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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 45
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundachtzigste Nacht.

Desgleichen kam mir auch folgende Geschichte von der Arglist der Männer zu Ohren:

 

Der Schurke und das keusche Weib.

Es liebte einmal ein Mann ein schönes und liebreizendes Weib, welches einen Mann hatte, den sie liebte, und der sie liebte. Dieses Weib war rechtschaffen und keusch, so daß ihr Anbeter keinen Weg zu ihr fand. Wie ihm nun die Sache zu lange währte, sann er auf eine List. Der Gatte der Frau hatte aber einen jungen Burschen im Hause, den er aufgezogen und dem er sein Vertrauen geschenkt hatte. Da suchte der Liebhaber ihn auf und setzte ihm so lange mit guten Worten und Geschenken zu, bis er ihm in allem, was er begehrte, zu Willen war. Eines Tages sagte er zu ihm: »Du da, willst du mich nicht einmal in eure Wohnung führen, wenn deine Herrin ausgegangen ist?« Der Bursche erwiderte: »Schön.« Wie nun seine Herrin ins Warmbad und sein Herr in den Laden gegangen waren, kam der Bursche zu seinem Freund, faßte ihn bei der Hand und führte ihn in die Wohnung, wo er ihm alles, was sich darin befand, zeigte. Der Liebhaber hatte sich jedoch vorgenommen der Frau eine Falle zu stellen und befleckte das Bett ihres Mannes mit Eiweis, das er in einem Gefäß mit sich genommen hatte, ohne daß der Bursche dessen gewahr wurde. Hierauf verließ er die Wohnung wieder und ging seines Weges. Nach einer Weile kam der Mann nach Haus und trat an sein Bett, um sich ein wenig zu ruhen. Wie er nun sein Bett befleckt sah, schaute er voll Argwohn mit dem Auge des Zornes auf seinen Burschen und fragte ihn: »Wo ist deine Herrin?« Der Bursche erwiderte: »Sie ist ins Bad gegangen und wird gleich wiederkommen.« Da befestigte sich sein Argwohn in ihm, und er sagte zu dem Burschen: »Mach dich sogleich auf den Weg und hole deine Herrin.« Da holte er sie, und als sie vor ihm stand, fuhr er auf sie los und prügelte sie aufs grausamste, worauf er ihr die Hände nach hinten fesselte und ihr die Kehle abschneiden wollte. Da schrie sie laut, bis ihre Nachbarn ankamen, und rief: »Dieser mein Mann will mich umbringen, ohne daß ich wüßte, was ich begangen habe.« Infolge dessen drangen die Nachbarn auf ihn ein und sagten zu ihm: »Du hast kein Recht sie so zu mißhandeln; entweder scheidest du dich von ihr oder du behältst sie und behandelst sie gütig, denn wir kennen ihre Keuschheit. Seit langer Zeit ist sie unsere Nachbarin, und nie haben wir etwas Schlechtes von ihr erfahren.« Da sagte ihr Mann zu ihnen: »Ich sah mein Lager befleckt;« worauf einer der Anwesenden zu ihm sagte: »Laß mich's sehen.« Als ihn nun der Mann zu seinem Lager führte, prüfte er die Feuchtigkeit und stellte fest, daß es Eiweis war, so daß der Mann erkannte, daß er seiner Frau unrecht gethan hatte, und daß sie frei von aller Schuld war. Alsdann drangen die Nachbarn auf ihn ein und stifteten zwischen beiden wieder Frieden, nachdem er sich bereits von ihr geschieden hatte.

So wurde die Arglist jenes Mannes, welche er gegen die Frau, ohne daß sie es ahnte, ersonnen hatte, zu Schanden gemacht. Und wisse, o König, dies ist ein Beispiel von der Tücke der Männer.«

Da befahl der König seinen Sohn hinzurichten; aber nun trat der zweite Wesir an ihn heran, küßte die Erde vor ihm und sprach: »O König, übereile nicht den Tod deines Sohnes, denn seine Mutter bekam ihn erst nach Verzweiflung von Gott geschenkt, und wir hoffen, daß er dereinst ein Schatz in deinem Reiche werde und ein Wächter über dein Gut. Gedulde dich drum, o König, mit ihm, vielleicht hat er einen Grund vorzubringen, und du hast dann seinen übereilten Tod wie der Kaufmann zu bereuen.« Da fragte ihn der König: »Wie geschah das, und wie ist seine Geschichte, o Wesir?« Und der Wesir erzählte:

 

Der Geizige und die beiden Brote.

Es war einmal ein Kaufmann, welcher ein großer Knicker im Essen und Trinken war. Da begab es sich, daß er eines Tages nach einer andern Stadt reiste, woselbst er, als er in den Bazaren derselben umherwanderte, ein altes Weib mit zwei Brotlaiben antraf. Auf seine Frage, ob die Brote zum Verkauf wären, antwortete die Alte »Ja,« worauf er dieselben von ihr kaufte, nachdem er ihr den niedrigsten Preis dafür geboten hatte, und in seine Wohnung ging, wo er sie noch an demselben Tage verzehrte. Am nächsten Morgen begab er sich wieder zu derselben Stelle und kaufte, als er die Alte daselbst wieder mit zwei Broten antraf, dieselben wieder von ihr. In dieser Weise verfuhr er zwanzig Tage lang, als er am einundzwanzigsten Tage die Alte nicht antraf. Trotz seiner Erkundigungen hörte er nichts von ihr, bis er ihr einmal in einer der Hauptstraßen der Stadt begegnete. Da blieb er stehen, begrüßte sie und fragte sie, weshalb sie fortgeblieben wäre und ihm nicht mehr die üblichen zwei Brote verkauft hätte. Als die Alte seine Worte vernahm, stellte sie sich erst zu faul zum Antworten; dann aber, als er sie beschwor ihm Auskunft zu geben, versetzte sie: »Mein Herr, vernimm meine Antwort; es kam dies daher, daß ich einen Mann bediente, der einen Fraß in seinem Kreuze hatte, und dessen Arzt Mehl mit Honig zusammenknetete und ihm den Teig die Nacht über bis zum Morgen auf die kranke Stelle legte, worauf ich jenes Mehl nahm und zwei Brote daraus machte, die ich dir oder einem andern verkaufte; nun aber ist jener Mann gestorben, und die Brote sind mir ausgegangen.« Als der Kaufmann diese Worte vernahm, rief er: »Wir sind Gottes, und zu Ihm kehren wir zurück! Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen!«

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