf, um ihn durchzusieben; doch bringe ich jetzt, wo ich nach dem Sieb gegangen bin, den Topf.« Hierauf holte sie das Sieb und sagte zu ihrem Manne, ihm dasselbe überreichend: »Siebe du, denn deine Augen sind schärfer als die meinigen.« Da setzte sich der Mann hin und siebte, bis sein Gesicht und sein Bart ganz bestäubt waren, ohne daß er ihre List merkte oder erfuhr, was sich mit ihr zugetragen hatte.

Dies, o König, ist ein Beispiel von der Arglist der Weiber; und bedenk' auch das Wort Gottes, des Erhabenen: Fürwahr, eure List ist groß! Sure 12, 28. und sein anderes Wort, – Preis Ihm, dem Erhabenen! –: Siehe, Satans List ist schwach!« Sure 4, 78.

Als der König die Worte des Wesirs vernommen hatte, die ihn überzeugten und zufrieden stellten, und die seine Leidenschaft abkühlten, stieg, bei seiner Erwägung der Verse Gottes, die er ihm citiert hatte, das Licht des guten Rates leuchtend auf an dem Himmel seines Verstandes und seiner Gedanken, und er gab den Entschluß, seinen Sohn hinzurichten auf. Da aber trat am vierten Tage das Mädchen zum König ein, küßte die Erde vor ihm und sprach: »O glückseliger und einsichtsvoller König, ich habe dir meinen Rechtsanspruch klar vorgelegt, du aber behandelst mich ungerecht und verschiebst die Vergeltung an meinem Schuldner, dieweil er dein Sohn und dein Herzblut ist. Doch Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen! – wird mir wider ihn helfen, wie er dem Prinzen gegen den Wesir seines Vaters half.«

Da fragte sie der König: »Wie geschah das?« Und das Mädchen erzählte:

 

Die verzauberte Quelle.

