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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 46
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundeinundachtzigste Nacht.

Darauf erbrach er sich so lange, bis er krank wurde, und bereute, wo die Reue ihm nichts mehr nützen konnte.

Ferner, o König, vernahm ich von der Arglist der Weiber auch noch folgende Geschichte:

 

Die Frau und ihre zwei Liebhaber.

Es war einmal ein Mann, welcher neben einem Könige mit dem Schwert zu stehen hatte. Dieser Mann liebte eine Frau und schickte eines Tages wie gewöhnlich seinen Burschen mit einem Brief an sie; der Bursche aber setzte sich neben sie und scherzte mit ihr, worauf die Frau, von ihm eingenommen, ihn an die Brust drückte, so daß er sie um ihre Gunst anging und sie einwilligte, als mit einem Male der Herr des Burschen an die Thür klopfte. Da nahm sie den Burschen und warf ihn durch eine Fallthür in einen Keller, worauf sie die Thür öffnete und den Herrn des Burschen einließ, der mit dem Schwert in der Hand eintrat und sich auf das Bett der Frau setzte. Sie aber trat an ihn heran, um mit ihm zu scherzen und zu kosen, und preßte ihn an ihre Brust und küßte ihn, worauf er sie nahm und mit ihr buhlte. Mit einem Male klopfte ihr Mann an die Thür, und der Schwertträger fragte sie: »Wer ist das?« Sie antwortete: »Mein Mann?« Da fragte er sie: »Was soll ich thun, und wie soll ich mir helfen?« Sie versetzte: »Steh auf, zieh dein Schwert, stell dich in den Flur und schilt und schmähe mich; tritt aber mein Gatte ein, so geh deines Weges.« Da that er nach ihrem Geheiß, und, wie nun ihr Mann eintrat, sah er des Königs Schatzmeister mit gezücktem Schwert dastehen und sein Weib ausschimpfen und bedräuen. Als aber der Schatzmeister ihn sah, stieß er beschämt sein Schwert in die Scheide und ging hinaus. Da fragte der Mann seine Frau: »Was bedeutet dies?« Und sie erwiderte ihm: »O Mann, wie gesegnet ist diese Stunde deines Kommens! Du hast eine rechtgläubige Seele vom Tode errettet. Als ich nämlich vorhin auf dem Dache saß und spann, kam ein Bursche ganz verstört und abgehetzt in Todesängsten zu mir hereingestürzt, während jener Mann ihm mit gezücktem Schwert, so schnell er nur vermochte, nachsetzte. Der Jüngling sank vor mir nieder, küßte mir Hände und Füße und bat: »Ach, meine Herrin, rette mich vor dem Mann, der mich ungerechterweise morden will.« Da versteckte ich ihn in unserm Keller, und, als jener Mann mit gezücktem Schwert ins Haus drang und den Burschen von mir verlangte, verleugnete ich ihn, worauf er mich ausschimpfte und mich bedräute, wie du es selber sahst. Gelobt sei Gott, der dich zu mir herführte, denn ich war ratlos und hatte keinen Helfer in der Nähe.« Da sagte ihr Gatte zu ihr: »Du hast trefflich gehandelt, Weib; dein Lohn ist bei Gott, der dir dein gutes Werk reichlich vergelten wird.« Hierauf ging der Mann zum Keller und rief dem Burschen zu: »Komm heraus und sei unbesorgt.« Da kam der Bursche zitternd und zagend heraus, worauf der Mann zu ihm sagte: »Beruhige dich und sei unbesorgt,« und ihm sein Bedauern über sein Mißgeschick aussprach, während der Bursche Segen auf ihn herabflehte. Dann gingen alle beide fort, ohne daß sie wußten, zu welcher List die Frau gegriffen hatte.

Dies, o König, ist ein Beispiel von der Arglist der Weiber, darum hüte dich ihren Worten zu trauen.«

Der König gab infolge dieser Erzählung die Hinrichtung seines Sohnes auf; am dritten Tage aber kam das Mädchen wieder zu ihm, küßte die Erde vor ihm und sprach: »O König, verschaffe mir mein Recht an deinem Sohn und höre nicht auf die Worte deiner Wesire, denn in schlechten Wesiren ist nichts Gutes; und sei nicht gleich jenem König, welcher den Worten eines schlechten Wesirs traute.« Da fragte sie der König: »Wie war das?« und das Mädchen erzählte:

 

Der Prinz und die Ghûle. Diese Erzählung kam ebenfalls bereits im ersten Bande vor.

»Glückseliger, einsichtsvoller König, ich vernahm, daß einmal ein König einen Sohn hatte, den er liebte und vor allen andern Söhnen auszeichnete und bevorzugte. Dieser Sohn sprach eines Tages zu ihm: ›Vater, ich möchte gern eine Pürschfahrt antreten.‹ Da befahl der König ihn auszurüsten, und beauftragte einen seiner Wesire ihn zu begleiten, um ihm zu dienen und alle seine Bedürfnisse unterwegs zu erledigen. Infolge dessen besorgte der Wesir alles, was der Jüngling zur Fahrt benötigte, worauf beide mit Eunuchen, Garden und Pagen sich auf den Weg machten, bis sie zu einem grünen, gras-, weide-, wasser- und wildreichen Gelände gelangten. Hier wendete sich der Prinz an den Wesir und teilte ihm mit, daß ihm die Gegend gefiel, worauf sie daselbst mehrere Tage verweilten, während welcher Zeit der Prinz sich aufs beste vergnügte. Hierauf gab der Prinz wieder Befehl zum Aufbruch, als mit einem Male eine Gazelle, die sich von ihrer Herde getrennt hatte, an ihm vorübersprang, so daß er, von Jagdlust entflammt und voll Verlangen, sie zu erbeuten, dem Wesir zurief: ›Ich will dieser Gazelle nachsetzen.‹ Und der Wesir versetzte: ›Thu, was dir gut deucht.« Da setzte ihr der Prinz ganz allein nach und verfolgte sie den ganzen Tag über, bis die Nacht hereinbrach, worauf die Gazelle in ein rauhes, steiniges Gelände lief. Als es nun finster wurde, wollte der Prinz umkehren, doch hatte er den Weg verloren, so daß er niedergeschlagen und ohne einen Trost zu finden, die ganze Nacht über auf seinem Pferde blieb. Bei Tagesanbruch ritt er, von Furcht, Hunger und Durst gepeinigt, weiter, ohne zu wissen, wohin ihn der Weg führte, und machte nicht eher Halt, als bis er um die Mittagszeit unter glühendem Sonnenbrand in die Nähe einer Stadt mit stolzen Bauten und festen Fundamenten gelangte, die jedoch wüst und in Trümmern dalag, eine Behausung einzig für Eulen und Raben. Wie er nun bei dieser Stadt anhielt und ihre Anlage bewunderte, fiel sein Blick mit einem Male auf ein schönes und liebreizendes Mädchen, welches an einer der Mauern saß und weinte. Da näherte er sich ihr und fragte sie: »Wer bist du?« Sie antwortete: »Ich bin Bint et-Tamîme, die Tochter Et-Tijâchs, des Königs des grauen Landes. Eines Tages verließ ich das Haus, um ein Bedürfnis zu erledigen, als mich ein Ifrît von den Dschinn packte und mit mir zwischen Himmel und Erde entschwebte. Da aber fuhr ein feuriges Meteor auf ihn nieder und verbrannte ihn, während ich hier niederfiel, wo ich bereits drei Tage hungernd und dürstend saß, bis ich dich gewahrte und wieder nach dem Leben Verlangen bekam.«

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