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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 44
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundneunundsiebzigste Nacht.

Schließlich, als ihr die Zeit lang wurde, schickte sie zu ihrem Vater und teilte ihm mit, wie ihr Mann sie ein volles Jahr gemieden hätte, worauf ihr Vater zu ihr sagte: »Ich will mich bei Gelegenheit über ihn vor dem König beklagen.« Eines Tages begab er sich deshalb zum König, und, da er ihn und den Kadi der Armee vor dem König antraf, erhob er Klage gegen ihn und sprach: »Gott, der Erhabene, helfe dem König! Siehe, ich hatte einen schönen Garten, welchen ich mit eigener Hand gepflanzt hatte, und für den ich mein Geld verwendete, bis er Früchte trug; als nun die Früchte reif zur Lese waren, schenkte ich ihn diesem deinen Wesir, welcher sich, nachdem er von ihm, was ihm gefiel, gegessen hatte, nicht mehr um ihn bekümmerte und ihn nicht wässerte, so daß seine Blumen welkten, sein Glanz verblich und sein Zustand sich gänzlich änderte.« Da sprach der Wesir: »O König, dieser da hat die Wahrheit gesprochen; ich hütete allerdings den Garten und aß von ihm, bis ich eines Tages, als ich wieder zu ihm ging, die Spuren des Löwen in ihm fand; da fürchtete ich für mein Leben und mied den Garten hinfort.« Der König, welcher sehr wohl merkte, daß der Wesir mit der Spur des Löwen seinen Siegelring meinte, welchen er in seinem Hause vergessen hatte, sprach infolge dessen zum Wesir: »O Wesir, kehre nur zu deinem Garten sicher und unbesorgt zurück, denn siehe, der Löwe kam ihm nicht zu nahe; ich vernahm wohl davon, daß er zu ihm kam, jedoch, bei der Ehre meiner Väter und Ahnen, er that ihm nichts zuleide.« Da sagte der Wesir: »Ich höre und gehorche;« und, wieder in sein Haus zurückkehrend, schickte er zu seinem Weibe und machte Frieden mit ihr, indem er nunmehr an ihre Keuschheit glaubte. Vgl. zu dieser Erzählung die Erzählung »Der König und das tugendhafte Weib«, 440. Nacht.

 

Der eifersüchtige Kaufmann und der Papagei. Diese Erzählung ist dieselbe, die bereits im ersten Bande nach der Breslauer Ausgabe mitgeteilt wurde.

Ferner vernahm ich, o König, daß einmal ein Kaufmann lebte, der viel auf Reisen war und ein hübsches Weib hatte, welches er wegen seiner Schönheit bis zur Eifersucht liebte. Er kaufte sich deshalb einen Papagei, der sie zu beobachten und ihm nach seiner Heimkehr alles, was während seiner Abwesenheit vorgefallen war, mitzuteilen hatte. Als nun der Kaufmann wieder einmal verreist war, verliebte sich seine Frau in einen jungen Burschen, welcher sie zu besuchen pflegte, und schmauste und schlief mit ihm während der Abwesenheit ihres Gatten. Bei seiner Heimkehr erzählte ihm der Papagei jedoch das Vorgefallene und sagte zu ihm: »Mein Herr, ein junger Türke pflegte dein Weib während deiner Abwesenheit zu besuchen, und sie nahm ihn stets aufs gastlichste auf.« Da gedachte der Mann sein Weib zu töten; als sie jedoch hiervon Kunde erhielt, sprach sie zu ihm: »Mann, fürchte Gott und nimm wieder Verstand an! Kann denn ein Vogel Verstand oder Vernunft haben? Soll ich dir den Beweis für die Wahrheit oder Unwahrheit erbringen, so geh heute Nacht fort und schlafe bei einem deiner Freunde. Am nächsten Morgen aber komm wieder her und frag ihn, um festzustellen, ob er die Wahrheit spricht oder lügt.« Da erhob sich der Mann und ging zu einem seiner Freunde, um bei ihm die Nacht zu verbringen. Als es nun Nacht geworden war, nahm sein Weib ein Stück Leder, welches sie über den Käfig des Papageis deckte, sprengte dann fortwährend Wasser auf das Leder, fächelte mit einem Fächer darüber, fuhr mit einer Lampe vor dem Käfig hin und her, um das Blitzen nachzuahmen, und mahlte dazu mit einer Handmühle bis zum Morgen. Wie nun ihr Mann heimkam, sagte sie zu ihm: »Mein Herr, frag den Papagei.« Da ging ihr Mann zum Papagei, um mit ihm zu plaudern und ihn über die vergangene Nacht auszufragen, doch erwiderte ihm der Papagei: »Mein Herr, wer konnte in der letzten Nacht wohl etwas sehen oder hören?« Da fragte er ihn: »Wieso?« Und der Papagei versetzte: »Mein Herr, wegen des starken Regens und Sturmes und des fortwährenden Blitzens und Donnerns.« Der Mann entgegnete: »Du lügst, in der vergangenen Nacht geschah nichts von alledem.« Der Papagei versetzte jedoch: »Ich habe dir nur gesagt, was ich mit eigenen Augen gesehen und gehört habe.« Da glaubte der Mann, der Papagei hätte ihn auch zuvor über sein Weib belogen und wollte sich wieder mit ihr aussöhnen, sie erwiderte ihm jedoch: »Bei Gott, ich mache nicht eher Frieden mit dir, als bis du dem Papagei, der mich so angeschwärzt hat, die Kehle abschneidest.« Da trat der Mann an den Papagei heran und schnitt ihm die Kehle ab. Nur wenige Tage später sah er jedoch den jungen Türken aus seinem Hause herauskommen und erkannte, daß sein Weib ihn belogen und der Papagei ihm die Wahrheit gesagt hatte. Voll Reue darüber, daß er dem Papagei die Kehle abgeschnitten hatte, fiel er sofort über sein Weib her und schnitt ihr ebenfalls die Kehle ab, indem er sich zugleich verschwor sein Leben lang kein Weib mehr zu heiraten.

Dies aber, o König, erzähle ich dir nur, daß du erkennst, wie groß die Arglist der Weiber ist, und daß der Übereilung die Reue folgt.«

Da gab der König die Hinrichtung seines Sohnes auf; am andern Morgen aber trat das Mädchen bei ihm ein, küßte die Erde vor ihm und sprach: »O König, warum säumst du, mir mein Recht zu verschaffen? Fürwahr, schon haben es die Könige vernommen, daß dein Wesir deine Befehle wieder aufhebt. Der Gehorsam dem König gegenüber besteht aber darin, daß man seine Befehle ausführt, und jedermann kennt deine Gerechtigkeit und Unparteilichkeit. So verschaffe mir mein Recht an deinem Sohne.

 

Der Walker und sein Sohn.

Denn siehe, ich vernahm, daß einmal ein Walker lebte, welcher täglich an das Ufer des Tigris ging und Zeug walkte; sein Sohn aber pflegte mit ihm an den Strom zu gehen, um so lange in ihm zu schwimmen, als der Vater dort verweilte, ohne daß dieser es ihm verboten hätte. Als er nun eines Tages wieder schwamm, ermatteten seine Arme, und er sank unter. Sein Vater, der dies sah, sprang ihm nach und packte ihn, der Knabe klammerte sich jedoch so fest an ihn, daß Vater und Sohn zusammen untergingen.

Ebenso fürchte ich, o König, daß du zugleich mit deinem Sohne untergehen wirst, so du ihm nicht wehrst und mir mein Recht an ihm verschaffst.

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