»Ich vernahm, o König, daß einer der verflossenen Könige einen Sohn und weiter keinen hatte. Als dieser Sohn erwachsen war, verheiratete ihn sein Vater mit der Tochter eines andern Königs, welche ein schönes und liebreizendes Mädchen war; doch hatte sie einen Vetter, der sich bei ihrem Vater um sie beworben hatte, von ihr jedoch abgewiesen war. Wie nun ihr Vetter vernahm, daß sie mit einem andern verheiratet werden sollte, wurde er von Eifersucht gepackt, und er beschloß, den Wesir des Königs, dessen Sohn die Prinzessin heiraten sollte, zu bestechen. Infolge dessen schickte er ihm ein kostbares Geschenk und eine große Geldsumme und bat ihn den Prinzen durch einen listigen Anschlag umzubringen oder ihn durch Überredungskünste von der Heirat mit jenem Mädchen abzubringen, indem er hinzufügte: »O Wesir, Eifersucht auf meine Base ist's allein, die mich hierzu antreibt.« Wie nun das Geschenk bei dem Wesir eintraf, nahm dieser es an und schickte dem Prinzen die Botschaft zurück: »Sei guten Mutes und kühlen Auges; ich werde alles, was du begehrst, ausrichten.« Bald darauf entbot der Vater des Mädchens den Prinzen zu sich, um das Brautlager mit seiner Tochter bei ihm abzuhalten. Als der Brief bei dem Prinzen anlangte, erlaubte ihm sein Vater die Reise und schickte den bestochenen Wesir, zugleich mit einem Trupp von tausend Reisigen nebst Geschenken, Sänften, Baldachinen und Zelten mit. Unterwegs schmiedete nun der Wesir fortwährend Pläne zum Verderben des Prinzen, und, als sie in die Wüste gelangten, fiel ihm ein, daß sich in der Nähe im Gebirge eine Quelle befand, die Quelle Es-Sahrâ geheißen, deren Wasser jeden Mann, der aus ihr trank, in ein Weib verwandelte. Da ließ er die Truppen sich nahe bei der Quelle lagern und, sein Pferd besteigend, fragte er den Prinzen: »Hast du Lust mit mir mitzureiten und dir hier in der Nähe eine Quelle zu besehen?« Der Prinz, der nicht ahnte, welches Schicksal im Verborgenen auf ihn lauerte, setzte sich auf und ritt mit dem Wesir allein, ohne jegliches Geleit, mit, bis sie zu jener Quelle kamen, wo er von seinem Roß abstieg und sich in der Quelle die Hände wusch und von ihr trank. Und siehe, da war er ein Weib geworden. Als er dies merkte, schrie er laut und weinte, bis er in Ohnmacht sank, worauf der Wesir an ihn herantrat, um ihm sein Bedauern für seinen Unfall auszusprechen, und ihn fragte: »Was ist dir zugestoßen?« Da erzählte es ihm der Prinz, und, als der Wesir sein Mißgeschick vernommen hatte, kondolierte er ihm weinend und rief: »Gott, der Erhabene, sei deine Zuflucht in diesem Leid! Wie konnte dich auch nur dieses Unglück treffen und dieses große Mißgeschick befallen, wo wir so vergnügt die Brautfahrt angetreten haben! Jetzt aber weiß ich nicht, ob wir zu ihr ziehen sollen oder nicht; doch dein ist der Beschluß. Was also befiehlst du mir?« Da sagte der Prinz zu ihm: »Kehre zu meinem Vater zurück und teile ihm mit, was mich betroffen hat; denn siehe, ich will nicht eher von hier fort, als bis diese Sache von mir gewichen ist, und sollte ich auch vor Leid hier sterben.« Hierauf schrieb der Prinz einen Brief an seinen Vater, in welchem er ihm sein Mißgeschick mitteilte, und der Wesir nahm den Brief und kehrte zur Residenz des Königs zurück, die Truppen, den Prinzen und alle seine Geleitsmannen zurücklassend und innerlich erfreut über den gelungenen Streich, den er dem Prinzen gespielt hatte. Als der Wesir bei dem König eintrat, teilte er ihm seines Sohnes Unfall mit und überreichte ihm den Brief, worauf der König in tiefer Betrübnis über seinen Sohn zu den Weisen und Occultisten schickte, ihm die Sache, die seinen Sohn betroffen hatte, zu erklären, doch gab ihm keiner eine Antwort. Der Wesir aber schickte zu dem Vetter der Prinzessin einen Boten, der ihm die gute Nachricht von des Prinzen Mißgeschick überbrachte, und der Vetter der Prinzessin freute sich mächtig, als er den Brief empfangen hatte, da er sich nun von neuem auf seine Base Hoffnung machte, und schickte dem Wesir reiche Geschenke und viel Geld und dankte ihm in überschwänglichster Weise. Was nun den Prinzen anlangt, so blieb er drei Tage und Nächte bei jener Quelle, ohne etwas zu essen oder zu trinken, und stellte sich in seinem Leid ganz Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen! – anheim, der keinen, der auf ihn baut, im Stich läßt. In der vierten Nacht aber erschien plötzlich ein Reiter mit einer Krone auf dem Haupt, als wäre er ein Prinz, und fragte ihn: »Jüngling, wer hat dich hierher geführt?« Da erzählte ihm der junge Prinz unter fortwährendem Schluchzen, was ihm widerfahren war, wie er auf seiner Brautfahrt vom Wesir zu einer Quelle geführt war und von ihr getrunken hatte, worauf ihn dann sein Mißgeschick betroffen hatte. Als der Reitersmann seine Erzählung vernommen hatte, empfand er Mitleid mit seinem Zustand und sagte zu ihm: »Der Wesir deines Vaters ist's, der dich in dieses Unglück gestürzt hat, da um diese Quelle nur ein einziger Mensch weiß.« Dann forderte er ihn auf aufzusitzen und sagte zu ihm: »Komm mit in meine Wohnung, du bist heute Nacht mein Gast.« Da stieg der Prinz aufs Pferd, doch sagte er zu ihm: »Sag' mir, ehe ich dich begleite, wer du bist?« Der Reitersmann antwortete: »Ich bin der Sohn eines Königs der Dschinn wie du der Sohn eines Menschenkönigs bist; drum sei guten Mutes und kühlen Auges, mir fällt es leicht deinen Kummer und Gram zu heben.« So ritt denn der Prinz, seine Truppen sich selbst überlassend, in der Morgenfrühe mit dem Reitersmann fort und ritt den ganzen Tag über bis zur Mitternacht, als der Dschinnenprinz ihn fragte: »Weißt du, wie viel Weges wir in dieser Zeit zurückgelegt haben?« Der Jüngling antwortete: »Ich weiß es nicht.« Da versetzte der Dschinnenprinz: »Wir haben die gleiche Strecke durchmessen wie ein rüstiger Reisender in einem Jahre;« worauf der Prinz verwundert fragte: »Wie soll ich es denn anstellen, um zu meinen Angehörigen heimzukehren?« Der andere erwiderte: »Das ist nicht deine Sache, dafür hab' ich allein zu sorgen. Wenn du von deinem Schaden kuriert bist, sollst du schneller als ein Augenblick zu deinen Angehörigen heimkehren, denn das fällt mir leicht.« Als der Jüngling diese Worte von dem Dschinnî vernahm, flog er vor Freude und glaubte es wäre nur ein Traumspuk; dann rief er in seiner mächtigen Freude: »Preis dem Allmächtigen, der den Elenden glückselig machen kann!«

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